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Full text of "Lehrbuch der allgemeinen Tierzucht"

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LEHRBUCH 
DER ALLGEMEINEN TIERZUCHT. 



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ff.JtU^V. 



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LEHRBUCH 



.LLGEMEINEN TIERZU« ilT 



dh. g: pusch. 



Dritte anigenrbeitete und vermehrte AnHage 

ni:itAüsr.i:r.v;ni:N von 



I)R. J. HANSEN, 



Mir KiNK.M lül.ll.M^ V.iV l'liOl- Ilr.<;.l'l -lH 
r\LJ JJJ \ IIKI l,|M\i; MN. 



STUTTGART. 

VEKLAß VON FERDINAND ENKE. 

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LEHRBUCH 

DER 



ALLGEMEINEN TIERZUCHT 



Dr. G. PÜSGH, 



Dritte umgearbeitete and Termelirte Aaflage 

HERAUSGEGEBEN VON 

Dr. J. HANSEN, 

<iEHEIHGR RBr.lBRUNGSRAT. 



MIT KINEM BILDNIS VON l'BOF. Dr. G. POSCH 
UND 2-22 ABBILDÜNOKN. 



STUTTflART. 

VERLAG VON FERDINAND ENKE. 

191Ö. 



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^^■(^rsetzangsrecht für alle Sprachen and Länder vorbehailen. 

:': Copyright 1911 by Ferdinand Enke, Pnblisher, Stuttgart. 
Gesetsliobe Ponnel TUr den ITrheberreclitHschntz iu den Veraiuigten iSlunten 



Druck dei Dnlon Deutsche Veilagigeaellaoliatt in Stuttguri 



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Gustav Pusch. 



Auf der Höhe des Lebens und mitten in seiner fruchtbringenden 
Tätigkeit wurde am 1. Februar 1912 der Professor an der Tierarztlichen 
Hochschule, Landestierzuchtdirektor für das Königreich Sachsen, Ober- 
mediziualrat Dr. Gustav Pusch in Dresden plötzlich und uner- 
wartet aus diesem Leben abberufen. Es ist mir als dem Herausgeber 
der 3. Aufli^ seines Lehrbuches der Allgemeinen Tierzucht ein Be- 
dürfiÜB, dem von mir hochgeschätzten, verdienten Mann an dieser Stelle 
einen kurzen Nachruf zu widmen. 

Pusch wurde am 17. Oktober 1858 in Pforten (Niederlausitz) geboren. 
Er studierte an den Hochschulen in Berlin und Dresden und erlangte 
an der Tierärztlichen Hochschule in Dresden im Jahre 1881 die Appro- 
bation als Tierarzt. Hierauf war er ab Assistent und später als Prosektor 
zuerst in Berlin und dann an der Tierärztlichen Hochschule in Hannover 
tätig. 1884 bestand er das Examen für beamtete Tierärzte und wirkte 
darauf S^g Jahre als Kreistierarzt in Küstiin. Mit der Dissertation 
„Beiti%e zur Kenntnis des schleaischen Rindviehschlages" wurde Pusch 
1888 von der Universität I^eipzig zum Dr. phil. promoviert. In dem- 
selben Jahre folgte er einem Ruf als Profeaeor an die TierärztUche 
Hochschule in Dresden. Sein Lehrauftrag erstreckte sich auf Tier- 
zuchtlehre und Gesundheitspflege der Haustiere, und bis zum Jahre 
1893 war er gleichzeitig Leiter der ambulatorischen Klinik. Die Vor- 
lesung über Gesundheitepöege hat er bis zum Jahre 1902 gehalten und 
sich von diesem Zeitpunkt an ausschließlich auf die Tierzuchtlehre be- 
schränkt. Für sie war er aber nicht nur als akademischer Lehrer, 
sondern auch als Wanderlehrer für Tierzucht und von 1892 an als 
Iiandestierzuchtdirektor für das Königreich Sachsen tätig. 

Die Forschungseinrichtungen an der Tierärztlichen Hochschule in 
JJresden hat er wesentlich vervollkommnet. Das im Jahre 1902 errichtete 
Zootechnische Institut mit Rassestall verdankt seiner Anregung die Ent- 
stehung. Hier hat Pusch seine wertvollen Untersuchungen über Rassen- 



290076 

Dioinz.ä, Google 



VI Gustav Posch. 

künde, Beurteilung sichre, Fütterung und Haitang der Haustiere, Milch- 
gewinnung usw. angestellt. Das Material seines Instituts wußte er in 
Vorlesungen und Übungen in ausgezeichneter Weise für die Studierenden 
nutzbar zu machen. Anlegende Exkursionen nach wichtigen Zucht- 
stätten und hochstehenden Zuchtgebieten sowie AusstelluDgen trugen 
weiter täazu bei, seinen Schülern die nötige Anschauung zu bieten. 

Vielfache literarische Arbeiten haben Pusch weiteren Kreisen bekannt 
gemacht. Sie erstreckten sich teilweise auf die Tierheilkunde, teilweise 
auf die Grenzgebiete zwischen dieser und der Tierzucht. Die meiBten 
beschäftigen sich aber mit tierzüchterischen Fragen, und sehr oft hat er 
seine Beobachtungen auf Studienreisen und Ausstellungen veröffentlicht. 
Besonders interessierte ihn die Frage der Milchgewinnung unter hygieni- 
schen Gesichtspunkten. Soweit seine Arbeiten in Zeitschriften und in 
den amtlichen Berichten über die Tätigkeit seines Instituts in den jähr- 
lichen Veröffentlichungen der Tierärztlichen Hochschule in Dresden, so- 
wie in seinen Mitteilungen über Tierzucht in den Berichten über das 
Vet«rinärwesen im Königreich Sachsen erschienen sind, kann an dieser 
Stelle nicht näher auf sie eingegangen werden. Von selbständigen Werken 
sind zu nennen 1 „Anleitung zur sachgemäßen Handhabung der Rind- 
viehzucht", 3. Aufl. 1891 ; „Das Clestütswesen Deutschlands", Berlin 1891 ; 
„Wandtafeln zur Beurteilungslehre des Rindes", Berlin 1901; „Die Be- 
urteilung des Rindes", 2. Aufl. Berlin 1910, und das hier vorliegende 
„Lehrbuch der Allgemeinen Tierzucht", von dem die erste Auflage 1904, 
die zweite 1911 in Stuttgart erschien. Besonders die beiden letztgenannten 
Werke haben nicht nur in den Kreisen der Studierenden, sondern auch 
in denjenigen der praktischen Landwirte eine weite Verbreitung ge- 
funden, und durch sie hat Pusch wesentlich zur Förderung der Tierzucht 
^ ige tragen. 

Die Tierzucht des Königreichs Sachsen hat ihm als Landestierzucht- 
direktor viel zu verdanken, und an den großen Fortschritten der Rind- 
viehzucht ist er hervorragend beteil^. Die staatlichen Maßnahmen zur 
Förderung der Rindviehzucht, so z. B. das Gesetz über die Eorung von 
Zuchtbullen von 1906, die Errichtung der staatlichen Bullenaufzucht- 
stationen usw. sind in erster Linie durch seine tätige Mitwirkur^ ent- 
standen. Als Mitglied der Königlichen Kommission für das Veterinär- 
wesen und des Landeskulturratea für das Königreich Sachsen stand er 
mit der Praxis in unmittelbarer Verbindung, In der Deutschen Land- 
wirtschaftagesellschaft war er Mitglied des Sonderausschusses für Binder- 
zucht und desjenigen für die Bekämpfung der Tierkrankheiten. Jahre- 
lang hat er als Preisrichter und später als Obmann des Preisgerichts 



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(justaT Pusch. VII 

für Rinder auf den Schauen der D. L. G. gewirkt. Die Deutsche Ge- 
sellschaft für Züchtungakunde zählte ihn zu ihren Begründern und zu 
den eifrigsten Ausschuß mitgliedem. 

Wo immer er tätig war, ging er ganz in seinen Aufgaben auf. Große 
Arbeitsfreude und reges Fäicht^Eühl zeichneten ihn aus, und im Verein 
mit einer hervorragenden Begabung ließen diese Eigenschaften ihn viel 
Segen stiften. Seine Kollegen haben ihn als Zeichen ihrer Hochschätzung 
von 1903 an für vier Amtsperioden in den Senat der Tierärztlichen Hoch- 
schule gewählt. Seinen Schülern war er ein vortrefflicher Lehrer, und 
groß war die Zahl seiner Freunde, die dem persönlich liebenswürdigen 
und zuvorkonmienden, vornehm denkenden Mann über das Grab hinaus 
ein treues Andenken bewahren. 

J. Hansen. 



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Vorwort zur ersten Auflage. 



Das vorliegende Werk soll demjeuigen, der sich mit dem Studium 
der allgemeiDeu Tierzuclit beschäftigt, als Lehtbuch dienen. Deshalb 
ist die Darstellungs weise möglichst einfach gehalten und der StofE so 
knapp behandelt worden, als es ohne Beeinträchtigung des Verständ- 
nisses tunlich erschien. Ans demselben Grunde ist auch kein allzu 
großer Wert auf die Wiedergabe der vielen Theorien, die gerade in 
der allgemeinen Tierzucht eine Rolle spielen, gelegt, sondern es ist der 
Schwerpunkt darin gesucht worden, möglichst die durch die Praxis 
bewiesenen ErEahrungsaatze zu erläutern, um namentlich dem jüngeren 
Leser den Kern der Sache nicht durch zwar sehr interessante, aber für 
ihn nicht absolut wissenswerte Nebensächlichkeiten zu verschleiern. 

Da der Erfolg der Tierzucht mit der Haltung der Zuchttiere 
im engsten Zusammenhang steht, ist dieser unter besonderer Berück- 
sichtigung der Stallanlage und Stalleinrichtung ein eigner Abschnitt 
gewidmet, auch sind dem Buche einige Beilagen über das Körwesen 
und die Herdbuchführung — letztere nach der Anleitung der Deutschen 
Landwirtschaft^e seil Schaft — beigegeben worden. 

Nun muß ja gerade in der Tierzucht das geschriebene Wort mehr 
als in einem andern Wissenszweige durch Bilder erläutert werden, weil 
die einfach beschreibende Methode nicht genügt, dem Studierenden 
und Anfänger die oft sehr schwierige Materie verständlich zu machen. 
Deshalb ist auf die Herstellung von naturgetreuen Abbildungen ein 
großer Wert gelegt worden, was verhältnismäßig viel Zeit erfordert«, 
da die Objekte in Ansehung des Stofies an sehr vielen Orten und zwar 
nicht nur außerhalb der Studierstube, sondern auch meist außerhalb 
des Wohnortes gesucht werden mußten. 

Bei der Herstellung von Bildern kann man nun zwei Wege ein- 
schlagen und entweder die Hilfe eines Malers oder Zeichners oder die- 
jenige des Photographen in Anspruch nehmen. Der erstere Weg ist 
in Rücksicht auf den Standort der Objekte nicht immer gangbar und 



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Vorwort mr eraten Auflage. IX 

auch insofeiu nicht immer zweckmäßig, ab eine Zeichnung nach der 
Natur zwar die Vorzüge und Mängel, auf deren Wiedergabe man im 
einzebien Falle Weit legt, schärfer zum Ausdruck bringt, anderseits 
aber auch die Hand des Malera je nach. seiner Individualität dem 
Gegenstände und namentlich dem Tiere oft etwas Fremdes mitgibt, 
das dem Leser im konkreten Falle die Wiedeterkennung und somit 
auch die Betirteilung erschwert. Aus diesem Grunde ist im vorliegen- 
den Buche die photographische Aufnahme imd deren mechanische 
Reproduktion bevorzugt worden, weil das auf diese Weise entstandene 
Bild das naturgetreueste ist. 

Die Aufnahmen sind teils von mir selbst, teils von meinen Assi* 
stenten, den Herren Dr. Grundmann und Cr. Weißflog, nach meinen 
Angaben gemacht worden, auch haben eisige Bilder von Tieren, die 
aof den Ausstellungen der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in 
deren Auftrag photograpbiert worden sind, nach freundlichst gewährter 
Erlaubnis seitens der letzteren Aufnahme gefunden. Endlich haben mir 
verschiedene Freunde und Gönner einzelne Bilder und auch mehrere 
Fabrikanten ihre Klischees oder Zeichnungen von Stalleinrichtungen 
zur Verfügung gestellt, wofür ich an dieser Stelle nochmals bestens 
danke. Die bau technischen Zeichnungen hat der Baumeister Herr 
Hermann in Dresden angefertigt. 

So hoßs ich denn, daß die zahlreichen Abbildungen dazu bei- 
tragen mögen, den Inhalt des Buches, das ich hiermit der Öffent- 
lichkeit übergebe, und bei dessen Herstellung die Verlagsbuchhandlung 
jedem meiner Wünsche in bereitwilligster Weise entgegengekommen 
ist, auch dem Anfänger verständlich zu machen und das Interesse für 
die praktische Verwertung der wissenschaftlichen Tatsachen in der 
Haustierzucht zu fördern. 

Dresden, im Februar 1904. 



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Vorwort zur dritten Auflage. 



Ein Jahr nach dem Erscheinen der zweiten Auflage dieses Buches 
(IdU) hat FuBch seine Äugeo Eüc immer geschlossen. Schon nach 
3 Jahren war für das Lehrbuch der Allgemeinen Tierzucht eine neue 
Auflage eifoiderlich. Kach gründlicher Überlegung habe ich mich auf 
Wunsch dea Herrn Verlegers zu deren Bearbeitung entschlossen. Ich 
bin mir von vornherein darüber klar gewesen, daß diese Neubearbeitung 
lüi mich mit mannigfachen Schwierigkeiten verknüpft sein würde. Jeder, 
der das Werk eines Veratorbenen den Fortschritten in Wissenschaft und 
Praxis anzupassen hat, steht vor einer nicht leichten Aufgabe. Die 
Pietät gegenüber dem heimgegangenen Autor gerät leicht in Konflikt 
mit den eignen Anschauungen und Überzeugungen, und die Grenze 
ist nicht immer leicht zu ziehen, um so weniger, wenn, wie im vorliegen- 
den- Fall, der Verfasser vom tierärztlichen Beruf aus Tierzüchter ge- 
worden ist und der Herausgeber der neuen Auflage als Landwirt an seine 
Aufgabe herantritt. 

Dann kam hinzu, daß auf dem Gebiet der Tierzuchtlehre sowohl 
in der wissenschaftlichen Erkenntnis, namentlich durch die sehr 
umfangreiche Forschung in der durch den Mendelismus neubelebten 
Vererbungslehre, als auch unter Führung der Deutschen Gesell- 
schaft für Züchtungskunde in der eigentlichen Tierzüchtung außer- 
ordentlich grolle Fortschritte erzielt sind und frühere Anschauungen 
unhaltbar gemacht haben. Die zu großer Blüte gekommene Tier- 
zucht Deutschlands hat in erster Linie in den veränderten wirt- 
schaftlichen Verhältnissen ihre Begründung. Ein Lehrbuch der All- 
gemeinen Tierzucht hat, wenn es sowohl den in die Züchtungslehre 
eindringenden Studierenden als auch den in der Praxis des Berufs 
stehenden Züchtern Nutzen bringen soll, den Fortschritten in Wissen- 
schaft und Praxis voll Rechnung zu tragen. So erklärt es sich, daß, 
trotzdem Stoffe inte ilung und Gliederung unverändert beibehalt« n 
worden sind, doch an vielen Stellen des Buches vollständige Um- 



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Vorwort inr dritten Auflage. XI 

änderuBgen erfordeilicli waren tiod maDnigfache Ei^änzungen binzu- 
kommen maßten. 

In der Einleitung habe ich die für die landwirtschaftliche Tierzucht 
maßgebenden wirtschaftlichen Gesichtspunkte stärker betont, als das in 
der früheren Auflage ges(diehen war. Die gleichen Gesichtepunkte waren 
leitend bei der vollständigen Umarbeitung des Kapitels über die Enl^ 
Wicklung der Tierzucht in der neueren Zeit. Im ersten Abschnitt wurde 
ein Kapitel über die wilden Stammformen der wichtigsten Haustiere 
eingefügt. Im zweiten und dritten Abschnitt habe ich mich auf Er- 
gänzungen und Abänderungen, wie sie neuere Forschungen und Er- 
fahrungen erforderlich erscheinen ließen, beschränkt. 

Im vierten Abschnitt ist das Kapitel über Vererbung in seinen 
beiden erst«n Teilen einer vollständigen Neubearbeitung unterworfen 
worden. Der Mendelismus hat hier in der allemeuesten Zeit unsere 
Anschauungen von Grund auf verändert, und wenn die landwirtschaft- 
liche Tierzucht durch ihn auch noch wenig direkte Förderung erfahren 
hat, so ist unsere Erkenntnis doch wesentlich vertieft und erweitert 
worden. Ihre Ausmünznng für die Praxis ist mit Bestimmtheit zu er- 
warten. Jedenfalls kann ein Lehrbuch der Züchtungslehre ohne eine 
eingehende Berücksichtigung der neueren Vererbungslehre nicht als auf 
der Höhe der Wissenschaft stehend erachtet werden. Das Kapitel über 
die Vererbung erworbener Eigenschaften hat nur wenige Ergänzungen 
erfahren. Den von Pusch zu dieser für die Tierzucht wichtigen Frage 
eingenommenen Standpunkt halte ich auch heute noch für zutreffend. 
Dagegen mußten die Ausführungen über Konstanz und Individualpotenz 
den Ergebnissen der Vererbungsforschung entsprechend zum guten Teil 
umgearbeitet werden. Auch in die Frage nach der Bestimmung des 
Geschlechts hat die Mendelforschung einiges Licht gebracht, worauf 
hinzuweisen war. 

Die mit Reinzucht und Kreuzung zusammenhängenden Fragen 
haben teilweise eine andere Darstellung erfahren, und ganz besonders 
gilt das für den Abschnitt über Inzucht. Hier haben vielfache For- 
schungen der letzten Jahre aus den verschiedensten Zuchtgebieten 
bewiesen, daß der frühere Standpunkt nicht aufrecht erhalten 
werden konnte. Ich bin bemüht gewesen, diesen Forschungen weit- 
gehend Rechnung zu tragen und soweit möglich die Handhabung 
der Zucht mit den Ergebnissen der Vererbungslehre in Einklang zu 
bringen. Ahnentafeln und Blutlinien sind erörtert und durch Bei- 
spiele dem Verständnis des Anfängers nahe gebracht. Die von Pusch 
selbst angestellten Versuche über Inzucht, welche er in der zweiten 



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XII Vorwort tat dritten Autlage. 

Auflage vorführte, haben unverändert auch in der dritten Auflage 
Platz gefunden. 

Der sechste Abschnitt, der von den Maßnahmen snir Förderung der 
Zucht handelt, hat im ganzen eine Erweiterung erfahren. Mit der Ent- 
wicklung der Tierzucht haben die von öffentlicher und privater Seite 
eingeleiteten Förderungsmaßnahmen eine immer größere Bedeutung er- 
langt. Wo es erforderlich erschien, sind auch die ausländischen Ver- 
hältnisse zum Vergleich herangezogen worden. Das Kapitel über Lei- 
stungspriifungen war in der zweiten Auflage nur angedeutet. Es hat 
in der dritten eine eingehende Darstellung gefunden; ganz besonders ist 
hierbei auf die neuerdings so bedeutungsvollen HilchviehkontroUvereine 
eingegangen worden. Die Formulare für deren Buchführung wurden 
dem Anhang neu angefügt. 

Diese Abänderungen ließen es nicht vermeiden, daß mehr Platz 
beansprucht wurde; um den Umfang des Buches aber nicht zu stark 
anschwellen zu lassen, wurde der Abschnitt über Ställe und Stalleinrich- 
tungen etwas gekürzt. Leitend war dabei der Gedanke, daß die Vieh- 
ställe die Wirtschaftskosten nicht mehr als unbedingt notwendig belasten 
dürfen. Die Ausführungen über Stalleinrichtungen, welche für den durch- 
schnittlichen Landwirtschaftsbetrieb keine Bedeutung besitzen, sind der 
Hauptsache nach gestrichen worden. — Die in neuerer Zeit gesammelten 
umfangreichen Erfahrungen übet den Weidebetrieb führten zu einer 
Umarbeitung des Absatzes über Weiden und Tummelplätze. 

Die vielen von Pusch mit großem Verständnis gebrachten Ab- 
bildungen, welche den Wert des Buches wesentlich erhöhen, sind einer 
sorgsamen Durchsicht unterzogen worden. Die Gesamtzahl ist gegen- 
über der zweiten Auflage nur wenig vermehrt, aber einige inzwischen 
veraltete sind durch neue Figuren ersetzt und 21 ganz neue in das Buch 
aufgenommen worden. Im ganzen bringt die dritte Auflt^e 36 Ab- 
bildungen, welche früher nicht vorhanden waren. 

Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß das Lehrbuch der Allgemeinen 
Tierzucht auch in seiner hier vorliegenden Form seiner Aufgabe, eine 
wissenschaftliche Begründung der Züchtungslehre zu bieten, in demselben 
Maße wie früher gerecht werden wird. Mi^e es den Studierenden unserer 
Hochschulen und Universitäten ein willkommener Führer für ihre wissen- 
schaftliche Ausbildung und m^e es den praktischen Züchtern ein zu- 
verlässiger Berater auf dem schwierigen, aber interessanten Gebiete der 
Züchtung unserer Haustiere sein. 

Die Bearbeitung der dritten Auflage fiel in eine große, aber schwere 
Zeit. Deutschlands wehrfähige Männer stehen im Felde gegen eine Welt 



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Vorwort snt dritten Auflage. XIII 

von Feioden, die in Ost und West die Sicherheit unseres Yatetlandes 
bedrohen. Es war nicht immer leicht, für die Arbeit die notwendige 
Sammlung zu finden, zumal hier in der Ostmark des Reiches der Feind 
zeitweise den vaterländischen Boden betreten und ihn leider auch ver- 
wüstet hat. Dem Manne liegt es in solch großer Zeit näher, mit dem 
Schwert einzutreten für Haus und Herd, als mit der Feder an Werken 
des Friedens zu arbeiten. Das erstere war mir leider nicht vergönnt. 
Der Krieg hat, wie unserem Wirtschaftsleben überhaupt, in aller- 
erster Linie der deutschen Tierzucht schwere Wunden geschUgen. Doch 
dürfen wir hoffen, daß unsere Viehbestände zwar der Zahl nach stark 
geschwächt, aber ihrer Beschaffenheit nach voll auf der Höhe aus den 
Kriegsereignissen hervorgehen werden. Wir werden nicht vor Ruinen 
stehen; denn die weniger guten Individuen werden abgestoßen, die wert- 
vollsten Zuchttiere aber erhalten geblieben sein. Mit ihnen werden wir 
nacb dem Kriege in einem siegreichen Vaterlande schnell nicht nur die 
frühere Blüte, sondern einen noch höheren Stand erreichen können. 
Hieran zu seinem bescheideneu Teil mitzuwirken, ist hoffentlich auch 
dein Lehrbuch der Allgemeinen Tierzucht vergönnt. Möge der Zeit- 
pvukkt, wo der Landwirt und Tierzüchter seinem Beruf unter den Seg- 
nungen des Friedens ungestört nachgehen kann, nicht mehr allzu weit 
entfernt sein! 

Königsberg i. Fr., den 18. April 1915. 

J. Hansen. 



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Inhalt. 



Kinteitung 

UnilMC iiiHr «Irtichartllchfl Badsutung dar landwlrtubartllclira Haaitlar- 



Erster AbBchnitt. 

Die zoologiache Stellung uad geschichtliuhe Entwioklnng 
der Usuatiere. 

I. Die Stellung der Haustiere im zoologischen Syetem 7 

II. Die Einteilung und Entstehung der Haustiere 8 

1. Einteilung der Haustiere 8 

2. Entstehung der Haunticre 9 

■ III. Die prähistorischen Vorfahren unserer Haustiere 14 

IV, Die wilden Stammformen der wichtigsten Haustiere 18 

V, Die Haustiere im Altertum 24 

VI. Die Tierzucht bis zu ihrer heutigen Entwicklung unter besonderer Be- 
rücksichtigung der deutschen Verhältnisse 47 



Zireiter Abschnitt. 

Die Arten. 

I. Die Anschauungen über die Entstehung der Arten , . 

II. Danvin und seine I*bre 

III. Die Art als Ausgangspunkt in lootechni scher Beziehung 
Bastarde 

1. Gattung Pferd 

2. Gattung Bind 

3. Gattung Schaf 



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Dritter ÄbBchnitt. 

Die BaBsmi. 

1. Entstehung, Varmbilität und Ansgeglichenheit der Bässen .... 68 

II, Die Grenzen des BassenbegriffB 72 

III. Die Einteilung der Rassen im allgemeinen 74 

IV. Die Einteilung der Bossen nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutmig . 75 

1. Die primitiven Rassen oder reinen, unvermiBchten Laudnsaen . . 75 

2. Die veredelten (verbesserten) Land- oder Übergangsrassen ... 79 

3. Die Kultur- oder Züchtungsrassen 83 

a) Einseitige Leistung 86 

b) Mehrseitige Leistung 87 

V. Rasse, Hochzucht, Blutgrad, Adel 92 

VI. Die allgemeinen Rasseneigenschaft^n 66 

1. Akklimatisation D6 

2. Frühreife, Futterverwertung und Kondition 104 

a) Frühreife 104 

b) Fntterverwertung 112 

o) Kondition 117 

3. Die Äußerung des Nervenlebens 121 

a) l'emperament, Ausdauer, Nerv 121 

b) Die Tierseele 124 

' 4- Konstitution 129 



. . . Vierter AbaohnitU 

ZenganK und TeTerbnn^. 

I. Allgemeine anatomische und biologische Gesichtspunkte 135 

1. Die Geschlechtszellen, ihre Entstehung und ihr Verhalten bis zur 

gegenseitigen Vereinigung 135 

a) Die Samenfäden 136 

b) Das weibliche Ei 137 

2. Die Reifung der Ei- und Samenzelle und die Vereinigung von Ei und 

Samen 140 

II. Entwicklung tmd Äußerung des Geschlechtstriebes 146 

1. Der Geachleehtscharakter 146 

2. Die GcschlcchUreife 150 

3. Der GeschlechWtrieb 163 

a) Der Geschlechtstrieb männlicher Tiere 153 

b) Die Brunst weiblicher Tiere 154 



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Inhalt. XVII 



Seite 

4. Der Mangel an Gesclilechtstrieb 169 

a) Der mangelhafte Ueschlechtetrieb männlicher Tiere .... 159 

b) Der mangelhaft« GesohleohUtrieb weiblicher Tiere 161 

5. Der Übermäßige (ieschlechtstrieb 162 

a) Der übermäßige GeschleohtHtrieb männlicher Tiere 162 

b) Der Übermäßige Geschlechtstrieb weiblicher Tiero 162 

6. Der naturwidrige Geechleobtstrieb 163 

7. IMe Kastration 166 

III. Die Paarung und Begattung 173 

1. Allgemeines 173 

2. Der Sprung oder Deckakt 176 

3. Die geschlechtliche Ausnutzung der Zuchttiere 181 

IV. Die Befruchtung 184 

1. Allgemeines 184 

2. Die abnormen Befruchtungen 184 

a) Die Extrauterinschwangerschaft 184 

b) Die Überachwängening (Superfökundation) 185 

c) Die Überfruchtung (Superfötation) 186 

d) Die abnorme Vieiträchti^eit 186 

3. Die Zeichen der Trächti^eit 189 

4. Die Dauer der Ttächtigkeit 191 

5. Der Abortus 192 

6. Die Regelmäßigkeit der Befruchtung und deren Beeinflussung . . 194 

7. Der Doppelsprung 196 

8. Die Unfruchtbarkeit 198 

a) Die Zeugungs- oder Befruchtungsimpotenz 198 

b) Die Sterilität 199 

9. Die künstliche Befruchtung 201 

10. Die Beziehungen des Lebensalters zur Fruchtbarkeit und diu Dauer 

der letzteren *..... 20S 

11. Der Einfluß der Trächtigkcit auf die ii'ormgestaltung. den tJesund- 
heitszustand und die Nutzung der Zuchttiere 206 

V. Die Vererbui^ 209 

1. Allgemeine biologische Gesichtepunkte 209 

2. Allgemeine Vererhungsregeln 217 

Die alternative oder Mendelsche Vererbung 218 

3. Die Vererbung erworbener Eigenschaften 246 

4. Konstanz und Individualpotenz 252 

a) Die Konstanz 252 

b) Die Individualpotenz 255 

5. Der Bückschlag. AtavismuH 260 

6. Der elterliche Einfluß in der Vererbung 261 

7. Der Einfluß des Alters 263 

Fancb-Hansen, Allgemslne TierzueliC. s. Aafl. U 



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8. Die Einfiüeee der äuQereo Verhältnisse auf die Vererbung . . . 

9. Die VeKrbung von KrankbeiUonlageu, Feblem und Gebrechen 

10. Die Telegonie oder FemKeugong 

11. Das Veiseben der Muttertiere 

VI. Die Beetimmung des Geschlechta 

Allgemeinee 

1. Die Geschlechtsbildung beruht auf erblicher Anlage seitens der 

Zeugenden 

2. Die Geschlechtsbildung wird durch verschiedene Umstände vor und 

während der Befruchtung beeinflußt 

a) Äußere Umstände (die Kondition) 

b) Innere Umstände 

a) Das Alter der Erzeuger 

ß) Der ReifeiUBtand des Kies 

3. Die Gcschlechtsbcstimmung erfolgt vor oder nach dem Zeugungs- 

akt durch Beeinflussung der mütterlichen Ernährung .... 

4. Das Geschlecht als mcndelndes Merkmal 



Fünfter Abschnitt. 

Die Züchtung;. 

I. Allgemeine Gesichtspunkte 2SS 

II. Die Auewahl der Zuchttiere in Rücksicht auf Privat- und Landeszucbt 290 

UI. Die Beurteilung der Zuchttiere 293 

1. Die Musterung der Tiere 293 

2. Messungen und Wägungen 294 

a) Hessiingen 294 

b) Wägungen 297 

3. Angaben von MaOen und Gewichten fijr die einzelnen Tiergattungen 298 

4. Das Schlachtgewicht 304 

5. Die Beurteilung des Zuchtwerts 305 

6. Die allgemeine Beurteilung des Körperbaus 308 

a) Die Gestalt 308 

b) Der Einfluß der Haltung auf die Ausbildung der Gestalt . . 309 

c) Das Verhältnis der einzelnen Maße zu einem bestimmten Grund- 

maß 314 

7. Die allgemeine Beurteilung der einzelnen Körperteile 316 

IV. Homogenität und Heterogenität 323 

1. Die Homc^nität und Heterogenität der Individuen 323 

2. Die Homogenität und Heterogenität der Rassen und Zuchten . . 326 

3. Die Homogenität und Heterogenität der Paarungen 327 



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Inhalt. XIX 

fieite 

V. Die Zuobt &uf lUsae und Foim und die Zucht «nf Leistung . . . 328 

VI. Beiniuoht und Kreuzung 332 

1. Die Reituuoht 332 

2. Die Kreuzung 334 

VII. BluteinmiBchnng uod Blutauffrischung 338 

1. Die Bluteinmisohung 338 

2. Die Blutauffrischung 341 

VIII. Die Inzucht 343 

1. Allgemeine Oesichtapunkte 343 

2. Verwandtschaft und Äbstammuiig in begrifflicher Beziehung . . 344 

a) Ahnentafeln 347 

b) Blutlinien 354 

3. Die Kinteilung der Inzucht 359 

4. Die Voraüge der Inzucht 360 

Ö. Die Gefahren der Inzucht 367 

6. Eigne Versuche von P u h c h über die Nachteile naher In- und 

InzeBtzucht bei Ziegen und Schafen 377 

ZuBammenfassung 361 



.Sechster Abechnitt. 

Die ZuchtmsBnahmea des Staates und der landwirtaehaftliehen 
Vertr etnngs kttrperschaften. 

I. Die Btaatliche Überwachung der öffentlich deckenden Zuchttiere — 

Körung 383 

II. Die Beschaffung guter Zuchttiere durch Unterhaltung von Gestüten . 385 

III. Die Verwendung von StaaUmitteln zur Hebung der Tierzucht . . 388 

1. Die Unterhaltung von Tierzuchtsachvenrtändigen 388 

2. Züchtervereinigungen und HerdbuchweBcn 390 

a) Allgemeines 390 

b) Zweck und Qiganisation der Züchtervereinigungen 393 

c) Das Zuchtziel 394 

d) Die Körung innerhalb der Züchtervereinigungen 394 

e) Die Zuehtbuchführung (Herdbuch-, Stutbuchführung) .... 395 

f) Die Kennzeichnung 397 

3. Die Unterst ut Zungen bei AnschaSuag männlicher Zuchttiere . , 400 

4. Die Förderung der Aufzucht 403 

5. Die Förderung des Absatzes 405 

0. Die Leistungeprüfungen 407 

A, LeistungBprüfungen bei Pferden — Rennen 408 

B. Loiatungsprufungen bei Rindern 409 



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XX Inhalt. 

a) Milohleistungaprüfuiigeii 400 

tt) Die KontroUvereine 411 

ß) Die Elitezuchten 424 

b) Die Scblachtkonkurrenzen 425 

c) Die Zugprüfungen 42r> 

C. Leistungsprüfungen bei Schafen, Schweinen, Ziegen und (Jeflügel 426 

7. Die Tierousetellungen 427 

ft} AllgemeineB 427 

b) Die Durchführung der Schauen .' 428 

c) Die Tiere auf dein Auastellungsplatze 429 

d) Die Prämiierung 429 

e) Die Preisrichter 430 

f) Die Art des Richtens 430 

IV. Staatliche Maßnahmen zum Schutze der Tierbcstünde gegen Seuchen 

und zur Schadloehaltung der Besitzer bei Viehverlusten .... 435 

1. Die Verhutui^ der Einachleppung von Tierseuchen aus dem Auslande 435 

2. Die Unterdrückung der Tierseuchen im Inlande 437 

3. Die Schadloshaltung der Tierbesitzer bei Verlusten durch Tierseuchen 437 

4. Dh? Entschädigungen der Tierbesitzer bei sonstigen Verlusten mit 

Hilfe von Vieh Versicherungen 438 



Siebenter Abschnitt. 

Die HaltBüg der Zuchttiere. 

1. Der Stall in Rücksicht auf Bau und Einrichtung 441 

1. Allgemeine Gesichtspunkt« 441 

2. Das Baumaterial 442 

3. Wände, Decke und Eußboden 443 

ft) Die Außenmauem 443 

b) Die Stalldecken 444 

c) Der Fußboden 445 

4. Die Raum Verteilung im Stalle und die zweckmäßige Aufstellung 

der Tiere 448 

a) Die Raum Verteilung 448 

b) Die Aufstellung 450 

c) Türen und Fenster 453 

5. Die FiltterungB- und Anbinde Vorrichtungen 458 

a) AUgcmeincK 458 

b) FütterungB- und Anbindevoirichtungen für Pferde 459 

c) Fütterungs- und Anbinde Vorrichtungen für Rinder 463 

d) Die Selbsttränken 469 

e) Fütterungs Vorrichtungen für Schafe, Ziegen und Schweine . . 471 



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Inhalt XXI 



6. Der JauchenabfluG 472 

7. Die SUllüftung 476 

II. Der Stall in Rüokücht auf Temperatur, Einstreu und Reinlichkeit . 48S 

III. Die Behandlung der Zuchttiere und ilirer NaohEUobt im Stalle . . 491 

1. Die Behandlung der Zuchttiere 491 

2. Die Behandlung der Xachz,ucht 495 

IV. Weiden und TunimelpUtEe 500 

V. Die Fütterung, Pßege und wirtschaftliche Nutzung der Zuchttiere . 507 

VI. Die Fütterung und Pflege der Muttertiere kurz vor und nach der Geburt 510 

VIL Die Fütterung und Pflege der Neugeborenen 511 

Anlagen (Formulare vgL folgende Seit«) ■ • >. 517 

Sachregister 534 



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Verzeichnis der Anlagen. 



I. Fornulare cur ZuchttraehtShmiip nach der Anleltan; der D. Li G. ') 

1. Zncfatbuch für Bullen 618 

2. Zuchtbuch für Kühe und Färaen 620 

3. Sprungregiater für Eber (Und Böcke) 522 

4. Deckkarte für Kühe und Färsen S23 

5. Stallbuch für Schweine (und Ziegen) 624 

6. Geburtsanzeige für Herde 626 

7. VeräudeniDgBanEeige 526 

II. Abatammangsiiaohveise. 

8. Fohlenschein — Verband der PferdeKÜchter in den Holstein lachen Marschen 527 

9. Auszug aus dem Jeverländiechen Herdbuch 628 

in. FormnUre cnr Buchflihriiiip der KontrollTerelM«'). 

10. PrUfungaliet« 529 

II. Hauptbuch 530 

12. Jahresabschluß 532 

^) Aus „Anleitung für Züchtervereinigungen zur ordnunga mäßigen Führung 
der ZuchtregiHter" von K n i h p e 1. D. L. G. Berlin 1914. 

*) Aus Marquart, Lehrbuch des MilchviehkontrollwesenB. Berlin 1911. 



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Einleitung. 

Umfang und wirtschaftliche Bedeutung der landwirt- 
schaftlichen Haustierhaltung. 

Auf allen Stufen wiitschaftEclier Entwicklung spielt die Haustier- 
baltntig eine Bolle. Auf den niederen Kultutstufen wie bei den Nomaden 
bestehen die wirtecliaftlichen Werte f&at nur aus Haustieren. Mit zu- 
nebmender Kultur weiden sowohl Ackerbau wie Tierhaltung vervoU- 
komnmet; das Verbältnis, in welchem beide zueinander stehen, kann 
verachieden sein. In dem einen Fall kann der Landwirt vorzugsweise den 
Ackerbau betreiben und die Viehhaltung ab Kebensache ansehen, in 
dem andern tritt die Viehhaltung als gleichberechtigter Zweig neben den 
Ackerbau oder rückt sogar in die erste Stelle, wie es gegenwärtig in 
Deutschland zutrifft. Bntacheidend hierfür ist die Verwertungsmöglich- 
keit der Produkte. Wo ein lohnender Preis für die Erzeugnisse des Acker- 
baues besteht, wiid man diesen bevorzugen, während umgekehrt gute 
Preise tierischer Erzeugnisse die Viehhaltung in den Vordergrund treten 
lassen. Es sind also in erster Linie wirtschaftliche Gesichts- 
punkt e, welche den Umfang der Viehhaltung bestimmen, wobei 
natürliche Verhältnisse — Klima und Boden — und bis zu einem ge- 
wissen Grade auch besondere Keigung und Befähigung der landwirt- 
'schaftlichän Bevölkerung unt«Btützend eingreifen können. 

Immer hängen Ackerbau und Viehzucht innig miteinander zu- 
sammen. In der größten Mehrzahl der Fälle kann der Ackerbau ebenso- 
wenig ohne Viehhaltung besteben, wie Viehzucht ohne Ackerbau durch- 
führbar erscheint. Der Ackerbau kann den tierischen Dünger nicht ent- 
behren, und auf gewissen Stufen wirtschaftlicher Entwicklung ist diese 
Tatsache der einzige Grund, weshalb Viehzucht betrieben wird. Ander- 
seits lassen sieb gewisse Erzeugnisse des Ackerbaues in der Mehrzahl der 
FäUe nicht unmittelbar auf dem Markt verwerten, sondern erst, wenn 
sie durch den Tierkörper in Fleisch, Milch, Wolle usw. umgewandelt 
worden sind. Frivatwirtschaftlich betrachtet bat der Landwirt an der 
Pascb-Hftusen, Allg«meln« Tlennobt. S. Aafl. 1 



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Einleitung. 



Tierhaltung nur insoweit ein Interesse, als sie ihm eine lohnende Ver- 
wertung der Futtermittel gewährleistet. Die Rente ist hier, wie allent- 
halhen im landwirtschaftlichen Betriebe, der ausschlaggebende Ge- 
sichtspunkt. Diese Tataache darf man nie aus dem Auge verlieren. Die 
Tierzucht ist in weitaus der größten Mehrzahl aller Fälle kein selbständiges 
Unternehmen, sondern sie ist ein Teil des landwirtschaftlichen Betriebes. 
Den für diesen gültigen wirtschaftlichen Erwägungen hat sie sich unter- 
zuordnen. Alle Bestrebungen zur Förderung der Tierzucht haben hier 
ihren Ausgangspunkt zu nehmen. Die Form der Tiere ist nur Mittel 
zum Zweck. Sie zu verbessern ist insoweit berechtigt und notwendig, als 
damit eine Erhöhung der Gesundheit und Wideretandsfähigkeit und eine 
Verbesserung der Leistungen nach irgend einer Seite erzielt werden kann. 

Volkswirtschaftlich betrachtet hat die Viehzucht die Aufgabe, die 
Bevölkerung mit wichtigen und unentbehrlichen N^ahrungsmitteln zu ver- 
söhn. Fleisch, Milch, Butter usw. gewinnen als Nahrungsmittel an 
Bedeutung, je mehr der Wohlstand eines Volkes steigt. Die Nachfrage 
wächst und damit der Preis, der den Anreiz zu gesteigerter Produktion 
gibt. Wie wichtig es ist, in der Versorgung der Bevölkerung mit den 
wesentUchsten Nahrungsmitteln vom Auslände unabhängig zu sein, ist 
Deutachland durch den Krieg von 1914/16 handgreiflich vor Augen ge- 
führt. Wohl uns, daß unsere landwirtschaftlicheund nicht zuletzt tierische 
Produktion auf eine solche Höhe der Entwicklung gebracht war, daß sie 
uns vor Aushungerung durch feindliche Mächte sicherzustellen vermochte. 

Über den Umfang der deutschen Viehhaltung gibt die Viehzählung 
von 1912 Auskunft!) (siehe Tabelle S. 3). 

Dazu kommen noch an Geflügel in Millionen Stück 6,72 Gänse, 
2,61 Enten, 72,84 Hühner, 0,54 Truthühner, zusammen 82,70 Millionen 
Stück Federvieh und 2,63 Bienenstöcke. 

Diese Viehbestände stellen bedeutende Werte dar. Schätzungsweise 
ist der Verkaufswert 1912 wie folgt ermittelt: 



Pferde 

Maultiere, Maulesel, Esel . 

Rindvieh 

Schafe 

Schweine 

Ziegen 



3 359,188 Millionen Mark 

2,946 

7 065,121 

189,168 

1 710,919 

88,782 



Zusammen: 12 416,124 Millionen Mark 



>] Die Viehhaltung i 
1912. Vicrteljahrahefte zu 



1 Deutschen Reich nach der Zählung vom 2. Dexembet' 
Statistik des Deutschen Reiches. Erg.-Heft 1 zu 1914. 



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Provini 




Maul- 












oder 


Pferde 


Maul'- 


Esel 


Rinder 


Schafe 


Schweine 


Ziegen 


Land 




esel 












Prov. Ostpreußen . ' 


498 320 


37 


79 


1215404 


344 569 


1233 847 


43 008 


„ WestpreuBen . 


270 548 


30 


164 


714 118 


396 904 


933 478 


100 792, 


Stadt BerUn . . . 


46 278 


63 




11946 


3258 


8 011 


561 




314 871 


164 


1403 


SSO 031 


522 536 


1 173 424 


214 028 


Pommem 


241988 


64 


283 


S31425 


807 360 


l 178 659 


87 662 


l Posen . '. '. 


298 369 


216 


768 


911434 


282 063 


1 114 592 


141985 


.. Schlesien . . 


340 641 


77 


364 


1605 274 


204 319 


1190 659 


266 118 


.. Sacbsen . . 


222 626 


181 


1114 


793 420 


568 018 


1 393 208 


257 410 


., Schleswig- 
















Holstein . . 


206183 


56 


254 


1 089 171 


160 264 


1400 293 


46 051 




275 443 


77 


405 


1285 164 


443 0S6 


2 814 251 


234 826 


., Westfalen . . 


172 235 


47 


437 


721 188 


120 002 


1 307 368 


216 000 


„ Hessen-Nassau 


87 439 


150 


298 


585 233 


152 234 


666 430 


185 616 


„ Eheirland 


211348 


123 


1377 


1 173 686 


94 024 


1034 297 


303 840 


Hohenzollem . . 


5200 


— 


3 


48 626 


3 392 


27 222 


4806 


Konigr. Preuöen 


3 193 279 


1275 


6987 


11866 079 4 111929 


15 475 739 2102 703 


„ Bayern . . 


401990 


262 


486 


3 560 723 


475 661 


1814 418 


315 122 


Sachsen . . 


175 313 


52 


775 


701863 


55 137 


657 026 


133 004 


„ Württemberg 


116 115 


39 


180 


1068 612 


214 081 


482 221 


112 142 


Oroßh. Baden . . 


74 171 


16 


250 


648 069 


40 769 


476 291 


135 007 


„ Hessen . . 


62 912 


31 


226 


304 142 


48 124 


337 081 


133 033 


„ Uecklenbu^. 
















Schwerin . 


112 093 


28 


151 


363 744 


331399 


519 847 


24 916 


„ Sachsen . . 


23 992 


8 


65 


137 668 


63 197 


167 320 


60082 


„ Mecklenburg- 
















StieUtz . . 


20165 


6 


52 


56 782 


96 922 


75 791 


6 931 


„ Oldenburg . 


50 326 


2 


40 


328 970 


47 621 


489 561 


35436 


Brautischweig . . 


33 085 


29 


83 


122 151 


95 816 


224 122 


62 466 




9 402 


1 


29 


70 427 


13 562 


82 407 


42 743 


Sachsen-Altenburg . 


12 398 


5 


Öl 


«9 304 


6 794 


75 037 


15 881 


















Gotha .... 


11668 


2 


16 


67 895 


25 637 


97 971 


38 507 


Anhalt 


19 609 


4 


211 


6SS74 


63 877 


110 334 


24 889 


Schwaraburg- 


















5 234 


2 


6 


24 275 


24 976 


40 283 


15 234 


Schwawbu^- 
















RudoUtadt . . 


3 960 


2 


16 


22 272 


14 436 


32 249 


17 617 


WftJdeck .... 


6 701 


— 


8 


33 831 


21079 


46195 


8 940 


Reuß altere Linie . 


2449 


1 


12 


16 054 


766 


11648 


3 699 


BeuB jüngere Linie 


5 071 


— 


34 


36 504 


5604 


30 235 


10 781 


Schaum borg- Lippe . 


3 157 





2 


12 545 


747 


56 259 


8170 


Lippe 


10212 


10 


15 


38 945 


7 793 


125 992 


38 768 


Lübeck .... 


4 317 




10 


10 606 


1442 


12 597 


1746 


Bremen .... 


7663 


8 


14 


17 223 


357 


24 690 


3 728 


Hamburg .... 


21003 


20 


16 


12 468 


2 376 


27 628 


6 594 


ElsaB-Lotbringen . 


136 884 


80 


1521 


522 915 


45 654 


430 765 


72 368 


Dent«;beB Reich . 


i S38 •&> 


1883 


11 2«« 


20 182 »21 


5 8M446 


21 123 707 


3 410 3» 



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Mit 12,4 Milliarden Mark, wovon allein 7,1 Milliarden auf Rindvieh 
entfallen, bilden die Viehbestände einen bedeutenden Teil des deatschen 
NatioDslvermögenB, desaea pflegliche Behandlimg und weitere Förde- 
rung im Interesse unserer gesamten Volkswirtacliatt liegt. 

Die Dichtigkeit der Viehliestände ist nicht allenthalben dieselbe. Im 
Durchschnitt des Deutechen Reiches entfallen auf: 





1 qkmliuuiv. 


100 Ein 
wofaner 


Pferde . . . 


12,9 


6,8 


Rinder . . . 


67,6' 


30,3 


Bch«fe . . . 


16,6 


8,7 


Schweine . . 


62,5 


• 32,7 


Ziegen . . . 


9,7 


5,1 



Aber innerhalb der einzelnen Gebietsteile finden sich erhebliche 
Unterschiede, wob« man den richtigsten Maßstab erhält, wenn man die 
Viehbestände zur landwirtschaftlich benutzten Fläche in Beziehung setzt. 
Berlin und die Hansestädte müssen bä dieser Betrachtung selbstverständ- 
lich ausscheiden. 

£b fanden sich auf 1 qkm landwirtschaftlich benutzter Fläche 
an Stück: 

böcbatena 
Pferde ■. . 18,4 in Ostpreußen 
Rinder . . 91,4 „ Oldenburg 
Schafe . . 57,0 „ Mecklen'b.-Strelitz 
Schweine . 250,4 „ Schaumburg-Lippe 
Segen . . 46,5 „ Lippe 



mindeetens 
7,1 in Sachsen-Meinigen 
ß,7 „ Mecklenb.-Strelitz 
3,3' ■„ Schaumburg-Lippe 
18,2 „ Hobenzollem 
1,6 „ Ostpreußen. 



Diese Verschiedenheiten hängen in erster Linie von wirtschaftlichen 
Verhältnissen ab, zum Teil sind sie aber durch natürliche Verhältnisse 
und in bescheidenem Maße durch Neigung und Befähigung der land- 
wirtschaftlichen Bevölkerung bedingt. Bis zu einem gewissen Grade ist 
die Besitzverteilung richtunggebend für die Art der Viehhaltung. Die 
Betriebsstatistik von 1907 gibt hierüber Auskunft*). 

Auf 100 ha landwirtschaftlich benutzte Fläche der einzelnen Be- 
triebsgrößen entfallen (siehe Tabelle S. 5). 

Ganz im allgemeinen ist die Stärke der Viehhaltung, auf die Flächen- 
einheit bezogen, in den kleineren Betrieben größer als in den Groß- 
betrieben. Aber bei den einzelnen Tiergattungen finden sich in dieser 
Beziehung erhebliche Unterschiede. Die Pferdehaltung ist aus leicht 

>) Die deutsche Landwirtschaft. Berlin I9I3. S. 200. 



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Orößemkkawn Pfende Rinder Schafe SchweiDe Ziegen Hühner Gänse Enten 



0,5— 2 ha 
Hittelbetriebe 

2— SIm . . 

fi~20ha. . 
20— 100 ha . . . 

Grofibetriebe 
fiber 100 ha . . . 



40,0 
17,2 



90,6 
76,5 
66,9 



649.3 
175,6 



»4,0 
60,8 



36S,0 
101,0 . 



2413,0 
740Ä 



301.1 
112,0 

49.6 
33,4 
14,2 



erklärlichen Gründen in den Mittel- und Großbetrieben am stärksten; 
der Kleinbetrieb verachtet auf eine eigene Gespannhaltung oder benutzt 
als Arbeitstiere KUhe und Ochsen. Die Kindviehhaltung ist am stärksten 
vertreten in den bäuerlichen Betrieben. Die Größenklasse von 20 — 100 ha 
hat schon änen geringeren Binderbeetand und noch schwächer ist dieser 
in den Großbetrieben. Demgegenüber ist aber das Schaf, dessen Nuteung 
nur dort lohnend erscheint, wo größere Herden gehalten werden können, 
das ausgesprochene Tier des Großbetriebes. Die Schweinehaltung, welche 
in jedem Umiang einträglich sein kann, ist auf die Fläche berechnet 
umso stärker, je kleiner der Betrieb ist. Das gleiche ^It für die Ziegen- 
haltung, welche im Großbetriebe völlig zurücktritt, während die Ziege 
in den kl^nsten Betrieben die Stelle der Kuh einnimmt. Auch die viel 
Aufmerksamkeit erfordernde Geäügelhaltung ist umso starker, je klüner 
der Betrieb wird, umso mehr als ihre an sich kleinen Erträge im Groß- 
betriebe nicht sehr zu Buch schlagen. In der Versorgung unserer Be- 
völkerung mit tierischen Nahrungsnutteln nimmt also der Klein- und 
Mittelbetrieb üne besonders wichtige Stellung ein, wobei nicht außer 
acht bleiben darf, daß der größere Mittel- und Großbetrieb durch Liefe- 
rung edler Zuchttiere für das Gedeihen der gesamten Tierzucht eine 
wichtige Aufgabe zu erfüllen hat. 

Schon eine bloße Betrachtung der beiden letzten Tabellen läßt kdnen 
Zweifel darüber, daß unsere deutsche Tierhaltung noch einer bedeutenden 
Steigerung fähig ist. Sofern der Landwirt durch angemessene Preise 
seine Rechnung findet, kann es gar keinem Zweifel unterliegeuj daß die 
deutsche Landwirtschaft nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für 
eine weiter wachsende Bevölkerung unschwer die erforderlichen tierischen 



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Q Einleitung. 

Nahrungsmittel, in eiBter Linie das Fleisch, zu liefern in der Lage ist. 
Immerhin findet aber heute noch eine Einfuhr vom Auslände statt und 
deshalb haben wir vom Standpunkt unserer Volkswirtachaft aus ein 
Interesse, unsere Viehbestände zu vermehren und in der Leistungsfähig- 
keit zu steigern. Die Mittel hierfür sind in einer Vervollkommnung der 
züchterischen Tätigkeit zu suchen, in der Förderung der Tierzucht durch 
wissenschaftliche Forschungen und praktische Maßnahmen, wie sie von 
Seiten des Staates, der Landwirtschaftskammem und besonderer Organi- 
sationen erfolgreich in die Wege geleitet sind. Auch die Gesimdhaltung 
unserer Viehbestände und die Bekämpfung von Viehseuchen sind hierfür 
von allergrößter Bedeutung. 



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Erster Abschnitt. 



Die zoologische Stellung und geschichtliche 
Entwicklung der Haustiere. 



I. IMe Stellung der Haustiere im zoologischen System. 

Die zoologische Emteilung gliedert das gesamte Tierreich m 
7 Gruppen, Stänune oder Kreise, deren wichtigster der Kreis der Wirbel- 
t i e r e ist. Die letzteren zerfallen in 7 Klassen, von denen diejenige der 
Säugetiere wiederum in 3 Unterklassen unterschieden wird*). Diese 
sind: 

1. Kloaluntier* (Ornithodelphia, Afonotremata oder 
Ovomammalia). 
Sie legen weichschalige Eier, die ausgebrütet werden. Die jungen 
Tiere saugen nach d^n Verlassen der Eischalen an vergrößerten Schweiß- 



2. BMlttMera (Didelphia, Marsupiali a, Aplacentalia). 
Bei ihnen ist keine innige Verbindung zwischen den Jungen und 
der Uterusachleimhaut, also keine Placenta vorhanden, weshalb die 
ersteren in vollständig hilflosem Zustande geboren und längere Zeit 
hindurch in einem Beutel am Unterbauch getragen werden. 

3. Muttortuidientiars (Monadelphi a, Flacentalia). 

Hier wird die Verbindung zwischen dem Fötus und der Mutter 
durch ein blutreiches, während der Schwangerschaft entstandenes Oi^an, 
den Mutterkuchen (Placenta), hergestellt, durch das die Ernährung des 
Jungen mit dem mütterlichen Blute erfolgt. 

Sämtliche Haussäugetiere gehören zur Unterklasse der Flacen- 
talia. Diese zerfallen in mehrere Ordnungen, von denen diejenige 

») H e r t w i g, Lehrbuch der Zoologie, 9. Aufl. Jena 1910. 



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8 1. AbBchnitt. Die zook^. Stellnng a. geschichtl. EntwicUniig der HMutiere. 

dei Huftiere (Ungulata) die wichtigsten landwirtschaftlichen 
Haustiere aufnimmt. 

Die Huftiere zerlegt man in die Unterordnung der Unpaarhufer 
(Perissodaktyla oder Imparidigitata) und in diejenige der Paarhufer 
(Artiodaktjrla oder Paridigitata), welch letztere von vielen Forschem, 
darunter auch von B r e h m , als selbständige Ordnungen bezeichnet 
werden. Die Paarhufer werden in die Gruppen dfll h ö c k e r- 
zähnigen Paarhufer (Bunodonta) — Nichtwiederküuer — und 
der halbmondzähnigen Paarhufer (Selenodonta) — Wieder- 
käuer — gegliedert. 

Die Unterordnung zerfällt in Familien, die Familien in Gattungen 
und die Gattung in Arten, ao daß die Art den Endpunkt der zoologischen 
Betrachtung und zugleich den Ausgangspunkt der zootechnischen Grup- 
pierung abgibt. 

Beispiel. 

Art: Hausrind (Bos taurus). 

Gattung: Rind (Boe). 

Familie: Hohlhömer (Cavicomia). 

Unterordnung: Paarhufer (Artiodaktyla). 

Ordnung: Huftiere (Ungulata). 

Unterklasse: Mutterkuchentiere (Placentalia). 

Klasse: Säugetiere (Uammaba). 

Tierkreis: Wirbeltiere (Vertebrata). 



II. Die Eintellans ddiI Entstehaog der Hanstiere. 
1. Einteilung der Hauttier». 

Die Haustiere unterscheidet man in: 

a) solche, die in der Hauptsache an das menschhche Dasein ge- 
bunden sind, von den Menschen zur Nutzung oder zum Vergnilgen ge- 
züchtet oder gehalten werden und sich bedingungslos in der Gefangen- 
schaft fortpflanzen — nach Herrn, v. N a t h u s i u s^) Haustiere im 
engeren Sinne — z. B. Pferd, Rind, Hund, Gans usw.; 

b) solche, die wild eingefangen werden und eich in der Regel nicht 
in der G^ngenscbaft, d. i. in ihrem Haustierzustande, fortpflanzen, 
— nach V. Nathusius Haustiere im weiteren Sinne — gezähmte, 
aber nicht domestizierte Tiere, z. B. Elefant, 



') Vorträge über Viehzucht und Raaaenkennbiia. Berlin 1 



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II. Die Einteilung and Entetohung der H&iutiere. 9 

Keller^) betrachtet das Verhältnis dei Haustiere zum Menschen 
als echte Symbiose^). Nach ihm sind „HauBtiere solche Tiere, die mit 
dem MeDdCfaen eine dauernde Syinbioäe' eingegangen sind, vom Menschen 
EU bestimmten wirtschaftlichen Leistungen verwendet werden, sich in 
dieser Symbiose i^ehnaßig fortpflanzen und dabei der künstUchen 
'Züchtung vorübergehend oder dauernd unterworfen werden". 

Diese Begriff sbestimihung erscheint nicht ganz zutreffend. Am besten 
hat! Wilckens den Begriff des Haustieres dargestellt^): „Die dem 
Heofichen nützlichen und wirtschaftheb verwendbaren Tiere, die sich 
unter seinem Einfluß regelmäßig fortpflanzen und der künstlichen Züch- 
tung unterworfen werden können, sind Haustiere oder sie können zu 
Haustieren werden." 

Demnach sind zwei Gesichtspunkte ausschlaggebend, eineraeits der 
wirtschaftliche Kutzen und anderseits die Möglichkeit 
derZüchtungder Tiere. 

2. Entstehung dw Haurtlen. 

Die Haustiere sind nicht als solche erschaffen, sondern sie leiten ihr 
Dasein von wilden Stammformen ab, die erst durch den Menschen ge- 
zähmt und domestiziert, also an die menschliche Behausung gewöhnt 
worden sind. 

Wie die Domestikation erfolgte, ist nicht bekannt, denn die Haus- 
tiere sind älter als die Geschichte, man ist deshalb nur auf Vermutungen 
angewiesen. Es stehen sich zwei Ansichten gegenüber. Die einen meinen, 
der Mensch habe die Tiere gejagt, verfolgt und gefangen und dann ihre 
Jimgen gezähmt, während die andern den ganzen Vorgang nicht als 
einen feindlichen, sondern als einen friedlichen Akt darstellen. 

Daß Jäger Viehzüchter geworden sind, ist nach Mucke*) un- 
wahrscheinhch und historisch durch die Kolonisation Amerikas wider- 
1^. Dort, wo die europäischen Einwanderer eine ackerbautreibende 
Bevölkerung antrafen, war die Negereinfuhr nicht nötig, sie wurde es aber 
dort, wo Jäger und nomadisierende Fischet lebten, denen jede Fähigkeit 
und Lust zum Ackerbau ab^ng, und mit denen daher die Kolonisten 
und Eroberer nichts andres anfangen konnten, als sie zu verdrängen 
und somit dem sofortigen oder allmählichen Untergang zu opfern. 

') Die AlMtammung der ält«et«n Hauetiere. Zürich 1902. S, 27. 
') Symbiose ist ein Zugammenleben zu gegenseitigem NutEeo. 
') Wilckens, Oruadzüge der Naturgeachiclite der Haustiere. 2. Aufl. von 
ü. Duerst Leipzig 1905. S. 9. 

*) Hucke, Urgeschichte des Ackerbaus und der Viehzucht. Greifswald 1898. 



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10 !■ Abschnitt. Die zoolog. Stellung u. gc£chicbtl. Entwicklung der Haustiere. 

Mucke Qtmmt 
an und sucht diese 

Annahme durch 
Sprachstudien zu 
beweisen, daß die 
Tiere die umfriedig- 
ten Wohnstätten 
p unserer Vorfahren 
S zwecks Nahrungs- 
s aufnähme aufge- 
^ sucht hätten, dort- 
J hin mit ihren Jun- 
^ gen gekommen und 
^. schließlich durch 
i: die Umzäunung am 
^ Entweichen gehin- 
K dert worden seien, 
^ Bei dieser Gelegen- 
heit habe der M ensch 
1. auch durch die Be- 
'" obachtung des säu- 
° gendeu Jungen den 
.| Wert der tierischen 
^ Milch kennen ge- 

lernt. Im Winter 

1 nähere sich das Wild 
= auch heute noch 
S den Gehöften, düS 
1 Kind füttere mid 
- der Landmann jage 

oder verscheuche es. 
li Weim man meine, 
'^ der Mensch habe 
junge Tiere einge- 
fangen und aufge- 
zogen, 80 fehlte die 
Milch und , selbst 
wenn man die Be- 
obachtung gemacht 
habe , daß Neger- 



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II. Die Einteiluns und Entstehung der Haustiere 



frauen an ihren Brüsten 
ein Ferkel säugen lie- 
fien, Bo könne man dar- 
aus noch nicht im ent- 
ferntesten den Schluß 
ziehen, daß sich auf 
ähnliche Weise die 
Aufzucht der ersten 
großen Haustiere ge- 
staltet habe. 

Die Mucke sehe 
Anschauung mag für 
einzelne Fälle zutref- 
fen, für andre dagegen 
nicht, wie die Reliefs 
auf den Goldbechern 
von Vaphio') be- 
weisen (Fig. 1 u. 2), 
Auf diesen , die in einem 
altgriechi sehen Kup- 
peigrabe aufgefunden 
wurden und der my- 
kenischen Zeit (etwa 
1000 V. Chr.) angehü- 
ren, ist die Zähmung 
des Urs dargestellt. 
Jäger sind bestrebt, 
einen Wildstier in ein 
Jagdnetz zu treiben, 
in dem er sich ver- 
wickelt. Ein zweiter 
entkommt, ein dritter 
spießt einen Jäger auf 
(Fig. 1). Aufdemzwei- 
ten Becher wird ein 
Wüdrind am Strick 
geführt, darauf folgen 
zwei weitere, die mit- 

')K.Kellera.ft.O. 



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12 1 • Absahnitt. Die loolog. Stollung v. gMohicbtL Entwicklung der HMstieie. 

einander spielen, und endlich ein drittes, ruhig grasend (Fig. 2). Der 
Künstler hat damit den Vorgang der Zähmung lückenlos dargestellt, 
doch handelt es sich bei den Bindern dei Goldbecher nicht um direkte 
Beobachtungen, sondern um freie Nachahmungen altbabylonischer oder 
assyrischer Darstellungen*). 

Nach Pauaaoias wurden die Ochsen in Päonien — gemeint sind 
Auerochsen — , weil sie sich schwer fangen ließen und kein Netz fest 
genug war, ihrem Andrang standzuhalten, auf Hügel getrieben, an 
die sich Gruben anschlössen. Vor der Orube wurde die abschüssige 
Stelle vorher mit frischen Oehsenhäuten bedeckt, auf denen die Tiere 
rutschten, um dann sich überschlagend in die Grube zu fallen. Dort 
ließ man sie einige Tage hungern, worauf sie dann gefesselt fortgeführt 
wurden') , 

Die Zähmung scheint sich demnach je nach dem Charakter der 
einzelnen Völkerschaften und den Lebensgewohnheiten der Tiere ver- 
schieden gestaltet zu haben und das eine Mal auf friedlichem Wege, 
das andre Mal dagegen durch Anwendung von Gewalt erfolgt zu sein. 

Nachdem Rind und Ziege Haustiere geworden waren, ließ sich die 
Domestikation andrer Gattungen verhältnismäßig leicht ausführen. Man 
fing die Jungen ein und zog sie mit Milch, vielleicht auch am Euter 
andrer Arten auf. So haben unter Umständen Eselstuten in gleicher 
Weise die Ammen für die ersten Pferdefohlen. abg^eben, wie die Mon- 
golenstuten für die Przewslskifohlen, die Hagenbeck aus der Dsungarei 
eingeführt hat. 

Die Zähmung erfolgte wohl zunächst zum Vergnügen und erst später 
zur Gewinnung von Fleisch, Milch, Wolle und Arbeitskraft, also wegen 
eines wirtschaftlichen Vorteils. Möglicherweise wurden auch einzelne 
unserer heutigen Haustierarten in Gehegen eingefangen« um jederzeit als 
Opfertiere zur Verfügung zu stehen, woraus sich ihr späterer Haustierr 
zustand entwickelte'). 

Was die Beteiligung der einzelnen Erdteile an der Lieferung der 
Haustiere anlangt, so hat man nach K. Keller*) das südhche und 
mittlere Asien ab Urheimat der chinesiEchen Schweine, der Büffel, 
Zebus, Kamele, Gninzochsen, edlen Pferde, des Huhns, Pfaus und einiger 
Hunderassen anzusehen. . i 

') Otto Koller, Die antike Tierart. Leipzig 1009. S. 343. 
*) UbT. X, Kap. 13. 

*) Hahn, Die Hauaticre und ihre Bczieliungen zur Wirtschaft der Mensohen. 
Leipzig 1896. S. 93. 

-) K c 1 I r r. Die Abstammung usw., S. 31. 



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II. Die Eiateilung und EatetehiiDg der Huutiere. 13 

Im westlichen Asien entstanden die Hauazi^, einige Schafrassen, 
die edleren Formen dea Esels, in Noidasien das Renntier. £urop&isclieu 
Uiapnings sind die langköpfigen Schweine, die nordischen Schafe, die 
schweren Pferde und die großen Bindertypen, während Afrika mit Aus- 
nahme der Katze, des Perlhuhns and neuerdings des SträilBes nicht 
viel und Australien nichts geliefert hat. Aus Amerika stammt nur das 
Truthuhn. 1 

Jedenfalls sind einzelne Haustiergattungen aus mehreren wilden 
Stammfonnen hervorgegangen, die aber uraprtinglich.^j^en gemein- 
samen Arten- resp. Oattungsrepräsentanten besaßen^ sj^e^cr bildete 
dann aber bereits in seiner Wildform vielfach Lokalf,yju^, aus denen 
die verschiedenen HaustienasBen entstanden. So hat^^af d^ry schon 
verschiedene Varietäten des Hipparion feststellen köoneii^). v 

Zuerst beeinflußten Boden und Klima die Wildfopnep und dann 
im Verein mit der Zuchtwahl und der besseren Haltung ^ie gezähmten 
Bässen. 

Die Domestikation hat bei den Haustieren wesentliche Verände- 
rungen hervorgerufen, die in ihrem Grade von der Tiergattung uqd von 
der Art der Haltung und Leistung abhängig sind. Difrch die Beschrän- 
kung in der Freiheit und damit in der Bewegung, dui^ Ausschaltung 
des Kampfes ums Dasein, durch Aufzwingen einer bestTiiamten Nahrung 
hat die normale Widerstandskraft der Tiere gelitten, ui\d es haben eich 
Krankheiten, von denen hier nur auf die Tuberkulose, ^e Rachitis und 
den Abortus hingewiesen sein mag, eingestellt, welche^ did betreffenden 
Wildformen verschonen. . ,. 

Mit der Domestikation vernngerte sich der Sel^terhaltungetrieb 
und mit ihm der Instinkt, die Formen verloren oft die natürÜche Anmut, 
nahmen einen Leistung8t3rp an, wurden vielfach plumper und die Be- 
wegung schwerfälliger. Die Wildfarbe machte der helleren Farbe, dem 
Leucismus oder dem Albinismua Platz, und selbst geschlechtliche Ab- 
normitäten, wie Belegung von Tieren aus andern Gattungen utod die 
Onanie, stellten sich ein. Anderseits hob eich die Leistung nament- 
lich in bezug auf die Verwertung von konzentriertem Putter, die 
Fruchtbarkeit nahm ebenfalls zu — Schwein — und besonders in der 
Milchprodnktion haben die Kulturrassen die WildfoFiAttn ' bei'-'W^tem 
überflügelt. ' ■ ''-' '■■•' 



>) Zitiert nach K r a e m e r. Aus Biologie, Tierzucht und Raasengeschichte. 
Stuttgart I912. Bd.I, S. 11«. ' ... 



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\4 1' Abschnitt. Die z4xi)og. Stellung n. geechichtL Entwicklung der Haiurtiere. 



III. Die prähistorischen Vorfahren unserer Haastiere. 

Die Paläontologie, die Lehre von den alten Lebewesen (J^ö-fo« twv 
xakfimv 8vt(uv), teilt die Eidschichten in 4 große Gruppen oder Welt- 
alter, die wiedeium in einzelne Systeme zerfallen'). 
I. Archäisches Weltalter. 
II. Paläozoisches Weltalter, 

1. Kambrisches System, 

2. Silursystem, 

3. Devonsystem, 

4. Karbonsy Stern (Steinkohlen form ation), 

5. Permaystem. 

III. Mesozoisches Weltalter, 

1. Triaasystem, 

2. Jurasystem, 

3. Kreidesyatem. 

IV. Kainozoisches Weltalter, 

1. Tertiäisystem, 

a) Eocän, 

b) Oligocän, 

c) Miocän, 

d) Pliocän; 

2. Quartärsystem, 

a) Diluvium (Pleiatocän), 

b) Alluvium (Jetztzeit). 

Die Entstehung der Ordnung der Ungulaten fällt in der Haupt- 
aache in das untere Eocän, die älteste Schicht der Tertiärformation. 

Soweit unsere Haustiere in Frage kommen, interessieren uns hier 
nur die prähistorischen Vorfahren der Huftiere, deren gemeinsame 
Stammform wahracheinlich die bie heute nicht bekannten Urhuftiere 
(Condylarthra) des Tertiär darstellen. 

Die wichtigsten Vertreter der Unpaarhufer aind die Equiden, die 
in die vier Unterfamilien der Hyracotheriinae, der Palaeotheriinae, der 
Anchitheriinae und der Equinae zerfallen'). 

Die Hyracotheriinae haben vom 4, hinten 3 Zehen und stammen 

') V. Zittel, Grandzüge der Paläontologie. München und Leipzig 1911. 
Bd. I, S.6. 

') V. Z i 1 1 o I a. a. O. Bd, II, S. 457. 



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III. IHe pr&hiBtoriacheii Vorfahren i 



r Haustiere. 



15 



aus dem Eocän Noidamerücaa. Die zweite Unterfamilie, die der Palaeo- 
theriinae, ist die artenreichste und bildet die Stammform der Equiden 
der Alten Welt im Eocän und Obgocän. Die Körpergroße der einzelnen 



Flg. S. PgU«otberium nukKnnin aus it^ai EocSu und Xiocln. (S'afli Zittel.) 

Arten schwankt hier zwischen derjenigen eines Schweins und eines 
Rhinozeros. In ihrer ganzen Erscheinung stark an den Tapir erinnernd, 
besitzen sie 44 Zähne — je 4 Prämolaren — und kurze, dicke, dreizehige 



Fig.« 




bin vierte Zehs. 



Unterfuße, deren Seitenzehen den Boden berühren und der Mittelzehe 
an Stärke nur wenig nachstehen (Fig. 3 u. 4). 

Durch rUckschreitende Entwicklung der Seitenzehen — Rudi- 
mentation — entstand im Miocän das Anchitherium mit kürzeren Seiten- 




zehen (Fig. ö), das vom Hipparion, einem älteren Vertreter der Unter- 
familie Equinae, im Pliocän abgelöst wurde (Fig. 6). Dieses lebte in 
Rudeln, war besonders in Europa stark verbreitet und glich im Aussehen 
und in der Größe dem Esel, besaß aber noch die in weiterer Rückbildung 
begriffenen Seitenzehen (Fig. 7), die dem Pferde fehlen, jedoch in 



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16 !• Abaobnitt Die zook^. Stellung n. geaohichtl. Entwioklnng der Hanstio«. 

seltenen Fällen als atavistische Anklänge b^ einzelnen Tieren wieder- 
kehren*). 

;- - Ana desi-Htpparion wurde der Equus fossilis und aus diesem unser 
heutiges Pferd, das als Wildform im Diluvium Europas eine große Ver- 
breitung besaß und das Hauptwild der Faläolithiker abgab*). 



I^^g. I. Hipporion aus dem anteren Püacjln. (Nach Zittel.) 

Nach den Untersuchungen von M a i s h ist Amerika, das bei der 
Entdeckung durch die Spanier kmne Pferde beherbergte, überaus reich 
an prähistorischen Pferden geweseu, deren Entwicklungsreihen eine große 
Vollständigkeit aufweisen. Im unteren Eocän Amerika« findet sich der 



Fig. 7. Eechur BinCerfnS von Bipporlon. (Kecb Zittel.) 

kleine E o h i p p u s, etwa von der Größe eines heutigen Fuchses, vom 
mit i vollständigen und einem Best der 5. Zehe, hinten 3 Zehen. Der etwas 
größere Orohippus des oberen Bk)Cän weist von der 5, Zehe keine 
Spuren mehr auf und der etwa die Größe eines Schafes besitzende M e s o- 
h i p p u B des unteren Miocän hat nur noch 3 Zehen und daneben vorne 

I) Lindemann, Über Polydaktylie beim Einhufer. Inaug-DisB. Kiel 1909. 

') Die Kntturentwicklung des Menschen gliedert sich in vier Stufen: a) Die 
ältere Steinzeit — Paläolithikum (Diluvium), b) Die jüngere Steinzeit — Neo- 
lithikum (Alluvium), c) Die Bronzezeit (Alluvium), d) Die Eisenzeit (Alluvium). 
Neuerdings stellt maji der älteren Steinzeit wohl auch noch die primitivere eolithische 
Stufe, in der der Anfang, die Morgenröte der Kultur, zu suchen ist, voran (Diluvium). 



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III. Die ptähistorüchen Vorfahren unserer Haustiere. 17 

einen Beet der 4. Zehe. Drei gleichstarke Zehen vorn und hinten finden sich 
beim wieder etwas größeren Miohippus im oberen Miocän. Etwa 
von GselgröBe ist der Protohippus des unteren Pliocän, der schon 
pfeideähnlicher aussah und entsprechend dem Hipparion der alten Welt 
eine mittlere starke und 2 schwächere Seitenzehen, die den Boden nicht 
mehr berühren, aufweist. Im mittleren Pliocän schließt sich an der 
durchaus pferdeähnlich gebaute Pliohippus, dem die Seitenzehen 
fehlen und auf den als letzte Stufe das Pferd (Equus caballus) im oberen 
Pliocän folgt. 

Man hat dieser Funde wegen den Bildungsherd des Pferdes nach 
Amerika verlegt^), von wo aus es nach Asien zur Zeit, als beide Erdteile 
noch miteinander verbunden waren, über^ewandert sein soll. Die Gründe 




Fig. S. RecbtPi' HintertDB 



für sein späteres vollständiges Aussterben in Amerika sind unbekannt. 
Jedenfalls darf man mit einer gewissen Sicherheit annehmen, daß alle 
unsere heutigen Pferderassen von altweltlichen Wildpferden abstammen. 

Schweine und Wiederkäuer haben eine gemeinsame Stammform und 
sind jüngeren Datums als die Equiden. Die Suiden erscheinen im Miocän, 
die Oviden und Boviden im Phocän, doch sind die letzteren dann nament- 
lich im Diluvium zahlreich vertreten. 

In der älteren Steinzeit lebte der Mensch, über dessen Entstehung 
wir weder in zeitlicher noch organischer ICnsicbt auch nur eine an- 
nähernd befriedigende £unde haben, als Troglodyte in Höhlen, und 
zwar ohne Haustiere. Diese erscheinen erst in der späteren Steinzeit, 
nachdem sich die Bevölkerung dem Ackerbau und der Viehzucht zu- 
gewendet und sich in Seen und Sümpfen Wohnungen auf Pfählen gebaut 
hat, um sich gegen menscbUche und tierische Feinde zu schützen. 

Den Beigen als Haustiere eröffneten jedenfalls Hunde und Binder, 
dann folgten Schafe, Ziegen und Schweine, während das Pferd, wie 
Enochenfunde und Bronzegehisse beweisen, vermutlich erst in der 
späteren Pfahlbauzeit — Bronzezeit — dazukam, nachdem es vorher 
wohl ausschließlich gejagt worden war. Wahrscheinlich ist aber die Beihen- 
folge bei den verschiedenen Urvölkem nicht überall die gleiche gewesen, 
sondern durch ihre wirtschaftliche Eigenart bestimmt worden. 

I) Keller, Nftturgeechichte der Haustiere. Berlin 1905. S. 204. 
Faach-Hanssn, Alls«melDe Tierzucht. 3. And. 2 



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lg I. AbBcbnitt. Die zoolog. Stellung u. gesshichtL Entwicklung der Haustiere. 



IT. Die wilden Stammformen der wichtigsten Haustiere. 

Das Pferd dürfte zuerst in den weiten Steppengebieten Zentral- 
aaiens zum Haustier geworden sein und sich von hier aus weiter ver- 
breitet haben, wenigstens soweit es sicli um orientalische (warmblütige) 
Pferde handelt. Man nimmt heute an, daß der EquusPrzewalski 
als Stammform hierfür in Frage kommt. 

Die Przewalskipferde sind benannt nach dem ruBsischen Reisenden 
gleichen Namens, der sie im Jahre 1879 in der Umgebung von Kobdo 



Fig. ». Eqnu^ Przen-alxki. 

in der Dsimgarei entdeckte (Fig. 9). Nachdem bereits im Jahre 1899 der 
als Tierzüchter bekannte Grundbesitzer Falz-Fein in Askania-Nova 
in Taurien Przewalskipferde auf sein Gut zu Versuchszwecken eingeführt 
hatte, hat Hagenbeck bald darauf eine größere Expedition aus- 
gerüstet und durch diese 52 Fohlen in der mongohschen Steppe einfangen 
lassen, von denen 48 lebend nach Hamburg gelangten'). 

Man hat die Herde nach der Abfohlperiode im Mai an der Tränke 
aufgescheucht und die ermüdeten Fohlen mit Schlingen gefangen. Die 
Tierchen wurden dann im Lager von mongolischen Mutterstuten, die man 

1) Hagenbeck, Von Tieren und Menschen. Berlin. S. 185. 



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IV. Die wilden SUiinniformeQ der wichtigsten Haustiere. 19 

in großer Zahl zur Verfügung und deren Fohlen man getötet hatte, ge- 
säugt und dadurch am Leben erhalten. 

Die Frzewabkipferde sind gelb mit hellem Bauche, schwarzen Beinen 
und schwarzem Rückenatreifen und erinnern in ihrer Größe und ihrer 
Figur an das kleine russische bzw. finnische Bauempferd. In der Kopf- 
form haben sie auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Norweger (Fig. 10), 
während der Schwanz in seinem oberen Teile nicht so stark wie beim 
Pferde, sondern schwach wie beim Maultier behaart ist. Kastanien sind 
an den Vorder- und Hinterfüßen vorhanden. 

N o a c k hat in dem Przewabkipferd nur die Stammform der Ponys 
sehen wollen. Ob dies zutreffend ist oder ob wir von diesem Wildpferd 



Fig. Id. Norwegiicber OudbrandsdAl-Scblag. 

sämtliche warmblütigen Pferde abzuleiten berechtigt sind, steht noch 
nicht fest. Anzunehmen ist jedenfalls, daß die occidenta lisch en (kalt- 
blütigen) Pferde andern Ursprungs sind. N e h r i n g hat hierüber gründ- 
liche Untersuchungen angestellt und nachgewiesen, daß zur Diluvialzeit 
in Europa ein schweres Wildpferd gelebt hat. Reste davon sind ver- 
achiedenthch gefunden worden. In diesem Diluvialpferd dürfte die 
Stammform der Kaltblüter zu suchen sein. Da diese Pferde noch heute 
im wesentlichen auf da« westliche Europa beschränkt sind, so hätten 
sie sich von ihrem Bildungsherd nicht allzuweit entfernt. Die Zähmung 
des Pferdes in Europa dürfte verhältnismäßig spät erfolgt sein. Denn 



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20 1' Abschnitt. Die zoolog. Stellung u. geBshichtl. Entwicklung der Haustiere. 

im neolithischen Zeitalter bt es noch selten zu finden. Selbstverständ- 
lich können beide Typen in einer weiter zurückliegenden Zeit eine 
gemeinsame Stammform gehabt haben , wie D u e r s t dies für den 
im AnauhUgel in Turkestan gefundenen Equus caballus Pompellii 
annimmt*). 

Der Esel war in prähistorischer Zeit Ägyptens mindestens vor 
7000 Jahren schon Haustier. Darwin nahm an, daß sämtliche Haus- 
eselformen ihre Stammform in dem afrikanischen Steppenesel 
(Equus taeniopus) zu suchen hätten. Tatsächlich ist zwischen diesem 
und den zahmen Hauseseln in Eörperform und Zeichnung (Schulterkreuz 
und Querbinden) sehr viel Übereinstimmung vorhanden. Keller') 
gibt dies für die meisten Hauseeel zu, sieht aber für die wesentlich größeren 
und schöneren weißen oder isabellfarbigen Esel des Orients den n a g e r 
(Equus Onager), der in Syrien, Arabien, Persien und Indien vorkommt, 
ab Stammform an. 

Die Abstammung des Rindes stellt heute noch eine umstrittene 
Frage dar. Allgemein ist man aber der Annahme, daß in dem U r eine 
Stammform zu finden ist. Vom Ur oder Auerochsen (Bos primigenius) 
sind Knochenreste in ganz Europa, in einem großen Teil Asiens und auch 
in Nordafrika gefunden. Zur Diluvialzeit ist er mithin weit verbreitet 
gewesen. Er ist lange Zeit mit dem Wisent verwechselt worden, doch 
wissen wir heute bestimmt, daß Ur und Wisent nebeneinander gelebt 
haben. Die letzte Urkub ist 1627 verendet. Bildliche Darstellungen des 
Ur sind erhalten geblieben (Fig. 1 u. 2). Hieraus und aus den aufgefun- 
denen Skeletten können wir uns eine ungefähre Vorstellung machen. 
Wenn auch in der Größe sehr verschieden, so war der Ur doch in der 
Mehrzahl der Fälle größer als unser heutiges Hausrind. Er war von 
dunkler Farbe mit hellem Rilckenstreifen und trug auf dem Kopf starke 
Homer. Im Skelett und in der ganzen Form besteht eine weitgehende 
Übereinstimmung mit unserem Hausrind. 

Verschiedentlich hat man im Ur die alleinige Stammform des Kindes 
suchen wollen. N e h r i n g hat diesen Standpunkt mit aller Bestimmt- 
heit vertreten. Nach ihm soll auch das kleine Bind der Pfahlbauec, das 
sogenannte Torfrind, vom Ur abstammen und nur durch ungiinstige 
Verhältnisse — rauhes Klima, schlechte Ernährung und Haltung, viel- 
leicht auch Inzestzucht — eine Kümmerfonn darstellen. Neuerdings 

') D u e r B t, Deutsche landwirtachaftliohe Tierzucht, 1906, Nr. 33/34. Vgl. 
auch H e n s e 1 e r, Untersuchungen über die ^tammeages^hichtc der Lauf- und 
Schrittpferde. Hannover 1912. 

') Naturgeschichte der Haustiere. Berlin 1905. S. 218. 



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IV. Die wilden Stammformen der wichtigsten Baustiere. 21 

h&t Dueist^) diesen Standpunkt wieder vertreten; er nimmt an, 
daß die erste Zähmung in Indien vor 7000 — 8000 Jahren v. Chr. ge- 
schehen sein soll, womit na.türlich nicht ausgeschlossen ist, daß in späterer 
Zeit auch anderswo, z. B. in Europa, eine Domestikation erfolgt sein kann. 
Demgegenüber hat schon ß ii t i m e y e r^} betont, daß nur ein Teil 
unserer rezenten Rinderformen vom Ur abstammt, in erster Linie die 
als Bo8 taurus primigenius bezeichnete Gruppe, während die Kutzhom- 
rinder (Bos taurus brachyceros), z. B. das Torfrind und das Braunvieh 
der Schweiz, sich nicht auf den Ur zurückführen ließen. Er heß die 
Frage nach der Stammform dieser Gruppe offen, deutete aber an, daß 
Zebu unä vielleicht auch Banteng bei ihrer Entstehung beteiligt sein 
könnten. C. E e 1 1 e i*) hat dann auf Grund seiner Studien bestimmt 
behauptet, daß der Zebu als Haustierform des Banteng (Bos sondiacus) 
anzusehen sei uüd daß man in dem Bantengrind einen Ausläufer der 
Zehogruppe zu suchen habe. Die Kurzhomrinder wären demnach von 
dem Banteng abzuleiten und wir hätten für unser Hausrind eine diphy- 
letische Abstammung anzunehmen. In neuester Zeit hat L a u r e r*) 
diese Anschauimg Kellers auf Grund eingehender Studien widerlegt 
und nachgewiesen, daß der Banteng bei der Entstehung unserer Haus- 
linder nicht beteiligt gewesen sein kann. 

Für das von allen andern Rindergruppen abweichende rote Steppen- 
vieh in den Steppengebieten des südöstlichen Rußlands hat Stegmann 
anderseits aus der Homform imd sonstigen Merkmalen des Schädels 
die Annahme begründet, daß es aus einer Kreuzung des Zebu mit Haus- 
rindem entstanden sei. Er nennt diese Gruppe der eigentümlichen 
Homstellung wegen das aufrechthomige Rind (Bos orthoceros)*). Die 
Abstammung des Hauarindes ist demnach noch nicht völlig klargestellt, 
doch ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß zwischen Ur und Hausrind 
verwandtschaftUche Beziehungen vorhanden sind. 

Was einzelne Rinderrasaen anbetrifft, so hat D e 1 1 w e i 1 e r'} die 



') Witckens, Gnmdzüge der Naturgeschichte der Haustiere. 2. Aufl. 
von U. Duerst. Leipzig 1905. 8.251. 

*) Rütimeyer, Versuche einer natürlichen Gesihiohte der Kinder. Denk- 
aehrift der Schweii. Naturforachergesetlsohaft 1867. 

») Keller ii.a.0. S, 133. 

') Berichte des Landwirtschaftlichen Instituts der Universität Königs- 
berg i, Pr., Heft 14. — Q, Lanrer, Beiträge zur Äbstammungs- und Rassen- 
kunde des Hausrindes. Berlin 1913. 

*) Stegmann, Jahrbuch für wissenschaftliche und praktische Tierauclit, 
7. Jahrg. Hannocer 1Ö12. S. 49. 

•) Mitteilungen der Deute:hen Landw. GeseUsoh. löll, St. 33/35. 



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22 l- Abschnitt. Die zoolog. Stellung u. geschicbtl. Entwicklung der Haustiere. 

Behauptung aufgestellt, daß entgegen der sonst meistverbteiteten An- 
nahme das rote Landvieh als den Germanen, das echwarz- und rotweiße 
ab den Kelten eigentümlich anzusehen sei. 

Das S c h a f ist in Mitteleuropa verhältnismäßig spät Haustier ge- 
worden. In den ältesten Pfahlbauten findet es sich nicht häufig und erst 
zur Bronzezeit tritt es zahlreicher auf. Am ältesten ist das Torfschaf 
(Ovis aries palustris), ein kleines Tier mit zweikantigen, seitlich zu- 
sammengedrückten Hörnern und spärlichem Wollwuchs. Mit dem Eintritt 
in die Metallzeit tritt dann das wesentlich größere Bronzeschaf auf, 
dessen Wollwuchs besser war. Die Abstammung der Schafe ist noch 
nicht einwandfrei festgestellt. Jul. Kühn hielt den kleinen slideuro- 
päiachen Mufflon (Ovis musimon), ein kleines Wildschaf mit starkem 
Gehörn, für die Stammform sämthcher zahmen Schafe, weil es sich mit 
allen als unbeschrankt fruchtbar erwiesen hatte. Demgegenüber be- 
hauptet N e h I i n g, daß mehrere Stammformen in Frage kommen, und 
zwar neben dem Mufflon das am Kaspischen Meer bis nach Persien vor- 
kommende Steppenschaf (Ovis arkal), und außerdem vielleicht 
noch die Argalischafe Asiens. C. Keller*} hat ebenfalls drei Stamm- 
formen angenommen. Von dem Mufflon sollen nach ihm die kurz- 
schwänzigen Schafe, wie die nordischen Heideachafe und ebenso die 
Marschschafe, sich herleiten. In dem Arkal nimmt er in Übereinstimmung 
mit Behring die Stammform der Merinos an, in einem afrikanischen 
Bildungsherd, der von dem Mähnenschaf (Ovis tragelaphus) herrührt, 
diejenige einer Keihe von afrikanischen Hausschafen, aber auch diejenige 
des Torfschafes Europas. 

Die Hausziege tritt in den älteren Pfahlbauten stärker auf als 
das Schaf, während in der jüngeren Pfahlbauzeit ein umgekehrtes Ver- 
hältnis sich einstellt. Als Stammform unserer wichtigsten Hausziege 
ist die braune wilde Bezoaiziege (Capra aegagnis) anzusehen. Für 
die mit eigenartigem dichtem, langem, seidenglänzendem Haar aus- 
gestattete Angoraziege, die wie die Kaachmirziege als Wolltier gehalten 
wird, denkt Keller an eine Abstammung von der Schrauben- 
ziege (Capra Falkoneri), deren Heimat im Himalayagebirge zu suchen 
ist, während er für die in Ostindien namentlich auf den malaiischen 
Inseln gehaltenen hochbeinigen Ziegen mit schafartigem Kopf und auf- 
fallenden hängenden, breiten Ohren sowie dickem Gehörn eine dritte 
Stammform in dem T a h r (Capra jemlaica) annimmt*). 

>) K e 1 1 e r s. o. O. S. 158. 
*) K e 11 e r a. a. O. S. 186. 



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IV. Die wildrai StainniiormeD der wichtigsten Haustiere. 23 

Für das Haasschwein sind die ÄbstammungsveTtältnisse 
schon durch die Forscbnngwi von Hermann t. Nathusius') 
klaif^tellt. Als Stammform kommt nur die Gattung Sus in Frage und 
zwar eineiB^ta das europäische gemeine Wildschwein (Sus 
auoU ferus) und anderseits das asiatische Bindenschwein (Sus 
vittatuB, von Nathusius als Sus indicus bezeichnet). Der Unter- 
schied zwischen den beiden Megt im wesentlichen dann, daß die euro- 
päischen "Wildschweine einen verhältnismäßig schmalen langen Schädel, 
ein niedriges Tränenbein und eine gleichmäQig breite Gaumenplatte mit 
parallel verlaufenden Backzahnreihen besitzen, während die Binden- 
Bchweine einen kürzeren breiten Schädel, ein kurzes, beinahe quadratisches 
Tränenbein und einen breiten Gaumen mit nach vom auseinander- 
weichenden Backzahnreihen aufweisen. In dem europäischen gemeinen 
Wildschwein ist die Stammform der alten unveredelten Landschweine 
mit ihrem hochgestellten, fiachen, karpfenrUckigen Rumpf und dem 
langen schmalen Kopf zu suchen, während die asiatischen Hausschweine 
mit ihrem niedriggestellten breiten Rumpf, dem mehr geraden oder ein- 
gesenkten Rücken und dem kürzeren breiteren Kopf vom Sus vittatus 
abstammen. 

Die ersten Hausach weine aus prähistorischer Zeit hatRütimeyer') 
in dem Torfschwein (Sus palustris) der Pfahlbauten ermittelt. Es 
handelt sich um ein feines und schlankes Tier mit einem auffallend kurzen 
Gesichtsteil, dessen Abstammung vom Sus vittatus kaum bestritten 
werden kann. Der älteste Bildungsherd der Schweine muß deshalb in 
SudoBtasien gesucht weiden, und von hier müssen schon in prähistorischer 
Zeit Schweine nach dem Westen, insbesondere nach Europa, gekommen 
sein. Erst später mit der jüngeren Steinzeit haben unsere Vorfahren 
das Wildschwein ihrer eigenen Heimat gezähmt und zum Haustier 



Die beiden Formen sind vielfach miteinander vermischt worden. 
Aus solchen Kreuzungen sind die Schweine des südlichen und süd- 
östhchen Europas und, was von besonderer Bedeutung ist, vom 
Anfang bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auch die frühreifen eng- 
lischen Mastschweineschläge entstanden. Die Geschichte der Haus- 
schweine hat H o e s c h in eingehendster und sorgfältigster Weise 
dargestellt'). 

') H. T. Nathusius, Vorstudien zur Geschichte und Zuoht der Haustiere. 
BerUu 1864. 

*) Rütimeyer, Die Pfahlbauten in der Schweiz, 1862. 

*) Hoosch, Die Schweinezucht, Bd. L Hannover 1911. S. 77. 



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24 !• Atwchnitt. Die zoolog. Stellung u. geschieht]. Eatwickliu^ der Haustiere. 

Auf die Abstammung der übrigen Haustiere soll hier nicht ein- 
gegangen werden^). 

T. Die Uanstlere Im Altertum. 

Die Haustiere cind, allgemein betrachtet, älter als die Geschichte. 
Die Domestikation hat zwar aller Wahrscheinlichkeit nach bei den ein- 
zelnen Völkern zu verschiedenen Zeiten stattgefunden, alle aber besaßen, 
ale sie in die Geschichte eintraten, entweder sämtliche oder doch wenig- 
stena mehrere, und zwar die wertvollsten der heutigen Haustiergattungen. 

Eine Ausnahme hiervon machen indessen die Erdteile der neuen 
Welt, Amerika, das, wie schon erwähnt, überaus reich an fossilen 
Equiden ist, hatte, ebenso wie Austrahen, zur Zeit der Entdeckung 
weder Pferde noch Rinder, und alles das, was heute dort an Vertretern 
dieser Tiergattungen vorhanden ist, gründet sich auf die durch Kolonisten 
bewirkte Einfuhr aus der alten Welt. 

Von den alten Kulturländern beanspruchen Babylonien und 
Assyrien eine ganz besondere Beachtung, weil die Ausgrabungen 
der Neuzeit am Euphrat und Tigris wichtige Dokumente zutage ge- 
fördert haben, aus denen die Bedeutung Babylons als ältesten Kultur- 
trägers hervorgeht. 

Nachdem Hammurabi, ein Zeitgenosse Abrahams, der Amraphel 
der Bibel'), die Elamiten aus dem Lande vertrieben und Nord- und 
Südbabylonien etwa um das Jahr 2250 v. Chr.*) vereinigt hatte, erließ 
er ein sehr umfangreiches und eingebendes Gesetz, welches das bürger- 
hche Recht regelte. Dieses war in Keilschrift auf einer Stele, einem 
Bäulenartigen Grabstein, eingemeißelt und wurde bei den französischen 
Ausgrabungen in Susa im Winter 1901/02 durch den Führer derselben, 
J. de Morgan, fast vollständig aufgefunden''), indem von 44 Reihen 
Schrift nur 5 weggemeißelt waren. 

Dieses Gesetz regelt das Strafrecht, Sachen-, Familien- und Erb- 
recht und enthält Strafandrohungen über den unrechtmäßigen Erwerb 
von Sklaven, Rindern, Eseln, Schafen und Schweinen, die dem Gotte 
oder dem Hofe gehören, also als Opfer- oder Haustiere gehalten wurden. 
Es werden dann für die operative Behandlung der Menschen und Tiere 

') In dieser Hinsicht ist zn verweisen auf Keller, Natu^eschicht« der 
Haustiere. Berlin 1905, und Wilckena, Grundzüge der Naturgeschichte der 
Haustiere. 2. Aufl. von U. Duerat Leipzig 1905. 

*) l.Mose 14. V. I. 

*) Babel und Bibel, erster Vortrag von Delitzsch. Leipzig 1903. S. 25. 

*) J e r e m i a B, Moses und Hammurabi. Leipzig 1903. S. 5. 



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V. Die Hftoatiere im Altertum. 25 

durch Ärzte und Tierärzte Taxen aufgestellt, welche die erfolgieicheo 
Bemühungen durch bestimmte Oeldentschädigungen belohnen, während 
anderseits Mißerfolge bei den Ärzten unter Strafen gestellt werden, wobei 
dem unglücklichen Operateur sogar die Hände abgehauen werden sollen. 

Femer wird bereits der Lohn für die Hirten geregelt, vom Rind- 
vieh im Gegensatz zum Kleinvieh gesprochen und der Mietpreis für 
einen Ochsen und Eael beim Dreschen bestimmt, wobei die Arbeits- 
leistung beider gleich bewertet ist. Falsche Angaben des Hirten über die 
Nachzucht und sonstigen Betrügereien werden unter Strafe gestellt. 
Der Besitzer ist mit einer bestimmten Summe haftbar, wenn sein Ochse 
einen Freigeborenen tötet, sofern er gewußt hat, daß der Ochse stößig 
ißt und er ihm trotzdem weder die Homer verbimden, noch ihn gefesselt 
hat. War ihm die Untugend nicht bekannt, fällt jede Haftpßicht 
dagegen weg*). 

Pferde werden in der Gesetzsammlung Hanunurabis nicht erwähnt; 
man kann deshalb wohl mit voller Bestimmtheit annehmen, daß sie 
den Bsbyloniem der damaligen Zeit unbekannt waren. Wann die 
Pferde ins Land gekommen sind, ist zweifelhaft, nach Otto Keller 
sollen die Babylonier und Assyrer aber bereits im 17. Jahrhundert v. Chr. 
Pferde vor dem Streitwagen benutzt haben'). 

Später war die Pferdezucht Babytoniens berühmt, denn als Cyrus 
538 das babylonische Reich erorbert hatte, hielt sich der von ihm ein- 
gesetzte Landpäeger ohne die Kriegsrosse ein Gestüt von 800 Beschälern 
und 16 000 Stuten*), Wenn diese Angaben auch übertrieben sein mögen, 
so sprechen sie doch für eine ausgedehnte Zucht im Lande. 

Die Assyrer verwendeten das Pferd den bildlichen Darstellungen 
nach bereits sehr ausgiebig, imd zwar im Wf^en und unter dem Reiter 
zur Jagd auf Löwen und Wildstiere (Auerochsen), und vermutlich haben 
nch die Könige Assumassirpal (880) und Assurbanipat (667) viel mit 
diesem nicht immer ungefährlichen Sport beschäftigt*). Im assyrischen 
Heere gab es auch bereits Reiter und mit Pferden bespannte Streitwagen'). 
Die Pferde vereinigten Blut und Körpermasse, hatten leicht im Profil 
geschnittene, trockne Köpfe, kräftige, gut aufgesetzte Hälse, leicht 
geneigte, volle Enippen, lange Schienen und sahen etwa aus wie die in 

') Winckler, Die Gesetze HamniuiabiB, Königs von Babylon, um 22S0 
V. Chr. Leipdg 1903. 

*) Die antike Tierwelt, S. 223. 

*) Herodot, Libr. 1. Abschn. 192 (überaetzt von Friedr. Longe). 

*) Delitzsch und Keller a.a.O. 

>) H o m m e 1, Geschichte Babyloniene und AsBytiene. Berün 1869, S. 78. 



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26 !• Abschnitt, Die zootog. Stellmig U. geechichtl. Entwicklung der Haostiece. 

Rußland gezogenen leichteren Wagenpferde mit etwas arabischem Ein- 
schlag, denen sie auch in der Größe glichen. Die Mähne war kurz ge- 
halten und der Schweif eingefloohten oder mit Bändern umwickelt 
(Fig. 11). 

Was die Rinder anlangt, so lebten nach Duetst von Wildrindern 
in Babylonien und Assyrien Wildbiiffel vom Typus des Bubalus ami^) 
und Auerochsen. Aasumaesirpal soll in einigen wenigen Tagen 50 Auer- 
ochsen erlegt und 30 lebend in seine Hände bekommen haben'); von 
Tiglathpilesei (etwa 1100 v. Chr.) wird berichtet, daß er am Fuße des 
Libanon junge Wildochsen ßng und Herden von ihnen zusammenbrachte'). 

Der Ur oder Auerochse damaUger Zeit, Bemitisch rimu genannt, ist 
der röem der Hebräer, der in der Übersetzung zu Unrecht mit „Ein- 
horn" bezeichnet wird*)*)*). Die zahmen Rinder gehörten in der Haupt- 
sache der Zeburasse an. 

Daß bereits in früher Zeit der Rindviehhaltuag eine große Beachtung 
geschenkt wurde, beweist die Gesetzgebung Hammurabis, sowie auch 
der Umstand, daß Tiglathpileser von seinen KriegszUgen in Palästina 
und Arabien gegen 20 000 Rinder mit nach Assyrien brachte. Aus der 
erwähnten Gesetzsammlung geht ferner hervor, daß bereits im alten 
Babylon Esel, Schafe imd Schweine gezüchtet wurden, auch soll nach 
H o m m e 1 außerdem noch die Ziege als Haustier vorhanden gewesen sein. 

Was die Perser anlangt, so spielt der Viehreichtum schon bei 
ihren iranischen Vorfahren eine große Rolle. 

Im Zendavesta, den altpersischen (parsischen) Religionsbücbem, 
weiden auf Zarathustras Befragen von Ahuramazda, dem Schöpfer 
und Regierer der Welt, fünf Dinge aufgezählt, die „der Erde am an- 
genehmsten sind", und bei der Beantwortung von Frage 2 heißt es dann, 
„daß ein heiliger Mann sich dort eine Wohnung erbaut, versehen mit 
Feuer, Vieh, Frau, Kindern und großen Herden", und bei Frage 4, „wo 
am meisten Vieh und Zugtiere geboren werden"'). Im Werte folgten 
aufeinander von unten nach oben Eselstute, Kuh, Pferdestute und 
Kamelstute, denn letztere erhielt der Arzt als Lohn für die Heilung einer 

') D u e r s t. Die Rinder von Babylonien, Assyrien und Ägypten. Berlin 
1899. S.7. 

■) H o m m e I, S. 679, 

») Deagl. S. 532. 

•) Hiob 39, V. 9; 5. Mose 33, V. 17 und a. a. 0. m. 

') D c 1 i t z s h. Babel und Bibel, zweiter Vortrag. Stuttgart 1903. S. 8. 

•) Duerst, S. 8- 

') Vendidad III, 8, 9, 17 (S p i o g c 1 scho Übersetzung). 



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V. Die Hauetiere im Altertum. 27 

Frau, deten Mann über eine ganze Gegend gebot, während die glückliche 
Kur bei einer gewöhnliehen Hausfrau nur mit einer Eselin bezahlt wunle*). 






II 



Als Entgelt für die Reinigung nach dem Umgang mit Leichen werden 
Tiere gegeben, wobei die Kamelstute dem Pferdehengat, dieser dem 
Zucht«tier und letzterer der Kuh voransteht'). 

Schafe und Ziegen werden ebenfalls gehalten'), doch scheinen 

') Vendidad VII. 110 o. t. 
•) Desgl. IX, 147—152. 
*) Desgl. VII, im. 



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28 !■ AbBchaitt. Die zoolog. Stellung u. gesohiohtL Elntwioklung der Hftustiera. 

Schweine ab Haustiere nicht vorhanden gewesen zu sein , obgleich 
ein zorniger, fetter Eber den Wagen Mithias, des Sonnengottes, be- 
gleitet^). 

Einzelne weiße, schmutzlose, hellglänzende Ff^e sind heilig und 
gehorchen himmlischen Befehlen*). Vier weiße Rosse ziehen den Wagen 
Mithias, verzehren himmlische Speise und sind unsterbhch'). 

Pferde dienen zum Reiten und finden vor dem Streitwagen und als 
Opfertiere Verwendung, Der Wassergöttin Ardvisura werden 100 Hengste, 
1000 Kühe und 10 000 Stück Kleinvieh geopfert*). Neben Tapferköt 



Fig. 1». ÖcLueie ultpertiiche Pferde nach «inem Reliet von Persepolia. 
(Aus Schflnbeck, Das Pferd uiw.) 

und Kindersegen wünscht man Freunden Reichtum an Rindern und 
Pferden'). 

Später haben die Ferser der Pferdezucht ihre besondere Aufmerk- 
samkeit zugewendet. Auf ihren Kriegszügen hatten sie bereits eine 
gewaltige Reiterei, und Xerxea fuhr auf einem Wagen, den nisäische 
Pferde zogen. Nisaeon war eine weite Ebene in Medien, welche die besten 
Pferde hervorbrachte und 10 000 Reiter stellen konnte'). Auf der 
großen Pf erde weide Hippobotos befanden sich zur Zeit der Perser 

') Khorda-Acest* XXVI, 127. 

•) Ya9na LVI, 11. 2. 

') Khorda-Avesta XXVI. 125. 

•) Desgl. XXI, 21. 

•) DeHgl. XL, 4. 

•) Herodot VII, 40. 



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V. Die Haiistieni im Altertum. 20 

50000 Stuten, und die Medei mußten den Persern jährlich gegen 
3000 Pferde und 4000 Maultiere ak Abgabe entrichten*). Auch Oppian 
erwähnt die Wiesen um Nisaeon als Heimat der schönsten Pferde'). 

AIb Xerxes durch Thessalien zog, veranstaltete er zwischea den 
durch ihre SchnelUgkeit bekannten thessalischen und den persischen 
Pferden einen Wettlauf, bei dem indessen die hellenischen Pferde 
den seinigen nicht folgen konnten'). Vegetius sagt, die Perser geben 
Pferde allen Ländern. Sie würden schleich erkannt an ihrem vor- 
nehmen Gange, auch sei ihr Hals so gebogen, daß man meine, er 
ruhe auf der Brust. Weiterhin bez^chnet er die persischen Pferde als . 
langlebig*). 

Herodot erwähnt bereits die reitende Post der Perser, die sich durch 
große Schnelligkeit ausgezeichnet habe. 

Jedenfalls hatten die Perser zwei Schläge, einen leichteren, gängigen, 
wannblütigen, wie ihn die Schriitsteller erwähnen, und einen stärkeren, 
gut gehakten mit nmder, abschüssiger Kruppe, etwa im Typus des 
leichteren, in seiner Heimat auch zu Artilleriezwecken benutzten Dänen, 
wie wir ihn aus einem Relief von Peisepolia') {etwa 450 v. Chr.) und aus 
nachchristlicher Zeit aus einem Relief von Kakschi Küstern — Sassa- 
nidenzeit — kennen'). Hiemach muß man aimehmen, daß das Schritt- 
pferd nicht nur in Europa, sondern auch in Asien entstand, daß es also 
in beiden Erdteilen durch Wahlzucht zur Heranbildimg eines schwereren 
Pferdes kam, sobald die Bedürfnisse des Landes und seiner Bewohner 
eines solchen benötigten. 

Im alten Ägypten stand die Tierzucht auf verhältnismäßig 
hober Stufe, und der Papyrus von Kafaun erwähnt auch bereits einige 
Behandlungsmethoden bei kranken Tieren^). Als das nützlichste Haus- 
tier galt das Rind, dessen Spuren bis in die Negadahperiode (3000 v. Chr.) 
zurückreichen, und dessen Herden den Reichtum der Großen ausmachten; 
wird doch berichtet, daß ein Landwirt des Alten Reiches außer einer 
großen Anzahl von Kleinvieh 1300 Kühe besessen habe'), ein andrer 
sc^ar 1235 Ochsen und 1220 Haupt Jungvieh der langhömigen Rasse, 

') Strabo Xr, Kap. 13, Abs^hn. 7 u. 8 (Forbiger). 
') Cynegetic. Libr. I. 
») Herodot VII. Kap. 41. 
*) Digcat. art. mulonied. IV, Kap. 6 u. 7. 

*) Schönbeck, Das Pferd und Beine Daratclliuig in der bildenden Kunst 
Leipzig 1908. S. 148. 

*) Hink. Zeitschrift für Gestütskunde 1909, S. 220. 

') Nef f ken. Der VeterinwpapyruB von Kahun. Berlin 19«. 

■) Erman, Ägypten und ägyptia;hcs Leben im Altertum. Tübingen. S. 580. 



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30 1. Abschnitt. IMe zoolog. Stellung Q. geschichtl. Entwicklung der Haustiere. 

außerdem 1360 Oclisen und 1138 Haupt Jungvieh der Kurzhomrasae 
sein eigen nannte'). 

Der Homioim nach gliederten sich die Rinder in langhomige, karz- 
homige und hornlose. Die Färbung wai sehr mannigfaltig, denn es 
kamen weiße, schwarze, hellgelbe und braune Tiere neben Rot- und 
SchwarzBchecken vor. 

Die Rinder weideten während des Sonuners im grasreichen Nildelta, 
das seiner sumpfigen Beschaffenheit wegen dem Ackerbau noch wenig 
zugänglich war. Dorthin hatten sie oft weite Strecken zurückzulegen 
und mußten auch häufig tiefe Wasserarme durchschwimmen, wobei ihnen 
nach den bildlichen Darstellungen*) die Hirten in Kähnen voran- und 
nachfuhren, die Kälber an den Vorderfüßen hinter dem Kahne herziehend. 




Eine Heide Langhomrinder, die am Ufer eines Nilarma steht, 
sehen wir auf einem Kalksteiurelief aus den Pyramiden von Gizeh, 
während Hirten sich anschicken, die Rinder beim Durchschwimmen in 
einem Kahne zu begleiten. 

Damit eine Verwechslung des Weideviehs nicht stattfand, wurden 
die Tiere der einzelnen Besitzer durch Brande gezeichnet. 

Die wirtßchafthche Verwendung des Rindes war eine sehr vielseitige. 
Es diente einmal zur Mast, und zwar wurde diese mit Brotteig betrieben, 
der, zu Nudebi gedreht, den Tieren ins Maul geschoben wurde. Die Priester 
erhielten täglich eine große Menge Rind- und Gänsefleisch gehefert*), 

^) Lenormaat, Le« premi^res civilisations. Paris 1874. S. 324. Zitiert 
von Duerst, S. 25. 

*) Lepsi US, Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien. Beriin. II. Bl. 104. 
') H e r o d o t. Libr. II, Kap. 37. 



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V. Die Hftustiere im Alt«rtum. 31 

sonst war aber der RindäeiBchgenuß beschränkt, da man Jiur Ocfasen, 
nicht aber Kühe schlachten durfte, weil die letzteren der lais ge- 
weiht waren. Der Opferstier wurde von eigens dazu bestellten Priestern 
auf das Vorhandensein von gewissen Äußerlichkeiten untersucht und 
nach befriedigendem Befunde auf den Hörnern mit einem Siegel ver- 
sehen. Die Opferung ungezeichneter Stiere wurde mit dem Tode bestraft*). 

Die Milchergiebigkeit der Kühe scheint nur mäßig gewesen zu sein; 
beim Melken mußten ihnen die Beine zusammengebunden werden, da- 
mit es ohne Störungen vor aich gehen konnte (Fig. 13). 

Sehr verschiedenartig war die Arbeitsleistung, denn Kinder zogen 
den P9ug und die SchiSe auf dem Nil, draschen mit ihren Fiißen das 
Gietreide aus und fanden auch als Tragtiere Verwendung. 

Endlich dienten Rinder zu Stierkämpfen, als Opfertiere und zur 
Verkörperung der Gottheit. Der Apiskult war schon im Alten Reiche 
vorhanden, gelangte indessen im Keuen Reiche zu ganz besonderer 
Blüte, wovon die Särge der Apisstiere aus dieser Zeitepoche Runde 
geben. Der Apisstier war schwarz mit keilförmigem Stern und weißen 
Flecken von besonderer Form auf dem Widerrist und dem Kreuze*); er 
galt als Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Urkraft der Natur, die beide 
für die Landwirtschaft von großer Bedeutung sind. Der Apis stand 
in Memphis in einem Tempel, in dem er weissagte und aufs sorgfältigste 
verpflegt wurde. Nach seinem Tode wurde er einbalsamiert und im 
Serapeum bw Memphis bestattet, wo Mariette im Jahre 1857 die Apis- 
sarkophage auffand. 

Außer den Rindern gab es im Alten Reiche noch Esel, Schafe, Ziegen 
und wahrscheinlich auch Schweine, obgleich die letzteren von den Künst- 
lern der älteren Zeit, wie E r m a n vermutet aus religiösen Gründen, 
nicht dargestellt wurden. Später muß ihre Zucht eine etwas größere 
Bedeutung gehabt haben, denn H e r o d o t (484 — 425 v. Chr.) sah auf 
seinen Reisen in Äg3rpteQ, daß Schweine zum Ein- und Festtreten des 
Saatkorns benutzt wurden, was im Alten Reiche Schafe besorgten. Außer- 
dem waren Schweine Opfertiere, die indessen nur der Isis und dem 
Osiris und zwar auch nur zur Zeit des Vollmondes dargebracht wurden; 
dann konnte auch deren Fleisch gegessen werden, was sonst verboten 
war. Denn Schweine galten als unrein, weshalb die Sauhirten keinen 
Tempel betreten und auch nur untereinander heiraten durften*). Diesen 
Widerwillen gegen das Schwein teilten die Ägypter mit andern afri- 

I) Herodot, Libr. II, Kap. 38. 

■) Strabo, Ubr. XVII, Kap. 1, Absohn. 31. 

■) Herodot, libr. n, Kap. 47. 



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32 I- AtMchnitt. Die zootog. Stellung o. geeobichtL Entwicklung der HaiutieFe. 

kaDischen Völkern des Altertums, wie ja auch mit den Juden, in der 
Annahme, daß das fette Schwein eÖMSch in dem wanneD Klima bösartige 
Hautkrankheiten — Aussatz — erzeuge. 

Was das Pferd anlangt, so war es im Alten Keiche unbekannt, wäh- 
rend die Esel auf ihrem Rücken den Komtrausport besorgten, mit ihren 
Hufen das Getreide draschen und zu zweien zusammengekoppelt die 
Sänften trugen, in denen die Großen des Landes ihre Reisen unternahmen. 
Wann das Pferd nach Ägypten gekommen ist, ist zv^'eifelhaft, ebenso 
ob dies durch die Hyksos geschehen ist, die um das Jahr 1800 v. Chr. 
Ägypten eroberten; jedenfalls hat die Einführung in der Zeitepoche 
zwischen dem Mittleren und Neuen Reiche stattgefunden*). Seit dem 
17. Jahrhundert sollen die Ägypter auf Streitwagen gekämpft') und 
schlanke, hochgestellte Pferde mit viel Aufsatz besessen haben. Sie 
waren im Auslande sehr begehrt, bezog doch der große Pferdefreund 
Salomo seine besten Pferde aus Ägypten. Homer rühmt die rüstigen 
] änner Ägyptens, die mit Rossen und Geschirren zum Streit ziehen^). 

Die Pferde der Großen trugen oft hocbkhngende Namen, die mit 
Krieg und Sieg im Zusammenhang standen. Sie werden immer als feurig 
und unruhig geschildert, so daß sie gern aufbäumen, weshalb außer dem 
Wagenlenker noch Diener nötig sind, um sie am Zügel zu halten, wie 
E r m a n von den Rossen Ramses' II. mitteilt. Der Farbe nach waren 
sie meist braun, doch werden auch Schimmel dargestellt. 

Neben den ägyptischen waren, soweit Kordafrika in Betracht 
kommt, besonders zur Römerzeit noch die libyschen, kyrenäischen und 
numidischen Pferde geschätzt und begehrt. 

In der Religion spielten die Pferde in Ägypten keine Rolle. Wie 
der arabische Arzt Abdallatif, der im 13. Jahrhundert lebte, berichtet, 
habe er sämtliche Haustiere einbalsamiert gefunden mit Ausnahme der 
Pferde, Esel, Kamele und Schweine*). 

Die Araber waren bekannt durch ihren großen Reichtum an 
Kamelen und andern Tieren, doch fehlten ihnen Pferde, Maultiere und 
Schweine"), besonders wird von den Nabatäem berichtet, sie hätten 
weißwollige Schafe, große Rinder, aber keine Pferde^), deren Dienst 

>) Erman, S. 649. 

') Otto Keller, Die antike Tierwelt. Leipzig 1909. S. 22a 

*) lUiu IX, 384. 

<) Denkwürdigkeiten Ägyptens. AnsdemArabiBchenübeTsetzt vonGünther 
Wahl. Halle 1790. Zit nacli K u b c h e I, Die Hanatiere Ägyptens. Dira. Oöriitz 
1911. 

*) S t r a b o, Erdbeachreibung. Libr. XVI, Kap. 4, Abschn. 2. 

•) Desgl. AbBchn. 26. 



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V. Die HfttiBliere im Altertum. 33 

Kamele ersetzten. Auch im Heere des Xerxee, dessen große Reiterei 
von den verschiedensten Völkeiachaften gestellt wurde und mehr als 
80 000 Reiter gezählt haben soll, waren die Araber nach Herodots 
Berichten auf Kamelen beritten^). Vegetius Renatus, der im 
IV. Buche seines Werkes über Tierbebandltmgskunde^) alle zu seiner 
Zeit (400 n. Chr.) behannten Pferdeschläge aufzählt, erwähnt neben 
vielen andern auch die guten Pferde der Spanier und Kappadozier, die 
schnellen afrikanischen und persischen Pferde, nicht aber die Pferde 
Arabiens. Im Gegensatz zu ihm tut es aber p p i a n, der unter den 
Pferden, die sich wegen ihrer Schnelligkeit zur Jagd eignen, auch die 
arabischen nennt*). Sicher werden zuerst die Pferde bei den Himjaiiten, 
einem Volksstamm im südwestüchen Arabien (Jemen), aus dem 2. Jahr- 
htmdert n. Chr. erwähnt*). 

Nach alledem ist es nicht richtig, die Wiege des edlen Pferdes nach 
Arabien zu verlegen. Wahrscheinlich haben die Bewohner Zentral- 
arabiens ihre Pferde aus dem benachbarten Syrien, Mesopotamien oder 
aus Persien oder vielleicht auch aus Nordafrika erhalten, wo die Berber- 
pferde schon im Altertum eine gewisse Berühmtheit hatten'). Das extrem 
trockne Klima hat den Tieren dann den heute an ihnen gerühmten 
Adel verschafft. 

Anderseits wird die Herkunft des arabischen Pferdes auf die Ge- 
stüte SalomOB zurückgeführt, der sowohl ägyptische wie spanische Pferde 
besaß, und demnach soll sogar spanisches Blut den Grundstein zum 
arabischen gelegt haben"). 

Jedenfalls hat von früher Zeit her bis zur Gegenwart das Kamel 
in Arabien eine größere Bolle gespielt als das Pferd, eine Ansicht, die 
man auch aus dem Studium des Korans gewinnt, selbst wenn es dort 
heißt, daß der Mensch besondere Freude empfindet an Frauen, Kindern, 
Talenten von Gold und Silber, Rassepferden, Herden und Ackerland'), 

Interessant ist immerhin die unter den Beduinen verbreitete Sage, 
wie die Araber zu den besten Pferden gekommen seien. Danach wären 

') Herodot, Libr. VTf, Abaahn. 184. 

*) DigMtomm artis mulomedicinoe. Libr. IV, Kap. 6. 

') Cynegetica, Libr. I (übersetzt von Lieberkühn). Wahrscheinlich 
nicht von Oppian, aondera von einem tuidem Autor unbekannten Namens her- 
rührend auB dem 3. Jahrhundert n. Chr. 

♦) O 1 1 o K e 11 e r. Die antike Tierwelt. Leipzig 1909. S. 221. 

») R i d g e w a y, lUuatr. landw. Zoitg., Jahrg. 3903, S. 268. 

*) Schönbeck, Da» Pferd und seine Darstellung in der bildenden Kunst. 
Leipzig 190S. S. 37. 

^ m. Sure 12. Übersetzung von Hennig. Leipzig. 
Fiicli-HanxD, Alisemelne TIerincbt. a. Aaa. 3 



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34 1- Abschnitt. Die zoolog. Stellung u. geeohiohtL Entwicklung der Haustiere. 

durstende Pferde zum Meeie geeilt, um zu trinken. Nur eine alte Stute 
Ädjuze blieb atehen und nahm kein Wasser auf. Da entsti^ dem Wasser 
ein Hengst, der sie belegte, wonach sie den Hengst Koheilan el Adjuze 
brachte. Nach 2 Jahren wiederholte eich derselbe Vorgang und das 
Produkt war ein Stutfohlen. Der Hengst Robeilan führte später, trotz- 
dem er 10 Tage kein Wasser erhalten hatte, seinen Herrn durch sein 
rasendes Vorwärtsstürmen im Zweikampf zum Siege, und die Paarung 
beider Nachkommen der alten Ädjuze mache somit die Unempfindlich- 
keit der besten arabischen Pferde gegen Hunger und Durat erklärlich^). 

Die Juden hatten eine größere Vorliebe für die Viehzucht und 
das Hirtenleben als für den Ackerbau. Die verbreitetsten Haustiere waren 
das Schaf und die Ziege, dann das Bind und der Esel. Nach der biblischen 
Seige hatten bereits Abraham, Lot, Abimelech, Laban und Jakob große 
Herden von Schafen und Bindern, und von dem reichen Karmeliter Nabal 
wird erzählt, daü er 3000 Schafe und 1000 Ziegen sein eigen nannte'). 
Binder benutzte man zum PäUgen und Dreschen'), imd selbst die Großen 
des Landes verrichteten Arbeiten mit ihnen. So kommt König Saul 
vom Felde hinter den Bindern her, als er um Hilfe gegen die Ammooiter 
angerufen wird*), 

E^el dienten zum Beiten und Lasttragen und in den Hofhaltungen 
der Großen zum Reiten^) auch Maultiere, die indessen jedenfalls aus 
dem Auslande stammten, denn den Juden war die Maultierzucbt durch 
Moses verboten"). 

Pferde erhielten die Juden verhältnismäßig spät; sie werden 
weder in dem Kapitel vom Brand-, Dank-, Sund- und Schuldopfer'), 
noch in demjenigen über den Unterschied reiner und unreiner Tiere 
erwähnt^). Die mosaischen VorBchriften verboten dem König auch das 
Halten vieler Bosse^), worüber sich Salomo allerdings hinwegsetzte. 
Josua nahm aber wahrscheinlich deshalb die erbeuteten Pferde der 
Kananiter nicht weg, sondern lähmte sie nur, indem er ihnen die Sehnen 

^) Ffkdlallahel Hedad, Beschreibung seiner Expedition zum Ankauf 
orabieoher Pferde nach dem Orient. Budapest 1904 (ungarisch). Auszug hieraus 
von Zimmermann in der Deutschen landw. Presse, Jahi^ 1905, S. 332. 

>) 1. SamueliB, Kap. 25, V. 2. 

») Stade, Geschichte des Volkes Israel Berlin. S. 368. 

') 1. Ramuelis, Kap. 11, V. 5. 

') 2. SamueliB, Kap. 13, V. 20; desgl. 16, V. 0. 

■) 3. Mose. Kap. 19, V. 19. 

') S.Mose. Kap. 1—7. 

•) 3. Mose, Kap. U. 

•) 5. Mose, Kap, 17, V. 16. 



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V. Die Ibnatiete im Altertum. 35 

durchschnitt, während er das „Vieh" unter die Kinder Israel ver- 
trälte'). 

Um das Jahr 1000 hatte Salomo 12 000 Reiter und 1400 Wagen; 
er scheint seine besten Pferde aus Ägypten bezogen zu haben*). Zu 
diesem Lande hatte er durch eine seiner Frauen, die eine ägyptische 
Prinzessin war, nähere Beziehungen. Auch spanische Pferde soll er 
durch Vermittlung der Phönizier erhalten haben*). Salomo acheint 
ön großer Freund von Pferden gewesen zu sein, denn er war eines Tages 
in die Betrachtung derselben so versimken, daß er die Zeit des Abend- 
gebets übersah*). Daß die Araber die Abstammung ihrer edlen Pferde 
auf die Gestüte Saloinos zurückleiten, ist bereite hervorgehoben worden. 

Bezüglich der Inder wird schon in den Veden, der ältesten indi- 
schen Literatur, erwähnt, wie einzelne sich großen Besitzes an Herden 
von Rossen, Rindern, Kamelen, Schafen und Ziegen erfreuten, während 
i^weine nicht gehalten wurden. Namentlich die Rinder varen begehrt, 
um sie wurden Kämpfe und Kriege geführt. So zogen die Kum mit dem 
Trigartakönig zusammen gegen Viräta, den Matsyakönig, und bemäch- 
tigten sich seiner nach Tausenden zählenden Rinderherden; auch reisten 
die Fürsten und die übrigen großen Herdenbesitzer auf ihren Weide- 
atationen umher, um die Tiere zu zählen und die Kälber zu zeichnen'). 
Der Hiite betete um Kinder und Rinder, denn beides, Kindersegen und 
große Rinderherden, galt als Reichtum. Die Vermehrung der letzteren, 
namentlich aber die Pflege der Milchkühe bildete eine der Hauptsorgen 
der viehzuchttreibenden Bevölkerung^). Die Rinder waren bunt'), ge- 
scheckt®), schwarz, rot oder braun und sollen nach K. Keller der 
Zeburasae angehört haben*), was auch die Veden bestätigen, denn dort 
wird vom Stiere angegeben, daß er einen Buckel trage*"). Später be- 
richtet P 1 i n i u s, die indischen Ochsen seien so groß wie Kamele ge- 
wesen^*). 

Die Verwendung des Rindes war eine sehr vielseitige. Es war 



■) Josua, Kap. 11, V. 9 u. 14. 

■) 1. Könige, Kap. 10. 

*) SchSnbec)^ Das Pferd und seine Dftistellut^ usw. Leipzig 1008. I 

*) H e n D i g, Anmerkungen zum Korftii. Leipzig. S. 446. 

*) L«fmann, Geschichte des alten Indien. Berlin. S. 3S3. 

■) K ä n f f e r, Geschichte van Ostasien. Leipzig 1898. S- 285. 

T Rigveden. Buch VI, Kap. 28, V. 1. 

*) Deagl-, Buch VUl, Kap. 82, V. 13. 

*) Keller, Die Abstammung usw., S. 123. 
") Rigveden X, Kap. 8, V. 2. 
") P 1 i n i u s, Hist«ria naturalis. Libr. Vtll, Kap. 45. 



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J{6 !■ Abschnitt. Die zoolog. Stelhmg u. geMhiohtL Entwicklung der Haustiere. 

Schlachttier vaxd zwar das wertvollste, denn beim Ginzug des Biautigams 
in das Haue der Braut wuide zur festlichen Bewirtung der Gäste eine 
Kuh geschlachtet, weshalb ein solcher Ehrengast „Goghma" oder Kuh- 
töter genannt wurde'). Femet dienten Rinder, namenthch die zottigen 
Stiere, zur Pflugarbeit, Kühe auch als Wertobjekt bei der SUhnezahltuig. 
Die Milch bildete das beste und verbreitetste Kahrungsmittel des alt- 
vedischen Volkes; sie wurde frisch oder sauer verzehrt oder zu Butter 
verarbeitet oder auch mit Mehl zu Kuchen verbacken; die Kühe wurden 
täglich dreimal gemolken. Mehl- und Milchspeisen waren die tägbche 
Xahmng, Fleisch df^egen erschien in der Hauptsache 'rirnr bei festlichen 
Gelegenheiten auf dem Tische. 

Das Pferd war ebenfalls schon frühzeitig vorhanden. Die Sagen- 
geschichte erwähnt dasselbe als Reittier tmd als Zugtier im Streitwagen. 
Es galt als das wertvollste Opfertier; auf einem Fragment des Amravatt- 
tempels ist es mit einem Sonnenschirm, dem Abzeichen könighcher Würde, 
versehen*). Indra, der Sonnengott, fährt mit Füchsen'); neben dieser 
bevorzugten Farbe gibt es aber auch noch weiße, gescheckte, braime 
und schwarze Rosse. Pferde erhält dei Sänger als Preis, wie der Sieger 
im Wettlauf und im Ringkampf. Auch Pferderennen hatten bereits im 
alten Indien eine große Bedeutung*). Man scheint übrigens zwei Pferde- 
schläge gehabt zu haben, denn die Veden sprechen von schnellen Stuten 
einerseits^) und von starken hohen Rossen*), breitbehuften Schecken, 
mähnigen starken Füchsen und dem LastroQ anderseits. 

Kach S t r a b o ist die indische Reiterei späterhin nicht unbedeutend 
gewesen; die Pferde standen in großen könighchen Stallungen und 
mußten nach jedem Kriegsdienst dorthin zurückgebracht werden. Auf 
den Märschen n'urden sie der Schonung halber an der Halfter geführt, 
während die Transportwagen von Ochsen gezogen wurden'). 

In China soll bereits der Kaiser Fu-Hsi {3341—3227} sein Volk 
gelehrt haben, Pferde, Schafe, Rinder, Hühner, Hunde und Schweine 
zu züchten*). Obgleich nun aber bei verschiedenen Gelegenheiten in 
der Geschichte der alten und mittleren Zeit große Rinder- und Ziegen- 



f m a n n, S. 101. 
} Ebenda. ». 101. 
) Rigveden II, Kap. 11. V. 6. 
) Desgl. II, Kap. 34, V. 6 upd VI, Kap. 45, V. 15. 
) Desgl. r\', Kap. 41, V. 9. 
) Desgl. V, Kap, 73. V. 7. 

rabo, Libr. XV, 1, Abschn. 52, 

f r i e 8, AbriD der Geschichte Chinas. Wien 1 



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V. Die HauBtiere im Altertum. 37 

herden \uid beträcbtUche Reiterscharen erwähnt werden^) und von 
K o D g t B e*) — ConfuciuB, geb. 551 v. Chr. — berichtet wird, daß er 
we^en seiner Tüchtigkeit schon mit 21 Jahren zu dem hohen Amte 
eines Verwalters der Fluren und Herden emporstieg, die Herden somit 
in dem ganzen Staatsbetriebe eine große Rolle spielen mußten, so hat 
die chinesische Haustierzucht weder im Altertum noch in der Neuzeit 
«ine hervorragende Bedeutung erlangt, mit Ausnahme der Zucht des 
Schweins und derjenigen des GeHügela, für deren Fleisch die Chinesen 
eine VorUebe haben. 

Das Schwein gedieh viel mehr als das Rind und hatte nach B r e h m 
bereits vor mehr als fünf Jahrtausenden im himmUschen Reiche eine 
große Verbreitung. Auch heute ist es dort das hauptsächlichste Nutztier, 
und Blut des chinesischen Schweins ist in allen veredelten Schweine- 
lassen der ganzen ziviliaierten Welt vertreten. 

Die Griechen kannten das Roß, den Wagen und den Pflug 
schon zur pelasgischen Zeit, und Herden von Rindern, Schafen und 
Schweinen machten ihren hauptsächliclisten Reichtum aus*). Im trojani- 
schen Kriege bediente man sich der Pferde vor dem Streitwagen, be- 
nutzte dagegen zu andern Wagendiensten Maultiere, die auch im Acker 
den langsam folgenden Stieren vorangehen*). 

Mazedonien, Epirus, Thessalien^), Böotien, Elis, Arkadien und von 
den Kolonien besonders Sizilien waren als pfeidezuchttreibende Länder 
berühmt, während Attika seine Pferde aus dem Auslande bezogt). Die 
StreitroBse der homerischen Helden hatten Namen und diejenigen des 
Achilles eine besonders wertvolle Abstammung^). 

Im Jahre 680 entstanden bei den agonistischen Festlichkeiten zu 
Olympia Wagenrennen, die schon bei den Achäem gebräuchhch ge- 
wesen sein sollen, und im Jahre 645 Wettreiten, wozu die Pferde sorgsam 
vorbereitet werden mußten. Man hatte Wagenreimen mit dem Vier- 
gespann, mit einem Zweigespann ausgewachsener Pferde, mit Fohlen und 
Maultieren und Wettreiten mit Gebrauchapferden und Stuten*), 

Die Wagenrennen verlangten nicht nur schnelle Pferde, sondern 

1) K ä a f f e r, Geschichte von Oat&siea, Bd. III. Leipzig. 
>) K ä u f f e r, Überblick über die Geachiobte Ostasieiia. Leipzig 1864. S. 42. 
*) Hertzbarg, Geschichte von Hellaa und Rom. Berlin 1870. S. 14. 
•) IliM, libr. X, V. 351. 
*) Siehe 8.2». 

') Magerstedt, Bilder aus der römischen Landwirtschaft. Sondershauaen 
1859. Bd. m, 8. 67. 

') lüas, Libr. XVI, V. 150. 

*] Bnrkh&rdt,GriechiHcheKuIturgesDhiohte. Berlin 1902. Bd. IV, 8. 101. 



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38 1- Abaohnitt. Die zoolog. Stellung u. geBchiohtL Entwicklnng der Hauatiere. 

auch eine große Gescliicklichkeit des Lenkers, weil nicht nui, und zwar 
mehrfach, eine gefährliche Wendung zu nehmen, sondern auch eine 
eigentümliche Figur, der Taraxippos oder Pferdeecbeumacher zu pas- 
sieren war^), vor dem sich die Pferde fürchteten. Die Rennen waren 
daher mit vielen Gefahren verbunden, der Sieg dafür aber auch eine 
besondere Ehre. So wird von Alcibiades, der einer der berühmtesten 
Kennstallbesitzer Attikas gewesen sein soll, berichtet, er habe sieben 
Rennwagen zu den olympischen Spielen geschickt, was vor ihm weder 
ein Privatmann, noch ein König getan hatte. Er erhielt beim Wagen- 



Fig. 1«. Griechiache Ptarde vom PartheDDofries. (Aus Seta«iib«ck, Dm Pferd asw.) 

rennen sogar drei Preise, eine Auszeichnung, deren sich außer ihm kein 
Grieche rühmen konnte^). 

Der Sieger zog in einem mit Schimmeln bespannten Wagen, den 
zahlreiche Schimmelgespanne begleiteten, in seine Heimatstadt ein. 
Natürlich hatte ein derartig hochentwickelter Sport auch viele Schatten- 
seiten, und mancher Landmann soll durch die damit verbundenen großen 
Ausgaben in Not und Elend geraten sein'). Die Pferde waren verhältnis- 
mäßig klein, aber edel, mit trocknem Kopfe, gutem Aufsatz, melonen- 
förraiger Kruppe und kräftigen Gliedern. Der Schwanz wurde gut ge- 
tragen, die Mähne kurz gehalten. Die Schimmelfarbe war bevorzugt. 

Xenophon (434 — 355 v.Chr.), der ein für die damalige Zeit 
geradezu mustei^ültiges Buch über die Reitkunst geschrieben hat*), 

1) Graf Lehndorf f, HippodromoB. Berlin 1876. S. 35. 

*] Plutarch, AIcibiades, Kap. 11. 

') Xenophon, ökonomikus, Kap. 3. 

*) =«yo:f«jvTO( ittpl inüixYjs J.ofoj. Übersetzt von Jacob. Gotha 1825. 



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V. Die Haiutiere im Altertum. gg 

verlangt, da der Hufbe&chlag DOch nicht üblich war, in erster Linie gute 
Hufe, die schon am Klange erkannt werden sollten, dann einen auf- 
gerichteten Hals, einen hohen Widerrist und kurze, breite Lenden, die 
dem Reiter einen festen, sicheren Sitz verleihen. Weiter verbreitet er 
fflch über Anlemung der Pferde zum Keitdienst, über die Beurteilung 
gerittener Pferde, Stalleinrichtung, Äbwartung und Pflege. 

Die Kinder gaben nicht nur die vornehmsten Opfertiere ab, denen 
man bisweilen si^ar die Homer vergoldete'), sondern sie dienten dem 
Menschen auch in gleicher Weise wie heutigentags und wurden außer- 
dem noch zum Tragen von Lasten verwendet. Der Reichtum der OroBen 
wurde ebenso wie der Wert gewisser Gegenstände nach Rindern ab- 
geschätzt. Bei besonders feierlichen Gelegenheiten wurden 100 Rinder 
auf einmal geopfert — Hekatomben. Später wurden darunter kleinere 
Opfer verstanden, die gleichzeitig auch eine Fleischspende für das Volk 
abgaben. Der Rasse nach waren die Rinder Langhömer, Kurzhömei und 
Buckelrinder*). Besonders berühmt waren die Rinder aus Epirus, denen 
eine angezeichnete Weide zur Verfügung stand, und die auch im Aus- 
lande b€^brt waren. Aristoteles') leitet ihre Herkunft von den 
Herden des Königs Pjrrhus her und gibt an, daS die dortigen großen 
Kühe beim Melken eine Amphora Milch = 40 Liter geliefert hätten, eine 
Behauptung, deren Richtigkeit bezweifelt werden muß; namenthch 
wenn man erwägt, daß die Kühe täglich doch mindestens zweimal ge- 
molken wurden. 

Was die Schweinezucht anlangt, so spielte diese in Griechenland, 
dessen Bewohner sehr viel Schweinefleisch verzehrten, eine große Rolle, 
und Emnäus, übrigens ein Sohn des syrischen Königs Ktesios, nahm 
am Hofe des Odysseus als aufsichtführender Beamter — wir würden ihn 
heute etwa Schweinemeister nennen — eine ähnliche Stellung ein wie 
die Vorstände der Marställe unserer Tage. Er hatte abseits von der 
Stadt eine große Schweinezuchtanstalt angelegt, in der die Schweine 
80 gehalten wurden, wie wir ea heute wieder anstreben. In einem 
eingefriedigten, mit Strauchem umpflanzten Gehege befanden sich 
12 Buchten mit je 50 Muttersauen, während 360 Eber außerhalb der 
Einfriedigung weideten. Die Freier bekamen täghch einen fetten 
Eber*), die Hirten mußten sich aber mit FerkeMeisch begnügen, 
worüber sich Eumäus beklagt. Der Geschmack scheint also früher ein 

') Odysi. in, V. 384 und Virgil Aeneido IX, V. 625. 
*) K. K e 1 1 e r. Die AbsUmmung usw., S. 123. 
*) Tierkunde, Libr. UI, Kap. 21. 
•) OdysB. XIV, V. 20. 



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40 !■ Abwthnitt. Die soolog. Stellnng u. geMhichtl. Entwicklung der HauBtien. 

andrer gewesen zu sein als heute, wo EberfleiBch nur eine minder- 
wertige Ware darstellt. 

Außerdem besaß Penelope 12 Rinder- und 12 Schafherden nebst 
vielen Ziegen, während von Pferden nichts erwähnt wird^). 

Wollproduktion und Wollverarbeitung waren in Griechenland be- 
deutend, und später war namentlich das kleinaaiatische Milet durch die 
Ausfuhr feinster Wolle und bester WoUstofle und Teppiche berühmt*). 

Im mazedonischen Zeitalter entstand daa berühmte Buch von 
Aristoteles {384 — 322), „Die Tierkunde" — 'lOToptat jcepi Cifxav, 
Historia animalium — , das uns einen eingehenden Einbhck in die da- 
maligen Anschauungen über Zoologe, Anatomie, Physiologie und all- 
gemeine Züchtungsgrundsätze gewährt. Aristoteles war ein großer 
Gelehrter und ein Mann von gewaltiger Gestaltungskraft, der aber nach 
Chamberlain mehr Irrtümer in die Welt gesät hat, als jemals vor 
ihm und nach ihm ein andrer*). Da die römischen Schriftsteller vieles 
von Aristoteles entlehnt haben, will ich auf seine Anschauungen 
bei Besprechung der romischen Tierzucht kurz zurückkommen. 

Das alte Italien war schon den Hellenen als ein Land be- 
kannt, das vorzugsweise Vieh und große Massen von Getreide erzeugte. 
Als Tauschmittel dienten neben Kupfer Binder und Schafe, und letztere 
machten neben dem Schweine auch die hauptsächlichsten Opfertiere aus. 
Bei besonders feierlichen Gelegenheiten wurden ein Schwein, ein Schaf 
und ein Rind gemeinsam geopfert; dieses Opfer hieß Suovetaurilia*). 
Nach V a r T o soll Itahen seinen Namen von den Ochsen erhalten haben, 
denn die alten Griechen hätten den Ochsen Italus genannt, und Italien 
habe damals die schönsten und größten Ochsen besessen^). Die ersten 
Münzen trugen das Bild von Schafen und Rindern, weshalb sie auch 
Tierstücke — pecunia — hießen**). 

Bei dem kriegerischen Charakter der Bömer und infolge der vielen 
Feldzüge, die sie in fernen G^enden führten, mußten sie auf die Be- 
schafEung einer guten Reiterei, deren Mangel sich besonders im zweiten 
punischen Kriege gezeigt hatte, mit aller Sorgfalt bedacht sein. Da 
sie selbst kein ausgesprochenes Beitervolk waren, so verwendeten sie 

>) Odyss. XIV. V. 100. 

*) 1 1 o K e 11 e r. Die antike Tierwelt, S. 312. 

'} Die Gmndli^^n des 19. JehThunderts (Volksausgabe). Münohen 1909. 
Bd. I, S. 93. 

*) Hertzberg, Geachichte von Hellas und Rom, Bd. n, S. 61. 
') Varro, De re rustioa. Ltbr. Ü, Kap. S. 
*) Desgl., Libr. II, Kap. 1. 



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V. Die Haustiere im Aitertum. 4 1 

«Is berittene Truppen besonders Spanier, Gallier und Germanen, Die 
große Ausdehnung des Reiches mit den gewaltigen Anforderungen 
der Heeresleitung und der inneren Verwaltung der eroberten Gebiete 
bedingten einen starken Pferde verbrauch, den Born selbst bei weitem 
nicht decken konnte, weshalb Pferde aller Lander vorhanden waren. 

Das römische Gebrauchs- und Kriegspferd war schwerer als das 
griechische; es hatte, wie die bildlichen Darstellungen — Standbild des 
Kaisers Marcus Aurelius Antonius auf dem Kapitel zu Bom (Fig. 15) 



Fig. li. Standbild des EaiBer.t Marcus AuieliiiB AntoniiiH aaC dem Kupltol zn Rom. 
(Aii9 SchOnbeck. Du Pferd dsw.) 

«. a. — und die Schilderungen von Varro, Virgil und C o 1 u m c 1 1 a 
beweisen, gewisse Anklänge an die leichteren Kaltblüter unserer Zeit. 

Anderseits verlangte wiederum der stark ausgebildete Kenn- und 
Reitersport ein edleres und schnelleres Pferd, das teils im Lande ge- 
züchtet*), teils aus dem Auslande eingeführt wurde. Besondere Be- 
zugsquellen scheinen hierfür Sizilien, Spanien und Nordafrika gewesen 
zu sein, während die schwereren Mihtärpferde aus der Provinz Noricum 
eingefiihrt wurden. 

Zu Gäsars Zeiten, namentlich aber unter den Kaisern überschritt 
die Vorhebe für das Pferd und seine Wertschätzung zum Teil die Grenzen 

>) Columetla, De ce rustioa. Libr. VI, Kap. 27. 



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42 !• AbBohnitt. IHe zoolog. Stellnng n. geschichtl Entwioklnng dec Haustiere. 



der Vernunft, so daß Caligula aeinem besten Pferde mit dem Beinamen 
der Renner — Incitatus — das Futter in goldenen Gefäßen verabreichte 
und die Absicht hatte, es zum Konaul zu machen*), daß femer OommoduB 
seinem siegreichen Pertinax die Füße vergolden*) und Augustus seinem 
Leibpferde einen Grabhügel errichten ließ*). 

über die Anforderungen, die man an ein gutes Pferd stellen soll, 
geben schon Varro, Virgil und C o 1 u m e 11 a Auskunft. Der 
letztere*) unterscheidet drei Klassen. Zur ersteren gehören die großen, 
vornehmen Hengste, die FUisten und Herren zum Vergnügen und zum 
Kriegshandwerk dienen, zur zweiten die gewöhnlichen Reitpferde und 
zur dritten die gemeinen Ackerpferde, die zur Arbeit und nicht zum 
Reitdienst gezüchtet werden. In der Ackerpferdezucht läßt man Stuten 
und Hengste das ganze Jahr über miteinander gehen, während in der 
Zucht des edleren Pferdes Hengste und Stuten getrennt gehalten und 
letztere nur im zeitigen Frühjahr gedeckt werden. 

Virgil*} und Varro") verlangen vom Pferde einen feinen 
Kopf mit gutem Halsaufsatz und eine dichte Mähne, eine breite Brust, 
einen schlanken Leib, eine gespaltene Lende und Kruppe und einen 
krausen Schwanz. Der Leib soll mit sichtbaren Adern überzogen sein, 
weil man einem solchen Pferde bei Krankheiten eher helfen könne als 
einem andern. Die bevorzugte Farbe ist biaun oder ein geapfeltes 
Grau, die schlechtere falb oder weiß. 

Nach Varro soll ein Pferd eine mittlere Größe haben, denn die 
allzu großen imd allzu kleinen Tiere taugen beide nichts. Beschäler 
müssen dagegen ausgesuchte, große, schöne, wohlproportionierte Pferde 
sein. 

Auf die Beschaffenheit der Beine legte man großen Wert, denn nach 
H r a z sollen einzelne Große beim Fferdekauf die Pferde unter Decken 
gemustert haben, damit nicht etwa ein schöner Körper den hitzigen 
Käufer trotz „weichlichen Fußes" zum Ankauf verleite'). 

Lukrativ scheint auch damals die Eselzucht gewesen zu sein, denn 
P 1 i n i u s berichtet, daß in Keltiberien einzelne Eselstuten bis zu 



>)DioCasBius, Römische Geschichte. Ubr. LI$. Kap. U. (Übersetzt 
ron Wagner) 

») Desgl., Libr. LXXIH, Kap. 4. 

») P 1 i n i u s, Historl» naturalis. Libr. VIII. Kap. 42. 

*)CDlumella,Dere nietica Libr. VI, Kap. 27 (etwa ura das Jahr 00 
L Chr. verfaBt). 

•) V i r g i I i u s, Georgicon. Libr. UI. V. 80. 

•) Varro, De re rustica. Libr. 11, Kap. 7. 

') H D r a z, Satirea. Libr. I. Kap. 2. V. 80. 



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V. Die HftUBtiM« im Alt«rtum. 48 

400000 Sesteizeo^) eingebraclit haben. Der G&mnn aus der Esel- 
zucht sei unter Umständen größer gewesen als deijenige aus einem 
Landgut*), eine Behauptung, die von starker Übertreibung nicht frei 
sein dürfte. 

Außer Pferden und Eseln, welch letztere fast ausschließlich zum 
Lasttragen uad nur ausnahmsweise zum Pflügen benutzt wurden'), 
hatten die Römer große Herden von Rindern, Schafen und Ziegen, 
und Schweinefleisch wurde nicht nur reichlich erzeugt, sondern auch 
aus Gallien und Germauien eingeführt. 

V a r r o und G o 1 u m e 1 1 a legen besonderen Wert auf die Aus- 
wahl der Ochsen, denn diese stehen nach V a r r o in der größten Ach- 
tung; die lombardischen imd diejenigen aus Epirus seien die besten. 
Er verlangt vom Rinde einen hohen Widerrist, hinter dem der Rücken 
etwas niedriger verläuft, außerdem eine starke Wamme, breite Schultern, 
breite Rippen und starke Hinterbacken. Der Schwanz muß lang sein 
und bis zu den Klauen reichen. Im Gange dürfen sich die Beine nicht 
aneinander reiben. Die beliebteste Farbe ist schwarz, dann folgen 
rotbraun, ledei^elb, falb und weiß. Schwarze Tiere aollen ausdauernd, 
weiße dagegen sehr „weich" sein. 

Der Schweinezucht scheint man eine besondere Aufmerksamkeit 
zugewendet und die Schweine damals nicht nur in Rom, sondern auch 
anderwärts sehr fett gemacht zu haben. So berichtet V a r r o, er habe 
in Arkadien*) ein Schwein gesehen, das infolge von Fettleibigkeit nicht 
mehr aufstehen konnte; diesem habe eine Maus ein Loch in den Leib 
gefressen und darin Junge geworfen. Die Tiere scheinen dem asiatischen 
Typus angehört zu haben, denn G o 1 u m e 1 1 a ^) verlangt von ihnen 
einen kurzen, aufgeworfenen Rüssel, einen vierschrötigen Rumpf mit 
großem, hängendem Bauche. Nach V a r r o ^) berichtet G a t o, die 
Schweine in der Umgegend von Mailand würden so fett, daß sie weder 
stehen noch gehen könnten. F 1 i n i u s ^) erzählt, daß man vom 
Schweine fast fünfzigerlei Leckerbissen herstellen könne; eigentümlicher- 
weise gehören in erster Linie dazu ein volles Euter und die Gebärmutter 
einer Sau, die verworfen hat. Die Lebern der mit Feigen und durch 

') 1 S«sten; => etwa 17 Pf., somit 68 000 Mark. 

») P 1 i n i u e, Ldbr. VIII, Kap. 43. 

') Varro, Libr. II, Kap. 6. 

*) Hirtenland im Peloponnee, der späteren Halbinsel Mcrea. 

*) Libr. VII. Kap. 9. 

•) Libr. n, Kap. 4. 

') Libr. VIII, Kap. 51 und Libr. XI, Kap. 84. 



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44 1' Abschnitt. Die zoolog. Stellung u. gMohichtL Entwicklung der Hftustiere. 

„Übersättigung" (Nudeln?) gefütterten Tiere könne man ähnlich wie 
diejenigen der Gänse zubereiten. 

Was die technische Seite der Tierproduktion betrifft, so erfahren 
wir von den vier genannten Schriftstellern, vielfach in Anlehnung an 
Aristoteles, interessante AufachlUase über den Zuchtbetrieb, die 
Auswahl der Zuchttiere, die Bedeckung, die Haltung u. a. m. So soll 
man fremde Zuchttiere nnr aus solchen Gebieten beziehen, die ähnUche 
Bodenverhältnisse wie die neue Heimat besitzen (C o 1 u m e 1 1 a). Die 
männlichen Zuchttiere hat man 8 Wochen vor der Deckzeit von den 
weibhchen abzusondern und die ersteren gut, die letzteren dagegen knapp 
zu füttern. Es soll im Jahre decken ein Hengst 15 — 20 Stuten (C o- 
luraella)»), 10 Stuten (Varro)*}, 15 Stuten (Plinius)»); ein 
Bulle 15 Kühe (C o 1 u m e 1 1 a)*), ein zweiiähriger und ein einjähriger 
Bulle 60 Kühe (Varro)»), ein Bnlle 10 Kühe (Plinius)»). 

Man scheint demnach eine große Anzahl männhcher Zuchttiere 
gehalten und diese geschlechtUch sehr geschont zu haben. Anderseits 
bemißt man die Zuchttauglichkeit auf sehr lange Zeit. Nach Ari- 
stoteles werden die Stuten belegt bis zum 40. Lebensjahre, eine 
Behauptung, die Plinius ebenfalls aufstellt, weil er sie jedenfalls 
von Aristoteles entlehnt hat. Nach beiden soll ein Pferd auch 
75 Jahre alt geworden sein. Eine gemeine Stute soll jährlich, eine edle 
dagegen nur jedes zweite Jahr ein Fohlen bringen, damit es möglichst 
lange die Milch erhalte (G o 1 u m e 1 1 a). Nach Aristoteles soll 
eine Stute erst 4 — 5 Jahre nach dem ersten Wurfe wieder fohlen. Nach 
ihm wird die Qualität der Fohlen bis zum 20. Lebensjahr der Mutter 
immer besser, nach GolumeUa dagegen vom 10. Jahre ab schlechter. 
Auf die Herkunft der Zuchttiere legt man einen gewissen W^ert, man 
schätzt sie aber erat dann besondere hoch ein, wenn sie gute Nachkommen 
gehefert haben, und wählt bei Schafen und Ziegen solche Bocklämmer 
zur Zucht aus, die Zwillingsgeburten entstammen (Aristoteles, 
C o 1 u m e 1 1 a). 

Vollständig abergläubische Anschauungen hat man aber über Be- 
gattung, Geschlechtsbeeinflussung, Versehen und die psychischen Folgen 
der mit Hilfe von Täuschungen ermöghchten Paarungen zwischen Eltern 
und Kindern. Stuten werden in Spanien bei Ermanglung eines Hengstes 
vom Winde befruchtet (V a r r o, V i r g i 1, C o 1 u m e 1 1 a, Plinius), 
auch ist die Windrichtung von wesentlichem Einfluß auf das Geschlecht 

') Libr. VI. 
*) Libr. IT. 
*) Libr. Viri. 



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V. Die Haustiere im Altertum. 4-5 

des Jungen, wie die Seite, von der aus das Vatertier vom Muttertiere 
absteigt. Man hat es durch Unterbindung oder Kompression des linken 
oder rechten Samenstrangs in der Hand, männliche oder weibliche 
Nachkommen zu erzielen. Hengste werden bemalt, damit die Fohlen 
^ne Bchöoe Scheckzeichnung bekonunen^), oder auch zu diesem Zwecke 
mit bunten Decken versehen*). Die Inzestzucht hielt man für schädlich 
und schrieb den Flerden gegen die Paarungen zwischen Mutter und 
Sohn geradezu einen moralischen Widerwillen zu. Deshalb wurde dem 
Hengste der Kopf bedeckt oder die Stute durch Bedeckung mit einem 
Fell usw. unkenntlich gemacht. Im ersteren Falle aber biß der Hengst, 
nachdem er die Täuschung erkannt, den Stallknecht tot^), im letzteren 
rannten sich Hengst und Stutenmutter die Köpfe an einem Felsen ein*). 

Nach Aristoteles bespringen aber die Hengste ohne Sträuben 
ihre Mütter und Töchter, und eine Stuterei gilt erst dann für vollkommen, 
wenn die Hengate ihre eigne Nachkommenschaft belegen''). In ähnlicher 
Weise spricht auch v i d von der Inzestzucht als von etwas Selbst- 
verständUchem^). Columella empfiehlt die Benutzung von Fro- 
bierhengsten und behauptet, je feuriger ein Hengst decke, desto besser 
seien die Fohlen'). 

Nach V i r g i 1 ^) soll man den Kälbern nicht nur Stammnamen 
einbrennen, sondern auch Angaben darüber, ob die Tiere später zur 
Ergänzung des Bestandes der Zuchtherde, zu Opferzwecken oder zur 
Arbeit Verwendung finden sollen. 

Bei unseren germanischen Vorfahren war die Tier- 
zucht die Haupteinnahmequelle; nach Kunze") zeigen die dem alt- 
germanischen Leben entnommenen Darstellungen auf der Antoniussäule 
in Rom die Quaden und Markomannen im Besitz von Pferden, Bindern, 
Schafen und Ziegen. 

Wenn auch nach den Schilderungen des T a c i t u s die Pferde 
weder Schönheit noch Schnelligkeit auszeichnete"'), so waren sie doch 



') p p i a n, Cyn^eticB. Libr. I. Ültersetzt von Lieborkühn. 
') AbByrtus, Libr. XVI, Geopon. 
») V a r r o, Libr. H, Kap. 7. 
*) p p i a n, Libr. I. 

>) Ariatoteles, Tierkunde. Libr. VI, Kap. 22. 

*) Hetamorph. X, 325. Zit. von H. Krämer in Jahrbuch für PUanzeu- 
und TierzüchtUDg. Stuttgart 1905. 8. 67. 
') Ijbr. VI. Kap 27 
•) Georgicon. Libr. III, V. 158. 

■) Allgemeine Zentralzeitung für Tierzucht 1900, S. 95. 
'*) GermauiB, Kap. 6. 



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46 1- Abschnitt. Die zoolog. Stellung n. getcbiohtL Entwicklung der HfuiBtiere. 

äußerst ausdauernd, so daß ausIändiBche Pferde, welche die Gallier be- 
vorzugten, von den Germanen verschmäht wurden'). Deren Reiter waren 
im römischen Heere sehr begehrt; besonders wird ihre geschlossene 
Schwenkungelinie, bei der niemand zurückbleibt, rühmend hervorgehoben. 
Auch wird die gut ausgebildete Reiterei der Tenkterer, die neben den 
Chatten im heutigen Hessen wohnten, erwähnt und von den Ghauken 
aus den heutigen östlichen Kordseemarschen gesagt, daß sie Männer 
und Rosse in großen Mengen hätten. "Wie die Pferde in Germanien ge- 
schätzt wurden, geht daraus hervor, daß man aus ihrem Verhalten die 
Zukunft deutete. Hierzu verwendete man weiße Rosse, die in den 
heiligen Hainen gehalten wurden und keine Arbeit verrichteten. In die 
heiligen Wagen gespannt und von Priestern und Königen begleitet, 
wurde ihr Wiehern und Schnauben beachtet und sie selbst für Vertraute 
der Götter gehalten. 

In Anwesenheit der Eltern und Verwandten übergab der Mann 
seiner neuvermählten Frau außer Rindern auch ein aufgezäumtes Roß 
und ein Schwert zum Zeichen dafür, daß sie alles, den Wohlstand des 
Friedens und die wechselvollen Schicksale des Krieges, mit ihm zu teilen 
habe. Berühmten Männern wurde als Zeichen besonderer Ehrung das 
Boß mit auf den Scheiterhaufen gegeben. Man freute sich, wenn man 
von benachbarten Völkern auserlesene Pferde, Waffen, Pferdeschmuck 
und Halsketten zum Geschenk erhielt'). 

Die Angabe des T a c i t u s, daß die Rinder ein ungewöhnliches 
Aussehen hatten und des Stimschmucks — gloria frontis — entbehrten*), 
soll wohl nur heißen, daß sie kurzhomig waren und sich somit von der 
langbomigen Rasse Italiens unterschieden. 

Besonders war die Rindviehzucht im nordwestlichen Germanien 
entwickelt. Hier mußten die Friesen, von Drueus besiegt, ihren Tribut 
in Form von Rinderfellen zahlen, deren Größe nicht bestimmt war. 
Als nun der Centurio Olennius Felle von der Größe der Auerochsen 
forderte, die das kleine Vieh nicht lieferte, empörtpn sich die Friesen 
und schlugen ihren Bedrücker im Jahre 28 n. Chr.*), 

Eine Liebhngsnahrung der Germanen war Schweinefleisch und 
Speck, deshalb hatte die Schweinezucht, deren Produkte auch der 
Ausfuhr dienten, eine große Ausdehnung, umso mehr, als die großen 
Eichen- und Buchenwaldungen ein überaus billiges Mastfutter boten. 

') Caesar de bell, gallic, IV, Kap. 2. 
') T a c i t u s, Germania, Kap. 15. 
") T s c i t u s, Germania, Kap. 5. 
•} Desgl., Annales, Ubi. IV, Kap. 72. 



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VL Die Tieizucbt bis zu ihrer heutigen Entwicklung. 47 

Namentlich bildeten die Schweineschinken einen begehrten Einfuhr- 
artikel in Rom, wohin auch Gänse geliefert wurden, deren Zucht bei 
den Gennanen ebenfalls einen nicht unbedeutenden Umfang hatte. 



VI. Di« Tlerzneht bis zn Ihrer heatlgen Entwlcklang antor 
besonderer Berflcbslcbtigang der deatschen Terhältnisse. 

Im Mittelalter wurde die Pferdezucht auf Kosten der übrigen 
Tierzucht bevorzugt und von dem Pferde als von dem adligen Tiere 
im G^ensatz zum gemeinen Vieh gesprochen. Der ersteren nahm sich 
Karl der Große mit vielem Verständnis und großem Erfolg an, indem 
er Gestüte gründete und orientalische Hengste einführte. Das Ritter- 
tum verlangte und brauchte dann ein kräftiges Pferd, das imstande 
war, die gepanzerten Reiter auf langen Märschen zu tragen, das aber 
auch im Dienste des Turniers Kraft, Geschicklichkeit und Schönheit 
der Form entfalten mußte nach dem mittelalterlichen Grundsatz: 
„Omnis nobilitas ab equo." 

Gute Herde kamen aus Dänemark, den Nordseemarschen, aus 
Holland, von der oberen Donau und aus Oberitalien; sie waren meist 
aus Kreuzungen zwischen Spaniern (Andalusiem) und den schwereren 
Landpferden entstanden. Als Dextrarius — Schlacht- und Turnier- 
pferd — war besonders der Däne geschätzt. Die Pferde waren, wie 
man auch aus den noch vorhandenen Rüstungen ersehen kann, nicht 
besonders groß (l,5ö m), sie mußten aber kräftig sein, weil ue bei voller 
Panzerrüstung von Roß und Reiter ein Gewicht von rund 200 kg zu 
tragen hatten^). Die Kreuzzüge und später die Türkenkriege hatten 
dann die abendländische Welt mit dem orientalischen Pferde bekannt 
gemacht. Eb entstanden die Rennen und mit diesen die englische Voll- 
blutzucht, und Bo wurde das schwere Pferd mehr und mehr nach dem 
Westen gedrängt, um sich erat wieder nach dem Aufschwung der Boden- 
kultur_ und der Entwicklung der Industrie im vorigen Jahrhundert 
seinen Platz, allerdings zu einem andern Zwecke, zurückzuerobern. 

Die Pferdezucht hat von jeher insofern eine bevorzugte Stellung 
eingenommen, weil man Pferde für den Kriegsdienst nicht entbehren 
konnte. Die Regierungen waren deshalb um die Förderung der Pferde- 
zucht schon in einer Zeit bemüht, als man an die Unterstützung der 
Zucht der andern Haustiere nicht dachte. Ihren Ausdruck findet diese 
Tatsache besonders in dem staatlichen Gestütswesen, 

1) Schönbeck, 8.46. 



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48 1- Ab«chaitt. Die zooloft Stellang o. gesohichd. Entwicklung der HauBtien. 

zu welchem iti neuerer Zeit maimigfache andre Maßnahmen hinzu- 
gekommen sind. 

Der Pferdezucht gegenüber lag die Zucht der andern Tiergattungen 
sehr im argen. Die allgemein eingeführte Dreifelderwirtschaft, welche 
ausBchließhcb auf den Kömerbau Gewicht legte, ließ für die Viehhaltung 
keinen Raum. Mit der Dreiteilung der gesamten Feldmark in Winte- 
rung, Sommerung und Brache hatte sie zur Zeit ihrer allgemeinen Ein- 
führung, um die sich Karl der Große verdient gemacht hat, den Vorteil, 
System und Ordnung in den landwirtschaftlichen Betrieb zu bringen. 
Einen Bedarf an andern Gewächsen hatte man nicht, und für die nicht 
zu umfangreichen Viehbestände waren he\ der dünnen Bevölkerung 
Wiesen und Weiden genug vorhanden. Aber die starren Fesseln dieses 
Systems verhinderten in späteren Jahrhunderten jeden Fortschritt. 
Mit der zunehmenden Bevölkerung stieg der Bedarf an Brotfnicht. 
Ein Gewann nach dem andern wurde unter den Pflug genommen und 
der Futternutzung entzogen. Nur diejenigen Flächen, die aus irgend- 
welchen natürlichen Gründen nicht zum Ackerbau geeignet waren, 
blieben noch als Wiesen oder Weiden übrig. Die winterliche Ernährung 
war neben wenig Heu in der Hauptsache auf Stroh begründet und ging 
kaum über den Erhaltungabedarf hinaus. Im Sommer standen die mehr 
oder weniger knappen Weideflächen zur Verfügung. Daneben wurden 
zunächst auf Kosten der Heuernte die Wiesen beweidet, dann mußte 
zum Schaden der Bodenbearbeitung die Brache dürftiges Futter liefern 
und nach der Getreideernte gaben die unkrautreichen Stoppelfelder eine 
für die damalige Zeit gute Weidegelegenheit. Gewiß war das keine reich- 
liche Fütterung, und man hat wohl gesagt, daß die Tiere im Sommer 
kümmerlich ernährt würden, um sie an das Hungern im Winter zu ge- 
wöhnen- Mit Beginn des Sommers stand dann in vielen Ställen „Schwanz- 
vieh", das so verhungert war, daß es nur aufstehen konnte, wenn es 
durch Heben am Schwanz unterstützt wurde, und oft so schwach, 
daß man es auf die Weide fahren mußte. Daß eine derartig betriebene 
Viehzucht eine Rente nicht zu erbringen vermochte, leuchtet ein. Zu 
einer besseren Fütterung lag aber ein Anreiz nicht vor. Noch im 18. 
und am Anfang des 19. Jahrhunderts waren sehi unbefriedigende Preise 
für tierische Erzeugnisse zu verzeichnen. So wird aus Althof- In sterburg 
in Ostpreußen berichtet, daß 1763 eine Kuh 8 Taler, ein Bulle 12 Talet 
Wert hatte, und 1781 wurde die Kuh sogar nur auf 5 — 9 Taler taxiert. 
Der Milchpreia in unmittelbarer Nähe der Stadt betrug noch 1825 bis 
1831 4 Pfennig pro Liter. 

Allerdings handelte es sich um kleine und leichte Tiere. Schweiz 



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VI. Die Tierzucht bU eu ihier heutigea Eulvicklnng. 49 

berichtet 1816, daß eine Kuh in der Eifel 150—200 Pfund, ein Ochse 
300 Pfand schwer sei, und in der Clevei Gegend, d, h. den fruchtbaren 
Manchen des NiederrheinB, wog eine Kuh damals 400 Pfund, ein fetter 
Ochse 600, ganz selten einmal 800—900 Pfund. Ja, im Jahre 1850 
berichtet Hartstein aus dem Kreise Bonn am Kbein, daQ eine 
Holländei Kuh 600 — 700 Pfund wog, doch wai er der Ansicht, daß 
diese Tiere zu schwer and zu anspiuchsvoU seien. FUi besser hielt er 
das „b^fpsohe" Vieh, welches nur ein Gewicht von 3 — i Zentnern habe; 
allerdings sei der Milchertrag bei letzterem nur 2,2 — 2,5, bei den Hol- 
ländern aber 11 — 16 Liter. In den dreißiger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts gab nach K r e y s s i g eine Kiih in den futterarmen Gegenden 
Masurens etwa 450 Liter Mich, doch stieg bei etwas besserer Ernährung 
der Ertrag bis auf 850 — 1100 Liter. Ja, noch im Jahre 1870 wird aus 
dem Kreise Oletzko in Ostpreußen berichtet, daß Gutskühe im Durch- 
schnitt nur 1150, Bauemkühe sogar nur 575 Liter Milch gaben. Solche 
Verhältnisse muten heute eigenartig an. Aber man begreift, wie die 
Iiandwirte damals die Viehhaltung als ein „notwendiges Übel" ansahen. 
Sie war ein Übel, weil sie keine Rente brachte, aber notwendig, weil 
man den Stalldünger nicht entbehren konnte. 

Aus diesen unbefriedigenden Verhältnissen herauszukommen, war 
selbst für den einsichtigen und vorgeschrittenen Landwirt schwer. Die 
Bestellung der Felder mußte von allen Landwirten im Rahmen der 
Dreifelderwirtschaft vorgenommen und nach den strengen Regeln des 
Flurzwauges ein Drittel der Fläche gebracht werden. Ein Anbau von 
Futterpflanzen und Hackfrüchten auf dem Ackerlande war, selbst nach 
deren Bekanntwerden, unm^lich, weil nach der Abemtung der Halm- 
früchte das gemeinschaftlich ausgeübte Weiderecht bestand. Auch 
hatten viele Felder keine Zufahrtswege, so daß nach dem Wege-, Trepp- 
und Trapprecht ein Betreten der Xachbarfelder während der gemein- 
samen Bestell- und Erntezeit gestattet werden mußte. Die ursprünglich 
segensreiche Dreifelderwirtschaft war im Laufe einer tausendjährigen 
Geschichte zum Fluch geworden. Es galt vor allen Dingen den Futter- 
bauaufdemAckeilandezu ermöghchen. Weitsichtige Männer, 
vor allen Schubart von Kleefeld, hatten hierfür vorgearbeitet, und 
VOQ besonderer Bedeutung ist der Einfluß von Albrecht Thaer. 
Die Bahn wurde erst frei, als mit der gesamten Feudalverfassung des 
Grundbesitzes am Anfang des 19. Jahrhunderts alle Fesseln fielen, 
jedermann auf seinem Grund und Boden nach Belieben schalten und 
walten konnte, die Separation (Verkoppelung) die Gemengelage der 
Grundstücke beseitigte und die gemeinschaftliche Nutzung der Grund- 
Paicb-Haaian, AllBenctMTlwmcht. 1. And. * 



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50 1- Abeobnitt. Die soolog. SteUnng n. geachichtL EntwicUuiig der Haustiere. 

stücke aufhörte. Daß man in löblichem Eifer in dieser Hinsicht viel- 
fach zu weit gegangen ist, vor allen Dingen zum Nachteil des kleinen 
ManneB die gemeinschaftHchen Weiden (Allmenden) zu a%emein auf- 
hob, hat man erst später eingesehen, mid die neueste Zeit sucht diesen 
Schaden nach Kräften auszugleichen. 

Aber auch jetzt ging es noch langsam vorwärts. Die zwanziger 
Jahre des vorigen Jahrhunderts brachten eine schwere Krisis über die 
Landwirtschaft. Schwierige Absatzverhältnisse und ungemein niedrige 
Preise brachten für viele den Ruin. Erst allmähhch wurde es besser. 
Die Preise stiegen, zunächst aber für Getreide stärker als für tierische 
Erzeugnisse. Noch immer stand der Ackerbau im Vordei^rund des 
Interesses, und nebenher betrieb man, al^esehen von einigen KüBten- 
und Gebirgsgegenden, Viehzucht. Dann kam mit den siebziger und 
besonders den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die große 
Umwälzung auf wirtachafthchem Gebiete. Durch Eisenbahnen und 
Dampfschiffe verbesserte Verkehrs Verhältnisse brachten eine starke 
UberseeiBche Konkurrenz. JungfräuHche Gebiete waren erschlossen und 
konnten landwirtschaftliche Erzeugnisse zu biUigeren Preisen anbieten 
als die alten Kulturstaaten Europas. Die Getreidepreise sanken, während 
die tierischen Erzeugnisse ihrer geringeren Haltbarkeit und schlechteren 
Transportfähigkeit wegen weniger hiervon betroffen wurden. Hand in 
Hand damit ging ein ungeahntes Aufblühen der Industrie. Mit der 
Vermehrung der Bevölkerung an Zahl und der starken Zunahme des 
Wohlstandes wuchs die Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen, deren 
Preiskurve mehr und mehr anstieg. Damit war für die deutschen Land- 
wirte der Zeitpunkt gekommen, wo die Viehzucht zum Vorteil der Rente 
mehr und mehr in den Vordergrund des landwirtschaftlichen Interesses 
rückte. 

Somit sind es die letzten vier bis fünf Jahrzehnte, welche den 
großen Aufschwung in der Viehzucht Deutschlands mit sich gebracht 
haben. Die Zahlen der Statistik bestätigen diese Tatsache. Im Gebiet 
des Deutschen Reiches haben die Zählungen folgende Bewegung der 
Viehbestände ergeben {siehe Tabelle auf S. 51). 

Abgesehen von den Schafen, auf deren Ausnahmestellung weiter 
unten eingegangen wird, findet sich in den letzten fünf Jahrzehnten 
eine bedeutende Zunahme der Viehbestände. Es muß mit allem Nach- 
druck betont werden, daß eswirtschaftliche Verhältnisse 
gewesen sind, die diese Änderung herbeigeführt haben. Ebensowenig 
wie sein gesamtes Wirtechaftasystem, kann der einzelne Landwirt in 
der Viehzucht sich dem Zwange wirtschaftlicher Verhältnisse entziehen. 



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TL Die Tierauoht bis zu ihrer heutigen Eatwicklung. 





Pferde ' Rinder [ Schafe 1 Schweine Ziegen 




MiU. 


"I' i ™. 

nähme ! 


Zu- 
Oder 

n>hmB 


MiU. 


Zu- 1 


Zn- 

nähme 


Zn- 
oder 


1861 


3,19 


% :■ 

— lfi,00 


% i 

- 128.02 


% 


8,45 


% 


1,82 


% 


1873 


3,35 


+ 6,0 


1S,78 


+ 5.2 


20,00 


-10.8 


7,12 


+ 10Ä 


2,32 


+ 27,5 


1S83 


3.S2 


+ 5.1 


15,79 


+ 0.1 


19,19 


-23.3 


9,21 


+ 29,2 


2,64 


+ 13.8 


1802 


3.84 


+ 8.» 


17,56 


+ 11,2 


13,59 


— 29,2 


12.17 


+ 32,2 


3,09 


+ 17.1 


1900 


4,20 


+ »,4 


18.94 


+ 7.» 


9.69 


— 29,7 


16,81 


+ 38,1 


3.27 


+ 5,7 


1907 


4,34 


+ 3.« 


20,63 


+ 8,» 


7,70 


-20,6 


22,16 


+ 31,8 


3.53 


+ 8,2 


1912 


4.Ki 


+ *.l 


20.18 


-2.3 


5.80 


— 24,7'| 21,92 


— 1,0 


3,41 


—3,4 


1913 


— 


- jj 20,94 


+ 3.7 


5.50 


- 5,2 1 25,59 


+ 15,7 


3.54 


+ 3.7 


1861—1912 


~ 


+ 41,7 




+ 34.5 


~ 


-79,3 


' 


+ 239,3 


~ 


+ 87,4 



Krat nachdem lobneDde Preise zu erzielen waren, konnte man auf die 
Viehzucht ein stärkeres Gewicht l^en, und erst jetzt konnten wissen- 
schaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Zucht und Ernährung, 
die an klangvolle Kamen wie Darwin, Hermann v. Nathuaiue, 
Settegast, Justus Liebig, Henneberg, Emil Wolff 
u. a. m. anknUpIen, auf fruchtbaren Boden fallen. 

Ohne weiteres muß zugestanden werden, daQ in England die Tier- 
zucht sehr viel früher eine hohe Stufe erreichte als in Deutschland. Zu- 
statten kamen die natürlichen Verhältnisse und eine gewisse Begabung 
der englischen Landwirte für Tierzucht. Die Leistungen eines B a k e- 
well, der Gebrüder C o 1 1 i n g und andrer sind sehr hoch anzu- 
schlagen. Aber völUg falsch ist es, hierin den wesentUchen und grund- 
sätzlichen Unterschied zwischen dem Stand der Viehzucht in Deutsch- 
land und England erblicken zu wollen. Die englische Landwirtschaft 
blieb von den vielen kriegerischen Verwicklungen Deutschlands ver- 
schont, ^el früher als in Deutschland entstand dort eine Industrie 
und war eine wohlhabende Bevölkerung vorhanden, die fUr tierische 
Erzeugnisse lohnende Preise zu zahlen gewillt und in der Lage war. 
Auch hier waren es wirtschaftliche Verhältnisse, die die Tierzucht in 
den Vordergrund drängten, und sobald Deutschland in einen ähnlichen 
Entwicklungsgang eintrat, ist auch hier ein Aufblühen der Tierzucht 
eingetreten. Wenn die deutschen Landwirte auch in früheren Jahr- 
zehnten durch Bezug von Zuchtvieh aus Engknd Vorteile gehabt haben, 
so ist in den letzten Jahrzehnten auf dem Gebiet der Viehzucht in 
Deutschland erheblich mehr erreicht als in England. Die deutsche Tier- 
zucht ist völlig selbständig geworden; sie hat zum Segen der Land- und 



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g2 1- Abeohnitt. Die Eo<rf<^ Stellnng u. gwohichtl Entwioklnng der Hanstiei«. 

Volkswirtschaft sich unserea Verhältnissen angepaßt und ist eigne Wege 
gegangen. Auch verdient hervorgehoben zu werden, daß die glänzende 
Ziichterarbeit der Mennozüchter in der ersten Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts sich ebenbürtig der züchterischen Betätigung der Engländer 
an die Seite stellen kann, wenn beide Länder auch, wiederum durch 
wirtschaftliche Verbältniaae bedingt, damals verschiedene Wege ein- 
schlugen. 

In der Eindviehzucht suchte man bis in die zweite Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts hinein in der Einfuhr .allör' möglichen fremden 
Rassen sein Heil. Han glaubte, daß jedes Tier selbst unter ganz anderen 
natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen genau dasselbe leisten 
müsse, wie in seiner Heimat. Die Rückschläge büeben nicht aus; 
erst nach tmd nach ist man dazu gekommen, für jeden Bezirk passende 
Schläge zu wählen und mit ihnen große geschlossene Zucbtgebiete zu 
begründen. Eine großzügige staatliche und private Tierzucbtpflege hat 
in dieser Richtung namentlich den kleinen Besitz unterstützt. 

Eigenartig war die Entwicklung der Schafzucht. Diese kam 
mit der Einfuhr der feinwolligen spanischen Merinofichaie im letzten Viertel 
des 18. Jahrhunderts zu einer ungeahnten Blüte. In Sachsen (Elektoral) 
und in Österreich (Negretti) bildeten sich besondere Zuchtrichtungen 
aus, die dann in anderen deutschen Ländern, namentlich auch in Schle- 
sien, erfolgreich aufgenommen wurden. Die feinste Wolle erreichte 
ungeheure Preise, wurde doch in den zwanziger Jahren des 19. Jahr- 
hunderts in Sachsen für einen Zentner Wolle bis zu 1000 Mark bezahlt. 
Diese Zeit des „Goldenen VUeßes" hat nur einige Jahrzehnte gedauert. 
Die Industrie lernte, auch aus weniger feiner Wolle gute Stoße herzu- 
stellen. Die Mode legte nicht mehr auf allerfeinste Stoffe Gewicht, 
und endlich bedingte das ganz einseitige Streben nach allerfeinster Wolle 
ein unbefriedigendes Schurgewicht, untergrub die' Konstitution und 
brachte die Herde gesundheitlich in Verfall. Man suchte nun auf etwas 
größeren Körpern mehr, wenn auch weniger feine Wolle zu produzieren. 
Seit den sechziger Jahren wurden aus Frankreich Bamboidllets bezogen, 
um so auch etwas mehr Fleisch, wofür der Markt inzwischen besser geworden 
war, erzeugen zu können, Mitte der sechziger Jabre war für die deutsche 
Schafzucht der Höhepunkt erreicht. Die Konkurrenz überseeischer 
Länder ■ — Australien, Kaplsnd, die La Flata-Staaten Südamerikas — - 
drückten die Preise so stark, daß die Wollschaf zu cht unrentabel wurde. 
Auch die Einfuhr engUscher Fleischschafe konnte, wie die Tabelle S. 51 
zeigt, den rasch einsetzenden zahlenmäßigen Rückgang nicht aufhalten. 
Seit der Wende des Jahrhunderts ist einmal durch die weiter gestiegenen 



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TL Die Tienuoht bis eu ihrer henljgen Entiriokliuig. 53 

Fleischpreise und duich eine kleine St^eigenmg der Wollpieise die Sacli- 
lage etwas gUustiger geworden. Die Schaizncht geht abet immer noch 
zahlenmäßig mriick. Han glaubt durch Rinder und Schweine weiter 
zu kommen, sollte aber nicht vergessen, daß neben diesen Tieren es 
wenigstens im Großbetrieb auch heute noch Verhältnisse gibt, wo eine 
zweckmäßige Zuchtriohtung — Meriaofleisch-, engliBche Fleischschafe — 
wirtschaftlich durchaus am Platze ist. 

Die Schweinezucht hat im Laufe der Zeit in unsrem Vater- 
lande in ihrer Bedeutung erhebliche Wandlungen durchgemacht. Nach 
den weiter oben (S. 46) gegebenen Austührungen blühte sie schon im 
alten Germanien, und H o e b c h^) weist nach, daß im Mittelalter die 
Schweinezucht an Bedeutung die Zucht des Rindes und Schafes weit 
übertrofien hat. Das Schweinefleisch spielte eine ausschlaggebende Bolle 
brä der Ernährung. Die Haltung des Schweines war im wesentlichen auf 
die ausgedehnten Eichen- und Buchenwaldungen b^^ründet, und der 
Ausfall der Eichel- oder Bucheckeremte war damals für den Verlauf 
der Schweinemast ebenso wichtig, wie es heute der Ausfall der Kartoffel- 
ernte ist. Wie die gesamte deutsche Landwirtschaft, so wurde auch die 
Schweinehaltung durch den Dreißigjährigea Rrieg ungeheuer geschädigt, 
und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit war es mit ihr ebenso 
kümmerlich bestellt, wie mit der Zucht der übrigen Haustiere. Die fast 
ausschUeßhch dem Ackerbau zukommende Förderung der Landwirtschaft 
in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Ueß auch damals noch 
die Schweinezucht nicht zur Blüte konuuen. Erst seit der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts und ganz besonders in den letzten Jahrzehnten 
bat die Schweinezucht in Deutschland eine ungeahnte Entwicklaug 
genommen. Sie hat den Ausfall an Fleisch, der durch die Verminderung 
der Schafhaltung entstanden ist, um ein Vielfaches aiifgewogen. Hierfür 
ist nicht nur die oben nachgewiesene zahlenmäßige Vermehrung der 
Schweinebestände ein Beweis, sondern in einem noch höheren Grade 
die durch Einführung enghschen Blutes imd intensiver Ernährung be- 
wirkte Frühreife, welche es dahin gebracht hat, daß gegenwärtig all- 
jährhch mehr als 100 % des durch die Viehzählung nachgewiesenen 
Bestandes geschlachtet werden, d. h. daß die Schweine heute schon in 
einem Alter von 8 — 10 Monaten auf die Schlachtbank wandern. So ist 
es dahin gekommen, daß der gewaltig gestiegene Fleisch verzehr heute zu 
etwa zwei Drittel durch Schweinefleisch gedeckt wird. 

Die Hebung der Ziegenzucht entstammt der allemeuesten 

') Hoeach, Die Schweinezucht. Hannover 1911. Bd. I, S. 298. 



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54 1- Absohmtt. Die loolog. Stellung u. gwobiohtL EntwicUnng der Hwistiere. 

Zeit. Man hat die Bedeutung der Ziege als Milchtier des kleinen Mannes 
schätzen gelernt. Die moderne wirtschaftliche Entwicklung, welche 
eine ungeheure Zahl kleiner Haushaltungen von der nmnittelbaTen 
Berührung mit der Landwirtschaft losgelöst hat, bewirkte es, daß nament- 
lich auch in industriellen Kreisen ein größeres Interesse für die Förderung 
und rationelle Ausgestaltung der Ziegenzucht geweckt und mit erheblichen 
Mitteln unterstützt wurde. 

Ganz allgemein hat man heute eingesehen, daß jede Tiergattung, 
wenn sie sich freudig entwickeln soll, in den natürlichen und wirtschaft- 
lichen Verhältnissen die Bedingungen ihres Gedeihens finden muß. 
Züchtung und Fütterung sind in gleichem Maße verbessert worden. 
Suchte man früher, veranUßt durch die wesentlich bessere Rente aus 
dem Ackerbau, sein Heil in dner möghchst biUigen und kiüumerlichen 
Ernährung, so hat man heute sich bemüht, durch eine zweckmäßige 
Züchtung leistungsfähige Tiere zu schauen und diese dann so zu füttern, 
daß sie ihre Leistungsfähigkeit innerhalb der vorliegenden wirtschaftlichen 
Verhältnisse voll zur Entfaltung bringen können. Ganz allgemein ist 
dabei eine Hebung der Futterausnutzungafähigkeit, eine größere Früh- 
reife und in der Mehrzahl der Fälle ein höheres Lebendgewicht erzielt 
worden. 

Allerdings hing damit zusammen, zumal die naturgemäße Haltung 
auf der Weide in vielen Gegenden abgeschafit wurde, eine Verfanerung 
und Verschlechterung der Konstitution, deren IsTachtüie in den modernen 
„Stallkrankheiten" besonders beim Rind und Schwein zum Ausdruck 
kommen. Die neuere Zeit sucht hierin Wandel zu schaffen, soweit das 
im Rahmen der wirtschaftlichen Verhältnisse möglich ist. 

Zu dem hohen Stande der Tierzucht in Deutschland haben die um- 
fangreichen Maßnahmen der öSenthchen Tierzuchtpfiege, die in einem 
späteren Abschnitt besprochen werden, viel beigetragen. Auch in den 
übrigen Kulturataaten wird an der Förderung der Tierzucht eifrig ge- 
arbeitet. 



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Zweiter Abschnitt. 

Die Arten. 

I. Die AnBchaunngen Aber die EntstehoDg der Arten. 

Die Definition des Begriffs Art begegnet erheblichen Schwierig- 
keiten, bcBondere aber gehen die Ansichten der Forscher über die Ent- 
stehung derselben seit langer Zeit auseinander, so daß auch beute noch 
iteine vollkommene Übereinstimmung hierüber erzielt ist. 

L i n n 4^) stand mit seinem Ausspruch: „Species tot sunt diversae, 
quot diversaa formas ab initio creavit infinitum ens" ganz auf dem 
Standpunkt des mosaischen Schöpfungaberichts. N'ach L i n n ^ be- 
standen so viele Arten, als zu Anfang Formen von Gott erschaffen 
wurdeo. Die Art war nach ihm etwas Beständiges und Unveränderliches, 
die eisten Vertreter waren vom Schöpfer erschaffen und bei der Sintflut 
in der Arche Koabs vor dem Untergang bewahrt worden. Hiemach 
war also die Spezies der Begriff für einen Stamm von Tieren, der von 
einem aus der Schöpfung hervorgegangenen üreltempaar abstammte. 

G u V i e r') befand sich auf dem gleichen Boden der Anschauung, 
nur mußte ei auf Grund der inzwischen bekannt gewordenen und von 
ihm selbst eifrig geförderten paläontotogischen Wissenschaft seine Theorie 
den neueren Forschungseigebnisaen anpassen. Durch diese war unzweifel- 
haft erwiesen, daß zu früheren Zeiten Tiere und FSanzen gelebt hatten, 
die sich von den gegenwärtigen unterschieden, und daß die Unterschiede 
mit dem Alter der Schichten immer mehr zunahmen. 

Solche Tatsachen heßen sich mit den Schöptungsideen nur so in 
Einklang bringen, daß man sich für jede geologische Periode eine be- 
sondere Schöpfung dachte, bei der Fauna und Flora gänzüch von neuem 
entstanden, nachdem eine vorherige totale Vernichtung alles Lebenden 

■) L i n n 6, geb. 1707 zu Räehult in Snuland, geat. 1778 in Upeola, Profesaoi 
der Hedisin und Botanik. 

») C u V i e r, geb. 1769 in Mämpelgard, geat. 1832 in Paria, Profeaaor in Ter- 
•chiodenen Stellungen, gestorben ala Fair von Frankreich. Bedeutender Zoologe. 



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5$ 2. Abscbnitt. Die Arten. 

Btatt^funden hatte. Letzteres geschah nach allgemeinen Eidumwäl- 
zungen, Katastrophen, weshalb die daraus entstandene Theorie, die 
lange Zeit hindurch die Naturwissenschaft beherrschte, auch die Kata- 
strophentheorie genannt wird. 

Einem ähnUchen Grundsatz huldigte Agassi z*}, der später 
auch die Lehre Darwins heftig bekämpfte. 

II. Dsnrin and seine Lehre. 

Der Lehre von der Katastrophen theorie, die an der großen wissen- 
schafthchen Autorität C u v i e r s eine sehr sichere Stütze hatte, traten 
nun zu verschiedenen Zeiten Männer wie L a m a r c k*), Goethe, 
Geoffroy St. Hilair e*), L y e 1 1*), w e n^) u. a. entgegen, die 
auf die verschiedenen Widersprüche in den Anschauungen von der 
Un Veränderlichkeit der Arten hinwiesen und auf die wissenschaftlich 
begründete tmd täglich zu beobachtende fortschreitende Entwicklung 
und Umgestaltung der organischen Natur aufmerksam machten. 

Obwohl schon L a m a r c k") die Behauptung aufgestellt hatte, 
daß die Arten nicht unabhängig voneinander erschaffen seien, sondern 
daß sie sich im Laufe langer Zeiträume durch äußere Einflüsse, Anpas- 
Bimg der Individuen an dieselben und Vererbung der besonders durch 
den Gebrauch der Organe entstandenen neuen Eigenschaften aus ur- 
sprünglich einfacheren Formen zu vollkommeneren entwickelt hätten, 
so blieb es doch dem großen Katurforecher Darwin') vorbehalten, 
diese Anschauung zu einer allgemeinen Anerkennung zu bringen. 

') A g a, B 8 i z, geb. 1807 zu Mottier im Kanton Preiburg, gest. 1873 als 
ProfeBaor der Zoologie und Geologie der Harvard- Universität Cambridge in Nord- 
amerika. 

*) Lamarck, geb. 1744 zu Barantin in der Picardie, gest 1829 als Pra- 
feaaor der Zoologie in Paria. 

») Geoffroy St. Hilaire, geb. 1772 in Etampea, gest. 1844 aU Pro- 
fessor der Zoologie in Paris. 

*) Lyell, geb. 1707 zu Kinnordy in Forfarahire, uraprünglich Jurist, ge- 
Btorben 187S in London als Profeaaor der Geologie. 

') Owen, geb. 1804 in Lancaster, geet. 1892 bU Ptofeseor der Phj^ologio 
and Paläontologie in London. 

*) Philosophie zoologique. Leipzig 1809. Übersetzt von Lang. 

') CharlesRobertDarwin wurde am 12. Februar 1809 zu Shrews- 
bury in England als Sohn eines Arztes geboren. Schon in der Schale zeigte er 
ein herrorragendes IntercBse am Sammeln von Käfern, Muscheln und Mineralien, 
während er den klassischen Studien keinen besonderen Oesohnutck abgewinnen 
könnt«. 1825 schickt« ihn der Vat«r auf die Universität Edinburgh und 1828 auf 



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IL Danrin nnd seine hebm. 57 

In seinem im Jahre 1859 eischienenen Buche') vertrat Darwin 
den Standpunkt, daß die Arten nur vorUbei^ehead fixierte Zustände 
iu dem beständigen Entwicklungsprozeß des tierischen Lebens sind- 
Seine Lehre gipfelt in folgenden drei Kardinalsätzen : 

L Trotz der biologischen, morphologischen und anatomiechen 
Verscliiedenheit haben die verschiedenen Tierspezies gewisse gemeinsame 
Stammformen. (Abstammung b- oder Entwicklungslehre, 
Deszendenztheorie.) 

2, Die verschiedene Gestaltung kam zustande durch allmäh- 
liche Umwandlung — Transformation. 

3. Die Transformation ist eine Folge der Selektion, der Zucht- 
wahl, NaturzUchtung oder Auslese, und diese ist entweder eine natür- 
liche — Kampf ums Dasein — oder eine künstliche — Hand des denkenden 
und rechnenden Züchters. 

Die Wirkung der Zuchtwahl ist ohne Variabilität, An- 
passung und Vererbung nicht denkbar. Variabiht^t wird 
nach Darwin veranlaßt durch Einwirkung von Ursachen auf den 
reifen Organismus, auf den Embryo und auf die beiderseitigen Sexual- 
elemente, bevor eine Befruchtung erfolgt ist*). 

Die Abstammungslehre Darwins findet ihre hauptsächlichste 
Stutze in der Paläontologie, Embryologie und vergleichenden Anatomie. 

Die Paläontologie ist die Lehre von den vorwelthchen Lebewesen, 
die als Versteinerungen — Fossilien, Petrefakten — und als Abdrücke 
in den vorweltlichen Erdschichten eingeschlossen sind (S. 14). 

Aus der Paläontologie ersehen wir, daß in den ältesten Erdschichten, 
dem archäischen Weltalter, noch k^ne tierischen Organismen lebten, 
daß diese daim im paläozoischen Weltalter, und zwar die niederen 



dkjeaige von Cambridge, wo Dsrwin Theologie studieren sollte. Indessen fand 
er hier keinen inneren Trieb zu diesem Studium, vertauschte es bald mit 
demjenigen der Naturwissenschaften und schloQ sich im Jahre 1831 dem Kapitin 
Kts-Roy an, nm diesen auf dem KriegBachifie „Beagle" als Naturforscher auf einer 
fünfjiUirigeB Seereise um die Welt zu begleiten. Hier lernte er Südamerika, die 
SSdaeeinsehi und Australien kennen, kehrte 1836 nach England zurück und 
siedelte dann nach seiner Verheiratung im Jahre 1&42 auf seinen Landsitz Down 
bei BecJunliam in der Grafschaft Kent über, wo er sich als Privatgelehrter ganz 
aeinen wissensohaftUohen Arbeiten widmete. Darwin starb am 19. April 1882 und 
wurde in der Westminaterabtei beigesetzt. 

>) „Über die Entstehung der Art«n durch natürliche Zuchtwahl". Übersetzt 
von Viktor Carns. Stuttgart. 

>) Darwin, Variieren der Tiere und Pflanzen. Stuttfrart 1880. II, S. 28S. 
übnaetst von C a r u s. 



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5g 2. Abechnitt. Die Artoa. 

Formen im Kambrium, von den Wirbeltieren die EWhe zunächst spär- 
lich im Silur, in größerer Mannigfaltigkeit im Devon, und die Amphibien 
und Reptilien im Karbon erscheinen, während die Vögel und Säuge- 
tiere ihren Ursprung auf das mesozoische Weltalter zurückführen. Hier 
treten wiederum zuerst die niederen Stufen, die Aplacentalier, auf, 
denen dann im kainozoischen Weltaitet die Placentaher in großer Ver- 
breitung folgen. Innerhalb des letzteren hefert die paläontologiache 
Entwicklung der Pferde (S. 15) geradezu ein echulmäßiges Beispiel für 
die allmähliche STStematische Ausgestaltung der einzelnen Tiergattungen. 

Überall erscheint der unvollkommenere Bauplan in der O^anisation 
der Tierwelt zuerst; er vervollkommnet sieb dann und erlischt schließ- 
lich wieder, um höher ai^elegten Gruppen Platz zu machen. 

ÄhnUch verhält es sich mit den Pflanzen; den Kryptogamen folgen 
die Phanerogamen. 

Was die Beweise aus der Embryologie anlangt, so beginnen, um 
nur ein Beispiel herauszugreifen, Menschen und Wirbeltiere ihr Dasein 
mit der befruchteten Eizelle. Die Ontogenie, die Entwicklung des ein- 
zelnen Wesens, ist nach H ä c k e 1^) eine kurze und schnelle, durch die 
Gesetze der Anpassung und Vererbung bedingte Wiederholung (Re- 
kapitulation) der Entwicklung seines ganzen Stammes. Die letztere 
nennt H a c k e 1 Phylogenesis und den ganzen Vorgang das b i o- 
genetische Grundgesetz. Diese Wiederholung dürfen wir 
uns indessen nicht als eine strenge, sondern nur als eine annähernde 
Wiedergabe des Ahnenzustands denken. 

In der ersten Fötalperiode stimmen alle Wirbeltiere überein, und 
erst im späteren Stadium nehmen sie den Typus der KUsse, Ordnung, 
Gattung, Art und Rasse an. Zu einer gewissen Zeit hat der Embryo 
der höheren Säugetiere nur eine Vor- und eine Herzkammer wie die 
Fische, dann bilden sich zwei Vorkammern und eine Herzkammer wie 
bei den Amphibien aus, und erst später tritt eine Trennung der Kammern 
ein, wie sie bei den Reptilien noch unvollkommen, bei den Vögeln und 
Säugetieren dagegen vollständig durchgeführt ist. Auch haben die 
letzteren zu einer gewissen Zeit der fötalen Entwicklung Kiemenspalten, 
die später vollständig verschwinden. 

In der lebenden Tierwelt kommt die Umformung, die Trans- 
formation, bestehender Arten, nach Darwin durch die Selektion, 
die Auslese oder Zuchtwahl, zustande. Die letztere ist entweder eine 
natürliche oder eine künstliche. 



1) Häckel, Natürliche Schöpfungageschtchte. Berlin 1898. I, S. 30S. 



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II. Darwin und seine Lehre. 59 

Die nfttüiliclie Zuchtwahl, Katurzüchtang, wurzelt in 
dem Kampfe ums Dasein, im Überleben des Passendsten. Der St&tkeie 
siegt, und zwar deshalb, weil ihn die Natur besser ausgerüstet hat, mag 
es sich nun darum handeln, den Feinden zu entgehen — Schutzfärbung 
— oder dieselben zu verderben, sich auf Kosten andrer Artgenossen 
besser zu ernähren, oder beim Kampfe um das Weibch^ die eigne 
Überlegenheit in der Nachkommenschaft zur Geltung zu bringen — 
geschlechtliche Zuchtwahl — oder sich den veränderten Außenverhält- 
nissen leichter anzupassen. Im Kampfe ums Dasein geht eine große 
Anzahl von Individuen und namentlich Fortpfianzungskeimen zugrunde, 
was notwendig ist, um der sonst unausbleiblichen ungeheuren Über- 
produktion vorzubeugen, denn nach M a 1 1 h u s^), dessen Anschauungen 
Darwin stark beeinflußt hatten'), vermehren sich die Nahrungsmittel 
auch nicht annähernd in dem Maße, wie es die Tiere und Pflanzen tun. 
Da nun bei den Überlebenden durch Vererbung die körperlichen Vor- 
züge, welche die Individuen vor dem Untei^ang bewahrten oder ihnen 
zum Siege verh&lfen, auf die Kinder übergehen, so mufl mit der Zunahme 
der Generationen eine fortschreitende Abänderung vom Typus der 
Stammart entstehen, die schließhch zu neuen Formen — Varietäten, 
Rassen — innerhalb der Art und im Verlaufe geologischer Perioden 
auch zu neuen Arten führt, sofern durch räumliche Trennung — Sepa- 
ration, Isolation — den abgeänderten Individuen die Vermischung mit 
der Stanamform unmöglich gemacht wird. 

Die künstliche Zuchtwahl ist eine bewußte und ruht in 
der Hand des Menschen und besonders in derjenigen des denkenden 
Züchters. Der letztere will in seiner Herde diejenigen Eigenschaften 
zur Geltung bringen, die ihm die meiste Rente gewährleisten, und so 
entstanden innerhalb aller Tiergattungen durch Zuchtwahl und An- 
passung neue Rassen von bestimmten Formen und Leistungen. Bew^e 
hierfür liefern das englische Vollblutpferd, das Shorthomrind, die eng- 
lischen Schafe und Schweineschläge imd namentlich die vielen neuen 
Hübner- und Taubenrassen, die wie Pilze aus der Erde wachsen. 

Nun ist aber auch in der bewußten Zuchtwahl der Tätigkeit des 
Züchters eine gewisse enge Grenze dadurch gezogen, daß er nur inner- 
halb des Rahmens ein und derselben Art operieren und das Gebiet der 
Art nicht verlassen kann, da der Mischung verschiedener Arten und 
der Benutzung solcher Nachkommen zu Zuchtzwecken die Unfrucht- 
barkeit der Bastarde hinderlich im Wege steht. Indessen scheinen auch 

I) MalthuB, englischer Nationalökooom 1766— 1S34. 
») Darwin, Entatehnng der Arten. 7. Aufl., S. 84. 



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gO 2. Abschnitt. Die Arten. 

hier Ausnahmen TorzukooimeD, wie die Bastardierungen zwischen 
amerikanischem Wisent (Bison ameiicanua) and dem Hausrinde') und 
zwischen diesem und dem Gayal (S. 66) lebrrai. 

Eine unbewuUte Zuchtwahl, von der D a r w i n*), spricht, gibt es 
bei strenger logischer Auslegung des B^riffa „unbewußt" nicht. Die 
künstliche Zuchtwahl ist zwar leider sehr oft ziel- und planlos, aber 
nie unbewußt. Darwin hat aber mit dem „unbewußt" auch nur 
ausdrücken wollen, daß der sorgsame Züchter zwar die besten Tiere 
zur Zucht auswählt, aber mit ihrer Verwendung nicht die Absicht ver- 
knüpft, die charakteristischen Basseneigenschaften zu ändern. Wahl- 
zucht dieser Art ist allerdings in den gewöhnlichen Zuchtbetrieben 
die Begel. 

Bei Darwin liegt der Schwerpunkt des Umwandlungsprozesses 
in der Katurauslese — die Natur siebt. Indessen ist dieser Vorgang 
deshalb kein rein passiver, weil sich die Individuen nicht nur den Außen- 
verhältnissen, dem „Monde ambiant", anpassen, sondern auch die An- 
passungen vererben. Demgegenüber rechnet der Lamarekismus in 
erster Linie mit der funktionellen Anpassung, und zwar verändern und 
vervollkommnen sich hierbei die Individuen durch eigne Leistung und 
Kraft, durch Gebrauch und Übung ihrer Organe und vererben dann 
diese neu erworbenen Eigenschaften auf ihre Nachkommen. 

Der Darwinismus hat also mit dem Lamarekismus, oder wie diese 
Lehre jetzt heißt, mit dem Neolamarckismus, die Anpassungen und die 
Vererbung derselben gemein und setzt sich somit, wie P 1 a t e*) es 
nennt, aus Selektionismus und Lamarekismus zusammen, während der 
Neodarwinismus, der von W e i s m a n n verfochten wird, die Ver- 
erbung erworbener Eigenschaften verneint und nur die Allmacht der 
Naturzüchtimg gelten läßt, die ausschließhch auf der Variabilität des 
Keimplasmas, d. i. jener Substanz beruht, aus der bei der Befruchtung 
durch die Vereinigung der beiderseitigen Erbmassen das neue Individuum 
entsteht. 

Demnach sind Keodarwinisten und Neolamarckisten entschiedene 
Gegner, während Darwin selbst mit seiner Lehre eine vermittelnde 
Stellung einnimmt. 

Nach Darwin arbeitet die Zuchtwahl nur mit allmähUchen Ab- 
änderungen, durch deren Häufung schließlich größere Stammesuuter- 

') F n s c h. Die Beurteilung doa Bindea. Berlin 1910. 2. Aufl., S. 3, und 
Deutsche Undw. Presse 1905, S. 629. 
') Entstehung der Arten, S. 62. 
'} Selektioneprimip und Probleme der Artbildang. Leipzig 1008. S. S. 



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IL Darwin und seine Lehre. gl 

echiede und damit besondere Baasen, Arten und Gattungen entstehen. 
Wenn der große Engländer auch das Auftreten sprungweiser Variationen 
kannte^), die er als „Single variations" bezeichnete, so maß er ihnen 
doch keine wesentliche Bedeutung bei der Artbildung bei, weil er im 
allgemeinen dem alten naturwiBsenschafthchen Grundsatz „Natura non 
facit saltum", den er zwar als eine „übertriebene naturgeschichtUche 
Begel" bezeichnete, huldigte*). Im Gegensatz hierzu steht, worauf 
bei dem Abschnitt über Vererbung noch näher eingegangen werden 
soll, der Amsterdamer Botaniker Hugo de Vlies mit seiner 
Uutationstheorie, der den Mutationen, d. i. den plötzlich 
erschienenen neuen und vererbbaren Eigenschaften, den alleinigen 
Anteil an der Entstehung neuer Arten zuschr^bt und direkt behauptet, 
daß die Arten durch den Kampf ums Dasein und die natürliche Aus- 
lese nicht entstehen, sondern vergehen*). 

Es kann hier nicht der Ort sein, näher auf die Frage des Für und 
Wider des Darwinismus einzugehen. Indessen muß betont werden, 
daß sich der Grundgedanke, der in der Abstammungslehre Darwins 
liegt, bereits die gebildeten Kreise der ganzen Erde erobert hat, wenn 
sich auch kluge Geister noch recht lange Zeit darüber streiten werden, 
welche einzelnen Faktoren die Umwandlung der Arten bewerkstelhgt 
haben, und ob der natürlichen Auslese, der Anpassung oder der von 
außen unbeeinflußten — endogenen — Keimesvariation die größere 
bzw. alleinige Bedeutung hierbei zuzuschreiben ist. 

Darwin war in der wissenschaftUchen Züchtungskunde seiner 
Zeit ausgezeichnet bewandert. Er schöpfte daher bei der Begründung 
seiner Lehre von der Variabilität und Variation aus dem Borne der 
Tierzucht, züchtete selbst und stand auch mit den praktischen Züchtern 
in engem wissenschaftlichen Verkehr. Auch heute rechnen die letzteren 
mit der Variabilität der Tiere und mit der Vererbung neuer, wirtschaft- 
hch wertvoller, durch allmähliche Variation entstandener Eigen- 
schaften, ohne die ein Fortschritt in der Tierzucht undenkbar ist. 

Indessen darf man den Einfluß der Darwin sehen Lehre auf die 
Entwicklung der Haustierzucht, wie das häufig zu geschehen pflegt, 
nicht Überschätzen. Zweifellos bringen uns die im Anschluß an sie 
entstandenen bedeutsamen biologischen Errungenschaften die Erklärung 
für viele Vorgänge auf dem Gebiet der Vererbungslehre und Züchtungs- 
kunde, jedoch können sie unser Handeln im praktischen Zuchtbetriebe 

') VMÜeren I, S. 101. 

») Entetehung der Arten, S. 220. 

») Die MntfttionBtheorie. Leipzig 1901. I, S. ISO. 



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62 2- Abscbnitt. Die Ärteo. 

immerhin nur im beschränkten Maße beeinflussen. Denn das Keim- 
plasma, die vererbbare Substanz, ist leider eine eehi selbständige, ge- 
waltige und in ihrer Zielstrebigkeit noch recht wenig bekannte Macht. 
Deshalb bleibt die Haustierzucht auch trotz der großartigen bio- 
logischen Forschungsergebnisse wenigstens zurzeit noch in erster Linie 
eine Erfahningasache, in welcher allerdings der ^ie besten Erfolge er- 
zielen wird, der es auf Grund praktischer Erfahrung und Begabung 
und allgemeiner systematischer, naturwissenschaftlicher Schulung ver- 
steht, die Zuchttiere hinsichtlich ihrer Abstammung, ihrer Form und 
ihrer Ansprüche an Haltung und Ernährung richtig zu beurteilen und 
richtig zu verwenden. 

IIL Die Art als AnsgangBpnnbt In zootechnischer Beziehnng. 

Die Art ist der Endpunkt der zoologischen und der Ausgangs- 
punkt der zootechnischen Betrachtung. Der Artbegriff ist schwer zu 
definieren. Zweckmäßig ist es, im tierzüchterischen Sinne unter einer 
Art eine Gruppe von Tieren zu verstehen, die selbst und deren Nach- 
kommen ebenfalls bedingungslos untereinander fruchtbar sind, un- 
geachtet gewisser morphologischer Verschiedenheiten (Hausrind und 
Zebu). Die Nachkommen zweier verschiedener Arten heißen Bastarde 
und der Vorgang der Bastardierung Hybridation. Man spricht sowohl 
in der Zoologie wie namentlich in der Botanik auch von Gattungs-, 
Art-, Unterart- und Bassenbastarden^), doch kann sich die praktische 
Tierzucht dieser B^riffeauslegung nicht anschließen. 

Die männUchen Bastarde sind unfruchtbar, die weiblichen dagegen in 
der Anpaaning an die Stammform oft fruchtbar, wenngleich die Befruch- 
tung nicht immer gelingt, Abortus häufiger vorkommt und die Jungen 
infolge LebensBchwäche eher zugrunde gehen, als das sonst der Fall zu sein 
pflegt, eine Beobachtung, die schon Aristoteles veröffentüchte*). 

Abkömmhnge verwandter Gattungen begatten sich wohl — Schaf 
und Ziege — , befruchten sich aber nicht, weil ihnen die gegenseitige 
sexuelle Affinität fehlt. 

Bastarde sind : 

1. Gattung PTerd: 

a) Maultier — Pferdestute X Eselhengst. 

b) Maulesel — Eselstute x Pferdehengst, 



1) Hacker, Archiv für GeaellBshafto- und Rassenbiologie 1001, 8.S 
') AriHtoteles, Tierkunde, VI, Kap. 24. 



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III. Die Art i\a Au^^ngHpunkt in zootechniacher Beziehung. 63 

Männliche Maultiere und Maulesel sind, weil sie keine Spermatozoen 
zu pioduzieten veimögen, unfruchtbar, weibliche dagegen bei Belegung 
durch Pferde- wie durch Eeelhengste fruchtbar, was durch mehrfache 
einwandfreie Beobachtungen erwiesen ist^). 

Maultiere werden besondere in Frankreich, Spanien, Italien, 
Amerika und Südafrika gezüchtet und im Kriegsdienst wie in der Land- 
wirtechaft verwendet. Ihre Vorzüge liegen in ihrer langen Dienstfähig- 



Fig. la. Uanltiervalloch nas dem KsiEerl. UofKestUt Kladrab in Bahmen. 1» Juhre ult, 

ITI cm hoch. Täter italieDiacber EaelhengsC, HntCer Kladrober Aappstute. 

(Phot. von Herrn Oestatsdirektor Mottloch Dberlusaen.) 

keit, ihrer Gleniigsamkeit und Ausdauer und in ihrer größeren Wider- 
standsfähigkeit gegen Krankheiten, was besonders für die Tropen ins 
Gewicht fällt. Ihre Fähigkeit, Lasten zu tragen, macht sie für Gebirgs- 
länder ab Saumtiere unentbehrlich. In Deutschland haben sie sich bisher 
nicht einbürgern können; die neuerdings bei uns wieder aufgenommene 

>) Ackermann, TierbasUrde. Selbstverlag Casscl 1898. S. 43. — v. W a h I, 
Jahrbnch für wissenschaftliche und praktische Tierzucht, Bd. II, K. 51. — Iwa- 
noff, zit. na;h Lang, Die experimentelle Vererbungslehre In der Zoologie. Jena 
1914. S.88S. 



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34 2- Abschnitt. Die Arten. 

Maultierzucht dürfte ebensowenig Erfolg haben wie frühere Bestrebungen 
dieser Art. 

Wie Homer berichtet, soUen die Maultiere bei den Enetem, 
einem Volksetamm der Faphlagonier, wild aufgewachsen sein'). Die 
Griechen bedienten sich ihrer schon im trojanischen Kriege als Zug- 
tiere, um die Leichen der Gefallenen zum Scheiterhaufen zu fahren^). 
Den Juden war die Maultierzucht durch Moses verboten'). 



Die Größe der Maultiere ist sehr verschieden und von der Größe 
des EselhengBtes und derjenigen der Pferdestute abhängig. In Frank- 
reich züchtet man eine besonders schwere Ffcrderasse — Mulassi^re- 
rasse genannt — , deren Stuten mit großen Eeelhengsten die wertvollsten 
Maultiere hefem. 

Die Maulesel haben den Maultieren gegenüber nur eine iinter- 
geordnete Bedeutung, so daß man ihre Existenz eine Zeitlang sogar 

') Homer, Iliaa, 11, V. 852. 
*) Homer, lUas, U, V. 333, 
') 3. Mose, Kap. 19, V. 19. 



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IIL IKe Art ale AusgAngepunkt in zootoohnucher Beüehnng. gg 

in den Kreisen ernster Schriftsteller bezweifelt hat. Indessen ist ihi 
Voikommen mit Sicherheit erwiesen (Fig. 17), denn sowohl K ü h n in 
Halle, wie auch die Herrschaft Gnibhof bei Salzburg haben Maulesel 
gezüchtet^). In Spanien und Abessinien sollen sie häufiger vorkommen*). 
In neuerer Zeit sind auch erfolgreiche Blutmischungen zwischen 
Zebra und Pferd — die Produkte werden Zebroiden genannt — 
und zwischen Maskatesel und Zebrastute vorgenommen worden. Man 
erwartet, daß die Zebroiden in den tropischen Kolonien ihrer größeren 



Widerstandsfähigkeit wegen eine wirtschaftliche Bedeutung erlangen 
sollen. Zebroiden sind gezüchtet worden von Hagenbeck (Fig. 18), 
von Falz-Fein in Äskania-Nova unter Leitung von I w a n o f f, 
and namentlich auch von Ewart in Penycuik (Schottland)'). E w a r t 
nennt Bastarde zwischen Zebrahengst und Pferdestute Zebmlen, solche 
zwischen Pferdebengst und Zebrastute Zebrinnen. Die charakteristische 
Zebraatteifung, die nach Ewart bei den Zebras selbst stark variiert, 
ist bei den Zebroiden regelmäßig vorbanden, wetm auch nicht so scharf 

') Deutacbe Pferdezucht, Jahtg. 190S, S. 206. 
■) Lang a.a.O. S. 806. 
>) Ebenda 8. 812. 
Fgioh-HanieD, Ulgemeloe Tleriielit. S. Aufl. ^ 



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66 S. Abschnitt Die Ärtoii. 

aui^eprägt ala bei den Zebras selbst; im übrigea nelimeii die Bastarde 
eine Mittelstelluiig zwiaohen den b«den Stammformen ein. Nach 
I w a n o f f sind männliche Zebioide unfruchtbar, weibliche bei An- 
paarung fruchtbar^). 

2. Qatbins Rtn<: 

a) Hausriud x Yak*), weibliche Nachkommen nach Kühn (Halle) 
in der Anpaaning fruchtbar. 

b) Hausrind x Gayal, desgleichen. Nach S. v. N a t h u s i u s*} 
wurden von Kühn im Hallescten Haustiergarten 6 Halbblut-Gayal- 
bullen vergebUch bei zusammen 63 Sprüngen zum Decken von Bindern 
und Rinderbastaiden verwendet, während ein Halbblutbulle, Gayal- 
Frätigauer, bei 21 Sprüngen llmal befruchtete. Danach ist ea frag- 
lich, ob man Gayal und Kind als zwei verschiedene Spezies auffassen 
darf. Unfruchtbare männliche Gayalbaatarde zeigen nach D i a s e 1- 
borst eine totale fettige Degeneration des Hodengewebea*). 

c) Hausrind x amerikanischer Wisent. 

Blutmischungen letzterer Art gelingen verhältnismäßig leicht und 
werden jetzt in Amerika mehrfach vorgenommen, da die Nachkommen 
viel widerstandsfähiger sind als die Prärierinder, ein ebenso gutes Fleisch 
wie die besten Texastiere und außerdem sehr wertvolle Pelzdecken 
liefern. Es sind daher bereits mehrere Expeditionen ausgerüstet worden, 
um die letzten Beste der Bisons in Texas aufzusuchen und deren Kälber 
einzufangen^). Die Produkte von Bison und Rind — Cattaloos genannt 
— sollen untereinander fruchtbar sein, was aber wohl noch nicht sicher 
erwiesen ist. Nach I w a n o f f ^) sind weibhche Bastaide aus der Kreuzung 
von europäischen Wisentbullen, mit Kühen der Hausrinder fruchtbar. 

Hausrind x gemeiner Büffel soUen unfruchtbar sein, dagegen sind 
Hausrind x Zebu bedingungslos fruchtbar, so daß beide derselben 
Spezies zugerechnet weiden müssen, bzw. das Zebu ala eine Unterart 
aufzufassen ist. 

3. Qathine Schal: 

MufDon und Schaf sind trotz ihrer äußeren Verschiedenheit ein 
und derselben Art angehörig, denn ihre Nachkommen pflanzen sich 

') Laug a. a. 0. S. 889. 

■) Ackermann, Tierbastarde, S. 70. 

»)Kühn-ArchiT, Bd.1. Berlin 1911. S. 61. 

*) Eggertb, InauguraldiBsertation. Hannover 1910. S. 12. 

') Deutsche Landwirtschaftliche Presse 1899, S. 559. 

') Zit. nach L a n g a. a. 0. S. 889. 



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III. Die Art als AnHgaagBpnnkt in zootechnigoher Beziehung. Qf 

bedinguQgeloB miteiiiaiider fort. Schafe und Ziegen begatten sich zwar 
gegenseitig, Ueiem aber keine Nachkommen. 

In Chile lebt eine besoodeie Schafrasse — Bockschafe, Ziegen- 
schafe, Linaechafe oder Chabins genannt — , die ihre Herkunft einer 
Bastardierung verdanken und ein Viertel Ziegen- und drei Viertel Schaf- 
blut enthalten soll^). Man schätzt die Tiere, die unter sich bedingungs- 
los fruchtbar sind, ihres langhaarigen Felles wegen. Ifachdem man lange 
Zeit auch im Kreise namhafter Gelehrter an das Vorhandensein derartiger 
Ziegenschafe geglaubt, haben Untersuchungen in Santiago erwiesen, daß 
die Chabins nur eine besondere Schafrasse, keineswegs aber Abkömm- 
linge Tou Schaf und Ziege sind^). 

Ähnliche negative Erfolge hatten schon früher Fürstenberg 
und Bertrand, die wohl zahlreiche Belegungen zwischen den Ver- 
tretern der beiden erwähnten Gattungen, aber in keinem Falle eine 
Befruchtung erzielten*), obgleich Schaf- und Ziegenblut biologisch 
gleichwertig ist, indem das Serum eines mit Schafblut vorbehandelten 
Kaninchens auch Ziegenblut zu fällen vermag, was auf eine phylo- 
genetisch nahe Verwandtschaft hinweist*). 

>) H&ckel, Natüriiche SchöpfangsgeBDlucht«. Berlin 1898. S. 132. 

') Ackermann, Tierbaatarde, S. 66. 

") Desgl. S. 64, . 

*)Uhlenhuth, Beihefte zur MediziniBchen Klinik 1907, Heft 9, S. 251. 



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Dritter Abschnitt. 

Die Rassen. 

I. Entstehung, Yarlabllitat nnd Ansg^Uehenlieit der Rassen. 

£ine Rasse besteht aus Tieren einer Art, die sicli in ihren 
morphologischen und meist auch in ihren physiologischen Eigenschaften 
gleichen und diese auf ihre Nachkommen übertragen, Bofeni sich die 
Verhältnisse, unter denen sie leben, nicht wesentlich ändern. Der Rasse 
des Züchters entspricht die Varietät des Zoologen. 

Kacbkommen verschiedener Rassen heißen Kreuzungsprodukte, 
solche verschiedener Varietäten Mestizen, MischUnge oder Blendlinge. 
Das eigentliche Ursprungsgebiet beherbergt die Originalrasse 
und liefert die Original tiere. 

Das Wort Rasse soll nach D u e r s t*) aus dem nenlateinischcn 
haracium stammen, was so viel wie grex equorum, Pferdeherde, be- 
deutet. Aus haracium wurde im Französischen haras — LandgestUt — 
und im Italienischen razza, welch letztere Bezeichnung gegen Ende 
des 17. Jahrhunderts in die deutsche Sprache übernommen wurde. 

Was die Rasaenbildung anlangt, so sahen wir bereits an früherer 
Stelle, daß unsere Haustiere nicht als solche erschaffen wurden, sondern 
daß sie sich aus wilden Stammformen durch den Akt der Zähmung zu 
Haustieren umbildeten. Meist hat die Stammform schon wilde lokale 
Baasen entwickelt, die, in verechiedenen Gegenden gezähmt, von vorn- 
herein die Verschiedenartigkeit einzelner Haustierrassen bedingten. Es 
branchen daher nicht immer große Wanderungen stattgefunden zu haben 
und zur Erklärung der Verschiedenartigkeit der Bässen herangezogen 
zu werden. 

Bei der Rassenbildung handelt es sich, wie es J h e r i n g^) treffend 
nennt, um eine bestimmte angeerbte Struktur mit einem verschieden- 



>) lUustr. landw. Zeitg. 1901. S. 641. 

*) Anmerkung zn R. 122 in C h a ra b e r 1 a i n, Die Grundlagen des 19. Jahr- 
hundcrta. München 1900. 



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L Entatehung, Vafiabilität imd AusgegUchenheit der Rusen. 69 

artig atarkßD BebamingsvenuögeB als erhaltendes Moment, auf das 
Übung und Anpassung — also Haltung und Boden — sowie Natur- 
und Züchtungsauslese abändernd einwirken. Bleiben sich Boden und 
Klima gleich — primitive Bässen — , oder wandeln Haltung und Zucht- 
wahl immer die gleichen Bahnen, iat das Zuchtziel also dasselbe — 
Kulturrassen — , so hört auch die weitere, die Gesamtheit der Tiere 
beeinflussende Veränderung — Variation — auf, und der Rassentyp 
gilt als abgeschlossen. Individuelle Unterschiede bleiben natürlich be- 
stehen, weil sie wesenthch von der Beschaffenheit der bei der Befruch- 
tung zusammenfließenden elterhchen Keimmassen abhängen. Dem- 
entsprechend sind alle Tiere einer Rasse in einer mehr oder weniger 
ausgesprochenen Art und Weise verschieden gestaltet, und auch Zwillings- 
geschwistet sind sich niemals gleich, sondern höchstens ähnlich. 

Alle Tiere variieren also; der Vorgang, der die Veränderungen be- 
dingt, heißt Variation, und die Fähigkeit der Tiere, diesem Vorgang 
Rechnung zu tragen, Variabilität. Letztere ist sowohl bei den 
einzelnen Tiergattungen wie den einzelnen Rassen verschieden. So 
ist das Pferd variabler als der Esel, der in der Fbaraonenzeit schon so 
aussah wie heute, und bei dem auch eine Bildung verschiedener Rassen 
in den gleichen Zonen beinahe unterbheben ist. 

Der Spielraum, innerhalb dessen die Variation bei den einzelnen 
Rassen stattfindet, heißt die Variationsbreite. In deren Bereich trefCen 
eich also alle Varianten, das sind die abweichenden Formen; indessen 
befinden sich nach dem Q u e t e 1 e t sehen Gesetz immer die meisten 
Individuen aiif einer gemeinsamen mittleren Linie — Größe, Gewicht, 
Farbe — , und nur die Minderzahl weicht nach oben oder unten, der 
Plus- oder Minusrichtung, ab. Je konstanter die Zucht, je ruhiger und 
gleichmäßiger die Umwelt, desto geringer die Variation und desto aus- 
geglichener der Typus, ein Zustand der Uniformität und Stabilität, 
den wir in der Haustierzucht zurzeit mit allen Mitteln anstreben. 

Ein Beispiel für hohe Ausgleichung einer Landeszucht liefert das 
Oldenburger Pferd. Dasselbe ist ein schweres Wagenpferd von brauner 
oder seltener schwarzer Farbe, welches einen so au^esprochenen Typus 
besitzt, daß man seine Rassenzugehör^keit leicht erkennt, und daß es 
auch anderseits nicht schwer ist, in Oldenburg Paßpferde zusammen- 
zustellen (Fig. 38). 

In Form und Farbe sehr ausgeglichen sind temer von den Rindern 
die Simmentaler {Fig. 136, 137), die Schwyzer (Fig. 19 und 152) und 
die schwarzbunten Rassen der Marschen (Fig. 39), von den Schafen 
die englischen Fleisch- und die deutschen Merinorassen (Fig. 40), von 



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3. Abschnitt. Die lUaaeii. 



Fig. 10. In der Anaglelcliang begritTene Herde Tan scbwarzliuntein NiederungavUh 
im Olden burger Typus. 

den Schweinen die Berkshires, die deutschen Edelschweine (Fig. il) 
und Mangaliczas und von den Ziegen die Tiere der in Süddeutschland 
mit großem Erfolg nachgezogenen weißen Saanenrasse (Fig. 42). 



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L Entetehnng, Variabilit&t und Anageglichenbeit der Rossen. 71 

Die Tiere ausgeglichener Bässen, zu denen natürlich anch die 
primitiven gehören können, zeigen also ein einheitliches Gepräge, einen 
gemeinsamen Typus. Die Rasse heißt deshalb typiert und das einzelne, 
die erstere gut wiedergebende Tier, typisch. 

Ähnlich wie mit der ßasse verhält es sich auch mit den einzahlen 
Herden und Zuchten (Fig. 19, 20 u. 21). 

Diese Ausgeglichenheit betrifft zwar in erster Linie das Äußere 
der Tiere, nämlich Körperformen,, Farbe und Abzeichen, doch sollen in 
Hochzuchtdistrikten und namentlich in gut durchgezüchteten Heiden 
auch ähnliche Übereinstimmungen in bezug auf die Leistungen vor- 
handen sein, weil jede Tiergattung der Nutzung wegen gehalten wird. 



Gleichartigkeit in Leistung und Form der Tiere kommt zustande, 
wenn z. B. ein Züchter in seiner Binderherde nur Tiere von bestinomter 
Abetanmiung, Form und Farbe und von den weiblichen Tieren nur 
diejenigen zur Zucht benutzt, die aus dem gleichen Futter am meisten 
Milch oder Butterfett Uefem. 

Den typierten Bansen stehen die unausgeglichenen gegen- 
über. Diese sind bezüglich ihrer Entstehung meist jüngeren Datums 
und entweder nicht oder noch nicht lange genug nach einem festen 
Ziele gezüchtet. Die einzelnen Tiere sind deshalb ungleich in ihrem 
Äußern und unsicher in der Vererbung, weil trotz scheinbarer äußer- 
licher Bassenreinheit, die bei fortgesetzter planmäßiger Veredlungs- 
kreuzung unter Umständen schnell auftritt, in den Nachkommen Bück- 



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72 3. Abwhnitt. IKe Bueen. 

schlage, das sind Ähnlichkeiten mit den anders gearteten Voreltern, 
erscheinen (Abschnitt 4, Kapitel V, 5). 

Eine Mittebtufe nehmen die in der Ausgleichung begriffenen Baseeu 
(Zuchten und Herden) ein (Fig. 20). B a B s e 1 o s nennt man solche 
Tiere, die ihre Entstehung einer planlosen Kreuzung verdanken (Fig. 22 
und 23). Die einzelnen Tiere einer solchen Zucht oder Heide sind dann 
meist sehr verschiedenartig in ihrem Äußern, bisweilen aber gleichartig 
in ihren Leistungen, wenn auf letztere bei der Auswahl besondere Rück- 



Fig. n. ßosseloses Pfard. 

sieht genommen wird. Die ausgeglichenen Rassen heißen auch homo- 
gen, die unausgeglichenen heterogen. Beide Ausdrücke werden 
auch auf Paarungen und auf einzelne Tiere angewendet (Abschnitt 5, 
Kapitel IV). 

II. Die Grenzen des Bassenbegriffs. 
Der Rassenbegriff ist praktisch schwer zu fixieren und sowohl 
nach oben wie nach unten dehnbar'). Zerfällt auch die Art nach den 
allgemeinen Gepflogenheiten in Rassen, so hat man doch aus Zweck- 
mäßigkeitsgründen zwischen Art und Raste bisweilen noch Zwischen- 

'] Über die Schwierigkeit bei der FcetleguQ| dee RassenbegriSa finden sich 
iatereesont« Featstellungen tod F. G. K o h n im Jahrbuch für wigaensohaltliche 
und praktische Tierzucht, 7. Jahrg. HannoTer 1012. 8. 66. 



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IL Die Chensen des BuaenbegriSs. 73 

stuieQ eingeachoben. So unterscheidet man die Binder auf Grund 
oBteologischer Merkmale in die Hauptgnippen oder auch „Rassen- 
gruppen" Primigenius, FroutoBus, Brachyceros, Brachycephalus (Akeratos 
und Orthoceros). 

Nach unten zu zerfällt die Rasse in Schläge oder Unter- 
r a s B e o, die meist Tiere einer bestimmten Gegend umfassen. Das 
GroQe Fleckviehrind, dessen Heimat das Simmental im Kanton Bern 
ist, gliedert sich in den Originalsinmientaler Schlag, den Meßkircher 
Schlag (badische Simmentaler) und den Miesbacher oder oberbayrischen 



n 



Fis. ». RuBelose Kub. 

Alpenäeckviehschlag. Indessen gibt es hier auch keine bestimmte Grenze; 
Schlag und Basse gelten oft als Sjmonyme. So sagt man: der Vogt- 
länder (Binder) Schlag oder die Vogtländer Basse. 

Bei Pferden zieht der Sprachgebrauch die Bezeichnung Schlag der- 
jenigen von Basse fast immer vor, und der Ausdruck belgischer, rheinischer 
oder Oldenburger Schlag ist häufiger als derienige von belgischer usw. Basse. 

Der Schlag gliedert sich in Zuchten oder Zuchtherden. Diese 
zeichnen sich durch gewisse Eigentümlichkeiten im Typus, also Unter- 
schiede feinerer Art, aus, die meist nur dem erfahrenen Beurteiler ver- 
ständlich sind. Ausgesprochene Zuchten sind durch eine bestimmte 
Zuchtwahl entstanden und gewöhnlich Hochzuchten, die sich 
besonders bei Rindern, Schafen und Schweinen finden. 



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74 3- Absohnitl. Die Baaaen. 

Die Rasse des deutschen Edelschweins — weißer englischer odei 
Yorkehireschlag — zeichnet sich durch weiße Farbe, kurze, aufrecht- 
stehende Ohren, breite, tiefe Figuren und durch Schnellwüchsigkeit 
aus, die einzelnen Schlage unterscheiden sich durch die Größe uitd 
durch die Verachiedenartigkeit der körperlichen Entwicklungsfähigkeit 
und die Zuchten wiederum durch gewisse geringe Abweichungen, die 
nur für den genauen Kenner wahrnehmbar sind. Die einzelne Zucht 
lä&t sich nun weiterhin in Stämme oder Familien und die Familie in 
Individuen zerlegen. Bepräsentantin der Famihe ist gewöhnlich das 
weibliche Tier mit seiner direkten Nachkommenschaft, doch kann man 
natürlich auch von Hengst- und Bullenfamilien sprechen. 

m. Die £inteilnng der Rassen im allgemeinen. 

Die Einteilung der Baasen erfolgt nach verschiedenen Gesichts- 
punkten. 

A. Nach ihrer allgemeinen wirtschaftlichen Bedeutung in 

1. primitive oder reine, unvermischte Landrassen, 

2. veredelte (verbesserte) Landrassen oder Ubergangarassen, 

3. Kultur- oder Züchtungsrassen. 

B. Nach der Art ihrer Entstehung in 

1. Reinzucht- (konstante) Rassen, 

2. Kreuzungarassen. 

C. Nach dem Nutzungszweck in 

1. Reit-, Wagen-, Arbeitsrassen (Pferd), 

2. Milch-, Fleisch-, Arbeitarasaen (Rind), 

3. Woll-, Fleiachrassen (Schaf). 

D. Nach regionären Grundsätzen in 

1. Höhen- oder Gebirgarassen, 

2. Tiefland- oder Niederungsrassen, 

E. Nach Äußerlichkeiten (Homer, Farbe) in 

1. langhomige Rassen (Rind), 

2. kurzhomige Rassen (Rind), oder 

1. gehörnte Rassen (Ziege), 

2. hornlose Rassen (Ziege), oder 

1. weiße Rassen (Ziege), 

2. bunte Rassen (Ziege). 

F. Nach allgemeinen Zweckmäßigkeitsgründen, wie bei der Deut- 
schen Landwirtschaftsgeaellachaft. Diese teilt ein; 



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IV. Die Einteilnng der Bsaaen nftoh ihrer wirtsohKftliehen Bedeutung. 75 

a) die Pferde nach der Gebrauchsriclitung in 

a) Reit- und Wagenpferde (deutsche Edelzucht), 
ß) Arb^tBpfeide; 

b) die Rinder nach den UraprungsverhältniBBen in 
ix) Gebiiga- und Höhenschläge, 

ß) Tieflandschläge, 
Y) SborthomB; 

c) die Schafe nach dem Kutzungszweck und der Herkunft in 
a) Merinos, 

ß) Fleischschafe, 

Y) deutsche Rassen und Schläge; 

d) die Schweine nach ihrer Farbe, ihrer Herkunft und der Art 
ihrer Etitstehung in 

(x) weiße Edelsch weine, 
ß) Berkshires, 

y) unveredelte Landschweine, 
8) veredelte Landschweine, 

e) Schweine, die nicht den in a. — 8 bezeichneten und befestigten 
Zuchtzielen angehören; 

e) die Ziegen nach Homverhältnissen und Farbe in 
a) weiße, homloae Ziegen, 

ß) bunte, hornlose Ziegen. 
Ich werde die erste und bereits früher benutzte Art der Einteilung 
beibehalten, obwohl ich zugeben will, daß die veredelte Land- und 
übergangsrasse unter Umständen einen schwankenden B^ifi dar- 
stellen kann. Ich habe aber gefunden, daß diese Einteilung dem An- 
fänger das VerständniB der Raseenverhaltnisse besonders in bezug auf 
die Entstehung und die wirtschaftliche Leistung erleichtert. 

lY. Die EfntelluDg der Bässen nach ihrer wirtscbaftliclieD 
BedeatuDg. 

1. Die primitiven Rassen oder reinen, unvermischten LandrasBen, 

2. die veredelten (verbesserten) Landrassen oder Übergangsrassen, 

3. die Kultur- oder Züchtungsrassen. 

1. Dia primitiven Ranen oder reinen, unvennlschten Landraisen. 

Jede Rasse ist im wirtschaftlichen Sinne das Produkt von Boden 
und Klima sowie der zUcbterischen Behandlung durch den Menschen. 
Ändert sich das Milieu nicht, so bleibt auch die Rasse das, was sie war. 



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3. Abschnitt. Die Rawen. 



lisches Steppenpferd — Knlmdcke — Typus der unveredelten Ltindrasse. 



Fig. ii. Ungariscbea Steppenrind — Bull« — Tfpua der UDVeredelten Landm 



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IV. Die Einteilung der RaSBen nach ihrer wirtschafthchen Bedeutung. 77 

und diesem Umstände haben die primitiven Rassen ihren urwüchEiigen, 
ursprUnghcben Charakter zu verdanken. Sie sind Dauerrassen, auf die 
im Laufe der Jahrhunderte weder der Mensch noch die N'aturauslese 
eine eingreifende Veränderung ausübten, und heißen deshalb auch 
Natur- oder natürliche Rassen. 

Wenn man sie weiterhin auch unveredelte Rassen nennt, so ist 
darunter zu verstehen, daß sie frei gehalten sind von Blutvermischungen 
wirtschaftlich höher stehender Rassen, oder daß auf ihre Fortentwick- 
lung eine züchterische erfolgreiche Sorgfalt nicht verwendet worden ist. 



Fig. i». HeidscbnuchFiiscbaf — Bock — Typus der auveredelten Landrsase. 

Die primitiven Rassen sind in ihrem Dasein älter und unter be- 
scheideneren oder ungünstigeren Außen Verhältnissen aufgewachsen als 
die Kulturrassen, die gewöhnhch seit langer Zeit bessere Daseinsbedin- 
gungen und eine größere Sorgfalt seitens des Züchters genielien, daher 
auch mehr leisten und sich namentlich körperlich schneller entwickeln. 
Sie sind genügsamer und anspruchsloser, widerstandsfähiger und ge- 
sünder, aber auch weniger leistungsfähig als die Kulturrasaen. Sie 
wachsen viel langsamer als diese, sind ferner beschränkt in ihrem Futter- 
verwertungsvermögen und daher für futterreiche Wirtschaften unter 
günstigen Absatz Verhältnissen für tierische Erzeugnisse nicht geeignet. 



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3. Abschnitt. Die Rassen. 



u 



Fig. t8. Huusziege — Typus der unveradBllen Lnndraase. 

doch wohl am Platze für bescheidene Verhältnisse, wo sie das minder 
wertvolle Futter besser ausnutzen ah die Züchtungarassen. Ein weiterer 



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IV. Die Eünteilung der Rassen nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. 79 

und sehr weseDtlicher Vorzug der primitiven Rassen ist ihre Fähigkeit, 
Hanger und Kälte zu ertragen. 

Im Zuchtgebiet der Steppen Ungarns und BuBlands stellt der 
Winter an alle Haustiergattungen in bezug auf Genügsamkeit und 
Widerstandsfähigkeit sehr harte Anforderungen, indem den Tieren 
oft weder Schutz gegen Kälte und Schneestürme noch genügendes 
Putter gewährt wird, und auch in manchen Gebirgsgegenden mit aus- 
gesprochenem Kleinbetriebe ist oftmab noch Schmalhane Küchen- 
meister. Einer aolchen Haltung würden die Kulturrassen znit ihren 
erhöhten Daseinsansprüchen nicht lange standhalten, namentlich würden 
ihre Nachkommen sehr bald ihre Leistungen und Formen verlieren imd 
in bezug auf ihren Nutzwert noch unter das Niveau der primitiven 
Rassen herabsinken. 

Beispiele für primitive Rassen: 

Pferd: Südrusfliscbes Steppenpferd — Kalmücke — (Fig. 24), 

Rind: Ungarischea Steppenrind (Fig. 25). 

Schaf: Heidschnucke (Fig. 26). 

Schwein: Hannover-Braunschwei^sches Landschwein (Fig. 27). 

Ziege: Europäische Hausziege (Fig. 28). 



2. Die vendeltan (veitessertm) Land- oder Obergangsrasten. 

Die primitiven Rassen haben nun, wie das Heidschnuckenschaf aus 
der Lüneburger Heide (Fig. 26) oder das Steppenrind aus dem Osten 
Europas (Fig. 25), ihren Standort auf ungünstigem Boden, oder sie leben 
unter schwierigen klimatischen Verhältnissen, so daß die Kunst der 
Züchtung, wollte sie den Schlag durch Zuchtwahl zu einer Kulturrasse 
umgestalten, nicht viel erreichen würde, weil es ihr nicht möghch ist, 
die Scholle und deren Wirkung auf die Tiere zu ändern. 

Indessen lassen sich im Rahmen der natürUchen und durch die 
Umstände gebotenen Verhältnisse auch bei den primitiven Rassen durch 
Hebung des zUchterischen Verständnisses der Bevölkerung und durch 
richtige Benutzung der gegebenen Hilfsmittel manche Verbesserungen 
in bezug auf Leistungen und Formen herbeiführen, wie das besonders 
die kleinen Rinderrassen des mitteldeutschen Höhenlandes lehren. Die 
toten und rotblässigen kleinen Gebirgsschläge — Vogtländer, Harzer, 
Vogelsberger, Westerwälder usw. — haben in neuerer Zeit durch staatliche 
imd Vereinsmaßnahmen in bezug auf Formengeataltung, Wüohsigkeit, 
Schlachtausbeute und Milchleistung solche Fortachritte gemacht, daß 



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3. Abschnitt. Die Rasaen. 



iiiRauer Wallach — Ty[ia» der viTfclelten Landiis 



Fig. >0. Vogelsberger Küh — Typm der »eredellsn L»ndrtt»»a. 

sie aus den reinen primitiven zu verbesserten Landrassen oder Über- 
gangsrassen umgestaltet worden sind, die etwa eine Mittelstufe zwischen 



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IV. Die Einteilung der Raasen nach ihrer wirteohaftlichen Bedentnng. g]^ 

den primitiven RasBen und den Kulturrassen einnelunen. Daß diese 
Verbesserung nicht bis zur Stufe der letzteren vorwärts schreiten kann, 
liegt an den Boden-, Besitz- und Absatzverhältnissen. Die Veredlung 
kann nun, wie im obigen Falle, ohne Zufuhr von rassefiemdem Blute 
(Fig. 30) vor sich gegangen sein (Verbesserung), es kann aber auch 
eine vorsichtige, sparsame Einmischung von letzterem stattgefunden 
haben (Veredlung) (Fig. 32), doch mußte dabei der Charakter der Land- 
rasse gewahrt bleiben. 

Die Verbesserung beruht also auf der Vervollkomnmung der morpho- 
logischen und physiologischen Eigenschaften — Form und Leistung — 



Fig. lt. FrankenBclur — Bock — Typiu der veredelun Landrssge. 

durch Zuchtwahl innerhalb der Rasse (Fig. 30), während Veredlung 
durch Benutzung des Blutes höher stehender Rassen bewirkt wird 
(Fig. 32 u. 33). Bisweilen ist eine scharfe Grenze zwischen Übergangs- 
und Kulturrassen nicht mehr zu ziehen (Fig. 32). 

Dort, wo die Scholle durch intensive Kultur eine wesentliche Um- 
gestaltung erfahren hat, und wo gleichzeitig die Hebung des Verkehrs 
eine bessere Ausnutzung der tierischen Erzeugnisse gestattet, ersetzt man 
die primitiven Rassen vielfach durch Kulturrassen, wie das in einzelnen 
Gegenden Ungarns zum Teil mit dem Steppenvieh geschehen ist, dessen 
Platz dann Braun vieh und namentlich Sim mentaler eingenommen 
Pasch-Hansen, Allgemeine TUrzncht. I. AuS. ^ 



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3. Abschnitt. Die BaSHen. 



haben. Man kommt auf die letztere Art und Weise gewöhnlicli schnellet 
zum Ziele, ohne daß der Erfolg aber immer ein sicherer und nach- 
haltiger ist. 



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IV. Die EinteiluDg der Raneii nach ihrer wirtsohattlichen Bedeutung. 83 

Beispiele für veredelte (verbesserte) Landrassen : 

Pferd: Pinzgauer {Fig. 29). 

Bind: Vogebberger (Vogtländer, Harzet) (Fig. 30). 

Schaf: FrankenBchaf (Fig. 31). 

Schwein : Veredeltes Landschwein (Fig. 32). 

Ziege: Langensalzaer Ziege (Fig. 33). 

3. DI» KuHur- oder Züchtungirattm. 

Die Rulturrassen sind [ Produkte besserer Boden- und Haltungs- 
verhältnisse und ^ bewußten züchterischen Strebens; durch^ reichliche 
Fütterung, besondere reichliche Jugendemährung, Femhaltung gesund- 
heitschädlicher Einflüsse und richtige Auswahl der besten Tiere ist die 
Leistung gesteigert und auch die Form gebessert worden. Kulturrasaen 



Fig. M. PucbsitQte Loa Dlllon, &nierikanispher Trabfr mit dem Weltrekord von 1 :&8'.'| (il. i. 

eine eogl. Heils — ISO» m in 1 Uinate 19 >.^ Bekunden zurUckgela^t) — Typus der Kulturr&sse, 

HMiptleiataDg ScbnelllgkaiC im Wsgen. (Phot. Schreiber A Saus, Philadelphia.) 

sind entweder durch Kreuzung oder durch Verbesserung un vermischter 
Laudrassen entstanden. Als Belege für die erstere Alt lassen sich das 
amerilcanische Traberpferd (Fig. 34), die Shorthomrinder (Fig. 35) und 
die schwarzen und weißen englischen Schweineschläge, für die letztere 



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3. Abschnitt. Die Ruaen. 



aatrihigkelt. 



Art die Simmentaler Rinder (Fig. 136 u, 137) und die Merinoschafe 
(Fig. 36} anführen. 

Die Kulturrassen sind als solche schon au ihrem ganzen Äußern 
kenntlich. Der Kopf ist kleiner, die Gliedmaßen sind kürzer und in 



Flg. SS. Elektorul-Mcrinoscbat — Bock — Typu« der Kulturtassp, Haoptleiatong 

höchste Wollfeintaeit. 

(Korphat. F. Albert Schu-Hvtz-Berllii. AasBtellung d. D. L. 0. Paaen ist».) 



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IV. Die Einteilung der Baaaen naoh ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. 85 

der Winklung steiler, der Rumpf iat tiefer, breiter und bei den Fleisch- 
raesen aucb länger. Langbeinigkeit sowie hohe und Bchmale Gestalten 
sind als Ausartungen nur bei überzüchteten Tieren oder in schlechten 
Zuchtbetrieben zu finden. 

War früher bei den Kulturraasen, bedingt durch engÜBchea Beispiel, 
in erster Linie die physiologische Seite, die Fähigkeit der Futterver- 
wertung, bevorzugt, so strebt die Neuzeit besonders in Deutschland 
bei den landwirtschaftlichen Nutztieren mit Ausnahme des Pferdes 
auch eine Homogenität in morphologischer Richtung an. Nicht nur 



Fig. ST, Anglerkuh — Typus dar Kulturrasie. HaopUeistang Hllcbergieblgheit. 

Leistung, sondern auch Größe, Gewicht, Gestalt und Farbe sollen bei 
den Lidividuen der einzelnen Kulturtassen möglichst übereinstimmen. 
Dieses Streben nach höchster Vervollkommnung übersteigt aber 
nicht selten die jedem Tiere von der Natur gezogenen Grenzen, wodurch 
Gesundheit und Fortpäanzungsfähigkeit leiden. Dort, wo Weiden mit 
ihrem wohltätigen Einfluß auf die Kräftigung der ganzen Konstitution 
fehlen, kranken die hochgetriebenen Zuchten oft an den verschieden- 
artigsten Leiden, und namentlich finden die Infektionserreger in den 
gut genährten, in ihrer Widerstandsfähigkeit geschwächten Tieren eine 
geeignete Brutstätte. Man sucht daher Pferde, Rinder und neuerdings 
auch Schweine durch eine abhärtende Aufzucht auf der Weide oder 
durch reichlichen Aufenthalt im Tummelplatz möglichst für ihr späteres 
Leben zu kräftigen. 



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8(3 3. Abechnitt. Die Kasaen. 

Die Leistungsfähigkeit der Kulturraaseu kann sich nach einer oder 
nach mehreren Richtungen hin bewegen. 

a) Einseitige Leistung. 

Pferd: Amerikanischer Traber — Schnelligkeit, Ausdauer (Fig. Zi). 

Kind: Angler — Milchei^ebigkeit (Fig. 37); Shorthom — Mast- 
fähigkeit (Fig. 35). 

Schaf: Elektoral — Wollfeinheit (Fig. 36). 

Die Bezeichnung „einseitig" ist indessen immer nur relativ und so 
zu verstehen, daß die bezeichnete Leistungsrichtung wesenthch im Vorder- 
grunde steht und den Hauptzweck der Züchtung darstellt. Immerhin muß 
ein Traber auch als Wagenpferd brauchbar sein, eine Shoithomkuh 
Milch, eine Anglerkuh und ebenso das Elektoratschaf Fleisch hefem. 



Gewöhnlich kommt die Nutzungsrichtung schon im Äußern der 
Tiere zum Ausdruck. Dieselben zeigen einen ausgesprochenen Nutzungs- 
t3rp, der in dem einen Falle die Schnelligkeit und in dem andern dio 

Milch ergiebigkeit oder Mastfähigkeit verrät. 



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IV. Die Einteilung der Raaaen nach ihter wirtaobaftUchen Bedeutnng. 87 

b) Mehrseitige Leistung. 

Pferd: Otdenburger — Wagenpferd, Arbeitspferd und unter Um- 
ständen aucli Reitpferd (Fig. 38). 

Rind : Wesermarech — Fleisch und Milch (Fig. 39). 

Schaf: Merino-Fleischschaf — Wolle und Fleisch (Fig. 40). 

Schwein: DeutschcB Edelschwein — Fleisch und Speck (Fig. 41), 
somit geeignet zum Friachverkauf und zur Dauerwarenerzeugungi 

Ziege: Saanenziege — Milch und Fleisch (Fig. 42). 

Solche nach mehreren Richtungen hin leistungsfähige Rassen 
kommen hesooders für kleinbäuerliche Verhältnisse in Frage, und des- 
halb haben auch die Simmentaler Rinder (Fig. 136 u. 137), die sich 
in gleichem Maße zur Milch-, Fleisch- und Arbeitsleistung eignen, io 



FiB-8 



Süddeutsch) and eine so große Verbreitung gefunden. Zu beachten bleibt 
aber dabei, daß bei den in mehrfacher Beziehung hervorragenden Rassen 
keine Nutzungsrichtung im höchsten Maße entwickelt ist, sondern daß 
die einzelnen Leistungen nur in durchschnittlicher Höhe in den Tieren 
vorhanden sind. Will jemand ein sehr schnelles, ausdauerndes Wagen- 
pferd, oder eine sehr nii Ichergiebige Kuh, oder ein Schaf mit feinster 
Wolle haben, so wird er nicht das Oldenburgor Pferd, nicht die Simmen- 
taler Kuh und auch nicht das Merino-Fleischschaf, sondern ein Pferd 
des ostpreußischen Schlages, eine ostfriesische Kuh und ein Elektoral- 
schaf wählen, denn bei den erateren Rassen werden die erwähnten Eigen- 



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3. AbBchnitt Die Rassen. 



Schäften im einzelnen Falle nicht die Regel, sondern eine Ausnahme 
bilden. Jedem Tiere hat die Natui in seiner Leistungsfähigkeit eine 
Grenze gesetzt, die der Mensch als Züchter nicht überschreiten kann, 
auch hat jede bis zur physiolo^schen Grenze gesteigerte einseitige 



. 41. DenUches Edelschweia — S»u - Typns der Kultnrrasae mit mehraeltieer 
LeistDug (Flelacb und Specb). (AusaUllang d. D. L Q. Hamburg I91D.) 

DigitizednyGOOglC 



TV. Die Emteilung der Rassen noch ihrer wirtsohaftUohen Bedeutung. g9 

Leistimg eine gewisse Einschränkung der Übrigen Nutzungsrichtungen 
zur Folge. Eine hervorragend milchergiebige Kuh ist schwer zu mästen 
und auch nicht geeignet zur Arbeit, und ebensowenig ist ein durch 
Schnelligkeit ausgezeichnetes Blutpferd der Eegel nach ein zuverlässiger, 
ruhiger Ackergaul. 

In Rücksicht auf diese Naturgesetze muß man sich vor Über- 
treibungen hüten, wie sie oft in den Angaben über die Zuchtziele der 
Züchtervereinigungen zu beobachten sind. Wenn es dort heißt: „Es 



Flg. *S, SaaDeaziege — Typas der Knlturresss mit mehrssltiger LeUtnog 

(Hilcb und Fleisch). 
(Horphot. F. Albert Scbwutz-Berlin. AussteUang d. D, L. Q. H*Ile IWl.J 

wird beabsichtigt, ein ßind zu züchten mit hervorragender Milchergiebig- 
keit, vorzüglicher Mastfähigkeit und sehr guter Arbeitsfähigkeit," so ist 
das ein von Hause aus aussichtsloses Bestreben, denn es ist höchstens 
hervorragende Milchergiebigkeit mit befriedigender Mastfähigkeit und 
genügender Arbeitsleistung zu erreichen. 

Innerhalb jeder Kulturrasse können sich nun auf Grand verschieden- 
artiger Zuchtziele, die sich nach den Boden- und Absatzverhältnissen 
lichten, einzelne Nutzungsleistungeu im besonderen, wenn auch nicht 
im hervorragenden Maße ausbilden, und das ist vielfach der Fall bei 
denjenigen Schlägen, die mehrseitigen Forderungen gerecht werden. 



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3. Abschnitt Die Rassen. 



So wird das Simmentaler Kind in Baden und Oberbayern innerster 
Linie auf Wüchsigkeit — große und sohnclle Fleischproduktion — , in 
Württemberg auf Milchergiebigkeit und in Oberfranken — Bayreuther 



Fig. «. Wesermarsclibulle - Milcli-l'UiiClityi-u.H, 

Schecken — auf Arbeitstüchtigkeit gezüchtet, und auch in der ver- 
hältnismäßig kleinen Wesermarsch gibt es Gebiete und Zuchten, die 
bei ihren Tieren den Fleischtypus oder den Milchtypus oder eine Ver- 
einigung beider bevorzugen (Fig. 43, 44, 45). 



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VI. Die Einteilung der Rassen nach ihier wirtschaftlichen Bedeutung. Ql 

WeaQ es sich um die Frage handelt, ob man die zwar wenig leistungs- 
fähigen, aber genügsamen primitiven, die in der Mitte stehenden Über- 
gangs- oder die sehr leistungsfähigen, dafüi aber auch in jeder Hinsicht 
anspruchsvollen Kulturrassen züchten soll, so sind in der Praxis des 
Tierzuchtbetriebes nicht selten, sehr zum Schaden der Eentabihtät, 
verhängnisvolle Fehler gemacht worden. Keine dieser drei Rassengruppen 
kann schlechtweg als die beste bezeichnet werden; jede bat unter be- 
stimmten natürlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihren be- 
rechtigten Standort. Sind auch in Deutschland dank der gestiegenen 



Fig. 19. Weser marscbb alle — Uilcbtypaii. 

Bodenkultur und der hochentwickelten wirtschaftlichen Verhältnisse die 
primitiven Rassen in der Regel nicht mehr am Platze, so gibt es doch 
noch viele Gegenden, in welchen die Ubergangsrassen vor den Kultur- 
raaeen den Vorzug verdienen und wo es gerechtfertigt ist, diese Mittel- 
stufen einer verständnisvollen Weiterentwicklung zu unterwerfen^). Nur 
da, wo reiche Futterverhältnisse die Ansprüche der Kulturraasen zu be- 
Iriedigen gestatten, wo Zuchtwahl, Haltung und Fütterung in den Händen 
eines verständnisvollen Züchters liegen und wo endlich die Absatzverhält- 
nisse höhere Aufwendungen lohnen, wird als letztes Glied der Reihe die 
Kulturrasse am Platze sein und dann auch die größte Rente bringen. 

') Vgl. H a n 8 e n, Arbeiten der Deutschen Landw. Gesellsch., Heft 128, 
Berlin 1907, S. 167, und J. Schmidt, Die mitteldeutsche Rotviehzucbt. 
Humover 1914. S. lOfi. 



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92 3. Abschnitt. Die Baasea. 

T. Basse, Hochzucht, Blatgrad, Adel. 

Wie schon im vorstehenden erwähnt, sind die Kulturrassen Pro- 
dukte bewuQten ziichterischen Strebens unter Beihilfe von günstigen 
natürlichen und wirtschaftlichen Daseinsbedingungen. Das Rückgrat 
bilden gewöhnlich innerhalb derselben einzelne Hochzuchten, die d&s 
beste erstklassige Zuchtmaterial liefern. Die Hochzuchten sind die 
Pflanzstätten solcher Tiere, die in bezug auf Ausgeglichenheit in Formen 
und Leistungen den höchsten Ansprüchen genügen und hinsichtlich ihrer 
Abstammung die Sicherheit der Vererbung ihrer Vorzüge bieten. Der 
Hochzüchter ist ein Künstler, dessen Zauberstab in seiner Wirkung von 
seiner Individualität und von seinem Verständnis für die Lebensbedürf- 
nisse der Tiere und für die Marktvorgänge abhängig ist. Er muß Grlück 
und Verstand haben, denn letzterer bedingt fast ausnahmslos auch 
das sogenannte Glück. 

Das Material des Hochzüchters heißt Vollblut, eine Bezeichnung, 
die ursprüngUoh nur dem englischen Vollblutpferde eingeräumt, später 
aber nicht nur auf andre Pfeiderassen, sondern auch auf andre Haus- 
tiergattungen übertragen wurde. So spricht man von Vollblut Simmen- 
taler Zucht (Rind) (Fig. 136 u. 137), von Vollblut Elektoral Zucht (Schaf,. 
Fig. 36), von Vollblut Edelschwein Zucht {Fig. 41) und Vollblut Saanen- 
ziegen Zucht (Fig. 42). Die Engländer nennen das Vollblut „thorough- 
bred", durchgezüchtet, oder „pure-bred", reingezüchtet, und die Fran- 
zosen „pur sang". 

Die allgemeine Bezeichnung „das Pferd hat viel Blut" bedeutet, 
daß es sich zwar dem Vollblut nähert , aber noch einen Anteil 
von Blut einer andern Rasse besitzt, wenngleich dieser oft nicht mehr 
mit dem Auge wahrnehmbar, sondern nur aus den Echriftlichen Ab- 
stammungsnachweisen zu ersehen bt — edle ostpreußische und han- 
noversche Pferde. 

Dem Vollbluttiere steht nun das Individuum gegenüber, das „kein 
Blut" oder „zu wenig Blut" hat. Hier muß man aber dem allgemeinen 
Sprachgebrauch ein Opfer bringen und zwischen Pferden und andern 
Tiergattungen unterscheiden. Wenn man von einem Pferde sagt, es 
habe zu wenig Blut, so meint man damit in der Regel nur, daß dem 
Pferde oder seinem Schlage auf Grund der Abstammung oder der äußeren 
Erscheinung die Ausdauer und derNeiv fehlen, die dem edlen Halbblut 
und insonderheit dem englischen Vollblut innewohnen, obwohl ein 
solcher Schlag einer ausschließlichen und sehr weitvolleii Hochzucht 
entstammen kann — Oldenburger Pferd. Bei andern Tiergattungen 



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V. Rasse, Hochzucht, Blutgrod, AdeL 



versteht man dagegen unter der erwähnten Bezeichnimg, daß die In- 
dividuen noch zu wenig ausgegUchene Kreuzungsprodukte sind, die dem 
Typus der Rasse, mit der sie planmäßig verbessert werden sollen, noch 
nicht in genügendem Maße Rechnung tragen. Beim Pferde ist hier also 



Fig.U. Halbblnt f 

der Nerv, beim Rinde und den andern Tiergattungen der Rassetypus 
entscheidend. 

Das Wort Halbblut, auf Pferde bezogen, ist schwer zu definieren, 
denn Halbblut ist: 

a) Das Produkt eines Vollbluthengstes und einer Kaltblutstute 
(Fig. 46) und umgekehrt. Die Bezeichnung würde man hier aber nur mit 
Vorsicht bzw. mit näherer Erläuterung gebrauchen. 

b) Das Produkt eines Vollbluthengstes und einer edlen, warm- 
blütigen Stute und umgekehrt (Fig. 47). 

c) Das Produkt zweier Halbblutpferde. 

Die Bezeichnung für a ist eine mehr mathematische und die für b 
ane konventionelle, entsprossen dem Gebrauch, nur solche Pferde als 
(englisches) Vollblut zu bezeichnen, deren Eltern beiderseits in einem 
anerkannten Stutbuch für enghsches Vollblut verzeichnet stehen. Es 
können demnach die Nachkommen von Halbbluts tuten trotz Generationen 
hindurch benutzter englischer Vollbluthengste keine Vollblutqualität er- 



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94 3. Abschnitt. Die B&Men. 

langen, auch wenn sie sich in ihrem morphologischen und physiologischen 
Verhalten in nichts vom Vollblut unterscheiden. Zum Unterschied kann 
man die Produkte der Gruppe a nach dem Vorschlag von Hermann 
V, NathusiuB auch als 'Jt-Sbit und diejenigen der Kategorie b ab 
edles Halbblut bezeichnen, während man eine spezifische Benennung für 
solche Pferde nicht besitzt, die zwar ihrem ganzen Typus nach nicht 
zum Kaltblut gehören, aber anderseits doch, und zwar besonders durch 
ihre Masse, von dem edlen Halbblut verschieden sind. Solchen Schlägen 



Fig. IT, Edlea Halbblut. Ost prenfli scher Hengst. (Leporello. Ostpr. Sib. Nr. 17U.) 

— Oldenburger, Osttrieaen — hat man die Bezeichnung „Laues Blut" 
zuweisen wollen, doch hat sich diese nicht eingebürgert, auch würden 
die Ursprungsländer wohl ganz energisch dagegen Einspruch erheben. 
Am meisten ist es üblich, bei solchen Pferden von schwerem Halbblut 
oder schwerem Wageuachlag zu sprechen. 

Bei den übrigen Haustiergattungen heißen die Nachkommen zweier 
verschiedener Rassen viel häufiger Kreuzungsprodukte als Halbblut. 
Von letzterem spricht man in der Eegel nur dann, wenn es sich um die 
Heranzüchtung einer bestimmten Rasse auf dem Wege der Kreuzung 
handelt. 



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V. Rttee, Hochzacht, Blutgrad, AdeL 



■^ 



JatprenSiscbe Holliluilerkuh ^Vesl 



So sagt man Simmentaler- Oldenburger Kreuzung, wenn von einem 
Gebrauchsrinde in obiger Blutmischung die Rede ist, aber Simmentaler 
Halbblut, wenn das Kreuzungaprodukt in einem Bezirk entstanden 



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96 3. Absohnitt. Die Baasen. 

ist, ia dem die Simmeotalet Basse auf dem Wege fortgesetzter Kreuzung 
mit Hilfe reinbliitiger Simmentaler Bullen herangebildet werden soll. 
Paart man ein derartiges Halbbluttier wiederum mit einem Simmentaler 
Bullen, so entsteht das %-Blut (II. Generation), weiter das ^/g-Blut 
(III. Generation), weiter das '*/ij-Blut (IV. Generation), Produkte letz- 
terer Art gelten in manchen Züchtervereinigungen schon als Reinblut 
(bzw. Vollblut), obgleich sie keine sichere Gewähr für die Vererbung 
ihres scheinbar abgeschlossenen ßassetypus bieten, sondern hauäg zu 
Riickschl^en Veranlassung geben, (Vergl. 5. Abschnitt über Kreuzung.) 
Adel zeigt ein Tier, wenn es die Eigenschaften seiner Rasse oder 
seine dem kritischen Auge des Beschauers wohlgefälligen, weil für den 
Gebrauch zweckmäßigen Formen in besonderem Maße zum Ausdruck 
bringt. Edle Formen, schöne Haltung bedingen und ein normaler Futter- 
zustand und gute Hautpflege erhöhen den Adel. Der Adel eines Zucht- 
tieres gipfelt aber außerdem noch in der guten Abstanunung und in dem 
damit im Zusammenhang stehenden besonderen, ererbten und vererb- 
baren Zuchtwert, Von Adel spricht man nicht nur beim Pferde, sondern 
auch bei den übrigen Haustiergattungen (Fig. 48 u. 49). 

Tl. Die allgemeinen Baaseneigenschaften. 

Zu den allgemeinen Rasseneigenschaften gehören: 1. die Akklimati- 
sationsfähigkeit, 2. die Frühreife, Futterverwertung und Kondition, 3, die 
Äußerung des Nervenlebens, 4. die Konstitution, 

Man kann darüber geteilter Meinung sein, ob man b^ den oben ge- 
nannten Eigenschaften von Rassen eigenschaften sprechen darf, weil sie 
vielfach rein physiologischer Art, also nur in der Anlage vererbungsfähig 
sind und denmach zum Teil neu erworben werden müssen. Es sind, wie 
es Pott') nennt, unter Umständen auch Züchtungseigenschaften. In- 
dessen gestattet die Basse doch sehr wertvolle allgemeine Schlüsse, und 
deshalb ist es auch berechtigt, hier von allgemeinen Rasseneigenschaften 
zu sprechen. 

1. Die Akkllmatlutlon. 

Unter Akklimatisation versteht man nicht nur, wie man aus der 
Bezeichnung entnehmen könnte, die Gewöhnung der Tiere an ein andres 
Klima, sondern auch an die veränderten Lebensverhältnisse, die durch 
Futter, Aufenthalt und Nutzung, also durch die gesamte Haltung, be- 
dingt werden, 

') lUuatr. landw. Zeitg. 1905. S. 54. 



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VI. Die aJlgemeinen RaseeneigenBchafton. 97 

Die Akktimatisation beiuht also auf der Anpassung imd somit 
auf der Gewöhnung an Reize, die von der neuen Umgebung aus auf das 
Tier einwirken. Die Tiere müssen sich, wie v, d, Malsburg betont^), 
mit ihrem ganzen hiBtobiologischen Gefüge an die neuen Lebensverhält- 
nisse anpassen. Weichen diese erheblich von den früheren ab, so sind 
die Reize und die Reaktion stärker und die Anpassung wird schwieriger. 
Erfolgt keine Anpassung, so gehen die Tiere unter der Wirkung dieser 
Beize zugrunde. 

Das Klima drückt den Tieren und somit auch den Rassen einen 
bestimmten Stempel auf. Im warmen Klima ist das Haar fein und der 
Gliederbau trocken, die Milchdrüse kommt bei Milchtieten selten zu be- 
sonderer Entwicklung. Im feuchten, gemäßigten und namentlich im 
Seeklima ist das Haar länger, dichter und glanzloser, die Milchergiebigkeit 
gelangt zur höchsten Ausbildung. Das GebirgskUma mit seinen schroffen 
Unterschieden zwischen Tag- und Nachttemperatur wirkt abhärtend und 
macht widerstandsfähige Tiere, und das milde Seeklima mit seinen meist 
guten Bodenverhältnissen begünstigt die Fleisch- und Milchproduktion, 
bedingt aber auch, daß die dort entstandenen Individuen andre, ab- 
weichende Hattungs Verhältnisse nicht immer gut vertragen. 

Beweise hierfür liefern die Shorthomrinder, die in den Seemarschen 
vorzüglich gedeihen, im kontinentalen Klima aber in ihrer Nutzung, 
ihrer Fruchtbarkeit und Gesundheit zurückgehen, und ebenso nimmt 
im feuchten Seeklima die stark gekräuselte Wolle der feinwolligen Merinos 
einen anderen Charakter an. 

Die frühere Annahme, daß auch das Homwachstum vom Klima 
abhängig sei, und daß im warmen, trocknen Klima große, schwere, 
im feuchten und gemäßigten Klima dagegen kleine und leichte Homer 
entstünden, bat sich nach den Berichten aus Afrika nicht betätigt. 
In diesem Punkte scheinen Boden und Futter den Haupteinfluß aus- 
zuüben, wie auch das Wesermarsch- und das Jeverländer Rind aus 
Oldenburg beweisen. Beide leben unter sehr ähnlichen klimatischen Ver- 
hältnissen und sind doch in bezug auf Behornung sehr verschieden. 
Im Jeverlande bildet das leichte Hom die Regel, in der Wesermarsch 
die Ausnahme. 

Nicht minder wichtig als der Einfluß des Klimas ist derjenige der 
ganzen Haltung und Ernährung, Weichen diese in der neuen 
Heimat wesentlich ab, so wird die Akklimatisation um so schwieriger 
und unsicherer und oft geradezu unmöglich. 

>) V. d. Malsburg, Die Zellengröße als Form und Leistungsfaktor der 
landwirtschaftlichen Kutztiere. Hannover I9I1. S. 259. 

PiiBch-HKaaei], Allgemeine Tieizncht. S. Ana. 7 



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gg 3. Absohnitt. Die Busen. 

Jedes Individuum ist in erster Linie das Erzeugnis der Scholle, 
und unter dieser ist neben dem Klima besonders die geologische Be- 
schaffenheit des Bodens und dessen Kulturzustand in bezug auf Futter- 
bau und in gewisser Beziehung auch die Art der Haltung zu verstehen. 
Dort, wo die Leistungen der Scholle mit den in der Rasse begründeten 
Lebensansprüchen der Tiere im Einklang stehen, sind die Aussichten 
für den Zuchter am gunstigsten. Daß verständige und erfahrene Zuchter 
sich von dem Einfluß der Scholle unabhängig machen können, ist bekannt 
und durch die englische Vollblutzucht, die über die ganze zivilisierte Welt 
verbreitet ist, erwiesen. Solche Erfolge sind indessen nur dort möglich, 



wo der Kostenpunkt nicht in Frage kommt, oder wo die Zuchtprodukte 
8o hoch bezahlt werden, daß man die Haltung den Ansprüchen der Tiere 
genau anpassen kann. 

Verhältnismäßig am unabhängigsten von der Scholle sind die 
Schweine, deren Fütterung und Pflege sich fast überall im Rahmen all- 
gemein gültiger Vorschriften regeln läßt. Das Gegenteil ist der Fall bei 
den Rindern, auf deren Entwicklung und Nutzleistung der Standort 
einen einschneidenden Einfluß ausübt und immer ausüben wird. Denn 
die Rinder müssen in erster Linie das in der Wirtschaft erzeugte Futter 
verwerten, und hierzu sind sie erfahrungsgemäß dann am besten geeignet, 
wenn sie eine gewisse Bodenständigkeit besitzen, also dort, wo sie ge- 
halten werden, auch erzeugt sind. 



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VI. Die allgtmeinen RaaseneigeaBchaiten. 93 

Indeasen wird die Bedeutung des Bodens oft über- und diejenige 
der Zucbtgepflogenheit, Fütterung und Haltung unterschätzt. Das 
'Sim mentaler Rind hat seine schöne KörperEorm nicht n^t dem Boden, 
sondern auch wesentlich dem Umstände mit zu verdanken, daß man in 
seinem Zuchtgebiet in der Schweiz auserlesene Bullen benutzt, die Färsen 
spät zuläßt und die Kälber lange Zeit hindurch mit Muttermilch er- 
nährt. In Oberbaden hält man, abgesehen vom Weidegang, die Binder 
ähnlich, und doch sind sie von den Simmentalern etwas verschieden, 



FiK. M. Degenerierter &r^^r. 

weil der Boden und somit auch das Futter anders beschaffen ist. Der 
Rassetyp ist im allgemeinen zwar derselbe, aber der Heimattyp, der 
sich bei den Simmentalem in der edleren, feiner modellierten Form 
ausspricht und sicherlich durch die chemische Zusammensetzung der 
Futterpflanzen und die Alpenweiden in erster Linie bedingt wird, ist 
ein andrer. Es wirken also hier Boden und Haltung gemeinsam. 

Ana obigen Darlegungen geht hervor, daß man sich vor Einführung 
fremder Rassen zum Zwecke ihrer AVeiterzucht genau über deren Heimata- 
verhältniaae unterrichten muß. Weichen diese erheblich von denjenigen 



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100 3. Abschnitt. Die Rassen. 

ab, unter denen man die neue Rasse züchten will, go goll man von ihrer 
Einfuhr absehen. Man soll sich namentlich hüten, Schläge aus guten in 
schlechte Verhältnisse, oder solche aus dem Tieflande in das Gebirge oder 
vom fruchtbaren Kulturboden in die trockne, heiße Steppe zu ver- 
pflanzen, denn achou in der ersten Generation treten die Folgen der 
verfehlten Maßnahme zutage. Die Nachzucht wird je nach den Um- 
ständen gröber, schwammiger {Fig. 50) oder kleiner (Fig. 51 u. 52) oder 
auch schmäler, hochbeiniger und seh werf uttriger (Fig. 53, 54 u, 55) und 
nimmt mit Zunahme der Geachlechtsreihen, also in den folgenden Gene- 



Fig. ii. negenevierle Kiib SimmenUlec Raase, aaC kiilkarinem Boden anfgewiiflbsen. 

rationen, mehr und mehr den Charakter derjenigen Tiere an, die man 
durch die neue Rasse ersetzen wollte, und von letzterer bleibt dann 
nicht viel mehr übrig als die Farbe, obwohl auch diese noch bei manchen 
Rinderschlägen abblaßt. 

Ganz besondere sind diese Tatsachen zu beachten, wenn es sich um die 
Einfuhr fremder Viehraaaen aus unseren hochentwickelten deutschen Ver- 
hältnissen in die am Beginn der wirtschaftlichen Entwicklung stehenden, 
khmatisch ganz anders gearteten Kolonien mit ihren schlechten Futter- 
verhältnissen handelt. Hier muß die Einfuhr anspruchsvoller Viehraaaen 
stets zu einem Mißerfolg führen (Fig. 55), während eine verständnisvolle 
Weiterentwicklung der den Verhältnissen angepaßten anspruchslosen und 



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VI. Die allgemeiDen BasaenejgenBchaften. 10 L 

widerstandsfähigen heimischen Typen von vornherein besaere Erfolge 
in Aussicht steltf). 

Eine solche regressive Metamorphose bezeichnet man als D e- 
generation oder Entartung, und diese ist dort am aus- 



Fig. 93. DeKanerierCe Schweine. 



Flg. 114. Degeneriert«» Elektoralscbsr. 

gesprochensten zu beobachten, wo man in ungünstige Verhältnisse ver- 
pflanzte Kulturrassen ohne Blutauffrischung, d. i. ohne weitere Zufuhr 
von Tieren aus der Originalheimat, fortzüchtet (Fig. 51, 52 u. 55). 

') 3. N e u m a n n. Die Verwendung von deutschem Zuchtvieh in Deut«ch- 
^üdn-eatafrikA. Hamburg 1914. 



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102 ^ Abschnitt. Die RMsen. 

AkklimatUationafähigkeit und Degeneration sind ihrem Grade nach 
innerhalb der Kulturrassen verschieden. Es gibt solche, die sich gut, 
und solche, die eich schlecht akklimatisieren, und endlich solche, die 
wenig, und solche, die leicht degenerieren. 

Die Degeneration ist also eine Abweichung vom ursprünglichen Typus 
im ungünstigen Sinne, für die indessen eine Verpflanzung der Tiere in 
weniger gute Lebensverhältnisse nur eine der vielen Ursachen abgibt, 
und die sich dann gewöhnlich in der Form der Verkümmerung darstellt. 
Andre die Entstehung der Degeneration begünstigende Umstände liegen 
in der Art der Haltung und Ernährung an sich — Rachitis — , dem 



Fig. 6B. S Immen taler Bulle in Dentsoh-SadweaUifriktt rein nachgezüchtet 
nach NeuniHun. (Verlng Friederichsea k Co., HamburE.) 

Mangel an Bewegung bei stark getriebener Frühreife — Fettherz, Mopa- 
köpfe, Maulwurffiguren mit den wulstigen, steilen Fesseln — , in der 
einseitigen Bevorzugung einzelner Eigenschaften — Milchergiebigkeit, 
Wollfeinheit — und in der Verwandtschaftszucht. Die Folgen der 
letzteren treten gewöhnlich dann auf, wenn sie längere Zeit hindurch 
kritiklos getrieben wird und eine oder mehrere der vorher genannten 
Ursachen hinzutreten. 

Beim Menschen ist in der Regel bei allen degenerativen Prozessen 
das Nervensystem in besonderem Maße beteiligt. Biologisch beniht 
die Degeneration auf einer Schwächung oder, wie bei der Bildung der 
Doppeilender Rinder, wohl außerdem auf einer unter ungunstigen Ver- 
hältnissen erfolgten Vereinigung der Keimanlagen. 

Selbst wenn verpflanzte Rassen nach Lage der klimatischen und der 
Bodenverhältnisse in die neue Heimat passen, müssen die einzelnen In- 



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VI. Die allgemeinen BaaBeneigensohaiten. 103 

dividuen doch einen AkklimatiBationsprozeß durchmachen. Hierunter 
ist die Zeit zu verstehen, welche die Tiere brauchen, um sich in dem 
neuen Aufenthaltsort einzuleben. Auch der Transport mit seinen ver- 
schiedenen Einwirkungen und die Berührung mit andern Tieren macht 
sich geltend. 

Die hauptsächUchsten Erscheinungen sind folgende : Pferde erkranken 
nicht selten an Influenza und Druse oder leiden an chronischen Ka- 
tarrhen der Luftw^e — chronischer Husten der Rennpferde. Waren 
sie für den Markt stark angemästet, wie das bei den Wagenschlägen der 
Marschen oder bei den dänischen und belgischen Kaltblütern zu beob- 
achten ist, so sind sie schlaff in der Arbeit und machen dabei oft mit 
Unrecht den Eindruck kurzatmiger Tiere. Weidepferde, die noch nicht 
oder nur wenig gearbeitet haben, sind empfindlich in den Hufen und 
Sehnen, schwitzen leicht und ermüden vorzeitig. Es ist deshalb ein 
schonender systematischer Gebrauch angezeigt und oft viel Geduld er- 
forderlich. Meist sind die schönsten und wertvollsten Tiere die emp- 
findlichsten, weil sie zwecks vorteilhaftester Herrichtung für den Markt 
am meisten geschont und am stärksten gefüttert sind. Wenn man er- 
fährt, daß solche Nichtstuer bei Mangel jeder Bewegung täglich bis zu 
10 Kilo Hafer oder, was noch weniger gut ist, Schrot- und Kleienfutter 
fressen, so darf man sich nicht wundem, wenn sie zwar sehr gut aus- 
sehen, aber nichts leisten. 

Weiderinder leiden nach der Aufstallung sehr unter der Stallwärme 
und sind deshalb zu scheren und auch von dem fast nie fehlenden Un- 
geziefer zu reinigen. Jungvieh nimmt in der ersten Zeit eher ab als zu. 
Kühe verkalheo nicht selten, erkranken auch am Kalhefieber und bringen 
wenig widerstandsfähige Kälber. Ziegen leiden an chronischem Husten. 

Zuchttiere zdgen wenig Geschlechtstrieb. Hengste, Bullen, Ziegen- 
böcke decken nicht oder doch matt, befruchten nicht oder vererben 
sich schlecht, denn den Samenfäden ergeht es ähnlich wie ihren Wirten, 
sie sind schUff, dringen nicht lebhaft genug in den weiblichen Ge- 
schlechtsorganen vorwärts, erreichen das weibliche Ei nicht oder gehen 
vorzeitig zugrunde. Hat aber eine Befruchtung stattgefunden, ao kommen 
die männlichen Erbmassen beim Kampfe mit den weiblichen im Fur- 
chungskem nicht zur Geltung, weshalb in bezug auf Vererbung in 
solchen Fällen die männlichen Tiere den weiblichen Individuen unter- 
liegen. Weibliche Tiere zeigen keine Brunst oder nehmen schwer auf. 

Der erfahrene Züchter rechnet mit diesen Tatsachen und führt 
namentlich junge Zuchttiere eine gewisse Zeit vorher ein, ehe ihre Zucht- 
benutzung zu binnen hat. 



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104 3. Abst^mitt Die Rassen. 

VollBtändige AkklimatUattou nach Überführung in abwdchende 
Verhältnisse verwischt den Uraprungstyp bis zu einem gewissen Grade, 
was durch die Äußerung des Nervensystems, den EmährungszustaDd 
und auch durch Haut und Hom bedingt wird. So sahen im Jahre 1903 
in Bibolna die kurze Zeit vorher importierten Originalaraber wesentlich 
anders aus als im Jahre 1909, wo ich eie dort wiedersah, indem sie etwas 
mehr Masse bekommen und dementsprechend an Adel verloren hatten. 
Oldenburger Pferde nehmen im Binnenlande einen anderen Charakter 
an als in ihren heimischen Marschen. Das große Fleckvieh der Schweiz 
verwandelt sich unter weniger günstigen Futterverhältnissen in mittel- 
schwerea Fleckvieh, 



2. Frfihratte, Futtenrenmrtuns und Kondition. 

a) Die Frfihreife. 

Frühreife ist die Fähigkeit der Tiere, im Verhältnis zur ganzen 
Kötpetentwicklung früh abzuwachsen und früher Leistungen hervor- 
zubringen, als das bei den Individuen der gleichen Art und Basse sonst 
die Regel ist. 

Wenn ein belgisches Pferd mit 2Vi Jahren so entwickelt und in 
seiner äußeren Erscheinung so vollkommen ist, daß man es für ein 
fertiges Arbeitepferd hält, so ist das der Ausdruck höchster Frühreife; 
denn das Tier hat sein Wachstum bereits mit 27ä — 3 Jahren abgeschlossen, 
was sonst bei Pferden unter gewöhnlichen Umständen erst mit 4 bis 
5 Jahren der Fall ist (Fig. 56 u. 57). 

Frühreif heißt also früh abgewachsen, früh fertig in der äußeren 
Erscheinung und früh fertig für den Gebrauch, meist für den Gebrauch 
als Arbeitstier — Pferd — und als Fleischtier — Bind, Schaf, Schwein. 

Beispiele für Frühreife bieten weiter: das englische Vollblutpferd 
— schon fast mit 2 Jahren abgewachsen — (Fig. 69 u. 70), das Short- 
homrind (Fig. 35 u. 65), die englischen Fleischschafe und die kleinen 
und mittelgroßen weißen englischen Schweine {Fig. 41), 

Die Frühreife beruht auf ererbter Anlage , also auf der Abstam- 
mung (Fig. 58) und auf reichhcher Jugendernährung (Fig. 59). Sie ist 
ein ausgesprochener Kulturzustand, der in den Tieren nur bei der Er- 
füllung bestimmter Lebensbedingungen erhalten bleibt. Die Anlage 
besteht hauptsächlich in der Fähigkeit, konzentriertes, nährstoffreiches 
Futter schnell in Knochen, Fleisch und Fett umzusetzen, also in der 
Intensität der Futterausnutzung und somit in der Leistungsfähigkeit 
des Magens. Fehlt das konzentrierte, nahrhafte, an Eiweiß, Fett und 



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VI. Die allgemeinen Baaeeneigenschaften. 105 

knochenbildenden Salzen reiche Futter, so kommt naturgemäß die Früh- 
reife nicht zur Ausbildung (Fig. 60), wie das solche Tierbeeitzer oft zu ihrer 
großen Enttäuschung erfahren müssen, die Tiere frühreifer Rassen zu 
Zuchtzwecken einführen und sich nun der angenehmen, aber trügeiischen 
Hoffnung hingeben, sie hätten den Erfolg in der Tasche und könnten 
in bezug auf Fütterung und Fffege alles so lassen, wie das früher gegen- 
über den spätreifen Landrassen üblich und zulässig war. Erst wenn die 



Fig.l, 

Nachzucht des neuen Stammes leichter und schmäler bleibt, dabei hoch- 
beiniger wird und längere Zeit zum Abwachsen braucht, sehen sie ihren 
Fehler ein, den sie dann aber nicht der Haltung, sondern dem Umstände 
zuschreiben, daß die Rasse nichts taugt und sie sich in dieser getäuscht 
haben. 

Generationen hindurch fortgesetzte Vernachlässigung der ererbten 
Anlage zur Frühreife zerstört diese vollständig, was man bei degene- 
rierten Nachkommen an sich frühreifer Kulturrassen, die wiederum 
in die Form der primitiven Schläge zurückfallen, häufig beobachten 
kann, Frühreife Tiere gehören daher nur in gut« Futterverhältnisse, 
denn in der Ausnutzung eines minderwertigen, voluminösen Futters 



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106 3- Abschnitt. Die Rassen. 

stehen sie den spätreifen , genügsamen Landrassen nach. Wollte 
man aber anderseits ein von diesen abstammendes Fohlen , Kalb . 
oder Ferkel durch üppige Jugend emährung frühreif machen , so 
wUtde man nur einen mittelmäßigen Erfolg erzielen, weil die geringe 
Anlage hierfür erst durch mühsame Arbeit in mehreren Generationen 
heraiiEuzüchten ist. Trotzdem kann es durchaus richtig sein, boden- 
ständige Landachläge mit dem allmählichen Fortschreiten der wirt- 
schaftlichen ^Verhältnisse durch reichliche Jugendemähning nach und 
nach etwas frühreifer zu machen. 

Die Frühreife ist ein Begriff, den man instinktiv mit viel Masse, 
üppigen Formen und geradlinigen Begrenzungen des Rumpfes verbindet. 
Frühreife Tiere haben einen langen, breiten und tiefen Rumpf mit großem 
Brustumfang und tonnenförmig gewölbtem Brustkorb, der geradezu 
eine charakteristische Erscheinung abgibt. Dabei sind Lunge und Herz 
relativ klein, wodurch sich auch die Trägheit vieler frühreifer Schläge 
erklärt. Femer ist der Kopf klein mit kurzem Halse, und die Glieder 
fein und kurz. Die Zurückdrängimg dieser Teile war gegen Mitte des 
vorigen Jahrhunderts in England bei den Schweinen so weit gediehen, 
daß die kleinen weißen und schwarzen Schläge Mopsköpfe aufwiesen und 
bei gleichzeitiger Kürze und Feinheit der Untertüße sowie Schwäche der 
Sehnen und Bänder im gemästeten Zustande sich kaum noch fortbewegen 
konnten^). 

Von solchen Formen hat man sich jetzt abgewendet, aber eine 
gewisse Kurzbeinigkeit bei völlig genügender Stärke der Knochen trifft 
man als Zeichen der Frühreife stets an, weil durch frühe Verknöcherung 
der Mittel- und Endstücke der Röhrenknochen deren Wachstum ver- 
hältnismäßig schnell beendet ist. Nur solche Rassen, deren Individuen 
bei ererbter Anlage und reichlicher Jugendemähning viel arbeiten müssen 
— engl. Vollblut, Training — , zeichnen sich durch feine, nicht aber 
durch kurze Gliedmaßen aus. Die Anlage zur Frühreife und zur intensiven 
Futterausnutzung ist hier gleichzeitig mit der Anlage zur Knochenlänge 
und damit zu einer ansehnlichen Körpergröße verbunden, die für das 
Rennpferd unerläßlich ist und durch die jugendliche Galopparbeit, 
wenn auch auf Kosten der Knochenatärke, dauernd im Vollblut aufrecht 
erhalten wird. Hier überwiegt also der Einfluß fortdauernder Übung 
den der Emährung. 



') H o e B c h, EinfluQ der Haltung und Fütterung auf den Knochenbau und 
die Widerstandsfähigkeit der Hausach weine. Deutsche landw. Tierzucht 1908. 



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VI. Die allgemeinen Baeseneigenschaften. IQI 

Außer in der Form äußert sich der vorzeitige, schnellere AbBchluß 
der körperlichen Entwicklung auch noch durch eine Verkürzung der 
Tragezeit um 2 — 3 Tage') und durch eine Beschleunigung des Zahn- 
wechsels, wie man das beim englischen Vollblut sowohl, wie bei den 
frühreifen Rinder-, Schaf- und Schweinerassen regelmäßig sehen kann. 
Zu beacbten bleibt hier nur, daß früh zur Zucht benutzt« weibliche Tiere 
frühreifer Rassen durch die Trächtigkeit in der raschen Erledigung des 



Flg. A7. MpUreifea Pferd ~ dieiJUiiKer HalbblDler im Fohlentfpas. 

Zahngeschäfts beeinträchtigt werden, und daß sie dann für die Be- 
urteilung der Frage nicht absolut, sondern nur relativ, d. i. im Vergleich 
mit gleichaltrigen tragenden Tieren spätreifer Rassen verwertet werden 
können. Bei den frühreifen Rassen und Tieren stellt sich der Geschlechts- 
trieb zwar früher ein, er bleibt aber oft auch gänzlich aus oder äußert 
sich nur in geringerem Maße, fernerhin ta^en Tiere frühreifer Rassen 
bei üppiger Jugendemährung nicht selten in ihrem Befruchtungsvermögen 



') S a b a t i n i. Untersuchungen über die Tragezeit bei unseren wichtigsten 
Haustieren. Jena 1908. 



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. Abecbnitt. Dio Rassen. 



!3 






ZU wünschen übrig, namentlich da, wo die abhärtende, heilsame, aus- 
gleichende Wirkung der AVeide oder eine sehr aufmerksame Stallbeauf- 
sichtigung fehlen. Unter dem EinSuß der Fettproduktion leidet die 



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VI. Die allgemeinen Rasseneigenschaften. 109 

physiologische Tätigkeit der Geschlechtsdrüsen oder die Lebeiisenergie 
der Creschlechtsz eilen, nicht minder aber auch das ganze Nervenleben, 



^^5 I ■ - 



|s||s 



so daQ die reflektorischen Vorgänge, wie sie sonst zwischen Fullungs- 
zustand der Geschlechtsdrüsen und Geschlechtslust bestehen, dann nicht 
zur Auslösung kommen. Aus diesem Grunde sieht Bormann die Frlih- 



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HO 3. Abschnitt Die Rasseo. 

i-eife als «ne Rassendegeueration an^), eine Auffassung, die nicht ganz 
von der Hand zu weisen ist und die besonders mahnt, in der Aufzucht 
durch Vermeidung jeder VerweichUchung ein Gegengewicht zu bieten. 

Mit der Frühreife ist also immer der Begriff der Früh- oder Schnell- 
wüchsigkeit verbunden, während Großwüchsigkeit und F r o li- 
wüchsigkeit, ein Ausdruck, der von Bröd ermann-) in die 
wissenschaftliche Tierzucht eingeführt ist, auch ohne Frühreife bestehen 
können. 

Frühreite Tiere müssen immer frohwüchsig, brauchen aber nicht 
großwüchsig zu sein, anderseits kann aber die Frohwüchsigkeit in jeder 



Fig. «0. Berkshires WarfgeBcbwiBter, geh. ». Dezember 181D, pbutOKr&pbisit lt. Hai 1911. 

Liak9 Hnugerriibterune. Lebendgewicht l\i\te; rechts HaitfUttermig, Lebendgewicbt 55kg. 

WiiEh 8. von Natbusins, nns dem KUbn-AtChiv. Bd. JH.) 

vernünftig gehaltenen Zucht auch bei spätreifen Schlägen vorhanden 
sein und Großwüchsigkeit auch bei Spätreife bestehen. 



Ein Schwein der kleinen oder mittelgroßen englischen Rassen ist 
frühreif, schnell- oder frohwüchsig, aber nicht großwüchsig. Es ist im 
Alter von 6 — 8 Monaten schlachtreif, erreicht aber auch in einem 
solchen von 3 — 4 Jahren nicht die Größe der ausgewachsenen 
hannover- braun Schweigischen Landschweine (Fig. 27). Sofern letzteres 
aus einer guten Zucht stammt, ist es im Rahmen seiner Rasse gut 
wachsend und hierin dem gleichrassigen Tiere aus einer schlechten 
Zucht überlegen. Ein Tier ersterer Art wird in einem gewissen Alter 

') Jahrbuch für wissenschaftliche und praktische Tierzucht, 6. Jahrg. 
Hannover 1911. S. 26. 

') Frühreife und FrohwüchBigkeit. Deutsche laadir. Tierzucht 1901. S. 136. 



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VI. Die allgemeinen Rasaeneigenschaften. 



auch groß und schwer, aber das geschieht langsam, denn die Ausreifung 
dauert 2 Jahre, das Endziel der Züchtung ist mit einer kurzen Haltungs- 
dauer nicht vereinbar. Trotzdem ist das Tier großwuchsig, aber spätreif. 



NacbgezoBeDeT Slnii 



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112 3- AbsohnitL Die Baseen. 

Das Simmentaler Riiid brauctt mehr Zeit zu seiner körperlichen 
Ausbildung als das Shorthomrind (Fig. S5], aber weniger Zeit als das 
Vogtländer (Fig. 58) oder gar das osteuropäische Steppenrind (Fig. 25). 
Es wird aber auch größer und schwerer als Tiere der beiden genannten 
Schlage und ist somit frühreif und dabei groQwUchsig. 

Die GroBwUchaigkeit ist gewöhnlich daran zu erkennen, daQ die 
Tiere trotz eines gewissen vorgeschrittenen Entwicklungsgrades noch 
einen unfertigen Eindruck machen und an Fohlen oder Kälber erinnern 
(Fig. 61). Sieht das junge Individuum aus wie ein zum Gebrauch fertiges 
Zucht- oder Nutztier in verkleinerter Ausgabe, so ist auch das Wachstum 
schon großenteils abgeschlossen. Bullen, die früh einen Kamm bekommen, 
bleiben meist klein und ponyartig (Fig. 62). 

Großwüchsig ist natürhch nicht mit groß im Sinne von hochbeinig 
gleichzustellen, denn zu groß gewordene Tiere, denen die Breite fehlt, 
sind Mißgestaltungen, die sich zu Zuchtzwecken nicht eignen. 

Sehr frühreife Tiere sind selten hervorragend milchergiebig, denn 
erfahrungsgemäß schließt eine sehr reichliche Jugend emährung im Verein 
mit ererbter Anlage zur höchsten Ausnutzung konzentrierten Futters 
die Ausbildung hoher Milchleistung nahezu aus. 

b) Die Futterverwertnng. 

Die Futterverwertung ist die Eigenschaft der Tiere, das 
dargereichte Futter in Leistungen umzusetzen; ein guter Futterverwerter, 
ein futterdankbares Tier, ist ein solches, das aus dem auf- 
genommenen Futter möglichst viel Arbeit, Milch, Fleisch, Fett oder Wolle 
liefert, oder umgekehrt, das mit dem geringsten Aufwände von Futter 
ein bestimmtes Maß von Leistung hervorbringt. 

Von zwei Kühen ist diejenige die bessere für den Milchwirt, die 
bei dem gleichen Futter im Jahresdurchschnitt die meiste Milch von 
bestimmtem Fettgehalt oder die größte Milchfettmenge liefert, und 
von zwei Pferden dasjenige das wertvollere, das zur Erledigung seiner 
regelmäßigen Dienstleistung, beispielsweise als Ackerpferd, das wenigste 
Futter braucht. 

Die Futterverwertung ist teils Rasaeneigenschaft, teils in der physio- 
logischen Eigenart des einzelnen Tieres begründet. Futterverwertung 
und Frühreife sind nicht übereinstimmende Begriffe, denn es gibt sowohl 
unter den frühreifen wie spätreifen Schlägen Tiere, die das Futter gut, 
und solche, die das gleiche Futter schlecht ausnutzen. Das arabische 
Vollblut ist spätreif und ein besserer Futterverwerter als das frühreife 



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VI. Die frllgemeinea Raaseneigenachaften. J]g 

englische Vollblutpferd. Frühreife \md Futterverwertung stehen indessen 
insofern zueinander in gewissen Beziehungen, als frühreife Tiere kon- 
zentriertes, eiweißreiches, hochwertiges Futter besser ausnutzen als spät- 
reife, während diese bei voluminösem Futter besser gedeihen als erstere. 
Die Ursache der besseren Futterausnutzung ist, wie Versuche von 
W i 1 c k e n B beweisen^), in der Anpassung des Magens an das verabreichte 
Futter, in dem Verhalten der Verdauungsdrüsen und in dem ganzen 
Netvenleben der Tiere zu suchen, auch können scheinbar nebensächhche 
Umstände, wie gute Backenmuskulatur, gute Zähne, eine Bolle spielen. 
Dadurch, daß derartige Anlagen vererbt werden, werden sie zur Rassen-, 
mehr aber noch zur Stammeseigentümlichkeit, 

Bei den zur Erzeugung von Milch und Fleisch gehaltenen Gat- 
tungen ist die Leistung gewöhnlich bei dem gleichen Futter umso größer, 
je ruhiger die Tiere beanlagt sind. Aber auch dasjenige Arbeitspferd, 
das einen Hieb verträgt, wird weniger leicht ennüden, voller aussehen 
und regelmäßiger fressen als das heftige, nervöse Pferd, das zeitweilig 
viel leisten, in Summa aber doch häufiger schonungsbedürftig und früher 
verbraucht sein wird. 

Auffalhg ist es, daß man bei Pferden die leistungsfähigsten Individuen 
unter solchen Tieren findet, die Temperamentfehlei besitzen, was einen 
scheinbaren Widerspruch mit den obigen Tatsachen bedeutet, indessen 
sind Beißer, Schläger und Klopfhengste zwar schwierig im Umgang, 
aber meist ruhig und nicht nervös in der Arbeit und gewöhuUch regel- 
mäßige Fresser. Die solchen Gäulen eigne Widerstandskraft ist nur 
durch ein sehr festes Nervensystem und große Leistungsfähigkeit der 
Verdauungssäfte zu erklären. 

Der wirtschaftliche Wert der Frühreife ist darin begründet, daß 
solche Tieie spätreifen gegenüber kürzere Zeit ernährt zu werden brauchen, 
ehe sie in Nutzung genommen werden können. Allerdings kommen spät- 
reife Tiere in der Zeiteinheit mit weniger Erhaltimgsfutter aus als früh- 
reife. Das Erhaltungsfutter setzt die Tiere in den Stand, sich im jeweiligen 
Körperzu stände zu erhalten, es reicht aber nicht aus, um Leistungen 
irgendwelcher Art, wozu auch der Körperzuwachs bei jugendlichen Tieren 
und die Trächtigkeit gehören, hervorzubringen. Spätreife Kassen sind 
genügsam; sie Ednd daher dort am Platze, wo die wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse die Verabreichung von hochwertigem Futter nicht bezahlt 
machen und zur Verabreichung von viel voluminösem, weniger nährstofl- 
reichem Futter (Stroh) zwingen. 

»)WiIokonB, LandwirtschaffclichB Hauatierlehre, Bd. H, 2. Aufl. von 
J. H a a B e n. Tflbingen 1903. S. 20. 

Fnieh-aause.n, Alleemeine Tierzucht. 8. Aufl. 8 



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114 3. Abschnitt. Die RaBsen. 

Umgekehrt wird sich die HaltuDg und Züchtung spätreifer Binder- 
ujid SchweineiBsae» zu Ma^t^weckeii in günstiger Marktlage, d. h. iuten- 
siven, hochwertiges Futter erzeugenden Wirtschaften unrentabel ge- 
stalten, weil diese Individuen nicht in der Lage sind, nährstoffreiches, 
konzentriertes Futter genügend zu verwerten. — Hier wird die Genüg- 
samkeit zu einem Fehler. Soll die Mästung derartiger Tiere noch nutz- 
bringend sein, so müssen sie sich entweder im Einkauf wohlfeil stellen, 



FiE. W. Gater Patterve rwerter. DTeiJihTige Stute. ]se cm hoob, 

oder sie müssen mit geringerer Kraftfuttergabe, also billig ernährt werden, 
damit der Aufwand für die längere Haltung ausgeglichen wird. 

Wie der Mäster die Lebendgewi chtszunahme und somit die Futter- 
verwertung seiner Masttiere durch die Viehwage kontrolliert, so prüft 
der Milchwirt die Milchleistung in Rücksicht auf Menge durch das Maß 
oder, was ratsamer ist, durch die Wage, und in Rücksicht auf Qualität 
durch einen Fett bestimm ungsapparat. Er wird alle Kühe ausmerzen, 
die ihm bei einem bestimmten Futter zu wenig Itülch bei Frischmilch- 
verkauf und zu wenig Fett bei Verarbeitung seiner Milch zu Butter liefern. 
Der Züchter kann in der Regel nicht ganz so radikal verfahren, er muß 



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VI. Die allgemeinen Rasseneigenscbafton. 115 

mituntei Tiere behalten, die ihn in der eiwünschteo Nutzungsrichtung 
zwar nicht voll befriedigen, anderseits ihm aber doch für seine Zucht- 
zwecke wertvoll sind, weil sie sich durch Gesundheit und durch die 
Produktion hochwertiger ffachkommen auszeichnen. 

Während bei den Tieren mit hervorragender Milch- oder Mast- 
befähigung steigende Kraftfuttergaben bis zu einer gewissen Grenze sehr 
zweckmäßig sein können, sind sie nutzlos bei schlechten Futter\'erwerteni. 



Fig-. U. Soblecbter FaUerrerirerter. TierlOhriger Wallach, US cm boch. Beide Pferde (Fig. flS 

und M) haben nocb nicht gearbeitet, sind in dem gleichen OebSft aargezogan and an ein und 

demselben Tage Photographie rt worden. 

Es muß deshalb auch im Kuhstall die Fütterung eine individuelle sein 
und sich nach den Leistungen der einzelnen Tiere richten, was man 
jetzt mit Hilfe der Kontrollvereine allgemein anzustreben sucht. Indessen 
ist nicht zu vergessen, daß in Zuchtställen einseitig gesteigerte 
Milchleistungen insofern eine Gefahr darstellen, ab sie die Widerstands- 
fähigkeit und Gesundheit schwächen. 

Auch bei Arbeitstieren ist das Futterverwertungsvennögen sehr 
zu beachten. Tiere, die verhältnismäßig wenig Futter gebrauchen und 
h& einem bestimmten Arbeitsmaß immer rund und voll aussehen, heißen 



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116 3. Absohnitt Die RtMoa. 

1 e i c h t f u 1 1 r i g. Sie Hefeni also bei Durchschnittefutter Durch- 
schnittsleistungen in guter Eörperveifasaung und befinden sich somit 
immer in guter Kondition. Andre Pferde lassen dagegen in ihrem Er- 
nährungszustände immer zu wünschen übrig und halten sich bei gleicher 
Arbeit und gleichem Futter schlechter ab ihre Stallgenossen. Sie sind 
sehwerfuttrig oder schlechte Futterverwerter. Endlich gibt es Pferde, 
die im Laiensinne nie gut aussehen und doch vorzügliche Futterver- 
werter sind. iSie verrichten an einzelnen Tagen den doppelten Dienst und 
bleiben ebenso lange oder noch länger arbeitsfähig wie ihre Stallgenossen, 
obgleich sie nur das gleiche Futter wie diese erhalten. Solche Pferde 
sind dann als Gebrauchstiere „unbezahlbar" und gerade im Einkauf nicht 
selten preiswert, weil sie nicht« Bestechendes an sich haben. Sie sind 
dem Anschein nach schlechte, in Wirklichkeit aber gute Futterverwerter, 
Die beiden Fig, 63 und 64 stellen zwei junge Pferde dar, die noch nicht 
gearbeitet haben und bei gleicher Haltung aufgewachsen sind. 

So gern man nun in der Nutzviehhaltung mit solchen Tieren wirt- 
schaftet, die gute Fresser sind, ihr Futter also in der nonnsl bemessenen 
Futterzeit vollständig aufnehmen und nicht auf jeden Futterwechsel oder 
auf jede Anstrengung durch Mangel an Freßlust antworten, so wenig 
darf man die starken, gierigen Fresser, die alles verschlingen, was sich 
ihnen bietet, für gute Futterverwerter halten. Als Masttiere sind sie 
in der Kegel gut, als Milchtiere aber meist minderwertig und als Arbeits- 
tiere unter Umständen sogar schlaff und ohne Ausdauer. 

Nach alledem ist die Futterverwertung in der Tierhaltung stets in 
Rücksicht auf den speziellen Nutzungszweck zu beachten, denn solche 
Milchkühe, die wenig melken, aber gut aussehen, und solche Pferde, 
deren guter Ernährungszustand durch häufig notwendig gewordene 
Schonung oder durch ein überreiches Maß an Futter bedingt ist, nutzen 
dem Besitzer gewöhnüch nicht viel; sie sind teure Blender. Die Wichtig- 
keit obiger Darlegungen für die Praxis sollen folgende Beispiele erläutern: 

I. In einem niederrheinischen Kontrollvetein fand sich für zwei 
Kühe folgender Abschluß'): 





1 Milchmenge 


Fettmenge 


ErtragBwert 


Futter- 
kosten 


Futterkosten 
für 1 kg Fett 




L kg_ 


_^8 


M. 


M. 


M, 


Kuh A . . 


1 6269 


216,9 


646.76 


329,66 


1.53 


Kuh B . , 


' 2282 
+ 3987 


75,2 


225,69 


329,09 


4,58 


A gegen B . 


+ 140,7 


+ 421,07 


+ 0,57 


— 3.05 



') J. Hftnaen, Die KontroUvereine der Rhcinpruvin 
i 1910. S. 72. 



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VI. Die allgemeineD BasseoeigenBotkEkften. 



II. Ochse Ni. 1 erzeugt in 6 Monaten 300 kg Lebendgewickt, 

„ Nt.2 „ „ 6 „ 225 „ 

Ausfall 75 kg — 60 Mark, bei 40 Mark pio 50 kg Lebendgewicht. 

III. 2 Pferde liefern das gleiche Maß von Arbeit, erhalten zwar den 
Hafer, aber das Heu nicht zugeteilt. 

Nr. 1 verzehrt pro Tag 5 kg Heu, 

Nr. 2 „ „ „ 7Vi „ „ 
demnach verbraucht Nr. 2 pro Jahr rund 9O0 kg Heu mehr als Nr. 1 = 
54 Mark, bei einem Preise von 6 Mark pro 100 kg. 

Daher ist es wichtig, nur solche Tiere zu wählen und zu halten, die 
gut« Futterverwerter sind. Leider kann man den Tieren diese Fähigkeit 
oft überhaupt nicht, oft nur bei scharfer Beobachtungsgabe und reicher 
Erfahrung ansehen. Doch macht auch hier die Übung den Meister. 

c) Die Kondition. 
Die Kondition ist der jeweilige Haltungszustand der Tiere und 
mithin je nach der Fütterung und Pflege weclaelnd. Die Kondition 



s dem Hsssastall 



ist zwar in erster Linie eine individuelle Eigenschaft, aber sie hat mit 
der Basse doch auch insofern etwas zu tun, als gewisse Bässen leichter 
in gute Kondition zu bringen und in solcher zu erhalten sind als andre. 



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11g 3. Absohnitt. Die Rassen. 

was von der Leicht- oder Schwerfuttrigkeit abhäiigt. Je nach der An- 
passung des Haltungszustaads an die Nutzungerichtung spricht mao 
von Weide- (Fig. 65), Milch- (Fig. 151), Maat- (Fig. 66), Arbeits- (Fig. 67), 
Zucht- (Fig. 76), Renn- (Fig. 69) und Ausatellungakondition {Fig. 35),'bei 
Hengsten auch von Beachälerkondition (Fig. 70), 

Das Verbringen der Tiere in die geeignete Kondition aetzt eine 
gewisse Vorbereitung derselben voraus, die seitens des Tierhalters ein« 
mehr oder minder große Übung erfordert. Am sorgfältigsten wird die Vor- 
bereitung für die Rennbahn durch den sogenannten Training betrieben. 



Fig. 6S. Kuh in HaatkonditloD — GroBes Fleckviah. 

Werden Nutztiere in unzweckmäßiger Kondition gehatten, so be- 
geht der Besitzer entweder eine Futterversch wen düng, oder aber er 
drückt die Leistungsfähigkeit der Tiere herab. 

Wesentlich verbesserungsbedürftig ist der Begriff der Ausstellungs- 
kondition, des Schmerzenskindes der Ausatelier und Preisrichter. Jeder, 
der Tiere auf eine Ausstellung schickt, hat das verständliche Streben, 
sie in einer möglichst guten Körper Verfassung zu zeigen. Hierzu gehört 
auch eine gewisse Körperfülle, die den Tieren nicht nur ein gefälliges 
Aussehen verleiht, sondern sie auch breiter und tiefer macht und endlich 
manche Fehler, wie unebnen Rücken, mangelhaften Schulterschluß, 
leichte SchnürbrusL, flache Rippen, niedrige Lenden, schwache Keulen 



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1 Basseneigenachaften. 



Fig. «T. BhUb ia gnter Sprang- und Arbeitskondition — GroBe» FlooliTieh. 

und schmale Beckeu, verdeckt. Die Ausatellungstiere bekommen deshalb 
gewöhnlich so viel Futter, als sie nur aufzunehmen vermögen, und be- 
finden sich in einer mehr oder weniger ausgesprochenen Mastkondition. 
Diese bedeutet aber nicht nur eine nutzlose Futterverschwendung, 
sondern ist für Zuchttiere auch deshalb direkt schädlich, weil sie schwer 



Bulle in nchlecliter Sprang- und Arbeitakondition — Großes Fleckvieh. 



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3. Abschnitt. Die Rassen. 



Fig. n. VollbInthencBt io RcDDkonditiati. 



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VI. Die oUgemeinea Rosaeneigeiuchaftea. ]21 

aufoehmen, zu Frühgeburten neigen odei schwächliche Nachkommen 
zur Welt bringen. Es ist deshalb in der Regel bedenklich, weibliche 
Ausstellungstiere zu Zuchtzwecken zu kaufen^). 

3. DI» AuBening des NenmUebens. 

a) Temperament, AuBdaner, Nerv. 

Temperament, Ausdauer und Nerv stehen zueinander in gewissen 
Beziehungen, sie sind der Ausdruck der vererbten und durch die Hal- 
tungsverhältnisse beeinäuBten Beschaffenheit des Nervensystems. Man 
unterscheidet ein gutartiges und bösartiges Temperament und 
versteht darunter mehr den Charakter, und ein lebhaftes und 
phlegmatisches Temperament, daa sich mehr mit den Begrifien 
der Ausdauer, Beweghchkeit und Trägheit deckt. Steigerungen in dem 
Grade der Lebhaftigkeit und des Phlegmas pflegt man als nervös und faul 
zu bezeichnen. 

Frühreife Rassen sind in der Regel gutartig und phlegmatisch, was 
mit der Üppigen Jugendemährung und mit der Anlage zur Mastfähigkeit 
zusammenhängt; spätreife Rassen sind bewegUcher imd meist schwieriger 
im Gebrauch. Je schwerer, größer imd frühreifer eine Rasse, desto größer 
ist die Ruhe und das Phlegma der Tiere, desto sicherer ihre Gebrauchs- 
fähigkeit zur Arbeit und desto leichter der Umgang mit ihnen. Ein bel- 
gisches Pferd ist selten heftig im Zuge, fast niemals bdse im Stalle oder 
unsicher im Geschirr, so daß auch der ungeübte Kutscher mit ihm um- 
gehen kann, während der Gebrauch des warmblütigen Pferdes mehr 
Umsicht und Aufmerksamkeit erfordert. Je höher der Blutgrad beim 
Pferde, desto größer die Gehlust und Ausdauer und somit das gesamte 
phj'sische Leistungsvermögen; letzteres bt indessen nur für bestimmte 
Gebraucharichtungen mit Vorteil auszunutzen. Das frühreife englische - 
Vollblutpferd macht hier also eine Ausnahme, es ist aber auch nicht 
frühreif im Sinne der Kaltblüter oder der mastfähigcn Rinderrassen, in- 
dem bei ihm eine frühzeitige Entwicklung von viel Volumen durch die 
strenge Arbeit des Trainings verhindert und nur eine frühzeitige Ge- 
brauohsfähigkeit hervorgerufen worden ist. 

Bei dem Rinde hegen die Verhältnisse ähnhch, nur sind die Gegen- 
sätze nicht so scharf ausgeprägt wie beim Pferde, weil Rinder immer 
mehr oder weniger phlegmatisch sind. Indessen ist auch hier ein Unter- 

•) P u B fa. Die Kondition der Ausstellniigatiere auf den Schauen der D.L.G. 
Deutocfae landw. Tiencuoht 1906. S. 13. 



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. Abschnitt. Die Rassen. 



Fig. 11. Phlegmatiscbes Temperement — Norweger (Kaltblut), 



Fig. 7». Lebtaflta Temperament — Sohwedo iHalbblut). 



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VI. Die ftUgemeinen RaaBeneigensohofteii. 



Fig. 7a, BdsartigeB Temperament. 



Flg. T*. Nervöses, angstliohca Tempernment, 



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]24 3. Abschaitt. Die BasseD. 

schied z. B. zwischen den Tieren des schweren Simmentaler (Fig. 75 — 79) 
und des leichten Vogelsbeiger Schlages (Fig. 30) vorhanden. Die ersteren 
sind ruhig, phlegmatisch, die letzteren fleißiger und behender im Zuge. 
Kommt man in einen Stall, in dem Simmentaler Rinder neben aolchen 
der kleineren Schläge liegen, so werden die ersteren gewöhnlich die 
stärkeren Aufmunterungsmittel gebrauchen, ehe sie aufstehen. 

Der Vogelabei^r Bulle wird wie der ihm verwandte und an Körper- 
größe gleichstehende Harzer, Vogtländer oder Westerwälder oder auch 
wie der Angler Bulle eher bösartig als der Simmentaler, was man auf 
jeder Ausstellung sehen kann, wo die ersteren in einem gewissen Alter 
fast ausnahmslos mit Fußfesselung und Äugenblende, die letzteren aber 
nur sehr selten mit Hilfe dieser Bändigungsmittel vorgeführt werden. 

Neben dem Einfluß der Basse ist aber auch derjenige der ganzen 
Haltung für die Entwicklung des Temperaments von Bedeutung, nament- 
lich soweit es die Gutartigkeit und Bösartigkeit, also die Charakter- 
eigenschaften, betrifft. Die weit überwiegende Mehrzahl bösartiger 
Tiere ist durch rohe und lieblose Behandlung durch Menschen ver- 
dorben worden. Von Hause aus sind sehr wenig Tiere bösartig, wenn 
auch Vererbung und Angewöhnung infolge von schlechtem Beispiel 
besonders seitens der Mutter sicherlich eine Bolle spielen. 

Die Erkennung des Temperaments ist in der Regel nicht besonders 
schwierig. Prüfsteine sind die ganze Haltung der Tiere, das Ohrenspiel, 
der Ausdruck der Augen und die Beschaffenheit des Haares. Ein phleg- 
matisches, mastfähiges Tier hat eine träge, schlaffe Haltung, ruhige 
Bewegungen, müde Augen und einen dichten Haarbestand (Fig. 71), 
lebhafte Tiere haben einen munteren Gang, aufmerksame Haltung, 
großes Auge, aufmerksames Ohrenspiel (Fig. 72), und bösartige Tiere 
bekunden ihre Untugend in einem lauernden Bück (Fig. 73), während 
scheue, nervöse, kitzlige Individuen sich durch ängstliches Ausweichen vor 
jeder Berührung, zwinkerndes Auge, unruhiges Ohrenspiel und, soweit 
es Pferde betrifft, durch lebhafte Schwanzbewegungen verraten (Fig. 74). 

Der Nerv eines Arbeitstieres ist gleichbedeutend mit Ausdauer, 
während unter Nerv des Zuchttieres seine Fähigkeit verstanden wird, 
sich in der Nachzucht auf dem Wege der Vererbung Geltung zu ver- 
schaffen, also durchzuschlagen. 

b) Die Tierseele. 
Schon im Altertum war man der Meinung, daß die Tiere Spuren 
einer Seele besitzen. Atistoteles vergleicht die Tierseele mit der 
Seele der Kinder im frühesten Alter und meint, daß beide kaum ver- 



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VI. Die allgemeinen Rasseneigensohaften. ]25 

schieden sind^). Spater sprach Descartea') (Oartesius) den 
Tieren die Seele vollständig ab, weil deren Wesen im Denken bestehe 
und nui der Mensch zum Denken fähig sei, während die Tiere nur be- 
lebte Maschinen darstellen. Seit dieser Zeit ist die Tierpsychologie 
auch noch nicht viel weiter gekonunen; kann man doch in Ermanglung 
der Sprache das Seelenleben der Tiere nicht direkt beobachten, sondern 
nur aus ihren Handlungen darauf schheßen. Hierbei kommen drei 
Anschauungen in Frage*): 

1. die Intelligenz- oder Verstandestheorie, 

2. die Reflextheorie, 

3. die Instinkt theorie. 

Der Verstand ist die Quelle der bewußten Handlungen — Ver- 
standeshandlungen — , denen die unbewußten, reflektorischen oder 
automatischen gegenüberstehen. Bei den letzteren kommt nur die 
rein mechanische Tätigkeit in Frage, die auf äußere und innere Reize 
hin erfolgt und die nach Descartes auf Tiere allein anwendbar ist. 

Die Verstandes- und die Keflextheorie reichen nun aber nicht aus, 
um die verschiedenen Handlungen der Tiere zu erklären. Wenn diese 
auch nicht auf dem Wege der Überlegung erfolgen, so sind sie doch 
nicht sämtlich rein mechanischer Art, sondern die Tiere empfinden, 
fühlen und sie handeln zweckmäßig, wenn auch nicht im Bewußtsein 
der Zweckmäßigkeit, sondern unbewußt. Diese unbewußte Zweck- 
mäßigkeit des Handelns nennen wir Instinkt und verstehen darunter 
eine Eigenschaft, die bereite seit Lamaicks Zeiten ursachlich als 
eine Summe ererbter Lebensgewohnheiten aufgefaßt wird, die aber 
auch durch Lebenserfahrungen erworben und dann mit der Zeit erbhch 
werden kann. Wemi ein neugeborenes Tier das Euter der Mutter auf- 
sucht, um zu saugen, so ist das der angeborene Instinkt, der auf dem 
Nahrungstriebe beruht. Der letztere ist die Folge eines inneren Keizes, 
hier des Xahrungsbedürfnisses, das Finden des Euters als Quelle der 
Nahrung aber eine vererbte Lebenserfahrung. 

Wenn ein Pferd bei der Abwehr der Fliegen mit dem Schwänze 
Über den Zügel schlägt, so pflegt es den Schwanz anzuklenmien und 
den Zügel festzuhalten (Beflex). Der verständige Fahrer wird den 
Zügel in der Hand lockern und unter Beruhigung des hierbei gewöhnlich 
ängstiich gewordenen Pferdes ihn aus seiner Lage entfernen. Zieht 

1) Tierkunde, Bd. II, S. 111. Leipzig 186S. 
■) Berühmter ftanzösiBcher Philosoph 1596 — 1650. 

*) Wundt, Vorlesungen über die Menschen- und Tiereeele. Hamburg und 
Leipzig 1906. S. 37S. 



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126 3. Abaclmitt, Dio Rassen. 

man den Zügel aber gewaltsam an und schlägt man hierbei das Pferd, 
so stürmt es gewöhnlich erschrocken vorwärts und, wenn sich diese 
Vorgänge mehrfach wiederholen, so erfolgt das Durchgehen beim 
späteren Zügelfai^en auch dann, wenn das Tier dabei nicht geschlagen 
wird. Es handelt sich also jetzt um einen erworbenen Instinkt oder um 
eine Angewöhnung. Das Tier sucht zu entöiehen, weil es die Strafe 
auf Grund von Erfahrungen fürchtet, und diese Furcht wird in ihm 
wacligerufen durch Assoziation — Vergesellschaftung — , d. i, durch die 
Verbindung der Sinneswahmehmung des Schwanzsndrück^iB mit der 
Erinnemngsvorstellung der Strafe. 

Die Assoziation spielt bei den psychologischen Vorgängen unsrer 
Haustiere eine große Rolle und sie ist auch der wirksamste Faktor bei 
der Dressur, die auf der Ausbildung des Gehorsams und der Steigerung 
der Wahrnehmungsfähigkeit der Tiere beruht und meist durch An- 
wendung von Schmerz — Strafe — und Ausnutzung des Nahrungstriebes 
— Hunger und Leckerbissen — bewirkt wird. Die Wahrnehmungsfähig- 
keit einzehier Tiere grenzt zwar oftmab an Verstand, meist nimmt 
man aber an, daß sie keine eigentliche Verstandestätigkeit darstellt. 
Ob diese Annahme wirklich zutrifft, kann angesichts der geradezu 
wunderbaren geistigen Fähigkeiten einzelner Tiere, insbesondere W. v o n 
Ostens „Kluger Hans" und der Hengste „Muhamed" und „Zarif" 
von Karl Kral 1'), doch nicht ohne weiteres behauptet werden. 
Ob hier die von P f u n g s t*) gegebene Erklärung einer bloßen scharfen 
Beobachtungsgabe zutrifft, erscheint doch recht zweifelhaft. 

Die Domestikation hat atif die Instinkte der Haustiere eine ver- 
schiedene Wirkung ausgeübt. Diejenigen Gattungen, bei denen es dem 
Menschen auf möglichste Ausbildung der Fleisch-, Müch- und Woll- 
erzeugung ankommt, wie das bezüglich des Rindes, Schafes und 
Schweines der Fall ist, haben in ihren psychologischen Fähigkeiten 
erhebUch gelitten und sind zu einer Art von Maschine geworden, deren 
Instinkte sich fast ausschließlich auf die Betätigung des Nahnings- 
und Geschlechtstriebs beschränken. Anders liegen die Verhältnisse 
aber beim Pferde und Hunde, die durch ihre wirtschaftlichen Beziehungen 
zum Menschen in ihrem Sinnesleben gefördert worden sind. 

Die Tiere besitzen zweifellos gewisse Elemente des Bewußtseins 
und die Hunde auch solche der Sprache, aber nicht die Sprache selbst, 
sondern höchstens Vorstufen der Sprachäußerung, die sie durch eigen- 

■) Krall, Denkende Tiere. Leipzig 1912. Vgl. auch H. K r a e m e r. Aus 
Biologie, Tierzucht und RassengeBchicht«, Bd. II. (Stuttgart 1913. S. 11. 
') FfungBt, Daa Pferd dea Herrn von Oeten. Leipzig 1907. 



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VL Die «Ugemeinen Bueeneigensohiiften. 127 

tümliche Bewegungen und Laute zu erkennen geben, die aber keine 
Gedanken, sondern nur durch Übung und Dressur erworbene Vor- 
stellungen ausdrücken. Hier ist das Grenzgebiet zu suchen, in dem 
sich Veratand und Instinkt nähern, und hier liegen auch die mannig- 
fachen ungeklärten Bätsei und Widersprüche, die selbst dem scharf 
denkenden und erfahrenen Psycholt^en das Verständnis von dem 
Wesen der Tiexseele erschweren. 

Was nun das Gefühlsleben unsrer Haustiere im besonderen an- 
langt, so kommen hier namentlich Mutterliebe, Ortsinn und die An- 
hänghchkeit an Menschen und an Tiere in Betracht. Die Mutterliebe 
ist bei allen Haustieren, von einigen Ausnahmen abgesehen, in hohem 
Grade entwickelt. Indessen wird sie in ihren Motiven meist verkannt, 
weil sie nicht allein, ja vielleicht überhaupt nicht durch einen inneren, 
instinktiven, auf die Erhaltung der Art bedachten Drang, sondern 
durch den mechanischen Beiz bedingt wird, den die Milchdrüse durch 
das Säugen erfährt, und der bei dem Muttertiere angenehme Gefühle 
auslöst. Hierfür heferte eine Kuh im Versuchastall des Landwirtschaft- 
lichen Instituts der Universität Königsberg einen treffenden Beweb. 
Ihr wurde iinmittelbar nach dem Kalben das Junge genommen und die 
Milch durch eine Melkmaschine gewonnen. N'ach dem Entfernen der 
Maschine gebärdete sich die Kuh genau so, als ob das säugende Kalb 
fortgeführt worden wäre. 

Hört die Milchabsonderung oder das Säugegeschäft auf, so erlischt 
auch die Mutterliebe, wie es z. B. der Fall ist, wenn die Kälber aus 
dem Kübel getränkt werden. Die Kühe verraten dann zwar noch Sehn- 
sucht nach dem Kalbe und zerren an der Kette, wenn ein solches in 
ihre Nähe kommt, aber sie können schon nach wenigen Tagen ihr eigenes 
von einem fremden nicht mehr unterscheiden und zeigen in dieser Be- 
ziehung ein kurzes Gedächtnis, wovon man sich in jedem Kuhstall 
überzeugen kann. Die MutterLebe hat durch die Stallhaltung auch eine 
wesentUche Abschwächung erfahren, wenigstens sind die mehr im Freien 
gehaltenen Steppenrassen in der Verteidigung ihrer Kälber viel enei^- 
scher als unsre Kulturrassen, bei denen infolge der vererbten Gewohn- 
heit des Nichteäugens, wie es in vielen Zuchtgebieten üblich ist, sogar 
bisweilen eine solche Unfreundlichkeit vorkommt, daß das Kalb durch 
die Homer oder die Bearbeitung mit den Vorderfüßen, wie ich es 
gesehen habe, tödlich verletzt werden würde, wenn man es nicht 
entfernte. 

Einen Fall von eigenartig entwickelter Mutterliebe konnte ich an 
einem Schafe der ostfriesischen Milchrasse im Rassenstall der Tierärzt- 



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128 3. Abschnitt. Die Raaaen. 

liehen Hochschule zu DreBden beobachten. Das Tier, eine einjährige 
Eistlingsmutter, hatte zwei Lämmer, von denen es das eine nicht, das 
andre dagegen wüUg säugen ließ. Damit beide zu ihrem Rechte kamen, 
wurden sie von der Mutter getrennt und nur zum Zwecke des Säugens 
zu ihr gebracht, wobei diese festgehalten wurde. Ließ man ein Lamm 
zu ihr, so war sie anfangs immer anruhig, hielt aber beim Säugen still, 
sobald sie herausgefunden hatte, daß das bevorzugte Junge bei ihr war. 
Hierzu brauchte sie eine gewisse Zeit, denn sie erkannte es nur dann, 
wenn sie es ziemhch eingehend am After und dem Mittelflebch berochen 
hatte. 

Daß einzelne Stuten ihre Fohlen nicht säugen lassen und manche 
Sauen ihre Ferkel auffressen, ist bekannt. Hier kann das unnatürliche 
Verhalten aber auf einem hochgradigen unangenehmen Beizzustande 
der Zitzen beruhen, weshalb man ja auch den Ferkeln die spitzen Milch- 
zähne abkneift, um den Sauen die Ausübung ihrer Mutterpflichten zu 
erleichtem. 

Der Orteinn ist von der Wiedererinnerung abhängig, die z. B. bei 
Hunden durch die Nase, bei den andern Haustieren aber durch das 
Auge bewirkt wird. Bekaimt ist der Orteinn des Hundes und des 
Pferdes. Das letztere leistet ja dem Reiter und Fahrer oft dadurch in 
der Dunkelheit die wertvollsten Dienste. Aber auch das Rind besitzt 
unter Umständen diese Eigenschaft, wie folgender Fall lehrt. 

Eine größere Anzahl in der Wesermarsch für die staatUcbe Auf- 
züchte tation Zabeltitz in Sachsen angekaufter Bullen wurde in der 
Nacht vor der Verladung auf einer dem Bahnhof benachbarten Weide 
gehalten. Aus dieser brach ein Tier aus und suchte die heimatliche 
Weide wieder auf, die 8 km vom Bahnhof entfernt und inmitten andrer 
Weiden gelegen war. Das Tier hatte den Weg vorher nur einmal 
zurückgelegt und seinen früheren Aufenthaltsort trotz der dunklen 
Nacht scheinbar mühelos wiedergefunden, denn es hielt sich bereits 
am frühen Morgen wieder unter seinen bisherigen Weidegenossen 
grasend auf. 

Was endlich die Anhänglichkeit der Tiere an den Menschen, an 
andre Tiere und ihre Hilfsbereitschaft anlangt, so hefem die t^liche 
Erfahrung und die Literatur hierfür Beispiele in großer Zahl, und es 
sei an dieser Stelle nur an die Samaritertätigkeit der Bemhardinerhunde 
aus jener Zeit erinnert, in der der Gotthard noch nicht durchtunnelt 
war. Aber auch hier handelt es sich nur um Vorstellungsvermögen, 
Gedächtnis und scharfe Sinnesempfindung (Nase), nicht aber um über- 
legte Handlungen; die Tiere verfügen zwar über ein zum Teil sehr weit- 



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VI. Die ^gemeinen RaBBeneigeDachaften. 129 

gehendes SinneBleben, aber die Zuerkenaimg eines Geisteslebens muß 
man ihnen versagen'). 

Tierfreundschaften kann man im praktischen Tierzuchtbetriebe be- 
sonders häufig beim Pferde beobachten. So gehen VoUblutstnten auf 
der Weide oft zu zweien. Diese Freundschaft dauert gewöhnlich bis 
zudi nächsten Fohlen, wird dann aber bei Stallhaltung vergessen. Stuten, 
die allein gehen, suchen sich wenigstens zur Zeit des Roeaens an andre 
Stuten anzuschließen, auch Fohlen, die gemeinsam zur Weide getrieben 
werden und sich oft erst auf dem Wege dorthin zum ersten Male sehen, 
bleiben auf der Weide gern beieinander. 

4. DI« Konstitution. 

Die Konstitution ist die gesamte Eörperverf aasung der Tiere und 
durch den anatomischen Aufbau der Zellen und deren physiologisches 
Verhalten begründet. Sie bedingt die Lebenskraft und Widerstands- 
fähigkeit und bildet im Verein mit dem körperlichen Entwicklungs- 
zustande das, was Behraet als Naturell^) bezeichnet. Die Kon- 
stitution hat einen wesentlichen Einfluß auf die Leistung der Tiere, 
und deshalb ist es wichtig, sie richtig zu beurteilen, umso mehr, als sie 
meist unverändert während des ganzen Lebens bestehen bleibt. 

Vom gesundheitlichen Standpunkt spricht man von einer guten 
und von einer schlechten Konstitution und versteht unter 
der ersteren den Zustand eines Tieres, körperiiche Strapazen, Unbilden 
der Witterung und unregelmäßige Lebensweise zu ertragen, ohne darauf 
durch Krankheit zu antworten. Solche Individuen nennt man hart im 
Gegensatz zu den weichen, die eine schlechte Konstitution besitzen. 

Die gute Konstitution Ist also dem nach allen Richtungen hin 
widerstandsfähigen Körper eigen und durchaus nicht immer mit 
„blühendem" Aussehen und runden, vollen Formen verdnigt, denn die 
sehnigen, trocknen Figuren sind meist die in der Konstitution besseren. 

ZUchterisch teilt man die gute Konstitution ein : a) in die robuste, 
gutartig derbe, feste, und b) in die feine, trockne, nervige. 

Tiere mit robuster Konstitution sind frisch im Aussehen, mit 
dichtem Haar, kerniger Muskulatur, vollem Leibe und kräftigen, 
trocknen Gliedern. Sie eignen sich in der Regel zu mehrseitigem 
Gebrauch und zeichnen sich weniger durch einseitige höchste als durch 
mehrfache gute Leistungen aus (Fig. 75). 

') Was mann, Instinkt und Intelligenz im Tierreich. Frei bürg 1905. S. 35. 
') Neues aus dem Gebiet« derZüchtungakundc (Vortrag). Berlin I8B7. S. 4. 
Pnieh.H&DBen, .Mlsemeine Tierzacht. a. Anfl. S 



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130 3- Abschnitt. Die Rassen. 

Die feine Konstitution ist gewöhnlich mit trocknetn Habitus 
— Aussehen — und einer edlen Erscheinung verbunden. Solche Tiere 
zeigen ein glattes, glänzendes Haar, einen mehr schtnalen und hoch- 
atändigen Körper, gut markierte Knochenvoreprünge, auadnickavolle 
Gelenke und klare, scharf gezeichnete Sehnen. In der Hand erfahrenei 
Züchter sind die nicht selten auf dem Wege mäßiger Verwandtschafts- 
zucht entstandenen Individuen gewöhnlich außerordentlich gute Werk- 
zeuge zur Erzielung ausgeglichener Herden von großer Leistungsfähig- 
keit, namentlich in der Richtung der Woll- und Milchprodubtion (Fig. 76), 



Fig. 79. SimmenUler Kub mit robuster Kaust itulion, 

während sie bei unzweckmäßiger Haltung und fehlerhafter züchterischer 
Behandlung in der Nachzucht in Überfeinerung oder Überbildung aus- 
arten und dann Individuen von schlechter Konstitution liefern. Einen 
Gradmesser für die gute Konstitution bietet die Fruchtbarkeit der Tiere 
und die Entwicklungsfreudigkeit ihrer Jungen. 

Die schlechte Konstitution äußert sich entweder in einer Über- 
feinerung oder in Grobheit und »Schwammigkeit. Überzüchtete oder 
überbildete Tiere sind schmal und spitz im Kopfe und lang in 
der Nase, die dünne Haut läßt alle Knochenvoraprünge deutlich er- 
kennen, die Haare stehen dünn, was namentlich in der Umgebung der 
Äugen auffällt. Der Körper wird muskelarm, der Gliederbau fein und 
der Blick matt, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, Futter- 



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VI. Die dlgemeinen Raaeeneigenschaften. 



verwertbarkeit und Fruchtbarkeit lassen nach, so daß die Tiere nicht 
nur ihren Zucht-, sondern unter Umständen auch ihren Kutzungswert 
inebr oder weniger einbüßen (Fig. 77). Wichtig ist ea, die beginnende 



r Kah mit Qberbltdetar Konatiti 



Cberbildung (Fig. 78) b« Zuchttieren rechtzeitig zu erkennen, wozu 
ein züchterisch geschultes Auge erforderiicli ist. 

Der Uberfeinerung steht die grobe oder schwammige Kon- 
stitution gegenüber; grobe Tiere sind auch in ihremÄußem das strikte 



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3. Abschnitt. Die Rassen. 



r Oberbjldiuig 

G^enteil von den überbildeten (Fig. 79). Sie sind schwer und mehr 
kurz und breit im Kopfe mit derben, breiten Ohren und meist kleinen, 
durch dicke I-ider und starke Augenbögen verdeckten Augen. Dicke 



Flg. II>. Simmsntaler Knb mit grober Kanatitution. 

Haut und dichtes, starkes Haar machen den Kopf und auch die Glied- 
maßen ausdruckslos. Die Fesseln sind daher verschwommen, die Schienen 
rundlich und die Sehnen ohne klare Zeichnung. Beacndera tritt die 

Grobheit in die Erscheinung, wenn derartige junge Tiere in ungünstige 



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VI. Die allgemeinen Raaeene^enachaften. 133 

Haltunga Verhältnisse kommen und unter deren Einfluß im Verlauf 
des weiteten Wachstums das bindegewebige Element noch unverhältnis- 
mäßig zunimmt. 

Solche grobe, schwammige Individuen bestechen zwar bisweilen 
durch ihre Kuizbeinigkeit, Tiefe und Breite, teils auch durch ihre Größe, 
trotzdem sind sie aber ungeeignete, weil unsichere Zucht-, und gewöhn- 
lich, wenn man von der Arbeitsleistung absieht, auch schlechte Nutz- 
tiere. In der Arbeit zeigen sie zwar Kraft, aber meist viel Phl^jna, 
so daß sie auch hier nur in bedingtem Maße tauglich sind, wozu noch 
kommt, daß sie in der Begel ein großes Futterbedilrfnis haben. 

Es ist bei dieser Gelegenheit auch davor zu warnen, von Bullen 
starke Glieder und dünne Homer und von Schweinen einen langen 
Rumpf und einen kleinen Kopf zu verlangen. Beides muß bei einem 
regelrecht gebauten Tiere zueinander in einem richtigen Verhältnis 
stehen, sonst zeigen die Tiere auch keine Sicherheit in der Vererbung. 
Über die Konstitution der Tiere haben Untersuchungen von 
V. d. M a 1 s b u r g^) wichtige Aufklärungen gebracht. Er geht davon 
aus, daß die Lebensfähigkeit und Leistungsfähigkeit wie jede tierische 
Eigenschaft überhaupt letzten Endes von der biologischen Beschaffen- 
heit der Zellen abhängt. Einen wesentlichen Einfluß schreibt er dabei 
der Größe der Zellen zu, indem er annimmt, daß kleine Zellen im all- 
gemeinen eine größere Vitalität aufweisen. Unter der Voraussetzung, 
daß alle Zellen eines Tieres in ihren Größen Verhältnissen eine gewisse 
Übereinstimmung zeigen, hat er die am leichtesten meßbaren, gestreiften 
Muskelfasern in ihrem Durchmesser ermittelt und hierbei für die ver- 
schiedenen Tierrassen charakteristische Unterschiede gefunden. So kommt 
er zur Unterscheidung von f e i n-, g r o b- und zartzelligen Tieren. 

Die feine Tierzelle ist klein; sie besitzt ein aktives, konzentriertes 
Zellplasma und weist einen regen Stoffwechsel auf. Ihr Stolfumsatz ist 
stark aktiv und alle physiologischen Funktionen der Zellen vollziehen 
sich unter einer hohen energetischen Spannung. Es sind kleine oder doch 
mittelgroße, leichte Tiere von zierUchem Körperbau, lebhaftem Tem- 
perament mit straffen Geweben und dünnen, aber festen Knochen und 
einer feinen, festen, widerstandsfähigen Konstitution, Sie sind zu leichter 
und schneller Arbeit, hoher Milchergiebigkeit, sowie zur Erzeugung feiner 
Wolle, nicht aber zur Mast geeignet (orientahsche, überhaupt warmblütige 
Pferde, Kanalinsel-, Bretagner, Anglet Rmder, feinwollige Merinos). 

') V. d. Malshurg, Die Zellengröße als Form- und Leistungsfaktor der 
landwirtachaftliohen Nutztiere. Arbeiten der Deutschen Gesellsch. f. Züchtunga- 
kunde, Heft 10. Hannover 1911. 



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134 3. Abschnitt. Die RMaen. 

Die grobeTierzelle weist große MaQeauE; sie hat ein zwai chemisch 
normales, aber stark wäßriges Flaama, wodurch ihre Vitalität geschwächt 
und der Stoffwechsel wenig aktiv ist. Solche Tiere sind groß bis sehr 
groß; ihr Körperbau ist plumper, die Bew^ung langsam und schwer- 
fällig, die Gewebe mehr schwammig, das Temperament ruhig und die 
Widerstandsfähigkeit nicht groß. Sie sind frühreif und sehr gut mast- 
fähig, eignen sich für den schweren Zug bei langsamer Gangart, können 
aber in der Milchergiebigkeit nicht mit feinzelligen konkurrieren (Kaltblut- 
pferde, Marschschläge des Bindes, Simmentaler Rinder, Fleischschafe). 

Die zarte Tierzelle ist zwar auch klein, aber sie ist nach 
V. d. Malsburg anormal. Die Tätigkeit des Plasmas ist herab- 
gestimmt, der Stoffumsatz wenig aktiv, und die meisten physiologischen 
Funktionen vollziehen sich schwach; die Widerstandsfähigkeit ist gering. 
Es handelt sich hier um vorübergehende oder Dauer- 
zustände; zu ersteren rechnen die jugendlichen und die greisen- 
haften Zellen, zu letzteren die Uberbildungserscheinungen, 

Die jugendliche Tierzelle ist sehr wasserreich; sie weist eine starke 
Assimilationstätigkeit auf und ist in starker Teilung begriffen. Leistungen 
sind noch nicht vorhanden. Die Tiere sind schlaff und in ihren Formen 
unausgeglichen. Im Gegensatz dazu sind die greisenhaften (senilen) 
Tierzellen mit einem abgelebten Plasma ausgestattet. Sie haben einen ge- 
ringen Wassergehalt und einen bescheidenen Stoffumsatz. Ihre Vitalität 
ist herabgestimmt. Es sind altersschwache Tiere von mehr oder weniger 
zusammengeschrumpfter Statur und von verminderter Leistungsfähigkeit. 

Die Dauerfoimen der zarten Zelle sind zunächst verkümmerten 
Tieren eigen, welche infolge ungünstiger Haltungsverhältnisse unentwickelt 
geblieben und einem voizeitigeu Greisentum verfallen sind. Ks kann sich 
aber auch um Uberbildete Tiere handeln, deren Merkmale oben ange- 
geben wurden. Auch die Zellen dieser Tiere weisen eine geringe Vitaütät 
auf. Die Tiere sind schwächlich und wenig widerstandsfähig, aber sie 
können, wie die auf dem Wege der weitgehenden Verwandtschaftszucht 
entstandenen engUschen Fleischviehraasen, bei richtiger Ernährung eine 
erhebliche Mastfähigkeit aufweisen. Die starke Neigung zur Fettablage- 
rung erachwert durch verminderte Fruchtbarkeit den Zuchtbetrieb. 

Von der Konstitution der Tiere ist deren Wert für Nutzungs- und 
Zuchtzwecke in hohem Maße abhängig, deshalb ist es viel wichtiger, 
die erstere richtig zu erkennen und zu beurteilen, als einzelne äußere 
Fehler an den Individuen zu sehen, eine Fähigkeit, auf deren Besitz 
sich mancher zu Unrecht oft viel zu viel einbildet. 



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Vierter Abschuitt. 

Zeugung und Vererbung. 

L Allgemeine anatomlscbe und biologisch« Gesichtspunkte. 

Die elterliche Zeugung — Generatio parentalis — zerfällt in die 
ungeschlechtliche Zeugung — Monogonie, Selbstteilung, Knospen- und 
äporenbildung — und in die geschlechtliche Zeugung — Ampbigonie. 
Diese iat die geachlechthche Vereinigung zweier geschlechtsverechiedener 
Tiere, und das Junge entsteht hier durch die innige Verschmelzung der 
Kerne der beideraeitigen Geschlechtszellen. Eine Mittelstufe zwischen 
der ungeschlechtlichen und geschlechtlichen Zeugung nimmt die Jungfem- 
zeugung oder Parthenogeneae ein, die bei gewissen niederen Tieren 
(Bienen) auftritt und darin besteht, daß sich die Eier auch ohne Be- 
fruchtung entwickeln können. 

Solange das Tier sich im Mutterleibe befindet, heißt es Embryo, 
Eötus oder Frucht, und nach dem Verlassen des Tierkörpers zunächst 
Junges. Später wird ein jugendUches, ein volljähriges und ein seniles 
oder Altersstadium unterschieden. 



1. Die QDsdiieclitsieiien, Ihre Entstehung und ihr Verhalten 
Irii zur {HMUitigen Vereinipint. 

Man nennt die bei Säugetieren stattfindende Art der Befruchtung 
eine innere im Gegensatz zur äußeren, die bei solchen Tieren vorkommt, 
die Eiei und Samen ins Wasser absetzen. 

Da die Tierzucht mit dem ganzen Geschlechtsleben der Tiere im 
engsten Zusammenhang steht und dieses wiederum von der Beschaffen- 
heit und Funktionsfähigkeit der Geschlechtszellen abhfingig ist, so soll 
hier eine kurze Erwähnung ihres anatomischen Baues, ihrer Entstehung 
und Veränderung bis zu dem Zeitpunkt ihrer gegenseitigen Verschmelzung 
erfolgen. 



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4. Abechnitt Zeugung und Vererbung. 



a) Die Samenftden — Spermatozoen. 

Die keimbereHenden Organe des männlichen Tieres sind die 
Hoden, die aus dem Keimepithel der Bauchhöhle entstehen und 
durch den Leistenkanal in den Hodenaack hinabsteigen. Bleiben die 
Hoden in der Bauchhöhle zurück, so verkümmern sie \snA geben zu 
Zuständen Veranlassung, die man als Kryptorchismus bezeichnet. 

In den Hoden biklen sich aus dem DrUsenepithel der Samen- 
kanälchen die Spermatozoen, Samentierchen, Samenfäden, die bereits 
im Jahre 1677 durch Harn und Leeuwenhoek entdeckt wurden. 
Die Spermatozoen bestehen aus dem Kopfe, dem Mittel- oder Ver- 
bindungsstück und dem Schwanz- oder 
Endfaden, und zwar ist der erstete je 
nach der Tiergattung verschieden, in der 
Regel aber spatelfömaig gestaltet (Fig. 80), 
Die Samenfäden sind mit den einwimprigen 
Geißelzelten zu vergleichen und mit leb- 
hafter Eigenbewegung ausgestattet, ver- 
möge deren sie in der Minute in den weib- 
lichen Geschlechtsorganen 1,2 — 3,6 mm 
vorwärts dringen. Der Kopf des Samen- 
fadens ist aus dem Kerne der samenbilden- 
den Zelle hervoi^gangen und als ein um- 
gewandelter Kern aufzufassen. Diesem 

n aindB. kommt auch bei der Befruchtung fast 
■ Seitenanslcbt. i FlRchenanBicht. ■■ - - t> < . - t 

ventroBerung MO. allein eine Bedeutung zu; er wird zum 

Prof.iu«".°hmTnn'zSrich) Samenkcm, während das Mittelatück sich 
zum Centrosoma umwandelt und der 
Schwanzteil des Samenfadens nach dessen Eindringen in das Ei ver- 
schwindet. Die Zahl der Samenfäden ist ungeheuer groß. Man schätzt 
sie im KubikmilUmeter Samen beim Hunde auf 60 000 ^) und beim 
Pferde auf 120 000—150 000»). 

Die Spermatozoen sind der wesenthche, weil wirksame Teil der 
Samenflüssigkeit. Diese ist schwach alkalisch, klebrig, eigentümlich 
riechend, von weißlicher Farbe und stammt nur zum kleineren Teile 
aus den Hoden und Nebenhoden, zum größeren dagegen aus den so- 




') Ellenberger und iSohevnert, Lehrbuch der vergleichenden 
Phyaioli^ie der HauscÄugetiere. Berlin 1910. S. 709. 

') Bernhardt, Berliner tierärztliche Wochenschrift 1908. S. 793. 



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I. Allgemeine «natomiBche und biologiBche Geaicbtepunkte. 137 

genannten akzessonachen GescblechtadrÜBen — Samenblaaen, Vor- 
steherdrüse, o w p e r sehen Drüsen und AmpuUendrüsen — , denen 
die Aufgabe zufällt, den Samen zu konservieren, zu verdüimen und 
seinen Transport zu erleichtem. 

b) Das weibliche Ei. 

Die keimbereitenden Organe des weiblichen Tieres sind die Eier- 
stöcke (Fig. 81); sie tragen ein bindegewebiges Gerüst, in das die 
G r a a f sehen Follikel eingelagert sind (Fig. 81). Diese sind kleine 
bläschenförmige, mohnsamen- bis Idrschengroße Gebilde, die eine Flüssig- 
keit und das tierische Ei enthalten (Fig. 83). Das letztere, das nach 
H e r t w i g bei Säugetieren eine durchschnitthche Größe von 0,2 mm 




Pig.Sl. Eierstock einer JoDgcD Bob. (Ri 

(Ellenberger-Bauiiil).) I, » Auflere und in nare Halle d«B Follikels 

e Qelb« KUrper verscbiedeaer QiOte. s KSrn erschiebt, die bei 4 zam KaimbOgi 

7 Noch nicht geplatzter, durchscblmmerader wird, der das Ei DmashlieBt. s Bikapsel. 

Qraaricher Follikel. « KeimbUscben (Kern). } Relmflcck (Rei 

kOriiercben). * Dottsr dea Eies. 8 FolHk 

hohle mit der Follikel 11 Ussigkeit. 

hat'), besteht aus einer durchsichtigen Hülle — Zona pellucida, Ei- 
kapsel — , die eine aus Eiweißkömehen und Fetttröpfchen bestehende 
Masse, den Dotter, umschließt. In diesem liegt das 0,030 — 0,050 mm 
große Keimbläschen. Der Dotter ist mit dem Protoplasma und das 
Keimbläschen mit dem Kern andrer Zellen zu vergleichen. Das Keim- 
bläschen ist von einer Membran umschlossen, welche die flüssige Kem- 
masse nach dem Dotter zu abschließt. Den Kemsaft durchsetzt ein 
Netzwerk aus feinsten Fäden, in dem zahlreiche kleine Körnchen — 
Chromatinsubstanz — und ein oder mehrere kleine Körperchen, die 

') ÜMdbuoh der vergleichenden Anatomie der H&ustiere. Berlin. 
*) H e r t w i g. Die Elemente der Ent^'icklungBlehrc des Menschen und der 
Wirbeltiere. Jena 190*. S. 7. 



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4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 



Keiraflecke oder Nukleolen, liegen. Das Chromatin, deshalb so 
genannt, weil es sich mit gewissen Farbstoffen verbindet, also färbbar 
ist, ist die wichtigste Substanz des Kerns, da sie das Keimplasma 
darstellt. 

Die im Eierstock vorhandenen G r a a f sehen Follikel (Fig. 82), 
von dem niederländischen Anatomen Regner de Graaf entdeckt, 
sind verschieden groß. Die größeren mit den reifen Eiern wandern an 
die Oberfläche des Eierstocks, um bei der Brunst zu platzen und das 
Ei auszustoßen. Der größte Teil der vorhandenen Eier, deren Zahl 



Fig.SS. P.izeUe eines Kaniachena nacb \Vftldeyer>). 

u Eikapset (Zoni pellucid», der bei b nocli Zellen aaa dem Follikel autsiCzen, i Dotter. 

d KeimblKscheii (Kern). • Kernnetz, f Eeimfleck (KernkCrpercbeD). 

man beim Jungrinde auf etwa 40 000 schätzen kann, gelangt aber nicht 
zur Reifung, sondern geht zugrunde*). 

Das freigewordene Ei wird vom Eileiter aufgenommen, einem Kanal, 
der an dem einen Ende mit dem Gebärmutterhorn in Verbindung steht, 
während das andre Ende ofEen, aber mit vielen Falten und Fransen 
umgeben ist, die sieb vor der Follikelberstung dem Eierstock innig an- 
legen und das Ei auffangen (Fig. 84 u. 85). 

Die Follikelberstung ist beim Pferde, Schweine und Hunde mit 

') H e r t w i g, Lehrbuch der Entwicklungsgeaehichte dea Menschen und der 
Wirbeltiere. Jena 1898. S. 13. 

*) Zschokke, Die Unfruchtbarkeit der Rinder. Zürich 1900. S. 23. 



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I. Allgemeine uiatomische und biologische Gesichtapunkte. 139 

einer Blutung in die Follikelhöhle verbunden, die beim Binde meist 
fehlen soll. Innerhalb des geplatzten Follikels entstellt dann, und zwar 



Flg. 84. OeaehlechtsteUe det ijinte von der RUokens^ile aus gesehen. 
(Kllenberger-Banm.) 
I Eicratook, 1 Elleiter. I' dessen Bnnchfiffttung. t" der mit FranBen and Falten versehene 
>4chleinihant(«il, der lich vor der FDlllkelbsiaiuaR dem Eieratock innig anlegt und du El 
Butnngt. 1 KiJrper der Qebftrmatter, I' Hflrner, .v" Hals derselben mit dem üufiaren Mutter- 
ronnde. », «', «", 7 Blutgefafle, « Scheide (geöffnet). » Behold enkl»i>pfl (Hymen). II Harn- 
blaae, li deren HQndang. IS Schamlippen. U Kitzler. 

nach Zschokke auf dem Wege der Neubildung durch Wucherung 
der Follikelwand, der sogenannte gelbe Körper — Corpus luteum — 
(Fig. 86), der beim Ausbleiben der Befruchtung bis zur nächsten Bninst- 



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140 4- Abachnitt. Zeugung und Vererbung. 

periode wieder verschwindet, bei eingetretener Trächtigkeit sich aber 
nicht zurückbildet, sondern bei den großen Haustieren bis zur Größe 
einer Kirsche oder Walnuß^) auswächst und eine weitere Ausreifung 
von Follikeln verhindert. Bleibt der gelbe Körper bei nicht erfolgter 
oder abgelaufener Trächtigkeit bestehen, so führt er in der Regel zur 
Unfruchtbarkeit, die man besonders in der Schweiz dadurch beseitigt. 



Fig. M. L&ngBBchnitt durch den Eierstock 
eines Riodes einen Tag nach der Snnsl. 
Natdrllcbe OrdSe. 
Pig K. Eierstock und Elleiter der Stute. (Zacbokke-ZUrich.) 

(Bilenberger-Banm.l c Frisch gebildeter, gelber KSrper mit Mo- 

I Eierstock. I Elleiter, i' BancbOlfDang, IJKor Euppe, faltiger Wand and viSNerigem 
»" OeblrmottorOffnung deBsalben. « Eier- Inhalt. 

Stacksband. 4 Eileiterfalte. F Qraafsche FoUikel verachiedener GrdSe. 

daß man daa Corpus luteum vom Mastdarm aus durch die Finger aus 
dem Eierstock herausdrückt. 

Das vom Eileiter aufgenommene Ei entbehrt der Eigenbewegung 
und wird durch die Flimmerepithelien des ersteren vorwärts geschoben. 
Die passive Wanderung dauert daher lange, weshalb die Befruchtung 
in der Regel im Eileiter und zwar in dessen geräumiger Ampulle erfolgt. 
Das schließt indessen nicht aus, daß sie auch ausnahmsweise noch im 
Uterus möglich ist, obgleich das unbefruchtete Ei bald zugrunde geht. 

2. Die Reifuns der El- und Samenzell« und die Veralnlgunt; von 
El und Sanun. 

Die Zeugung beruht auf der Vereinigung der Kerne der beider- 
seitigen Geschlechtszellen. Dabei gehen Veränderungen vor sich, die 

') S G fa m i d , Beiträge zm Physiologie der Brunst beim Rinde. Inang.-Dis«. 
München 1902. S. 4S. 



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L AUgem 



a anatomieohe und biologische OedchUpunkte. 



141 



nur veiBtandlich werden, wenn man die Vorgänge kennt, die bei der 
Zell' und Kernteilung überhaupt bestehen. Es soll deshalb die letztere 
kurz erläutert werden. 

Das Cbromatin des Zellkerns (Fig. 87, 1) wird bei der Zellteilung 
— auch Mitose oder Karyokinese genannt — in einzelne Schleifen oder 




r Zell- und Eemteilang naoh Oekitr Hertwigi), 
1. c CentrosoDU, ch Chromatln. — I. Ans dem Chromatin haben sieh 4 Chromasomeo g«. 
bildet (ek), dna Centrosomi e hat aicb geteilt, nnd zwiacfaen den bPiden TeiUtUcken ij( eiDi' 
BpiDdei eutiUnden. — 8. Der Kern hat sich aufgelöst, c* Chramosoineii, e Centrosomen, da- 
miacben die Spindel ip. — *. Spaltung der Cbromoiionien ck' und cJfl nach Art der HolZ' 
■cheite. — i. Die Tacüterchromoioinen rücken aaseinander. if TeiJangBilelie der Zelle, ~ 
«, Die UntteTielie ist In iwei gleiche Zellen geteilt. In jeder TochtersBlle ein Kern (*) mit 
* CbiamaBomen {tM) und einem Centrosoma fr), 

Stäbchen — Chromosomen (Fig. 87, 2) — zerlegt, deren Zahl bei Tieren 
verschiedener Arten verschieden, bei den Individuen ein und deraelben 



') Ergebnisse und Probleme der ZeugoDgs- und VererbungBlehre. Jena 1905. 



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142 ^- Abschnitt. Zeagung und Vererbimg. 

Art aber gleich groß ist'). Neben dem Kerne entstellt durcb feine intra- 
zelluläre Vorgänge aus dem Centrosoma ein eigenartiges Gebilde, die 
Spindelfigur oder Kemapindel, welche die Chromosomen, die eine regel- 
mäßige Leerung angenommen haben, in ihre Mitte aufnimmt und 
sich mit ihnen durch feine Fasern verbindet (Fig. 87, 3), Nun spalten 
sich die Chromosomen, vielleicht bedingt durch den Zug der Spiudel- 
fasern, nach Art der Holzscheite in zwei Hälften (Fig. 87, 4), die beiden 
8paltBtücke rücken auseinander (Fig. 87, 5} und schließüch entstehen 
nach der Teilung auch des Zelleibes zwei Zellen mit je einem Centrosoma 
und einem Kerne, der vier Chromosomen und eine Kernmembran besitzt 
und zu gleicher Teilung befähigt ist (Fig. 87, 6). Demnach enthalten 
die Tochterzellen nicht nur die gleiche Menge Chromosomen wie die 
Mutterzelle, sondern es ist auch jedes einzelne mütterUche Chromosoma 
zur Hälfte auf jede Tochterzelle verteilt, was auch bra der Reifungs- 
teilung der Samen- und der Eizelle, sowie bei der Teilung der befruch- 
teten Eizelle der Fall ist. 

Bevor Samen- und Eikem die bereits angedeutete und zur Be- 
fruchtung notwendige Verschmelzung eingehen können, müssen in ihnen 
Veränderungen stattfinden, die zur Verminderung der Chromosomen- 
zahl führen und als Reifungs- oder Reduktionsteilungen (W e i s m a n n) 
bezeichnet werden. Wie wir sahen, tritt bei der gewöhnlichen Zell- 
teilung die gleiche Anzahl von Chromosomen in der Tochterzelle auf, 
wie sie die Mutterzelle besitzt. Würde in den Kernen der Geschlechts- 
zellen nun dasselbe Verhältnis obwalten, also bei einem Arttypus mit 
vier Chromosomen sich auch der Samen- und der Eikem mit je vier 
Chromosomen zur Verschmelzung einstellen, so müßte der Furchungs- 
keni acht aufnehmen, deren Zahl sich dann in den folgenden Gene- 
rationen schließlich ins Unermeßliche steigern würde. Deshalb kommen 
nur Halbkeme zur Verschmelzung, indem sich in beiden Kernen eine 
nochmalige Teilung vollzieht, ohne daß hierbei wiederum eine Spaltung 
der Chromosomen und eine Verdopplung ihrer Zahl stattfindet. 

Zum Zwecke der Reduktionsteilung rückt der Kern der Eizelle, 
dessen Chromosomenzahl sich bereits verdoppelt hat, von der Mitte 
der Eizelle nach der Oberfläche zu vor (Fig. 88 B). Ea entwickelt sich 
dann die Kemspindel (Fig. 88 C), die sich senkrecht zur Eioberfläche 
stellt. Bei einzelnen niederen Tierklassen fallen Befruchtung und 

') Vorkommi'nde Ausnahmen sollen hier nicht berücksichtigt werden; die 
Zahl der ChromoHOmen schwankt bei verschiedenen Tieren zwischen zwei und 
mehreren hundert; letzteres kommt aber selten vor. Nur wenige Tiere überschrei h-n 
die Zahl 100; bewindcra häufig finden sich 24 Chromasomen. 



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I. Allgemeine onatomisohe und biologische Geeichtepunkte. 143 

Keifung zusammen, während bei den Säugetieren die Reifung der Be- 
fruchtung vorausgeht. 

Nach dem Vorrücken wird die Hälfte des Kerns mit vier Chromo- 
somen abgeschnürt — I. Reduktionsteilung ~ (Fig. 88 D*), ein Vor- 
gang, der sich bald wiederholt — II. Reduktionsteilung — , so daß nur 
noch zwei Chromosomen übrig bleiben. Auch geht das erste abgeechnürte 



Fig. B8. Si;heina der Reireteilung der Eixelle (aa.s Weismannl ■). 
A Drkeimzelle mit 4 Chrom oaomen. B Der Kern rUckt na.cb der EioberHache zu vor, di« 
ChraiDosomeniabl hat sich verdoppelt, c Es entwickelt aich die Kernspindel, D Ernte Re- 
duktionsteilnng; » abge»cbnUrteii RIcblungakOrperchen oder Palzelle mit « C'bromosomen. 
die sieb meist nocbmala teilt (ff u. I). £ Die Kernhairte mit t ChromosoDien bleibt znrUck. 
F Zweite Rednktionstellung; die PolzeDen i, t, I mit je I Chromosomen sind abgescbnart : 
1 die Zelle und die I übrig bleibenden Chromosomen zur Verschmelzunn mit der redniierlen 
Samenzelle vorbereitet. 

Richtungskörperchen in der Regel außerhalb des Zelleibes eine noch- 
malige Teilung ein (Fig. 88 E u. F). 

Der übrigbleibende Eikem ist also etwas andres und wesentlich 
kleiner als das Keimbläschen, dessen ursprüngliche Substanz um die 
abgeschnürten Polzellen verringert ist. 

Ein ähnhcher Vorgang spielt aich nun auch bei der Reifung der 
Samenzellen ab. Hier vermehrt zunächst die Samenmutterzelle die 



') Vortrüge über Deszendenztheorie. Jena 1904. S. 244. 



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144 



4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 



Zahl ihrer Chromosomen auf das Doppelte, teilt sich dann erst in zwei 
Tochter- und darauf in vier Enkelzellen oder Spermatiden, die sich 
direkt in Samenfäden umwandehi (Fig. 89). Während aber bei der 




Fig.Bt. SchsiMderReiroteiliiDsderB&menEella. Frei nach 0. Uertvlg. (Aus WelannDD.) 
A UrBUnenzsUe mit i ChTamosamen. B Samenmatterzelle mit s ChromoaomeD, C Erste Rdte- 
teüuns- DI 11.1 die i>elden TochtaTzellen. s Zweite RelCeteilnns la.*. rDie< Enkelzelleu. 




Fig. 10. EJabecbnitte von Asteri» glacialis nach O. Hertwigl)- Eiadringen dee SjuBtn- 

/ Die Samenfliden umscbwürmen das El. es bildet nicb der EmpfilngnisfallKal. IT Samenfldea 

nnd HUgel trefTen znaanunen. /(/ Ein Samenfaden dringt ein, den Hbrigen wird der Weg 

durch die sich bildeade Membran verlegt. 

Teilung der Eimutterzelle nur eine befruchtungsfähige Zelle übrig bleibt, 
entstehen aus der Samenmutterzelle vier befruchtungsfähige Samen- 
zellen (Fig. 89 F). Diese sind indessen viel kleiner als das Ei, das einer 

I) Die Elemente der Entwicklungslehre. Jena 1904. S. 25. 



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L Allgemeine anatomische und biologisohe Geuohtapunkte. 145 

gewissen Menge an Beeervestoffen bedarf, um die Entwicklung des 
aeuea Individuums zu ermögliclien. 

Das im Eileiter vorhandene Ei wird nun immer von zahlreichen 
Samenfäden umschwärmt, die von der Gebärmutter aus dorthin ge- 



Flg:. tl. BeftnehtangsvorgaDB beim PferdeBpalwurni (Aaoaiii megalocephala) trei nacb 
BaveTI nnd van Benedea. (Aas WeiamanB.) 
A Erst« BednktlOBaCeiluaK, Bkt erster Richtungakarper. tp SuneniellB mit 1 ChromoBOmen 
im Kam. Die BamenieLle b&ftet dam Ei an, der EmpßngaishDRel kommt Ihr enlgegeii. 
B Zneite Redaktionsteilung beendet. Es bleiben im Eikern nur 1 CbromoBomen zurück (£<i). 
mpk Bameakem. c Suaenkern t(ft) und Eikern (9 t) mit Je l achleifen förmigen Chromoaomen, 
D Die beiden Kerne liegen zwiacben den beiden Polen der Kernspindel und verachmelzen 
zam Forohnngskern. S Die ( ChromOBOmen baben aicb gespalten, und damit beginnt die 
Furchnng dei Eies. F Die Tochtercbromosomen rücken auseinander, ea bilden aicb die arsteu 
zwei Furchungs- (Embryonal-) Zellen. 

wandert sind. Sie suchen sich in die Eikapsel einzubohren, jedoch 
gelingt ein wirkliches Eindringen nur einer einzigen Spermatozoe, der 
eine Erhebimg des Eiplasmas als sogenannter Empfängnishügel eat- 
Pnsoh-Hanien, Allgemeine Tisrzuehl. S.Aufl. 10 



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146 4. Absohnitt. Zeugung und Vererbung. 

gegenrückt. Von letzterem aus wird dann nacb dem Eindringen dea 
einen Samenfadens eine feine Membran abgesondert, die den andern 
den W^ versperrt und dadurch eine Eiüberfiuchtung verhütet (Fig. 90). 
Nach dem Eindringen bildet sich der Kopf des Samenfadens zum 
Samenkem um; er nimmt durch Wachstum die Größe des Eikems 
an, so daß nunmehr zwei Kerne von gleicher Größe zur Ver- 
schmelzung kommen. Angenommen, eine Tierart hat vier Chromo- 
somen in ihren Zellkernen, so vereioigen sich Samen- und Bikem im 
Fnrchungskem mit je zwei Chromosomen, die sich gleichmaßig spalten 
und sich auch gleichmäßig auf die Furchungs- oder Embryonalzellen 
verteilen (Fig. 91). 

Durch die Verschmelzung des Samen- und Eikems zum Furchungs- 
kem werden nicht nur die Erbmassen der beiden Bltem in dem Nach- 
kommen vereinigt, sondern in allen Zellen ist auch gleichviel väterliche 
und mütterhche Erbsubstanz enthalten. 



n. Entwicklung und Inßerang des GescUechtstiiebes. 

1. Der Geschlechtuharakter. 

Mit dem Eintritt der Geechlechtereife zeigen sich an den Haus- 
tieren gewisse Veränderungen, die sowohl ihre Gestalt wie ihr Sinnes- 
leben betreffen. Man bezeichnet die morphologischen Eigentümlich- 
keiten, die zwar mit dem Geechlecht an sich, nicht aber mit den 
äußeren Geschlechtsorganen direkt zusammenhängen und erst zur Zeit 
der Geschlechtsreife auftreten, als sekundären Geschlechts- 
Charakter, Geschlechtsausdnick oder Geschlechtstyp, dem der 
primäre, durch die äußeren Geschlechtsorgane selbst bedingte gegen- 
übersteht. Jeder einigermaßen Geübte kann daher im einzelnen Falle 
gewöhnUch sofort entscheiden, ob es eich um ein männliches oder um 
ein weibliches Tier handelt, ohne daß er vorher die Geschlechtsteile zu 
betrachten braucht. Die Ausbildung des sekundären Geschlecht«- 
cbarakters ist hauptsächlich auf eine von den Hoden bzw. Eierstöcken 
ausgehende iimere Sekretion (Hormone) zurückzuführen, wofür be- 
sonders die Untersuchungen von S t e i n a c h^) den Beweis erbracht 
haben. Durch die Kastration wird deshalb auch die Entwicklung des 
Geschlechtstyps verhindert. Es besteht sonach eine Wechselbeziehung 
— Korrelation — zwischen diesem und den Geschlechtsdrüsen, die 



*) Zit. nach Lang, Die experimentelle Vererbungslehre in der Zoologie seit 
1900. Erste Hälfte. Jena, 1914. S. 1S5. 



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n. EDtwioklnng und Anßenmg des Gcachleohtstricbes. 147 

T. Hansemann als eine ausgesprocliene Erscheinung dea Altruismus 
bezucimet^). 

Am stärksten ist der sekundäre Geschlechtscharakter im Geweih 
der männlichen Hirsche und Rebe, in der Gefiederpracht mancher Vogel- 
männchen, im Barte dea Mannes und in der Milchdrüse der weiblichen 
Individuen entwickelt. 

Das männliche Tier ist größer und namenthch breiter und tiefer 
im Rumpfe, kräftiger in den Gliedern und gewöhnlich schwerer im 
Gewicht. Der Kopf ist breiter und erscheint kürzer, massiver, in seinen 



Fig.» 

einzelnen Knochenvorsprüngen weniger markiert, der Hals kürzer und 
kräftiger, die Haut dicker und das Haar im einzelnen stärker; nament- 
bch nimmt das Schutzhaar — Stimschopf, Mähne, Schwanz — an 
Dicke und Länge zu, auch wird der Farbenton bei den Bullen der grauen, 
braunen und roten Kinderschläge im Vorderteil wesentlich dunkler. 
Die Vorhand ist auf Kosten des Hinterteils entwickelt, die Muskulatur 
ist kräftiger, derber und nach dem Schlachten dunkler, das Gehörn 
stärker und die Hakenzäbne besonders bei Ebern ausgebildet. Ältere 
Bullen bekommen einen Kamm und einen stärkeren Triel (Fig. 94). 



>) Desiendenz und Pathologie. Berlin 1909. S. 190. 



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148 ^- Abeohnitt. Zeugung und Vererbung. 

Das männliche Tier ist in der Emähmng anspruchsvoller, dabei aber 
nicht ausdauernder, zudem ungeselliger und unbequemer im Gebrauch, 
weil die Äußerung des Geschlechtstriebes in der Regel mit einem ge- 
räuschvollen, ungebärdigen und oft auch bösartigen Benehmen — 
Kampfeslust — verbunden ist. 

WeibHche Tiere sind leichter im Ciewicht, schmäler und seichter 
in der Brust und breiter im Becken. Das Haar ist feiner und schlichter, 
Kopf und Hab länger, und der ganze Bau schlanker. Die Homer er- 
reichen nicht die Stärke wie bei den Männchen und fehlen wohl auch 
bei manchen Rassen gänzlich. Wegen der feineren Haut treten die 
KnochenvoTsprünge und die Sehnen deutUcher hervor. WeibUche Tiere 



Fig. M. Tfpua eines Ballen der Hohen- Fifc. 96. Typns einer Eah der HJtlisn- 

Beblage (Hariei). achlftge (HarzerJ. 

(HofpboL SchnAbeli & Co., Berlin. Ansstellnng d. D. L. 0. Kugäebaig iBBg.) 

sind anspruchsloser und dabei ausdauernder^), aber auch gegen äußere 
Einflüsse empfindhcher, und letzteres umso mehr, je größer sich ihre 
Leistung hinsichtlich Fortpflanzung, Ernährung der Jungen und Milch- 
ergiebigkeit gestaltet. Der Charakter ist verträglicher und die Äußerung 
des Geschlechtstriebes zurückhaltender und weniger stürmisch. Im 
weibhchen Tiere ist mehr der Schlagtypus und die FamilienähnUchkeit, 
also das konservative Element, im männhchen dagegen die individuelle 
Richtung, das progressive Element, vertreten. 

Männliche Tiere einzelner Tiergattimgen liefern besonders zur Deck- 

') Nach V. d. Malaburg (a. a. 0. S. IS4) sind weibliche Tiere fein- 
zelliger als männliche 1 er hält ihre Feinzelligkeit für ein aekundires Geachlechts- 
meikmal und erklärt hieraus den verachiedeaen Nutzwert det beiden Oeachlecbter. 
Die geschlechtslosen (kastrierten) Tiere nehmen in der Zellengrö&e eine Mittel- 
stellung ein. 



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EL* Entwioklnng and AnBemng des Gcechleohtatriebes. ] 49 

zeit eigenartige Ausdünstungen — Bockgerucli — , in andern Fällen 
tritt dieser Geruch, wie beim Ebei, erat nach der Schlachtimg, 
namentlich aber nach dem Kochen des Fleisches unangenehm hervor. 
Die Kastration verwischt die Eigenart des Geschlechtscharaktere und 
zwar umso mehr, je frühzeitiger sie stattfindet. Will man nieder- 
ständigere, kräftigere Arbeitstiere haben, so läßt man die Kastration 
später vornehmen. 

Unter dem Einfluß strenger Jugendarbeit kommt der (Seschlechts- 
typ, wie das die Erfahrung bei dem im Training beflndUchen englischen 
Vollblutpferde lehrt, weniger zur Ausbildung, während bei den wild- 



Flg. »». Fig. a^. 

TrpQB des Bbers (KeiBaer Scbltg). TypasderHatteisan<HeiBDer8cblag). 

(Pbotographiert im AuRrag der D. L. O. von der KunsMnstalt Wilb. HoiTmann-DTaiden ; 
Ansstellang Leipzig 1909). 

lebenden Tieren gerade das G^enteil stattfindet. Auch ist bei den 
ausgesprochenen Milchrassen des Tieflandes die Ähnhchkeit zwischen 
männlichen und weiblichen Tieren oft größer, als das sonst bei den 
Rindetscblägen der Fall ist (Fig. 98), und umgekehrt zeigen manche 
Kühe der Arbeitsrassen in ihrer Kopfform geradezu ein männliches 
Gepräge (Fig. 59). Indessen ist die mangelhafte Ausbildung des 
Geschlecbtscharakters dem Züchter weder beim männlichen noch weib- 
lichen Zuchttiere erwünscht, weil er als Gradmesser des Zuchtvermögens 
gilt und männliche Tiere mit femininem Typus seltener durchschlagen 
und eine widerstandsfähige Nachkommenschaft erzeugen, während Kühe 
mit bulligem Aussehen erfahrungsgemäß wenig milch ergiebig und 
fruchtbar sind und Stuten mit Hengsthab oder ausgebildeten Haken- 



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150 *• AbBohoitt Zengimg und Voerbimg. 

zahnen schlechte Mütter abgeben und ebenfalls zur mangelhaften Frucht- 
barkeit neigen'). Tritt das bullige Aussehen bei Kühen erst im späteren 
Lebensalter auf, so ist es oft geradezu die Folge entstandener Unfrucht- 
barkmt. 

Als schlagender Beweis hierfür sind unhebsame Erscheinungen in 
der Ziegenzucht zu nennen. Man hat in dem Bestreben, die Milchergiebig- 
keit der Ziegen zu steigern, ungebömte, kurzhaarige, in der Hinterhand 
breit gebaute Böcke aus tnilchreichen Stämmen, d. h. einen mehr weib- 
lichen Typ, bevorzugt, obgleich von Hause aus die entg^engesetzten 
Merkmale, ja sogar bei weiblichen Tieren Hornbildung vorhanden war. 
Nicht selten geht die absichtliche Bevorzugung dieses weiblichen Typs 



Fig. 98. Balle eines ausKespro ebenen Hllcbachlagee FJg, 99. Kuh eines ArbeitsschlageB 

mit wenig hervortretendem milnnlichen Oeichlechts. (Frankenschlag) mit wenig hervor- 

ctaaruhter (Angler)- tretendem weiblicben Oeseblechta- 
(Hofphot. SobaSbeli i Co., Berlin. Ausatellang der cbaiskter. 

D. L. a. UaKdebarE 1889.) 

der Ziegenböcke trotz vorhandener Decklast und Deckfähigkeit mit 
vollständiger Unfruchtbarkeit Hand in Hand. E g g e r s fand bei sechs 
untersuchten imfruchtbaren Ziegen in der Samenflüasigkeit Spermatozoon ; 
diese wiesen aber entweder keine oder doch wenig energische Bewegungen 
auf. Weiter ließen sich zum Teil blasige Auftreibungen der Spermato- 
gonien und außerdem in den Samenkanälchen Kalkkonkretionen nach- 
weisen'). 

2. Die GeschlecMsrelte. 

Die Geschlechtsreife ist von der Entwicklung der Geschlechts- 
drüsen und diese wiederum von der ßasse, der Ernährung und Haltung 
abhängig. Die primitiven oder Naturrassen, die bei kärglicher Jugend- 

t) V. e 1 1 i n g e n, Die Zucht dea edlen Pferdes. Berlin 1008. S. 280. 
') Eggera, Flugschrift der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskuode. 
Hannover 1011. 



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IL Eattrioklnug nnd ÄaBenmg des Geeohlechtabriebes. {gl 

eruähnmg und bei harter Haltung aufwachsen, erUngen ihre Geschlechts- 
reife später und nähern sich hierin mehr dem Wilde, während sich die 
Kultun&ssen unter dem Einfluß einer ererbten Frühreife und reich- 
lichen Fütterung schneller entwickeln und damit auch ihre Geschlechts- 
reife früher erlangen. 

Da an das jugendliche weibliche Tier durch die Ernährung der 
Frucht nicht unerhebhche Anforderungen gestellt werden, so ist eine 
vorzeitige Befruchtung faet immer von nachteiligem Einfluß auf die 
Eörperentwicklung und auf die Konstitution, während eine frühzeitige, 
wenn nicht gerade übertrieben starke Inanspruchnahme männlicher 
Tiere den letzteren selbst nicht viel schadet. Der Xachteil liegt hier 
mehr in einer mangelhaften Befruchtung und in einer angeborenen 
Schwächlichkeit der iNTachkommen, sollen doch auch nach de G h a- 
p e a u r o u g e^) die Fohlen junger Vollbluthengste häufig Knochen- 
fehler zeigen, die sich bei ihren späteren Produkten nicht mehr finden. 

Zu früh zugelassene weibliche Tiere bleiben in der Regel kl^ 
und dürftig, wenn sie nicht später eine Zeitlang geschont imd gut 
gepfl^ werden, auch geht die Geburt oft schwierig vonstatten, weil 
dem Becken die nötige Breite zum Durchtritt für das Junge fehlt*). 
Letzteres beobachtet man besonders bei Färsen und auch viel bei Erst- 
lingBsaaen in Zeiten hoher Ferkelpreise, durch die unverständige Züchter 
veranlaßt werden, die Schweine oft schon früher als im Alter von sechs 
Monaten zuzulassen. 

Frühzeitige Ausnutzung der Geschlechtsreife weibhcher Tiere hat 
aber auch gewisse Vorzüge, indem diese namentUch bei Stallhaltung 
besser aufnehmen und sich auch zu besseren Milchtieren entwickeln. 
Will man dann das Wachstum nach dem eisten Abkalben fördern, so 
läßt man die Erstlingekühe nicht bei der ersten Brunst, sondern erst 
nach einem halben Jahre wieder zu — Holland — , oder macht sie nach 
einer etwa nur fünfmonatigen Laktationsperiöde bereits trocken, melkt 
flie also nicht mehr, wie das in England mit den Shorthoms und auch 
in einzehien deutschen Marschdistrikten geschieht. Dort, wo man in 
erster Linie Wert auf die Ausbildung von schönen und großen Figuren 
legt, pfl^ man die Färsen nicht früher als zweieinhalbjährig zuzulassen. 



•) Über Vererbung und Auswahl. II. Flugschrift der Deutoohen GesellBchaft 
für Züchtnngskunde. Hiiiinover 1910. S. 19. 

*) D&B ausnohniHweiBe eine sehr frühe Zuohtbenützung ohne Schaden vor- 
genouunen werden kann, beweist W r i e d t an dem Beispiel einiger Gudbrandsdaler 
Stuten, die zweijährig ihr erstes Fohlen brachten und wertvolle Zochtstnten wurden. 
(Jahri>. f. vissensch. u. prokt. Tienucfat. 9. Jahrg. 1914. S. 249.) 



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152 



4. Absobuitk ZengoDg und Vererbniig. 



BiBweilen werden auch wannblütige Stuten bereit^' dxetjährig be- 
l^, wenn sie Neigung zui Hocbbeinigkeit, Kankleibigkeit oder Flacb- 
rippigkeit babea. Untct dem Einfloß der Trächtigkeit höieu sie dann 
mit Wachsen auf, gehen mehr in die Breite, weiden wohl auch beBBere 
Fresser und gewinnen dadurch oft wesentlich an Verkaufswert. 

Der Regel nach benutzt man die Haustiere in folgendem Alter 
zur Zucht: 



Warmblütige Hengste 




Stuten 


„ 3 und 4 Jahren. 


EaltblUtige Hengste 


„ 3 Jahren {seltener 2iährig). 


Stuten 


„ 3 Jahren. 




„ 2—3 Jahren. 


Bullen frühreifer Rassen 


„ I— IV4 Jahren. 


spätreifer 


„ IVf— 1% Jahren. 


Färsen frühreifer „ 


„ IVt Jahren. 


spätreifer 


„ 1'/,— 2 Jahren. 


Schafböcke 


„ 15—18 Monaten. 


Schafei) frühreifer „ 


18 


spätreifer „ 


30 


Eber 


„ 10—12 


Sauen 


.- 9—12 




.. 6-8 


Ziegen 


„ 6—8 



Physiologisch ist die MögUchkeit der Fortpflanzung viel eher vor- 
handen, als sie wirtschaftlich ausnutzbar ist. So erwähnt F r a n c k') 
in seiner Geburtshilfe einige aus der Literatur gesammelte Fälle vor- 
zeitiger Befruchtungen. Ein Vtjähriger Bulle deckte eine 4Vi Monate 
alte Färse, die mit 13 Monaten ein schwächUches Ealb gebar, das bald 
zugrunde ging, während die Mutter gesund blieb imd sich zu einer guten 
Milchkuh entwickelte. Eine ähnliche Beobachtung machte Bowle y'). 
A b a d i e*) und v. e 1 1 i n g e n*) führen mehrere Fälle an, in denen 

>) OstfrieaUche Milchaohafe werden sogar schon im Alter von 6 Mon&ten 
belegt und Böcke im gleichen Alter zur Zucht benutzt. Deagleichen pflegt man 
in vielen Schäfereien gutentwickelt« Bockliimmer der Fleischschaf raeaen bereits 
mit 7 Monaten achonend (für 15 Schafe) ziim Docken zu verwenden. 

*) P r a Q c k, Handbuch der tierärzthchen Ocbortahilfe. Bearbeitet von 
Albrecht nnd Göring. 4. Aufl. BerÜn 1901. S. 63. 

*) Colemann, Englische Viehrasscn. Ins Deutsche übertragen von 
Georg Zöppritz. Stuttgart 1887. S.9. 

•) Abadie, Rev. v6t. 1884. S. 11. Zit. von Franck ebendaselbst. 

*} Die Zucht des edlen Pferdes. Berlin 1008. S. 334. 



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n. Entvickhiiig und Anfientng dea GewshleohtatiiBbM. 153 

StutfohleQ von 10 — 12 Monaten durch 1 — 2iährige Hengstfohlen be- 
fruchtet wurden. 

In den Marschen kommt vorzeitiges Belegen von Fär&enkälbem 
häufiger vor, indem die jungen Bullen die Gräben übeTspringen, was 
fUr den Züchter böchBt unerwünscht ist. Deshalb sind die jungen mann- 
hohen und weiblichen Tiere rechtzeitig zu trennen und zwar: 

Fohlen im Alter von 9 Monaten, noch besser gleich nach dem Ab- 
setzen, Eisel im Alter von 10 Monaten, Kälber im Alter von 6 Monaten, 
Schafe und Ziegen im Alter von 5 Monaten, Ferkel im Alter von 4 Monaten. 

3. Der QstthlecliMrisb. 

Der Greschlechtstrieb der Tiere wurzelt in dem instinktiven Be- 
streben nach gegenseitiger Vereinigung der verschiedenen Geschlechter 
zum Zwecke der Fortpflanzung und somit zur Erhaltung der Art. Er 
heißt b^m männhchen Haustiere Begattungs- oder Decklust, beim 
weiblichen Haustiere und beim Wilde in beiden Geschlechtem Brunst. 

a) Der Qeschlechtstrieb männlicher Tiere. 

Der Geschlechtstrieb beruht auf einer besonderen Tätigkeit der 
Organe des Zentralnervensysteme. Er wird erweckt durch die gefüllten 
Hoden und b^m weiblichen Tiere durch die Spannung im G r a a f- 
schen Follikel — Druckreflex — ,.er wird aber auch hervorgerufen durch 
sensorielle Einflüsse, denn auch b^ Tieren spielen Geruch, Gesicht, 
Gefühl und Gehör eine grofie Rolle. Der im Stalle stehende Hengst 
oder Bulle ist unt^ Umständen geschlechthch erregt, ohne weibliche 
Tiere seiner Gattung gewittert zu haben, und anderseits wird der draußen 
arb^tende und ruhig gehende Hengst sofort unruhig, sofern er die Kähe 
einex Stute sinnlich wahrnimmt, mag dieses nun mit den Augen oder 
durch den Geruch geschehen. Der Geschlechtstrieb ist somit dem 
Nahrun^hebe an die Seite zu stellen, der durch Leere im Magen oder 
durch das Vorlegen begehrenswerter Nahrungsmittel anger^ wird. 

Der äeschlechtstrieb ist beim Männchen stärker entwickelt als 
beim Weibchen. Das erstere sucht das letztere auf, lockt es an, ver- 
folgt es und kämpft schheQlich um dessen Gunst und Besitz. Diese 
Bemerkungen beziehen sich aber auf das Verhalten der Tiere in der 
Freiheit, denn bei den Haustieren besorgt der Mensch die Auswahl, 
und die Tätigkeit der Tiere beschränkt sich auf die Ausführung der 
B^attung. Daß hierbei unter Umständen auch Neigungen und Lieb- 
habereien eine Rolle spielen, ist bekannt. So deckte nach Schwarz- 



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154 ^ Absohnitt. Zeugong and Vererbung. 

n e c k e r^) der Bapphengst Antenot, der mehrere Jahre in der Tra- 
kehner Rappherde gewirkt hatte, Rappetuten entweder gar nicht mehr 
oder doch nur sehr ungern, während er in Graditz andersfarbige Stuten 
noch jahreUng gut belegte. Paccomo (Graditz) deckte die Stuten des 
Geetüt» nur widerwillig, Ärbeitsstuten, und hier besondetB wieder 
Schimmel, dagegen gem. Das Belegen von Rappatuten wird nach 
V. Oettingen am ehesten verweigert'). Weiterhin woll«i manche 
Hengste nicht jirngfräiüiche, andre wiederum nicht solche Stuten decken, 
die Füllen säugen'). 

Von einem Rindviehzüchter ist mir berichtet worden, daß ein 
rotbunter Bulle schwarzbunte Kühe nur mit Unlust oder gar nicht 
belegte, rotbunte dagegen schnell befriedigte. Im andern Falle wollte 
ein junger Wesermarechbulle rotstdieckige Kühe (Simmentaler Kreu- 
■ Zungen) anfänglich nicht decken, weshalb er schon dem Schlachtmesser 
verfallen sollte. Später hatte er sich an die Farbe gewöhnt, so daB er 
die Rotscbecken ebenso bereitwillig beeprang wie die Schwarzschecken. 
In den b^den letzteren Fällen bandelte es sich mehr um Scheu und 
Ängstlichkeit als um Liebhaberei oder Abneigung. 

Mangelhafte Ausbildung der Geschlechtsdrüsen und Verkümmerung 
oder übermäßige Inanspruchnahme setzen den Geschlechtstrieb herab; 
die frühzeitige Kastration hebt ihn gänzlich auf. 

Das männhche Geschlechtsleben unterscheidet sich bei den Haus- 
tieren von dem weiblichen dadurch, daß das männliche Tier stets zum 
Deckakt bereit ist, während das weibliche Individuum den Sprung nur 
zur Zeit der Brunst zuläßt. 

b) Die Bmnst ureiblicher Tiere. 

Unter Brunst versteht man die bei weiblichen Tieren zu gewissen 
Zeiten auftretende Keigung zur Be^ttung. Sie steht mit der Ablösung 
des Eies aus dem geplatzten G r a a f sehen Follikel in Zusammenhang 
und geht mit Veränderungen an den Geschlechtsteilen und im Benehmen 
der Tiere einher. Speziell bezeichnet man die Brunst beim Pferde als 
Rossen, beim Binde als Rindern, beim Schweine als Rauseben und 
beim Schafe und bei der Ziege als Bocken. 

Beim Wilde tritt die Brunst in der Regel nur einmal im Jahre auf 
und zwar zu einer Zeit, die in Rücksicht auf die zu erwartende Geburt 

1) Scbwarzneckera Pferdezucht, 3. Anfl. Berlin. S. 394. 

*) Die Zucht dee edlen Pferdes. Berlin 1908. S. 293. 

*) Hitteilongen des Heim GeatfitaoberroBuztei Wagner (RepiU). 



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IL Entwiokhmg md AuBemng dea GeaoIilechtBtriebefl. 155 

am günstigsten liegt. Die Wildkälber fallen deslialb in denjenigen 
Monaten, in denen die klimatischen und EmälirungSTerliältniase ihrem 
Fortkommen die wenigBten Schwierigkeiten in den Weg stellen. 

Einzelne Haustiergattungen haben infolge der Zuchtwahl ebraifalls 
gewisse Brunstzeiten, so die Schafe und Ziegen im Herbste, die Pferde 
im Winter und Frühjahr und die Kühe in Weidegegenden im Winter. 
Diese Brunst- imd die von ihnen abhängigen Geburtezeiten sind die 
Folgen wirtschaftlicher Maßnahmen, die schließlich einen erblichen 
Charakter angenommen haben, immerhin aber noch gewisse Modifika- 
tionen zulassen. Schweine werden gewöhnhch während des ganzen 
Jahres erfolgreich bel^, und das gleiche geschieht in den auf regel- 
mäßige Lieferung angewiesenen Milchwirtschaften. Innerhalb der 
Brunstzeiten ist die Begattungslust indessen nicht dauernd vorbanden, 
sondern an einzehie Brunstperioden gebunden. 

Die während der Brunst an den Geschlechtsorganen auftretenden 
Veränderungen bestehen in der Hauptsache in einem erhöhten Blut- 
reichtum, der sich am Eileiter, der Gebärmutter, der Scheide und 
Scham geltend macht. Besonders sind Scheide und Scham geschwollen, 
ebenso der Kitzler, und aus der geröteten Scheide entleert eich dann 
infolge der gesteigerten Tätigkeit der Drüsen häufiger am Tage ein 
bisweilen mit Blut vermischter Schleim, wie sich auch Harndrang ein- 
stellt, der sich durch häufigeres Urinieren kennzeichnet. Der den Aus- 
scheidungen anhaftende eigentümhcbe Geruch — Brunstgeruch — ist 
ein starkes Beizmittel für die Geschlechtslust der männhchen Tiere. 

Zu einer Blutung im Sinne der Menstruation kommt es indessen 
bei Haustieren niemals, denn die gelingen Blutmengeu, die bei Hunden 
und nach dem Aufhören der Brunst auch bei Kühen beobachtet werden, 
sind mit der Menstruation nicht auf eine Stufe zu stellen*). Brunst 
und M^istruation sind zwar ähnUche, aber nicht gleiche Prozesse. 

Zur Zeit der Brunst ändert die Milch ihre Beschaffenheit, was sich 
in ihrer geringeren BekömmUchkeit äuBert. Erfahrung^emäß laxiert 
das Fohlen sehr oft vom 7. bis 11. Lebenstage, also während des Kossens 
seiner Mutter, auch ist es den Schweinezüchtern bekannt, daß den 
Ferkeln die Muttermilch nicht recht bekommt, wenn die Sau rauscht. 
Weiterhin sah auch K 1 e m m'), daß Säuglinge nach solcher Eselmilch 

I) Beim Rindern von Färsen sah ich eiiugemal blutige Massen an der unteren 
und Beitliohen Schwanzflilche. Vgl. auch Weber, Untersuchungen über die 
Bnmrt des Rindes. Berlin 1911. S. 22. 

■) Klemm, Erster Rechenschaftsbericht über die Wirksamkeit der Dresdener 
EBelmilchgewitmungsanatalt nellerhof. 



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156 ^ Absohnitt. Zeugung und Vererbung. 

legelmäBig Verdauungsstöningen mit Würgen, Übelkeit, Unruhe, Ver- 
mehrung der Zahl der Stühle und Stillstand in der Gewichtszunahme 
äußerten. Chemisch ist ein sich in bestimmter Bichtung geltend 
machendet Einfluß auf die Milch rindriger Kühe nach Kirchner^) 
nicht nachweisbar, weil, wie Backhaus*) betont, durch die gewöhn- 
lichen analytischen Verfahren die feineren Unterschiede nicht dargetan 
werden können. Weber*) hat im Rassestall der Tieräizthchen Hoch- 
schule zu Dresden eingehende Versuche über Bruuatmilch der Kühe 
angestellt und gefunden, daß Milchmenge, Fettgehalt und chemisches 
Verhalten keine regelmäßigen Veränderungen autweisen. Sind Milch- 
menge oder Fettgehalt geringer, so liegt das sogenannte Aufhalten vor, 
das durch geschickte Melker bis zu einem gewissen Grade überwunden 
wird. Sehr oft beobachtet man aber, daß brünstige Kühe weniger, aber 
sehr fettreiche Milch liefern. 

Mit den oben angeführten Veränderungen an den Geachlechtateilen 
gehen nun auch solche in dem ganzen Benehmen der Tiere einher, die 
dem Laien den Eintritt der Brunst anzeigen. Stuten stellen sich hinten 
breitbeinig und lassen öfter kleine Mengen Harn abfließen. Aus den 
häufig geöfEneten Schamlippen tritt der Kitzler zutage, der dann bei 
gekrümmtem Bücken in die Höhe gezogen wird, so daß das sogenannte 
Blinken oder BUtzen entsteht. Faßt man die Tiere unverhofft an, so 
quietschen sie, was auch geschieht, wenn ihre Nachbarn sie berühren. 
Im Temperament schwierige Stuten werden dann zur Zeit der Bosse 
unleidlich, schlagen, fangen die Leine, während Vollblutstuten von 
gleichem Charakter oftmals gerade umgekehrt eine auffallende Buhe 
zeigen, so daß manche von ihnen nur zu dieser Zeit aiisgeschnitten 
werden können. Stuten kaltblütiger Schläge und auch solche, die all- 
jährlich regelmäßig ihr Fohlen brachten und später, in andre Verhältnisse 
versetzt, der Zucht dann nicht mehr dienen, machen durch die Ilinge- 
nommenheit ihres Sensoriums nicht selten den Eindruck dummer Pferde. 

Bindrige Kühe sind unruhig, zerren an der Kette, brüllen und 
suchen auf ihre Nachbarn oder Weidegenossen zu springen. 

Bockige Schafe blöken und drängen sich in Unruhe an die Böcke, 
doch sind bei ihnen die ganzen Erscheinungen meist nur schwach ent- 
wickelt, so daß die brünstigen Tiere vielfach nur rait Hilfe von Probier- 
böcken herausgefunden werden. 

') Kirchner, Handbuch der Milchwirtschaft., 4. Aufl. Berlin. S. 49. 
*) Backhaus, Berichte des Landwirtschaftlichen Institute der UniveTmt&t 
Königsberg, 11, S. 71. 
•) A. a. O. S. 62. 



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IL EntwioklnDg und Anfiemiig des Gesohleohtstiiebee. X57 

^egeii {reesen nicht gut, meckern und wedeln mit dem Setwanze. 

Rauschende Sauen treten unruhig in ihren Buchten einher, etwa 
wie die Baren im Zwinger, bleiben, wenn sie aus den ersteien getrieben 
werden, auf der StaUgaeee vor der Bucht des Ebers stehen, fressen 
schlecht, reiten auf andern Schweinen herum und verkriechen sich 
wohl auch unter dem Stroh, so daß sie unter Umständen für krank 
gehalten werden, was man besonders bei den frUhreifen englischen 
Schlägen beobachten kann (stille Brunst). 

Xach stattgetundener Geburt stellt sich die Brunst bei den einzelnen 
Tiergattungen zu verschiedenen Zeiten ein, so beim Ffeide innerhalb 
7 — 11, selten schon mit 5 Tagen. Am vorteilhafteeten für die Bedeckung 
gilt hier der 9. Tag; man braucht dann das ofiensicbtUclie Bossen gar 
nicht abzuwarten, sondern kann die Bedeckung ruhig vornehmen lassen, 
denn erfahrungsgemäß findet die Befrachtung in dieser Zeit am ehesten 
statt. BoQt die Stute früher, so kann das Belegen auch bereits am 
7. oder 8. Tage nach der Abfohlung stattfinden. Bei Stuten, die noch 
nicht gefohlt oder nicht aufgenommen haben, ist das Rossen ziemlich 
regellos. Bisweilen vergehen nur Tage, oft Wochen und selbst Monate. 
N'ervenanlf^e, Aufenthalt, Futter and Beschäftigungsart sind hier ent- 
scheidend. Zweckmäßig gehaltene Fohlenstuten und Geatütsstuten 
rossen meistens 14 — 21 Tage nach dem letzten erfolglosen Sprunge 
wieder. 

Kühe rindern in der Regel 3 — i Wochen nach dem Kalben*), such 
wiederholt sich bei ihnen die Brunst annähernd in- diesen Zeiträiunen, 
doch kommen ähnlich wie bei Stuten auch lüer Schwankungen 
zwischen einigen T^en und mehreren Monaten vor'), wobei aber 
immer die Möglichkeit vorliegt, daß die Bnmsterseheinungen über- 
sehen worden sind. Indessen ist es nicht ratsam, die Tiere schon nach 
dem ersten Rindern wieder decken zu lassen, weil man hierdurch die 
Milcbei^ebigkeit ungünstig beeinflußt. Auch ist es bekannt, daß Kühe 
namentHch in manchen Jahren bei dem ersten Rindern nicht, später 
dag^en gut befruchtet werden. 

Schafe und Ziegen lammen nur jährlich einmal, daher wird die 
Brunst erst ca. 7 Monate nach dem Werfen ausgenutzt. In der Deck- 
ZMt wiederholt sie sich alle 3 — 4 Wochen. 

Beim Schweine stellt sich das Rauschen 3 — 4 Wochen nach dem 

*) Unter Umatäaden rindern Kühe auch schon 8 Tage nach dem Kalben. 
Beobachtimgen aoH dem Rasseatall der Tierärzthchen Hochschule zu Dresden. 

*) S o h m i d, Beiträge zur Physiologie der Bmnst beim Rinde. Inaug.-Diss. 
Manchen 1002. S. IS. 



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158 4' Abschnitt. Zeagnng und Vererbnog. 

Ferkeln ein und zeigt aich dann wieder in Zwiachenräumen von 3 bis' 
i Wochen. Einzelne Sauen rauschen aber schou 3 Tage nach dem 
Werfen, doch dann in der Kegel so schwach, daß diese Brunst nur dem 
aufmerksamen Beobachter auffällt. Gewöhnlich läßt man aber bis zur 
nächsten Bedeckung 8 Wochen vergehen, da die Trächtigkeit 4 Monat« 
dauert, und ein zweimaliges Ferkeln im Jahre die Regel bildet. 

Die Dauer der Brunst beträgt: 

Stute 7—9 Tage, 

Kuh 15—20 (—36) Stunden, 

Schaf, Ziege und Schwein . . 1 — 2 Tage, 
Hund 9—10 Tage, 

In dieser Zeit ist die Bedeckung vorzunehmen und die Neigung 
hierzu auch bei den weiblichen Tieren vorhanden. Letztere erlischt 
nach dem Aufhören der Brunst, während die Möglichkeit der Befruch- 
tung noch bestehen bleibt, da sich die Eier einige Zeit lebensfähig erhalten. 

Fohlenstuteo läßt man am besten am 1. Tage, junge oder güste 
Stuten dagegen erst am 2. oder 3. Tage der Rosse belegen, weil diese 
bei den ersteren in der Regel zu Beginn am stärksten auftritt, während 
sie bei den letzteren erst nach 2 — 3 Tagen ihren Höhepunkt erreicht. 

Bei verspäteter Bedeckung erlöschen die reäektorischen Voig&nge, 
die den Samenfäden die Wege ebnen, und somit nehmen die Aussichten 
auf Befruchtung ab. Ob hierzu bei weiblichen Tieren der höchste Grad 
geschlechtlicher Erregung — die Brunethöhe — erforderlich ist, ist 
allerdings unentschieden, da es auch eine künstliche Befruchtung gibt 
(S. 201), doch kann man sich wohl vorstellen, daß bei höchster Erregung 
innerhalb sonst normaler Geschlechtsäußerung einmal der Muttermund 
weiter geöffnet wird und anderseits auch die peristaltiscben Bewegungen 
wie auch die saugende Wirkung des ersteren in ausgesprochenerem Maße 
vorhanden sind. Sonst ist es bekannt, daß Tiere, die öfter und dabei 
sehr leidenschaftheb rossen, rindern oder rauschen, schwer aufnehmen, 
und daß sich auch Hengste, die sehr feurig decken und schnell absamen, 
durchaus nicht immer durch besondere Fruchtbarkeit auszeichnen. 
Außerdem sind Stuten und Kühe, die stark und wiederholt brunsten, 
oft wenig wertvoll für die Zucht; denn wenn sie mit Mühe auf- 
genommen haben, so bringen sie schwächliche Junge oder stoßen die 
letzteren auch wohl vorzeitig aus oder sind schlechte Mütter. 

Der Rege) nach läßt das weibliche Tier die Begattung nur 
während der Brunst zu, während es sich zu andrer Zeit den Bestrebungen 
der Männchen gegenüber energisch abwehrend verhält. Wer gesehen 



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IL Entwicklung und ÄuBerang des Ge6chleohbrtriebee. 159 

-hat, mit welcher Heftigkeit Stuten bei den ihnen zur unrechten Zeit 
au^edrungenen Liebkosungen der Hengste schlagen, und mit welchem 
Geschrei Sauen den plumpen Umarmungen der Eber zu entgehen ver- 
suchen, der wird bald zu der Überzeugung kommen, daß es sich hier 
nicht um jungfräuliche Angst oder um VerBtellungekünste älterer Zucht- 
tiere, sondern um einen ausgespiochenen inneren Widerwillen handelt. 
Das weibliche Tier unterscheidet sich hier ganz wesentlich von dem 
männlichen. Weibliche Tiere verweigern auch die Begattung nach er- 
folgter Befruchtung, und nur selten kommt es vor, daß Stuten auf das 
Fohlen loaaen und Kühe auf das Kalb rindern. Vielfach erfolgt dann 
auch in einem solchen Falle Äbortua. 

4. Dtr MancBl an GeschteehWrfab. 

Mangel an Geechlechtstrieb beobachtet man heä männlichen und 
weibhchen Tieren. Ei kann zeitweilig oder dauernd auftreten und sich 
auch bis zum vollständigen Fehlen steigern. 

a) Der mangelhafte Oeschlechtstrieb mftniilicher Tiere. 

Die Ursachen hegen hier, sofern normale Geschlechtsteile vorhanden 
sind: 

1. In einem vollständigen Ungewohnteein in bezug auf geschlecht- 
liche Verrichtungen und in einer gewissen Scheu und Ängsthchkeit, 
wie man sie besonders bei jimgen Hengsten und Bullen findet. 

2. Bei importierten Tieren in der noch nicht abgelaufenen Ak- 
klimatisation, die auf das ganze Kervenleben der Tiere — Hengste, 
Bullen, Ziegenböcke — von erhebhchem Einfluß ist. Mau kann diesen 
Zustand etwa mit Heimweh bezeichnen, und zwar dauert er umso 
länger, je schlechter beeonders junge wüchsige Tiere — Bullen — ge- 
futtert werden. 

3. Tiere, die sehr jung und dabei oft decken mußten, lassen nach 
einiger Zeit gänzhch nach und brauchen oft Wochen, ehe sie wieder 
sprunglustig werden. Auch ältere Beschäler werden nach starker An- 
strengung auf den Deckstationen bisweilen faule Decker. 

i. Tiere, die regelmäßig imd gut gedeckt haben, verweigern den 
Spnmg plötzlich und decken überhaupt nicht mehr, was dann auf 
eine ohne sonstige krankhafte Erscheinungen einhergehende Störung im 
Zentralnervensystem zurückzuführen ist. 

5. Manche Tiere von gesundem Aussehen und mit gesunden Ge- 
schlechtsoi^anen decken überhaupt nicht (Anaesthesia sezualis). 



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IQO 4. Äbaohnitt ZeDgung und Vererbimg. 

fi. MaDcbe Tiere decken von Hause aus träge und werden nie gute 
Springer. 

7. Ältere Tiere verlieren mit zunehmender Körpeischwere oder 
nach der Erwerbung von schmerzhaften Zustanden an den Gliedmaßen 
oder im Kreuze die Decklust. 

8. Bei Hengsten kann auch eine gewisse Feigheit und Än^tUchkeit 
vorhegen; manche Tiere gehen ab, wenn die Stute schlägt, andre da- 
gegen lassen sich dadurch nicht im mindesten beirren. 

9. Einzelne Tiere springen deshalb nicht ein, w«l sie an einer Über- 
empändlichkmt der Kute leiden (Bullen). 

10. Schafböcke decken bisweilen nicht, wenn sie zu spät in Be- 
nutzung genommen werden. 

11. Gewisse Futtermittel können ebenfalls die Decklust unter- 
graben. So sah K 1 b'), wie nach Verabreichung von Mohnkuchen 
sieben sprungtüchtige Zuchtstiere den Geschlechtstrieb vollständig ver- 
loren und deshalb geschlachtet werden mußten. Zwei andre, gut deckende 
Bullen sprangen nach Mohnkuchenfütterung, die 4 Wochen gewährt 
hatte, nicht mehr, wurden aber wieder zuchtfähig, nachdem der Mohn- 
kuchen 14 Tage lang durch Hafer ersetzt war. 

Die Mittel zur Beseitigung des anormalen Zustandes müssen je 
nach den Ursachen verschieden sein. 

1. Junge, ängstUche, im Decken unerfahrene Tiere läßt man zu- 
sehen, wenn ältere Hengste oder Bullen decken. Man darf ihnen femer 
nicht zu große Stuten oder Eiihe zuführen, sondern muß kleinere Mutter- 
tiere auswählen, die möglichst stark rossen oder rindern. Empfehlenswert 
ist auch ein vorheriges Reiben des Schlauches mit der Hand oder mit 
einem Tuche und das langsame Führen der Stute oder Euh vor dem un- 
fertigen männUcben Tiere, das man folgen läßt, und dessen Decklust so 
eher angeregt wird. Jungen Hengsten legt man beim ersten Decken statt 
einer Trense eine Halfter auf, um sie im Maule nicht zu beunruhigen, und 
Bullen schnallt man bei rauhet Witterung wohl auch eine Decke auf. 

Haben die jungen Tiere erst einmal gedeckt, so sind sie oft aus- 
gezeichnete Springer. Unt«r Umständen ist es auch von Erfolg, Bullen 
mit rindrigen Kühen und namentUch Färsen gemeinsam weiden oder 
sich tummeln zu lassen und sie bei starkem Wachstum gut zu füttern. 

2. Jungen, neu eingestellten Zuchttieren läßt man einige Zeit Ruhe, 
bis sie sich an die neuen Haltungsverhältnisse gewöhnt haben. Decken 
sie dann nicht, so versucht man die unter 1 angeführten Methoden. 

>] Deutsche Land w. Presse 1899. S. 498. 



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IL Entwioklnng und AuBening des Geaohlecbtetriebcs. jg^ 

3. Junge, überanstrengte Tiere müssen bei reichlicliem, kräftigem 
Futter einige Zeit hindurch volbtändig geschont weiden. 

Tiere, die überhaupt nicht decken, sind zu mästen oder zu kastrieren. 
Träge Decker sind oftmals gute Befruchter, und häufig erfolgt ihre 
Beseitigung zum Schaden der Zucht nur deshalb, weil die Besitzer der 
Stuten oder Kühe sie mit Mißtrauen betrachten. Sie verlangen fast 
ausnahmslos, daQ der Hengst oder der Bulle sofort deckt, sobald ihm 
das weibUche Tier zugeführt wird. Die mangelhafte Geschlechtslust 
neu angekaufter, körperhch sonst genügend entwickelter Bullen ist eine 
verhältuismäBig häufige Erscheinung und bei Tieren der frUhreifen 
Schläge in mehr als 10 % der Fälle zu beobachten, wie die Erfahrungen 
aus den beiden Aufzuchtstationen im Königreich Sachsen lehren, aus 
denen bisher rund 2000 Bullen an Züchter des Landes abgegeben worden 
sind. Diese erhalten deshalb seit Jahren eine gedruckte Belehrung, wie 
nicht deckende Bullen zu behandeln sind*). Zur Anr^ung des Ge- 
schlechtstriebes verwendet man Yohimbin , Kanthariden , Bibergeil, 
Sellerieknollen, rohe Eier und Rotwein, und zur allgemeinen Kräftigung 
stark wachsender Tiere Hafer. 

b) Der mangelhafte Geschlechtstrieb weiblicher Tiere. 

Mangel an Brunst beobachtet man bei durch Krankheiten herunter- 
gekommenen oder in der Entwicklung zurückgebUebenen Tieren; er 
zeigt sich aber auch unter den entgegengesetzten Verhältnissen, indem 
üppig ernährte, in Mastkondition befindhche Individuen wenig oder gar 
keinen Geschlechtstrieb äußern. 

Bei frühreifen Bässen stellt sich diese für den Züchter oft sehr un- 
angenehme Erscheinung gern dann ein, wenn man die ersten Brunst- 
perioden absichtlich oder unabsichtlich versäumt, ersteres, um die 
körperliche Entwicklung der jungen Tiere möghchst zum Abschluß zu 
bringen, imd letzteres, weil bei den weibhchen Individuen frühreifer 
Rassen die Äußerung der Brunst weniger stürmisch und ofFensichtlich, 
sondern mehr still verläuft. Weiterhin leiden weibUche Tiere ebraiso 
unter dem Akklimatisationsdruck wie mänuHche, und zwar besonders 
dann, wenn die neuen Verhältnisse von den früheren in bezug auf Haltung 
und Fütterung wesentHch abweichen. 

Kalter, finsteiei Stall, Mangel an Luft und Bewegung, dicker 
Winterpelz, Mangel an Gesellschaft halten bei den großen Haustieren 
den Geschlechtstrieb oft ganz zurück, und nach dieser Richtung hin 

1) FuBoh, Beurteilung des Rindes. Berlin 1910. S. 361. 
Pnach-Uaiisen, Allgemeine Tiermcht. B. AnS. H 



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182 ^ Abaohnitt Zengong and VermbaDj^ 

durchgeführte Veiäadenmgea — Lauistsll, Wddegang, Arbeit, Scheren, 
Zosammenbringen mehrerer Stuten und mehrerer Kühe oder Fär8«i — 
bewirke dum bald Beeserung, wie aus der Herde- und Rindviehzucht 
hinlän^ch bekannt ist. 

Die Schweizer FleckviehzUchter „verstellen" ihre nicht rindernden 
I^raen, indem sie dieselben auf die Alp ranee Nachbarn bringen, wonach 
der Oescblechtatrieb dann oft sehr bald eintritt; bisweilen genügt audi 
schon dae Verbringen der Stute oder Färse in einen andern Stall oder 
eine andre Bucht des gleichen Geetiits oder Gehöfts. Endlich kann 
die mangelhafte Brunst auch die Folge erbUcher Einflüsse sein. 

S. Der DbtnniBIca GBKhtechMriab. 
a) Der flbenullfiige Geschlechtstrieb mfiimlicher Tiere (SatyriasiB). 

Der übermäßige Geschlechtstrieb männUcher Tiere ist teils die Folge 
einer zu reichlichen Ernährung, teils ist auch eine Nicbtb^iutzung der 
Tiere zur Zucht trotz erlangter Geschlechtsreife die Ursache, und hier 
sind es oft gerade die mageren jnngen Bullen der liandrassen, welche 
die meiste Geechlecbtslust ze%ea. Femer wird Satyriasis auch durch 
eine regelwidrige Hodeuentwicklung hervorgerufen, indem eins^tig 
kastrierte Hengste, bei denen der verkümmerte zweite Hoden in der 
Bauchhöhle zurückgeblieben ist, bekanntlich in der Kegel eine derartig 
gesteigerte Begattungslust zeigen, daß der Umgang mit Urnen gefährlich 
ist (Fig. 100). Auch bei derartigen Ochsen habe ich häufiges Aufspringen 
auf andre Binder gesehen. 

Ob Steißräude und Blasen- und Hamröhrensteine bei Bullen, und 
ob Würmer brä Hengsten die Begattungslust anregen, wie das beim 
Menschen beobachtet ist, ist nicht erwiesen. Einen in der Hauptsache 
auf Schwanz und Mitteläeisch sich erstreckenden und mit aiißerordent- 
lich starken Juckreiz verbundenen Herpesausscblag habe ich bei jtmgen 
Simmentaler Bullen sehr oft, aber stets ohne geschlecbtlicbe Beizung 
gesehen. 

b) Der ttbenanfiige Geschlechtstrieb weiblicher Tiere 
(Nymphomanie). 

Häufige Brunstperioden sind in der Haustierhaltung ebenso oft ' 
wiederkehrende wie unangenehme Vorkommnisse. Bei Tieren, deren 
Gescblechtslust aus wirtachaftlichen Gründen nicht befriedigt wird, 
sind sie meist der Ausdruck eines lebhaften und leicht reizbaren Tempera- 
ments, so daß sich schließlich bm Stuten Untugenden entwickebi, die 



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IL Entwi^nng nnd AuBenmg dea Geeohleohtstriebes. 163 

den Gebiaucb in Frage stellen. Man ist dann geradezu gezwungen, die 
Tiere decken oder bei schwereren Stönmgen kastrieren zu lassen. 

In andern Fällen nehmen die Muttertiere trotz stünnischer Brunst- 
zachen nicht auf, und hier ist der abnorme Geschlechtstrieb dann in 
cöner krankhaften Bescha&enheit dea Xervensystems b^;ründet, die 
durch Veränderungen in den Geschlechtsorganen bedingt wird. Die 
Unfruchtbarkeit ist dann entweder ^ne Folge von Erkrankimgen der 
Kdmdrüsen oder von solchen der Transportwege, die entweder, weil 



yig. 100. EioBsltlK kaitriertea Pfard ~~ Spitzhangst, ElapIhcDgBt, RryptOTchlde. 

unwegsam, eine Vereinigung von Ei und Samen nicht gestatten, oder 
aber so verändert sind, daß die Samenfäden in ihnen vorzeitig zugrunde 
gehen. In solchen Fällen hat sich die künstliche Nachbefnichtung im 
Geetütsbetriebe ab zweckmäßig erwiesen (S- 202). Mittel, welche die 
Geechlechtslust herabsetzen, sind Kampfer, Brom, Mohn, femer viel 
Arbdt, kühler Stall, Weidegang imd Beschränkung der Kation. 

6. Der naturwIdrlKa Oeschlechbtrieli. 

Naturwidrige Betätigung dea Geschlechtstriebes bei Tieren ist als 
ein Folgezustand der Domestikation anzusehen. Es handelt sich dabei 
nicht um ai^eborene sexuell-pathologische Zustände, sondern um ein 



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164 *■ AbBohnitt. Zeogung und Vererbung. 

intra vi tarn entetandenee geschlechtliclies Empfinden, das infolge der 
HaltungsverhältniBse auf regelrechte Weise nicht befriedigt werden kann. 
In Frage kommen bei Tieren: 

a) die Onanie, 

b) die Homosexuahtät, 

c) die heterosexuelle Perversion, 

Die Onanie beobachtet man bei den männlichen Individuen aller 
Haustiergattungen mit Ausnahme des Schweins. Sie ist eine Folge des 
Detumeszenztriebes und dei Samenanhäufung, und sie wird deshalb 
hauptsächlich von jungen und seltener auch von solchen älteren Tieren 
getrieben, die den Deckakt nicht oder nicht mehr ausüben können. 
Hengste schlagen dab^ mit dem Gliede an die ßauchwand, weshalb 
man ihnen wohl auch, wenn es sich um wertvolle Beachälei (Vollblut) 
handelt, ein stachhges Fell unterschnallt. Bullen, Schaf- imd Ziegen- 
böcke haben die Ausübung der Untugend deshalb bequemer, weil ihre 
Vorhaut Muskeln besitzt, die sie vor- und zurückziehen. Hunde onanieren 
an den verschiedensten Gegenständen durch Umklammerung imd be- 
nutzen mit einer gewissen Vorliebe liegende Kühe oder menschhche 
Beine. Bei Bullen kommt es aber auch vor, daß sie die Kühe nicht 
belegen, sondern sich an denselben nur geschlechtlich erregen, dann 
aber ohne aufzuspringen durch Onanie absamen. Solche Tiere leiden 
an einer sexuellen Hyperästhesie und werden selten regelmäßige Decker. 

Die HomoseKualität ist nur als eine Zufalle- bzw. Gel^enheits- 
betätigung aufzufassen, die in die Erscheinung tritt, wenn mehrere 
geschlechtsreife Tiere frei beisammen sind. Sie „reiten" dann aufein- 
ander herum, treiben sich gegenseitig ab und belästigen sich oft so, 
daß sie in ihrem Ernährungszustände und in ihrer körperlichen Aus- 
bildung beeinträchtigt werden. Weil sie, mit Ausnahme der Hengste, 
dabei oft eine immissio penis in anum vornehmen und absamen, so 
geht damit auch nicht selten eine sexuelle Schwächung Hand in Hand, 
auch kann man bisweilen bei Bullen und Schafböcken die Beobachtung 
machen, daß sie dann trotz des regen Geschlechtstriebs im Zuchtstall 
nicht decken wollen. Es scheint geradezu, daß sie an einen besonderen 
Geachlechtsgeruch gewöhnt sind und sich in die neuen ordnungsmäßigen 
Verhältnisse erst einleben müssen. Weibliche Tiere springen meist nur 
zur Zeit der Brunst auf die Geschlechtsgenossinnen auf und geben damit 
das ßossen, Rindern usw. zu erkennen. 

Es handelt sich in allen diesen Fällen nun zwar um Verirrungen in 
gleichgeschlechtlicher Richtung, trotzdem aber nicht um echte, sondern 
nur um eine Fseudohomosexualität, denn wenn den Tieren Gelegenheit 



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IL Entwicklung und AuBerung des Geschlechtstriebea. \Q^ 

gegeben wird, sich geschlechtlich nonual zu betätigen, so tun aie es und 
lassen dann von der Untugend ab. Dabei möchte ich, obwohl es viel- 
leicht überflüssig ist, noch hervorheben, daß Homosexualität und bomo 
etymologisch nichts miteinander zu tun haben, sondern daß homosexuell 
eine Abkürzung für homoiosexuelP) ist, was gleicbgeschlechtlich beißt. 
Bei den Versuchen der Bullen, auf andre Bullen aufzuspringen und 
abzusamen, wie es besonders häufig auf der Weide geschieht, kommt 
es bisweilen dadurch zu Erkrankungen der Bute, daß die Tiere mit ihr 
an die Sitzbeine stoßen und sich das Glied verletzen, wodurch oft um- 
fängliche Neubildungen — Papillome — entstehen. Diese lassen sich 
in der Kegel operativ entfernen und kehren nur selten wieder. Auf 
den beiden Aufzuchtstationen im Königreich Sachsen sind bei rund 




Fig. 101. Neabildnngcn am Penia (Papillome). 



2000 Tieren in 5 % der Fälle solche Neubildungen nach vorherigen 
Verletzungen aufgetreten und mit wenigen Ausnahmen ohne Nachteil 
für die spätere Zncbttauglichkeit durch Operation beseitigt worden 
(Fig. 101). 

Was endlich die heterosexuelle Perversion anlangt, so äußert sie 
sich darin, daß Tiere den Geschlechtsakt bei Individuen andrer 
Spezies oder Gattungen ausübeu. So soll der Truthahn bisweilen Hühner, 
Oänse imd Enten treten, während Ziegen und Schafe sich gegenseitig 
gern begatten. Auch ist beobachtet, daß ein Bulle eine Stute regelrecht 
deckte*), und ein Zebrahengst sich sehr bösartig gegen eine Zebrastute 
beneihm, dagegen Fferdestuten gern belegte, so daß die Zebrastute 
künstlich befruchtet werden mußte*). 

SchUeßUch kann man bei Tieren auch von einer Art Sadismus 
sprechen, der darin besteht, daß die Männeben den Weibchen vor oder bei 
der Begattung Schmerzen zufügen, teils aus Wollust, teils auch, um ihre 
SprÖdigkeit zu überwinden. Hierher gehört der „Liebeabiß" der Vögel*), 
das Beißen der Hengste in den Kamm der Stuten und das Stoßen solcher 



*) Von ipiio; gleich, ähnlich. 

*) Beriiner tierärztl. Wochenschr. 1905. S. 217. 

•) Iwanoff, Archives des Sciences biologiques. St. Peteraborg 1907. S, 458. 

*) H ü 1 1 e r, Sezualbiologie. Berlin 1907. S. S2. 



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166 4. AbaohnitL Zengang nnd Teierbniig. 

Bullen, die min Untetscliiede vom Hengste den Deckakt veiBcliniähen. 
Tiere letzterer Art btaachen gewöhnlicli längere Zeit, ehe sie normal 
belegen lernen, bisweilen sind sie ilberhaopt dauernd impotent, so daß 
icb das mit Goechleclitsunlust verbundene Stoßen der Ballen in die 
Flanke, die Eatergegend nnd an die Hintergliedmaßen der wüblichen 
Tiere in RticksiclLt aof die spätere Zuchttanglichkeit als ungünsldges 
Zücken ansehe. '~! 

7. Dia KittratlM. 

Die Kastration dei Hatistiere erfolgt ans ökonomischen GrUoden 
bn männlichen und, wenn auch viel seltener, bei wüblichen Tieren, 
Im besonderen bezweckt man dadurch: 

1. Schwächliche und fehlerhafte Tiere von der Zucht aussuschließen, 

2. Tiere zur Arbeit geeigneter zu machen — Wallache, Ochsen, 

3. die Fleischqualität zu verbessern — Ochsen, Hammel, Borge, 
i. dem Fleische älterer Eber und Ziegenböcke den unangenehmen 

Eber- imd Bockgenich zu nehmen, 

5. durch Änsschaltung der Brunst die Mastfäbigkeit zu erhöhen 
(Sauen), 

6. Tiere mit krankhaft gesteigertem Geschlechtstriebe zur Arbeit 
(Stuten) oder für die Mästung (Kühe) brauchbar zu machen. 

Die Kastration beeinträchtigt die Ausbildung der sekundären 
GeecblechtscharakterB und zwar umso mehr, je frühzeitiger sie statt- 
findet. Jung kastrierte Pferde, Schweine und Schafe sehen daher bei 
oberflächlicher Betrachtung wie weibliche Tiere aus, doch fehlt ihnen 
bei writerer Prüfung das eigentliche weibliche Gepräge. Der männliche 
Kastrat bekommt also weder weibliche noch männliche Sezualcharaktere, 
sondern er zeigt geachlechtlioh einen gewissen IndiSerentismus, der 
durch ein zäheres Festhalten an der Jugendform bedingt wird. Diese 
erfährt jedoch eine gewisse Beeinflussung durch die schon vor der Ka- 
stration vorhandene, wenn auch nur geringe innere Sekretion der Ge- . 
echlechtsdrüsen') und femer durch die Art der Ernährung und Beschäf- 
tigung (Fig. 102). Mit der Wegnahme der Hoden und Eierstöcke erlischt 
die Befruchtungsfähigkeit, nicht dagegen bei spat kastrierten Tieren 
sofort der Geschlechtstrieb. Man hat gesehen, daß Wallache noch den 
Deckakt auszuführen versuchen. 

^) Die innere Sekretion, welche die sog. Hormone bildet, geht, soweit die 
Geechleohtsdrüsen in Freige kommen, von den Zwiaohenhodenzellen bzw. den Zellen 
der Eieratocksdrüse aus. Vgl. D i a a e 1 h o r a t, Kühn-Arahiv 1914. Bd. V, S, 34. 



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n. Entwiokkuig und ÄuBemng des Gesohleohtstriebea. Xg7 , 

Bei früher KastratioD kommt es zu einer geringeren Entwicklung 
des Penis und der akzessorischen Drüsen, aach ist eine etwas stärkere 
Ausbildung der Zitzen hei Ochsen Torhanden und durch S e 1 1 h e i m^) 
direkt nachgewiesen, doch unterbleibt die Entwicklung der Milchdrüsen, 
denn wenn auch beobachtet ist, daß Ochsen Milch geben, so sind solche 
Vorkommnisse doch immer nur seltene Ausnahmen*). Weiterhin wirkt 
die Kastration förderlich auf die Größeaientwicklung ein, was durch die 
Verzögerung der Verknöchenmgsvoi^änge bedingt wird. Bei Ochsen 
ist diese Tatsache allgem^n bekannt und S. v. N* a t h u s i u a') fand, 
daß bei Militärpferden die Wallache n^elmaßig höher und deshalb ver- 



Flg. lAt. Typna des EaBtnten IZngoohaB, SlmmantaleT KreaEODg), 

hältnismäßig kürzer waren als die gleichartigen Stuten. Will man niedrig- 
gestellte Zugtiere haben, so läßt man Bullen and Hengste später kastrieren, 
und das tut man bei letzteren auch, wenn im einzelnen Falle die Be- 
fürchtung besteht, daß sie bei rechtzeitiger Kastration als Wallache zu 
groß und damit oft körperlich minderwertig werden. 

Was Fleischqualität undMaetfähigkeit anlangt, so liefern Ochsen tmd 
Hammel das beste Fleisch, denen sich dann von den weiblichen Tieren 

^) Kastration und sekundäre Oeschleohtsoharaktere. Bdtr. z. Gebnrtsh. n. 
Qynäkol. 1898, I, 2 und 1901, V, 3. Zit. von Wo roh, Jahrbuch für Tieiznoht 
190». S. 151. 

■) P u H h, Beurteilung des Kindes. Berlin 1910. S. 246. 

*) S. y. NftthusiuB, MesBungen an Zucht- und Soldatenpferden. Arbeiten 
der Seotaohen Landw. QeeellBch., Heft 206. Berlin 1911. S. 37. 



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168 *• Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

diejenigen anschließen, die nicht zur Zucht Verwendung fanden. Das 
Bullenfleisch ist grobfasriger und dunkler als dasjenige des Ochsen und 
heißt deshalb in der Ausdrucks weise der Fleischer schwarz. Ochsenöeisch 
ist ziegelrot; namentlich bei jüngeren Ochsen umgibt das Fett in feineren 
Streifen die Muskeln und Muskelbiindel und verschafft dem Fleische 
dadurch das fein durchwachsene, marmorierte Aussehen, das auch den 
Geechmacksweit günstig beeinflußt. 

Ältere Eber werden kastriert, um sie mastfähiger zu machen. Ihr 
Unterhautbindegewebe wird lockerer und reichlicher; damit verschwinden 



;Fig. IDS. Eber mit vielen UantfaICen (EdelachwelnkteUKUtiK)- 

die für das männhche Zuchtschwein charakteristischen derben Hautfalten, 
wodurch die Fettablagerung in der Unterhaut begünstigt wird (Fig. 103). 

Bei andern Tiergattungen läßt sich indessen ein Einfluß der Ka- 
stration auf die Fettbildung nicht nachweisen. Es fehlt sogar den Ochsen 
und meist auch den Wallachen die Fettanhäufung auf dem oberen Hals- 
rande, die den Kamm der Hengste und namenthch der Bullen kenn- 
zeichnet. 

Die Kastration weibhchet Haustiere beschränkt sich fast aus- 
schließlich auf Kühe und Schweine. Kühe werden nur dann kastriert, 
wenn sie an chronischer Stiersucht leiden und wegen der damit ver- 
bundenen starken, sehr häufig wiederkehrenden geachlechtiicheu Be- 
unruhigung in diesem Zustande nicht genügend auszumästen sind 
(Fig. lOi). Solche Tiere sind in der Kegel an einer dauernden Erschlaf- 
fung des Kreuzsitzbeinbandes, der eingefallenen Kruppe, kenntlich, die 



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II. Entwicklung und Äußerung des Ocechlechtatrlebes. 169 

sich ohne die übrigen Zeichen der Trächtigkeit einstellt. Ob bei Kühen 
durch die Kasttation die Laktationsdauer verlängert wird, ist noch eine 
umstrittene Frage. Träfe es zu, ao könnte diese Operation für Abmelk- 
wirtschaften von Wert sein. Man hält jedoch die mit der Kastration 
verbundenen Gefahren für die Gesundheit 
der Kühe für schwerwiegender als die 
etwaigen Vorteile. 

Stuten nimmt man die Eierstocke nur 
dann, wenn die Tiere durch dauerndes Rossen 
bei an sich schon schwierigem Temperament 
gebrauchsunfähig geworden sind. 

Eine häufigere Maßregel dagegen bildet 
die Kastration der Sauferkel. Hier soll die 
Ausschaltung der mit der Brunst verbun- 
denen geschlechtlichen Aufregung die Fett- 
bilduug begünstigen und damit die Aus- 
mästung beschleunigen und erleichtern. Viel- j,.^ ,„, EineefäUeöe Krappe 
leicht können auch die Eierstöcke, wie einer siiersuchiigen Kuh, bedingt 
~ . , j _ 1 1 -li ■ I ^""'^ ErBchleffong der Kreui- 

ü u r a t u I o und 1 a r u 1 1 1') memen, Aus- aiubei üb ander, 

scheidimgsprodukte ins Blut abgeben, deren (PhotoBrüphie von Herrn Geheim- 
^ ' o ' rat Kaiser-Uannuver OberlasHeti.) 

noch unbekannte chemische Bestandteile die AunFuBch, Wandtareln zur Be- 

-c-u' 1 -i L L j- <-i j i- 3 orteilUDgdeBRindea, BerlinlWI. 

J*ahigkeit haben, die Oxydation der orga- 
nischen Substanzen im Körper zu begünstigen, eine Wirkung, die mit 
der Kastration wegfiele und damit den leichteren Fettanaatz erklärte. 
Versuche, die über die Mastwirkung bei kastrierten Sauferkeln in 
den Jahren 1909 und 1910 auf Veranlassung der Vereinigung deutscher 
Schweinezüchter und der Deutschen Landwirtachaftsgesellachaft auf dem 
Stiftsgut Orubschütz bei Bautzen mit vier und zwei geschnittenen Sauen 
und ebensoviel unkastrierten Kontrolltieren angestellt wurden^), ergaben, 
daß die kastrierten Schweine feiner im Haar, weicher in der Schwarte, 
aber derber in der Muskulatur des Rückens waren. Die Riunpfform war 
runder und queUiger und die Knochenentwicklung etwas schwächer. 
Im abgebrühten Zustande fiel namentlich die größere Rundung der 
Schinken »md die vollere Entwicklung der inneren Hinterschenkel- 
muskulatur auf. Das Schlachtgewicht betrug bei dem Versuch des 
Jahres 1909 79,3 % und bei den Kontrollachweinen 78,65 % des Lebend- 

') Zentralblatt für PhyBiologie, IX, S. 149. Ret. von E 1 1 e n b e r g c r- 
Scbütz, Jahresbericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Veterinär- 
medizin. Berhn 1896. S. 166. 

*) Sächaische landw. Zeitg. 1910, S. 348 und eigne Beobachtungen. 



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170 ^ Abachnitt. Zeugung und Vererbung. 

gewichts, 1910 82,1 % und bei den Kontiollschweinen 80,4 % des 
Lebendgewichts. Fleisch und Speck der kaetrierten Tiere waren derber, 
schnittfestet und weniger feucht als bei den unkastrierten, und es wuiden 
50 kg Schlachtgewicht um 3 Mark höher bezahlt, als es bei letzteren der 
Fall war. Die Lebendgewichtzunahme war bei dem ersten Versuche 
besser, bei dem zweiten aber etwas geringer als bei den Kontrollschweinen, 
doch hatten die beiden Sauen des zweiten Versuchs durch eine nicht 
ganz sachgemäße Kastration anfänglich etwas in ihrem Wohlbefinden 
und damit auch in ihrer Entwicklung gelitten. Jedenfalls hängt der Mast- 



effekt der geschnittenen Sauferkel nicht unwesentlich von der geschickten 
Ausführung der Kastration ab. 

In neuester Zeit haben T a n d 1 e r und Kellet') eingehend© 
Mitteilungen über die Kasttation bei Jungrindem gemacht, die im Mur- 
boden in Obetsteietmark und dessen Nebentälem an halbjährigen Kuh- 
kälbern vorgenommen wird, um brauchbare Arbeitstiere zu erzielen, 
denn die „Zugkalben oder Schnitzkalben" sollen von den dortigen Bauern 
wegen ihrer Ausdauer und Gängigkeit besonders geschätzt werden. 

') Arohiv für Entwicklungsmechamk 1910, Bd. XXXI, Heft 2, S. 289. Heraus- 
gegeben TOD R o u X. 



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n. Entwicklnng und ÄuBenmg des Geeohleohtstriebes. 171 

Nach deo beiden Autoren sind die volljähngen „Schnitzkalben" im 
Daichschnitt 143,5, die Kilhe 131,2 cm hoch, dagegen beträgt bei den 
ersteren die Riunpflänge nur 114,6, bei den Kühen dagegen 120,4 % der 
Widerristhöhe. Die Tiere sind also höher, aber relativ kürzer als die 
Kühe, erinnern in ihrer ganzen Form sehr an die Ochsen und auch an 
die sogenannten Zwicken, mit welchem Namen in der Schweiz nach 
M ü 1 1 e I im Rost^) die aus einer doppelgeschlechthchen Zwillings geburt 
stammenden weiblichen Kälber belegt werden (Fig. 105). 



Beim Binde beobachtet man nämUch die eigentümliche Tatsache, 
daß von zwei verschiedengeschlechtlichen Zwillingen der weibliche in 
der ßegel unlruchtbar ist. Die Schamlippen sind im Verhältnia zur 
Körpergröße klein, die Scheide eng, Muttermiind, Gebärmutter, Eileiter 
und Eierstock fehlen meist sämtlich und die Scheide endet in einem 
Blindsack'). Die Zitzen haben die Cfröße wie bei erwachsenen Färsen, 

t) Das schweizerische Broun- und Fleckvieh. Bern 1S96, WyQ. S. 24. 

*) Grundmann, Deutoohe üeräratl. Wochenschr. 1903, S. 229 u. Deutscho 
FleiBohbeeohaaeTzeitnng 190S, S. 99; Weber, Die Bedeutung der doppel- 
geacUechtlichen Zwillingegeborten beim Rinde. Deutache tierärztl. Wochenschr. 
1010, Nr. 50; femer Stegmann, Jahrb. f. wissensch. u. prakt Tierzucht 1914, 
9. Jahrg., S. 239. 



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172 



4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 



ein eigentliches Euter ist aber nicht vorhanden, da die Driisensubstanz 
vollständig fehlt (Fig. 106). 

Ausnahmsweise können weibliche Tiere von verBchiedengeschlecht- 

lichen Zwilhngen fruchtbar sein, tiber einep Fali berichtet S t e g- 

m a n n'), und L u e r*) hat aus ostpreußischen Holländerherden 6 solcher 

Tiere ermittelt. Von diesen brachte 1 Tier 9 Kälber, 1 Tier 4 Kälber, 

1 Tiet 2 Kälber, 1 Tier 1 Kalb und 1 Tier hat 

einmal verkalbt. Im allgemeinen bestätigen 

aber auch die Feststellungen von L u e r die 

Unfruchtbarkeit solcher Kälber, 

Die Zwicke ähnelt in ihrem Aussehen dem 
Kastraten. Ihr Bau ist unbeeinflußt von dem 
sekundären Geachlechtscharakter, und der Kör- 
per strebt in erster Linie in die Höhe, so daß 
solche Tiere an Qröße die Bullen und Kühe ihrer 
Kasse und Altersstute überragen , wie auch 
Fig. 105 dartut. Dabei ist die Körperlänge zwar 
nicht absolut, aber doch relativ, also im Ver- 
hältnis zur Widemsthöhe, gering, denn sie hätte 
bei dem vierjährigen Tiere (Fig. 105) mindestens 
156 + 23 (+ Vao der Widerristhöhe) = 179 cm 
anstatt 168 cm betragen müssen. 

Zwicken gelten in der Schweiz wie die 
weibhchen Kastraten in Obersteiennark als sehr 
brauchbare Zugtiere, imd auch in den von mir 
häufiger beobachteten Fällen haben sie sich im 
Zuge gut bewährt. Hierzu mag noch bemerkt 
werden, daß gleichgeschlechtlich gefallene Zwil- 
lingskuh- und ZwilhngsbuUenkälber, sowie ver- 
schicdengeschlechtlich geborene Zwillingsbullen- 
kälher fruchtbar sind*). 

Weiterhin hat die Kastration noch Einfluß 
auf die Hom- und angeblich auch auf die Himbeschaflenheit. Daß 
die Homer bei Ochsen länger sind als bei Kilben, ist bekannt; das- 
selbe ist nach T a n d 1 e r und Keller^) bei den weiblichen Kastraten 
und von mir auch bei den Zwicken beobachtet. 



Fig. 10S. Auilnz^Htziiclitfaer- 
vorge sangen er Bock, SlUonate 
alt, ta'i-i cm Widcrristbuhe, 
H kg Gewicht. Einseiligfl Ra- 
atrnlion Im AUervoDlSTagen. 
Beide Haroer auf Grnnil ge- 
nauer Ueaanngan trotzdem 
gleichmauig entwickelt. Ge- 
scblecbtsluat und Befrucb- 
tungsßlugkelt gut. 



>) S t e g ra a n n a. a. 0. S. 239. 

') Deutachp landw. Tierzucht 19J3, Nr. 21. S. 255. 

») Strebel, Deutsche landw. Presse 1909. S. 897. 

') Archiv für Entwicklungamechanik 1910, Bd. XXX, Heft 2, S. 295. 



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m. Die Paarung und Begattung. 173 

Beim Wilde hat nach R ö r i g') totale Kastration jugendlicher 
männlicher Individuen zur I'olge, daß weder Stimzapfen noch Geweihe 
entwickelt werden. Erworbene einseitige Atrophie der Hoden bedingt 
die Ausbildung einer perückenartigen Geweihsfcange auf der entgegen- 
gesetzten Körperseite. Wenn von den Rindern behauptet wird*), daß 
eineeitige Kastration das Homwachstum auf der entsprechenden Seite 
begünstigt, so konnte ich diese Anschauung weder durch die praktische 
Beobachtung von einseitig kastrierten Monorchiden noch durch den 
Versuch bestätigen. 

Ich habe ein Bullenkalb und zwei Bockzickel einseitig kastriert und 
bis zur vollständigen Ausbildung der sekundären Geschlechtscharaktere 
behalten, aber an ihrer Hornbildung nicht die geringste Abweichung 
von der Regel wahrgenommen, wie auch das Bild des Ziegenbocks 
(Fig. 108) deutlich veranschaulicht. Die Ausbildung des Geschlechts- 
charakters wurde durch die einseitige E^tration nicht beeinträchtigt, 
aber auch nicht verstärkt. 

Auffallend war dagegen die Vergrößerung des Hodens, Derselbe 
wog bei dem 22 Monate alten einseitigen Kastraten 775 g, beide Hoden 
beim gleichaltrigen Kontrollbullen 795 g. Bei den kastrierten Böcken: 
a) II Monate alt 118 g, b) 22 Monate alt 122 g und beim II Monate 
alten Kontrolltiere beide Hoden 173 g. 

Der Einöuß der einseitigen E^stration auf die Himsubstanz, die nach 
G a 1 1*) in einer Verkleinerung der entgegengesetzten Kleinhimhemisphäre 
bestehen soll, kann erst beurteilt werden, wenn durch eine genügende 
Anzahl von anatomischen Unterauchungen fesl^estellt worden ist, ob 
auch bei Tieren mit intakten Hoden beide Kleinhimhälften gleich groß 
sind, was nach meinen bisherigen Erfahrungen nicht der Fall zu sein 
scheint. 

ni. Die Paarni^ nnd Begattung. 
1. Allgemeines. 

Paarung und Begattung sind Begriffe, die sieb nicht ganz decken. 
Die Begattung ist ein von den Tieren auszulösender, rein geschlechtlicher 
Akt, Paarung dagegen die vom Züchter ausgehende Vorbereitung, denn 
jeder sorgsame Zuchtleiter bestinunt schon eine gewisse Zeit vor der 

') Arohiv für Entwioklnngsmeohamk 1899. 1900, 1901. Zit. von W o r c h, 
Jahrbuch für Tierzucht 1909. S. 150. 

*) M ü 1 1 e r, Sexualbiologie. BerUn 1907. 8. 17t. 

*) MöbiuB, Über die Wirkungen der Kastration. Halle 1906. 8.86. 



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174 4. Abaohnitt. Zengnog nnd Ventbtuig. 

Spiuogperiode fitr jedes weibliche lier den Hengst, BnUen, Book odei 
Eber, und zwar auf Orund allgemeiner zücbteiisolier Erwägungen — 
in Hocbzucliten an der Hand der Alinentafel — oder direkter prak- 
tiBcter Erfahrungen, die er beieitfi mit den einzelnen Zuchttieren 
gemacht hat. Besonders genau verfährt man in dieser Beziehung 
in GrestUten, wohin ja oft Stuten aus weiten Entfernungen ge- 
schickt werden, tun dort abzufohlen und mögUchst glüch bei der 
ersten RoBse von diesem oder jenem berühmten Hengste gedeckt zu 
werden*). 

Auf solchen vorbereitenden Schritten beruht in jeder besseren Zucht 
ein großer Teil des Erfolges, der umso sicherer eintritt, je mehr die Ver- 
erbungsfähigkeit der einzelnen männhchen Zuchttiere bekannt ist, und 
je sorgsamer passende Blutströme miteinander vereinigt werden, worauf 
besonders der Vollblutzüchter großen Wert legt. 

Weiterhin handelt ee sich bei der Paarung um die Beachtung der 
Gewichts- und Größen Verhältnisse, Schwere Tiere können leichte, 
schwächliche weibliche Individuen beim Deckakt unter Umständen zu- 
sammendrücken und dabei beschädigen. Inmierhin ist aber die Körper- 
schwere nicht allein entscheidend, sondern das ganze Verhaltet des 
Sprungtieree, denn es gibt Bullen im Gewicht von 1000 kg imd darüber, 
die so leicht decken, d. h. sich so wenig auflegen, daß sie die schwächste 
Färse bespringen können, während im andern Falle Bullen von nur 750 kg 
jedes leichtere weibhche Tier zusammendrücken. Allgemeine Ungelenkig- 
keit, Gebrechen an den Beinen und harter Sprungstand bei weicher 
EUuenbeschafienheit sind hier von Einfluß. Sehr oft ist aber die Be- 
fürchtung der kleinbäuerlichen Wirte w^en einer Beschädigung ihrer 
weibUchen Tiere ungerechtfertigt oder übertrieben und leider oft die 
Ursache, daß gerade die besten und wüchsigsten Tiere vorzeitig der Zucht 
entzogen werdrai. 

Die Größen Verhältnisse sind dann bedeutungslos, wenn sie auf 
Alters- und nicht auf. Rassenunterschieden beruhen. Ein schwerer, voll- 
ständig ausgewachsener Bulle zeugt keine schwereren Kälber als ein 
jüngerer und dementsprechend leichterer, es ist deshalb auch für das 
Geburtsgeschäft nichts Kacht^ligee zu befürchten, was aber wohl 
der Fall sein kann, wenn man z. B. einen Bullen der großen Fleck- 
viehraase mit einer engbeckigen Kuh eines kleinen Landschlages zu- 
sanunenbringt. 

*) In dem Kgl. ungarischen VoUblntgestüt KisMr befuideii sich zu diwem 
Zweoke im Jahre 1903 nmd 200 und im Jahra 1911 in Graditz etwa 150 fremde 
Vollblutatuten. 



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HL Di« Faamng nnd Begattung. 



2. 0«r Sprung oder DeckakL 

Dem Deckakt, dei den Zweck hat, den männlichen Samen in die 
wdblichen Geschlechtsorgane einzuführen, geht die Stufung des m&nn- 
Uchen Ghedes voiaus. Tiere, denen diese Erektion nicht gelingt, l^den 
an der Begattnugsimpotenz und sind infolgedessen zuchtunfähig. Bei 
der Steifong vei^Bert sich der Pemis in der Länge nnd im Durchmesser 
und eilült eine der Scheide entsprechrade Lage und Form. Außerdem 
kommt er aus der Vorhaut heraus und erlangt einen hohen Grad von 
Härte nnd Wärme, wodurch einmal die Einführung in die geschlossene 
Scheide ermöglicht, und anderseits bei der Reibung an der Scheidenwand 
^e Heizung der sensiblen Nerven hervorgerufen wird. Das gleiche er- 
folgt am Kitzler des weiblichen Tieres, nnd so entstehen bei beiden Ge- 
schlechtem Wollustgefühle, die reflektorisch beim männlichen zur Eja- 
kulation und beim weiblichen zu einer öfEnung des Muttermundes imd 
zu peristaltischen Bewegungen der Gebärmutter führen, wodurch die 
Weiteiieitung des Samens besoi^ wird*). 

Ob der Penis beim Begattungsakt in die Gebärmutter eindringt, 
ist noch strittig. Beim Pferde ist ein solcher Vorgang unmöghch, weil 
die Eichel zu dick ist und auBerdem noch während des Begattungsaktes 
an Umfang zunimmt. Jedenfalls ist eine solche Einführung auch nicht 
notwendig, denn Hausmann erwähnt, daß ein Hengst mit einem 
besonders kurzen Ghede auffallend gut befruchtete*). Beim Bullen und 
Eber liegen die Verhältnisse anders, denn hier gelaugt der spitze, eichel- 
lose nnd sehr verlängeningslähige Penis wohl fast ausnahmslos in die 
Gebärmutter, was durch das Auffinden von Samenfäden in ihr und durch 
die EinrdBung ihrer Wandung kurz nach der Bedeckung erwiesen ist. 

Mit dem Moment der Absamung wird der Wc^ für den Blutabfluß 
im Penis frei, die Steifung verschwindet, und der vor dem Sprunge 
gezögte Übermut macht einer gewissen Erschlafiung Fiats. 

Die Art der Auafühnmg der Begattung und auch die Vorbereitungen 
dazu sind nun bei den einzelnen Tiergattongen verschieden. Die Stute 
wird erst hinter einer Bretterwand oder hinter einer hangenden Stroh- 
matte prolnert und, wenn sie genügende Bossigkeit zeigt, gespannt oder 
an ihren Hinterhafen mit Lederschuhen versehen, damit sie den Hengst 
nicht schlagen oder doch wenigstens nicht verletzen kann; einzelne un- 

*) Ellenberger und Sohennert, Vergleichende Physiologie der Haoo- 
■iagetiei«. Beriin IBIO. S. 716. 

*) Hanainann, Übac Zengoug und Kntatehung de« wahrea weiblichen 
Eies. Humovnr 1840. 8. 123. 



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176 ^ Absohnltt. Zeugung und Vererbung. 

ruhige, empfindliche Stuten müaseri beim Deckakt sogar gebremst werden. 
Dann wird der Schweif umwickelt und zur Seite gehalten, und darauf 
der Penis des Hengstes von dem Beschälwärter mit der Hand in die 
Scheide der Stute eingeführt. Alte, raffinierte Gestütsstuten lassen oft 
ruhig einspringen, machen aber dann bisweilen plötzlich eine Dreh- 
bewegung nach der Seite, die den Hengst, wenn er nicht gerade ein 
ungestümer Decker ist, abwirft. Hierdurch erschreckt, braucht er dann 
erst wieder einige Zeit, ehe er von neuem in Erektion kommt. Heftige 
imd viel rossende Stuten treten, wenn der Hengst eingesprungen ist, 
auch bisweilen hin und her, wodurch dem Hengste das Absamen er- 
schwert wird. Junge Stuten verraten Angst, ältere dagegen eine gewisse 
Begierde, die sich im Blick, einer breitbeinigen Stellung und im Heben 
des Schwanzes zu erkennen gibt. 

In ordenthchen Zuchtbetrieben wird jede Stute nach erfolgter Be- 
deckung nachprobiert, d. h. dem Deckhengst nochmals zugeführt, um 
zu sehen, ob sie ihn abschlägt, woraus man auf erfolgte Befruchtung 
schließt. Über den günstigsten Zeitpimkt hierfür sind die Ansichten 
noch geteilt. Früher drehte es sich treuütionell um den 9. Tag, doch 
dürfte es sich, da die Bosse nur 9 Tage dauert und die Bedeckung nament- 
lich in der Landespfetdezucht, wo die Hengste meist an einem andern 
und oft sogar ziemlich entfernt gelegenen Orte stehen, nicht sofort, 
sondern gewöhnhch erat am 2. oder 3. Tage der Bosse ausgeführt wird, 
empfehlen, das Nachprobieren in der Zeit vom 5. — 7. Tage vorsunehmen 
und die Stute, falls sie dann noch roQt, decken zu lassen. Hierdurch 
wird zwar unter Umständen etwas mehr Zeugungskraft beansprucht, 
aber anderseits auch die Befruchtungszifiei verbessert. Demgegenüber 
macht der erfahrene Grabensee*) darauf aufmerksam, daß vielfach 
Stuten trotz eingetretener Befruchtung den Hengst annehmen und dann 
infolge der geschlechthchen Erregung gleich bei Be^nn der Trächtigkeit 
verwerfen, ohne daß dies bei der Kleinheit des Fötus bemerkt wird. 
Eine solche Stute, die verfohlt hat, ist denn natürlich schwer wieder 
trächtig zu bekommen. Grabensee empfiehlt deshalb das Nach- 
probieren anstatt wie übhch nach 7 — 9 Tagen erst nach 3 Wochen vor- 
zunehmen. Sehr sorgfältig geschieht das Nachprobieren in der Vollblut- 
zucht, einmal weil das Deckgeld hoch, imd weil anderseits die Erzeugung 
eines Fohlens in der Regel die einzige Leistung ist, die eine solche meist 
teure Vollblutstute ihrem Besitzer liefert. 

So werden die zum Belegen nach dem ungarischen Staatsgestüt 

') Grabeosee, Deutsche landw. Tierzucht 1913, S. 194. 



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nL Die Paarung und Begattnng. J77 

Kisb^r gebracliten Vollblutatuten vom 9. Tage nach dem Abfohlen an 
bis zur ersten Rosse zunächst jeden Tag probiert. Nach dem Decken 
bleiben sie 9 Tage in Ruhe, dann erfolgt das Probieten wiederum jeden 
2. Tag und, wenn die Tiere 6 Wochen hindurch abschlagen, jeden 3. Tag 
während der ganzen Deckzeit, die vom 16, Februar bis zur Mitte des 
Jnli dauert^}. In Kisb4r wird sogar durch eine beim Deckakt anwesende 
Romnussion eine Niederschrift über die Erledigung des Vorgangs auf- 
genommen. In Graditz wird jede Stute am 1. und 3. Tage der Rosse 
gedeckt und erhält noch einen Sprung, wenn sie am 9. Tage nach dem 
ersten Sprunge den Hengst noch annimmt. Dann wird sie erst am 9. Tage 
wieder probiert*). 

Das Benehmen des Hengstes beim Deckakt ist sehr verschieden, 
Oewöhnhch nähert er sich der Stute mit steifem, häufiger an die Bauch- 
wand anschlagenden Gliede, beriecht ihre Scham, kneift sie, springt auf, 
um dann nach einigen Stoßbewegungen unter eigentümlichem Schweif- 
heben abzusamen. Andre wiederum stürmen, sobald sie in den Sprung- 
raum kommen, ungestüm auf die Stute los und schieben sie wohl dabei 
auch ein Stück gewaltsam vorwärts. Manche Hengste beißen sich nach 
dem Aufspringen so im Kamme der Stute fest, daß sie diesen verletzen, 
weshalb man den Hals durch Leder — man schnallt ein Stück Pferde- 
haut mit Mähne auf — schützt. Hengste, die edle und besonders Voll- 
btutstuten decken, müssen sich zweckmäßigerweise bereits hinter der 
Stute fertig machen und sofort aufsteigen, weil diese Stuten durch Be- 
riechen und Kneifen meist unruhig werden, was bei ihrem gefesselten 
Znstande gefährlich ist. 

Einzelne alte, faul deckende Hengste sollen ihre Umgebung dadurch 
täuschen, daß sie trotz der oben angeführten Stöße und Schweifbewe- 
gungen doch nicht absamen, was der Beschälwärter durch Anlegen des 
Fingers an die untere Rutenfläche dicht hinter der Scheide prüfen kann. 
Fühlt er den stoßweisen Samenabfluß nicht, so ist die Absamung unter- 
blieben. 

Kühe stellen sich gewöhnlich ruhig und verhältnismäßig teilnahmlos 
hin. Sind sie nicht rindrig, oder ist die Brunst vorbei, so weichen sie 
dem Bullen aus. Dort, wo dieser mit den Kühen gemeinsam zur Tränke 
oder auf die Weide oder auf die Diingerstätte geht, findet er die rindrigen 
Kühe gewöhnlich sofort heraus; diese können nunmehr am Stricke zum 
Decken vorgeführt oder frei belegt werden. 

*) Mündliche Mitteilungen des Herrn (üeBtütskommandanten Major Deseö 
do Szent Viazlo in Kisb6r. 

*) Mündliche Mitteilungen dee Herrn Geatütsoberroßarztes Wagner in Repitz. 
Fascb-Hanaen, AJIgemetDe Tienncht. S. AbB. 12 



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178 



4. Abschnitt. Zeugung «nd Vererbung. 



Bullen springen gewöhnlich schnell auf, ssmen, oft nur einen kräftigen 
Stoß naachend, ebenso schnell ab und kUnunem sich eigentUch wenig 
oder gar nicht um das weibliche Tier. Da ihrem Begehren von Seiten 
des letzteren in der Regel kein oder nur wenig Widerstand entgegen- 
gebracht wird, so verläuft der Akt ohne besonderes Liebeswerben, ohne 
Zwang, aber auch ohne Äbwehnuaß regeln. 

Sollen kleine Bullen auf große Kühe verwendet werden, so muß 
man diese tief stellen, weil die ersteren mit ihtem Penis nicht weit genug 




Fig. 109. Sprungatand fQr die Kühe des Raaeestalla der Tierärztlichen Hachschnle zu Dresden. 

(Aus PBSOh, BsnrteilDBg das Rindei, Pare j-Berlin. ) 

o = L&nge deB Sprangstandes 1,R0 m d = Hflhe der Sefaranks 0,U m 

b = vordere Breite des . 0,ET m i = Tiefe der Qmbe vorn D,M> m 

t = mittlere . . . l.iO m f= ^ .. , bluten 0,13 m 

langen. Sie heben sich wohl zwar im Moment der Ejakulation hinten 
etwas vom Boden, fallen aber dann, da sie sich mit den Vorderbeinen 
nicht genügend auflegen können, nach dem Äbsamen leicht herunter, 
wodurch bisweilen Beschädigungen auftreten. 

Im Zuchtbetriebe des Bassestalls der TierärztUchen Hochschule zu 
Dresden hat sich der in den Fig. 109 und 110 abgebildete Sprungstand 
gut bewährt; er ermöglicht es, auch die größten Kühe von jungen und 
kleinen Bullen decken zu lassen. 



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III. Die Paarung und Begattung. 179 

Schaf- und Ziegenböcke erledigen den Dectalit ebenso schnell, 
wobei die ersteren zu dem brünstigen Schafe in die Bucht gebracht 
werden, während die Ziege am Strick zugeführt wird. Länger dauert 
die Ausübung des SpninggeschäftB beim Eber, der die Sauen in der 
Bucht umhertreibt, sie unsanft mit dem Rüssel bearbeitet und dann 
gewöhnlich lange Zeit braucht, um abzusamen. 

Durch den Deckakt kommen unter Umständen bei Stuten und 
Kühen nach heftigem Aufspringen der Hengste und Bullen Wirbel- 



Fig.llO. Orofie Kab I14scm) im Spraogstande. (Ans Pnsch, BeDTtellnng des Rindes, 
Psrey. Berlin.! 

und Knochenbrüche, wie auch Scheidenrupturen und bei Stuten auch 
Mastdarmeinrisse vor, für die der Hengst- bzw. Bullenhalter nach § 833 
dea B.G.B. unter Umständen haftbar gemacht werden kann. 

Bei alten Kühen der Höhenrassen stellt sich als Folge einer Drehung 
des Beckens, die mit Hebung der Sitzbeine, Senkung des Bauches und der 
Gebärmutter, Erschlaffung des Bindegewebes im Becken und Schwund 
des Fettes verbunden ist, eine Verlagerung der Scham ein, die nun nicht 
mehr von oben nach unten, sondern von vorn nach hinten gestellt ist. 
Hierdurch wird die Einführung des Penis erschwert, weshalb man solche 
Kühe beim Deckakt hinten tief stellen muß, damit die Kichtung der 
Scheide sich wieder mehr der Norm nähert (Fig. 111). 



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IgO 4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

Beim weiblichen Tiere wird durch die Begattung ein mehr oder 
weniger starker Reiz auf die Schleimhaut der Geschlechtsorgane aus- 
geübt, der sich nach dem Abspringen der männlichen Individuen in 
Fressen, mehrfachem Harnlassen und Krümmen des Rückens geltend 
macht. Der Laie sieht ein derartiges Verhalten in der Meinung und 
Furcht, der Same möchte wieder herausgedrückt oder am Eintritt in 
die Gebärmutter gehindert werden, nicht gern, und letztere Annahme 
ist auch nicht ganz von der Hand zu 
weisen. Zur Beseitigung des Fressens 
läßt man Kühe und Stuten führen 
oder reiten oder legt ihnen einen 
nassen Sack auf den Rücken, oder 
gibt ihnen kalte Güsse auf die Schei- 
dengegend. 

Die zwischen Scheidenvorhof 
und der eigentlichen Scheide ge- 
legene Scheidenklappe — Hymen — 
(Fig. 84*) verschwindet im zucht- 
fähigen Alter beinahe vollständiguiid 
ist selten ein Begattungahindernis. 
Bisweilen wird der Deckakt trotz regen Geschlechtstriebes durch 
mechanische Hindernisse oder Störungen im Kerv-ensystem erschwert 
oder unmöghch gemacht, wodurch ein Zustand entsteht, den man als 
Begattungsimpotenz bezeichnet. Bei den mechanischen Hindernissen 
handelt es sich entweder um Fehler an der Rute oder des Schlauches 
oder um Gebrechen, die das Aufrichten der Vorhand erschweren. 

über die Papillome der Rute bei Bullen, die die Einführung des 
Gliedes in die Scheide oft unmöglich machen, ist bereits S. 165 das 
Nähere ausgeführt worden. Was den Schlauch anlangt, so kann sein 
Mündungsteil so eng sein , daß die Rute nicht genügend weit aus- 
geschachtet werden kann, auch kommen beim Bullen Verwachsungen 
des hinteren Rutenendes mit dem inneren Vorhautblatt vor. Weiter 
kann auch ein starker Nabelbeutel das Heraustreten der Rute er- 
schweren bzw. das gesteifte Glied von seiner normalen Richtung 
ablenken. 

Von den äußeren Gebrechen, welche die Aufrichtung der Vorhand 
erschweren, sind besonders Knochen- und Gelenkleiden, Ballenentzün- 
dungen und Empfindlichkeit in der Lendengegend zu nennen. 

In die Gruppe der nervösen Störungen gehört das eigentümliche 
Verhalten junger Bullen, die an sich schon wenig Geschlechtslust zeigen. 



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in. Die Paarung und Begattung. Xgl 

nach dem Aufspringeit abzusamen, ehe sie den Penis in die Scheide ein- 
führen, oder auch, ohne aufzuspringen, hinter der Kuh stehend zu 
onanieren. 

3. DI« gMdilechtllche Ausnutzung der Zuchttief«. 

Bei den weibUchen Zuchttieren ist der geachlechtlichen Ausnutzung 
schon durch die Dauer der Trächtigkeit ein gewisses Ziel gesetzt. Dem- 
nach gebären ' Stuten und Kühe jährhch nur einmal, und das gleiche 
ist der Fall bei Schafen und Ziegen, obwohl in Rücksicht auf die Trage- 
zeit ein zweimaliges Lammen möghch wäre. Sauen ferkeln dagegen fast 
in allen Wirtschaften zweimal im Jahre. 

Bei mäonlichen Tieren richtet sich die Anzahl der täglich zu leisten- 
den Sprünge nach der Tiergattung, dem Alter und dem Werte, und die 
Zahl der zuzuteilenden weihhchen Individuen nach dem ganzen Zucht- 
verfahren. Dort, wo die Bedeckung im Interesse der Arbeitsleistung oder 
des Weidegangs auf einen bestimmten Zeitraum im Jahre fällt, muß die 
Zahl der weiblichen Tiere kleiner sein als dort, wo die Sprungzeit über 
das ganze Jahr verteilt ist. 

Bei Pferden dauert die Deckperiode in den von den Landgestüten 
besetzten Beschälstationen etwa von Ende Januar bis Ende Juni, wäh- 
rend man in den Gestüten schon im Spätherbst mit der Bedeckung 
beginnt. Die Landbeschäler decken auf den Stationen im Lande im 
Durchschnitt 50 — 60 Stuten für ein bestimmtes mäßiges Deckgeld, da- 
gegen wird den Tieren in der Privat hcngsthaltung viel mehr zugemutet, 
und es bt keine Seltenheit, daß Hengste in England, Oldenburg und 
anderwärts, in ersterem Lande oft umherziehend — Hengstreiterei — bis 
zu 200 Stuten belegen. Nach Groß^) hat der ostfriesische Hengst 
Sultan II innerhalb 10 Jahren 2257 Stuten gedeckt und 65,57 % davon 
befruchtet. Die höchste Stutenzahl hatte er 1902 mit 315, und vierjährig 
bellte er in seiner zweiten Deckperiode bereits 313 Stück. Natürlich 
kann eine derartige Beschälertätigkeit nur bei reichüchem, protein- 
haltigem Futter entfaltet werden. 

Indessen gibt die Zahl der Stuten nicht immer die geschlechtlichen 
Anforderungen an, die von den Tieren verlangt werden, denn zwei Hengste, 
die je 100 Stuten decken mußten, können verschieden viele Sprünge 
geleistet haben, je nachdem die Stuten leicht oder schwer aufnehmen, 
was von den Witterungs- und Haltungsverhältnissen und von dem 
Zustande der ganzen Landespferdezucht abhängig ist. Im allgei 

I) Deutache landw. Tierzucht 1909. S. 3. 



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X82 4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung^ 

darf man die Aufnahmefähigkeit der Stuten als günstig bezeichnen, 
wenn sie durchschnittlich nur zwei Sprünge benötigen. 

Braucht man die Deckhengste, wie überhaupt jedes männliche 
Zuchttier, zu stark, so schädigt man nicht nur deren Begattirngs- und 
Befruchtungsvermögen, sondern auch die Qualität ihrer Nachzucht; 
deshalb wird die Stutenzahl für wertvolle Vollbluthengste auch nur auf 
30 — 40 Stück bemessen und die zu bedeckende Stute erst durch den 
Probierhengst auf ihre Rossigkeit bin geprüft. Ob eine derartige vor- 
sichtige Benutzung selbst in Ansehung des Umstandes, daß Vollblut- 
stuten in der RegeL mehrere Sprünge verlangen, vom physiologischen 
und züchterischen Standpunkt betrachtet notwendig und deshalb 
an sich als zweckmäßig zu bezeichnen ist, mag hier uuentschieden 
bleiben. 

Auf den preußischen Beschälstationeu soll der volljährige Land- 
beschäler nicht mehr als zweimal am Tage decken uud Sonntags ruhen, 
der vierjährige aber nur einmal belegen und auch in der Woche noch 
einmal ruhen. In Oldenburg und bei den Hengstreitem decken die 
Hengste unter Umständen 4 — 6-, bzw. 6 — 8mal am Tage. 

In der Rinderzucht findet die Belegung der KUhe bei Stallhaltung 
in der Regel das ganze Jahr über statt, wobei ein ausgewachsener Bulle 
bis 100 Kühe befriedigen kann. Da man in Privatzuchten aber fast 
ausnahmslos in einem größeren Bestände einen Reservebullen hält, so 
ist das zu leistende Maß gewöhnhch ein geringeres, während die ge- 
schlechthche Arbeit, die den Bullen bisw^len in Bauemgemeinden zu- 
gemutet wird, oft jeder Beschreibung spottet. So sind Fälle beobachtet, 
wo einzelne Tiere bis 400 Kühe decken und junge, in der Körperent Wick- 
lung noch vollständig unfertige Individuen täglich 4r-r-8mal springen 
mußten, noch dazu sehr oft bei einem kärglichen Futter. Wenn hier 
die Kühe nicht tragend werden und die jungen Bullen in ihrer Entwick- 
lung zurückbleiben, so ist das nur zu erklärlich. 

Dort, wo man die Kalbezeit, wie das in Weid^egenden zu geschehen 
pfl^, auf einen bestimmten Zeitpunkt verlegt, teils um die Kälber bei 
Beginn der Weidezeit austreiben, teils um beim Abtrieb von der Weide 
hochtragendes Material verkaufen zu können, kann ein Bulle nur eine 
kleinere Anzahl von Kühen belegen. 

Im allgemeinen dürften folgende Normen gelten: Genügende Er- 
uähnmg und mittlere Frühreife vorausgesetzt, kann man zuweisen einem 
Bullen von 1'2 — 18 Monaten jährlich 40 — 60 Kühe, 

„ 18—24 „ „ 60—90 „ 

älteren Bullen „ 90—120 „ 



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m. Die pBATung und B^attuDg. 133 

Leider machen aich aber in Bullenhaltungsgenossenachaften mit nur 
1 — 2 Bullen oft Ausnahmen hiervon erforderlich, in denen dann die 
Vateitiere viel mehr Kühe decken müssen. 

Findet die Sprungzeit nicht während des ganzen Jahres, sondern 
nur während bestimmter Monate statt, so sind diese Zahlen in Beständen 
mit nur einem Bullen um die Hälfte und in andern um ein Dritt«! zu 
vermindern. Ein bis zu 18 Monaten alter Bulle darf täghch einmal, aus- 
nahmsweise auch zweimal, ein ausgewachsener zwei- bis viermal decken, 
wobei vorausgesetzt werden muß, daß die Gesamtzahl der Kühe die oben 
angeführten Grenzen nicht übersteigt und die Fütterung quaUtativ eine 
entsprechend reichliche ist. 

Daß einzelnen Tieren aber viel mehr zugemutet wird, beweist der 
ostfriesische Stammbulle Elso Nr. „2011", der in nicht ganz fünf Deck- 
perioden 1420 Tiere und, wie angegeben wird, mit bestem Erfolge deckte. 
Vom 1. April 1901 bis 20. Juni 1902 wurden ihm, nachdem er bereits 
das 4. Lebensjahr zurückgel^ hatte, noch 429 Tiere zugeführt, was 
unterblieben wäre, wenn aich Elso schlecht vererbt oder wenn er schlecht 
befruchtet hätte*). 

Bei den Schweinen findet das Ferkeln im Jahre zweimal und zu 
verschiedenen Zeiten statt. Die Eber decken die Mutterschweine meist 
im Koben und dann ebenso wie auf der Weide häufiger, als notwendig 
ist, wodurch unter Umständen Zeugungskraft vergeudet wird. Ein 
Eber soll 20 — 30 und bei Verteilung der Geburten über das ganze Jahr 
nicht mehr ak 40 — 50 Sauen belegen und bis zu zweimal tägUch decken. 
Hier will man die Erfahrung gemacht haben, daß bei überreichlicher 
Inanspruchtuihme der Eber die Zahl der Ferkel abnimmt. 

Die Schafe werden im Herbst belegt, die Sprungzeit verläuft inner- 
halb 4 — 6 Wochen. Damit die wertvolleren Böcke sich nicht unnütz 
abspringen, werden die brünstigen Schafe durch Probierböcke ausgesucht 
und dann dxacb die Bestimmungsböcke gedeckt. Auf einen jungen Bock 
werden 40, auf einen älteren 60 Schafe gerechnet; dem letzteren werden 
an einem Tage 4 — 6, dem erateren bis 2 Muttertiere zugeteilt. Lamm- 
böcke dürfen nicht mehr als 15 Schafe decken {S, 152). 

Ziegen lammen vor Ost«m, die Sprungzeit ist demnach wie bei den 
Schafen eng begrenzt. In der Ziegenhaltung herrscht nun zwischen 
der Zahl der Mutterziegen und derjenigen der Böcke fast überall ein 
geradezu schreiendes Mißverhältnis, indem einem oft nur halbjährigen 
Bocke 100 und mehr Ziegen zugeteilt und mehrmals in der Woche iägtich 



1) ninstr. Undw. Zeitg. 1»0S. S. 135. 



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Ig4 4. AbBohnitt. Zeugung und Vererbung. 

5 — 6 Sprünge Kbverlangt werden. Wenn trotzdem, und noch dazu bei 
spärlicher Fütterung, die mancherorts nui durch ein Stück Salzbrot 
verstärkt wird, ein gutes Befnichtungsergebms sowohl in Rücksicht auf 
die Zahl der Ziegen wie in Rücksicht auf diejenige der erzeugten Zickel 
die Folge ist, so ist das nur durch die große Fruchtbarkeit und durch 
die leichte Empfängnis der weibhchen Tiere zu erklären. 

Als Norm für eine Sprungperiode darf gelten: 

Ein halbjähriger Bock kann decken 40 Ziegen und täglich nicht 
mehr als 2, 

ein um ein Jahr älterer Bock 100 Ziegen und täglich nicht mehr ab 6. 

IV. Die BefrnchtaDg. 
1. Allgmwlnes. 

Die Befruchtung ist die Vereinigung von Samenfaden und Ei, die 
in der Regel im Eileiter, imd zwar in der ab Ampulle bezeichneten 
Erweiterung desselben erfolgt. Dort findet das gereifte Ei {S. 143) die 
in den Palten sitzenden Spermatozoen, sofern eine Begattung vorher- 
gegangen ist. Bei letzterer werden die Samenfäden entweder an den 
Gebärmuttermund oder in die Gebärmutter (S. 175) gebracht bzw. 
von dieser angesaugt und gelangen nun durch ihre Eigenbewegung in 
den Eileiter, wo sie entweder das Ei bereits treffen oder es erwarten. 

Während die Eier im Falle des Ausbleibens der Befruchtung bald 
zugrunde gehen und meistens bereits abgestorben sein sollen, wenn sie 
in die Gebärmutter gelangt sind, ist die Lebensfähigkeit der Samen- 
fäden eine größere, hat man doch gesehen, daß sie sich bei der Frau 
9 Tage nach dem Koitus noch bewegten. Die Eigenbewegung be- 
fähigt die Samenfäden, sich schon wenige Stunden nach der Begattung 
im Eileiter einzufinden, während der durch die FUmmerbewegung des 
Eileiterepithels bedingte Trausport des Eies von der Ampulle bis zum 
Uterus mehrere Tage (3 — 10) in Anspruch nimmt. Die kurze Lebensdauer 
unbefruchteter Eier und ihre langsame Wanderung rechtfertigen deshalb 
den Zweifel, ob eine Befruchtung im Uterus überhaupt noch möglich ist. 

2. DI« abnormen Befruchtungwi. 

a) Die Extraatermschvangerschaft. 
Die Entwicklung des befruchteten Eies erfolgt in der Gebärmutter. 
Vollzieht sie sich ausnahmsweise an einem andern Orte, so nennt man 
den Zustand Extrauterinschwangerschaft und unterscheidet diese je 



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IV. Die Befruchtung. Ig5 



nach dem Sitze wieder in eine solche des Bauche«, des Eileiters und 
Eierstocks. 

Eileiter- und Eierstocksträchtigkeit können nach F r a n c k>) keine 
normalen Geburten zur Folge haben, weil die Wandungen dieser Organe 
der starken Ausdehnung der Frucht nicht widerstehen. Es treten daher 
Berstungen ein, die in der Regel zum Tode des Muttertieres führen. Die 
Bauchschwangerschaft dagegen verläuft meist so, daß die Frucht ab- 
stirbt und, da sie nicht nach außen geschafft werden kann, eintrocknet 
(mumifiziert). Derartige Steinfrüchte schaden dem Muttertiere fast nie 
etwas und werden dann zufällig bei der Schlachtung gefunden. Eine 
neue Trächtigkeit ist dabei nicht ausgeschlossen. 

b) Die Überschwftngenmg (Snperfökundation). 

Man versteht darunter die Befruchtung mehrerer Eier ein und 
derselben Bmnstperiode durch verschiedene Vatertiere. Sie ist bei 
wilden Tieren sehr häufig und auch bei den Haustieren dort nicht selten, 
wo diese, wie Hunde und Katzen, meist unb^renzte Freiheit genießen, 
oder wo mehrere männtiche Individuen frei in der Herde gehen. 

Natürüch wird die Superfökundation nur sichtbar, wenn die ver- 
schiedenen Väter ein verschiedenes Aussehen hatten. Wird z, B. eine 
Schäferhündin während ein und derselben Brunstperiode von einem 
Pudel und einem Foxterrier belegt, so kann der Wurf aus Jungen be- 
stehen, von denen ein Teil den Typus des Pudels, der andre denjenigen 
des Foxterriers trägt. Es hegt sogar eine Beobachtung vor, nach der 
eine Stute ein Pferde- und ein Maultierfohlen zur Welt brachte*). Dem 
Verständnis der embryonalen Vorgänge steht hier nichts im Wege, denn 
einmal Avnrden mehrere Eichen abgelöst, und anderseits wanderten 
Samenfäden beider Vatertiere in den Eileiter hinein. 

c) Die Überfnichtang (SaperfOtation). 

Die Superfötation ist die Befruchtung von Eiern verschiedener 
Brunstperioden durch ein und dasselbe oder durch verschiedene Vater- 
tiere. Die Früchte sind daher nicht gleich alt und werden entweder, 
was selten vorkommt, zu verschiedenen Zeiten ausgetragen, oder es 
wird die erste Frucht abortiert und die zweite regelrecht ausgetragen, 
oder die zweite unreife Frucht mit der ersten reifen ausgestoßen. 

1) Handbuch der tierärztl. Geburtehilfe. Berlin 1901. S. 227. 

») Rec. d'hyg. et de taM. v6t. iwlit., T. X. Ref. von Ellenberge r- 

Schütz, Jahresbericht 100». S. 298. 



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186 4. Abschnitt Zeugung und Vererbung. 

Fälle dieser Art sind in der Literatur mehrfach beschrieben worden. 
So brachte eine i^j^eiiinge Sau, die vorher jedesmal zwölf Fericel ge- 
worfen hatte, am i. Dezember die gleiche Anzahl zur Welt, von denen 
sie fünf erdrückte. Am 20. Dezember, also nach 16 Tagen, warf das 
Tier abermals zehn Ferkel, erdrückte wiederum fünf, so daß von beiden 
Würfen zwölf Stück übrig blieben, die sich trotz des verschiedenen Alters 
gut vertrugen. Das Mutterschwein war der Sicherheit halber dem Eber 
einige Zeit nach der ersten Bedeckung nochmals zugeführt worden^). 
Von einer Kuh wird sogar berichtet, daß sie zweimal überfruchtet wurde 
und drei Föten von verschiedener Entwicklung zur Welt brachte, nach- 
dem sie zu drei verschiedenen Brunstperioden belegt worden war*). 

Solche Überfruchtungen sind somit regelwidrige, von dem nor- 
malen phyuologischen Verhalten abweichende Vorkommnisse, die in- 
dessen bei Pferden, Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen und Hunden 
sehr selten, d^egen verhältnismäßig oft bei Hasen auftreten. Sie sind 
deshalb seltene Erscheinungen, weil die Brunst bei Tieren nach erfolgter 
Befruchtung in der Regel ausbleibt, weil, wenn Brunst vorhanden war, 
doch keine Ovulation vor sich geht, und weil sich endlich der Mutter- 
mund nach erfolgter Befruchtung fester schUeßt. 

d) Die abnorme Tieltr&chtigkeit. 

Hierher sind zunächst die Zwillings- und Mehrgeburten bei uni- 
paren Tieren zu rechnen. Man unterscheidet die Haustiere in unipare, 
die nur ein Junges, und in multipare, die mehrere Junge gebären. Zu 
den ersteren gehören Pferd und Rind und zu den letzteren Ziege und 
Schwein, während das Schaf in der Mitte steht, indem einselne Rassen 
in der Regel mehr als ein Lamm werfen. 

Die Mehrgeburten beruhen darauf, daß sich während der Brunat 
mehrere Eier ablösen, die befruchtet werden — regelmäßiger Voigang 
beim Schweine und bei der Ziege — , oder daß sich aus einem G r a a f- 
schen Folhkel zwei Eier oder aus einem befruchteten Ei durch nach- 
trägliche Spaltung zwei Eikeme entwickeln. Das letztere ist indessen sehe 
selten. Im eisten Falle werden mehrere, im zweiten und dritten aber 
nur je ein gelber Körper vorhanden sein, auch werden die beiden Früchte 
in dem dritten Falle in einer gemeinsamen EihüUe liegen. Zwillinge 
letzterer Art heißen eineiige oder identische und sollen immer das gleiche 
Geschlecht haben. 

*) Mitteilungen der Vereinigung deutscher Schweinezüchter ISS9. S. 10. 
') IlIuHtr. landw. Zeitg. 1909. S. 317. 



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IV. Die Befrachtung. X87 



Zwillinge sind bei Pferden sehr selten (1000 : 3) und bei Kühen 
nicht häufig. In manchen Jahren und in manchen G^enden beobachtet 
man den Zustand indessen auch bei Stuten und Kühen häufiger. Die 
Ursache wird dann von den Züchtern nicht selten dem Hengst bzw. 
Bullen zugeschoben. 

So wurde mir in einer Gemeinde, in der man dea guten Milchabsatzes 
wegen nur wenig Jungvieh aufzog und nur an einem möglichst hohen 
Gewicht der Schlachtkälber Interesse hatte, ein Bulle deshalb als so 
wertvoll bezeichnet, weil nach ihm viel Zwillingskälber fielen; man hatte 
den Wunsch, das abgehende Tier durch ein ebenso leistungsfähiges zu 
ersetzen. Die ZwilHngsgeburten waren hier allerdings auffälUg, indem 
bei einem Bestände von 100 Kühen innerhalb 6 Wochen fünfmal Zwil- 
lingskälber geboren wurden. 

Kach dem augenblicklichen Stande unserer Anschauungen muß man 
obige Annahme als nicht zutreffend bezeichnen, weil es in erster Linie 
darauf ankommt, daß die Kuh während einer Brunstpenode zwei Eier 
Uefert, während die bei einem Sprunge eingespritzten Samenfäden ihrer 
Menge nach immer zur Befruchtung mehrerer Eier ausreichen. Will 
man aber dem Bullen für solche Fälle durchaus einen Einfluß zumessen, 
so muß man annehmen, daß die von den Kühen ausnahmsweise ge- 
heferten zwei Eier zu verschiedenen Zeiten abgelöst werden, und daß 
nun das Vatertier insofern eine größere Einwirkung auf die Mehrttächtig- 
keit ausüben kann, als seine Samenfäden lebensfähiger sind, während 
diejenigen andrer Bullen eher absterben und somit das später austretende 
Ei nicht mehr befruchten können. 

Die Ursache der Vielträchtigkeit liegt in der Rasse und Abstammung, 
in den Emähningsverhältnissen und in der individuellen Veranlagung. 
Den Einfluß der Basse kann man beim Schafe beobachten, wo die ost- 
friesischen Milchschafe selbst dann in der Regel zwei Lämmer bringen, 
wenn sie ihrer Heimat und deren üppigen Weiden entrückt sind, während 
die Merinoschafe nur ein Junges werfen. Auch frühreife Rassen liefern 
mehr Zwillingsgeburten als spätreife. 

In gewissen Ziegenfamilien ist die Vielträchtigkeit häufig, so daß 
bei jedem Zickeln vier Junge zur Welt kommen. Man setzt solche Zickel 
auch deshalb trotz ihres naturgemäß leichteren Gewichts gern ab, weil 
man die Eigenschaft mit Recht für übertragbar hält. Auf einer Tier- 
schau in der Oberlausitz wurde mir im Jahre 1910 eine weiße hornlose 
Ziege, die zum ersten Male geworfen hatte, mit fünf Jungen vorgeführt. 

Als abnorme Vielträchtigkeit muß man es auch bezeichnen, wenn 
Sauen über 20 Ferkel oder Hündinnen über 15 Junge bringen. R u e f f 



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4. ÄbBchnitt, ZeugUDg und Vererbung. 



teilt einen Fall mit, wo ein Mutterschwein 22 Junge warf, vou denen 
19 lebten*). Eine andre Sau lieferte in fünf Würfen zusammen 89*) 
und eine dritte am ersten Tage 16 und am folgenden Tage noch 18 Ferkel, 
von denen 2 totgeboren wurden und 12 starben, so daß noch 20 übrig 
blieben'). Eine Hündin, die bei drei vorausgegangenen Geburten 14, 13 
und 11 Junge geworfen hatte, lieferte innerhalb 24 Stunden 22 gut ent- 
wickelte Hündchen im Gewicht von je 280—300 g*). B 1 o m f i e 1 d^) 
erwähnt, daß es in England in manchen Distrikten mit starker Schaf- 
zucht schon seit längerer Zeit übUch sei, solche Schäfer mit Geldpreisen 
auszuzeichnen, denen es gelingt, von einer gewissen Anzahl von Mutter- 
schafen die meisten Lämmer zu erzielen. Die Schäfer müssen deshalb 
darauf achten, die Tiere während der Sprungzeit gut zu füttern und 
möglichst solche Böcke und Schafe miteinander zu paaren, die selbst 
aus Zwillingsgeburten stammen, eine Ansicht, die schon Aristoteles 
vertritt^). Auch beim Rehwild soll man nach S c h m a 1 1 z') in frucht- 
baren Jahren in einzelnen Revieren häufiger ZwilUnge beobachten, deren 
Entstehung auf günstige Emährungsveihältnisse zurückgeführt wird. 

Was die ausnahmsweise Vielträchtigkeit anlangt, so liegen Beob- 
achtungen vor, daß Rinder bis zu sieben und Schafe bis zu acht Jungen 
gebären können. In der Regel werden aber die vielen Früchte nicht 
ausgetragen, sondern abortiert, in andern Fällen sterben die Jungen 
kurz nach der Geburt, in andern wiederum wird die Mutter so mit- 
genommen, daß sie entweder dauernd kränkelt oder kurz nach der Ge- 
burt zugrunde geht. 

Endlich zeichnen sich auch einzelne Tiere durch häufige Vielgeburten 
aus. So brachte eine Kuh in den Jahren 1892 und 1893 Drillinge, 1894 
Zwillinge und 1895 Vierlinge von normaler Entwicklung zur Welt^), 
eine andre nach L ö f m a n n*) in einem Zeitraum von etwas über einem 
Jahre neun Kälber, zuerst vier, hiervon eins tot, drei gesund, dann fünf 
vollständig ausgebildet, aber tot. Die Kuh erkrankte 3 Tage nach dem 
Kalben und verendete plötzlich. Hermann v. Nathusiu s"*) 

') Wochenblatt fürLand- und Foratwirtechaft in Württemberg 1862. S. 272. 
") Deutsche Landw. Presse 1903. S. 215. 
3) riluatr. landw. Zeitg. 1905. S. 857. 
♦) Ticrärztl. Zentralblatt 1904. S. 287. 
>) Deutsche Landw. Presse 1896. K. 547. 
•) Tierkunde VI. Kap, 19. 

') Schmal tE, DaaGeschlechteieben der HftUBBÄugetiete. BerIinI899. S,98. 
*) Berliner ticräratt. Wochenschr. 1895. S. 259. 
») DeBgl. 1901. Nr. 49. 
") H. V. NathuBius, Vorträge über Schafzucht, Berlin 1888. S. 233. 



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IV. Die Befruchtung. 189 



zitiert eine Beobachtung aus England, der zufolge ein Landschaf 3 Jahre 
hintereinander fünf, im 4. Jahre vier, also in 4 Jahren 19 Lämmer warf. 

Drillinge werden von Kühen gut vertragen, und mir ist ein Fall 
bekannt, in dem die drei Kälber, die bei der Geburt STVa kg wogen, 
ebenso gesund blieben wie ihre Mutter, die bereits zweimal Zwillinge 
zur Welt gebracht hatte. In Nr. 26 der Illustr. landw. Zeitung von 1904 
ist eine Kuh, Simmentaler- und Braunviehkreuzung, mit Vierlingen ab- 
gebildet. 

Im allgemeinen sieht man aber in Züchterkreisen Zwillingsgeburten 
bei Pferden und Bindern nicht gern, weil die Mütter angegriffen und 
die Jungen doch mehr oder weniger als Schwächlinge geboren werden, 
die sich zur Zucht nicht eignen. Deshalb rät auch Graf Lehndorf f •), 
Vollblutstuten, die Zwillinge gebracht, nicht zu kaufen. 

3. Dia ZBlchen derTrSchtlgkeit 

Die Zeichen der Trächtigkeit beruhen auf einer Veränderung im 
Wesen und in der Form der Tiere. Oft sind sie bis in das letzte Stadium 
hinein trügerisch, so daß Irrtümer vorkommen. 

Neuerdings ist es nach der Methode des dänischen Tierarztes 
Albrechtsen gelungen, schon nach 4, ziemlich sicher nach 6 Wochen 
durch Untersuchung vom Mastdarm aus die Trächtigkeit festzustellen. 
Dieses Verfahren ist einfacher als die Dialysiermethode von Abder- 
halden, und es fragt sich, ob letztere, die auf der Feststellung von 
Abwehrfermenten im Blut trächtiger Tiere beruht, für die Tierhaltung 
eine große praktische Bedeutung besitzt. Die Abderhalden sehe 
Methode setzt das Vorhandensein eines Laboratoriums sowie allergrößte 
Peinlichkeit bei der Untersuchung voraus, und trotzdem vennag sie offen- 
bar bei Tieren nicht so frühzeitig zutreffende Resultate zu geben, daß sie 
der manuellen Untersuchung überlegen ist^). Nach Richter und 
Schwarz fallt im ersten Drittel der Trächtigkeit die Abder- 
halden sehe Reaktion oft negativ aus und anderseits kommen nicht 
selten bei frischmelken Kühen positive Reaktionen vor'). 

Soweit man auf eine direkte Untersuchung verzichtet, gilt als ein 
wichtiges Anzeichen stattgefundener Befruchtung das Ausbleiben der 
nächsten Brunst. Indessen kommt es auch vor, daß Stuten, Kühe, 



■) Handbuch für Pferdezüchter, 4. Aufl. BoHin. S. 224. 
*) Mündliche Mitteilungen dea Herrn Prof. Dr. O. M ü 11 e r, Königsberg j. Pr. 
'} Jahrb. f. wisBensch. u. prakt. Tierzucht 1914, 9. Jahrg., S. 305, nach Zcitschr. 
f. Tiermedizin 1913, Bd. XVU. 



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J90 4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung- 

Schweine UBW. trotz au^ebliebener Befruchtung erst nach Monaten 
wieder Brunaterscheiniuigen zeigen, während die letzteren umgekehrt 
auch trotz Befruchtung noch auftreten können. Immerhin ist es aber 
doch selten, daß Stuten auf das Fohlen rossen und Kühe auf das Kalb 
rindern, doch gibt es nach Beobachtungen im Gestutsbetriebe auch 
Stuten, die trotz der Trächtigkeit jährlich im Sommer Brunst- 
erscheinungen zeigen. Bisweilen rossen auch Stuten, die 4 — 5 Mo- 
nate tragend sein sollen, und die dann bald nach dem erneuten Decken 
verfohlen, Der Abortus ist hier aber nicht die Folge der Bedeckung, 
sondern die Stuten rossen, weil die Fohlen abgestorben sind und einen 
Reiz ausüben, der zur Rosse fuhrt*). 

Nach erfolgreicher Bedeckung ändert sich das Wesen der Tiere 
insofern, als namentlich Stuten ruhiger, schlaffer und etwas träger in 
der Arbeit werden. Sie gähnen häufiger, schwitzen leichter, lassen von 
etwaigen Untugenden, wie Schlagen, Beißen, Zügelfangen, ab und 
werden in ihrem ganzen Benehmen vorsichtiger. Schlechte Fresser 
werden weniger wählerisch im Futter, sehen dann runder und voller 
aus, und Stuten, von denen man befürchten mußte, sie könnten dumm- 
kollrig werden, bessern sich in bezug auf Bewußtsein und Empfindung. 
Von der Mitte der Trächtigkwt ab stellt sich eine Urafangsvermehrung 
des Bauches ein, doch kommen hier bei starken Fressern sehr leicht 
Täuschungen vor, weshalb Vorsicht in der Beurteilung geboten ist. 

Als sicher kann der Zustand gelten, wenn man das Junge fühlt, 
was im zweiten Drittel der Trächtigkeit der Fall zu sein pflegt, doch 
richten sich die Verhältnisse nach der Größe der Föten, der Straffheit 
der Bauchdecken, dem Ernährungszustände und der Futteraufnahme 
der Mutter. Später stellen sich sichtbare Bewegungen des Jungen ein, 
die man vom 7. Monat der Trächtigkeit au bei Stuten besonders dann 
wahrnehmen kann, wenn man beim Tränken die Hand an den Bauch 
vor das Euter legt. Weiter kommt es zur Anschwellung der Hinter- 
beine — Stuten — und gegen das Ende der Trächtigkeit zum Einfallen 
der Kruppen muskeln (Fig. 112), Senkung des Bauches, Anschwellung 
der Scham und des Euters, Zustände, die nunmehr das baldige Heran- 
nahen der Geburt anzeigen. 

In zweifelhaften Fällen kann man bei den großen Haustieren auch 
eine Untersuchung durch den Mastdarm vornehmen, doch gehört dazu 
Übung, um den gefüllten Dickdarm nicht mit der trächtigen Gebärmutter 
zu verwechseln. 



'] Mitteilungen des Herrn GestuteobeiroQEirztes Wagner in Rcpitz. 



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IV. Die BefruchtuDg. 191 



Nach den von Weber*} im Rassestall der Tierärztlichen Hoch- 
schule zu Dresden an Kühen angestellten Beobachtungen steigt die 
Temperatur im Verlauf der letzten beiden Trächtigkeitsmonate im Durch- 
schnitt um rund 1 " C und fällt dann etwa 24 Stunden vor dem Kalben 
plötzlich auf die ursprüngliche Korm, was für die Aufsicht während der 



Flg. lli. Haohecagende State (Knsg«) mit eiDgetItUener KrappanmmkiilttDr. 

Nacht von Wichtigkeit ist. Rinder mit einer Abendtemperatur von 
39,5** und darüber hinaus kalben in der nächsten Nacht noch nicht. 
Diese praktisch wichtigen Beobachtungsei^ebnisse wären auch bei Stuten 
nachzuprüfen. 

4. Die Dauer der Trftchtlgkelt 

Die Trächtigkeit verläuft in annähernd bestimmten Zeitabschnitten, 
ihre Dauer nimmt mit der Größe der Tiergattungen zu. Der Elefant 
trägt länger als das Pteid, dann folgen, um Beispiele anzuführen, Rind, 
Schaf, Hund, Kaninchen. 

Pferde tragen nach den Ermittlungen in den preußischen und un- 
garischen Staatsgestüten 11 Monate oder genauer 333 — 343 Tage'), 

') Deutache tieräratl. Woohenschr. 1610. S. 176. 

») Graf Lehndorff, Handbuch für Pferdezüchter. 4. Aufl. S.41. 



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192 ^' Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

Die niedrigsten Zahlen sind in Trakebnen (Hengstfohlen 335)42 und 
Stutfohlen 333,38 Tage) und die höchsten (342,98 und 341,40 Tage) 
in Mezöhegyes beobachtet worden. Schwankungen kommen vor zwischen 
310 und 376 Tagen'). B^elinnen gehen, wie langjährige sorgsame Be- 
obachtungen in der verhältniBmäßig gioßen Eselzueht- und Eselmilch- 
gewinnungsanstalt Hellerhof bei Dresden ei^eben haben, 365 — 366 Tage 
tragend, bei Hengstgeburten (102 Abfohlungen) 366 Tage (Schwankungen 
zwischen 338—413 Tagen) imd bei Stutengeburten (80 Abfohlungen) 
365 Tage (Schwankungen zwischen 336 — 405 Tagen). 

Kühe brauchen zur Ausbildung der Frucht etwas mehr als 9 Monate 
(281 — 290 Tage) und kalben demnach in der 41, Woche. Gewöhnlich 
rechnet man 9 Monate + 10 Tage. Als längste Tragezeit werden 311 Tage 
angegeben-). Kalben die Kühe früher als 260 Tage nach der Bedeckung, 
so handelt es sich um Frühgeburten. Schafe und Ziegen gehen 5 Monate 
(Schafe 144 — 150, Ziegen 154 — 158 Tage) und Schweine knapp 4 Monate 
(116 Tage) tragend. 

Auf die Trächtigkeitadauer sind von Einfluß: Rasse, Frühreife, Er- 
nährung und Haltung, Alter der Mutter, Zahl und Geschlecht der Jungen 
sowie individuelle und vererbte Anlagen. Tiere frühreifer Rassen und 
erstgebärende Mütter') tragen kürzere Zeit als spätreife, krank gewesene 
und dürftig ernährte, ferner tragen Tiere, die eich durch große Milch- 
ergiebigkeit auszeichnen, länger, weil es ihnen nicht so leicht fällt, das 
.Junge in dem gleichen Zeitraum zur Entwicklung zu bringen wie kräftigere 
und ältere Individuen. Zwillinge und sehr große Früchte werden früher 
ausgestoßen, was durch die stärkere Erregung und Belästigung zu er- 
klären ist, die von ihnen aus auf den Tragsack ausgeht. 

Männhche Tiere kommen später zur Welt als weibliche, und zwar 
beträgt der Unterschied nach Graf Lehndorff bei Pferden nach 
etwa 8000 Beobachtungen knapp 2 Tage. Endhch soll nach demselben 
Autor eine beschleunigte oder verzögerte Geburt auch auf erbliche Ein- 
flüsse zurückzuführen sein. Es soll in Graditz eine Stutenfamilie geben, 
deren in drei Generationen vorhandene weibhche Mitglieder sämtlich 
14 Tage bis 3 Wochen über 11 Monate tragen. 

5. Der AlMHim. 

Eine vorzeitige Geburt, bei der das Junge tot zur Welt kommt 
oder doch bald nach der Geburt zugrunde geht, heißt Fehlgeburt, Ver- 

') Auf genaue eigene Erörterungen gestützte Angabe. 

') F r ft n c k. Handbuch der tieräratliclien GeburtBhilfe. Berlin 1901. S. 165. 

') S a b a t i n i, Untersuchungen über die Tragezeit. Jena 1908. S. 105. 



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IV. Die Befruchtung. 193 



werfen oder Abortus. Dieser krankhafte Votgang ist bei allen Haustier- 
gattungen, namentlich aber beim Rinde zu beobachten und auf Ein- 
wirkungen zurückzufuhren, die von dei Haltung und dem Futter, und 
auf solche, die von besonderen Infektionsstoflen ausgehen. Da in letzterem 
Falle in der Regel mehrere Tiere, ja oft sogar der ganze Bestand betroffen 
wird, und das Leiden dann bei Stallhaltung selbst Jahre hindurch nicht 
zu beseitigen ist, so führt der Abortus unter Umstanden zu einer schweren 
wirtschaftlichen Schädigung und zum Untergang mancher wertvoller 
Zuchten. 

Der Zweck dieses Buches verbietet eine eingehende Behandlung 
dieses Gegenstandes, es mögen daher folgende kurze Angaben geniigen: 

a) Das nicht seuchenhafte, sporadische Verwerfen wird 
hetvoi^eruf en : 

a) Durch mechanische Einwirkungen auf das tragende Tier — 
scharfes Fahren, KiederBtiirzen, tiefes Eintreten bei Benutzung der 
Stuten auf schlechten, grundlosen Wegen oder nassen Wiesen, Deichsel- 
stöße, Fußtritte, rohe Schläge, Bespringen durch andre Tiere, starkes 
Rangieren auf Bahntransporten, Drängen beim Fassieren der Stalltüren, 
unsachgemäße Untersuchungen auf Trächtigkeit von der Scheide oder 
vom Mastdarm aus. 

ß) Uubekbmmliches und verdorbenes Futter — bereiftes, gefrorenes 
Gras, desgleichen Rübeu und Kartoffeln, angefaulte Wurzeln und Knollen, 
blähende, stopfende Futtermittel, verschimmelte und durch Umsetzung 
ihrer Eiweißsubstanzen verdorbene und fernerhin verfälschte Ölkuchen 
und -mehle, durch Pilzbefall verdorbenes Rauh- und Grünfutter, Spreu 
und Kleien (Maisbrand, Mutterkorn), verschimmelte und vei^rene 
Treber, Schlempe und Schnitzel u. a. m. 

f) Fieberhafte Krankheiten — Druse, Maul- und Klauenseuche, 
Influenza, Koliken. 

S) Psychische Erregungen, wie Furcht, Schreck und Ekel. 

b) Der seuchenhafte Abortus beruht auf einem durch Bak- 
terien erzeugten Gebärmutterkatarrh, der zur vorzeitigen Ausstoßung der 
Frucht führt, was bei der Kuh meist in der Zeit vom 5. — 7. Trachtig- 
keitsmonat erfolgt. Unter Umständen unterbleibt der Abgang der ab- 
gestorbenen Frucht, die dann eintrocknet, was indessen selten ist. 

Bang und S t r i e b o 1 1^) haben als Ursache des Abortus bei 
Rindern emen Bazillus und s t e r t a g*) bei Stuten Kugelbakterien 



*) Zeitachr. f. Tiermedizin 1897. I. S. 241. 
*) Monatshefte f. prakt. Tierheilkunde 1901. 
nacb-Hanaan, AllBemeine Tierzucht. ». Anll. 



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194 ^- Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

nachgewiesen, es scheinen demnach mehrere Organismen als Erreger der 
Krankheit eine Rolle zu spielen. Die Ansteckung erfolgt durch die krank- 
haften Sekrete — Scheid enausäuQ — oder durch die nicht abgegangene, 
heraushängende Nachgeburt, dann durch Jauche, Streu und besonders 
auch durch den Deckakt infizierter Sprungtiere, in deren Schlauchtalten 
sich die Krankheitserreger gern und lange aufhalten, Die Seuche kann 
demnach durch neu angekaufte männliche, wie auch durch bereits in- 
fizierte -weibliche Zuchttiere eingeschleppt werden. Die Lebensfähigkeit 
des AnsteckungsstofFs ist so groß, daS er monatelang im Uterus wirksam 
bleiben und bei einem und demselben Tiere wiederholt Verwerfen ver- 
anlassen kann. 

Die Behandlung erstreckt sich auf strenge Isolierung der verdächtigen 
und erkrankten Tiere, soweit dies wirtschaftlich möglich ist, auf pein- 
liche Desinfektion des Standplatzes und, bei stärkerer Verbreitung, des 
ganzen Stalles, auf unschädliche Beseitigung der Nachgeburt und der 
abortierten Früchte, femer auf die Desinfektion und die medikamentöse 
Behandlung der Geburtswege der weiblichen und auf diejenige des 
Schlauches der männUchen Tiere. Sehr empfehlenswert kann es sein, 
die verdächtigen und kranken weiblichen Individuen von besonderen 
Vatertieren belegen zu lassen. In manchen Fällen ist die Vornahme der 
bekannten B r ä u e r sehen subkutanen Karbolwasserinjektionen im 
Verein mit der Translokation der so behandelten Tiere beim Binde von 
durchschlagendem Erfolge, wie viele Literaturangaben beweisen, und wie 
ich selbst auch durch eigne Beobachtungen bestätigen kann. 

6. DI« R^lmSUekeit der Betniditune und deren BeeintlinsunB. 

Dem Züchter ist es erwünscht, daß seine Tiere regelmäßig auf- 
nehmen, doch kommt es bei allen Tiergattungen vor, daß die Befruch- 
tung bei einem gewissen Prozentsatz der belegten Individuen ausbleibt. 
Die Gründe hierfür sind mancherlei Art und liegen sowohl in den Tieren 
wie in den äußeren Verhältnissen. 

Zunächst beobachtet man oft in einzelnen, namentlich nassen Jahren 
allgemein schlechte Befrucbtungsverhältnisse, die sich dann immer in 
erster Linie beim Rinde zeigen. Gewöhnlich wird hier dem Bullen zu 
Unrecht die Schuld beigemessen. Besserung in dem Übelatande erfolgt 
meist erst im folgenden Jahre. Dann ist eine reichliche, intensive Fütte- 
rung ein Feind der regelmäßigen Empfängnis und zwar umso eher, 
je mehr sie mit Nichtstun und dem Mangel jeder Bewegung, wie bei 
der Stallhaltung, verbunden ist. Tiere, die man mit oft nicht unbedeu- 



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IV. Die Beimohtung, 195 



tendetn Aufwand an Geld in eine bestechende Ausstellimgskondition 
gebracht hat, haben mit dieser nicht selten ihren ganzen Zuchtwert 
verloren. Umgekehrt erhält naturgemäße Fütterung, Weid^ang, Be- 
wegung die ZnchttaugUchkeit, weshalb man auch mit Recht der Arbeit 
»der Zuchthengste und Zuchtbullen das Wort redet. Die letztere darf 
aber nicht übermäßig anstrengend sein, denn harte, schwere Arbeit 
schadet sowohl der Fortpäanzungsfähigkeit des männhchen wie der 
des weiblichen Tieres. MännUche Tiere sollen tiach der Arbeit oder 
der Bewegung — Eber, die von der Weide aus einen längeren Weg zurück- 
legen mußten — erst eine halbe Stunde ruhen, bevor sie den Deckakt 
ausüben. 

Frühreife Tiere mit wenig of!ensichthcher Äußerung ihrer Brunst 
kommen schwer zu, oft auch deshalb, weil man die Bninsthöhc übersehen 
hat. Gewöhnlich hält es schwer, solche Stuten, Kühe, Schafe und 
Kchweine das erstemal tragend zu bekommen, besonders wenn man 
einige Brunstperioden hat vorübergehen lassen, um die körperliche 
Entwicklung möglichst vollkommen zu gestalten. Ist erst einmal eine 
Geburt erfolgt, dann tritt häufig auch eine regelmäßige Trächtigkeit ein. 
In andern Fällen sieht man aber wieder, daß Tiere zwei- bis dreimal 
annähernd zur rechten Zeit aufnehmen, um dann für immer unfruchtbar 
zu sein. 

Weiterhin setzen Inzestzucht, Krankheiten der Geschlechtsorgane 
(Scheidenkatarrh) und die noch nicht beendete Akklimatisation die Be- 
fruchtungszifTer — d. i. die Frozentzahl der Befruchtungen — herab. 
Der Akklimatisationsprozeß macht sich bei beiden Geschlechtem geltend, 
weshalb es geraten ist, Zuchttiere mögUchst einige Zeit vor der Deck- 
periode zu erwerben. 

Die Jahreszeit ist insofern von Bedeutung, als von ihr die Haltungs- 
Verhältnisse abhängen, und diese wiederum die Befruchtung beeinflussen. 
Tiere, die bei Stallhaltung häufiger bntnsteten, nehmen auf, wenn sie 
auf die Weide kommen und ein ruhiges Herdenleben führen. Bei andern 
erweist aich wiederum schon die Grünfüttening mit ihrer eröffnenden, 
entfettenden Wirkung von Nutzen. 

Endlich spielen wohl auch geschlechtlicher Widerwille zwischen 
einzelnen Zuchttieren und psychische Einflüsse eine Rolle, wie denn 
überhaupt die ganze Nerventätigkeit auf die Fortpflanzungsvorgänge von 
großem Einfluß ist. 

Bei Pferden bezeichnet man 80 % der Befruchtungen als ein sehr 
gutes Resultat, und man findet eine solche Zahl höchstens in einzelnen 
Gestüten und in besonders bevorzugten Pferdezuchtdistrikten, in denen 



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196 4- Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

ein vollständig akklimatisierter Stutenstamm vorhanden, und die Haltung 
der Stuten eine sehr sacligemäOe ist. Hier ist das Pferd in erster Linie 
Zucht- und erst in zweiter Linie Arbeitstier. Sonst wird man schon 
zufrieden sein können, wenn zwei Drittel der gedeckten Stuten tragend 
werden. Dort, wo man aber ältere Arbeitsstuten zum ersten Male oder 
andre deshalb belegen lassen will, um durch die Bedeckung eine Erhöhung 
ihrer Brauchbarkeit im Geschirr oder unter dem Reiter au erzielen, 
wie das gegenüber schiechteti Fressern oder dummen und schlägrigen 
Pferden geschieht, ist das Befruchtungsergebnis naturgemäß ein ge- 
ringeres. 

Kühe und Schweine nehmen am besten auf, wenn sie sich in 
mittlerem Ernährungszustande beenden und Weidegang genießen. Bei 
Schafen und Ziegen ist die Fruchtbarkeit an sich eine sehr gute, weil 
bei ihnen Krankheiten der Fortpäanzungsorgane zu den Seltenheiten 
gehören, und bei den Schafen außerdem die Sorgsamkeit des Schäfers 
und die Verwendung von Probierböcken mit in Frage kommt. 

Die SchnelUgkeit des Deckens ist auf das Befruchtungsvermögen 
ohne besonderen Einfluß; jedoch will man in der Pferdezucht die Beob- 
achtung gemacht haben, daß diejenigen Hengste am schlechtesten be- 
fruchten, die am schnellsten absamen. Daß weibliehe Tiere besser auf- 
nehmen, wenn die Brunst ruhig, durchschnittamäßig, nicht stürmisch 
und ohne starke Erregung verläuft, ist bekannt. 

7. Der Doppelipruite. 

In einzelnen Gegenden ist es Brauch, die weiblichen Zuchttiere 
möglichst zweimal hintereinander belegen zu lassen. Bei regelmäßig 
aufnehmenden Stuten, Kühen oder Sauen ist das ein Unfug, der in 
manchen Körordnungen mit Recht verboten ist, denn die Zahl der bei 
einem Deckakt in die Scheide gebrachten Samenfäden ist groß genug, 
um das oder bei Mehrgebärenden die Eier zu befruchten. Es wird deshalb 
hierdurch nur eine unnötige Vergeudung von ZeugungsstofI herbei- 
geführt, die geschlechtliche Potenz der Sprungtiere oft ganz erheblich 
herabgesetzt und dadurch der Zucht einer ganzen Gemeinde geschadet. 

Indessen kann sich der Doppelsprung, so ungerechtfertigt seine 
Verallgemeinerung ist, doch in gewissen Fällen notwendig machen, 
wenn einzelne Tiere erfahrungsgemäß schlecht aufnehmen. Man be- 
nutzt dann entweder zweimal dasselbe oder aber je einmal zwei ver- 
schiedene Vatertiere. Eine Erklärung für die Erfolge wird man in 
solchen Fällen naturgemäß nicht in dem Umstände suchen dürfen. 



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IV. Die Befruchtung. 197 



daß mau durch die Vermehrung der Samenfäden die Befruchtung her- 
beigeführt hat, sondern darin, daß sich bei Verlängerung des Begattungs 
aktee die reflektorischen Vorgänge verstÄrken, wodurch der Mutter- 
mund besser geöffnet und seine saugende Wirkung erhöht wird. 

Viele Stuten drängen auch nach dem Decken heftig und pressen 
iSamen und Sekret aus Gebärmutter und Scheide. Erhalten sie dann 
nach einiger Zeit den zweiten Sprung, so sind sie schon etwas ruhiger, 
das Drängen hat nachgelassen und der Same bleibt drinnen. Vielleicht 
wird auch hierbei mehr Zervikalschleim geUefert, der vermöge seiner 
alkalischen Beschaffenheit die Lebensbedingungen der Spermatozoen 



Was die Benutzung zweier verschiedener Vatertiere anlangt, so 
kann man sich auch wohl vorstellen, daß die Samenfäden des eine» 
zum Eindringen in das Ei geeigneter sind ab die des andern. Nur so 
kann man es erklären, daß der Hengst A die Stute B nicht, dagegen 
die Stute C gut befruchtete, während B von einem andern Hengste 
tragend wurde. Schwer aufnehmende Stuten werden deshalb im Ge- 
stütsbetriebe fast immer von zwei Hengsten gedeckt. Man soll dann 
den Beschäler, den man als Vater haben möchte, als zweiten nehmen, 
weil dieser erfahrungsgemäß eher befruchtet als sein vorangegangener 
Stallgenosse. In der Votlblutzucht läßt man Stuten unter Umständen 
sogar von vier Hengsten decken^). Hat man nicht mehrere Vatertiere 
an der gleichen Stelle zur Verfügung, wie das oft in der Rinderzucht 
der Fall ist, so soll man wenigstens bei mehrfach erforderlich wer- 
denden Nachsprüngen mit dem Bullen wechseln. Indessen darf man 
nicht vergessen, daß die Unfruchtbarkeit sehr oft in Krankheits- 
zuständen der weiblichen Geschlechtsoi^ane begründet ist, gegen die 
auch das gesündeste und geschlechtlich leistungsfähigste Vatertier nicht 
erfolgreich ankämpfen kann. 

Auch Eber läßt man gern zweimal decken, weniger an ein und 
demselben, als vielmehr an zwei aufeinander folgenden Tagen, in 
dem Glauben, man könne hierdurch die Zahl der Ferkel vermehren, 
was erfahrene Züchter indessen bestreiten. Meist wird der Doppel- 
spmng aber bei Bullen und besonders bei Ziegenböcken nur aus 
kleinlichen Gründen verlangt, indem die Besitzer der weiblichen 
Tiete sich deren Befruchtung möglichst deshalb gleich bei der ersten 
Bedeckung sichern wollen, um die Ausgaben für einen Nachsprang zu 



*) Mündliche Mitteilungen dea Herrn GestütsoberroHarztes Witgner in Repitz. 



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i. Abschnitt. Zeugung und Vererbung, 



8. DI* UnfnicMtarkett 

Die Unfruchtbarkeit heißt beim männlichen Tiere Zeugungs- 
impotenz, beim weiblichen Sterilität. 

a) INe ZeugnngS' oder Befrnchtongsimpoteiiz. 

Die Zeugungsimpotenz ist verhältnismäßig selten und dann auch 
meiat keine absolute, sondern es handelt sich in der Regel nur um 
ein mangelhaftes Befruchtungsvermögen. Ist bei äußerUch gesunden 
ZeugungBorganen absolute Impotenz vorhanden, so ist sie fast aus- 
nahmslos erworben, wie das bei Hengsten nach der Influenza^) und 
nach schweren Koliken^) und bei Bullen nach der Maul- und Klauen- 
seuche beobachtet ist'). 

Indessen machen die Zi^enböcke neuerdings eine Ausnahme. Hier 
begegnet man Tieren, die trotz normaler Geschlechtfiorgane und lebender 
Spermatozoen keine einzige Ziege befruchten, ohne daß man bisher 
dafür andre Ursachen ins Feld führen kann als mangelhafte Ausbildung 
des Sexualcharakters, wie sie durch das Streben nach Homlosigkeit und 
breiten Beckenformen gefördert wird*). Wahrscheinlich handelt es sich hier 
um morphologische, dynamische oder biochemische Eigentümlichkeiten 
der Samenfäden, die uns zurzeit noch vollständig unbekannt sind (S. 150). 

Weiter ist bekannt, daß Hodentuberkulose*) und Verkümmerung 
— Aplasie — der Hoden Unfruchtbarkeit bedingt. Angeborene Hoden- 
verkümmerung kommt häufiger bei Ziegenböcken und seltener bei 
Bullen vor, bei erateren nennt man den Zustand in Laienkreisen fälsch- 
lich Zwitterbildung. Solche Individuen befruchten überhaupt nicht 
oder aber nur in sehr geringem Grade. 

Bei einem ^U Jahre alten Bullen, den ich längere Zeit zu beob- 
achten Gelegenheit hatte, waren die Hoden nur so groß wie ein kleines 
Hühnerei, der Hodensack klein und rundlich wie bei einem Zugochsen. 
Spermatozoen waren in der mehrfach untersuchten SamenSüssigkeit in 
keinem Falle nachzuweisen. Das Tier deckte gut, befruchtete aber von 
einer größeren Anzahl von Färsen in zwei verschiedenen Beständen 
keine einzige. 

') Miindliche Mitteilungen aus dem LtindgeBtüt Moritzburg. 
') lUuBtr. landw. Zeitg. 1901. .S. 30. 
*) Eigne Beobacbtungen. 

*) E g g e T B, Untersuchung über die Befnichtangsunfahigkeit bei Ziegen- 
böcken. Inaug.-DiBB. Leipzig 1910. 

») Zeitschr. f. Ziegenzucht 1901. S. 30. 



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IV. Die Befruchtung. 



b) Die Sterilitftt 

Die Sterilität, die Unfruchtbarkeit weiblicher Tiere, hat verschiedene 
Ursachen. 

1. Die Unfähigkeit der Keimbildung bei Erkiaukungen der Eier- 
stöcke uad bei unterbUebenei Rückbildung der gelben Körper. 

2. Die Verhinderung der Berührung von Same und Ei bei Er- 
krankung der Leitungsorgane. 

3. Die mangelhafte Lebensenergie der Eizelle und die verzögerte 
Fortbewegung derselben. 

4. Die regelwidrige Geschlechtsbildung (Fig. 106). 

Zu 1. Die Keimbildung wird verhindert durch verschiedene Er- 
krankungen der Eierstöcke, als deren wesentlichste Z s c h o k k e*) an- 
führt: Zystoide Entartung der einzelnen Follikel, Eierstockswassersucht, 
Schwund der Eierstöcke, Tuberkulose oder krebsige Entartung derselben. 

Die gelben Körper — Corpora lutea — bilden sich bei der Betstung 
des G r a a f sehen FolUkels. Hierbei erfolgt eine Blutung und außer- 
dem eine Wucherung der vom Drucke befreiten Follikelwand, wodurch 
eine Neubildung entsteht, die ihrer gelben Färbung wegen als gelber 
Körper bezeichnet wird (Fig. 81 u. 86) und welche die drei- bis fünf- 
fache Größe des Follikels erreicht. Tritt keine Befruchtung des ab- 
gestoßenen Eiea ein, so bildet sich der gelbe Körper zurück, wird das 
Ei dagegen befruchtet, so bleibt er bis zum Ablauf der ' Trächtigkeit 
bestehen, indem er sich allmählich verkleinert. Es scheint, daß seine 
Anwesenheit einmal die weitere Äusreifung der G r a a f sehen FoUikel 
und somit neue Brunsterscheinungen während der Trächtigkeit ver- 
hindert und anderseits auch diejenigen Stoffe in das Blut absondert, 
die den Uterus für die Anheftung des Eies vorbereiten*). Danach hätte 
das Corpus luteum die Funktion einer „nach innen sezemierenden" Drüse. 
Nun kommt es aber auch, und zwar nach Z a c h o k k e, bei Kühen 
nicht selten vor, daß der gelbe Körper sich auch nach stattgefundener 
Geburt nicht zurückbildet, und daß nunmehr in der Regel Brunst und 
demgemäß auch Befruchtung ausbleiben. Gelingt es, ihn vom Mast- 
darm aus abzudrücken und somit aus dem Eierstock zu entfernen, so 
soll sich die Brunst bereits nach 10 — 14 Tagen einstellen, sofern nicht 
eine sofortige Wiederbildung stattfindet. In diesem Falle ist eine noch- 

') Z Bo ho kke. Die Unfruchtbarkeit desRindes. Zürich 1900. S. 29,38 u. 143. 

*) Fränkel und Cohn, Experimentelle Untersnohnngen über den. Ein- 
fluß der Corpora lutea usw. Ref. in der Wochenscbr. f. Tierheilkunde u. Viehzucht. 
München 1902. 8. 149. 



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200 4- Abachnitt. Zeugung und VererbuDg. 

nialige Entfernung erforderlich (S. 140). Bisweilen tritt die Brunst 
aber trotz des Beetehenbleibens des gelben Körpers auf, doch bleibt 
die Bedeckung dann erfolglos'). 

Da die nach dem natürUchen Abschluß der Trächtigkeit beateben 
bleibenden gelben Körper die G r a a f sehen Follikel nicht an die Ober- 
fläche des Eierstocks gelangen lassen, ao vergrößern diese seh durch 
Aufnahme von Nährmaterial immer mehr und es entstehen die so- 
genannten Zysten, welche anstatt der normalen Größe des G r a a f- 
schen Follikels {9 — 10 mm Durchmesser) erhebüche Dimensionen an- 
nehmen. Nach Heß*) beruht' die in der Stiersucht zum Ausdruck 
kommende Sterilität des Kindes in 92 '^^ aller Fälle auf Zystenbildung im 
Eierstock. Heß beseitigt junge dünnwandige Zysten durch Druck vom 
Mastdarm aus, ältere dickwandigere dagegen durch Druck und in veralteten 
Fällen durch Anstechen von der Scheide ans. In 70 — 80 % aller Fälle ist 
ihm eine Heilung gelungen, so daß die Tiere wieder trächtig wurden. 

Zu 2, Hier kommen besonders Verschluß und Vereisungen des 
Eileiters durch Entzündungen, femer Erkrankungen der Gebärmutter, 
Unwegsamkeit des Muttermundes infolge von Verwachsung, von dauern- 
der Kontraktion der stark entwickelten Kreismuskulatur und von Ver- 
legung durch Schleim und endlich Scheidenkatarrhe in Frage. 

Weiter ist schon lange bekannt, daß saurer Scheidenschleim die 
Spermatozoen abtötet. Man wendet deshalb nach Grabensee') 
bei Stuten mit günstigem Erfolge Einspritzungen, bestehend aus 5 g 
Natrium bicarbonicum auf 1 Liter warmes Wasser, an, wodurch es 
gelingt, Tiere, die unter Umständen vorher oftmals vei^eblich gedeckt 
wurden, zur Befruchtung zu bringen. Auf Grund dieser Behandlung, 
die eine Stunde vor der Bedeckung vorgenommen wird, sind in der 
Provinz Hannover von 436 Stuten, die bis dahin oft güst geblieben 
waren oder überhaupt nicht tragend wurden, 277 befruchtet worden, 
während 145 nicht zukamen und 14 der Kontrolle entgingen. Fehlt 
bei der Prüfung des Scheidenachleims mit Hilfe von Lackmuspapier aber 
die saure Reaktion, so ist die Anwendung obiger Einspritzung nutzlos. 

Zu 3, Die mangelhafte Lebensenergie der Eizelle und ihre ver- 
zögerte Fortbewegung durch die Flimmerepithelien des Eileiters ist 
wahrscheinlich eine derjenigen Ursachen, die man oftmals durch ge- 
wisse Haltung» maß nahmen — Futterwechsel, Arbeit, Weidegang — zu 
beseitigen vermag. 

') Weber, Unteranchung über die Bhuiat des Rindes. Berlin 1911. S. 26. 
') Heß, Jahrb. d. Deutschen Landw. GeseÜBoh. 1913, Bd. 28, S. 783. 
') lUustr. landw. Zeitg. 1898. S. 332. 



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IV. Die Befrachtung. 



9. Die kOnttliche BeTnichtung. 

Unter künstlicher Befruchtung versteht man die Einführung der 
männlichen Samenfliissigkeit mit Hilfe von Instrumenten in die Gebär- 
mutter der weiblichen Tiere. Sie wird bei Tieren vorgenonunen : 

a) Als sogenannte Nachbefnichtung nach vorhergegangener natür- 
licher Bedeckung, um den Samen bei krankhaften Zuständen des Mutter- 
mundes — Hypertrophie mit Klappenbildung — oder bei dessen Ver- 
lagerung sicher in die Gebärmutter zu bringen und um ihn auch den 
nicht immer besonders günstigen Lebensbedingungen in der Scheide 
möglichst bald zu entziehen. 

b) Bei räumlicher Trennung von Hengst und Stute, wenn der 
Transport des einen Tieres zum andern Schwierigkeiten macht oder 
zu große Geldopfer erfordert; hier wird dann nur der Same verschickt. 

c) Wenn man mit dem Samen besonders wertvoller männücher 
Zuchttiere möglichst viele weibliche befruchten will. 

Die Kenntnis der künstüchen Befruchtung ist nicht neu. Der Sage 
nach hat bereits um das Jahr 1300 herum ein Araber Baumwolle mit 
dem Brunstschleim seiner Stute getränkt und hierdurch einen wert- 
vollen Hengst eines feindlichen Stammes zur geschlechtlichen Erregung 
und Ejakulation gebracht. Den hierbei gelieferten Samen fing er wiederum 
auf Baumwolle auf, die er an seinem eigenen Körper warm erhielt; er 
ritt nach Hause, steckte die mit Samen durchsetzte Baumwolle in die 
Schüde seiner Stute und erzielte damit eine Befruchtung*). Die künst- 
liche Befruchtung von Säugetieren führte dann Spallanzan i-) im 
Jahre 1780 an einer Hündin aus, und in neuerer Zeit sind von vielen 
Seiten erfolgreiche Versuche bei verschiedenen Tierarten unternommen 
worden (Plönnis*), Albrecht*}, Wagner*), Mickle y"), 
I w a n f P), C h e 1 c h o w s k yS) u. a.). 

Hoffmann (Stuttgart) hat für Pferde ein besonderes Instru- 
mentarium geschafTen, das aus einem Spekulum zur Erweiterung der 

1) G a. u t i e r, La f^ondation artiliotelle. PoiiB 1905. S. 48. Zit von Roh- 
leder, Die Zeugung beim Menscheo. I^eipzig 1011. S. 218. 

*) Deagl. S. 221. 

*) Künstliche Befruahtong einer Hündin usw. Rostock 1876. Zit. von 
Settegast, Tierzucht Brealau 1888. S. 124. 

*) Wochenschr. f. Tierheilkunde u. Viehzucht 189S. S. 205. 

*) Zeitschr. f. OeBtüUlmnde 1908. S. 26. 

*) Zeitachr. f. Geatütekunde 1907. S. 227 u. 2S8. 

') Iwanoff, Die künstliche Befruchtung der Haustiere. Hannover 1912. 

■) SteriUtät des Pferdes. Wien 1894. 



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202 ^- Abschnitt. Zeugung und Vererbung, 

•Scheide, einem Beleuchtungsapparat lür die letztere, einem Löffel zur 
Gewinnung des Samens und einer Spritze zur Aufsaugung und Ein- 
bringung desselben in den Muttermund besteht. Zum Zwecke der Ver- 
schickung ist dieses Instrumentarium noch durch eine Wärme Vorrichtung 
für den Samen ergänzt worden'). 

Was zunächst die künstliche Nachbefmchtung anlangt, so werden 
die Stuten hierbei regelrecht gedeckt. Darauf wird die SamenäUssig- 
keit mit einem Löffel der Orificiumgegend entnommen, in eine Spritze 
gesaugt und in die Gebärmutter eingespritzt. Dieses Verfahren ist von 
M i c k 1 e y in Beberbeck, W a g n e r in Graditz und H ri p e r m a n n*) 
in Warendorf geprüft worden, ohne daß man hierbei besonders be- 
friedigende bzw. bessere Befruchtungsziffem erzielte als bei der ein- 
fachen Bedeckung. 

Allerdings kann die künstliche Befruchtung an krankhaften Ver- 
änderungen, die innerhalb der Gebärmutter, am Eileiter oder an den 
Eieretöcken bestehen, nichts ändern, während anderseits auch, weil 
eine natürliche Bedeckung vorausgegangen war, im einzelnen Falle 
nicht entschieden werden kann, ob diese oder die künsthche Nachhilfe 
die Befruchtung bedingte. 

Mit Versuchen über künsthche Befruchtung ohne vorherige regel- 
rechte Bedeckung hat sich besonders Iwanoff*) beschäftigt; er hat 
diese jahrelang in verschiedenen Gegenden Rußlands sowohl in Ge- 
stüten als bei Stuten bäuerlicher Besitzer durchgeführt. Als Versuchs- 
tiere dienten zwar in erater Linie Pferde, aber auch Rinder, Schafe, 
Hunde. Von 1899 bis 1910 sind nach Iwanoffs Methode im ganzen 
579 Stuten künstlich befruchtet worden, ohne daß sich ii^endwelche 
Nachteile für die Stuten oder die Fohlen herausgestellt haben. Die 
BefruchtungBziffcr ist nach I w a n o f f mindestens ebenso hoch, unter 
Umständen sogar höher als bei natürlicher Befruchtung. In einem 
Falle wurden von 109 Stuten 85 = 78 % trächtig. Die Befruchtung 
geUngt sogar mit Samen aus den Hoden frisch kastrierter Tiere, in 
welchem Falle das haftende Sekret der Nebendrüaen künstlich (alkalische 
Losung von doppeltkohlensaurem Natron und neutrale physiologische 
Kochsalzlösung) ersetzt wird. Mit der aus einem Sprung herrührenden 
Spermamenge können mindestens zehn Stuten befruchtet werden. 
I w a n o f f geht in der Weise vor, daß er einer rossigen Stute einen 

1) ÖBterr. Monatachr. f. Tierheilkunde 1906. 8. 1 und Zeitechr. f. Gestüts- 
künde 1606, S. 2S5, 1907, S. 245 und 1908, S. 148. 

*) Zeitachr. f. Gestütekunde 1907, S. 227. 1908. S. 26, 1909, S. 5. 

') Iwanoff. Die kfinstliche Befruchtung der Haustiere. Hannover 1910. 



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IV. Die Befruohtnng. 203 



Schwamm in die Scheide schiebt, dann einen Hengst normal decken 
läßt, hierauf den Schwamm herauszieht, die Samenflüssigkeit abpreßt 
und mit Hilfe einer Spritze in die Gebärmutter bringt. Das erfordethche 
Instrumentarium, sowie die Methode selbst sind in der Schrift von 
I w a n o f f genau beschrieben. 

Die durch künstliche Befruchtung erzeugten Tiere sollen eine völlig 
normale Lebens-, Arbeits- und Zeugungskraft erwiesen haben, ja, einige 
von ihnen sind sogar auf der Rennbahn ab Sieger durchs Ziel gegangen. 

Künstliche Befruchtung bei Stuten haben endlich noch Sand 
und S t r i b o 1 1*) ausgeführt. Sie benutzten hierzu acht Stuten, denen 
sie je 25 g Samen des berühmten, in der Nähe von Horsens stehenden 
jütischen Hengstes Aldrup Munkedal in die Gebärmutter spritzten. 
Den Samen hatte man mit Hilfe des Präservativs erhalten. Von den 
acht Stuten wurden vier tragend. 

Nach alledem ist die Frage der künsthchen Befruchtung wissen- 
schaftlich vollständig gelöst. Inwieweit sie in der Praxis der Haustier- 
zucht Bedeutung erlangen wird, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich 
wird sie immer nur ausnahmsweise Anwendung finden. 

10. Die BeziBhungen d« Lebensalten zur Fru^tbarluft 
und die Dauer der letzteren. 

Männliche Tiere befinden sich im besten Zeugungaalter, wenn üe 
abgewachsen sind. Frühreife Schläge werden zwar früher zuchtreif, 
aber auch dementsprechend eher zuchtuntauglich. 

Hengste sind im Alter von 7 — 9, Bullen in einem solchen von 
2 — 3 Jahren, und Eber, Schaf- und Ziegenböcke zweijährig am leistungs- 
fähigsten. In dem genannten Alter erzeugen sie nicht nur die kräftigsten, 
sondern auch die meisten Nachkommen, indem sie sowohl gut befruchten 
wie auch unbeschadet ihrer selbst und ihrer Nachkommen am meisten 
decken können. Vielerorts trägt man diesen Erfahrungen aber nicht 
Rechnung, indem man die Ziegenböcke schon bald nach Beendigung 
der ersten Deekperiode, also nicht viel älter als halbjährig, und die 
Bullen vor Ablauf des zweiten Lebensjahres beseitigt, die ersteren, um 
sie nicht in der sprungfreien Zeit füttern zu müssen, und die letzteren, 
um sie möglichst bald dem Schlachtmesaer tibeiliefem oder um sie 
noch vorteilhaft zur Zucht verkaufen zu können, wie das namentlich 
in einigen züchterisch hochentwickelten Marschdistrikten der Fall iöt. 

') Beriiner tierärztl. Wocheoschr. 1903. S. 182. 



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204 *■ Abschnitt, Zeuguaig und Vererbung. 

Sonst ist die Dauer des Zeugungsvermögens von der Rasse und 
Eigenart' der Tiere und von deren Haltung abhängig. Nach Graf L e h n- 
d o r f f währt die Zuchttauglichkeit am längsten bei Vollbluthengsten, 
die bis zu ihrem 25. Jahre und auch noch darüber hinaus der Zucht 
gute Dienste leisten können. Der berühmte Vollblut hengst Chamant 
war bis zum 25. Jahre und sein Graditzer Stallgenosse Ftageolet bis 
zum 28. Jahre, und zwar beide bis kurz vor ihrem Tode, fruchtbar. 
Halbbluthengste werden in Preußen selten älter als 22jährig auf die 
Beschäbtationen geschickt, und am ehesten pflegt naturgemäß das 
Zeugungs vermögen bei Kaltblütern nachzulekssen, die 27s — 3 ^J ährig 
eingestellt und nach durcbachnittiich 7Vai&hriger Deckzeit ausgemustert 
werden. 

Bullen decken unter gewöhnlichen Verhältnissen meist nicht länger 
als 2 Jahre, weil sie dann schlachtreif sind und gut bezahlt werden. 
In guten Zuchtwirtschatten, Genossenschaften und Hochzuchten hält 
man wertvolle Zuchttiere dagegen längere Zeit, und zwar bis zum Alt«r 
von 4 — S Jahren, hiermit ist aber die Zeugungsfähigkeit noch nicht 
erschöpft, denn es liegen Beobachtungen vor, daß Bullen bei besonders 
sorgsamer Haltung bis zum Alter von 15 Jahren befruchten können. 
Sie werden aber in der Begel deshalb früher abgeschafft, weil sie mit 
zunehmendem Alter böse, schwer im Gewicht, phlegmatisch im Tem- 
perament und schwerfällig im Sprunge werden, so daß sie teils nicht 
mehr decken, teils auch die schwächeren weiblichen Tiere zusammen- 
drücken. Außerdem steht in manchen Beständen ihrer längeren Ver- 
wendung auch der Umstand entgegen, daß sie schließlich ihre eignen 
Nachkommen decken müßten. 

Zuchteber, Schaf- und Ziegenböcke bleiben bis zum Alter von 
10 Jahren befruchtungsfähig ; indessen entzieht man die Eber meist 
im Alter von 3—4 Jahren der Zucht, um sie nach nunmehr erfolgter 
Kastration noch mit Vorteil auszumästen. Später fleischen sie sich 
schwerer an, liefern ein gröberes Fleisch von geringerem Marktwert und 
werden dann oftmals böse, schwerfällig und faul im Decken. Ziegen- 
böcke müssen in der Regel zur Verhütung der Inzestzucht früher ab- 
geschafft werden, doch ist es empfehlenswert, gute Zuchttiere trotz 
höheren Alters an andre Züchtervereinigungen abzugeben, was auch 
häufiger geschieht. Edle Schafböcke mit guter Vererbungskraft benutzt 
man so lange als möglich, weil man in größeren Beständen eine nahe 
Verwandtschaftszucht vermeiden kann, und die verhältnismäßig geringe 
Schlachtwert einbüße gar nicht ins Gewicht fällt. 

Bei weiblichen Tieren gilt als Regel, daß die Jungen am kräftigsten 



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IV. Die Befruchtung. 205 



siud, wenn die Mütter zwei- bis dreimal geboren haben. Grstliiigsjunge 
sind einmal schwächlicher und bei mehrgebärenden Tieren auch der 
Zahl nach geringer, und weiterhin steigert sich auch der Milchreichtum 
mit der Zunahme der Geburten bis zu einer gewissen Grenze. 

Erstlingsfohlen haben nach Graf L e h n d o r f f ^) in den vier 
klassischen Rennen für Vollblut nur verhältnismäQig wenig Sieger auf- 
zuweisen, und auch den Produkten alter Stuten begegnet man mit 
einem gewissen Mißtrauen. Beim Voll- und Halbblut scheint ein Alter 
von 8 — 13 Jahren am günstigsten zu sein. 

Die Dauer der Zuchttauglichkeit kann man bei Stuten auf etwa 
18 Jahre bemessen, indessen liegen auch Heispiele vor, daß über 20 Jahre 
alte Stuten noch leistungsfähige Nachkommen brachten. Die extreme 
physiologische Grenze wird durch eine Stute gekennzeichnet , die 
32 lebende Fohlen, und zwar das letzte im Alter von 41 Jahren, ge- 
boren haben soll'). 

Kühe sind etwa bis zu dem gleichen Alter fruchtbar wie Stuten: 
ich selbst habe drei Tiere beobachtet, die 14, 15 und 21 Kälber geliefert 
hatten. Von einer andern Kuh, Lavanttaler Rasse, wird sogar berichtet, 
daB sie im Alter von 30 Jahren stehe, jedes Jahr gekalbt habe und auch 
wiederum tragend sei*). 

Schweine sind bis zum 10. Jahre und darüber hinaus fruchtbar, 
doch nimmt nach Meyer*) vom 5. Jahre an die Zahl der Ferkel und 
wegen Zunahme der Fettleibigkeit auch die Milchmenge ab, ferner 
lassen ältere Sauen in ihrer Soi^amkeit um die Ferkel nach, so daß 
diese weniger gut gedeihen ; auch verliert das Fleisch mit zunehmendem 
Älter an Marktwert. Über einen Fall langer Fruchtbarkeit wird aus 
dem Kreise Northeim berichtet. Dort Ueferte eine Sau, die ein Älter 
von nahezu 14 Jahren erreicht hatte, 22 Würfe mit durchschnittlich 
neun lebenden Ferkeln. Das Tier gehörte dem Schlage des veredelten 
Laudschweins an''). Schafe hält man bis zum 7. bis 8. und Ziegen bis 
zum 10. Jahre. 

In der Regel nutzt man also bei allen Tiergattungen mit Ausnahme 
von sehr wertvollen Zuchttieren die Fähigkeit, Nachkommen zu liefern, in 
beiden Geschlechtem nicht bis zur physiologisch erreichbaren Grenze aus, 
weil im höheren Alter die Trächtigkeit oft ausbleibt, die Nutzleistung 

>) H&ndbuch uew. S. 225. 

>) Zürn, Fühlings landw. Zeitschrift 1898. Heft 24, S. 03. 

") Deutsche Und«-. Presse 1898. S. 743. 

*) M a y B Schweinezucht. Berlin 1896. S. 70. 

>) Deutsche landw. Tierzucht 1902. 8.301. 



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206 ^ Abschnitt. Zeugung und Veivrbung. 

geringer und die Neigung zu Krankheiten größer wird. Besonders macht 
man in vielen bäuerlichen Wittachaften den Fehler, daß man Kühe 
ohne nennenswerte Leistung oft viel zu alt werden läßt. 

Nach Beobachtungen von Hermann») sollen die späteren, also 
jüngeren Kälber ein und derselben Kuh mehr zur Tuberkulose neigen 
als die ülteren Nachkommen , also die ersten Kälber. Er empfiehlt 
deshalb, nur die ersten fünf Kälber einer Kuh zur Zucht abzusetzen, 
das sechste dagegen schon nicht mehr; die Kuh sei im vorgeschrittenen 
Alter nicht mehr so kräftig, und deshalb seien ihre jüngeren Kälber 
unter weniger günstigen Lebensbedingungen entstanden als ihre älteren. 

11. Der EInIluB der TrSchtiekdt aiil die Formgestattung, den Qesund- 
heltizustand und die Nutzung der Zuchttiere. 

Die Trächtigkeit ist bei genügend entwickelten Tieren physiologisch 
und wirtschaftlich ein normaler Zustand. Werden zu junge und körper- 
lich noch unfertige Tiere befruchtet, so bleiben sie für das ganze Leben 
in ihrer Entwicklung zurück oder brauchen nach der ersten Geburt 
wenigstens lange Zeit, um das Versäumte noch einigermaßen nachzu- 
holen. Aus diesem Grunde werden Tiere, deren Markt- und Zuchtwert 
auf einer besonders regelmäßigen und großen Formengestaltung beruht, 
spät zugelassen. 

Da umgekehrt eine frühzeitige, erfolgreiche Bedeckung das Größen- 
wachstum beeinträchtigt, dagegen bei reichlicher Ernährung die Breiten- 
entwicklung des Rumpfes begünstigt, so pflegt man, wie schon S. 152 
erwähnt wurde, mancherorts Stuten, die zu hoch und schmal zu werden 
drohen, jung belegen zu lassen, damit sie tiefer und breiter und als Ge- 
brauchspferde wertvoller werden. 

Sind Tiere mehrmals tragend gewesen, so leidet der Rücken, weil 
das Gewicht der Jungen und dasjenige der Fnichtwässer den Bauch 
beschweren und den Rücken herabziehen. Nach Untersuchungen, die 
im Rassestall der Tierärztlichen Hochschule zu Dresden durch Wägungen 
an 85 Kühen direkt vor und nach dem Kalben vorgenommen wurden, 
betrugen die Gewichtsunterschiede pro Kuh 72,2 kg. Hiervon ent- 
fielen auf die Kälber durchschnitthch 43,1 kg, auf die Nachgeburt durch- 
schnittlich 6,1 kg, somit auf Fruchtwässer und auf sonstige Gewichts- 
verminderung während des Kalbens 23 kg. — Die Nachgeburt wiegt 
bei Ziegen und Schafen '/j — 1 kg. 

Altere weibliche Zuchttiere haben daher gewöhnUch einen Senk- 

') Zeitachr. f. Tiermedizin 1902. K. 343. 



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IV. Die B^nichtung. 



Fig. IIS. Vierjährige Knli d«g iDckenschfckigen Landschlagea mit 8eiikrack«D. 

Tücken und zwar umBO mehr, je gehaltloser das Futter und je weniger 
fest ihr Bücken von Hause aus war. Am auffallendsten sieht man diese 
Veränderung bei den alten, überbauten Kühen der Gebirgsras&en, deren 



Fig. 114. Dieielbe Enh im Aiter von B Jahren mit SeuhiilckeD and auiigesiirachenem 



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208 4, Abachoitt. Zeugung und Vererbung. 

Sitzbeine schließlicli höher stehen als die Hüiten {Fig. 113 u, 114), wo- 
mit ein Eingestiukensein der Lende — Niereuschlag — und oft auch 
ein wackliger Gang verbunden sind. Weiterhin hat die Trächtigkeit 
sowohl auf die Entstehung wie auch auf die Verhütung von Krankheiten 
Einfluß. So sind alte Fohlenatuten, die regelmäßig arbeiten mußten, 
meist dämpfig, Kühe, die in Wirtschaften mit kalkarmem Futter lange 
Zeit der Zucht dienten, zu Knochenbrüchen geneigt, andre wiederum 
tuberkulös, weil in beiden Fällen der Körper seine normale Widerstands- 
fähigkeit verliertr. Umgekehrt beobachtet man, daß zum Dummkoller 
neigende Stuten gesund, und kitzlige, schlägrige, im Geschirr unsichere 
Stuten zu brauchbaren Arbeitspferdeü werden. 

Die Milchautzung beginnt in der Regel nach dem ersten Kalben, 
damit das Junge sofort nach der Geburt seine Nahrung vorfindet. 
Wenn Binder oder Ziegen schon vor dem ersten Wurf Milch geben, so 
sind das Ausnahmen, die indessen nicht gerade selten vorkommen. So 
gab eine kleine, '/( Jahre alte Vogtländer Färse*}, die im Februar gedeckt 
war, schon vom Juli ab regelmäßig täglich mehrere Liter Milch, was 
auch schon ihre Mutter getan hatte. In einem andern mir bekannten 
Falle lieferte eine Ziege Jahre hindurch, ohne jemals gedeckt worden 
zu sein, so viel Milch wie andre regelmäßig befruchtete, gute Ziegen. 

Einige Wochen nach dem £alben nimmt das Milchquantum all- 
mählich wieder ab, und zwar umso mehr, je früher die Muttertiere 
wieiJer gedeckt werden; einige Zeit vor der nächsten Geburt stehen sie 
gänzlich trocken, damit sich der Körper kräftigt und auf die Zeit der 
stärkeren Inanspruchnahme vorbereitet. 

Läßt man Milchkühe nicht wieder zu, so gehen sie in ihrem Er- 
trage nach und nach so zurück, daß ihre Haltimg wirtechaftlich nicht 
mehr lohnend ist, weshalb sie auch in den reinen Abmelkwirtschaften 
gewÖhnUch ^/^ — l*/j Jahr nach dem Abkalben dem Schlachtmesser 
verfallen. Ausnahmsweise kommt es aber vor, daß Kühe mehrere 
Jahre hindurch ohne zu kalben gut melken. So heferte eine Kuh auf 
der Domäne Fattenseo^), nachdem sie das fünfte Kalb gebracht. 
3'/» Jahre hindurch Milch, und zwar bezifferte sich der Ertrag während 
der 1372 Tage auf 19 534 Liter, was einer Jahres- imd T^esleistung 
von 5180 bzw. 14,2 Litern entapricht. Im Rassestalle der Tierärztlichen 
Hochschule zu Dresden gab eine Kuh des erzgebirgischen Fleckvieh- 
scblages 3 Jahre hindurch, ohne wieder tragend zu sein, täglich im 

') P u 8 h, Beurteilung des Rindes. Berlin 1910. S. 256. 
>) lUuHtr. la-ndw. Zeitg. 1902. S. 742. 



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V. Die Vererbniig. 



DurchBchoitt 10,6 kg Milch, und Bie wäre voraussichtliclL noch lange 
Zeit hindurch annähernd auf dieser Menge stehen geblieben, wenn sie 
nicht sua allgemeinen züchterischen Gründen hätte abgeschafit werden 



T. Die Tererbung 
1. AllgHiwIne bloli^lsGbe 

Landläufig versteht man unter Vererbung die Übertragung der 
elterlichen Eigenschaften auf die Jungen ; wiasenschafthch richtiger 
würde man de anzusehen haben als die auf inneren Anlagen beruhende 
Neuentwicklung elterlicher oder vorelterücher Eigenschaften bei den 
Jungen. Vererbt ist nur das, was durch die Erbmassen auf die Nach- 
kommen übertragen wird, erblich das, was mit einer gewissen Regel- 
mäßigkeit auf diese übergeht, und angeboren das, was bei der Geburt 
vorhanden ist. 

Ererbt und angeboren sind zwei verschiedene Begriffe. Das Ererbte 
ist immer angeboren, aber das Angeborene ist nicht immer ererbt, 
sondern bisweilen während des intrauterinen Lebens von der Mutter 
erworben, oder wie manche Formen der Mißbildungen durch andre 
Vorgänge im Mutterleibe entstanden. 

Bei der Befruchtung handelt es sich (S. 145) um eine Vereinigung 
von Samen- und Eikem. Beide sind gleichen Ursprungs, gleicher Größe 
und vor allen Dingen von gleichem Aufbau. In dem Kernder Ge- 
schlechtszellen muß die Vererbungssubstanz ent- 
halten sein, weil seitens des Vatertieres irgend ein anderer Beitrag zum 
Aufbau des Jungen nicht geliefert wird. Obgleich das mütterliche Ei 
durch seinen Gehalt an Protoplasma (Cytoplasma) sehr viel größer ist 
als die Spermatozoe, so sind doch beide Geschlechter an der Vererbung 
in gleichem Maße beteiligt. Die Erfahrung der Tierzücbter lehrt, daß 
im großen Durchschnitt das Junge seine Eigenschaften Vater und Mutter 

') Zum weiteren Studium über Vererbangefragen wird auf fönende Schriften, 
die zum Teil eingehende Literaturangaben enthalten, verwiesen: V. H a e o k e r. 
Allgemeine Vererb ungalehre, 2. Aufl. Braunschweig 1912. — R. Goldsehmidt, 
Einführung in die Vererbung» Wissenschaft, 2. Aufl. Leipzig u. Serlin 1913. - — 
Plate, Vererbungslehre. Leipzig 1913. — Baur. Einführung in die experi- 
mentelle Vererbungslehre, 2. Aufl. BerUn 1914. — Johannaen, Elemente der 
exakten ErbUchkeitalehre. Jena 1909. — BateHon, Mendels Vererbungstheorieu. 
Deutsch von A. Wi nokler. Leipzig u. Berlin 1914. — Kronacher, Grund- 
züge der ZüchtuQgsbioIogie. Berlin 1912. —Lang, Die experimentelle Vererbungs- 
lehre in der Zoologie seit 1900. 1. HiUfte. Jena 1914. 

PaBcb-Hanaen. Allgemeine Tierzucbt. s. Aufl. 14 



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210 4' Abeohnitt. Zeugung und Vererbung. 

in gleichem Maße verdankt. Weder die neben dem Kemplaenm im Ei 
vorhandene erhebliche Menge von Cytoplasma, noch der während des 
fötalen Lebens dem Jungen seitens der Mutter in reichem Maße zu- 
äieBeude PlasmaBtrom ist auf die Vererbiing im engeren Sinne von 
EinfluQ. Väterlichee Cytoplasma ist an der Befruchtung aber nicht 
beteiligt, zumal die am Schwanzfaden der Spermatozoe vorhandenen 
geringen Best« davon der Kegel nach nicht in das Ei übergehen. So 
haben wir in den Kemsubstanzen der reifen fortpäanznngsfähigen 6e- 
scblochtezellen — Gameten — - die Träger der Vererbung zu suchen 
und in dem Kem der befruchteten Eizelle — Zygote — muß die 
vollständige Erbmasse enthalten sein. 

Man sieht allgemein die als Chromosomen bezeichneten Kem- 
elemente als Träger dei Vereibung an. Durch die der Be- 
fruchtung vorangegangene Reduktionstmlung (S, 142) ist in jeder G-amete 
die Zahl der Chromosomen auf die Hälfte herabgedrückt, so daß beim 
Zusammentritt der beiden Gameten in der Zygote wieder der normale 
Bestand an Chromosomen sich vorfindet, und dieses Verhältnis bleibt 
bra den Zellteilungen bzw. bei der Vermehrung der 2^11sn erhalten. 
Dadurch wird ohne weiteres verständlich, weshalb die Eigenschaften 
zu gleichen Teilen von Vater und Mutter ererbt sind. Bei der Befrach- 
tung vereinigen sich zwei individuell verschiedene Erbmassen, welchen 
Vorgang Weismann als Ämphimixis bezeichnet hat und in 
dem er die Hauptquelle der erblichen Variationen erblickt. Zu Beginn 
jeder Generation findet eben eine Neukombination der Vererbungs- 
Bubstanzen statt. Die väterlichen und mütterlichen Keimelemente gehen 
dabei keine völlige Verschmelzung ein, sondern bleiben getrennt, wofür 
sich aus der modernen Vererbm^forschung Beweise erbringen lassen. 

Wie früher (S. 141) betont, ist jeder Zelle einer Tierart der Regel 
nach die gleiche Zahl von Chromosomen eigen, aber in im Qualität der 
Chromosomen der Geschlechtszellen sind sehr oft Unterschiede gefunden 
worden. 

Sie treten in Größe und Form zutage und dürften sich, wenn das 
auch noch nicht als eine feststehende Tatsache angesehen werden kann, 
auch auf die inneren Eigenschaften bzw. die Vererbungsfähigkeit er- 
strecken. Tatsächlich liegen Beobachtungen, namentUch von Boveri, 
vor, daß eine experimentell herbeigeführte unvollständige Chromosomen- 
zahl das Fehlen bestimmter Eigenschaften bedingt und daß nur dann 
ein normales Tier erwartet werden darf, wenn sämtliche Chromosomen 
nach Zahl und Art in dem Kem der Zygote vorhanden sind. In diesem 
Zusammenhang ist auch der in den Geschlechtszellen beobachteten 



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V. Die Veiecbting. 211 

Het«rochioiiio8omeii zu gedenken. Darunter veTBteht man 
Chromosomen, welche entweder durch besonders abweichende Gtößen- 
verhältniBBe (Fig. 115 m) auffallen oder auch dadurch, daQ sie nicht, 
wie es die Regel ist, paarweise auftreten, sondern daß ihnen kein Partner 
g^enüberateht; man nennt letztere Monosomen (Fig. 115 h). 
Diesen Heterochromosomen spricht man heute, wie später ausgeführt 
wird, eine besondere Rolle bei der Geschlechtsbildimg zu (S. 286), 

Von den im Dienste der Fortpflanzung stehenden Keim- oder 
Geschlechtszellen sind zu unterscheiden die die Gewebe des 






d 



Fig. 11$, Doppelte CtaromosamengarTiitur der Wanze Anas» tri' 
(N'acb Wilson aus Huecker.) 
a und c spermatogoniole UDd OTOgoniale Gruppe, h und d die gleichen Chi 
weise angeordnet, h d»9 Manosom. m die HikroebromoHoraeu. 

Tierkörpers aufbauenden Bomatischen, Soma-, Körper- oder Gewebe- 
zellen, vielfach kurzweg Soma genannt. Die in der Kemsubstanz der 
Geschlechtszelle vereinigte Erbmasse hat W e i 8 m a n n^) K e i m- 
p 1 a 8 m & genannt, nachdem schon N ä g e 1 i^) zwischen ein^n Anlage- 
oder Idioplasma und einem Ernährung s- oder Trophoplasma 
unterschieden hatte. Keimplasma und Soma finden sich in demselben 
Organismus vereinigt, aber während ersteres die Fähigkeit zur Entwick- 
lung von Körperzellen besitzt und in jeder Generation einen neuen 
Organismiu entstehen läßt, können die Somazellen kein neues Keim- 

') W e i B ro» n n, Vorträge über DeBzendenztheorie. 2. Aufl. Jena 1904. 
*) Nägel i, Mechaniech-phyBioIogiBche Theorie der AbstammungBlehre. 
Hüncbea und Leipzig 1884. 



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212 4- Abachnitt, Zeugung und Veieibong. 

plasma bilden. Bei gewifisen Tieren läßt sich, wie H a e c k e r>) aus- 
führt, die ganze Zellenfolge, welche vom befruchteten Ei zu der ersten 
Anlage der OeechlechtsdrüBen oder Gonaden fuhrt, also die erste Strecke 
der Keimbahn, auf Grund bestimmter, bei den einzelnen Teilungsakten 
auftretender histologischer Eigentümlichkeiten Schritt für Schritt ver- 
folgen, 

Bas Keimplasma des Eändee geht mithin unmittelbar aus dem 
mütterlichen Keimplasma hervor. Ein Teil des letzteren wird nicht 
für den Aufbau von Körperzellen verwendet, sondern dient direkt zur 
Bildung der Keimzellen dej neuen Individuums. W e i s m a n n be- 
zeichnet diese Tatsache als die Kontinuität des Keimplas- 
ma b. Die Erbmassen von Eltern und Kindern sind mithin gleichen 
Ursprungs und in ihnen haben wir das Ahnenplasma, welches die Ver- 
bindung zwischen den einzelnen Generationen herstellt. 

Den Bau des Keimphamas kann man sich verschieden vorstellen. 
Man kann, wie 0. H e r t w i g in seiner Theorie der Biogenesis*), einen 
verhältnbmäßig einfachen Bau voraussetzen imd dann annehmen, daß 
durch äußere Einflüsse und innere Reize die vorhandenen Anlagen aus- 
gebildet werden. Anderseits kann man mit W e i s m a n n daran denken, 
daß jedes Merkmal in seiner Vererbung an bestimmte Teile des Keim- 
plasmaa gebunden ist. W e i s m a n n denkt sich das Keimplasma aus 
Bestimmungsstiicken für die äußeren Merkmale, den Determi- 
nanten, zusammengesetzt. Jede Determinante stellt die Anlage für 
eine selbständig variable Eigenschaft dar. Unter dieser Annahme wird 
die Übertragung der Merkmale von den Eltern auf das Kind leichter 
verständlich, und diese Auffassung steht b^ser im Einklang mit den 
tatsächlichen Beobachtungen, vor allen Dingen auch mit den Ergeb- 
nissen der weiter unten besprochenen experimentellen Vererbui^- 
forschung der neuesten Zeit. 

Dabei macht es keinen Unterschied, ob man die Erbträger mit 
W e i s m a n n Determinanten nennt, oder ob sie als Gene, Anlagen, 
Erbeinheiten, Faktoren oder noch anders bezeichnet werden. 

Betrachtet man eine bestimmte Anzahl von Individuen gleicher 
Abstammung, die unter den gleichen Verhältnissen leben, eine Popu- 
lation, wie sie Johannsen nennt, so findet man zwischen ihnen 
zunächst im allgemeinen in den äußerlich wahrnehmbaren Eigenschaften 
eine mehr oder weniger große Übereinstimmung. Im einzelnen treten 

') Haecker a.a.O. S. 64. 

') 0. H e r t w i g, ZeUen und Gewebe. Zit. nach H a e c k e r a. a. 0. S. 205. 



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V. Die Vererbnog. 218 



aber Unterschiede, Variationen, in den Merkmalen aui. Nach 
dem Quetelet sehen Gesetz verteilen sich die Varianten in ganz 
bestimmter Weise auf die Variationsreihen. Beispielsweise fand V o r i s 
in der Zahl der Seitenlinienschuppen eines amerikanischen Fisches 
folgende Variationsimhe*) : 





40 


41 


42 


43 


44 


4S 


46 


47 


48 


IndiTidoeoMbl 




















pro 500: 


3 


7 


36 


12« 


»; 


121 


37 


11 


2 



Die meisten Tieie (157) entsprechen also dem Mittel (44), mid je 
weiter sich die Schuppenzahl von dem Mittel entfernt, desto geringer 
wird die Zahl der Veitreter. An den Enden der Keihan stehen nur ganz 
wenige Plus- bzw. Minusvarianten. Am deutlichsten konmit das zum 
Ausdruck, wenn man die Verhältnisse in einer Kurve darstellt; im 
obigen Falle würde diese bei 157 ihre Spitze erreichen und dann gleich- 
mäSig nach baden Seiten abfallen. Natürlich würde sich eine Kurve 
auch mit jeder anderen meßbaren Eigenschaft, und zwar nicht nur 
morpholo^Bchar, sondern auch physiologischer bzw. biologischer Art 
darstellen lassen, z. B. mit der Milchergiebigkeit oder Mastfähigkeit 
des Bindea. Beispielsweise schwankten bei den Foppelsdorfer Leistungs- 
Prüfungen*) die Milcherträge der Westerwälder von 1377 bis 6384 kg 
= 100 : 463, bei den Fetterträgen von 66,7 bis 249,1 kg = 100 : 439 kg 
auf 500 kg Lebendgewicht. Bei den höher gezogenen Kulturschlägen, 
wo die Züchter schon die Minusvarianten in höherem Maße ausgemerzt 
haben, bewegten sich die Extreme nur zwischen 100 : 129 bis 195. Der 
Züchter Wird unter sonst gleichen Umständen die Fluevarianten besonders 
schätzen; sie werd«i in der kUnstUchen Zuchtwahl bevorzugt und in 
erster Linie zur Woiterzucht verwandt. 

Sofern man eine genügend große Zahl von Individuen untersucht, 
wird man finden, daß von einem Extrem zum andern ganz allgemeine 
Übergänge vorhanden sind, daß diese gewissermaßen ineinander über- 
fließen. Man spricht in diesem Sinne von einer fluktuierenden 
Variabilität. Es sbd hier kontinuierliche Variationen 
vorhanden, während in anderen Fällen sich nicht durch Ubergäi^ ver- 
bundene große Unterschiede finden können — diskontinuier- 
liche Variationen. 

Die Variation kann in einer Verschiedenheit des KeimpUsmas be- 

■) Zit. nach GoldBohmidt a. a.0. S. 24. 

*) J. Hanaen, ZimterBericht vomDikopahof. Berlin 1911. S.298. 



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214 ^ Abaohnitt. Zeugung und Vererbung. 

gründet eem ; sie ist dann erblich iind wird als Mutation (Blasto- 
variation) bezeichnet. Sie kann aber auch nui äußeren Einwirkungen 
auf dsB Soma (Ernährung, Eüma, Übung) ihre Entstehung verdanken. 
In diesem Falle handelt es sich um nicht erbliche Modifika- 
tionen oder Somationen. SelbstverständUch können gleichzeitig 
erbliche Mutationen und nicbterbhche Modifikationen vorliegen; den 
Charakter der Variation wird man erst durch das Experiment bestimmen 
können. Daß ein Merkmal in mehreren Generationen nacheinander 
auftritt, ist noch kein zwingender Beweis für seine Erblichkeit, weil die 
äußeren Keiza in gleichem Sinne tätig gewesen sein können. Erbhch 
ist ein Merkmal nur dann, wenn es in inneren Ursachen, d. h. besonderen 
Anlagen des Keimplasmas, b^:ründet ist, und wenn es auch dann in 
Erscheinung tritt, wenn die Tiere unter andere äußere Verhältnisse 
gebracht werden. Denkbar wäre ea ja, daß eine zunächst nicht erbhche 
Somation in irgendeiner Weise auf das Eeimplasma einwirken und so, 
namentlich wenn es sieb um Einflüsse handelt, die Generationen hin- 
durch tätig sind, erbheben Charakter annehmen könnte. Wenn der 
Züchter zielbewußt Plußvarianten bevorzugt, so tut er dies zunächst, 
weil diese Tiere bessere Kutzungen aufweisen, also an sich wertvoller 
sind. Mitbestimmend ist zweifellos aber auch die HoSnung, daß es sich 
um eine erbliche Eigentümlichkeit handeln, oder daß, sofern dies nicht 
zuträfe, das Merkmal mit der Zeit erblich werden könnte. Immer aber 
müssen wir schärfer, als dies die praktischen Tierzüchter gewöhnlich 
tun, erbliche Mutationen und nichterbliche Modifikationen genau von- 
einander unterscheiden. 

In den äußerUcben Merkmalen gleiche Tiere bezeichnet Johann- 
s e n als einen Phänotypua (Scheintypus). Es wird später gezeigt., 
daß trotz der äußeren Übereinstimraimg das Keimplasma verschieden 
zusammengesetzt sein kann. Sind dagegen übereinstimmende Eigen- 
schaften vorhanden, weil ein Aufbau des Keimplasmas aus gleichen 
Erbanlagen (Genen) vorhegt, so entsteht der Genotypus (Anlagen- 
typus). Eine Gruppe genotypisch identischer Individuen wird auch 
wohl als Biotypus (Elementarart) bezeichnet. 

Johannsen hat festgestellt, daß unsere Arten aus einer ganzen 
Anzahl genotypisch verschiedener „reiner Linien" oder Elementararten 
bestehen. Als reine Linie bezeichnet er die Nachkommenschaft 
einer sich selbst befruchtenden Pflanze. Hier ist ein völhg gleich zu- 
sammengesetztes Keimplasma vorhanden und die Abweichungen, welche 
in den Eigenschaften der Nachkommen auftreten, können nur in Ein- 
wirkungen der Außenwelt: Ernährung, Beleuchtung usw., begründet sein. 



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V. Die Vererbung. 215 



Sie sind reine Somationen und als solche nicht erblich. Die Nachzucht 
wird immer wieder auf den Mittelwert des Typus zunickschlagen, eine 
Zuchtwahl deshalb erfolglos sein. Da bei höheren Tieren Selbstbefruch- 
tung nicht vorkommt, vielmehr stete ein männhches und ein weibliches 
Individuum fUi die Befruchtung erforderUch ist, bo kann die Tierzucht 
im Gegensatz zur Pflanzeu^acht mit reinen Linien nicht arbeiten. 

Wohl aber sind Tiere mit einem in Leiden GoBchlechtem aus glichen 
Erbeinheiten zusammengesetzten (homozygoten) Keimplasma denk- 
bar, und bei ihrer Zucht hegen die Dinge hinsichthch der Vererbung dann 
genau so wie bei den reinen Linien. Treten bei dem gleichen GenotypuB 
Variationen auf, so sind diese somatischer Natur (Modifikationen) und 
nicht erblich. 

Man darf also nicht ohne weiteres aimehmen, daß eine Kuh mit 
6000 kg Milch auch lauter Nachzucht Hefert, welche ebenfalls derartig 
hohe Leistungen zu bringen veimöchte. Ja, eine Kuh mit 3000 oder 
4000 kg Milch kann unter Umständen in der Vererbung ebenso wertvoll 
sein. Zunächst wäre festzustellen, ob die VetBchiedenheit der Leistung 
nicht zum guten Teil auf den Einfluß vetBchiedener Ernährung zu schieben 
ist, so daß die weniger gute Kuh nur aus diesem Grunde nicht so hohe 
Lebtungen aufweist, und Fragen der erblichen Veranlagung überhaupt 
nicht mitsprechen. Aber selbst bm übereinstimmender Fütterung könnte 
die bessere Kuh ein Plusvariant, die schlechtere ein Minusvariant sein 
und beide entsprechend der genotypischen Zuaammensotzung der Keim- 
masBen die gleiche Vererbung aufweisen. Anderseits könnte ein Minus- 
variant einer genotypisch hochstehenden Gruppe zufälhg die gleiche 
Leietui^ aufweisen wie ein extremer Plusvariant einer genotypisch 
niedrig stehenden Gruppe. In diesem Falle würden die Nachkommen 
sehr verschieden ausfallen, trotzdem die Mütter annähernd gleiche 
Leistungen aufgewiesen hatten. 

Wenn J. Schmidt*) mitteilt, daß im Alter von einem Jahr bm 
Vogelsberger Rindern durch gute Ernährung die BuUenkälber 322, die 
Kuhkälber 251 kg schwer wurden, während sie bei schlechter Ernährung 
es nur auf 173 bzw. 159 kg brachten, so sind dies zunächst Emährungs- 
modifikationen, die die genotypische Zusammensetzung und damit die 
Vererbung nicht beeinflussen. 

Für die praktische Wichtigkeit dieser Verhältnisse Uefert ein Ver- 
such von Pearl und S u r f a c e*> interessante Beweise. Sie ver- 

■) J. S c h m i d t, Die Mitteldeuteche RolTiehzuoht. Haonover 1914. S. 39- 
■) Zit. nach Flate a.a.O. S. 51, 163 u. 254. 



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216 4. Absohnitt. Zengung nitd Veierbnng. 

suchten die Eierpioduktion der Hühnar durch Selektion zu steigern, 
indem sie die NachkommenBchaft von solchen Hühnem, die im ersten 
Jahre 200 und mehr Eiei gelegt hatten, weiterzücbteten. Dabei zeigte 
sich, daß Erbeinheiten für höhere und für niedere Fruchtbarkeit vor- 
handen sind, zurzeit aber wohl noch keine reinen (homozygoten) Typen 
existieren, sondern daß alle Mischungen verschiedener Erbeinheiten ent- 
halten. Biese können natürlich überwiegend solche von höherer, aber 
auch von niederer Fruchtbarkeit sein. Im ersteren Fall sind fast alle 
Individuen gute Eierleger und nur ab und zu erscheint ein Huhn mit 
schlechter Eierproduktion ; im anderen Falle liegen die Dinge umgekehrt. 
Isoliert man aus einer Population die Genotypen mit hoher bzw. mit 
niederer Fruchtbarkeit und paart sie unter sich weiter, so bleibt der 
Durchschnitt hoch bzw. niedrig. In einem Falle züchteten die Ver- 
suchsansteller nur mit Hühnern, die mindestens 45 der besonders wert- 
vollen Wintereier geliefert hatten bzw. mit von solchen abstammenden 
Hähnen. Die Produktion von Wintereiem «teilte sich in 8 Jahren im 
Durchschnitt wie folgt: 

1899/1900 1900/01 1901/02 1902/03 1903/04 1 1904/05 1905/06 1906/07 1907/08 



41,03 37,88 45,23 26,01 26,55 1 



35,04 40,66 



Trotz gleichmäßig hoher Produktion der Mütter schwankte die 
Eierzahl der Töchter in den einzelnen Jahren außerordentlich, offenbar 
weil häufig extreme Flusvarianten eines niedrig stehenden Genotypus 
benutzt worden waren, ein schlagender Beweis, daß hohe Leistungen 
eines Tieres — > für Kühe dürfte hinsichtlich der Milchproduktion genau 
dasselbe gelten — nicht ohne weiteres erblich zu sein brauchen. 

Von 1898 an wurde dann nur mit solchen Tieren weitergezüchtet, 
welche aus Stämmen kamen, deren Eierproduktion immer hoch bzw. 
niedrig gestanden hatte. Man erreichte so, daß gleichartige Genotypen 
zur Zucht dienten. Der Erfolg trat deutlich in Erscheinung, denn die 
Zahl der Wintereier betrug in den folgenden 3 Jahren im Durchschnitt: 

'! 1908/09 I 1909/10 i 1910/11 

Hoch veranlagter Stamm . . . . , 54,19 47,57 ' S0,A8 

Niedrig veranlagter Stamm . . . . ; 22,06 25,05 j 17,00 

Diese beiden Zusammenstellungen zeigen schlagend, daß extreme 
Varianten nach der Plus- oder Minusseite in einer Generation auftreten 
können, aber keine Spuren hinterlassen. Hohe Leistungen sind nur 



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V. Die Vererbung. 217 



dann zu erwarten, wenn sie in der erblichen Konstitution des Keim- 
plasmas begründet sind. Hierfür nocb ein Beweis: 2 Hennen brachten 
die gleiche hohe Winterproduktion von 65 Eiem, aber die Töchter der 
einen lieferten im Durchschnitt 23,87, die der andern 2,40 Winteieier. 
Wii müssen demnach die Beschaffenheit des Keimplasmas unseiet 
Tiere zu erfassen versuchen; nicht nur die äiißere Erscheinung, und 
selbst die Leistungen einer Generation besagen noch nichts für die Erb- 
lichkeit. Erst wenn uns ganze Familien bzw. Stämme mit 
durch Generationen aufgetretenen hohen Lei- 
stungen für die Zucht zur Verfügung stehen, dürfen wir diese mit 
einiger Bestimmtheit auch in der Nachzucht wieder erwarten. Die- 
selben Einschränkungen für die Erbliehkmt wie bei den Hühnern gelten 
natürlich auch z. B. für die Milchei^ebigkeit des Kindes, und wir dürfen 
aus kurzen Kontrollvet^nsergebnissen nicht mehr erwarten, als sie tat- 
sächlich zu bieten vermögen. 



In der praktischen Tierzucht nahm man bis vor kurzer Zeit ganz 
allgemein an, daß das junge Tier in seinen Eigenschaften eine Mittel- 
stellung zwischen seinen Eltern einnimmt. Man rechnete mit einer 
intermediären oder verschmelzenden Vererbung. Am besten 
kommt dies in der dem Praktiker geläufigen Bechnung nach Bluts- 
anteilen zum Ausdruck, wie sie spater in dem Abschnitt über Kreuzung 
besprochen wird. Zwar tritt eine solche intermediäre Vererbung bei 
einer Kreuzung verschiedener Rassen in der ersten Generation oft auf, 
aber sie züchtet nicht rein weiter. Selbst Fälle, in denen man dieses 
bislang als ganz sicher angenommen hatte, wie bei den aus einer Paarung 
von WeiQen und Kegem entstehenden Mulatten, hat die neue Bastard- 
forschung gezeigt, daß diese Vererbungsform nicht vorhanden ist, sondern 
daß in den folgenden Generationen die Mulatten recht verschiedene 
Farbentöne zwischen schwarz imd weiß aufweisen. Es handelt sich 
auch hier nicht um einen konstanten, sondern um einen allerdings ziem- 
lich komplizierten Fall spaltender Vererbung. Man wußte zwar auch 
in der Tierzucht, daß die Mittelform der Jungen nur mit vielen Aus- 
nahmen zuträfe, hielt sie aber doch im allgemeinen für die Kegel. Es 
mag sich dies zum Teil daher erklären, daß in der Praxis sehr oft mit 
Kreuzungsprodukten nicht weitergezüchtet wird, oder daß doch in den 
folgenden Generationen, wie beim Übergang von primitiveren zu Kultur- 
rassen, Anpaarung vorgenommen wird, so daß die Spaltung nicht in 



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218 4. Abeobnitt. Zengnng und Vererbang. 

dem Maße in Brscii^nimg tritt. Ein Hauptgrund liegt aber wohl darin, 
daß man in der Tierzuckt weniger an eine selbständige Vererbung vieler 
einzelner Eigenscliaften dachte, sondern das Tier ab einen mehr ein- 
heitlich vererbenden Organismus betrachtete. 

Das Vorhandensein einer konstant intermediären Vererbung wird 
heut« vielfach überhaupt bestritten. £inwandfrei geklärt ist die Frage 
jedenfalls noch nicht. Sicher stellt diese Form der Vererbung aber 
nicht die Regel, sondern, wenn sie überhaupt vorkommt, die 
Ausnahme dar. 

In erster Linie könnte eine konstante intermediäre Vererbung noch 
b^ Ereuzungsprodukten veischiedener Arten (Artbastarde) auftreten. 
In der ersten Gieneration scheint sie tatsächlich so gut wie allgemein 
vorhanden zu sein. Wie es sich in den folgenden Generationen verhält, 
ist nicht genügend bekannt. Der FoiBchung stellen sich um deswillen 
besondere Schwierigkeiten entgegen, weil Artbastarde meist unfrucht- 
bar sind. Solche Tierindividuen würden auch durch die sehr große 
Zahl verschiedener Merkmale eine eingehende Prüfung erschweren. 
Das Gesamtbild des betreffenden Tieres wird leicht den Vergleich der 
Einzelheiten verwischen. Nicht wenige Forscher sind aber der Meinung, 
daß auch Artbaetarde keine konstant intermediäre Vererbung aufweisen. 

Bffl Paarungen innerhalb der Art, wie sie die Regel sind, haben wir 
es in der Mehrzahl der Fälle mit der alternierenden oder spal- 
tenden Vererbung, meist nach ihrem Entdecker MwdOlKht 
Venrbung genannt, zu tun*). 

>) Gregor Mendel, geboren 22. Juli 1822 in Heinzendorf bei Odrau in 
Mähren, war Auguatinerpater in Brunn und Btarb als Abt seines Klosters am 6. Januar 
1884. Er war ein hervorragender NaturforHcher und beschäftigte sich als Mönch 
mit Kreuzungen verschiedener Pflanzen, wobei er eigenartige Vererbungsr^eln 
entdeckte und in den Jahren 1865/66 veröffentlichte. Seine grundlegenden Ent- 
deckungen wurden damals nicht beachtet, bis im Jahre 1900 gleichzeitig drei 
Botaniker, Correns, de Vries und v. Tecbermak, die Mendelscben 
Regeln unabhängig voneinander neu entdeckten. Seitdem ist auf diesem Gebiet 
uugemein erfolgreich gearbeitet worden. Neben den eben genannten Botanikern 
sind es vor allem B a u r und Nilsson-Ehle, von Zoologen H a e c k e r, 
F 1 a t e in Deutschland, L a n g in der SchweiE, Batesonin England, Castle 
und Bavenportin Amerika u. v. a. Der Natur der Dinge nach hat die Pflanzen- 
zucht und der Gartenbau von dem Mendelismus schnellere Erfolge erzielen können 
als die Tierzucht. Letztere steht schwierigeren Problemen gegenüber und hat es 
mit langsamer sich vermehrenden, in der Haltung kostspieligeren Tieren zu tun. 
Aber eine indifferente oder gar ablehnende Haltung der Tierzüchter gegenüber dem 
Mendelismus ist vöUig unb^ründet. AuchdieTierzucht wird von diesem neuen For- 
schungsgebiet eine nachhaltige Förderung zu erwarten haben. Dringend wünschens- 



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V. Die Vererbui^. 219 



Die Etgeboiese der Mendelioisctiung müssen, soweit sie füi die 
TierzncLt ein Interesse haben, einer Bettachtung unterzogen werden. 
Vorw^ sei bemerkt, daß man die elterliche (parentale) Generation 
mit P, die Tochter- (filiale) Generationen mit Pj, Fj, Fj usw. bezeichnet. 

Die beiden einander geg^iüberatehenden Merkmale werden als 
antagonistische oder allemorphe Merkmale bezeichnet, 
z. B. weiß und schwarz, gehörnt und hornlos usw.; selbstverstäiidliclt 
kann es sich nur um vai^leichbare (homologe) Merkmale handeln, also 
nicht etwa weiß und hornlos. 

Das Wesen des Mendelismus läßt sich in drei Vererbungsregeln tmd 
einer Erklärungshypothese ausdrücken. 

Die e r s t e R e g e 1 ist die von der G-leichheit (Uniformitat) 
der F^-B a s t a r d e, also der aus der Kreuzung unmittelbar hervor- 
gegangenen Kachkommen. Im einzelnen sind hier 3 Fälle zu unter- 
scheiden : 

Ä. Die Fj'Bastarde sind intermediär, d. h. sie stehen mit 
ihren Merkmalen etwain der Mitte zwischen den beiden Eltern (Fig. 116 la). 

• o ^ • o 



i o '■ • • • o 



Fig. 118. Bohema der alternativen Verflrbnng. (Nach Haeober.) 

P BlterD, »"i, »"j, Fx erste, zweite, dritt« Tochtergeneration. /» Intennediire, ih domi' 

nierende ^i-Generation. 

Diese Form ist weit verbreitet, wofür besonders in der Tierzucht 
viele Beweise vorliegen. Schwarze und weiße Hühner ergeben sprenke- 
hge, d. h. schwarz und weiß in mosaikartiger Verteilung oder blaue 
Kachkommen, z. B. blaue Andalusier (Fig. 117) oder Bredahühner, 
weiße Shorthoms und schwarze Gallowaya oder Aberdeen-Angus die 

wert wäre es, daß Deutschland demnächst in den Besitz einer grollzügig oi^^tuumerten 
VeranchBuurt^ käme, wie sie von der Deutschen Geaellaohaft für Züchtungskunde 
seit Jahren erstrebt wird. 



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4. Abschnitt. Zeugung und Vererbnng. 



geschätzten „blauen" Nachkommen, schwarzgesichtige Downschafe mit 
weißgeBichtigeii Merinos gesprenkelte Köpfe. Schwarze Comwall- x weiße 
Edelschweine liefern in Fj blaugraue Kachkommen, allerdings in vei- 
schiedener Faibentönung (Fig. 119). Auch im Pflanzenreich ist dieser 
Typus weit verbreitet: weiße x rote Wunderblume (Mirabilis Jalapa) 
ergibt F,-Baatatde von rosa Farbe. Weil diese Bastardform zuerst beim 
Mais festgestellt wurde, wird sie auch wohl als Zea-Tjpus bezeichnet. 
B. In den F^-Bastarden tritt nur ein elterliches Merkmal 
in Erscheinung (Fig. 116 I b), es ist das alleinherrschende, domi- 
nante, während das andere nicht zum Vorschein kommende rezessiv 
genaimt wird. Man kann sich vorstellen, daß das dominante Merkmal 
das rezessive verdeckt. Einen Ausdruck hierfür geben vielfach die 
mathematischen Zeichen ^ und <^, z. B. schwarz ^ weiß, d. h. 
schwarz dominiert über weiß, gehörnt <[ ungehömt, d. h. gehörnt ist 
rezessiv gegenüber ungehömt. Die Dominanz ist vielfach in ihrer Be- 
deutung überschätzt worden. Sie ist darchaua nicht charakte- 
ristisch für die MendeUche Vererbung, sondern stellt nur einen 
Spezialfall, eher die Ausnahme als die Regel dar. Das trifft um so mehr 
zu, als die Dominanz oft nur unvollkommen auftritt, so daß Zweifel 
entstehen können über die Abgrenzung des dominanten gegenüber dem 
intermediären Typus. Weil die dominante Form bei der Erbse (Pisum) 
auftritt, ist sie auch wohl als Fisumtypus bezmchnet worden. Einige 
Beispiele von Dominanz bei Haustieren mögen folgen: 



DOK 



braune Farbe 

Sohimmel, Scheck 

Trabgai^ 

Soheckung der Simmenthaler 

schwarze Farbe 

bomloa') 

weiße Farbe 

gelocktes Haar der Karakuls 

Knrzhaarigkeit 

weiße Farbe 



rote Farbe (Fachs) 
Ein(arbigk«it 



Binlarbigkeit der Londechläge 

rote Farbe 

gehörnt 

acbwaize Farbe 

glattes Haar der Heidschnucke 

Langhaarigkeit 
schwaize (nicht rote) Farbe 



^) Nach den Seobachtungen im Haustiergarten in Halle ist die Horoloeigkeit 
nicht immer dominant. Vgl. H e n b e 1 e r, 23. Flugschrift der Deutschen Gesell- 
schaft für ZnchtuDgskunde 1913, S. 26. 

*) Nach derselben Quelle (S. 27 u. 30) verhült sich das Angorahaar der Ziege 
intermediär; in aaderen Fällen erwies sich die weiße Farbe nicht immer dominant. 



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4. Abschnitt. Zeugang und Vererbung. 



Tierart 


Dominant 


BeseBBiT 


Schweine 
Hunde 


Weiß (EdelBchwein) 

KurahAarigkeit 

schwane Farbe 

DachBbeine 


Schwarz (Berkshire) 
Rot (Tamworth) 

braune Farbe 
normale Beine 



C. Die Fi-Bastarde zeigen vollständig neueMerkmale, welche 
bei den Eltern äußerlich nicht in Erscheinung getreten sind. Ein Bei- 
spiel hierfür bietet die von B a t e 8 o n ausgeführte Kreuzung eines 



Fig. HS. ComwullBber (schwarz) gepaart mit Edel ach weinasn (ireiB) Fig. 119. 
(Nach KTODacher.) 

weißen Huhnes mit einem weißen Seidenhuhn, wobei lebhaft gefärbte 
Nachkommen entstanden'). 

Die Erklärung für diese auffällige Erscheinung ergibt sich aus der 
später zu besprechenden Zusammeosetzung des Keimplasmas, und sie 
ist für den Tierzüchter so besonders lehrreich, weil sie beweist, daß 
man den wirklichen Zuchtwert der Tiere nur aus ihrer Nachzucht zu 
beurteilen in der Lage ist. 

Die zweite M endelache Regel ist die Spaltungs- 
regel, das auffälligste Merkmal der Mendelschen Vererbung. Sie 
tritt dadurch in Erscheinung, daß bei den F,-Baatarden die in Fj ver- 
einigten Merkmale in einem ganz bestimmten Zahlen Verhältnis alter- 



')I 



1.0. S. 100. 



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V. Die Vererbung. 



nierw oder spalten. Vorauasetziing hierfür ist entweder Selbstbefruch- 
tung oder doch eine Paarung der Fi-Ba6tarde untereinander. 

Im F a 1 1 e A mit intermediärer Vererbung zeigen 25 % 
der Nachkommen die Merkmale des Vaters, 25 % jene der Mutter und 



IsUcbweinsau mit Ferkeln uoch dem schwarzen Coniir&lleber (Fig. IIB). 
m la verscbiedenen Alistufangen eiae — auf dam Bild nicht deutlich siebt- 
re — Intermediäre blaugraue Farbe. (Nach Kronaeher). 



60 % tragen intermediären Charakter. Das Zahlenverhältnis stellt sich 
also wie 1:2:1 (Fig. 116 I a). Bei den Andalusierhühuem entfallen 
ahio in Fj aiil zwei blaue Hühner je ein weißes und ein schwarzes Huhn 
(Fig. 117). Die VererbungseTscheinungen bei der Kreuzung eines schwär- 



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224 ^ Absohnitt. Zeugung und Teterbong. 

zen Comwallebets mit einer weißen Edelschweinaau in Fj und F^ werden 
nach Veimichen von Kionacher veranschaulicht durch Fig. 118 
bis 120^). In den folgenden Genetationen züchten die Ka«bkommen 
mit den elterlichen Merkmalen rein, während die intermediären Typen 
stetB im Verhältnis von 1:2:1 weiterspalten. Daß ee nicht gelingen will, 
die blauen Andalusier zur Konstanz zu bringen, ist allgemein bekannt. 

Im Falle B finden sich bei den F,-Bastarden in Inzucht bzw. bei 
Selbstbefruchtung 75 % mit den dominanten, 25 % mit den rezessiven 
Merkmalen; das Verhältnis ist demnach 3 : 1 (Fig. 116 I b). Die 25 % 
Nachkommen, welche rezessiv auftreten, züchten rein weiter, während 
von den 75 % der dominanten Form nur 25 % rein züchten, die letzten 
50 % aber in der folgenden Generation ebenfalls wieder im Verhältnis 
3 : 1 weiterspalten. 

Im Falle C bei dem Auftreten neuer Formen (Ereuzungs- 
iiova) finden sich ebenfalls spaltende Erscheinungen, aber in einem 
anderen Zahlenverhältnis; sehr oft 9 : 3 : 4, worauf indessen nicht weiter 
eing^angen werden soll. 

Zur Erklärung dieser Erscheinung hat schon Mendel seine Hypo- 
these von der Reinheit der Gameten angestellt. Die väter- 
lichen und mütterlichen Keimmassen, welche in Fj miteinander vereinigt 
sind, trennen sich bei der Bildung der Gameten derart, daß die Hälfte 
nur noch die Erbeinheiten des einen, die andre Hälfte jene des anderen 
Elters besitzt, wie dies durch Fig. 121 zur Anschauung kommt. Wenn 
man unter diesem Gesichtspunkt einen Fall annimmt, in welchem 
Schwarz dominant (D) und Weiß rezessiv (B) ist, so erklären sich die 
eigenartigen Zahlenveihältnisse in Fj ohne weiteres. In F, sind D und R 
vereinigt, sie bilden aber 50 % D- und 50 % R-Gameten {Fig. 121 garnj); 
je eine Hälfte der Samen- und der Eizellen enthält also D, die andere R. 
Für die Zygotenbildung in F^ (Fig. 121 zyg^) bestehen dann vier ver- 
schiedene Möglichkeiten. Es können zusammentreffen: 

Samenzelle D mit Eizelle D = D D-Zygoten 
D ,. „ R=DR- „ 
R „ „ D=RD- „ 
R „ „ R = R R- „ 
mithin 1DD:2DR:1RR. 

Die D D-Zygoten besitzen ausschließlich die Anlage D, sie und in 
unserem Falle schwarz, die R R-Zygoten umgekehrt nur die Anlage R, 

') Fig. 118— 120 Büid nach von Herrn Prof. Dr. Kronacher (Weihen- 
Htephan) gütigst überiaasenen Photographien he^estellt. 



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V. Die Vererbung. 



225 



sie sind weiß. Bdde smd einfach veranlagt, homozygot. Dagegen 
fflnd die D R- and R D-Zygoten verschieden veranlagt oder hetero- 
zygot. Da in unserm Beispiel das rezessive Weiß (R) durch das do- 
minante Schwarz (D) verdeckt wird, BO eischeinen die D R- oder R D- 
Individuen schwarz. Bei der intermediären Vererbnng würden die 
D R-Zygoten aber, weil D nicht R zu verdecken vermag, eine Mittel- 
stellung einnehmen. Die tatsächlich in Erscheinung tretenden Zahlen- 








'3Si ^WO) ip(DB) qj(ED) q3(r.ll) 



Fig. 111. Sptütnng der Aalagen in dar ^i-Geiier&tlon. (Nuh Ha< 

Verhältnisse von 3 : 1 bw der dominanten und 1:2:1 bei der r< 
Vererbung sind auf diese Weise zwanglos erklärt imd ebenso die Tat- 
sache, daß die homozygoten Individuen (D D und R R) in den folgen- 
den Generationen stets rein weiterzüchten, konstant sind, die hetero- 
zygoten D R- und R D-Individuen dagegen in dem angegebenen Ver- 
hältnis weiter spalten müssen, also nicht konstant sein können. 

Man kann die Richtigkeit dieser Hypothese durch Rückkreuzung 
der Fj-Bastarde mit ihren Stammformen prüfen. Paart man die hetero- 
zygoten Bastarde mit einer Stammform, so können nur zweierlei Zygoten 
entstehen. Handelt es sich um eine Rückkreuzung mit der dominanten 
PBich-H>ii*en, AllBemalDs Tienaebt. S.Anfl. 15 



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226 4- Abschnitt. Zeugung und Vererbimg. 

Stammform, so müssen 50 % dominant homozygote und 50 % hetero- 
zygote Individuen, die aber äußerlich ebenfalls das dominante Merkmal 
zeigen (in unserem Falle schwarz), erscheinen (Fig. 122). 

Wird umgekehrt die rezessive Stammform verwandt, so müssen 
50 % (schwarz erscheinende) Heterozygoten und 50 % rein rezessive 
(weiße) Homozygoten auftreten (Fig. 123). Die Zahlenverhältnisse sind 
in vielfachen Züchtungsexperimenten tatsächlich bestätigt worden, 
allerdings muß die Anzahl der Nachkommen eine genügend große sein, 
damit sie von Zufälligkeiten imabhängig wird. 

Aus den bisher erklarten Vererbungsregeln ist nicht verständlich, 
wie durch Kreuzung die doch tataächlich auftretenden neuen Formen 




© © 




© © © 



Fig, UI. Rackkreuzung des Btataids miC 
der daminlereudeu Stimmforni. 

(Nach Hai 

zustande kommen. Bei der dominanten Vererbung entstehen nur die 
elterlichen, bei der intermediären weist ein Teil der Nachkommen zwar 
neue Merkmale auf, aber diese spalten immer wieder. Reinzüehtende neue 
Formen sind auf diesem Wege aber nicht zu erhalten. Um ihr Auftreten 
verstehen zu können, ist daran zu denken, daß Tiere und Pfianzen 
nicht nur in einem (Monohybride), sondern in zwei (Dihybride), drei 
(Trihybride) und mehr (Polyhybride) Merkmalen verschieden sein können. 

Hier ist nun die dritte Mendelsche Begel, die Unab- 
hängigkeitsregel, von grundlegender Bedeutung. Sie besagt, 
daß jedes einzelne Merkmalspaar ganz unabhängig 
vondenandern vererbt wird, so daß in den Bastarden ver- 
schiedene Kombinationen aufzutreten vermögen. 

Unter Berückdchtigung der Tatsache, daß bei Bildung der weib- 
lichen »md männlichen Gameten die in F, vereinigten Aulagen sich von- 



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V. Die Vererbung. 227 

einander trennen, müssen bei einem Dihybrid 2 (männliche) x 2 (weib- 
liche) = 4 Qameten entstehen, die 16 verschiedene Zygoten zu bilden 
gestatten. Beim Trihybtid entstehen je 8 männliche und weibüche 
Gameten, welche 64 Zygotentypen ermöglichen, bei 4 verschiedenen 
Merkmalen 16 verschiedene Gameten in jedem Geschlecht, welche 
256 Kombinationen zulassen, bei 5 verschiedenen Merkmalen je 32 Ga- 
meten mit 1024 Zygotenkombinationen usf. Da unsere Tiere üch durch 
eine sehr große Zahl von Merkmalen voneinander unterscheiden können, 
80 wird klar, wie ungeheuer viele verschiedene Vererbungsmöglichkeiten 
bestehen, zugleich aber auch, wie schwer, ja unmöglich es bei unsem 
großen Hanstieren mit ihrer beschränkten Vermehrungsfähigkeit ist, die 
Vererbungsvorgänge experimentell zu kontrollieren. 

Schema der dihybriden Kreuzung. 
P A B X a b oder A b X a B 

Fi A B a b = äuQerlich schwarz kurzhaarig 

Gameten: AB, Ab, aB, ab. 



AB 

AB 

= A B s. k. 


Ab 

AB 

= AB8.k. 


aB 

AB 

= A B 8. k. 


ab 
AB 
= AB8.k. , 


AB 

Ab 

= AB8.k. 

AB 

aB 

! = A B B. k. 


Ab 
Ab 

= Ab 8.1. 


aB 

Ab 

= A B B. k. 


ab 

Ab 

- Ab8.L 


Ab 

aB 

= A B 8. k. 


aB 

aB 

= aBw.k. 


ab 
aB 
= aBw.k. • 


AB 

ab ■ 

= ABs.k. 


Ab 
ab 

= Ab 8.1. 


aB 

ab 

= aBw.k 


ab 

ab 

= ab »'. I. 



SoBeriicb 


= »AB + 3Ab + 3aB +lab-16 




scbwara schwarz weiß weiß 




kurzhaarig langhaarig kurzhaarig langhaarig 


in Prozent 


58,25 18,75 18.75 «,25 


iimerltcb 


= 4 Homoiygoten: AABB, AAbb, a«BB, aabb, welche 




konstant züchten, 




8 Monoheteroiygoten: 2AA Bb-(-2Aa BB4-2Aabb-|- 




2 a a B b, welche spalten. 




4 Diheterozygoten: Aa Bb, welche spalten. 



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228 *• Abschnitt. ZeuguDg und Vererbung. 

Verfolgen wir niin zunächst die Vererbung in Fj au einem D i- 
h y b r i d, bei welchem die Eigenschaft Ä dominant ist über a, B über b. 
Dabei ist es gleichgültig, ob die Eltern nach der Formel A B x a b oder 
A b X a B gekreuzt werden. F, ist dann durch Vereinigung der An- 
lagen A B a b entstanden, wovon bei völliger Dominanz nur A B äußer- 
lich sichtbar und. Bei Bildung der Gameten dieeer Gieneration wandern 
A und a und ebenso B und b jedesmal in verschiedene Zellen. In eine 
Gamete mit A kann entweder B oder b, in eine solche mit B entweder 
A oder a übergehen, so daß 4 Typen denkbar sind: AB, Ab, a B, ab. 
Da diese Möglichkeiten sowohl für die Samenfäden wie die Eier in Frage 
kommen, so sind in F, 4 x 4 = 16 Kombinationen denkbar. Wenn man 
nun, wie dies in dem umstehenden Schema geschehen ist, die weiblichen 
Zellen in senkrechte Reihen, die entsprechenden männlichen in wagerechte 
Beihen ordnet, so ergibt sich ein übersichthches Bild der vorhandenen 
MögUchkeiten. Die obere Reihe eines jeden Feldes gibt die männ- 
lichen, die mittelste die weiblichen Gameten, die unterste die äußerlich 
sichtbaren Merkmale der aus den Zygoten entstehenden F^-Individuen 
an. (Siehe Schema S. 227.) 

Es entstehen also i Phänotypen im Verhältnis von 9:3:3:1, 
aber nur je einer davon ist homozygot, deshalb konstant — die fett- 
gedruckten schlag von links oben nach rechts unten stehenden — , wäh- 
rend die anderen als heterozygot in den folgenden Generationen weiter- 
spalten. Zur beseeren lUuBtrierung dient Fig. 124, welche einen Ver- 
such Castles mit Meerschweinchen mit 2 antagonistischen Merkmalen 
A schwarz — a weiß, sowie B kurzhaarig — b langhaarig darstellt. 
Fs entstehen also äußerlich sichtbar folgende Individuen: 

9 schwarz kurzhaarig = s. k. 

3 schwarz langhaarig — s. 1. 

3 weiß kurzhaarig . = w. k* 

1 weiß langhaarig . = w. 1. 

Schon aus diesem verhältnismäßig einfachen Fall ergibt sich, daß 
Individuen gleicher Abstammung, der verschiedenen Zusammensetzung 
der Erbmasse wegen, nicht gleichwertig sein können. Ein homozygotes 
Individuum A B ist schon nach der ersten Kreuzung konstant, während 
die äußerlich ebenso beschaffenen, aber heterozygoten A b A B- oder 
A a B b-Individuen für den Züchter in den folgenden Generationen da- 
durch, daß keine konstante Vererbung eintritt, weniger wertvoll sind. 
Bei vollkommener Dominanz kann man es einem Individuum nicht ohne 
weiteres ansehen, ob es homo- oder heterozygot ist; hier kann nur die 



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V. Die Vererbung; 229 

Fj-Generation weitere ÄufschlüBse geben. Von dieser Möglichkeit macht 
man in der Fäanzenzucht bereits ausgiebigen Gebrauch, während fUt 
die Tierzucht die erwähnten Umstände erst sehr viel schwieriger 
zur Klarheit durchzudringen gestatten. Je größer die Zahl der ant- 
agonistischen Merkmale wird, desto komplizierter werden die Verhält- 
nisse. Ehe ich hierauf eingehe, muß noch ein weiterer Gesichtspunkt 
zur Erörterung gestellt werden. 

Man nimmt heute an, daß jede selbständig vererbende Eigenschaft 
eines Lebewesens von einem besonderen Faktor — Erbeinheit, An- 




Fi«. lil. Kreuzung zweie 

■chied«: achwari— weiB. kurihaarin— langbaariK. ai 

niter weis, karzhiurig über langbaarlg; >'i hIio 

S schwarz kurzhaarig, t schwarz langhaarig. 

Nach Wandtafeln zur Vererbungslehre 



. die zwei aelbatilndig mendelnde Unter- 
Fweiien. — Volle Dominanz von schwarz 
icbwarz— kurzhaariK. In f\ Spaltnng In 
weis karzhaarig, 1 weiß lunghaarig, 
und Ooldschraidt. 



Verlag Otbc. BorntrSger, Berlin. 

läge, Gen — bedingt wird, und daß diese bei Bildung der Zygoten in 
allen nur mögUchen Kombinationen nach den Gesetzen des Zufalles sich 
vereinigen können^). 

Nach der meist üblichen Annahme ist das Auftreten eines 
Merkmales von der Anwesenheit, sein Fehlen von der A b- 

^] Um den Ausbau der Faktorenhj^these hat eich eine groOe Zahl von 
Forschem verdient gemacht: Correna, Bateson, Baur, Nilaeon-Ehle, 
Castle, Lang, Plate u. a. 



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4. Abaohnitt. Zeugung und Vererbung. 



Wesenheit^] eines beBtimmten Faktors bedingt. Dem positiven 
Bteht der negative Faktor gegenüber. Von diesem Standpunkt aus ist 
also beispielsweise in einem Falle, in welchem schwarz dominant und weiß 
rezessiv eich verhält, das antagonistische Merkmal nicht weiß, sondern 
das Fehlen von Schwarz, ja, man spricht sogar, wdbn das Fehlen eines 
Merkmales über dessen Vorhandensein dominiert, z. B. in dem L a n g- 
schen Versuch die ungebänderte Zeichnung des Gehäuses der Garten- 
Schnecken über die gebänderte, von einem aktiven, nämlich einem Hem- 
mungsfaktor. Wenn dieser Faktor fehlt, so tritt die Bändening unge- 
hindert in Erscheinung, eine Auffassung, die etwas gekünstelt erscheint^). 

Die Anwesenheit wird mit einem großen lateinischen Buchstaben, 
die Abwesenheit mit demselben, aber klein geschriebenen Buchstaben 
zum Ausdruck gebracht, z. B. A a. 

Der genotypische Aufbau der Zygoten wird regelmäßig mit zwei 



') Es Bollen hier anstatt der gewöhnlich auch in der deutschen Literatur 
gebrauchten Auadrücke „PreseDce-absence-Thecrie" die obigen deutachen Wort« 
zur Anwendung kommen. 

•) Plate hat der Anweeenheit-AbwesenbeitH-Theorie seine Grundfaktor- 
Supplenlent- Theorie gegenübergeHteUt ( Vererbungslehre S. 402). Er nimmt an, 
daß der rezessive Zustand der ursprüngliche ist und auf einem Grundfaktor 
beruht, und daß durch Hinzutritt eines Supplements von vermutlich enzym- 
artigem Charakter das höhere dominante Merkmal ausgelöst \drd. Im rezessiven 
Merkmal würde demnach das Supplement sieb inaktiv vedialten und erat, wenn es 
aus irgend einem Grunde aktiv wird, das dominante Merkmal hervorrufen. Diese 
Auffassung »"ürde unschwer erklaren, daß es Fälle gibt, in welchen im Laufe des 
Lebens bei ein und demselben Tiere dominante und rezessive Merkmale miteinander 
abwechseln können (Valenzwechsel), z. B. nordische Tiere, die im Winter rezessiv 
weiB, im Sommer dominant dunkel gefärbt sind, oder Hahnenfederigkeit alter 
Hennen. Auch die so häufig auftretende intermediäre Vererbung stimmt mit dieser 
Annahme gut überein. Mir will scheinen, daß vom Standpunkt der Und wirtschaft- 
lichen Tierzucht hinsichtlich der physiologischen Eigenschaften die P 1 a t e sehe 
Gruiidfaktor- Supplement-Theorie gegenüber der Anwesenheit-Abweseaheits. Theorie 
nicht nur dem piaktiaohen Verständnis näher genickt ist, sondern auch direkte Vor- 
teile besitzt. Nach der Anwesenheit-Abwesenheits-Theorie müßten z. B. dieFaktoren 
der Miloher^ebigkeit oder Mastfähigkeit dem Fehlen dieser Faktoren und damit 
der Abwesenheit dieser physiologischea Eigenschaften als antagonistisches Merk- 
mal gegenUbei^eatellt werden, was praktisch nicht vorkommt. Verstandlich könnten 
die tatsächlichen Verhältnisse werden, wenn man Polymerie, d. h. das Vorhanden- 
sein mehrerer gleichsinniger Faktoren annähme und so den verschiedenen Grad 
der Milchleistung abstufte. Nach P I a t e würde dagegen eine verschieden starke 
Wirksamteit des Supplements leichter den tatsächlichen Verhältnissen gerecht zu 
werden vermögen. Ueber diese für die praktische Tierzucht wichtigste Fn^ hat 
das moderne Vererbungsexperiment noch wenig Licht verbreitet, und es stehen 
solchemBemuhenauchunleugbar sehr große Schwierigkeiten entgegen. (Vgl. S. 240.) 



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V. Die Vererbung. 231 



Buchstaben, z, B. A A oder B b bezeichnet, während die Gameten nur 
mit einem Buchstaben, z. B. A, A, B, b, aufgeführt werden. Hierdurch 
kommt einerseits die zweielterliche Entstehung des Individuums und 
anderseits die Spaltung bzw. das Auseinandergehen der väterlichen 
und mütterlichen Anlagen bei der Gametenbildung zum Ausdruck, Die 
Vererbung ist von diesem Standpunkt aus als die Übertragung 
von Faktoren von den Eltern auf die Nachkommen gedacht, nicht 
aber als eine Übertragung von Eigenschaften selbst. Wie diese zustande 
kommen, hängt ab von dem Zusammenwirken der verschiedenen Faktoren 
im Verein mit den äußeren Verhältnissen, unter denen das Tier lebt. 
In ihrer Wirkungsweise lassen sich diese Faktoren in verschiedene 
Gruppen bringen : Konditional- oder Grund faktoren, E r- 
r e g u n g s- oder Bestimmungs faktoren, Intensität s- und 
Hemmungs faktoren. Bei Mäusen entsteht beispielsweise durch den 
Bestimmungsfaktor N die schwarze, Ch die scbokoladenbraime, J die 
gelbe Farbe, aber nur, wenn C (Konditional- oder Grundfaktor) vor- 
handen ist. Ohne die Anwesenheit von C können die anderen Faktoren 
die betreffende Farbe nicht bilden. Ein weiterer Bestiramungsfaktor G 
bewirkt eine ganz bestimmte Verteilung des Farbstoffes innerhalb der 
einzeben Haare imd damit die eigenartige Wildfarbe (Grau- oder Agouti- 
färbe). Das Fehlen der betreffenden Faktoren würde durch kleine Buch- 
staben, in den obigen Fällen n, ch, i, c, g, anzudeuten sein. Nun tritt 
beim Vorhandensein von G (Graubeetimmer) aber weder N (Schwarz- 
bestimmer), noch Ch (Bestimmer der Schokoladenfarbe) auf, und die 
Anwesenheit von N (ohne G) verhindert auch schon das Auftreten von 
Ch (Schokoladenfarbe). Nach der früheren Auffassung würde also N 
über Ch und G sowohl über Ch als auch über N dominant sein ( G >■ N ]> Ch). 
Die Faktorenhypothese erklärt diese Erscheinung so, daß wenn in 
einer Zygote G, N iind Ch zusammentreffen, G die beiden anderen ge- 
wissermaßen verdeckt. G (Grau) ist epistatisch gegenüber N 
(Schwarz), N aber epistatisch gegenüber Ch (Schokoladenfarbe), während' 
Ch gegenüber N und N gegenüber G hypostatisch ist. In diesem 
Sinne hat man auch von einem Verdrängungsfattor ge- 
sprochen. Lang spricht von einem hierarchischen Verhältnis; der 
epistatische Faktor ist dem hypostatischen übergeordnet, der letztere 
dem ersteren untergeordnet. Die Anwesenheit eines hypostatischen 
Faktors kann man in einem Individuum äußerlich nicht erkemien, 
sondern erst durch einen Kreuzungsversuch ermitteln. Der Intensitäts- 
faktor D bewirkt das dichtere, sein Fehlen d das weniger intensive Auf- 
treten einer Farbe. D N liefern Tiefschwarz, d N ein weniger intensives 



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232 ^' Abschnitt. ZeuguDg und Vererbung. 

Schwarz (Blau), D Ch Schokoladenbraun, d Ch rötlichgraue Farbentöne. 
Die Hemmungsfaktoren können einen anderen Faktor in der Entfaltung 
seiner Wirksamkeit hindern. Endlich kann es noch vorkommen, daß 
ein und daaeelbe Merkmal durch mehrere gleichzeitig in der- 
selben Bichtung tätige gleichsinnige Faktoren bewirkt wird, von 
Lang Polymerie genannt. So hat Nilsson-Ehle gefunden, 
daß bei einer bestimmten Weizensorte an der Rotfärbung drei selb- 
ständig mendelnde Faktoren beteiligt sind. Findet sich nur ein Faktor, 




Fig. IIE. Vererbung der Stammformen bei Hfibnen. (Nach Bateioa.) 

I WalnaSksmin, ( Roaenkamm, .1 Erbssnkamin. 4 eInCarher Kamm — Erklarang Im Text und 

Scbema S.lSB. (Baur nnd aoldscbmidt, Wandtafeln zur Vererbungslebrs.) 

80 ist das Korn blaßtot, sind zwei vorhanden mittelrot, und beim Auf- 
treten aller drei Faktoren ist es tiefrot gefärbt. Umgekehrt kann ein 
und derselbe Faktor gleichzeitig verschiedene Merkmale an ver- 
schiedenen Körperteilen beeinflussen (Korrelation). Als Hilfshypothese 
ist dann noch vielfach ein Zusammenwirken bestimmter Faktoren in 
der Faktorenkoppelung und umgekehrt das Ausbleiben einer be- 
stimmten Wirkung durch die Fak torenabstoßung (Repubion), 
welche das gleichzeitige Vorkommen bestimmtet Faktoren verhindert, 
angenommen worden. 



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V. Die Vererbung. 



233 



Mit Hilfe dieser Faktoren wird die genotypische Beschaffenheit 
eines Individuums in sogenannten Erbformeln zum Äuadmck ge- 
bracht; di^e entsprechen etwa den chemischen Formeln. Man kann 
mit ihrer Hilfe berechnen, welche Merkmale in den Nachkommen in Er- 
scheinung treten müssen. Das Kreuzungsexperiment ist denn auch die 
Probe auf die Richtigkeit der Faktorenhypothese, mit deren Hilfe sich 
die tatsächhchen Vererbungserscheinungen verständhch machen lassen. 
Allerdings entstehen zum Teil sehr komplizierte Formeln (B a u r hat 
z. B. beim Löwenmaul 15 Faktoren ermittelt), welche zu ihrer Fest- 
stellung die Vornahme einer sehr großen Zahl von Bastardierungen ver- 
langen. So hatBateson zur Ermittlung der Hühnerkammf ormen etwa 
12 500 Individuen gezüchtet, genau studiert, registriert usw. Solche Ver- 
suche ränd deshalb nicht mit großen Haustieren durchführbar, sondern 
nur mit kleinen Tieren (Meerschweinchen, Mäusen, Hühnern usw.) und 
namentlich mit Pöanzen vorgenommen worden. Grundsätzlich soll noch 
einmal betont weiden, daß selbst dann, wenn eine Eigenschaft durch 
mehrere Faktoren bedingt wird, jede als eine selbständige 
Einheit unabhängig von den andern übertragen werden kann. 

1. Rose R (dominant), Fehlen von Rose r (rezessiv). 

2. Erbse E (dominant), Fehlen von Erbse e (rezessiv). 
Unter Anwendung der Erbformeln ei^bt sich dami folgendes Bild: 

P : RR pp X PP rr 

(Rosenkamm) (Erbsenkamm) 

Fl ; R r P p 

(WalnuQkamm) 
Gameten: RP, R p, rP, rp. 
Hieraus entstehen in F^ folgende Kombinationen: 



RR PP 
Wahiußkamm 

k 


RR Pp 


RrPP 


RtPp 
Wftlnußkamm 


RRpP 
Wahioßkamm 


RRpp 
Roaenkamm 


BrpP 
Walnußkamm 


Rcpp 


rR PP 


rRPp 


rr PP 

k 


rrPp 
Erbsenkamm 


! rRpP 
Walnußkamm 


rRpp 


rrpP 


rrpp 
Einfacher Kamm 
k 



Walnußkamm Rosenkamm Erbsenkamm Einfacher Kamm 



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234 ^' Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

Unter dem Gesichtswinkel der Faktorenhypothese soll ein Versuch 
von B a t e 8 o n^) mit Hühnern besprochen werden. Kreuzungen von 
HUhnem mit Erbeeukamm mit solchen mit Ftosenkamm ergeben in F, eine 
neue Eammform, den sogenannten Walnußkamm {Fig. 125). In Fj treten 
nun entsprechend den Spaltungen bei einem Dihybrid vier verschiedene 
Kammformen im Verhältnie von 9:3:3:1 (S. 227) auf. Verstandlich 
wird dieseErscheinung unter Annahme folgender Faktoren (siehe S.233), 



• 


► X 




i^ 4 


» 




..'■ 4 


m - 


'^^' ....y 



Flg. 1». Krauzun«; zweisr HetTSchweinGhanraasen mit drei galbatäadig mendelndso Eigea- 
BChaften : achwarz— welS, knrzliaarig— laagburiK, wirrbkarig— glatthaAriK. Das Jeveila Euant 
senftnnta Uerkmal ist voll dominant. Die P|-Baelftrde sind deshalb schwari, kurzbaorig. 
nirrhaufs. Id Pt Spaltung In S Typen (b. Bcbaina S. I3fi), welche Je einmal gezeicbnet sind, 
(Nacb BauF und Goldschmidt, Wandtafeln nnr V er Brbanga lehre.) 

Auch hier haben wir es wieder mit vier homozygoten, reiuzüchtenden 
Formen (bezeichnet mit k) zu tun, während die anderen heterozygot zu- 
sammengesetzt sind und daher in den folgenden Generationen weiter- 
epalten. Gegenüber dem früheren Beispiel (S. 227) besteht, abgesehen 
von der Benutzung von Faktoren, insofern ein Unterschied, als bei der 
Kreuzung neue Formen, die in den Eltern nicht beobachtet wurden, 
auftreten, nämlich einerseitB der WalnuBkamm und anderseits der 
einfache Kamm (Fall C, S. 227). 



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V. Die Vererbung. 



235 



Zur beseeren Veranschaulichung soll noch eine trihybride 
Kreuzung scfaenui tisch vorgeführt werden. 

Schema der trifaybxiden Kreuzung. 
P ABC X abc oder AbC x aBc usf. 

Fl ÄTTTce 

F, 8 Gameten: ABC, ABc, AbC, Abc, aBC, aBc, abC, abc. 



ABC ABc AbC Abc aBC aBc abC abc 


ABC 

ABC 

k 


ABc 
ABC 

1 


AbC 
ABC 

1 


Abc 
ABC 
2 


aBC 
ABC 

1 


aBo 
ABC 
2 


abC 
ABC 
2 


abc 
ABC 
3 


ABC 
ABc 
l 


ABo 

ABc 

k 


AbC 
ABc 
2 


Abo 
ABo 
1 


aBC 
ABc 
2 


aBc 
ABc 

1 


abC 
ABc 
3 


abc 
ABc 
2 


ABC 
AbC 
1 


ABc 
AbC 
2 


Abc 

AbC 

k 


Abo 
AbC 
1 


aBC 

AbC 
2 


aBc 
AbC 
3 


a bC 
AbC 
1 


a bc 
AbC : 
2 


ABC 
Abo 

|2 


ABc 
Abc 

1 


AbC 
Abc 

1 


Abo 

Abc 

k 


aBC 
Abc 
3 


»Bc 
Abc 
2 


abC 
Abo 
2 


abo 
Abo 

1 


ABC 
aBC 


ABo 
aBC 
2 


AbC 
aBC 
2 


Abc 
aBC 
3 


aBC 

aBC 

k 


aBc 
aBC 


abC 
aBC 


abc 
aBC 

2 1 


ABC 
aBc 
2 


ABc 
aBc 

1 


AbC 
aBc 
3 


Abc 
aBc 
2 


aBC 
aBc 

I 


aBo 
k 


abC 
aBc 


abo 
aBo 
1 


1 ABC 
, abC 
■2 


ABc 
abC 
3 


AbC 
a bC 

1 


Abo 
abC 
2 


aBC 
abC 

i 


aBc 
abC 
2 


abC 
abC 

k 


abo 
abC 
l 


ABC 
a bc 
3 


ABo 
a bo 
2 


AbC 
abc 
2 


Abo 
abc 
X 


aBC 
abc 
2 


aBc 
abc 
1 


abC 
abc 

I 


abc 
abc 

k 



ÄuBeriicb 8 Terschiedene Sorten bei Tollkommener Dominanz: 
27ABC+9ABo + 9AbC + 9aBC + 3Abc + 3aBc + 3abC+ labc = M 
in% 42,2 14,1 14.1 14.1 4.7 4,7 4,7 1,8 

8 Homozygoten (mit k bezeicbnet), welche konstant züchten. 

56 Heteroiygoton, welche spalten: 24 Mono-, 24 Di-, 8 Triheteroiygoten 
(bezeicbnet mit 1, 2, 3). 



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4. Abschnitt. Zeugung uod Vererbung 



Bildlicli veranschaulicht werden die Verhältnisse durch Fig. 126. 
Es handelt sich hier um einen Versuch von Castle mit Meerschwein- 
chen^) mit drei allemorphen Merkmalen: A schwarz — a weiß, B kurz- 
haarig — b langhaarig, C wirrhaarig — c glatthaarig, wobei das jeweils 
zuerst genannte Merkmal volle Dominanz aufweist. Der F^-Bastard ist 
deshalb schwarz, kurzhaarig, wirrhaarig. Diese Erbformel lautet wie im 
Schema (S. 235) : Ä a B b C c. In F^ entstehen 64 Kombinationen, doch 
entsprechen diese nur 27 Genotypen, weil A a identisch ist mit a A, B b 
mit b B und C c mit c C. Äußerlich lassen sich aber nur 8 Phänotypen 
unterscheiden, von welchen je einer homozygot und denmach konstant ist. 
Die 8 Phäno- und die 27 Genotypen weisen folgende Erbformeln auf: 

1. 27 BchwRrz-, kurz-, wirrhaarig — 8 Genotypen: 

a) IAA BB CC (homozygot), b) 2Aa BB CO, 
c) 2ÄABb CC, d) 2AA BB Co, 

e) 4Aa Bb CC, t) 4Aa BB Cc, 

g) 4AA Bb Cc, h) SAa Bb Cc. 

2. 9 schwarz-, kurz-, glatthaarig — 4 Genotypen: 

a) IAA BB 00 (homozygot), b) 2Aa BB cc, 
c) 2AA Bb 00, d) 4Aa Bb cc. 

3. 9 weiß-, kurz-, wirrhaarig — 4 Genotypen; 

a) 1 aa BB CC (homozygot), b) 2aa Bb CC, 
o) 2aa BB Cc, d) 4aa Bb Co. 

4. fl schwarz-, lang-, wirrhaarig — 4 Genotypen: 

a) IAA bb CC Chomozygot), b) 2Aa bb CC, 
c) 2AA bb Cc, d) 4Aa bb Cc. 

6. 3 weiß-, kurz-, glatthaarig — 2 Genotypen: 
a) laa BB cc (homozygot), b) 2aa Bb o c. 

6. 3 aohwarz-, lang-, glatthaarig— 2 Genotypen: 

a) AA bb cc (homozygot), b) 2Aa bb oo. 

7. 3 weiD-, lang-, wirrhaarig — 2 Genotypen: 

a) 1 aa bb CC (homozygot), b) 2aa bb Cc. 

8. 1 weiß-, lang-, glatthaarig — 1 Genotyp: a a b b c c (homo- 

zyp)t). 

Fig. 126 zeigt ein schwarz-, kurz- und wirrhaariges Fj-Individunm, 
und darunter für die Fj-Generation je einen Vertreter der 8 Phänotypen 
in der obigen Reihenfolge. 

Noch komplizierter werden die Verhältnisse, wenn Polyhybride mit 
weiteren antagonistischen Merkmalen vorhanden sind und ebenso, wenn 

') Zit. nach Lang a. a. O. S. 708, nur sind oben die Faktoren mit A B C 
bezeichnet worden. 



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V. Die Vererbung. 



237 



statt dei voUkommeDea Dominanz eine intermediäre Vererbung odei 
auch nnr eine weniger scharf ausgeprägte Dominanz in Erscheinung tritt. 
An dieser Stelle soll darauf aber nicht weiter eingegangen werden, Aua 
den obigen Beispielen er^bt sich schon zur Genüge, daß bei gro&en 
Haustieren mit langsamer Entwicklung und schwacher Vermehrung aich 
diese Gesetzmäßigkeiten kaum erfassen und daß sich noch viel schwieriger 
im praktischen Zuchtbetriebe bestimmte Voraussagen treffen lassen. Zucht- 
experimente in nennenswertem Umfange sind hier kaum durchführbar, 
denn nur sehr große Zahlen können Gesetzmäßigkeiten feststellen. 

Einen wenn auch unvollkommenen Ersatz bietet die statistische 
Methode, welche das in Stut- und Heidbücfaem niedergelegte Material 
zu prüfen sich bemüht. 

In erster Lmie hat man die Vererbung der Pferdefarben 
geprüft. Hierüber liegen verschiedene Untersuchungen aus älterer 
und neuerer Zeit vor. Unter Zi^rundelegung der Faktorenhjpothese 
hat namentlich W a 1 1 h e r^) an einem sehr umfangreichen Material 
eingehende Untersuchungen angestellt. Er selbst verwirft die Anwesen- 
heit-Abwesenheits-Theorie, unter deren Benutzung Lang über seine 
Untersuchungen berichtet*). Die wesentlichsten Ergebnisse mögen hier 
kurz folgen. 



I. P»w 


A 


Gelbes Figmeat 


^ 


Rotes Pigment 


Grundpigment 




(iBftbeUe) 




(Fuchs) 


2. Paar 


B 


Schwatzes Pigment 


b 


Fehlen des schwarzen Pig- 


(epiatatisch lu 1) 








ments 


3. Paar 


C 


Schwan bedeckt den 
Körper nur teilweise. 
(VieUeicbt uDvoUatäudige 

Dominaoz) 




Eappzeichnung 

Schwara bedeckt den 
Körper vollständig 


4. Paar 


D 




d 


Fehlen der Schimmel- 


(eplBtatiBchiulu.2) 








zeichnung. 
(Fehlen d. weißenHaare) 


S. Paar 


E 


Scheckzeichnung 


e 


Fehlen der Schcckzeich- 


(epistatisoh zu 1, 2 








nung 


und 3) 










6. Paar 


F 


Tigerung 


f 


Fehlen der Tigerung 












und 3) 











■) A d. R. W a 1 1 h e r, Beiträge zur Kenntnis der Vererbung der Pferde- 
farben. Hannover 1912. 

») Lang a.a.O. S. 763. 



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238 4. Abacbnitt. Zengnng und Vererbung. 

W a 1 1 h e r unterscheidet sechs Faktorenpaare — die großen 
Buchstaben deuten Dominanz an — für Farbe und Zeichnung des 
Pferdes (siehe S. 237). 

Da 8 Gnmdpigment A gelbes und a rotes Pigment soll nach W a 1 1 h e r 
jedem Pferde zukommen, während Lang betont, daß das — noch nicht 
genotypiach feststehende — rote Pigment zwar allenthalben vorkommt, 
gelb aber, da sonst Füchse nicht vorkämen, fehlen kann. Homozygotisch 
gelbe Pferde A A (laabellen) müssen mit Fuchsen a a Isabellen geben. 
Heterozygote gelbe A a Uefem mit roten gepaart Isabellen und Füchse 
wie 1 : 1. Rezessive Füchse a a müssen stets Füchse bringen. 

B bedingt schwarzes Pigment, hat aber auf dessen Verteilung auf 
dem Pferdekörper keinen Einfluß; es handelt sich hier um Braune mit 
schwarzer Farbe an Mähne, Schweif und vielfach Unterbeinen, sowie 
um Rappen. B B und B b scheinen üch äußerlich nicht zu unterscheiden 
und B verdeckt A (ist epistatisch). Unter diesen Voraussetzungen müssen 
homozygote Braune und Rappen B B mit Füchsen a a b b nur Braune 
und Rappen, keine Füchse, Bb Braune oder Rappen {Heterozygoten} 
dagegen mit Füchsen bb gepaart je zur Hälfte Nachkommen mit imd 
ohne schwarzes Pigment bringen. Solche heterozygote Braune und 
Rappen unter sich gepaart (B b x B b) müssen Pferde mit und ohne 
schwarzes Pigment im Verhältnis von 3 : 1 erzeugen, Isabellen (A a b b 
oder AA bb), denen das schwarze Pigment fehlt, können, unter sich 
gepaart, nur Fohlen mit denselben Eigentümlichkeiten liefern. 

Der Faktor C ist als Verteilungsfaktor anzusprechen; er bedingt 
die bei den Braunen übliche Verteilung von Schwarz auf Mähne, Schweif, 
Unterfiiße; fehlt er (c c), so tritt Schwarz auf dem ganzen Körper auf, 
so daß Rappen entstehen. Braun C ist nach W a 1 1 h e r dominant 
über Rappe (c), doch scheint es weh um eine unvollkommene Dominanz 
zu handeln. Entsprechend diesen Tatsachen müssen homozygote braune 
Pferde (C C) mit Rappen (c c) ausschließlich Braune hefern, während 
heterozygote Braune unter sich gepaart (C c X C c) 75 % Braune (25 % 
C + 50 % C c) und 25 % Rappen (c c) ergeben. Zwei Rappen können 
unter Umständen auch Pferde ohne schwarzes Pigment erzeugen, aber 
ihre Kachkommen, soweit sie schwarzes Pigment führen, sind immer 
Rappen, nie Braune. BbccxBbcc=25% BBcc (Rappen) 
+ 50 % B b c c (Rappen) + 25 % b b c c (ohne Schwarz z. B. Füchse). 
Werden heterozygotische Braune C c mit Rappen c c gepaart, so müssen 
Braune und Rappen im Verhältnis 1 : 1 entstehen. 

Nach W a 1 1 h e r s Festetellungen kann C auch unabhängig von B, 
also beispielsweise bei Füchsen vorkommen, ohne daß es natürlich 



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V. Die Vererbung. 



äußerlich ia Erecheinung tritt. Es kann in dieBem Falle nur durch 
Paarung mit Rappen nachgewiesen werden. Rappstuten B B c c oder 
B b c c mit Füchsen b b C C gepaart, liefern demnach keine Rappen, 
und Füchse a a b b C c (C Heterozygoten) hefem mit Rappen B B c c 
Braune und Rappen im Verhältnis von 1 : 1. Sofern dagegen Füchse 
den Faktor G nicht enthalten (b b c c), bringen sie mit Rappen (B B 
c c oder B b c c) keine Braune, b b c c Füchse mit BBC c-Braunen 
gepaart, müssen 50 % Braune und 50 % Rappen hervorbringen. Da- 
gegen müssen aus der Paarung von Füchsen (b b c c) mit doppelt hetero- 
zygot«n Braunen (B b C c) Braune, Rappen und Füchse im Verhältnis 
von 1:1:2 entstehen. 

Der Faktor D bedingt die Schimmelung, also jene Zeichnung, bei 
welcher größere Mengen unpigmentierter Haare auf pigmenthaltiger 
Haut stehen. Pigmenthaltige und pigmentlose Haare stehen unregel- 
mäßig durcheinander, und die Menge der letzteren nimmt mit dem 
Alter zu. Die Schimmelung ist nach W a 1 1 h e r voll dominant über 
Ifichtschimmelui^. Homozygote Schimmel D D bringen mit Nicht- 
scfaimmeln d d regelmäßig Schimmel (der Araber Amurath in CeUe mit 
600 Kachkommen). Heterozygote Schimmel bringen miteinander ge- 
paart D d X D d 75 % Schimmel (25 % D D + 50 % D d) und 25 % 
NichtBchimmel, und aus heterozygoten Schimmeln (D d) mit Kicht- 
achimmeln (d d) entstehen Schimmel nad Nichtschimmel im Verhältnis 
von 1 : 1, während bei Paarung von NichtSchimmeln (dd) miteinander 
Schimmel nicht entstehen. 

Die Scheckung E sowohl wie die Tigerung F sind nach W a 1 1 h e r 
dominant über die Einfarbigkeit. Die hier nach dem Referat von Lang 
über die W a 1 1 h e r sehe Arbeit über die Vererbung der Pferdefarben 
gegebenen Vererbungsregeln werden durch sehr zahlreiche Beispiele aus 
den benutzten Stutbüchem als zutreffend belegt. 

Ähnliche Untersuchungen über die Vererbung bei Bindern und 
Schweinen sind von verschiedenen Seiten') angestellt; auch hier hat sich 
die mendelnde Vererbung ergeben und ganz besonders ist das der Fall 
bei kleineren Haustieren, wie Hühnern, Meerschweinchen, Mäusen, Ratten 
usw., bei welchen die Vererbungsregeln im Tierreich in erster Linie er- 



') Hinsichtlich der Farbenvererbung bei Rindern hat Kiesel (ZeiUohr. f. 
indukt. Abstanunungs- u. Vererbungalehie, Bd. 10, S. 269) bei KreuEungen von 
scheckigen Simmentalem mit einfarbigen Limpurgem die Mendelschen Regeln 
ebenso bestätigt gefiuiden, wie dies Frölich {Journal f. I^ndw. Bd. 61, S. 217) 
bei Kreuzungsversuchen von weißen Edel- mit schwarzen kaukaeisoben WUd- 
Schweinen gelang. 



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4. AbHchnitt. Zengung und Vererbung. 



forscht worden sind. Eb ist weiter ermittelt, daß in der Vererbung 
von Pflanzen und Tieren weitgehende Übereinstimmung herrscht. 

An die physiologischen Eigenschaften, welche für 
die praktische Tierzucht weitaus das größte Interesse bieten, ist man 
noch wenig herangekommen. Lang berichtet aber doch über einige 
solcher Versuche^). 

Robertson hat die ß e n n f ä h i g k e i t, d. h. Ausdauer und 
Muskelkraft der Pferde einer Prüfung unterzi^en bzw. die Vererbung 
bei den sog. Stehern und Fliegern geprüft. Anatomisch und physiologisch 
gründen sich diese Leistungen auf Abweichungen im Nerven- und Mnskel- 
system, insbesondere weisen die Steher mehr dunkelrote, die FUeger mehr 
hellrote Muskelfasern auf. Robertson rechnet zu den Fliegern 
Pferde, welche auf der Bahn nicht mehr als 1400 m zu durchlaufen ver- 
mögen, während echte Steher 2400 m und mehr nehmen und intermediäre 
Typen in der Mitte stehen. Er glaubt, unter Annahme von zwei Fak- 
toren, das Auftreten Mendelscher Vererbimg bei diesen Rennpferdtypen 
nachweisen zu können, wobei er es o&en läßt, ob nicht weitere Faktoren 
für die ausschlaggebende Kervenkraft heranzuziehen sind. Robert- 
son will weiter nachgewiesen haben, daß auf der Rennbahn geschlecht- 
liche Unterschiede insofern auftreten, als Hengste leistungsfähiger sind 
als Stuten. Seine Zahlen sind interessant. Es haben gewonnen: 

1. auf 1000—1200 m . . . .394 Hengste und 318 Stuten {1,24 : 1) 

2. „ 1600—2200 m .... 702 „ „ 366 „ {1,92 : 1) 

3. „ 2400 m und mehr . . 604 „ „ 221 „ (2,73 : 1) 
bis 2800 m 112 „ „ 27 „ (4,15 : 1) 

Für die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommende geringere 
Leistungsfähigkeit des weibhchen Geschlechtes will Robertson einen 
bei Stuten vorkommenden Hemmungsfaktor verantwortlich machen. 

Über die Vererbung der Milchergiebigkeit hat Wilson 
bei dänischem Rotvieh und Shorthoms Untersuchungen angestellt. Er 
will zunächst eine weitgehende Übereinstimmung zwischen der Milch- 
leistung der Mutter und ihrer Töchter gefunden haben, wenn auch viel- 
fach Ausnahmen dabei vorkamen. Aber diese Ausnahmen soUen nicht 
allmählich abgestuft, sondern scharf abgegrenzt sein. Findet roch ein- 
mal ein nennenswerter Unterschied, so ist er sofort sehr groß. 

Wilson kommt dann auf Grund der Durchschnittserträge dazu, 
die Kühe in drei Leistui^kkssen zu gruppieren: 550 — 600 Gallonen 
(2475—2700 1), 750-900 Gall. (337&-4050 1) und 1000—1200 Gall. 



1) Lang a.a.O. S. 785 i 



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y. Die Vererbung. 241 

(4500 — 5400 1). Diese Abstufimg macht einen etwas wiUkürlichen Ein- 
druck; mir will ihre Berechtigung nicht bo ohne weiteres einleuchten. 
Wilson fand nun, daß Milchkühe der ersten Klasse nie Töchter der 
niederen, und daß umgekehrt Mütter der niederen Klasse nie Töchter 
der höchsten Klasse stellen. Die Töchter von Müttern aus einer der 
beiden Grenzklassen, sowohl der hohen als der niederen, fallen entweder 
in die mütterliche oder in die Mittelklasse. Dagegen besteht die Nach- 
kommenschaft der Mittelklasse nicht nur aus Tieren der eigenen, sondern 
auch aus solchen beider Grenzklassen. 

Aue diesen Tatsachen will Wilson schUeßen, daß die Milchleistung 
den Regeln der Mendelschen Vererbung folgt, und zwar soll sie im hetero- 
zygotischen Zustand intermediär auBgebildet sein (Zeatypus). Die ex- 
tremen Klassen stellen die Auegangetypen einer F-Ge^eration dar. Die 
Mittelklasse enthält die intermediären Heterozygoten, eine F,-Generation, 
die in Fg wieder in die extremen Ausgangstypen und die Intermediären 
Heterozygoten spaltet. Selbstredend müßten dann auch die Bullen den 
drei Klassen angehören. Die Wilson zur Verfügung stehenden Unter- 
lagen reichten nicht ganz aus. Daß in den dänischen Zuchtbüchern wohl 
Mütter, aber keine Töchter der niedrigen Klasse verzeichnet waren und 
daß die registrierten Bullen ebenfalls nur den beiden höheren Klassen 
angehörten, läßt auf eine scharfe Zuchtwahl schließen. In enghschen 
Zuchten fanden sich dagegen Bullen aller drei Klassen. Beispielsweise 
hatte ein Bulle 18 eingetragene Töchter der höchsten und Mittelklasse, 
keine einzige der niederen Klasse, so daß er selbst ein Vertreter der 
höheren Klasse gewesen sein dürfte. Dagegen gehörten die 28 ein- 
getragenen Töchter eines anderen Bullen der mittleren und unteren 
Klasse an; er selbst dürfte zur unteren Klasse zu rechnen sein. 

Ob diese Wilson sehe Darstellung den Verhältnissen wirklich 
gerecht wird, erscheint mir zweifelhaft, namentlich ist der Einfluß der 
Bullen nicht genügend klargestellt. Immerhin bleibt seine Arbeit als 
ein Versuch, die Vererbung der Milcbetgiebigkeit nach Mendelschen 
Gesichtspunkten dargelegt zu haben, beachtenswert. Weitere Unter- 
suchungen sind hier erforderlich, vermutlich dürften die Verhältnisse 
erhebUch schwieriger liegen. 

Die S. 215 besprochenen Versuche von Pearl und S u r f a c e 
haben ebenfalls ergeben, daß die Fruchtbarkeit der Hühner 
den Mendelschen Gesetzen folgt und daß sie wahrscheinlich von mehreren 
gleichsinnigen Faktoren abhängig ist. 

An dieser Stelle ist noch des G a 1 1 o n sehen Gesetzes vom 
Ahneneibe zu gedenken. Es besagt, daß nicht nur die Eltern, 
Posch-Banasn, Allsemeioe Tierzucht. 1. Aaä. 16 



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212 ^- Abeohnitt. Zeugung und Vererbung. 

sondern auch die Groß- und Uigroßeltem, sowie die weiter zurück- 
liegenden Almenreihen durch einen mit dem Grade der Entfernung der 
Vorfahren abnehmenden Beitrag an der Gesamtheit der erbhcheu Eigen- 
schaften eines Individuums beteiligt sind. G a 1 1 o n wollte den durch- 
schnittlichen Anteil eines jeden Ghedee der Vorfahrengeneration zahlen- 
mäßig feststellen. Am Gesamterbe eines Individuums sollte jeder Elter 
mit Vi (beide Eltern zusammen mit Vi)- die Großeltern mit je Vw (*11* ^ 
zusammen mit '/«)< jeder Urgroßelter mit Y^ (alle 8 zusammen mit 7g) usf. 
beteihgt sein. Mit praktischen züchterischen Erfahrungen schien sieb 
dieses Gesetz vom Ahnenerbe wohl zu vereinigen, und es schien sich 
z. B. für die Vererbung der Milchergiebigkeit zu bestätigen^). 

Wenn aber, wie es sicher erscheint, die Mendelsche Vererbung eine 
allgemeine Gültigkeit besitzt, so fällt damit auch das Galtonsche Gesetz. 

Die Zusammensetzung des Keimplasmas entscheidet über die Ver- 
erbungsfähigkett eines Individuums, und vor einer Überschätzung der 
Abstammung, so wichtig sie praktisch auch ist, müssen wir uns doch 
hüten. Tiere genau gleicher Abatanunung (Geschwister) können trotz 
gleichen äußeren Aussehens (Phänotypen) eine sehr verschieden geno- 
typische BeschafEenheit und damit Vererbungsfähigkeit besitzen. Greifen 
wir, um hierüber klar zu werden, auf das Schema der trihybriden Kreuzung 
zurück (S. 235). Es leuchtet ohne weiteres ein, daß unter den 27 schwarz-, 
kurz- und wirrhaarig aussehenden Meerschweinchen, die also derselben 
Abstammung sind und demselben Phänotypus angehören, es für die 
Vererbung einen himmelweiten Unterschied ausmacht, ob wir es mit 
einem vollkommen homozygoten A A B B C C-Individuum oder mit 
einem Diheterozygoten der Erbformel A a B b CG oder einem Tri- 
heterozygoten Aa B b C c zu tun haben. Da es sich in dem Beispiel 
um vollkommene Dominanz handelt, so wird das erstgenannte homo- 
zygote Individuum eine unbedingt sichere und dtirch schlagende Ver- 
erbungsfähigkeit besitzen, während das bei den heterozygoten Individuen 
trotz äußerlich gleichet BeschafEenheit und gleicher Abstammung nicht 
der Fall ist. So wird es uns unschwer erkläilich, wenn beispielsweise 
in einer „rein gezüchteten Herde" schwarzbunter Holländer zum Miß- 
vergnügen des Züchters einmal rotbunte Kälber fallen. Ein Erbfaktor 
für diese Farbe war im Eeimplasma vorhanden und fand durch eine 
Kombination der Gameten Gelegenheit, sich äußerlich sichtbar zu machen. 

Auch die Fn^e der Reinzucht bzw. Konstanz erscheint uns unter 
dem Gesichtswinkel der Mendelschen Vererbung in einem neuen Licht_ 

ijHogatröm, Mitteil. d. D. L. G. 1906, S. 468. 



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V. Die Vererbung. 243 



Jenes homozygote Individuum A A B B CG wird nach der ersten 
Generation vollständig lein züchten, während heterozygote Tieie selbst 
nach der 8. odeT 10. Generation immer noch nicht konstant sind. Kicht 
die Zahl der Generationen entscheidet, sondern die Zusammensetzung des 
Keimplasmas. Wie B a t e s o n sich ausdrückt, kann ein Organismus 
in bezog auE eine gegebene Eigenschaft reinrassig sein, obgleich seine 
Eltern in der gleichen Richtung Bastarde waren^). Die blauen Anda- 
lusiethühner und ebenso die graublaurai Wensleydale-Scbafe (Gesicht, 
Haut und Haar von graublauer Farbe) werden zum Kummer ihrer 
Züchter nie konstant, weil sie eben nur heterozygot vorkommen und 
deshalb in jeder Generation von neuem spalten. 

Die inaktiven latenten Faktoren spielen eine wesentliche Rolle. 
Von Latenz spricht man, wenn ein Merkmal nicht sichtbar wird, 
obgleich sein Ejbfaktor im Keimplasma vorhanden ist. T s c h e r m a k 
nennt einen solchen Zustand Kryptomerie. Ein Merkmal katm 
latent werden infolge ungünstiger äuQerer Verhältnisse, oder weil es 
von einem anderen Merkmal durch wechaelseitige BeeinSussung der 
Faktoren verdeckt wird (rezessive Merkmale werden durch dominante 
am Erscheinen verhindert) oder auch, weil sich ein Hemmungstaktor 
bemerkbar macht. Unter Umständea kann ein Merkmal auch deshalb 
nicht auftreten, weil der Faktor nur in Gegenwart eines Grundfaktors, 
der nicht vorhanden zu sein braucht, in Wirksamkeit zu treten vermag. 

Für die praktische Tierzucht spielt eine wesentHche Rolle, daß be- 
stimmte Eigenschaften geschlechtlich b^enzt sind. Die Milchergiebigkeit 
tritt nur im weiblichen Geschlecht in Erscheinung; die ihre Vererbung 
bedingenden Faktoren finden sich aber genau ebenso im männlichen Ge- 
schlecht, nur in latenter Form. Gerade die neueste Zeit hat viele schla- 
gende Beweise erbracht, daß die Milchergiebigkeit mindestens in demselben 
Grade vom Bullen wie von der Kuh auf die Nachkommen vererbt wird. 

Denken wir dann noch an die früheren (S. 214) Ausführungen über 
die Plus- und Minussomationen desselben Genotypus, so führen alle 
diese Tatsachen dazu, daß wir ein Zuchttier aus seinen äußerhch sicht- 
baren Merkmalen nicht mit Sicherheit auf seinen Zuchtwert beurteilen 
können. Das ist erst dann der Fall, wenn die Vererbungsfahlgkeit sich 
in den Kachkommen übersehen läßt. Die Nachkommen ent- 
scheiden über den Zuchtwert der Eltern. Praktisch 
muß diesen Verhältnissen dadurch Rechnung getragen werden, daß wir 
wirklich gute Zuchttiere, die ihre Vererbungsfahlgkeit erwiesen haben. 



>) B«teBon a.ei.0. 8. 1«. 



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244 ^ Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

möglichst lange zur Zucht benutzen. Auch auf den AusBtellungen 
müßten ältere Zuchttiere in einem viel Btärkeren Maße als biahei nach 
dem Ausfall ihrer Nachzucht beurteilt werden. 

Daß auf dem Wege der Kreuzung neue Zuchten zu entstehen ver- 
mögen, ist oben genügend nachgewiesen. Den ZUchtem bietet sich hier 
ein dankbares Feld der Betätigung, und in vielen Fällen sind auf diesem 
Wege neue wertvolle Kulturformen entstanden, sowohl bei den Tieren 
als auch bei den Pflanzen. Unter Benutzung der Ei^ebnisse der neuen 
Vererbungsforschung dürfen wir auch für die Zukunft mancherlei er- 
warten, weim wir die wertvollen Eigenschaften, die in mehreren Rassen 
getrennt vorkommen, in einer einzigen neuen Form zu vereinigen suchen 
und gleichzeitig die antagonistischen, weniger wertvollen Merkmale aus- 
merzen. Ist die Kreuzung einmal gelungen, to gilt es, durch Zuchtwahl 
bzw. Probepaaningen die für die betreffenden Merkmale homozygoten 
Individuen herauszufinden und die heterozygoten nach Möglichkeit 
auszuschließen, um so zur Konstanz der Vererbung zu gelangen. Von 
dieser Möglichkeit macht heute schon die Pflanzenzucht zielbewußten 
Gebrauch, während auf dem Gebiet der Tierzucht aus den wiederholt 
angedeuteten Gründen erheblich größere Schwierigkeiten bestehen. 

Neue Eigenschaften können allerdings auch dadurch entstehen, daß 
aus irgend einem Grunde im Keimplasma ein bisher vorhandener Faktor 
verschwindet oder ein neuer hinzukommt. Wir haben dann die erbliche 
Mutation vor uns. Soweit man die Tatsachen experimentell ver- 
folgen konnte, scheint es sich der Hauptsache nach allerdings um Ver- 
lustmutationen zu handeln. Solche Mutationen sind bei Pflanzen viel- 
fach beobachtet und aus ihnen sind nicht selten wertvolle neue Sorten 
hervorgegangen. Namentlich dort, wo Selbstbefruchtung bei Pflanzen 
die Regel ist, ist Aussicht, daß die auf dem Wege der Mutation ent- 
standene neue Form erhalten bleibt und vermehrt wird. Bei den zwei- 
geschlecht igen Tieren ist diese Wahrscheinlichkeit schon erheblich kleiner 
und nur dort einigermaßen gesichert, wo in engster Verwandtachafts- 
zucht ein homozygotes Keimplasma angestrebt und erzielt wird. So 
mag vielleicht der Stammvater des Shorthomrindes, der Bulle Hubback, 
eine solche Mutation dargestellt haben. Er war jedenfalls mit einem 
oder mehreren Erbfaktoren für Mastfähigkeit ausgestattet, und die alier- 
engste Inzucht hat homozygote Tiere mit konstanter Vererbung ent- 
stehen lassen. 

Begründete Nachweise darüber, daß Mutationen sprungweise die 
Tierzucht gefördert hätten, liegen im allgemeinen nicht vor. Was bis- 
her erreicht wurde, ist durch schrittweise Abänderungen, unerhebUche 



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V. Die Vererbung. 245 



Mutationen, unter Auswahl von Flusvananten und günstige Gestaltung 
der Haltungsverhältnisse zustande gekommen. 

Die seinerzeit von Settegast*) hervorgehobene „Neubildung 
der Natur", die mit dem heutigen Begriff der Mutation identisch ist, 
hat in Wirklichkeit der Tierzucht nennenswerte Fortschritte nicht ge- 
bracht. Das in einer Merinoherde Frankreichs im Jahre 1827 plötzÜch 
auftauchende sog. Mauchampschaf mit seiner langen, gewellten, seiden- 
glänzenden Wolle ist neuerdings von D r a e g e r^) als Ereuzungsprodukt 
von französiBchen Merinos mit englischen Leicesterschafen entlarvt 
worden. Die- Wolle trug intermediären Charakter. Eine erhebliche 
Bedeutung hat das Mauchampschaf übrigens ebensowenig erlangt wie 
der zweite Settegast sehe Fall des sagenhaften Otterscbaf e der 
Vereinigten Staaten, das seiner krummen Dachsbeine wegen besonders 
hürdenfromm sein sollte. Beide Tiere existieren schon längst nicht 
mehr. Von den Settegast sehen Beispielen bheben dann noch die 
ungehömten Binder und die ungehomten wie die raehrbömigen Schafe, 
von denen man eine bemerkenswerte F&rderung der Tierzucht doch 
wohl nicht herleiten kann. 

Wenn auch die moderne Vererbungsforschung unter dem Einfluß 
der Mendelschen Theorie und der Faktorenhypothese für die praktische 
Tierzucht noch kaum greifbare Ergebnisse gezeitigt hat, und wenn auch 
in Zukunft einer derartigen Ausnutzung der Resultate einmal durch die 
Anzahl der in Frage kommenden Faktoren »md weiter durch die geringe 
Vermehrungamöghchkeit unserer großen Haustiere ganz erhebliche 
Schwierigkeiten im Wege stehen, so haben wir doch heute schon über 
manche Tatsache Klarheit bekommen. Wir haben GesetzmaBigkeiten 
oder doch Regeln entdeckt, wo friiher Redensarten ausreichen mußten*). 

3. Die Vererbung erworbener Elsenschatten. 

Nach den Gesetzen der Vererbung ist es verständlich und un- 
bestritten, daß alle diejenigen Eigenschaften, deren Anlagen (Faktoren) 
im Keimplasma enthalten sind, vererbt werden. Zu dieser „konser- 

1) Settegast, Die Tierzucht. 5. Aufl. Breslau 1888. S.211. 

•) Draeger, Die Fleischachafzucht Hannover 1912. S. 25. 

'} Die meisten KreuzungBverBUche mit Haustieren Bind im Haustiergarten 
in Halle von J u 1. Kühn, allerdings zur Lösung anderer Fragen, aufgeführt. 
Der leider viel zu Irüh verstorbene S. v. Nathusius hat sie im Sinne der 
Mendelforschung fortgesetzt. Soweit sie sich in dieser Richtung verwerten lassen, 
finden eich beachtenswerte Ausführungen in H e n s e 1 e r, 23. Flugschrift der 
Deutschen Gesellschaft für Züchtungekunde. Bertin 1913. 



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246 ^ AbBohnitt. Zeugung und Vererbung. 

vativen" Veterbung gehört einmal die legebnäBige, ausnahmslose Über- 
tiagimg des Gsttungs-, Art- und Rassencharakters und femei aller der 
Eigenschaften, die in dem Stamme begründet sind. 

Pferde erzeugen nur Pferde, und Bolche belgischer Rasse nur Fohlen 
der letzteren. Kühe des ostfriesischen Schlages zeichnen sich durch 
große Milchleistung, bestimmte Formen und Farben aus und vererben 
diese Eigenschaften um so sicherer, je länger dieselben dem Stamme 
innewohnen. Die Sicherheit beruht hier auf der Konstanz, d. i. auf der 
in zahlreichen rückwärtigen Generationen bereits vorhandenen gleichen 
Zusammensetzimg des Keimplasmas, die Form und Leistung bedingt. 

Neben den genannten werden auch solche neue Eigenschaften ver- 
erbt, deren Auftreten durch primäre, ursächlich unbekannte Keimes- 
variation bedingt wurde, die also rein blastogenen Ursprungs sind — 
Homlo^gkeit , Vielhornigkeit , Stummelschwanz bei Katzen , Mehr- 
fingrigkeit und Mehrzehigkeit beim Menschen, gewisse Mißgeburten 
n. a. m. — und zwar oft mit einer außerordenthchen und vielfach 
züchterisch recht unerwünschten Regelmäßigkeit (Mutationen). Scharf 
umstritten ist aber nun die Frage, ob im individuellen Leben erworbene 
— somatogene — Eigenschaften ebenfalls vererbt werden. 

Die Neodarwinisten, und an ihrer Spitze besonders W e i b m a n n, 
verneinen die Möglichkeit, während die Neolamarckisten^) auf dem ent- 
gegengesetzten Standpunkt stehen. 

Bei der Vererbiing erworbener Eigenschaften ist zu unterscheiden 
zwischen Verstümmelungen und Verletzungen einerseits und zwischen 
solchen Keuerwerbungen, die durch Übung (Gebrauch und Nicht- 
gebrauch) und durch Anpassung an Temperatur, Boden, Haltung und 
Ernährung entstanden sind, anderseits. 

Über die Vererbung von Verstümmelungen steht uns eine reich- 
Uche praktische Erfahrung zur Seite, und durch diese wissen wir be- 
stimmt, daß Verstümmelungen erblich nicht übertragen werden, 
denn die rituelle Beschneidung der Knaben und das Kupieren der 
Pferde, Hunde und Schafe ist trotz der langjährigen Übung immer 
noch nicht überflüssig geworden. Ebenso ist bekannt, daß weder die 
Schmisse der Studenten, noch schwere operative Eingrifle, noch selbst 
Amputationen ganzer Glieder Einfluß auf das Keimplasraa und somit 
auf die Nachkommenschaft gewinnen. 

Wenn demgegenüber einzelne Fälle beobachtet sind, in denen sich 
Verstümmelungen vererbt haben sollen, so muß man nach andren Ent- 

') H i t z h e i m r, Deutsche landwirtschaftliche Tierzucht 1910, 8. 493. 



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V. Die Vererbimg. 247 



fltehnngsgrimden Buchen und Atavismus oder intiauteiine Einflüsse 
hierzu UTSächUch heiauzieheu. la einem mir bekannten Falle hatte eine 
langschwänzig geborene xmA in früher Jugend kupiert« Ayrdalehündin 
dreimal geboien und zweimal hei Reinzucht Ayidalehunde gebracht. 
Der dritte Wurf stammte von einem pinscherähnhcheii Dorfhunde und 
hef erte sechs langschvänzige und zwei stummelachwänzige Nachkommen, 
die ihrem ganzen sonatigen Aussehen nach von ein und demselben Vater 
abstammten. Aus solchen Beispielen pflegt man dann Schlüsse a\if die 
Vererbungsmöghchkeit von Verstümmelungen zu ziehen, während man 
doch sowohl im Atavismus wie in intrauterinen AbschnUrungen mne 
Erklärung suchen kann. 

Bei der Vererbung der durch Übung und Anpassung erworbenen 
Eigenschaften können die den Organismus treffenden Reize die Keim- 
zellen direkt beeinflussen, oder aber die K^mzellen bleiben zunächst 
von dem Reize unberührt, es werden nur einzelne Organe oder Organ- 
gnippen betroffen, und von ihnen aus sekundäre Veränderungen in den 
Keimzellen im korrespondierenden Sinne hervorgerufen'). Im erster^i 
Falle nennen wir die Keimbeeinflussung eine blastogene, im letzteren 
eine somatogene — eomatische Induktion. Sollen somati^ene Eigen- 
schaften einen erbUchen Charakter erlangen, so müssen die sie bedingen- 
den oder die von ihnen ansehenden Reize unter allen Umständen ins 
KeimpUsma geleitet werden und auf die entsprechenden Faktoren Ein- 
fluß gewinnen. Welcher Art die Reize sind, ob sie einen rein dynamischen 
oder einen chemischen Charakter tragen, ob »e durch das Blut, die 
GewebsBäfte, die Nerven oder auf andern, uns unbekannten Wegen fort- 
geleitet werden, wissen wir nicht. 

Nach P f 1 ü g e r*) verursachen funktionelle Reize eine Über- 
kompensation des betreffenden Organs. Wird z. B. eine Muskelgruppe 
regelmäßig angestrei^, so wird sie auch gekräftigt, imd es wird mehr 
Substanz angesetzt als verbraucht, der Huakel wird dicker und zu 
einem Mehr an Arbeit befähigt. Treffen nun funktionelle Reize r^el- 
mäßig den Organismus und mit ihm oder durch ihn die Keimzellen, 
so werden nach R a b 1*) auch diese eine Überkompeusation erfahren 
und sie in einer besonders vort^haften Anl^e derjenigen Oi^ane der 
Nachkommen äußern, die bei den Eltern oder dem einen Elter funk- 
tionell stark in Anspruch genommen und demgemäß auch besonders 

') B a b 1, Über die züchtende Wii^ung funktioneller Reize. Bektoratorede. 
Leipsig 19M. 8. 26. 

») PflngerBArohiTl877,Bd.XV,S.84u.85. Zit.vonRabl I.e. S. 18. 
■) Rabl S.2a 



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246 ^- Abschnitt. Zeugung und Vererbnng- 

gekräftigt waren. Die durch die Überkompensation entstandene „Va- 
riation liegt in der Richtung der höheren funktionellen Betätigung des 
Organs", doch müssen die Eigenschaften durch mehrere Generationen 
von neuem erworben werden, ehe sie eine erbliche Übertragung ver- 
ursachen. £b herrscht also bezüglich der letzteren eine gewisse Lang- 
samkeit und Schwerfälligkeit, welche die objektive Wahrnehmung 
bzw. Feststellung erschwert und somit den G^^em die Stellungnahme 
erleichtert. 

S e m n stellt eich in seiner „Mneme"^) vor, daß die Beize in 
den Zellen bleibende Veränderungen subtilster Art hervorbringen, die 
er Bngramme nennt, und welche die Wirkung bei Wiederholungen er- 
leichtem bzw. verstärken. Diese Keize treffen zunächst bestimmte 
Körperregionen, in abgeschwächtem Zustande aber auch die Keim- 
zellen, die engraphiscb beeinflußt und somit zur Vererbung erworbener 
Eigenschaften befähigt werden. 

W e i s m a n n leugnet die Vererbimg erworbener Eigenschaften im 
Prinzip, weil er jede Verbindung zwischen Soma und Keimplasma ab- 
weist. Wird eine neue Eigenschaft individuell als vererbbar erworben, 
so haben nach ihm die bedingenden Reize das Keimplasma in erster 
Linie oder aber Soma und Keimplssma gleichzeitig, und zwar beide 
wirksam getroffen. 

Es dreht sich der Streit demnach weniger um die Vererbung er- 
worbener Eigenschaften an sich, als vielmehr um die Art und Weise 
der Beeinflussung der Keimzellen. Im besonderen bandelt es sich um 
folgende vier Funkte: 

1. Trifft ein genügend starker Reiz die Keimzellen primär, so kann 
er (de erbUch beeinflussen. 

2. Trifft der Reiz Soma und Keimzellen in gleicher Weise und 
gleichzeitig — Simultanreize P 1 a t e s — , so ist die Wirkung ebenfaUs 
verständUch, und zwar handelt es sich dann bei 1 und 2 um blastogene 
Vorgänge. (Indirekt erworben nach Ort h*).) 

3. Trifft der Reiz zuerst das Soma in seiner Gesamtheit oder Organ- 
gruppen oder einzelne Oi^ane und erzeugt er in ihnen Veränderungen, 
so können diese gleichsinnige veretbbare Variationen im Keimplasma 
hervorrufen, und zwar um so eher, wenn junge, körperlich unfertige, 

') Die JVtneme «1h erhaltendes Prinzip im Wechsel des oi^aniechen. Ge- 
schehens. Leipzig 1004. Hierzu eingehende Kritiken von Forel, Archiv für 
Rassen- und GeBellBchaftsbiologie, Bd. II, 1905, S. 169 im zustimmenden und Ton 
Weismann Bd. HI. 1906, S. 6 im gegnerischen Sinne. 

') Senator und K a m i n e r, Krankheiten und Ehe. München 1904. S. 51. 



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V. Die Vererbung. 249 

also noch wachsende Tiere betiofien werden — eensible Periode — , 
während ältere Individuen funktionellen und trophischen Einflüssen 
weniger zugänglich sind. Daraus geht auch die wissenschaftliche Be- 
stätigung der alten praktischen Erfahrung hervor, daß rassenhygienische 
Bestrebungen eine größere Aussicht auf Erfolg haben, wenn Menschen 
und Tiere im jugendlichen Alter an Arbeit, natui^emäße Ernährung 
und Abhärtung gewöhnt werden. 

i. Fehlt die Fortleitung der adäquaten Reizwirining auf das Keim- 
plaama oder trifft der Reiz auaschUeßlich das Soma oder wird er erheb- 
hch abgeschwächt, so bleibt die Vererbung aus. 

Die Beweisführung für die Vererbung erworbener Eigenschaften ist 
deshalb so schwierig, weil fast immer der Einwand erhoben werden 
kann, daß 

a) atavistische Einflüsse mit im Spiele und, 

b) primäre Keimesvariationen vorliegen, 

c) das Auftreten der von den Eltern erworbenen Eigenschaften in 
der Nachzucht wieder auf gleiche äußere Reize und überhaupt nicht 
auf Vererbung zurückzuführen ist, 

d) die Übertragung der erworbenen Eigenschaften nicht auf Rech- 
nung der Übung und Anpassung, sondern auf Rechnung der Zucht- 
wahl, also der natürlichen Auslese oder derjenigen durch den Züchter 
zu setzen ist. 

Beispiele: 

1. Wir wissen, daß namentUch männliche Zuchttiere nach dem 
Import bis zum Ablauf des Akklimatisationsprozesses oft schlecht oder 
überhaupt nicht decken, mangelhaft befruchten und sich schlecht ver- 
erben. Die Gewöhnung an Klima, Futter und Haltung macht ihnen 
Schwierigkeiten, und sie sehen deshalb auch trotz sorgsamer Pflege 
meist nicht so gut aus, wie das früher der Fall war und später wieder 
zu beobachten ist. Soll man nun hier annehmen, daß die durch die 
ungewohnten Außenverhältnisse bedingten Reize Reimplasma und Soma 
gleichzeitig und direkt getroffen haben, und liegt da nicht logisch und 
physiologisch die Annahme näher, daß die ungünstige Geschlechts- 
kondition vom Soma aus auch die Keimzellen beeinflußt hat? 

2. Die Hippologen versichern*), daß junge Pferde sich besser ein- 
fahren und anreiten lassen, wenn ihre Eltern im Wagen oder unter 
dem Sattel gegangen sind, und ebenso, daß die ^Nachkommenschaft 
terrainsicherer wird, wenn die jungen Hengste viel im Freien bewegt 

>) T. O e 1 1 i n g e n, Zucht des edlen Pferdes. Berün 1908. S. 187. 



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250 ^ Äbaohnitt. Zeugnng und Vererbung. 

wurden. Direkte sahlenmäßige Beweise fäi die Richtigkeit dieser Be- 
hauptungen sind schwer zu erbringen ; es handelt aich aber doch iim alte 
und immer wiederkehrende Erfahrungen praktischer Männer, die zu 
beobachten veiEtehen. 

3. Es ist sicher, daß die Bennleistung des englischen Vollbluts sowie 
der Traber und die Milchleistung der Kühe hervorragender Milchrassen 
in erster Linie eine durch die Auswahl der schnellsten und milch- 
ergiebigsten Tiere bedingte ererbte Eigejischaft, also durch Selektion 
erworben ist. Aber es dürfte ebenso sicher sein, daß die Schnelligkeit, 
welche Ausdauer und Kraft benötigt, und die Milchergiebigkeit, die auf 
der Tätigkeit der DrUsensubstanz beruht, nicht den Grad der Aus- 
bildung erreicht hätten, wenn sie nicht Generationen hindurch durch 
das Training und durch das Melken wirksam vorbereitet worden wären. 
Hierdurch schafft man die schon erwähnten Uberkompensationen in 
den an der Leistung im besonderen Maße beteihgten Organen und er- 
möglicht durch gleichsinnige Veränderungen in den Keimzellen Varia- 
tionen, die sich bei den Nachkommen in der Anlage zu einer höheren 
funktionellen Betätigung der Oi^ane und somit in einer Erleichterung 
ihrer späteren Ausbildung äußern. 

Folgen der Übung und Anpassung sind die kurzen Fesseln der auf 
weichem Boden aufgewachsenen Marscbpferde, femer diejenigen der 
Kaltblüter, der höhere Widerrist des Vollbluts, der flachere der Traber, 
die steile Schulter der letzteren und die tiefe, breite, niederständige 
Rumpfform der frühreifen Haustierrassen, Formenbildungen, die als 
Folgen Generationen hindurch einwirkender Reize aufzufassen und 
allmählich durch erbliche Übertragung zu Rasseneigentümlichkeiten 
geworden sind. 

Die Annahme von der Vererbung erworbener Eigenschaften fußt 
aber nicht nur auf der züchterischen Erfahrung, sondern sie wird auch 
durch das Experiment gestützt. Von den zahlreichen Versuchen sollen 
nur die folgenden angeführt werden. 

Standfuß konnte durch Einwirkung von Frosttemperatur auf 
die Schmetterhngspuppc des kleinen Fuchses (Vanessa urticanae) und 
Fischer auf die Puppe vom braunen Bär (Arctia caja) Schmetter- 
linge erzeugen, deren Flügel sich durch eine stärkere Schwarzfärbung 
auszeichneten, und deren Nachkommenschaft diese Schwarzfärbung zum 
Teil trotz bei normaler Temperatur erfolgter Aufzucht wiederholte^). 



') F I a t e , SelektiouBprinzip und Probleme der Artbildung. Leipzig I 



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V. Die Vererbung. 251 



Nach Kämmerer^] nehmeii die Bchwarzgelb gefärbten Feuereala- 
mander, wenn sie jahrelang auf gelber Etde gehalten werden, eine mehr 
gelbe Färbung an; müssen sie auf schwarzer Erde leben, so überwiegt 
Schwarz. Die schwarz gewordenen vererben ihre dunkle Farbe nun 
ebenso deutlich wie die gelb gewordenen ihre gelbe. Wurden die von 
letzteren stammenden Nachkommen auf schwarzer Erde aufgesehen, 
so blieb ihr Reichtum an Gelb immer noch groß, weimgleich er auch 
langsam abnahm, während sie, auf gelber Erde, also unter gleichen 
Bedingungen wie ihre Erzeuger aufgezogen, die Eltern an Gelbfärbung 
übertrafen, so daß vom Schwarz nur noch wenig übrig blieb. Es ist 
also hier die erworbene stärkere Gelbfärbung vererbt und durch post- 
genitale Anpassung noch gesteigert worden. 

Hierher rechnen weiter die Versuche Kämmerers, durch Ände- 
rung der HaltungBverhältnisse die FortpSanzungsgewohnheiten bei Sala- 
mandern und der Geburtshelferkröte zu beeinflussen. Die Tiere selbst 
paßten sich in ihrer Fortpäanzungsart den neuen Verhältnissen an und 
ihre Kachkonunen behielten zum Teil diese Gewohnheiten bei, obgleich 
sie in die früheren Verhältnisse zurückversetzt waren*). Nach der 
gleichen Kichtui^ gehen die Versuche von P r s i b r a m und S u m n e r, 
welche durch Einwirkung verschiedener Temperatur die äußeren Körper- 
merkmale (Ohren, Schwänze, Füße, Hoden) zu verändern vermochten 
und zwar derartig nachhaltig, daß diese Eigentümlichkeit auf einen Teil 
der Nachkommen überging, trotzdem diese unter normalen Temperatur- 
verhältnissen lebten*). 

Wenn Golds c.h m i d t') meint, daß das Leugnen jeder Möglich- 
keit einer Beeinflussung des Keimplasmas vom Soma aus als „Ausdruck 
unbiologischen schematischen Denkens" anzusehen sei, so wird ihm die 
Mehlzahl der Tierzüchter beipflichten. Die praktische Tier- 
zucht rechnet mit der Vererbung erworbener Eigen- 
schaften. Indessen darf man auch als überzeugter Anhänger dieser 
Lehre nicht vergessen, daß die erworbenen Eigenschaften sich viel 
schwerer und unsicherer vererben als die ererbten, und daß die Reize 
Generationen hindurch einwirken müssen, um die in der Anlage vor- 
handenen Überkompensationen zur Ausbildung und zu einem festen 
Erbfaktor zu bringen. Es handelt sich also um die Variabihtät einer- 

') 12. FlngBchrift der Deutschen GesellBchaft für ZUchtungskunde. Berlin 
1910. S.26. 

') OoldBohmidt, Einführung in die VererbungBwiaBenachaften, 2. Aufl. 
Leipzig und Berlin 1913, S. 466 u. 469. 

') DaaelbBt S. 469. 



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252 ^ Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

aeits und um das konservative Verhalten der Erbmassen andeTseits, 
aus deren Wechselspiel, wie H. Krämer zutreffend bemerkt, die 
RaBBenentwickluDg abzuleiten ist*). 

Das Keimplasma stellt also den von außen einwirkenden primären 
und namentlich den vom Soma ausgehenden sekundären Reizen ent- 
schiedenen Widerstand entgegen, und dieses Verhalten ist auch sowohl 
im Interesse der Vererbung wie der Bassenhygiene erwünscht, weil 
sonst der Bassencharakter bald verwischt und bei eiliger Vererbung 
von Anlagen zu solchen Krankheiten, die im Leben erworben sind, 
geradezu bedenkliche gesundheitliche Verhältnisse eintreten würden. 

4. Konttinz und IndhrMualpotMiz. 

a) Die Konstanz. 

Aus vorstehenden Darlegungen geht hervor, daß die Übertragung 
ererbter Eigenschaften viel sicherer ist als diejenige erworbener, und 
zwar um so mehr, je typischer sie dem ganzen Stamme innewohnen. 
Beruhen die in der Nachzucht regelmäßig wiederkehrenden Formen 
imd Eigenschaften auf vollständiger Reinheit der Abstammung — 
Stammesreinheit — , so bedingen sie die Konstanz, ein Begnff, der 
die Züchter und Schriftsteller der Zootechnik im vorigen Jahrhundert 
zu heftigen Fehden veranlaßt hat. Die Konstanz kann sich auf Rassen, 
Zuchten und Individuen erstrecken. Die letzteren heißen dann kon- 
stant gezogen. 

Die alten Konstanztheoretiker rechneten damit, daß wenn Blut einer 
andern, fremden Rasse oder Zucht nicht verwendet worden ist, die auf 
gleicher Basis entstandenen Formen und Eigenschaften mit einer aus- 
gesprochenen Sicherheit vererbt werden, wie es z. B. der Fall ist bei 
den primitiven Rassen, bei denen sehr oft die Natur allein den Züchter 
abgibt. 

Es stand also hier die zoologische bzw. morphologische »Seite im 
Vordergrunde, während die heutige Zeit innerhalb der Konstanz auch 
die physiologische, die Leistungsrichtung, also die Konstanz der Eigen- 
schaften schärfer berücksichtigt, denn unter einer konstant gezogenen 
ostfriesischen Milch viehherde versteht mau nicht nur Tiere, die bezüg- 
hch der Form und Farbe dem Raaaentypus entsprechen, sondern die 
auch in der Milchleistung den mittleren Durchschnitt mindestens er- 
reichen, meist aber sogar erheblich übertrefTen. Neben der Konstanz 

I) 5. Flugschrift der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde. Han- 
nover 1907. 



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V. Die Vererbung. 



Spricht man auch von der KonBolidiening bzw. der Konsolidation, und 
zwar gegenüber einzelnen Tieren, Zuchten und Rassen, und versteht 
darunter eine in der Abstammung begründete, praktisch erprobte- und 
in der Regel durch Inzucht entstandene bzw. befestigte Vererbungs- 
sicherheit, die von den Dänen bei der Beurteilung ihrer Zuchtzentren 
ZuchtBolidität genannt wird. 

Konsolidation und Konstanz werden Htch demnach in der Regel, 
sie brauchen sich aber nicht immer begrifHich zu decken, denn Tiere 
oder Rassen können konsolidiert sein, ohne daß sie bei strenger Aus- 
legung des Begriffs ihrem Alter und ihrer Entstehung nach in jedem 
Falle als konstant zu bezeichnen sind. 

Zu Anfang und bis gegen die Mitte des verflossenen Jahrhunderts 
galt der Grundsatz, daß jeder züchterische Erfolg von der Reinheit 
der Rasse und von deren Alter abhängig aai. Nur die Reinzucht sollte 
Idstungsfähige Produkte schaffen und zur Rasssnausgleichung führen, 
bei Kreuzungen dagegen keine innige Verschmelzung der elterlichen 
Eigenschaften, sondern nur eine mechanische Vermengung derselben 
stattfinden, eine Anschauung, die sich unbewußt an die Mendel- 
schen Spaltungsregeln anlehnt. 

Diese Richtung wurde von Ammon'), Justinus^), Mentzei') 
und V. W e c k h e r 1 i n*) vertreten und später von v. ß u e f i% Her- 
mann v. Nathusius^) und Settegast^) bekämpft. 

Die letzteren wiesen nach, daß innerhalb aller Haustiergattungen 



') G. G. A m m o n, 1780 in Trakehnen geboren, später Gestütainspektor 
in Vesra. 

*)Jiietinus, RofgestiitaiiiBpektor in Wien. (Graadsätze der Fferde- 
zuobt Wien 1884.) 

') Mentzei, Landwirt, Direktor der preuOischen Re montedepots, apJUar 
Tortragender Rat im Kriegami niste rium. (Handbuch der rationeUen Schafencbt. 
Berlin 1859.) 

*) T. W e D k h e r I i n, Hofkammerverwalter der württ^mbergischen Do- 
mänen, später Direktor in Hohenheim. (Die landwirtschaftliche Tierproduktion. 
Stuttgart 1857, und Konstanz in der Tierzucht, Stuttgart 1860.) 

') V. R u e f f, Profesaor in Hohenheim, später Direktor der Tteraraneischule 
in Stuttgart. 

*) Hermann v. Nathusius, hervorragender Züchter und Schrift- 
steller, später vortragender Rat im Ministerium für Landwirtschaft in Berlin. 
(Über Konstanz in der Tierzucht und kleine Schriften und Fragmente über Vieh- 
zucht. Beriin 1890, und Vortrage über Viehzucht. Beriin 1890. S. 13.) 

') Settegast, hervorragender Schriftsteller, Professor und Direktor der 
landwirtachaftlieben Akademie in Waldau, dann in Proskau, spater Professor an 
der landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin. 



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254 4- Absohnitt. Zeugung und Vererbung. 

auf dem Wege der BlutmiBchung neue Zuchten entatanden seien, und 
zwar Zuchten von internationaler Bedeutung, -wie verschiedene eng- 
lische Pferderassen, das Tiakehnerpferd, die Pferdeechläge in Mezöhegyes, 
die Orloffe, die Shorthomrinder und viele englische Schaf- und Schweine- 
rassen, deren Bildung nach der alten Lehre von der Konstanz gar nicht 
möglich gewesen wäre, Sie erbrachten femer aus der Geschichte der 
Haustierzucht Belege dafür, daß sich m&nche Tiere aasgezeichnet ver- 
erbten, ohne immer im Besitz derjenigen Konstanz zu sein, die auf 
einer großen Zahl gleichartiger Generationen fußt, eine Eigenschaft, 
für die Settegast*) die Bezeichnung Individualpotenz in die Tier- 
zucht eingeführt hat. 

Es ist im allgemeinen richtig, und es wird jetzt mehr als zu Ende 
des vorigen Jahrhunderts anerkannt, daß die Konstanz eine große Be- 
deutung hat. Nur denken wir heute nicht mehr, wie die alten Konstanz- 
theoretiker, an irgendwelche geheimnisvollen Wirkungen, die im „Blut" 
der „reinen Rasse" begründet sind, sondern wir wissen, daß es auf die 
Erzielung einer homozygoten, aus gleichartigen Fak- 
toren zusammenges.etzten Erbmasse ankommt. Paaren 
wir nach dem Schema S. 235 Zuchttiere von der Erbformel A A B B C, 
80 werden wir bestimmt auf eine konstante Vererbung rechnen können, 
auch wenn wir es mit einem Kreuzungsprodukt und nicht mit einer im 
Sinne der alten Konstanztheorie reinen Kasse zu tun haben. Handelt 
es sich dagegen um Heterozygoten, etwa nach der Formel A a B b C c, 
so wird Konstanz nicht zu erreichen sein. Bei Individuen A A B b C c 
wird man hinsichtlich der durch den Faktor A bedingten Eigenschaft 
über die Sicherheit der Vererbung nicht zu klagen haben, dagegen für die 
Eigenschaften, welche von den beiden anderen (heterozygoten) Faktoren 
abhängen, eine Konstanz nicht zu erzielen vermögen. Dem Mendelismus 
verdanken wir, wie gezeigt wurde, die Erkenntnis, daß die Eigenschaften 
unabhängig voneinander vererben. Wir dürfen die Tiere hinsichtlich 
der Vererbung nicht in ihrer Gesamtheit, sondern nur auf ihre ein- 
zelnen Eigenschaften betrachten. Eine homozygote Eigenschaft kann 
konstant, eine andere heterozygote dagegen bei demselben Tier gleich- 
zeitig inkonstant auftreten. Handelt es sich um ein Tier mit homo- 
zygotem und ein anderes mit heterozygotem Keimplasma, so wird 
ersteres unbedingt die größere Konstanz aufweisen. Sind wir bei 
bestimmten Merkmalen überhaupt nicht in der Lage, homozygote 
Individuen zu züchten, so werden wir in der 10, oder 15. Generation 



») S e 1 1 e g a 8 1, Tierzucht I. 5. Aufl. BresUu 1888. S. 209. 



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V. Die Vererbung. 255 

ebeDBowenig eine konstante Vererbung erzielen als in der 2. oder 
3, Generation. 

Ob wir einmal so weit kommen werden, alle Erbfaktoren für die 
Merkmale uueerer Haustiere, namentlich auch fUt die Nutztmgseigen- 
Schäften, so kennen zu lernen, daB wir mit ihnen zu operieren und damit 
das Ergebnis der Paarung vorauszusagen vermögen, ist sehr zweifelhaft. 
Bis wir so weit sind, wird der möglit^st weit mirückli^ende A b- 
stammungsnachweis für die praktische Zucht von großem 
Wert sein. Denn der denkende Züchter wird in der Zuchtwahl nicht 
nur die Plusvarianten bevorzugen, sondern auch die inkonstant ver- 
erbenden Heterozygoten zugunsten der Homozygoten auBzumerzen be- 
müht sein und so auf praktischem Wege für die betreuende Zucht eine 
konstante, weil homozygote ErlHnasse erzielen. 

Nach wie vor behalt also die Reinzucht ihre Bedeutung ; nur müssen 
wir heute nicht an die Zahl der Grenemtionen, sondern an die Zusammen- 
setzung des Eeimplasmas denken. Wenn wir dann weiter bei der Zucht- 
wahl die Gesundheit, die Form und die Leistungen ausschlaggebend sein 
lassen, so scUießen wir daraus auf den Aufbau des Keimplasmas, weil 
wir die bedingenden Erbeinheiten erst in der Nachzucht zu erkennen 
vermögen. Ganz zutreffend ist diese Annahme allerdings, wie betont 
wurde, nicht immer, namentüch auch um deswillen, weil bei Dominanz 
eines Merkmales die homozygoten Individuen von den heterozygoten 
vielfach nicht zu unterscheiden sind. Daß gewisse Erbeinheiten, z. B. jene 
fürMilch-oderMastfähigkeit, nur dann in Wirksamkeit zu treten vermögen, 
wenn Haltung und Ernährung ihre Entfaltung gestatten, muß als selbst- 
verständlich vorausgesetzt werden. „ ' ' ■ 

b) Die Individaalpotenz. 

Die Individualpotenz ist die Fähigkeit einzelner Tiere, 
ihre Eigenschaften in stärkerem Maße, als das sonst zu geschehen pflegt, 
und zwar mit einer gewissen BegelmäBigkeit auf die Nachkommen zu 
übertragen. Diese auch als Präpotenz bezeichnete besondere 
Durchschlagskraft kommt gewöhnlich dann am au^esprochensten zur 
Geltung, wenn die vererbungsmächtigen männlichen Tiere aus Inzucht 
hervorgegangen sind oder eine verständige verwandtschaftliche An- 
lehnung an das Muttermatenal erfahren und auch auf dem sicheren 
Boden einer ihnen seit Generationen vertrauten oder einer ihnen be- 
sonders zusagenden Scholle fußen. 

Settegast war der Ansicht, daß namentlich solche Tiere, 
welche mit einer „Neubildung der Natur", d. h. einer dominanten 



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256 ^ Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

Mutation, ausgestattet sind, eine gesteigerte Vererbungsfähigkeit (Indi- 
vidualpotenz) besitzen. Diese muß ihre Begründung in dem Auf- 
bau des Keimplasmas haben, und zweifellos wird sie sich zum 
guten Teil aus dem Unterschied zwischen homozygoten und hetero- 
zygoten Individuen erklären. Ein Tier mit für eine Reihe von Eigen- 
schaften homozygoten Erbfaktoren wird anderen für die gleichen Eigen- 
schaften heterozygoten Individuen gegenüber eine gesteigerte Ver- 
erbung aufweisen. Damit wäre die Individualpotenz durch den Mendelis- 
muB des Geheimnisvollen entkleidet und auf bekaimte Gesetzmäßig- 
keiten verwiesen. Auch die Tatsache, daß Inzucht die Sicherheit der 
Vererbung fördert, stimmt damit überein, denn diese Zuchtmethode 
unterstützt, wie später (S. 361) nachgewiesen wird, das Zustandekommen 
einer homozygoten Faktorenkombination des Eeimplasmas. P 1 a t e^) 
geht so weit, jede andere Erklärung für unhaltbar anzusehen, imd er 
will den Begriff der Individualpotenz als besondere Vererbui^serschei- 
nung aus der Ziichtungslehre streichen. 

Angesichts der weiter unten mitgeteilten Beispiele, die nachweisen, 
von wie tiefgreifendem Einfluß einzelne Individuen für bestimmte 
Herden, ja, ganze Landeszuchten geworden sind, wird man sich bei 
aller Anerkennung der Bedeutung eines homozygoten Keimplasmaa 
doch schwer dazu entschließen, die Individualpotenz einfach als nicht 
existierend zu bettachten. Ich halte es für durchaus mögUch, daß ein 
Erbfaktor eine verschiedene Potenz aufzuweisen vermag, wie dies auch 
Castle für die Scheckung von Ratten anzunehmen geneigt ist. Ebenso 
will Goldschmidt den PotenzbegrifE nicht aus dem Auge lassen, 
weil er die „starren Erbfaktoren in physiolt^sch-labile Begriffe überzu- 
fuhren geeignet ist"*). Es wurde sonst auch schwer zu verstehen sein, 
wie bei ein und demselben Tier, dessen Erbfaktorenbestand doch keine 
Änderung erfahren kann, gelegenthch im Laufe des Lebens eine ver- 
schieden intensive Vererbung zu beachten ist (S. 249). 

Die landwirtschafthche Tierzucht wird deshalb die als Individual- 
potenz bezeichnete gesteigerte Vererbimgsfähigkeit einzelner Individuen 
trotz aller Konzessionen an den Mendelismus als tatsächlich vorkommend 
ansehen. Ihre Wirksamkeit bei einzelnen Vatertieren hat, unterstützt 
durch nachfolgende Inzucht, viele neue Schläge begründet, von denen 
hier folgende Beispiele erwähnt werden sollen: 

a)Das englische Vollblutpferd ist entstanden aus 
einer Blutmischung orientahscher Hengste mit orientalischen, spanischen, 

1) P 1 a t e, Vererbungslehre. Leipzig 1913. S. 487. 

>) G o 1 d 8 c h m i d t a. a. 0. S. 264. 



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V. Die Vererbung. 257 

ungaiischen und englischen (Land-) Stuten. Es ist also kein durch die 
Scholle Englands verändertet Orientale, sondern ein Kreuzungsprodukt 
mit allerdings vorwiegend orientaliBcheni Blute. Besondere Bedeutung 
erlangten hier die Hengste: Byerly Turk, Darley Arabian und Godolphin 
Arabian*), auf welche die heute lebenden Vollblutpferde zurückzuführen 
sind (Fig. 48, 69 u. 70). 

g) Der Hengst Bars I in dem russischen Gestüt Kränowoy, 
Gouvernement Woronesch, ist als der Stämmvater der Orlofltraber auf- 



Fig. 111. RasBisoher Orlofftntber. 

zufassen. Bar« 1, ein Schimmelbengst, stammte aus einer bolländiBchen 
Stute von dem Hengste Polkan, letzterer wiederum aus einer däni- 
schen Falbstute von dem aus dem Orient bezogenen arabischen Hengste 
Smetanka. Bars vereinigte die besten Eigenschaften der drei Rassen 
— Araber, Dänen und Holländer — und begründete durch seine 
Vererbungakraft die heutige Kasse der russischen Traber'). Orloffblut 
fließt in den Adern aller edleren russiBchen Wagenpferde, die wegen 

■) Wallace, Farm live stock of Great Bntain. 4. Aufl. London 1393. 
8.106. 

*) Sinionoff und v. M ö r d o r, Russische Pfcrderassen. Berlin 18fl6. S. 75. 
Pnacta-Hangen, Allgemeine TierZDClil. S. Aufl. 17 



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258 ^' Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

ihrer hohen und echnellen Aktion viel begehrt werden und auf den 
Straßen der großen Städte Deutschlands eine regelmäßige Erscheinung 
bilden (Fig. 127). 

Y) DerAnglonormanneNonius, ein lichtbrauner Hengst, 
1810 in der Normandie geboren, und 1815 von österreichischen Küras- 
sieren in Kosi^res in Frankreich erbeutet, kam 1816 nach dem ungari- 
schen Gestüt Mezöhegyes und wurde dort der Stammvater des großen 



ungarischen Wagenpferdeschlages, Nonius' Vater war der englische 
HalbbluthengBt Orion, seine Mutter eine normannische Stute') (Fig. 128). 

In ähnhcber Weise erfolgte die Bildung der englischen Shorthora- 
rasse durch den im Jahre 1777 geborenen Bullen Hubback, der selbst 
aus einer Kreuzung entstanden bzw. unbekannter Abkunft war*) (siehe 
Fig. 35 u. 65). 

Diese Beispiele, welche sich erheblich erweitem ließen, beweisen, 
daß wir verständigen Kreuzungen die Bildung neuer wertvoller Kultur- 

') Grat W ränge 1, UDgams Pferdezucht 11. Stuttgart 1893. S. 35. 
') D a V i d L o IV-, On the domesticatcd animals of the British Islands. 
London 1845. S. 382. 



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V. Die Vererbung. 259 

rassen verdanken. Die Konstanz wird um bo früher erreicht werden, 
je schneller es dem Züchter gelingt, durch nahe Verwandtachaftßzucht 
und scharfe Zuchtwahl homozygote Faktorenkombinationen zu erzielen. 
Die Erfahrung lehrt, daß dies leichter erreicht wird, wenn die gekreuzten 
Typen in Formen und Leietungen, sowie Lebensansprüchen zueinander 
passen, d. h. in ihrem Keimplasma nicht allzusehr voneinander abweichen, 
obgleich auch recht heterogene Kreuzungen in der Hand eines geschickten 
Züchters Erfolge gebracht haben. 

Eine verständige Haltung imd Ernährung ist wie allenthalben die 
Voraussetzung- des Oelingens der Zucht, deren wirtschaftliche" Nutzung 
durch Bevorzugung der Plusvarianten sich steigern läßt. 

Auf der als Individualpotenz bezeichneten gesteigerten VererbungB- 
fähigkeit beruht auch die Begründung der sog. B 1 u 1 1 i n i e n'). Wie 
die neueren Stammbuchforachungen dargetan haben, beherrschen die 
BlutUnien einiger weniger Hengste, Bullen, Böcke und Eber ausgebreitete 
Landes- und anerkannte private Hochzuchten. So die Hengste Bur- 
Ungton-Turk und dessen Enkel Achill 582 die Holsteiner, der Stävesche 
Hengst die Oldenburger, Norfolk die hannoversche Halbblutzucht, 
temer die Hengste Jupiter und Prince de Cond6 die Zucht des rheinischen 
Kaltblutpferdes. In der Bindviehzucht sind Beispiele die Bullen Matador 
in Ostfriesland, Hamlet, Nelusko und besonders Primus in Ostpreußen, 
Junius und seine Nachkommen im Jeverlande. An dem Aufbau der 
Zucht des veredelten Landechweines in Neukirchen ist vor allen Dingen 
der Eber Richard und im Bezirk des hannover-braunschweigischen Land- 
Bchweines der Eber Adam beteiligt. 

Nach den Nachzuchtregistem hat bei der Bildung dieser und andrer 
bekannter Blutlinien eine mäßige Verwandtschaftspaarung stattgefunden 
und die Wirkung der in den einzelnen Zuchttieren vorhandenen Ver- 
erbungskraft wesentlich oder auch überhaupt erst bedingt. 

Nach Berücksichtigung des heutigen Standes der Vererbungslehre 
haben folgende Anschauungen Gültigkeit: 

1. Der Züchter legt auf eine gesicherte konstante Vererbungsfabig- 
keit der Tiere, welche er aur Verbesserung seiner Herde verwenden will, 
das größte Gewicht. 

2. Da die Konstanz auf einer homozygoten BeschafFenheit des 
Keimplasmas beruht, so ist sie nicht von der Zahl der Generationen ab- 
hängig. Ein Bastard kann in bezug auf bestimmte Erbfaktoren und 
damit Eigenschaften homozygot und deshalb konstant sein. 



') Vgl, weiter ,S. 354, dort auch Literaturangabe. 



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4. Abachnitt. Zeugung und Vererbung. 



3. Kommt zu der homozygoten Faktorenkombination noch eine 
gesteigerte Vererbungskraft — Individualpotenz — , so kann ein Tier 
aus einer jungen Zucht außerordentlich hochwertig und in seiner Ver- 
erbung voll durchschlagend sein. 

4. Da die äußerlich sichtbaren Eigenschaften noch keinen sicheren 
Anhalt über den Faktorenbestand des Keimplasmas geben, so ent- 
scheidet die Nachzucht über den Zuchtwert eines Individuums. Nach- 
gewiesene hervorragende Vererbungsfähigkeit wird ohne Rücksicht 
darauf, daß uns die vorhergegangenen Generationen wenig oder nicht 
bekannt sind, ein solches Zuchttier hochwertig erscheinen lassen. 

5. Weil die Vererbungslehre heute noch nicht so weit entwickelt 
ist, daß sie für unsere Haustiere weder für die morphologischen noch 
für die physiologischen Eigenschaften die Erbformeln anzugeben vermag, 
so muß die Kenntnis der vorhergehenden Generationen im Abstammungs- 
nachweis Ersatz bieten. In einer geregelten Zucht wird der Züchter 
sowohl die Minusvarianteu wie die unsicher vererbenden Heterozygoten 
systematisch ausmerzen, und damit wird ein Tier von nachgewiesener 
Abstammung gewisse Garantien hinsichtlich seiner genotypischen Be- 
schaffenheit bieten, die ohne dieses Hilfsmittel nicht vorhanden sind. 



5. Der RttdcKhlae — Atavhmui. 

Rückschlag ist das Eischeinen von Eigenschaften, welche die Eltern 
nicht besaßen, die aber den Voreltern innewohnten. Atavismus be- 
deutet einen Anklang ad avos. 

Beispiel: Das Simmentaler Rind hat ein helles Flotzmaul und helle 
Homspitzen. Wenn mm zwei geschlecht s verschiedene Tiere dieser 
Rasse ein Kalb mit einem schwarzen Flecke auf dem Flotzmaul er- 
zeugen, so nimmt man an, daß die Groß- oder Voreltern nicht sämtlich 
der reinen Simmentaler Rasse angehört haben, sondern daß früher 
einmal fremdes Blut — in der Schweiz meist Schwyzer — eingemischt 
sei. Welches von beiden Eltemtieren diesen fremden Blutanteil besitzt, 
ist bald zu sehen, da der Bulle viele Kühe beapringt und somit mehrere 
Kälber im Jahre erzeugt. Unter Umständen kann der Atavismus auch 
Formen zutage fördern, die bereits ausgestorbenen Generationen an- 
gehören, wie kleine seitliche Hufe bei Pferden an der Stelle, wo sonst 
die Griffelbeine sitzen. Diese dem Hipparion eigne Fußbildung wird 
bisweilen auch jetzt noch bei Pferden beobachtet"). 

Der Atavismus letzterer Art ist ein phylogenetischer und berührt 

') Lindemann, Über Polydaktylie beim Einhufer. Dise. Kiel 1909. 



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V. Die Vererbung. 261 



uui den Zoologen, det erstere dagegen als FamilienatavismuB den Züchter; 
beide kennzeichneii die unterbrochene oder latente Vererbung, bei der 
bestimmte Erbfaktoren des Keimplasmas erneut zur Geltung kommen. 

Das Auftreten von Bückschlägen ist dem Züchter fast immer un- 
angenehm und stört seine Pläne gewöhnlich um so mehr, je sicherer 
einzelne Vatertiere derartige in den Voreltern vorhandene Eigenschaften 
weiter übertragen. Im einzelnen Falle kann es schwer sein, zu ent- 
scheiden, ob es sich um einen Rückschlag, um die Vererbung erworbener 
Eigenschaften, um Mutationen, die uns in ursächlicher Beziehung un- 
bekannt bleiben, oder endlich um Mißbildungen handelt. So besitzt die 
Sammlung des Zootechnischen Instituts der Tierärzthchen Hochschule 
2U Dresden die Unterfüße eines Fohlens, dessen Polydaktylie (Mehr- 
zehigkeit) am Vorderfuß atavistischen, am Hinterfuß dagegen terato- 
logischen Ursprungs ist, also hier auf Mißbildung beruht, weil das dritte 
Zehenglied in zwei fast genau gleich große Teile wie bdm Einde ge- 
spalten ist. 

Rückschlägen begegnet man häufiger in jüngeren Zuchten, während 
sie in konstanten, älteren Zuchten durch Auamerzung der Heterozygoten 
mehr zur Seltenheit gehören. Mit einer gewiraen Form der latenten — 
geflchlechtsbegrenzten — Vererbung hat man immer zu rechnen. So 
hat man in neuerer Zeit beim Rinde, gestützt auf die Ergebnisse der 
Praxis, gefunden, daß Bullen die Milchergiebigkeit ihres Stammes auf 
ihre weibhchen Nachkommen übertragen. 

Bisweilen zeigen sich Eigenschaften oder Eigentümlichkeiten, die 
den Eltern und Großeltern fehlen, aber in der Seitenlinie (Onkel, Tante) 
vertreten sind imd natürlich auch in ihren Erbfaktoren von einem der 
gemeinsamen Vorfahren herrühren. In solchen Fällen spricht man 
dann, von kollateraler Vererbimg, obgleich eine solche Bezeichnung 
biologisch unrichtig ist. 

6. ON •Iterllche ErnfluB In dar Verariiunc. 

Wie am Eingang dieses Abschnitts auseinandergesetzt wurde, ent- 
steht das jui^e Individuum durch Verschmelzung des Samenkems mit 
dem Eikem, also zweier verschiedener Erbanlagen —- Amphimixis — ; 
beide Eltern vererben einen gewissen Teil ihrer Eigenschaften. 

Schon von altersher ist man bestrebt gewesen, festzustellen, welchen 
Einfluß Vater und Mutter auf die Gestaltung der Jungen ausüben. 
Man ist trotz der verschiedenen Hypothesen und trotz vielen Fleißes, 
den man hierauf verwendet hat, bis jetzt nur zu dem einen Resultat 



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262 . *• Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

gelangt, daß es eine Gesetzmäßigkeit nicht gibt, und daß das Maß der 
Übertragung nicht von dem elterlichen Cieschlecht abhängt. 

Es kommt vielmehr, wie wir heute wissen, an auf die Kombination 
der Erbfaktoren, allenfalls beeinflußt durch ein gesteigertes Vererbunga- 
vermögen. Die große Zahl dieser Faktoren, wie sie bei unseren Haus- 
tieren wirksam sein muß , bedingt nach den früheren Ausführungen 
sehr värschiedeue Möglichkeiten imd damit eine gewisse Variationsbreite. 
Hinzu kommt, daß es auf Haltung und Ernährung ankommt, inwieweit 
die Erbanlagen in den physiolo^schen Eigenschaften in Erscheinung 
treten bzw. zur Entwicklimg kommen. 

Es bedeutet eine unklare Vorstellung der Vererbungsvorgänge, 
wenn man z. B. behauptet, daß der Hengst seine Kopfform mehr ver- 
erbt als die Stute, oder der Bulle mehr das Hinterteil, die Kuh dagegen 
das Vorderteil. Schon H. v. N a t h u s i u s^) sagt mit vollem Recht, 
man könne jeder einzelnen Beobachtung über Vererbung sogleich eine 
andre widersprechende entgegensetzen. Letzteres sieht man auch deut- 
hch bei Geschwistern, wo oftmals das eine Kind mehr dem Vater und 
das andre mehr der Mutter und das dritte keinem von beiden gleicht. 
Hier muß also eine besondere Faktotenkombination, in dem einen Falle 
mehr die Erbmasse des Vaters, in dem andern Falle diejenige der Mutter 
b^Unstigt haben, wie ja auch bei jeder weiteren Befruchtung durch 
den gleichen Erzeuger andre Kombinationen innerhalb der vereinigten 
Erbmassen entstehen können. 

Auch hat die häuflg ausgesprochene Behauptung, daß Väter mit 
Vorliebe gewisse Eigenschaften auf die Töchter, und Mütter solche auf 
die Söhne vererben, keine atigemeine Berechtigung. Allerdings macht 
man bisweilen die Beobachtung, daß sich einzelne Vatertiere in ihrer 
männlichen Nachkommenschaft anders vererben als in der weibhchen. 

So erzeugte der aus einer der besten Zuchten des Simmentals 
stammende, in der Hinterhand gut gebaute Herdbuchbulle Sultan 
Färsen mit vorzügUchen Becken, während alle seine männhchen Pro- 
dukte, von denen etwa dreißig zur Zucht benutzt worden sind, im Alter 
von einem Jahre schmal zwischen den Hüften und rund in der Hinter- 
Bchenkelmuskulatur wurden und dadurch eine Form bekamen, die man 
als Schweineschenkel bezeichnet, die aber bei den Färsen niemals zu 
finden war. 

Das, was mit einer gewissen Eegelmäßigkeit stattfindet, ist die 
Vererbung der Größe seitens der Mutter, indessen ist die einseitige Be- 

M V. Nathusina, Vorträge über Viehzucht. S. 120, 



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V. Die Veretbnng. 263 

voizugung des mütterlichen Einflusses auch nur eine scheinbare. Die 
größere Kuh oder Stute bringt ein größeres, Bchwereres Kalb oder Fohlen 
ab die kleinere Kuh oder Stute, weil sie in der Gebärmutter mehr Raum 
für die Entwicklung der Frucht bietet, bei der Geburt der letzteren 
einen leichteren Durchtritt durch das Becken gewährt und ihr meist 
auch eine reichlichere Nahrung zuführen kann. Der gröQere, wUchsigere 
Vater macht aber seinen Einfluß auf das Junge mehr nach der Geburt 
geltend; er bewirkt, daß es besser wächst und gedeiht und somit den 
Größenunterschied, der bei der Geburt bestand, bald wieder ausgleicht, 
Beobachtungen, die man besonders bei der Benutzung Simmentaler 
Bullen auf Kühe kleinerer Landschläge machen kann. 

Hierbei ist unter groß großwuchug, aus einer großen Basse stam- 
mend und nicht groß im Sinne von ausgewachsen im Gegensatz zu 
jung zu verstehen. Denn ein zweijähriger Bulle im Gewicht von 600 kg 
und mit einer Widerristhöhe von 136 cm wird Belbstverständlicb mit 
der gleichen Kuh ein ebenso schweres und ebenso großes Kalb erzeugen 
wie der vollständig ausgewachsene Bulle gleicher Rasse, der bei einem 
Alter von 5 Jahren 1000 kg wiegt und 150 cm Widerristhöhe besitzt. 

G m e 1 i n*) kommt auf Grund von Beobachtungen, die er in der 
württembergischen Landespferdezucht gemacht hat, zu der Ansicht, 
daß bei Kreuzungen zwischen Kalt- und Warmblut der Vater besonders 
Temperament und Fußbau vererbt, und Max Müller*} gelangt hin- 
sichtlich des Temperaments und der Kervenkraft auf Grund von Beob- 
achtungen au Pferde- imd Rinderbastarden zu dem gleichen Ergebnis, 
auch mißt er bezüglich der Vererbung der Hufform und der Hinter- 
hand dem Vatertiere die größere Bedeutung bei. Daß diese und ähn- 
liche Beobachtungen sich allgemein bestätigen, ist vom Standpunkt der 
exakten Erblichkeitsforschung nicht anzvmehmen. 

7. Dar EinTluB Um Altws. 

In bezng auf das Alter ist die Zeit der größten geschlechtlichen 
Potenz auch für die Vererbui^ die beste, und diese fällt in diejenige 
Lebensperiode, in der das Wachstum des Tieres abgeschlossen ist. Da 
jedes Individuum seine Eigenschaften anteiUg vererbt, so wird ein 
junges Tier bei der Paarung mit einem gleichaltrigen am ehesten zur 

') Vererbliohe Eigensohaften auf Grund von Erfahrungen in der wttrttem- 
bergiaohea Pferdezucht. Deuteohe tierärztl. Wochenschrift 1907. B. 1. 

*) Die Vererhung der Korperteile und dcH Geschlechts. Hannover 1909. 
S. 12S. 



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264 4- Absohnitt. Zeugung und Vererbung. 

Geltung kommen, bei einer solchen mit einem mittel] ährigen imtet- 
liegen und gegenüber einem alten das Übergewicht haben. Natürlich 
bedingen die äußeren Verhältnisse auch viele Ausnahmen. Eine im 
Laufe d£B Lebens auftretende verschiedene Vererbimgsfähigkeit wird 
in der Tierzucht oft festgestellt. „Junge Hengste vererben oft mäßig 
und ungenügend und achlagen dann als reife Pferde glänzend ein"^). 
Mit den Jahren nimmt jedes männliche Tier einen gewissen indi- 
viduellen Charakter an, während weibliche und auch junge männliche 
Tiere mehr den Stammes- und Farailientypus bewahren. Das weibliche 
Tier vertritt an sich mehr dss konservative, das männhche dagegen 
das progiesaive Element. Wie R a u*) sagt, hat der Hengst etwas Mar- 
kantes, Bestimmtes, die Stute ist im allgemeinen neutraler. 

8. Die Ebinane dor luBwwi VtriiUtnine auf die Verertant. 

Vater imd Mutter steuern dieselben Mengen von Erbanlagen zum 
Aufbau des jungen Individuums bei. Wenn trotzdem das Maß der 
Übertragung wechselt, so kann hierauf zunächst die zufällige Faktoren- 
kombination im jungen Tiere von EmfluB sein. Die früher besprochenen, 
ungeheuer verschiedenen Kombinationsmöghchkeiten rächen aus, um 
zu erklären, daß selbst Vollgeschwister sich niemals vollkommen gleichen, 
sondern stets gewisse Unterschiede aufweisen. 

Anders liegt es, wenn ein und dasselbe Vatertier selbst bei Paarung 
mit einer größeren Zahl von Muttertieren in seiner Vererbungsfähigkeit 
während verschiedener Lebensperioden generelle Unterschiede aufweist, 
was auf eine ungleiche Vererbungsenergie achließen läßt. Hier dürften 
dieselben Ursachen zugrunde liegen wie beim Auftreten der sog. Indi- 
vidualpotenz, aber eine zeitweilig verschiedene Potenz der Erbfaktoren, 
obgleich der reine Mendelismus sie nicht anerkennen will. Aber die Tier- 
zucht hat hierfür Beweise in großer Zahl, vor allen Dingen in Zusammen- 
hang mit der Akklimatisation. Unter dem Einfluß der neuen Verhältnisse, 
des ungewohnten Futters, des fremden Stalles and unter den Nach- 
wirkungen eines anstrengenden Transports leidet, wie schon S. 100 u. 249 
hervorgehoben wurde, namentlich bei jungen Tieren die ganze Lebens- 
energie. Die Haltung ist schlaff und müde, und wie den Körperzellen 
ergeht es auch den Geschlechtszellen. Ist ihnen nach vieler Mühe die 
Vereinigung mit den Keimzellen des andern Geschlechts nach mebr- 



') Rau, Die wichtigst«» Blutströaie in der hannoverachea Pferdezucht. 
Berlin 1914. S. 12. 

') Ebenda 8. 6. 



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V. Die Vererbung, 265 

tnaliget B^attung gelungen, haben sie befruchtet, m ist die Energie 
ihrer Kemsubstanz erschöpft, und sie erliegen in dem Kampfe, den die 
beiden Erbmaaeen nunmehr nach ihrer Vereinigung in der Zygote aus- 
zufechten haben, und zwar um so eher, je mehr das andre, hier in der 
Regel das weibliche Geschlecht, auf der Scholle eingewurzelt ist. Diese 
fehlt dem ersteren und kommt andernfalls dem letzteren zu Hilfe, was, 
wie die Erfahrung vielfach lehrt, den Vererbungseffekt ganz wesentlich 
beeindußt. 

Der Oldenbui^r Hengst wird sich daher beispielsweise bei der 
Paarung mit konstant gezogenen ostpreuBischen Stuten besser ver- 
erben, wenn er diese in Oldenbui^ decken kann, als wenn er etwa kurz 
vor dem Deckgeschäft nach Ostpreußen verpflanzt wird. Deshalb ist 
auch der im Gestüt deckende Vollbluthengst gegenüber den ihm oft 
aus sehr weiter Entfernung zugeführten Vollbluts tuten hinsichtlich 
seiner Vererbungspotenz wesentlich im Vorteil. W i 1 s d o r f hat der- 
artige Erfahrungen vielfach mit importierten Bullen machen können^). 

Zweckmäßige, eiweißreiche, aber nicht überreichhche, aufschwem- 
mende Jugendemährung, abhärtende Aufzucht, Weidegang, bringen im 
Zuchttier in der Regel das zur Ausbildung, was man Kraft, Nerv oder 
Draht nennt, und was erfahrungsgemäß die Vererbungsenergie be- 
günstigt. Solche Tiere werden sich dem Auge des Laien zwar nicht 
immer sehr vorteilhaft vorstellen, der Züchter findet sie aber heraus 
und weiß sie auch richtig einzuschätzen. Vielerorts hat man hierfür 
freilich nicht das richtige Verständnis, da zieht man ersteren die glatten, 
runden, gemästeten Tiere vor und besonders dann, wenn sie auf Schauen 
prämiiert sind. Die Enttäuschung läßt dann aber in der Eegel rücht 
allzulange auf sich warten. 

Diese zuletzt angedeuteten Verhältnisse führen bereits zu dem S. 214 
besprochenen Unterschiede zwischen nichterbhchen Modifikationen und 
erblichen Mutationen und berühren Gebiete, welche der Tierzüchter 
nicht immer genügend auseinander hält. Man legt in der Tierzucht 
auf die umgebende Welt, den „Monde ambiant" Geoffroy St, -Hi- 
l a i r e s, also die Scholle'), ein ausschlaggebendes Gewicht. 

Man versteht unter der Scholle den gemeinachaftlichen Einfluß von 
Klima, Boden und Haltung. Die Scholle druckt jedem Tier einen ge- 
wissen Stempel auf; das Tier ist ein Produkt der Scholle. Man will ihr 

') W i 1 a d o r f, Die praktische Anweodung der neueren Yererbnngslehre. 
22. Flugachrift der Deutachen GesellBchaft für Züchtungskunde 1912, S. 0. 

') Corneliue, Der Tieritörper und die Scholle. 9. Flugschrift der Deutschen 
Gesellachaft für ZSchtiingskunde 1911. 



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266 4. Abaohnitt Zeugung nnd Vererbung. 

msofem einen EiuSufl auf die Vererbungskraft zusprechen, aU die- 
jenigen Eigenschaften, die als Ausdruck von Klima, Boden und Haltui^ 
bei den Tieren auftreten — Abhärtung, LebenBenergie, Futterverwertung, 
oft auch eine besondere Modellienmg in der Form usw. — um so eher 
übertragen werden, je länger sie in den rückwärtigen Generationen 
wurzeln und je konstanter die Tiere gezogen sind. Man behauptet, 
daß die Scholle den Typ der weiblichen Tiere festigt und verweist z. B. 
auf die Noniue- und Gidranatämme in Mezöhegyes, die trotz der regel- 
mäßigen Zufuhr von enghschem Vollblut noch einen angesprochenen 
selbständigen Schlagcharakter bewahrt haben. 

Im letzteren Falle spielt die Zuchtwahl, der Einfluß der homo- 
zygoten Keimmasse, wohl eine ausschlaggebende Rolle, und im übrigen 
laufen die soeben gegebenen Ausführungen über den Einfluß der Scholle, 
so richtig sie an sich sind, doch auf eine unklare Vorstellung über das 
Wesen der Vererbung hinaus. Es handelt sich um nicht vererbbare 
Modifikationen, um Anpassungserscheinungen. Sie sind die Reaktion 
der im Keimplasma vorhandenen Erbanlagen auf die äußeren Verhält- 
nisse, unter denen die Tiere leben, und dieselben Tiere würden ein ganz 
anderes Aussehen angenommen haben, wenn sie in der Jugend 
anderen Haltungsverhältnissen, dem Einfluß einer anderen Scholle unter- 
worfen gewesen wären. B a u r*} s^ in diesem Sinne, daß nur eine 
bestimmte spezifische Art der Reaktion auf AuBen- 
bedingungen vererbt wird. Die äußerlich wahrnehmbaren Eigen- 
schaften sind nur das Ergebnis der Lebensbedingungen, unter welchen 
das Tier zufällig sich befunden hat. 

9. Di* VenrfHint von KrankhettianlagMi, F«hlwn und Gabnclwn. 

Hierbei kann es sich um Krankheiten, Mißbildungen, Untugenden, 
Eigentümlichkeiten im Bau und in den Leistungen, also um Abweichungen 
morphologischer und physiologischer Art handeln. Zum Verständnis 
dieser Vererbungsvorgänge ist zunächst eine Klarstellung der B^;rifEe 
Erbfehler, Krankheit und Mißbildung erforderlich. 

Unter Erbfehlem sind diejenigen erhebhcheren Abweichungen von 
dem normalen Verhalten des Tierkörpers zu verstehen, die ihre Ursache 
in den elterlichen Erbmassen haben und mit einer gewissen Häufigkrät 
tibertragen werden. 

Eine Krankheit ist ein Vorgang, bei dem eine Krankheitsursache 

^) B a u r, Einführung in die eiperimenteUe Vererbnngalehre, 2. Aufl. Berlin 



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V. Die Vererbung. 267 



— Kälte, Hitze, Nahrung, Infektiousstoffe, ParaBiten u. a. m. — auf 
die Gtewebe und somit auf die Lebensvorgänge einwirkt. 

Mißbildungen sind Abweichungen in der Form, die auf Entwick- 
Inngsstörungen vor der Geburt zurückzuführen sind. 

Nur wenn die Krankheitsursachen die Keime geschädigt haben, 
und diese ao beeinflußten Reime zur Entstehung von bereits bei der 
Geburt in gleichsinnigerWeiae kranken Nachkommen 
führen, kann von einer Vererbung von Krankheiten gesprochen werden. 
Diese Art der erblichen KrankheitsUbertragung wird zurzeit, und zwar 
mit Recht, verneint, und nur ame Vererbung der Krankheitsanlagen 
angenommen und zugegeben. 

Anders liegt die Sachlage bezüglich der angeborenen Krankheiten. 
Daß es solche gibt, ist zweiEelloß, denn wir wiesen, daß Tuberkulose, 
Syphilis und andre Infektionskrankheiten bei der Geburt vorhanden 
sein können, aber hierbd handelt es sich nicht um deren Entstehui^ 
durch gleichsinnig krankhaft veränderte Keime, sondern um die An- 
steckung der Frucht im Leibe der kranken Mutter. Die Krankheit ist 
zwar angeboren, aber nicht vererbt, sondern intrauterin erworben. 

Die Krankheitsantagen hat man sich als eine gewisse organische 
Schwäche des Körpers oder einzelner Organe desselben zu denken. Sie 
beruhen auf anatomischer, physiologischer und chemischer Grundlage, 
also auf Mängeln in der Struktur, der Funktion und der chemischen 
Zusammensetzung der Gewebe und ihrer Säfte — Mangel an Antitoxinen 
und sonstigen AbwehrmaQregeln — , was besonders für die Knochen-, 
Sehnen- und Gelenkleiden, die Stoffwechsel- und die Infektionskrank- 
heiten in Frage kommt. 

Derartige ungünstige Eigentümlichkeiten der Gewebe werden natür- 
lich ebenso vererbt wie Vorzüge in der Form und Leistung — - schöne 
Figur, Rennvermögen, Milch ei^ebigkeit u. a. m, — ; sie bieten dann 
den schädigenden Einwirkungen die Möglichkeit, leichter festen Fuß zu 
fassen, das schwache, an sich aber äußerhch bzw. klinisch noch normale 
Gewebe in ein pathologisches mit abweichenden Erschmungen oder 
Verrichtungen umzuwandeln und somit den Erbfehler zur Ausbildung 
zu bringen, während erblich nicht belastete Individuen von den gleichen 
UiBachen überhaupt nicht beeinflußt werden. 

Die Beseitigung vorhandener und die Verhütung der Entstehung 
neuer Krankheitsanlagen muß eine der ersten Sorgen des Züchters sein. 
Zuchtwahl und Haltung müssen gemeinsam danach streben, die Kon- 
stitution der Tiere zu kräftigen und damit die in ihrem Körper vor- 
handenen Abwehrmaßr^eln zu stärken und zu vermehren. 



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268 *■ AbBchnitt Zeugung und Vererbung. 

Etwas aadera als mit den Krankheiten verhält es sich mit den 
Mißbildungen. Diese sind lokale Anomalien in den strukturellen Ver- 
hältnissen des Körpers, die bereits den Embryo betreffen und somit 
bei der Geburt vorhanden sind. Die Bezeichnung Mißbildung umfaßt 
keinen einheitlichen Begriff, sondern sie ist, wie J o e s t sehr trefiend 
bemerkt^), ein Sammelname für Abweichungen in der Form, die über 
die Variationsbreite, wie sie bei den einzelnen Rassen und Arten die 
Regel bildet, hinausgehen. 

So kann man im konkreten Falle zweifelhaft sein, ob man krumme 
Vorderbeine, Durehtrittigkeit oder die Doppellendigkeit der Rinder be- 
reits als Mißbildungen oder nur als starke Abweichimgen von der ge- 
wöhnlichen Bauart bezeichnen soll. 

Einzelne Mißbildui^en werden nun vererbt, bei andern ist eine 
Vererbung nicht möglich, was mit der Art ihrer Entstehung zusammen- 
hängt. Zu letzteren gehören diejenigen Formen, die auf Eutwicklungs- 
störungen im Mutterleibe, also auf die Zeit nach der Befruchtung zu- 
rückzuführen sind und nicht selten durch die Eihäute, nam^itlich das 
Amnion, bedingt werden. Hierdurch kommt es sowohl zu Verwach- 
sungen wie zu Abechnürungen einzelner Körper-, namentlich einzelner 
Extremitätenteile — Einhändigkeit, Einaimigkeit beim Menschen, Drei- 
beinigkeit bei Tieren u. a, m. — und somit zu intrauterinen Verstümme- 
lungen, die ebenso wie die nach der Geburt entstandenen nicht vererbt 
werden. 

Die andre Art der Mißbildungen wird nicht durch intrauterine Ent- 
wicklungsstörungen hervorgerufen, sondern hat ihre Ursache in einer 
eigentümUchen, ruck weisen Variation, in einer Mutation des Reim- 
plasmas. Solche abweichende Formenbildungen können vererbt und 
bisweilen sogar durch die Zuchtwahl zur Konstanz gebracht und damit 
erblich festgehalten bzw. gesteigert werden. Hierzu sind die Polydaktyhe 
und die Hasenscharte beim Menschen, die Homlosigkeit bei gewissen 
Rinder-, Schaf- und Ziegenrassen, die Syndaktylie beim Binhufer- 
achwein, der Stummelschwanz bei Katzen, die Schädelauttreibungen 
beim Haubenhuhn und bei der Haubenente*) u. a. m. zu rechnen. 

Der Tierzüchter schließt nun bewußt solche minderwertige Tiere 
von der Zucht aus, weit er annimmt, daß sie fehlerhafte Formen, mangel- 
hafte Nutzui^seigenschaften und die Anlage zu Fehlem und Gebrechen 
auf ihre Nachkommen übertragen. 

') Berliner tierärztl. Wochenschrift 1911. S. 462. 

') D u e r s t, Selektion und Pathologie. Arbeiten der Deutschen Gesellschaft 
für Züohtnngskunde. Heft 12. Hannover 1911. 



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V. Die Vererbung. 269 

Daß nicht alle erblich belasteten Nachkommen kranker Eltern die 
KrankheitBanlagen mit auf die Welt bringen, erklärt eich biologisch 
zwanglos aus den Mendelschen Vererbungsregeln, so daß im Glücksfall 
gerade diejenigen Erbfaktoren ausgeschaltet oder in ihrer Wirkung ab- 
geschwächt werden, die als Vertreter der betreffenden, für die spätere 
Krankheit in Frage kommenden Änlagegruppe dem neuen Individuum 
nachteilig werden können, während umgekehrt der riicksichtlich seines 
Ahnenblutes weniger Verdächtige unter ungünstigen Umständen bei der 
Kemverschmelzung seiner Eltern das verhängnisvolle Erbteil — die 
Krankheit sanlage — mit auf seine Erdenwandenmg bekam. Sofern 
in einem Elter ein dominanter Krankheitsfaktor vorhanden ist, so ist 
auch die F|-Gener8tion krank, Sie wird dann in der Regel ausgemerzt 
werden und die kommenden Generationen bleiben vor Schaden bewahrt. 
Verhält sich aber der Krankheitsfaktor rezessiv, so kann namentlich 
bei den in diesem Falle sehr gefährUchen Verwandtschaftspaarungen 
die Tatsache eintreten, daß (DR x D R) in der kommenden Generation 
ein Viertel kranke Individuen vorkommen. 

Als Erbfehler gelten: Tuberkulose bei Kindern und Schweinen, 
Kehlkopfpfeifen und Dämpfigkeit bei Pferden, von den Knochen-, 
Sehnen- und Gelenkleiden diejenigen, die an mangelhaft gebauten und 
schlecht entwickelten Gliedmaßen an sich schlaffer Tiere entstehen, 
und endlich verschiedene, unter dem Bilde der Untugenden verlaufende 
krankhafte Zustande des N^ervensystems. 

Alle diese Fehler können, sie brauchen aber nicht erbhch über- 
tragen zu werden. Die Wahrscheinlichkeit der Vererbung ist zunächst 
davon abhängig, wie der einzelne Fehler entstanden ist. Ist das Roaren 
nach schwerer Dniae zurückgeblieben, oder sind Bpat, Schale, Hasen- 
hacke oder Gallen an normal gebauten Gliedern nach übermäßigen 
Anstrengungen aufgetreten, so wird man deren erbliche Übertragung 
nicht zu fürchten brauchen, während mau umgekehrt solche Fehler bei 
Xicbtstuem züchteriach ganz anders beurteilen muß, weil hier das Vor- 
handensein eines Erbfaktors für die Krankheit anzunehmen ist. 

Eine besondere Berücksichtigung verdient in der Tierzucht die 
Tuberkulose. 

Bekanntlich wird das Junge im Mutterleibe durch das mütterliche 
Blut ernährt, das von der Gebärmutter aus in den Mutterkuchen*) 



') Als Mutterkuchen oder Placenta materna bezeichnet maa die mit einer 
Epithelsohioht ausgekleideten Vertieflugen in der blut- und saftreicbcn, dabei 
verdickten Schleimhaut der Gebärmutter. 



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270 4- Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

dringt, von hier aus in den das Junge umgebenden Fruchtkuchen') 
und von diesem in den Blutstrom des Jungen — Verzweigungen der 
Nabelvene — gelai^. Dieser Weg ist aber wegen der erwähnten da- 
zwischen gelagerten Zeltschichten und wegen der feinen Gefäßwände 
nur für gelöste oder fein verteilte kleinste Körper möglich, während 
Bakterien in der Kegel nur dann durcbBchlUpfen können, wenn die 
trennenden Schichten durch Krankheitszustände in ihrer Dichtigkeit 
gestört sind (Fig. 129). 

In letzterem Falle kann von einer Kuh mit Gebärmuttertuberkulose 
durch Ansteckung im Mutteileibe, durch eine plazentare oder intrautenne 
Infektion ein tuberkulöses Kalb geboren werden, während es aber immer 
noch Gegenstand des Zweifeb ist, ob eine Übertragung der Tuberkel- 
bazillen durch infizierte Samenflüssigkeit auf das Ei und somit auf die 
Frucht stattfindet. Von einer Tuberkulose letzterer Art könnte man 
eist dann sprechen, wenn eine gesunde Kuh ein tuberkulöses Kalb 
wirft, eine Beobachtung, die bisher noch nicht gemacht worden ist. 
Hierbei würde es sich aber auch nur um eine germinale Infektion und 
biologisch um eine Pseudo- oder falsche Heredität handeln, denn nicht 
die Keimmassen an sich haben die Tuberkulose bewirkt, sondern sie 
waren nur zufällige Träger des InfektionsstofTes, den sie mit sich 
schleppten. 

Es gibt dann noch eine andre Art falscher ErbUchkeit, die durch 
Einwirkung gleicher Ursachen auf Eltern und Kinder entsteht. Hat 
z. B. ein Mutterschwein im feuchten Stalle in seiner Jugend Rachitis 
erworben und befällt diese in dem gleichen Aufenthaltsort auch die 
Ferkel, so ist das keine Vererbung, sondern die Reaktion auf die Ein- 
wirkung gleicher Ursachen. 

Erblich bei der Tuberkulose ist also nur die Disposition, die Krank- 
heit selbst entsteht durch Ansteckung und zwar entweder im Mutter- 
leibe — kongenital — oder nach der Geburt — postgenital*). Die kon- 
genitale Form, die bei Kälbern nachgewiesen ist, galt früher als eine 
groBe Seltenheit, sie scheint es aber nach den neueren Erfahrungen 
nicht mehr zu sein, wenngleich ihr auch praktisch nicht annähernd 

') Als Fruchtkuchen, PUcenta foet&lia, bezeichnet in&n die blutreichen, von 
einer Zellachicbt bedeckten Zottenwucherungen auf der Oberfl&ohe der Eihäute. 

') T. Behring mißt bei der Tuberkulose der Vererbung einer körperlichen 
Disposition keine Bedeutung bei; nach ihm ist die postgenitale Übertragung die 
HanpteBche und die Familie nur insofern von Einfluß, als in tuberkulösen Familien 
mehr Gelegenheit zur Ansteckung gegeben ist als in geeanden. — Tuberinüose- 
bekämpfung, Vortrag, gehalten in Kassel. Alarburg 1903. 



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V. Die Vererbung. 271 

die gleiche Bedeutung zukommt wie der postgenitalen, extiauterinen 
Ansteckung^). 

Was die Vererbung der Krankheiten dee NervenByatems, Fehler 
des Temperaments usw. betrifft, so spielt die Übertragung der Anlage 
A. Fraebtkncbeii (Placenta toeUlis), 



Fig. IM. 8 Ehern at lache DurBtellunR der Verbindung zvlachen dem Fracbth neben des 

Huttertieres und dem Pruchtkuehen (Bih&ateD) des FOlns (nach Jabne<|. 

a Die gsnahaICigen Zotten dea' Fmcbthuchena. b Hatterkachen und seine Oefiteverzwel- 

gaogen. c Das Epithel, das die achlaucbronnicen Verlierangen dee Mutterkqcbens auskleMet. 

c' Epilhel, das die Oberflftcbe der ZolCeu bedeckt. 

ZU Geisteskrankheiten beim Menschen eine große Rolle, und erbliche 
geistige Belastung gilt sowohl im gewöhnlichen Leben wie vor Gericht 

als ein Mildeningsgrund für strafwürdige Handlungen. 

>) P u 8 c h, Die Kindennilchproduktion. Berlin 1908. H. 13. 
*)GeBundheiUpflegederIandnirtBchaftlichenHaiu«äugetiere. Berlin 1898. S. 12. 



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272 *■ Abschnitt. Zeugung iind Vererbung. 

Bezüglich der Vererbung von Untugenden weiß man, daß schlägrige, 
kitzlige, im Geschirr unsichere Stuten nicht selten Fohlen bringen, die 
im gebrauchsfähigen Alter die gleichen Mängel zeigen, und es soll nach 
Graf Lehndorf f) auch im Halbblut ganze Familien geben, die 
sich nicht anspannen laesen. Besonders beleuchtet wird die Vererbung 
des unangenehmen Temperaments durch folgende, von demselben Autor 
mitgeteilte Beobachtung: „Im Jahre 1881 liefen in England auf freier 
Bahn 1970 Pferde, darunter zeigten nur zwei die höchst eigentümliche 
Angewohnheit, bisweilen im Rennen plötzlich stehen zu bleiben oder 
kurz kehrt zu machen. Es sind dies die zwei Hengste Peter und 
Misenus, beide von verschiedenen Vätern, beide in verschiedenen Ställen 
trainiert, aber beide Söhne derselben Mutter Lady Masham." — Nach 
H o f f m a n n') war der im Gestüt Weil aufgestellte Hengst Cham 
„schwierig", und gleich wie dieser waren auch seine Nachkommen des- 
halb gefürchtet. Ein zweiter dort deckender Hengst Tajar, aus dem 
Orient eingeführt, wurde mit dem im Gestüt vorhandenen Stuten- 
material gepaart und erzeugte mit ihm Nachkommen, die sämtlich ab- 
geschafft werden mußten, weil sie reizbar, heftig im Temperament und 
Durchgänger waren wie ihr Vater. — Im bulgarischen Staatsgestüt 
Kabijuk erzeugte der englische Vollbluthengst Scheäio, der selbst Beißer 
und Schläger war, besonders bösartige Stuten, während die jungen 
Hengste frei von dieser Untugend blieben'). 

Daß der Grad der Geschlechtslust mit der Vererbung sicher zu- 
sammenhängt, ist hinlänglich bekannt, desgleichen liegen Erfahrungen 
vor, die einzelne Fälle von Zungenschlägen*) und von Koppen auch 
auf Vererbung zurückführen lassen^), wenngleich der Prozentsatz mit 
fünf nach den von v. Oettingen mit dem Koppen in Trakehnen 
gemachten Erfahrungen nur gering isl^). Hartmelkigkeit und Stoßen 
sollen ebenfalls von der Kuh auf das Kalb übertragen werden. 

Eine Erwähnung verdient endlich noch die Frage der Vererbung 
der Immunität. Ob sie durch die Keimzellen möglich ist, ist mehr als 
zweifelhaft, die Regel ist hier die Vermittlung durch plazentare Über- 
tragung, 80 daß die spezifische UnempiindHchkeit gegen gewisse In- 

') Graf Lehndorff, Handbuch für Pferdezüchter. S. 165. 
<) Hof f mann. Allgemeine Tierzucht. Stuttgart 1899. S.446. 
'} Mündliche Alittellungen des Herrn Gestütstientrzta P e t r o f f. 
*) Münchner tierärztl. Wochenschrift 1909. S. 258. 

*) C o U i n. Journal de M«d. T^. etc. Lyon 1883. Zit. von F ri e d be rger- 
P r ö h n e r. Spezielle Pathologie I. Stuttgart 1896. S. 97. 
') Die Zucht des edlen Pferdes. Berlin 1908. S. 275. 



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V. Die Vererbung. 273 



fektionskiankheitea zwar als eine kongenitale, nicht aber als eine er- 
erbte Eigeuscliaft bezeichnet weiden darf. Immunität erhält ein junges 
Tier unter Umständen durch daa Blut Beiner Mutter, nicht aber durch 
den Samen seines immunen Vaters. 

Man sieht also, die Zahl der iibertiagbaren Krankheitsanlagen und 
Mängel ist groß, und es wird Sache des Züchters sein, im einzelnen Falle 
zu entscheiden, ob er ein in diesem Funkte nicht ganz einwandfreies 
Tier zur Zucht verwenden darf oder nicht. Jedenfalls ist der Fehler 
nie allein, sondern in bezug auf seine Entstehung und den Grad seiner 
Ausbreitung und femer auch daraiifhin zu berücksichtigen, inwieweit 
er durch Vorzüge andrer Art in dem betreffenden Zuchttiere auf- 
gewogen wird. Übung, Erfahrung und ein offenes Auge werden hier 
am besten über Zweifel imd Bedenken hinweghelfen. 

10. Die Tel^wil« oder Fenueucung (Inlektioii oder ImprflKnatloii). 

Die Definition des Begriffs Telegouie ist schwer in vetständhcher 
Form zu geben, und daher ist es praktischer, die „Femzeugung" durch 
ein Beispiel zu erläutern: Viele Jäger nehmen an, daß z. B. eine Dachs- 
hündin, wenn sie zum ersten Male von einem Hunde einer andern Basse, 
angenommen einem Schäferhunde, belegt wird und demnach Kreuzungs- 
produkte zur Welt bringt, nachher zur Reinzucht nicht weiter zu ge- 
brauchen sei. Der Einfluß des Vaters des eisten Wurfes soll sich auch 
bei späteren Pasrungen mit einem andern männlichen Tiere geltend 
machen, das weibhche Zuchttier solle „impi^gniert" sein. 

EntwicklungBgeschichthch ist diese Annahme nicht zu erklären, 
denn sie würde voraussetzen, daß die Samenfäden von einer Bedeckung 
über die Schwangerschaft und Geburt hinaus bis zur nächsten Be- 
deckung lebensfähig bleiben, oder daß sie in noch nicht entwickelte 
und noch vom G r a a f sehen Follikel umschlossene Eier dringen, was 
beides unmögUch ist. Weiterhin ist es unverständhch, daß nur jung- 
fräuliche Tiere infiziert, und daß die von der ersten Bedeckung her 
noch vorhandenen Samenfäden nur aktiv werden sollen, wenn eine 
anderweite Bedeckung erfolgt. 

Dann hat man auch gemeint, daß in solchen Fällen das Blut der 
Mutter durch den Fötus beeinflußt werde, und daß die Mutter etwas 
von dem Blute desselben absorbiere, was später bei weiteren 
Schwangerschaften zur Geltimg komme; demnach werde eine erworbene 
Eigenschaft vererbt. Diese Absorption solle auch die Folge sein, daß 
die jüngeren Kinder dem Vater ähnlicher sehen als die älteren, weil 
Pnsoh-HuiiBen. Allgcmetne Tierzncbt. 3. Aufl. IS 



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274 ^ Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

die Mutter bei jeder Schwangeischajft durch Vermittlui^ des fötalen 
Kreislaufs immer etwas von den Eigenschaften des Vaters aufnehme, 
ihr Blut geradezu damit sättige (Saturation). Ist sie besser als der 
Vater, so wird die Kachkommenschaft später schlechter, ist der Vater 
aber besser, so wird es auch die, Nachkommenschaft bei späteren gleichen 
Paarungen. Gute Stuten dürfe man daher nicht dauernd von dem 
glichen Hengste decken lassen, weil sie dadurch ihre Individualität 
verUeren^). 

jSndlich könnte man auch annehmen, daß die Samenfäden dea 
ersten Erzeugeis sich in dem mütterlichen Oi^nismus auflösen und 
nun in ii^end einer "Weise auf die in den Eierstöcken ruhenden Keim- 
zellen Einfluß gewinnen. 

Die Lehre von der Infektion wird durch einige Beobachtungen 
gestützt, die überall angeführt, aber auch ebenso oft widerlegt oder 
auf andre Weise erklärt werden. Der bekannteste Fall dieser Art ist 
der folgende: 

Der englische Pferdezüchter Lord Morton ließ eine junge, 
kastanienbraune arabische Stute von einem Quaggahengst bellen, 
worauf die Geburt eines Fohlens erfolgte, das einen Bastard zwischen 
Pferd und Quagga darstellte. Später -wurde die Stute von einem 
arabischen Rapphengst belegt, von dem sie zwei Fohlen lieferte, die 
sich bei rotbrauner Farbe durch einen Aabtrich und durch dimkle 
Streifen am Halse, am Widerrist und an den Bänen auszeichneten. 
Sonst hatten die Fohlen Arabercharakter, wie er bei der Beschaffenheit 
der Eltern nur erwartet werden konnte, und erinnerten in nichts an 
den Qnaggahengst. 

Streifungen sind nun aber bei Fohlen edler Abstammiuig keine 
Seltenheit und ab Rückschläge aufzufassen. In dem einen Falle ver- 
schwinden sie mit Ablauf des Fohlenalters, in dem andern dagegen 
bleiben sie bestehen, deshalb hat auch die Morton sehe Beobachtung 
keine Beweiskraft. Zudem hat E w a r t festgestellt, daß die Mortonsche 
Stute ein Kreuzungsprodukt zwischen Araber und indischem Pony, 
die Streifungen aufweisen, gewesen ist. 

Hermann V. Kathusius^) berichtet, in seiner eignen Zucht 
habe eine einfarbige, hellbraune Stute zuerst hintereinander fünf ein- 
farbige Fohlen von dem Vollbluthengst Belzoni, darauf gleichfalls zwei 

') DoB Züchten von Rennpferden nach dem Zahlensystem von C. Brnoe 
Lowe. Herausgegeben von William Allison, deutsch von v. KiiBchj. Beriin 
1897. S.211. 

') Vorträge über Viehzucht. S. 135. 



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V. Die Vererbung. 275 

einfarbige von einem Traberhengat und dann von einem Schimmel- 
bengst ein Fohlen geliefert, das an den Füßen, auf dem Rücken und 
auf dem WidemBt ausgeprägtere Streifen zeigte, ala die Fohlen des 
Lord Morton. Er habe dann viele Jahre hindurch sowohl bei 
Schafen, Schweinen wie Hunden Ereuzungeversuche angestellt, ohne 
aach nur Spuren einer Infektion wahrgenommen zu haben. Ähnliche 
Beobachtungen wird jeder erfahrene Züchter machen können. 

Auch die Maaltierzucht hat die Lehre von der Infektion widerlegt, 
denn es sind häufig junge Stuten zuerst zur Maultier- und dann wieder 
zur Pferdezucht benutzt worden, ohne daß die Abkömmlinge der Pferde 
Anklänge an den Esel gezeigt hätten. Gleiche Beobachtungen hat man 
in neuerer Zeit auch in der Bastardzucht zwischen Zebra und Pferd 
gemacht'). 

In den Jahren 1899 bis 1910 hat E w a r t') umfangreiche und sorg- 
fältige Telegonieversuche mit Zebra und Pferd, femer mit verschiedenen 
Eselarten, sowie verschiedenen Pferde- und Hunderassen angestellt. 
Er konnte in keinem einzigen Falle irgend einen Einfluß des bei einer 
früheren Paarung verwendeten art- oder rasaefremden männlichen Tieres 
feststellen. 

Wenn Honde, die beim ersten Wurfe Kreuzungsprodukte gebracht 
haben, von gleichrassigen Vätern später wiederum rasseuureiue Nach- 
kommen hefem, so liegt Edcherlich kane Infektion, sondern eine aber- 
malige ausschheßhche oder gleichzeitige Befruchtung durch einen anders- 
rassigen Hund vor; der Besitzer hatte hiervon nur keine Kenntnis. 

Es sprechen nicht nur die Erfahrungen aus der großen Praxis 
der Tierzüchtung, sondern auch die Ergebnisse der Paarungen zwischen 
verschieden gefärbten Menschenrassen unbedingt gegen die Imprä- 
gnationstheorie, die auch theoretisch völlig unhaltbar ist. 

Zu gedenken ist in diesem Zusammenhang eines Versuches von 
G u t h r i e*), der den Eierstock von Hühnern in den Körper anders- 
farbiger Hühner verpflanzte. Dann wurde das operierte Tier von einem 
besondere ausgewählten Hahne befruchtet und das Ei bebrütet. In 
der Eierproduktion an sich ließ sich ein Unterschied nicht wahrnehmen, 
auch ergaben KontroU versuche, daß weiße Hühner von weißen und 
schwarze Hühner von schwarzen Hähnen farbenreine Nachzucht brachten, 

') Deutsche landw. Tierzucht 1902. S. 360. 

') Zit, nach Lang, Die experimentelle Vererbungalehre in der Zoologie. 
1. Hälfte. Jena 1914. S. 812. 

») Journal of exper. Zool. 1908. Vol. 5. Zit. von G o d 1 e w s k y, Dm Ver- 
erbungsproblem. Leipzig 1909. 8. 2S8. 



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276 ^' Absohnitt. Zengui^ und Vererbung. 

1. Paarte man nun aber das schwarze Huhn, dem der Eierstock 
des weißen implantiert wai, mit einem schwarzen Hahne, so erhielt 
man eine weiße und eine echwarze Nachkommeoschaft. 

2. Das weiße Hahn mit dem Gierstock des schwarzen Ueferte mit 
einem weißen Hahne schwarze, weiße und schwarzgefleckte KUken. 

3. Das schwarze Huhn mit dem Eierstock des weißen hatte mit 
einem weißen Hahne entweder rein weiße oder weiße Nachkommen 
mit schwarzen Flecken. Das gleiche war der Fall, wenn ein weißes 
Huhn mit dem Eierstock des schwarzen von einem schwarzen Hahne 
befruchtet wurde. 

Wenn dieses merkwürdige Ergebnis wirkUch zutreffend ist, so müßte 
außer dem Organismus, der die Genitaldrüse ursprunglich ausgebildet 
hat, auch noch derjenige einen Einfluß ausüben , der den transplan- 
tierten Eierstock trägt. Somit fände vom Körper aus vielleicht durch 
den Stoffwechsel eine Einwirkung auf die Fortpflanzungszellen statt. 
Diese Frage bedarf aber weiterer Prüfung. Feststellungen, daß der be- 
fruchtende Vater mitunter bestimmte Körpergewebe der Mutter (außer- 
halb der gezeugten Frucht) zu beeinflussen vermag, sind wiederholt 
gemacht worden. Mau nennt diese Erscheinung Xenien. v. Tscher- 
m a k') fand bei Kanarienhennen nach Paarung mit Stieghtzen eine 
Einwirkung auf die Farbe der Eierschalen, und P. H o 1 d e f 1 e i ß*) 
erhielt bei der Paarung von Plymouth-Rock-Hennen mit einem Itahener- 
hahn neben den typisch braunen auch weiße und mittelfarbige Eier. 
Demgegenüber vermochte W a 1 1 h e r*) einen Einfluß des Hahnes auf 
Größe, Form und Glanz der Eier nicht zu finden , hinaichthch der 
Farbe waren seine Beobachtungen nicht ganz einwandfrei; sie sprachen 
aber mehr gegen als für einen Einfluß. — Bei Pflanzen sind derartige 
Xenienbildungen oft beobachtet worden. 

11. D» Venehan der Muttertiere. 

Unter Versehen versteht man die durch seelische Einflüsse der 
Mutter erfolgten Einwirkungen auf die Frucht, die sich dann in dieser 
durch Ähnhchkeit mit dem Gegenstande, der den Gemütsafiekt her- 
vorrief, durch eigentümliche Gestaltung, Muttermäler usw. bemerk- 

■) Biologiachea Zcntrolblatt Bd. 30. S. 19. 

*] Berichte aus dem physiologischen Laboratorium des Landw. Instituta in 
HaUe Bd.20. 1911. S. 93. 

*) Landw. Jahrbücher Bd. 46. 1914. 8. 89. 



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V. Die Vererbung. 277 



bar machen. Die seelische Alteration kann kurz vor oder zur Zeit der 
Begattung oder während der Schwangerschaft erfolgen. 

Der Glaube hieran ist alt und im Volke fest eingewurzelt. So soll 
schon Jakob^) geschälte Stäbe von „grünen Pappelbänmen, Haseln 
und Kastanien" zur Bockzeit in die Tränkrinnen seiner Schafe und 
Ziegen gelegt haben, damit mögUchst viele gescheckte Tiere geboren 
wurden, die ihm als Lohn für seine Dienstleistungen bei seinem Schwi^er- 
vater Laban zufielen. 

In Trakehnen soll ein gefleckter Hühnerhund vorbeigelaufen sän, 
als eine Stute gedeckt wurde, imd diese dann ein geschecktes Fohl^ 
geworfen haben. Ein ähnliches Vorkommnis soll auch in einer Schaf- 
herde beobachtet worden sein*). 

Nach p p i a n^} sollen in dem an edlen Pferden rächen KisaetHi 
in Medien die Pferde durch die Hand eines Malers Scheckzeichnung 
erhalten haben, damit sich die Stuten beim Deckakt versähen, was 
auch Erfolg gehabt habe. Der Übersetzer des p p i a n sehen Lehr- 
gedichts fügt dann im Jahre 1755 in einer Fußnote hinzu, die p p i a n- 
sche Angabe sei richtig, denn er kenne selbst jemand, der durch Be- 
raalung von Tauben gefleckte Junge erzielt habe. 

Wallace*) beschreibt folgenden Fall ausführlich: Auf einer 
größeren Besitzung wurden alljährlich im Mai die Kühe einet schwarzen 
Angusherde nach dem Geschlecht ihrer Kälber getrennt und die beiden 
fast gleich großen Hälften auf verschiedene Weiden gebracht. Natür- 
lich wechselten die Kühe in den einzelnen Jahren innerhalb der Herde 
je nach dem Geschlecht ihrer Kälber. Mehrere Jahre hindurch wurde 
nun beobachtet, daß gegen 20 % der Kühe in der Herde B Kälber von 
verschiedener Farbe brachten, während die Kühe der Abteilung A nur 
Kälber von gleichmäßigem Schwarz warfen, welche Farbe bekanntUch 
dem Anguarinde eigentümlich ist. Dabei wurden auf beiden Seiten 
dieselben Bullen benutzt. 

Auf der Weide A bekamen die Kühe nun niemals buntes Vieh zu 
sehen, dagegen befand sich neben der Weide B geschecktes Ayrshire- 
vieh, das von den Anguskühen nur durch einen Drahtzaun getrennt 
war. In jener Zeit wurden jährlich 3 — i gesprenkelte Anguskälber ge- 
boren. Im Jahre 1890 weidete neben der Weide B rot und weißes Vieh, 
und wunderbarerweise war von den 6 reingezüchteten Anguskälbem, 



') l.Moee, Kap. 30, V. 17. 
') Set tegast. Die Tieraucht 1888. S. 239. 
») Cynegetika, Libr. I, S. 18. Übersetzt von Li 
*) Deutsche landw. Presse 1893. S. 709. 



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278 4. Absohnitti. Zengung und Voreibung. 

die geboren wurden, ein Teil schwarz und weiß, ein andrer rot und weiß. 
Einige der Muttertiere waren schon mehrere Monate tragend, bevor 
ihnen die bunten Kühe zu Gesicht kamen, so daß das Versehen hier 
also nicht an die Zeit der Befruchtung gebunden war. 1891 wurden die 
der Weide B benachbarten Grundstücke ausschließlich tait schwaizem Vieh 
besetzt, und darauf waren sämtliche im Jahre 1892 geborenen Kälber zum 
ersten Male schwarz mit Ausnahme eines einzigen, das auf dem Eücken 
einen kleinen weißen Fleck zeigte, ein Umstand, der aber ab und zu in der 
bestgehaltenen Herde vorkommt. Die Kälber von 1891 mit gescheckter 
Farbe uiid die schwarzen von 1892 hatten übrigens denselben Vater. 

Endhch wird ja im Volke jeder Schreck, den schwangere Frauen 
durch den Anblick ihnen unangenehmer oder mißgestalteter Menschen 
und Tiere erleiden, in bezug au£ das Aussehen des Kindes für bedenklich 
gehalten, und es versichern auch verständige, vorurteilsfreie Frauen 
öfter, daß das Feuermal im Gesicht des Kindes davon herrühre, daß 
sie während der Schwangerschaft durch eine Fenersbrunst, das Hinein- 
werfen von Krebsen in kochendes Wasser, durch plötzhche Berührung 
einer Maus oder durch Entweichen eines Bullen von seinem Stande u. a. m. 
erschreckt worden seien. 

Alle diese Fälle sind weder biologisch noch embryologisch zu er- 
klären. Starke Nervenerregungen oder starke bzw. häufig wieder- 
kehrende, gleichartige Sinneseindrücke kurz vor, während oder nach 
der Befruchtimg können keine Keimesvariationen hervorrufen, die sich 
dann in dem Nachkommen in entsprechender Weise Geltung verschaffen. 

Sicherlich beruht vieles von den Beobachtungen ursächhch auf 
Rückschlägen, andres auf Täuschimgen, indem, wie es wohl auch in 
dem von W a 1 1 a c e veröffenthchten Falle geschehen sein mag, andre 
Vatertiere, als vom Züchter angenommen wurde, durch einen ihm nicht 
bekannten Zufall und gegen seine Anordnung Verwendung fanden, 
und endlich kommen auch hei Kindern Mißbildungen und Feuermäler 
vor, ohne daß die Schwangeren irgendeinem heftigen Gemütsaffekt 
ausgesetzt waren, während umgekehrt Schwangere sehr oft Schreck- 
einwirkungen erfahren, ohne daß bei den Nachkommen morphologische 
und anatomische Eigentümlichkeiten auftreten. 

TL Die Bestimmung des Geschlechts. 
Allgemeines. 

TägUche Erfahrung und Statistik lehren, daß beim Menschen und 
bei den Haustieren annähernd ehensoviele männUche als weibUche Indi- 



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VI. Die Beatimmung des Geachlechta. 279 

viduen geboiea werden. Nach e s t e 1 1 e n*) eigabea die Ethebimgeii , 
die in Europa an 59 350 000 Geburten angestellt wurden, daß auf 
100 Mädchen 106,3 Knaben entfallen, ein Veihältnis, das D ii s i n g^) 
auch für Preußen bestätigt, und welches dadurch ausgeglichen wird, 
daß im ersten Lebensjahre mehr Eüiaben als Mädchen sterben oder 
tot geboren werden, so daß schheßlich im späteren Lebensalter die 
Frauen den Männern an Zahl voraustehen. 

Bei Pferden kommen auf 100 Stutfohlen 98,8 Hengstfohlen*), und 
b^ Schafen ist das Prozentverfaältnis ein ähnUches, während beim 
Schweine*) und beim Rinde die männUchen Geburten überwiegen 
aollen*). 

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft hat in den Jahren 1905 
bis 1907 Erhebungen in den Zuchtgenossenachaften für Binder anstellen 
lassen. Danach waren von 367 477 Kälbern 178 987 oder 48,7 % männ- 
lichen und 186 490 oder 51,3% weiblichen Geschlechts. Es würden 
somit auf 100 Kuhkälber nur 94,9 Bullenkälber entfallen. 

Da die Geburten auch in den einzelnen Ländern einander in bezug 
auf Geschlechter die Wage halten, gleichgültig, ob diese Länder in der 
wannen oder kalten Zone liegen und deren Bewohner mehr von ani- 
malischer oder pflanzlicher Kost leben, so muß zweifellos eine strenge 
Gesetzmäßigkeit obwalten, die es verhütet, daß einzelne Völker oder 
einzelne Tiergattungen von der Erde verschwinden. 

Die Bahnen dieses Naturgesetzes zu ergründen, ist nun seit alters 
her das Bestreben des forschenden Menschengeistes gewesen, ohne daß 
man trotz der vielen auf diesen Gegenstand verwendeten Mühe und 
Arbeit über Theorien hinausgekommen ist,' die meistens ebensoviel für 
als gegen sich haben. Jedenfalls können wir nach dem heutigen Stande 
der Wissenschaft die Entstehung eines bestimmten Geschlechts noch 
nicht herbeiführen, und ob das in Zulnmft je gelingen wird, ist mehr als 
zweifelhaft. Neuerdings wird meistens angenommen, daß das Geschlecht 
nach Mendelschen B«gehi vererbt; hierauf wird S. 285 eingegangen. 
Vorher mögen einige der älteren Hypothesen kurz vorgeführt werden. 
Die verschiedenen Theorien lassen sich in folgende Gruppen bringen; 



') Schenk, Einfluß des GeachleDhtsrerhältnisses. Magdebui^ 1S0& S. 9. 

*) D ü H i n g, Daa Geschlechtsverh&ltiiiB der Geburten in Preußen. Staats- 
wisBenBchaftUche Studien. Jena 1890. Bd. HI, Heft 6, S. 1. 

>) Derselbe, I^ndw. Jahrbücher 1892. S. 276. 

*) R o mm e 1, ref. v. EUenbcrger- Schütz, Jahreebericht über die Leistungen 
auf dem Gebiete der Veterinärmedizin 1907. S. 292. 

') W i 1 k e & s, Kochs Enzyklopädie III. S. S79. 



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4. Abschnitt Zeugung und Vererbung. 



1. Die GflMhlKhbbildung iMniht auf erblicher Anlage 
seitens der Zeugenden. 

Wie schon S. 209 erwähnt, besteht die Befruchtung in der innigen 
Verachmelzving der Kerne der beiderseitigen GeBchlechtBzellen. Diese 
Kerne stellen eine hochorganisierte Materie dar, die sich aus kleinsten 
Grundelementen — Determinanten, Faktoren — zusammensetzt. Die 
letzteren sind als Repräsentanten der Formen und Eigenschaften ihres 
Trägers aufzufassen. 

W e i 3 m a n n nimmt an, daß sich in jedem Samen- und Eikeme 
Determinanten für das männliche und weibliche Geschlecht finden, die 
je nach dem Grade ihrer Überlegenheit in der Zahl oder im individuellen 
Verhalten ein männlichea oder weibüches Individuum zur Entstehung 
bringen. Energie und Menge der Determinanten würden demnach das 
Geschlecht des Jungen bestimmen und auch die praktische Erfahrung 
verständlich machen, daß einzelne Tiere ausschließlich oder .vorwiegend 
männliche, andre dagegen nur weibliche Nachkommen liefern, und daß 
diese Leistungsnchtung in vielen Fällen auch erblich, also von den 
Eltern bereits im Keime übertragen bt. 

Nach einer andern Theorie sollen die einzelnen Samenfäden und 
Eichen nur einseitig, also nur männhch oder nnr weiblich veranlagt 
aein, und zwar sollen bei den uniparen Individuen männlich und weib- 
lich veranlagte Eiet bei d«n einzelnen Brunstzeiten abwechseln. Da 
bei der Vielzahl der ergossenen Spermatozoen immer beide Arten vor- 
handen sind, so ist ausschheßhch das £i maßgebend. 

Diese vollständig verlassene Anschauung ist neuerdings wieder von 
Schöne r*), einem oberbayeriachen Arzte, ans Tageslicht gezogen 
worden. Nach ihm „liefert jeder Eierstock zweimal das gleiche und 
einmal das entgegengesetzte Geschlecht, und die Eier folgen sich immer 
mit entgegengesetzter Geschlechtsfolge von rechts und links". Es 
würde also der eine Eierstock zweimal männhch und einmal weibEch 
veranlagte Eier, und der andre Eierstock das umgekehrte Verhältnis 
hefem. Die Geschlechtsbildung sei demnach im unbefruchteten Ei vor- 
handen, und man könne aus dem Geschlecht des letzten Kindes und 
der Herkunft des Eies, sowie aus der Zahl der zwischen Geburt tmd 
nächster Befruchtung liegenden Menstruationen das Geschlecht des 
imchsten Kindes bestimmen, eine Ansicht, die in wissenschaftEchen 
Kreisen bisher keine Zustimmung gefunden hat. 

EndUch sollen sogar die Geschlechtsdrüsen eingeschlechtEch ein- 



■) Beiträge zur Geburtshilfe und Gynäkologie. Heft 3. 8. 454. 



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TL Die Bestimmuiig des Geaohleohts. 281 

gerichtet sein, indem der rechte Eierstock und Hoden nur männlich, 
die linkseitigen Organe dagegen nur weiblich veranlagte Geschlechta- 
zellen erzeugen. Nach C o 1 u m e 1 1 a*) empfiehlt schon Demetiius, 
man solle, um ein Hengstfohlen zu erhalten, dem Beschäler den Unken 
Hoden mit einer Schnur veretricken, wünsche man aber ein Stutfohlen, 
so hätte das mit dem rechten Hoden m geschehen. Das gleiche wird 
dann bei Kindern angeraten^). Nach Varro') kann man das Geschlecht 
des Kalbes aus der Art des Abspiungs des Bullen erkennen. Erfolgt 
dieser nach rechts, so fällt ein Bullenkalb, nach links dagegen ein Kuhkalb. 
Die schon von Hippokratea aufgestellte und besonders von 
H e n c k e*) weittr ausgebaute Theorie, wonach schon eine gewisse Lage 
imd Stellung bei der Begattung den Erfolg sichern sollte, wird dadurch 
widerlegt, daß erfahrungsgemäß einhodige Individuen verschieden ge- 
schlechthche Nachkommen erzeugen. 

2. Die GaMfalechteblldung w|nl durdi vendiMene UimUbidt vor und 
wShrend der Befrachtung beelnfluBt 

a) AuBere ümstftnde (die Kondition). 

Hier handelt es sich einmal um die allgemeine und weiterhin auch 
um die Geschlechtskondition. Was die erstere anlangt, so gipfelt die 
Lehre von ihrer Bedeutung in der Anschauung, daß der stärkere und 
besser ernährte Teil mcht sein eignes, sondern das entgegengesetzte 
Geschlecht überträgt. Bei dieser gekreuzten oder retroveraalen Ge- 
schlechtaerzeugung liegt der Schwerpunkt also in erster Linie beim 
Männchen, and man hat die Beobachtung gemacht, daß nach Kriegen, 
militärischen Übungen usw. mehr Knaben als Mädchen geboren werden, 
ein Erfahrungssatz, den man aber ebensogut im entgegengesetzten Sinne 
deuten kann, denn bekanntUch machen derartige mit Entbehrungen 
verbundene Anstrengungen den Körper nicht matt und schlaf!, sondern 
kräftigen ihn vielmehr häufig in ausgesprochenem Maße. 

Der amerikanische Farmer F i q u e t*} empfahl in Anlehnung 

') De ro nwüca. Libr. VI, Kap. 24. 

*)Pal]adiu8RiitiliuB, Libr. IV, Kap. 11, und Pli nius, Libr. VIII, 
Kap. 70. 

ä) Libr. n, Kap. 5. 

*) Hencke, Geheimnis der Natur usw. Braunschweig 1876. Zii. von 
Schenk, Einfluß auf daa GeschlfichtB Verhältnis. Magdeburg 1898. 

'] Janke, Die willkürliche Hervorbringung dea Ge^hlechts bei Menschen 
und HauBtieren. Berlin und Leipzig 1888. Zit. von S o h e n k, Lehrbuch der Ge- 
BohlechUbestimmung. Halle 1901. 8.46. 



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4. Abechnitt. Zeugung und Vererbung. 



hieran auf Grund seiner ia der Prärie gemachterL Erfahrungen die 
Kondition Bystetnatisch durch die Ernährung zu beeinflussen, und zwar 
sollte man, um Bullenkälber zu erzielen, den Bullen schlecht und die 
Kuh gut füttern und die letztere erat bei einer Wiederkehr der Brunst 
und nicht gleich bei der erstmaligen Äußerung derselben decken lassen, 
um die Zeit für die Vorbereitung zu verlängern. Der Bulle wurde de- 
potenziert, die Kuh dagegen potenziert. Diese F i q u e t sehe Empfeh- 
limg ist einmal in ihrer Durchführung sehr umständUch, sie hat dann 
aber auch weder durch die Erfahrungen der Praxis, noch durch experi- 
mentelle Versuche bewiesen werden können, denn C u 6 n o t und 
■ Schnitze vermochten bei verschiedener, sowohl reichlicher wie 
mangelhafter Ernährung von Ratten und Mäusen eine Wirkung auf 
die Geschlechtsbildnng nicht festzustellen*). 

Ein ähnlicher Einfluß wie der Gesamtkondition wird auch der ge- 
schlechtlichen Inanspruchnahme, der Geschlecbt«kondition, zugesprochen. 
Stark angestrengte männliche Zuchttiere sollen mehr männliche und 
geschlechtlich geschonte mehr weibliche Kachkommen erzeugen. 

Mit letzterer Frage hat sich besonders D ü a i n g*) beschäftigt und 
nachgewiesen, daß die Zahl der männlichen Geburten steigt, wenn die 
Hengste dutchschnittUch in einem Jahre eine größere Zahl von Stuten 
decken. Ferner hat er gefunden, daß die Hengste bei täglich nur einem 
Sprunge auf je 100 Stutfohlen 93,94 Hengstfohlen zeugten, deren Ver- 
hältniszahl, wenn an einzelnen Tagen mehrere Sprünge geleistet und 
dabei nur der zweite Sprung in Anrechnung gebracht wurde, sich auf 
98,44 und beim dritten auf 112,43 Stück erhöhte. Da für gewöhnhch 
auf 100 Stutfohlen nur 98,8 Hengstfohlen entfallen, so wird im letzteren 
Falle das gewöhnliche Maß um rund 14 und g^enüber dem nur 
einmaligen Sprunge um rund 18 % überschritten. D ü a i n g glaubt, 
daß die Männchen bei starker Inanspruchnahme ihrer Hoden mit 
jungen Spermatozoen befruchten, und daß diese männliche Geburten 
bewirken. 

Inwieweit die D ü s i n g sehen und die F i q u e t scheu Theorien 
richtig sind, Ueße sich am ehesten in der Ziegenzucht nachweisen, denn 
hier sind die Böcke bei der übhcben Art ihrer Haltung kärglich ernährt, 
femer geschlechthch sehr in Anspruch genommen und endhch meist 
nur ein halbes Jahr alt, so daß drei Momente zusammentrefien, um 
die Geburt von Bocklämmem zu sichern. Trotzdem werden aber auch 

*) Morgan, Experimentelle Zoologie. Leipzig 1909. S. 454. 
*) D Q B i n g. Über die Regulierung der GeBoblechtaTerhältnisae b«i PferdMi. 
Landw. Jahrbücher 1892. S. 279. 



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VI. Die BeaUmmung des Geaohlechto. 



nach Verwendimg derartig depotenzierter Väter annäKemil ebensoviele 
weibliche als männliche Zickel geboren; leider fehlt nur hierüber eine 
hinreichende Statistik. 

b) Innere Umstände, 
a) Das Alter der Erzeuger. 

Nach der Hofacker*) -Sadler sehen*) Theorie sollten mehr 
Knaben als Mädchen geboren werden, wenn der Mann älter ist als die 
Frau, und umgekehrt mehr Mädchen, wenn die Frau den Mann an 
Jahren übertrifft. 

Diese Ansicht wurde durch eine Beobachtung an dem englischen 
Vollbluthengst Sit Hercules bestätigt, der im Alter von 27 Jahren 
23 Stuten deckte und mit diesen 24 Hengstfohlen erzeugte*), (Eine 
Stute gebar ZwiUinge.) Nach R o s e n f e 1 d^) ist die obige Anschauung 
aber nicht zutreffend, denn nach den statistischen Erhebungen in Wien 
wurden die meisten Knaben geboren, wenn die Frau älter war als der 
Mann. ÄhnUch sind die Ergebnisse von S 1 o i v o t aus Dijon und von 
Breslau aus Zürich*). 

Die von Bock vertretene Ansicht, daß ein konzentrierterer, reiferer 
Same mehr Knaben erzeuge, ist als unhaltbar allgemein verlassen. 

ß) Der Reifezustand des Eies. 

Diese Theorie hat mit den potentiellen Verhältnissen der Eltern 
nichts zu tun, sondern bei ihr ist der Reifungszustand des Eies maß- 
gebend. Der Begründer der Anschauung ist der Genfer Professor 
Thury. Nach ihm sollen die Eier nach ihrer Loelösung vom Eier- 
stock im Eileiter noch eine Art Nachreifung durchmachen. Werden 
ue zu dieser Zeit, also spät befruchtet, so entsteht ein Männchen, sonst 
aber ein weibliches Produkt. Da die Ablösung des Eies mit dem Be- 
ginn der Brunst erfolge, so sollen Muttertiere, die zu Aiifang derselben 
gedeckt werden, weibüche, und solche, die nicht sofort zum Sprung- 
tiere kommen, männUche Nachkommen gebären. 

*) Hofacker, Über die Eigenachaften, welche sich bei Menschen und 
Heren auf die Nachkotrmcn vererben. Tübingen 1828. Zit. von Settegaat. 
Die Tierzucht. 5. Aufl. 8.91, 

*) Sadler. The Law of population. London 1830. 

») Graf Lehndorf f, Handbuch für Pterdezüohter. S. 27. 

*) Roaenfeld, Wiener medizin. Blätter 1898. Nr. 38. Zit von S c h e n k. 
Lehrbuch der Geachleohtobestimmung. S. 64. 

') Morgan, Experimentelle Zoolc^e. Leipzig 1909. 8. 4S9. 



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284 4. Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

T h u r y B Lehre erregte Aiif sehen und wurde bei ihrem ErscheiDen 
zu Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderte verschiedent- 
lich nachgeprüft, und zwar teils mit glänzendem Erfolge, wie im Kanton 
Waadt, wo von 22 nach T h u r y s Vorschrift gedeckten Kühen 22 Kuh- 
kälber fielen^}, teils aber auch mit durchaus negativen Ergebnissen, so 
daß sie jetzt als abgetan gilt. Wäre sie zutreffend, so müßten beim 
gemeinsamen Weidegang und bei den in Freiheit lebenden Tieren viel 
mehr Weibchen geboren werden, weil der Bulle, Schafbock, Eber und 
Rehbock das brünstige Tier sofort herausfinden, und deshalb die Be- 
deckung in der Regel früher erfolgt, als wenn dasselbe erst durch sein 
Benehmen dem Wärter seinen Brunstzustand anzeigt. Femer ist es 
auch sehr fraglich, ob das Ei nach seiner Ablösung vom Eierstock durch 
NachreifuBg noch eine Art von Stärkung und nicht \-ielmehr eine Ver- 
schlechterung seines Zustandes erfährt, da unbefruchtete Eier sehr bald 
dem Absterben anheimfallen. 

In neuerer Zeit hat H e r t w i g*) bei Froscheiem gefunden, daß 
bei Befruchtung im Überreifen Zustande das männliche Geschlecht stark 
überwiegt. 

3. Di» Geschledibbestlmmung erfolgt vor oder nach dem Zeugungtakt 
durch Beeinflussung der mütterlichen Ernährung. 

Diese Theorie setzt im ersteren Falle voraus, daß die in den 
Follikeln vorhandenen Eichen zu männlichen oder weiblichen Keim- 
lingen herausgebildet werden können. Erfolgt eine Beeinflussung aber 
erst nach der Verschmelzung der beiderseitigen Erbmassen, so muß in 
jedem Embryo eine doppelte Geschlechtsanlage vorhanden sein. Da- 
durch vfivd er aber nicht zum Zwitter, sondern zu einer Art Neutrum, 
denn eine geschlechtliche DiSerenzierung ist bei ihm überhaupt noch 
nicht zu erkennen. Bei vielen Autoren herrscht nun die von andrer 
Seite wieder bestrittene Ansicht vor, man könne durch eine reichliche 
Ernährung der Weibchen die Hervorbringung weibheher Nachkommen 
begünstigen, und diese Lehre hat der Wiener Embryologe Schenk 
beim Menschen weiter auszubauen versucht. 

Schenk*) regelt die mütterliche Ernährung aber bereits vor der 

•) Keller, Vererbungslehre und Tierzucht. Berlin 18B5. S. 83. 

*) Zit. nuch Goldachmiiit, ^Einführung in die Vererbungswisseniishaft. 
2. Aufl. Leipzig u. Berlin I9I3. S. 383. 

') Schenk, EinfluQ auf das Geschlechts Verhältnis. Magdeburg 1898, und 
Schenk, Lehrbuch der Geschlechtebestiiumung. Halle 1901. 



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VL Die BeetiminuDg des Geschlechts. 285 

Konzeption und sucht damit die der Reifung entgegengehenden, noch 
im Eierstock befindlichen Eiei zu männlichen Keimlingen auszugestalten. 
Will man sich in Schenks Lehre, die sehr schwer verständUch ist, 
vererbungstechnisch hineindenken, so muß man annehmen, daß er 
durch seine Methode die in dem Ei vorhandenen weiblichen Determi- 
nanten in ihrer Wirksamkeit herabsetzen und die männlichen kräftigen 
will. Nach ihm soll der vermehrte Eiveißzerfall die Geburt von Knaben 
begünstigen. Ist der Eiweißumsatz zu gering, so wird die Nahrung 
derartig verändert, daß daa Eiweiß vermehrt, die Fette und Kohle- 
hydrate dagegen verringert werden. Schenk will durch diese Methode 
21 Fälle von Knabengeburten hervorgerufen haben. 

4. Du Bewhiedit als itiendelndM Merkmal. 

Alle vorher besprochenen Hypothesen über die Geschlechts- 
bestimmung haben sich als unhaltbar imd wertlos erwiesen. Der 
exakten Erblichkeitsfoischung der neuesten Zeit ist es dagegen ge- 
lungen, auch über diese Frage etwas Licht zu verbreiten. 

Schon Mendel hatte die Vermutung ausgesprochen, daß das 
Geschlecht vielleicht den von ihm entdeckten Vererbungsregeln folgen 
könne. Besonders nahegerückt wurde der Gedanke^} in den Fällen, 
wo somatische Eigenschaften geschlechtsbegrenzt auftreten, wenn also 
beispielsweise das Geschlecht darüber entscheidet, ob von zwei ant- 
agonistischen Merkmalen eins dominant, das andere rezessiv auftritt. 
Bei reziproken Kreuzungen von gehörnten Dorset- und ungehömten 
Sufiolkschafen sind in F, die Männchen gehörnt, die Weibchen un- 
gehömt; bei ersteren dominiert also die Hornbildung, bei letzteren 
die Homlosigkeit. In der F^-Generation finden sich 
Mäimchen 3 gehörnt : 1 hornlos, 
Weibchen 1 gehörnt : 3 hornlos. 
Die Vererbung vollzieht sich nach folgendem Schema, wobei H = Horn- 
bildung, h = Homlosigkeit anzunehmen und das rezessive Merkmal in 
Klammem gesetzt ist. 



o' H (h) 9 (H) h 



Gameten 



, -^ HH H<h) (h)H 

, 9 H H (H) h h (H) 



>) Haecker, Allgemeine Vererbongslehre. 2. Aufl. Braunachweig 1912. S.276. 



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286 4- Abschnitt. Zeugung und Vererbung. 

Sowohl in F, wie in F^ liegt ein dutch da« Geschleclit bedingter Dominanz- 
wecbsel vor. 

Kachdem schon Castle der Frage näher getreten war, hat dann 
G o r T e n 8 unzweideutige Anhaltspunkte für die Vererbung des Ge- 
schlechts nach Mendelschen Regeln erbracht, und auch eine Reihe 
anderer Foracher hat auf diesem Gebiete gearbeitet. Danach scheint 
ein Geschlecht heterozygot zu sein, und zwar kann es sich dabei so- 
wohl um das männhche ab um das weibliche handeln, während da« 
andere homozygot auftritt. 

Die Lehre von dei Geschlechtsbestinmiung ist dann durch die 
neuere Chromosomenforschung von Wilson, Boveri u. a. wesent- 
lich gefördert worden. Auf S. 211 wurde auf die eigenartigen Hetero- 
chiomosomen hingewiesen und mitgeteilt, daß sie unsymmetrisch in 
den Samenzeilen sich vorfinden, so daß zwei verschieden au^estattete 
Gruppen von Gameten entstehen. Das für die Geschlechtsbestimmung 
in Betracht konmiende Chromosom hat man X-Chromosom genannt. 
Es tritt zum Teil einzeln, d. h. ohne Partner auf und wird dann als 
akzessorisches Chromosom oder Monosom bezeichnet, zum Teil ist aber 
auch X X vorhanden. Die Verhältnisse liegen verschieden. Der ein- 
fachste Fall wäre der, daß in den Zellen der Weibchen zwei Geachlechts- 
chromosomen (X X), in denen der Männchen nur eins (X) vorkäme. Bei 
der Reduktionsteilung erhielte dann jedes reife Ei ein X-Chromosom, 
wahrend von den Spermatozoen sich X nur in der Hälfte vorfände, die 
andere Hälfte aber leer ausginge. Bei der Befruchtung müßte dann 
die Hälfte der Eier mit X- Spermatozoen befruchtet werden und die 
Zygote demnach XX enthalten, wodurch ein Weibchen entstände, 
während die andere Hälfte mit Spermatozoen ohne ein X-Chromoaom 
befruchtet würde, so daß die Zygote nur ein X enthielte und ein Männ- 
chen bildete. In anderen Fällen scheinen die Dinge umgekehrt zu liegen, 
so daß die Weibchen ein X, die Männchen aber X X enthalten. 

Eine Hypothese über die Vererbung des Geschlechts nach Mendel- 
schen Regeln in Verbindung mit der Chromosomentbeotie ist dann von 
Goldschmidt^) aufgestellt worden. Er geht von der Amiahme 
aus, daß beide Geschlechter durch positive Faktoren, die nebeneinander 
existieren, repräsentiert werden: M Faktor für Männlichkeit, F Faktor 
für WeibUchkeit. Dabei sollen beide Faktoren auf verschiedene Chromo- 
somen verteilt und femer das eine Geschlecht nur homozygotbch, das 



') Correna-GoldBchmidt, Die Vererbung Und Bestimmung des Ge- 
schlechts. Berlin 1913. Vgl. auch L a n g a. a. O. H. 112. 



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VL Die Bestimmung dos Geeohlecht«. 287 

andere nur heterozygotiscL sän, Ist wie bei Sclimetteilingen das mann- ' 
licte Geschlecht homozygotisch M M F F, das weibliche, aber nur hin- 
sichtlich des Faktors füi Männlichkeit, heterozjgo tisch M m F F, so 
wäre der Faktor für Weibhchkeit in beiden Geschlechtem homozygot. 
Der Faktor für MännUchkeit M könnte im X-Chiomosom seinen Sitz 
haben, während ein anderes Chromosomenpaai (Z) den Faktor für Weib- 
lichk^t F enthielte. Weiter nimmt Goldschmidt eine verschiedene 
Potenz der Faktoren für Weiblichkeit und Männlichkeit an. Der Faktor M 
hat größere Potenz als der Faktor F; er ist epistatisch zu F, aber nicht 
so stark, daß ein M zwei F überwinden könnte, vielmehr sind zwei F 
stärker als ein M, und in diesem Falle bewirken sie die Entstehung des 
weibUchen Geschlechts. So erklärt sich ohne weiteres, daß nach dieser 
Annahme die Formel M M F F männüche und die Formel M m F F 
weibhche Individuen bezeichnet. 

Die GeschlechtSTererbung würde sich dann wie folgt gestalten: 
Männliches Geschlecht Weibliches Geschlecht 



% Mm F F = Weibchen 



MM FF 


X 


Mm FF 


Gameten; MF 


X 


f MF 
\ mF 








50 % M M F F = Männchen 


+ 


50% Ml 


Gameten: MF 


X 


{11 








50 % M M F F = Männchen 


+ 


50% M, 



% M m F F = Weibchen usw. 

Sofern umgekehrt das weibhche Geschlecht homozygotisch, das männ- 
liche aber heterozygotisch wäre, so würde grundsätzlich sich dieselbe 
Schlußfolgerung ziehen lassen. 

Zweifellos bedeuten diese Ergebnisse, deren weitere Klärung künftiger 
Forschung vorbehalten bleiben muß, gegenüber den früheren Hypothesen 
einen großen Fortschritt auf dem Wege wissenschafthcher Klarheit. 
Wie im einzelnen Fall das Geschlecht ausfallen wird, kann der Züchter 
auch noch nicht mit Hilfe solcher Hypothesen bestinunen; die Mög- 
lichkeit hierfür wird vielleicht immer verschlossen bleiben. 



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Fünfter Abschnitt. 

Die Züchtung. 

L Allgemeine Gesichtspunkt«. 

Wie bereits in der Einleitung betont, kann die landwirtschaftliche 
HauBtierzucbt, wie jede andere privatwirtachaftliche Tätigkeit, nur dort 
zur Blüte kommen, wo ihre Rentabilität gesichert erscheint. Das Ge- 
deihen des Zuchtbetriebes ist abhängig von natürlichen und wirtschaft- 
lichen Verhältnissen, insbesondere kommen in Betracht: 

a) Boden und Klima, 

b) BesitzverhältnJsse, 

c) Art des Absatzes, 

d) staatliche Fürsorge. 

Diese Funkte sind die Grundlage jeder Landestierzucht. Unter 
dieser ist die von den Staatsregierungen und den landwirtschaftlichen 
Vertretungskörperschaften überwachte bzw. geleitete und durch Geld- 
mittel unterstützte Tierzüchtung im Lande zu verstehen, weiche die 
Zucht bestimmter, den natürlichen imd wirtschaitUchen Verhältniseen 
angepaßte Rassen anstrebt. 

Seit alters her zeichnen sich die Weidedistrikte am Meeresgestade, 
an den Ufem der großen Flüsse und im Gebirge durch eine gewinn- 
bringende Tierzucht aus. Boden imd Klima sind dem Graawuchs 
günstig, Getreidebau ist teils nicht, teils wegen der klimatischen Ver- 
hältnisse nur in beschränktem Maße möglich, und das Gras muß ein 
Ort und Stelle von den Tieren verzehrt werden, weil seine Trocknung 
zu Heu, oder weil seine Einbnngung in die Aufbewahrungsräume 
schwierig oder undurchführbar ist. Da solche Gegenden auch in der 
Hegel dünn bevölkert sind, und die verschiedenen tierischen und pöanz- 
Uchen Erzeugnisse in der Umgebung ihres Entstehungsortes nicht ver- 
wertet werden können, so ist die Tierzucht hier die rentabelste Wirt- 
schaftsweise und in ihrem materiellen Erfolge um so besser, je mehr 



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I. AUgemeine Oedohtspunkto. 289 

Klima und Boden den Anfoidenmgen dei anapruchsvoUen Eulturrassen 
gerecht, und je hochwertigere Tiere gezogen werden. 

Die Besitzverhältnisse sind ebenfalls von großem, wenn auch mehr 
von indirektem Einänß. Die Produktion eines jungen Tieres ist mit 
der Vereimgung der beiden elterlichen Zeugungsstofle bei weitem nicht 
abgetan, sondern nunmehr verlangen die befruchteten weiblichen Tiere 
eine sorgsame Pflege und Behandlung. Diese wird ihnen erktärUcher- 
weise diixch den Besitzer am ehesten zuteil, und deshalb gedeiht die 
Zucht auch dor( am besten, wo die FamiUenmitglieder mit den tragen- 
den Stuten fahren, oder die Hausfrau die Wartung der Kühe selbst 
besorgt oder wenigstens mit wachsamem Auge beobachtet. In Betneben, 
in denen die Beaufsichtigung und die pflegliche Fürsorge für die Zucht- 
tiere besonderen Personen als Haupt- oder ausschließliche Beschäftigung 
anvertraut ist, gedeiht die Zucht meist ebenfalls, wie das die Gestüte, 
die Schäfereien und die großen Schweinezuchtanstalten beweisen. 

Demnach wird in der Regel der mittlere und bei Bindern und 
Schweinen auch der kleinere Besitzer der hauptsächlichste Trager der 
Tierzucht sein, und der Großgrundbesitz sich mit diesem Zweig nur 
darm erfolgreich beschäftigen können, wenn die Ausdehnung des Be- 
triebes die Haltung besondere geschulter Beamter oder Bediensteter 
gestattet. Während nun aber der mittlere und kleine Besitzer nament- 
hch dann, wenn Staat oder Gemeinde ihm die erforderlichen männ- 
hchen Zuchttiere stellen, meist gut züchtet, geht ihm oft die Möglich- 
keit ab, die erzüchteten Produkte aufzuziehen oder durch die Aufzucht 
zu hochwertigen Verkaulstieren heranzubilden, denn es fehlen ihm ein- 
mal die Weiden, um den Tieren freie Bewegung imd dadurch auch gutes 
Gangwerk zu verschaffen, femer mangelt es nicht selten dem Stalle an 
Platz, Luft und Licht, und endhch kann sich der Wirt mit der Vor- 
bereitung der Tiere für den Verkauf nicht beschäftigen, weil es ihm 
an Verständnis oder an Zeit fehlt. Deshalb ist es für ihn zweckmäßig, 
diejenigen Individuen, die er nicht zum Ersatz der abgängigen eignen 
Zuchttiere braucht, nach der Abgewöhnung von der Mutter zu ver- 
kaufen und Kwar an solche Besitzer, die deren Autzucht in größerem 
Umfang betreiben, wie das z. B. in Ostpreußen mit den zu Bemonte- 
zwecken aufzuziehenden Fohlen und in den Marschen oder in den Ge- 
birgsgegenden mit den von hervorragenden Vatertieren abstammenden 
Kälbern der Fall ist. Auf diese Weise bekouunt der kleinere Besitzer 
eher Geld in die Hände, auch verUert er das Risiko, das ihm die sich 
oft über mehrere Jahre erstreckende Aufzucht des Nachwuchses ver- 
ursacht. 

PuBoh-Uansen, AllKemeine Tierzacht. s, Aafl. 19 



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6. Abaobnitt Die ZUohtnog. 



Was die ÄbsatzverhältniBse anlangt, so ist ein lohuendeT Preis für 
die Zuchtprodukte durchaus nötig, und dieser hängt wieder von der 
allgemeinen Nachfrage ab. Letztere wird durch den Bedarf im Inlande 
und durch den staatlichen Schutz gegen die Konkurrenz aus dem Aus- 
lande geregelt. 

Deutschland importierte im Jahre 1913 noch rund 137 000 Pferde, 
251 000 Binder und 147 000 Schweine; es hat somit noch viel Batun für 
den Absatz seiner eignen Zuchterzeugnisee im Inlande. Der Bedarf in 
letzterem ist daher ein wesentlicher Gradmesser für die Prosperität der 
einzelnen Zuchtzweige, und die Produktion muß sich diesem nationalen 
Bedürfnis anpassen, soweit das wirtschaftlich nutzbringend ist. 

Der Deckung eines solchen Inlandbedarfs genügt z. B. Ostpreußen 
in bezug auf Bemontepferde, und weil der ostpreußische Züchter für 
seine jungen Halbblutpferde in der Mihtärverwaltung einen so sicheren 
Abnehmer hat, deshalb befleißigt er sich dieses Produktionszweiges; der 
Staat kommt ihm dabei durch Bereitstellung geeigneter Hengste zu 
Hilfe. Hörte dieser Absatz auf, was indessen nie der Fall sein wird, 
so würde Ostpreußen voraussichtlich, wie das ja auch schon teilweise 
geschieht, ebensogut ein kaltblütiges Pferd züchten und mit diesem 
die Anforderungen andrer Provinzen befriedigen können, die jetzt 
ihr schweres Pferdematerial zum großen Teile aus dem Auslande be- 
ziehen. 

Jnwieweit die staatbche Fürso^e die Zucht fördern kann, geht 
aus dem sechsten Abschnitt dieses Buches näher hervor. Hier mag 
der Hinweis genagen, daß sich diese erstreckt auf die staatliche Über- 
wachung der öfEenthch deckenden Zuchttiere, auf die Beschaffung guter 
Hengste durch die Unterhaltung von Giestüten, auf die Gewährung von 
Staatsmitteln und auf den gesetzlichen Schutz der heimischen Vieh- 
bestände gegen Tierseuchen. 

IL Die Auewahl der Zuchttiere in BBcksicIit auf Prlrtt- 
nnd Lindeszneht. 

Die soigsame Auswahl der Zuchttiere stellt einen der wichtigsten 
Grundpfeiler dar, auf dem sich das Gebäude und der Erfolg der Zucht 
aufbauen. Die Beurteilung und die Wertbemessung der Zuchttiere muß 
sich aber nach dem Stande und dem Endzweck der Zucht richten, und 
hierbei sind folgende allgemeine Kegeln zu berückBichtigen. 

Fehlerlose Tiere sind seltene Erscheinungen, auch sind die An- 
sichten selbst erfahrener Sachverständiger oft darüber geteilt, was man 



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IL Die ÄnawAlil des ZnohUiei« in Büokaioht axtt Privat- nnd Londeezuoht 291 

im konkreten FaUe als Fehler anzusprechen hat und was nicht. Einzehie 
Mängel können bei Zuchttieren durch gewisse hervonagende Eigen- 
schaften vollständig aufgewogen werden, die Beachtung von Kom- 
pensationen ist deshalb sehr wichtig. 

Gut genährte Tieie sind mageren gegenüber gewöhnlich im Vorteil, 
weil mancher Baufehlei durch Fleisch und Fett verdeckt wird, und 
das runde, glatte, wohlgepflegte Individuum an sich schon einen guten 
Eindruck macht; es ist deshalb auch im allgemeinen viel schwerer, gut 
genährte Tiere richtig zu beurteilen als magere. Dabei ist zu prüfen, 
ob eine volle, bestechende Körperform auf ein Übermaß von Futter 
oder auf eine gute Verwertung normaler Nährstoffmei^en infolge guter 
Nerven und leistungsfähiger Verdauungsorgane zuriickzuführen und die 
Körperfülle durch straffe Muskulatur oder lose Fettpolster hervor- 
gerufen ist. Deshalb empfiehlt auch schon P a 1 1 a d i u s^), man solle 
die Ochsen im März kaufen, ehe sie feist geworden sind, weil dann ein 
Betrug des Verkäufers eher entdeckt werde. 

Der Hochzüchter hat nun einen andern Maßstab anzulegen als der 
Gebrauchszüchter und der Leiter einer genösse nschaftUchen oder Landes- 
zucbt. Der Hochzüchter ist meist auch Privatzüchter und Architekt, 
Baumeister und Bauherr in eigner Person. Er sucht das geeignete 
Matenal aus, paart es, beeinflußt schon durch die Haltung der Mutter- 
tiere die Ausbildung der Jungen im Mutterleibe und kontrolhert deren 
erstes und fortgeschrittenes Entwicklungsstadimn nach der Geburt. Er 
kann daher einer durch den Paarungs- und Veretbungsprozeß ent- 
standenen Verfeinerung der Kaohzucht durch abhärtende Haltung vor- 
beugen und die Neigung zur Grobheit durch entsprechende Fütterung 
bis zu einem gewissen Grade abschwächen. Er ist freier in der Wahl 
und sicherer im Erfolg als derjenige, der Hochzuchten zu leiten hat, 
die genossenschaftlich oder in größeren Distrikten getrieben werden, 
da letzterem sowohl die Zuteilung der Vatertiere, wie der ungehinderte 
und ununterbrochene Einäuü auf die Haltung der tragenden, säugen- 
den und wachsenden Tiere in der Regel aus mancherlei Gründen nicht 
möglich ist. Es fehlt schon oft der günstige Einfluß der Ausgleichung 
durch die Paarung und weiterhin auch die Gleichmäßigkeit bei der 
Aufzucht, so daß der Nachwuchs weniger oft wie aus einem Gusse er- 
scheinen wird ab beim Privatzüchter. 

Beide Persönhchkeiten können aber dennoch nur hochwertiges 
mäimliches Zuchtmaterial gebrauchen und ausnutzen, was in vielen 



») P»llftdiu9RutiIiu8,Dererustica. libr. IV, Kap. II. (400 n. Chr.) 



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292 ^- Abachnltt. Die Züchtung. 

Laadeszucliten, wo es eicli weniger um die Erzeugung von Zucht-, als 
vielmehr um eine solche von Gebrauchatieren handelt, nicht immer 
angängig und namentlich nicht immer lohnend ist. Die Ansprüche an 
die Zuchttiere müssen hier oft sehr bescheidene sein, und wenn man 
dieses Prinzip nicht erfaßt, eo nutzt man der Sache meist zu wenig. 
Die BeBsenmg der Qualität kann hier nur allmählich erfolgen, und mit 
ihr muß die Vervollkommnung in der Haltung der Zuchttiere sowohl 
wie ihrer Nachzucht gleichen Schritt halten. 

Dort, wo junge Landeszuchten einzurichten oder ältere, unter be- 
scheidenen Boden- und Wirtschaftsverhältnissen getriebene zu bessern 
sind, ist die Schwiengkeit in der Regel noch größer, weil hier zwar meist 
die Mittel zur ersten Bescbaßung der männhchen Zuchttiere durch die 
Unterstützung des Staates oder der landwirtschaftlichen Korporationen 
zur Verfügung stehen, die finanzielle Knappheit sich aber dann bei der 
Notwendigkeit des Ersatzes oder der Unterhaltung der Vatertiere ein- 
stellt. Hier können solche Individuen schon von aosgezeiclmetem 
Nutzen sein, die anderwärts die Zucht nicht fördern, sondern sogar 
schädigen würden. Meist muß darauf Bedacht genommen werden, 
daß die Nachzucht einen wirksamen Impuls zum besseren Wachs- 
tum, zur höheren Futterausnutzung und größeren Leistung erhält, 
ohne daß man allzu großen Wert auf die Vervollkommnung und 
Veredlung der Formen zu legen hat. Die robusten, in der Kon- 
stitution festen, wenn auch etwas gröberen, mittelgroßen Vatertiere 
sind dann den edleren, feineren, in der Haltung anspruchsvolleren 
und auch den Übermäßig großen, auf viel Futter angewiesenen vor- 
zuziehen. Der Zuchtleiter muß daher individualisieren und sich nach 
der Decke strecken; ein ruhiges, stetes Vorgehen ist dem sprungweisen 
immer vorzuziehen. 

Wo der Staat durch Landgestüte die Fferdezuchtverhältnisse be- 
einflußt, werden die wertvolleren Hengste dorthin geschickt, wo sich 
das beste Stutenmaterial befindet, imd die Landespferdezucht gedeiht 
auch in denjenigen Gegenden am besten, in denen, wie in Ostpreußen, 
Hannover imd dem Rheinlande, ihre Ziele mit den wirtschaftlichen Er- 
fordemiBsen imd den Absatzverhältnissen im Einklang stehen. Oft 
sind aber gerade dort die Ansprüche am größten, wo man in der Zucht 
am wenigsten leistet. 

Wenn hier eine schlechte Stute ein mangelhaftes Fohlen bringt, 
so hegt der Mißerfolg nach der Ansicht solcher Züchter niemals 
an der ersteren, sondern immer nur an dem angebhch schlechten 



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m. Die BenTteilung der Znohttiei«. 



m. Die Beoiteilnng der Znehttiere. 
1. Die Muitening der Tiere. 

Nachdem man sich genau überlegt hat, was man kaufen will, und 
nachdem man sich im allgemeinen über die Preise unterrichtet und mit 
diesen die Summe verglichen hat, die man anzulegen vermag, schreitet 
man zur Musterung der Tiere, Zuerst besichtigt man sie aui der Weide, 
im Stalle des Besitzers, aui dem Markte oder auf AusBtellungen in der 
Reihe, und zwar soll man hierbei möghchst den ganzen Bestand oder 
die ganze Herde durchsehen, um sich einen Gesamtüberblick über das 
vorhandene Material oder den Stand der Zucht zu verschaffen. Ge- 
schäftskundige Verkäufer halten je nach Umständen bisweilen sowohl 
die schlechtesten wie auch die besten Tiere verboi^n. 

Bei dieser allgemeinen Musterung darf man nicht unbeachtet lassen, 
daß Binder und Pferde in den meisten Händlerställen und auch in vielen 
Ställen solcher Besitzer, die regelmäßig Zuchttiere zum Verkauf stellen, 
insofern vorteilhaft stehen, als sich der Tierstand immer mehrere Zenti- 
meter über der Stallgasae befindet. Dadurch erscheinen die Individuen 
größer, als sie sind, und das gleiche ist der Fall, wenn sie auch nur vom 
hoch stehen, wie das auf vielen Musterungsplätzen und Märkten üblich 
ist. Femer ist zu beachten, daß Tiere im hohen Stalle kleiner und im 
niedrigen größer aussehen. Das letztere ist auch auf der baumlosen 
Weide der Fall, während sie anderseits an Ansehen verlieren, wenn 
man sie in der Nähe hober, engstehender Gebäude mustert. Desgleichen 
täuscht man sich, wenn man schwere Tiere nach leichten — Kaltblüter 
nach edlen Pferden oder Sborthomrinder nach Anglern — beurteilt, 
wobei man dann die ersteren meist in bezug auf Stärke und Schwere 
überschätzt. Vor derartigen Irrtümern schützen ja der Meßstock, das 
Meßband und die Wage, aber die beiden ersteren bat man nicht 
immer zur Hand, und die Wage wird namenthch seitens der Händler 
geradezu ängstlich vermieden, wo es sich um den Verkauf von Zucht- 
oder Nutzvieh, mit Ausnahme der Zugochsen, handelt. 

Hat man sich nun für das eine oder andre Tier entschieden, so 
läßt man es herausnehmen und auf möglichst ebenem Boden so hin- 
stellen, daß man es von allen Seiten betrachten kann. Dabei prüft 
man zueist die Baesenzeichen, sofern es sich um Tiere bestimmter Bässen 
handelt, und dann für den Fall des Vorhandenseins den Abstammungs- 
nachweis, indem man die Angaben auf dem Zuchtbuch- oder Herdbuch- 
auszug mit Farbe, Abzeichen, Ohmununer, Brandzeichen visw. des Tieres 
vergleicht. Weiterhin sucht man aus der BeschaSenheit des Auges, 



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294 B- AbBchnitt. Die Zttchtan^ 

der Haut, des Hoinß, aus dem Ohrenapiel, der Atmiuig, der Haltung 
und Stellung and aus dem ganzen Benehmen ScMüsae auf Oesundkeit, 
Widerstandskraft (Konstitution), Leistung, Temperament und Adel zu 
ziehen und beurteilt dabei das Alter, den Körperbau im allgemeinen, 
die Glieder, das Gangwerk und nicht zum mindesten Euter und Ge- 
schlechtsorgane. Ist man in der Lage, sichere Aufschlüsse über die 
Abstammung zu erhalten oder die Xachzucht zu sehen, so ist dai um 
so besser. 

Der Hochzüchter wird nur solche Tiere erwerben, deren Abstam- 
mung einwandfrei nachgewiesen ist, und die ihm deshalb eine gewisse 
Gewähr für ihre erfolgreiche Benutzung in der Zucht bieten; er wird 
das Tier also in erster Linie nach dessen Abstammung beurteilen. 

Daß man gewöhnlich auf die Bewertung der männlichen Tiere eine 
größere Sorgfalt verwendet, M&g^ nicht in dem Umstände, daß sie einen 
stärkeren Anteil ihrer Eigenschaften auf die Nachkommen übertragen 
als die weiblichen, sondern daß sie letzteren gegenüber eine größere 
Anzahl von Produkten erzeugen und somit auch eine viel größere 
Bedeutung für die Zucht besitzen. Daraus erklärt sich auch ihr im 
allgemeinen viel höherer Preis. 

2. Manungm und wacungm. 

a) MesBnngen. 

Schon seit langer Zeit ist man bestrebt gewesen, für die Beurteilung 
der Haustierformen eine bestimmte wissenschaftliche Basis zu schaffen. 
Von der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab hat R o 1 o f f in Anlehnung 
an die Arbeiten Z e i s i n g s den goldenen Schnitt und Settegaet 
seine Proportionslehre als Grundlage für eine wissenschaftliche Wert- 
bemessung der Größe der einzelnen Körperteile in ihrem Verhältnis zu- 
einander und zum Geaamtkörper aufgesteUt, doch haben sich beide 
Methoden keinen Eingang in die Praxis verschafft, weil die Lehre von 
der Harmonie im Bau in ihrer Anwendung für den Praktiker zu um- 
ständlich und in ihren Eigebnissen für die Beurteilung der Brauchbar- 
keit eines Tieres meist ohne Bedeutung ist. 

Anders liegt es mit den absoluten Maßen. Diese geben bestimmte 
Anhaltspunkte, korrigieren die auf Schätzung beruhenden und deshalb 
oftmals falschen Schlüsse und legen das Beurteilungsergebnis in be- 
stimmten Zahlen fest, wodurch es auch eine für die Nachwelt wertvolle 
Bedeutung erhält. Denn wenn man aus der Literatur erfährt, in dem 
oder jenem Lande waren die Pferde früher groß oder klein, schmal oder 



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nL Di« Beortoilung der Zuchttiere, 



295 



breit, so kann man sich von der Giöße oder Breite doch noch kein 
richtiges Bild machen, weil man nicht weiß, welchen Maßstab der 
Berichteistatter seiner Beurteilung zugrunde gelegt hat. 

Zunächst b^ann man damit, Pferde zu messen, und zwar handelte 
es sich dabei nur um die Feststellung der Widerristhöhe, die mit dem 



Fig. IM. Fig. l»i. 

PterdemeBatoell zam MeiBen der 
WiderrlsthShe. (Hinptner-Berlln.) 



i» 



Fig. 181. VerbesBerter L y d t i d- 
acber UeBatock. ElnppenkTtne darcb 
Federn featstellbar. (BsapCnei-BsrliD.) 



Bandmaß und später mit dem Stockmaß (Fig. 130 u. 131) abgenommen 
wurde, weil dieses in seinem Ergebnis sicherer und von dem Ernährungs- 
zustände unabhängig ist. Die Unterschiede beider Maße betragen je 
nach dem letzteren bei Herden 4 — 12 und bei Rindern sogar bis zu 15 
und noch mehr Zentimeter. Das Stockmaß ermöglicht nur die Abnahme 
der Höhenmaße, wodurch Abweichungen in dem normalen Verhalten 
der Bückenhnie ermittelt werden können, während die Breiten- und 
Tiefeumaße des Rumpfes mit ihm nicht festzustellen sind. Deshalb 



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5. Abactmitt. Die Züchtung. 



mußte man zu diesem Zwecke andre Instrumente und zwar Meßstöcke 
mit zwei Balkenausiagen herstellen, die von Ä. Krämer- Zürich^) 
und L y d t i n - Karlsruhe^) geschafien und in die Praxis eingeführt 
worden sind (Fig. 132). 

Namentlich hat L y d t i n den Meßstock in der badischen liandes- 
rtnderzucht auf Grund staatlicher Verordnung allgemein in Anwendung 
gebracht und mit ihm in Anlehnung an andre behördliche Maßnahmen 
in der ersteren große Erfolge erzielt, die Veranlaasung geworden sind, 
die Messungen auch anderwärts einzuführen. 

Bei dem L y d t i n sehen Verfahren handelt es sich um die Fest- 
stellung der Höhe (Größe) und Länge des Tieres, der ebenen Beschaffen- 
heit des Rückens, der Breite und Tiefe der Brust und der Breite des 
Beckens, also um die Ermittlung der Regelmäßigkeit des Wuchses und 
der körperlichen Entwicklung. Der Meßstock dient nur der Beurteilung 
des Körperbaus, während Rasseneigenschaften, Adel, Gesundheit und 
Nutzungszeichen nach wie vor d^r Prüfung durch das Auge vorbehalten 
bleiben, und der Brustumfang und auch die Stärke des Vordermittel- 
fußes (Röhrbein, Schiene), auf die in der Pferdeiucht in neuerer Zeit 
ein großes Gewicht gelegt wird, mit dem Bandmaß abgenommen werden 
müssen. 

Dem Meßstock wird vorgeworfen, daß er ungenaue Resultate hefere, 
weil die Anlegepunkte für die Gabeln nicht immer genau zu bestimmen 
und die fleischigen Tiere den mageren gegenüber im Vorteil sind. Wenn- 
gleich man diesen Einwänden in gewisser Beziehung recht geben muß, 
so ist doch anderseits zu betonen, daß die Handhabung des Meßstocks 
eine gewisse Übung verlangt, und der Geübte sehr bald herausöndet, 
wo er die Gabel am besten anlegt, so daß die Fehlerquelle auf ein 
Minimum herabgemindert werden kann. Weiterhin liegen ja aber auch 
ähnhche Verhältnisse bei der Benutzung des Meßbandes vor, und 
doch wird schon seit vielen Jahrzehnten der Brustumfang bei der 
Aushebung der Rekruten und neuerdings auch der Röhrbeinumfang 
bei Zuchtpferden gemessen, obgleich beide Maße durch das Vor- 
handensein oder Fehlen von Fett imd durch die Stärke der Haut mit 
beeinflußt werden. 

Schwerwiegender ist der Vorwurf, daß die Benutzung des Meß- 
stockes zu einer ungerechtfertigten Berücksichtigung der Formen und 
demgegenüber zu einer Vernachlässigung der Leistungen führen kann. 

') A. Krämer, Das achönate Rind. Parey, Berlin 18M. S.21. 
') L y d t i n. Verbessertes Verfahren zur Beurteilung von Zucht-, Nutz- und 
Preistieren. Karlsruhe 1880. 



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IIL Die Beurtdluiig der Zuchttiere. 



Hier liegt tataächlich eine gewisse Gefahr vor. Der Ueßstock darf, wie 
die Form des Tieres an sieb, nur Mittel zum Zweck, nicht den Zweck 
selbst darstellen. 

b) WaguDgen. 

Das Gewicht der Tiere wird entweder durch die Wage oder durch 
die s(^. Gewichtemeseungen oder endlich durch die freie Schätzung mit 
dem Auge, wie sie die Fleischer auf dem Lande noch häufig vornehmen, 
festgestellt. 

Die Gewichtemessungen, die von P r e ß 1 e r*) bereits im Jahre 
1854 begründet imd von Klüver-Strauc h*), M a t i e v i c*), 
C r e V a t'), Kjelleström, Schlager-Bertram und F r o h- 
w e i n*) abgeändert woiden sind, beruhen darauf, daß der ßumpf des 
Tieres mit einer Walze vei^lichen, und das Lebendgewicht aua Umfang 
und Länge derselben nach gewissen ausprobierten Methoden berechnet 
wird. Wenn nun auch nicht verkannt werden soll, daß die Gewichts- 
mesBUngen im einzelnen Falle und besonders bei jimgen Tieren ziemlich 
zuverlässige Resultate liefern, und mancher sich bald eine gewisse Ubimg 
und Sicherheit im Messen selbst verschaffen kann, so wird die Gewichts- 
messung doch der Gewichtsermittlung durch die Viehwage immer nach- 
stehen müssen. Nicht unbedenkUch ist das Meßband aber in der Hand 
derjenigen, die nicht in der Lage sind, das Meße^ebnis durch die Wage 
nachzuprüfen, und die dann nicht wissen, ob sie sich irren oder nicht. 

Wägungen haben verschiedene Vorzüge: 

Sie ermöghchen eine richtige Wertabschätztmg, namenthch der 
Nutztiere bam Ein- und Verkauf, 

sie gestatten eine klare Vorstellung von der Schwere und der Ent- 
wicklung der einzelnen Schläge und Tiere, 

sie gewähren, in regelmäßigen Abschnitten ausgeführt, einen Uber- 
bhck über die Wachstumsverhältnisse des Jimgviehs und über das 
Futterverwertungsvermögen der Nutztiere und sind somit bequeme und 
rächere LeistungsprUfungen. 

Aus diesem Grunde sollte die Viebwage in keiner Wirtschaft fehlen, 
bei vorherrschendem Kleinbesitz auf genossenschaftlichem Wege be- 
schafft werden und mindestens in jedem Dorfe in einem Exemplar 
vorhanden sein. 

») Preßler. Nene ViehmeOkunat. 3. Aufl. Leipzig 1886. 

>) Bei Hauptner, Berlin. 

*} Journal de UM. vät. etc. Lyon 1893. 

') Die Binderwage in der Tasche. Leipzig. 



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208 S- Abaehmtt Die ZOchtnng. 

3. Angaben von MaBen und Qmrichtm für dis sinnlnen TiMgattunKui. 

Im nachstehenden folgen einige Angaben von Maßen und Ge- 
wichten, die den Arbeiten von S. v. Nathusius, Lydtin- 
Wemer, Junghanns u. a. entnonunen sind. 

a) Pferde 

(nach S. v. Nathuflin a)'). 



'lll 



Eng^hea Vollblut 
OstfrenBen . . . 
Hannoveraner . . 
Oldenburger . . . 
Belgier .... 



Pferde erreichen Gewichte von über 1000 kg bei einer Bandmaß- 
böhe von über 200 cm. So maß und wog ein Rotscbimmelwallach, 
der auf der Dresdener Pferdeausstellung in einer Schaubude gezeigt 
wurde, 206 cm (Bandmaß) und angeblich 1100 kg. Das Tier hatte 
den Typus des Amerikaners und sollte von einem Mecklenburger 
(Oldenburger?) Hengste und einer Clydesdaleatute abstammen. Nach 
S. V. Nathusius hatten je ein Belgier und ein Clydesdale unter 
den Landbeschälern ein Höchstgewicht von 960 kg. Das Pferd in 
Fig. 133, ein sehr fetter Wallach, dem Aussehen nach ein Amerikaner, 
wog 918 kg. 

Das Geburtsgewicht edler Fohlen (Trakehner) schwankt nach 
M i c k 1 e y*} zwischen 37 — 66 kg (durchschnittlich 51,4 kg). Im 

') S. y. Nathusius, Meaanngen von Hengsten, Stuten und Gebrauchs- 
pfeiden. Berlin 1906. Vgl. auch 8. v. N a t h n a i u a, Die Henget« der Kgl. PreuB. 
Landgeatüte, 1899, und Messungen von Zucht- und Soldatenpferden, 19II. Arbeiten 
der D. L. G. Heft 112, 43 u. 206. 

') Archiv für wiaaenBchaftl. und praktische Xierheilkunde 1894. S. 320. 



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in. Die Bearteilang der Zuchttiere. 299 

Gestüt Lilieuthai^) wogen englische Vollblut-, Traber- und andre 
Fohlen edler Abstammung duichschnittlich 50,1 kg und Fohlen ans 
Kreuzungen zwischen Finzgauerstuten und belgischen Hengsten im 



Flg. ua. Br&nner Wkllach UDbekannter Uerkanft, 11 Jubre alt, BIS kg Hcbvcr. WldarrlBthahe 

BiDdmne IW cm (Stockm&B IBS cm), Rampnunge IW cm, Braattiefe SO um. BrustumfanB 136 cm, 

Oberscbenkelgeleokbrelte B! cm. ROhrbsinumrane ll cm. 

Gestüt Brandlhof im Pinzgau*) 59,4 kg. Das Gewicht guter Fohlen 
belgischer Rasse ist auf 60 kg zu bemessen'). 

b) Binder. 

Die von L y d t i n und Werner*) herrührenden Maße betiefien 
ausgewachsene Tiere beeter Zuchten in guter Kondition und sind dem- 
nach als Durchachnittshüchstleistungen zu betrachten. 

') Zeitachrift für deutsche Pferdezucht 1006. S. 230. 

>) Desgl. 1906. 8. 245. 

*) Johnen, Rheinische Pferdezucht. Kempen 1902. S. 67 und eigne 
Beobachtungen. 

*)Lydtin u. Werner, Das deutsche Rind. Beschreibung der in 
Deutschland heimischen EJndcrschl^. Arbeiten der D. L. G. Heft 41. Berlin 
IS99. Die Gewichte entstammen der „Anleitung zum Züchten von Rindern". 
D. L. G. 190a 



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5. Absshoitt. Die Züchtung. 



Rumpf- 
länge 



Brust- 
umfang 



Gewicht 
kg 



GroBea Fleckvieh . 

oberbidlache Zgrliten) 


'' BuUe 
,1 Kuh 


145; 151,5 
142 i 140.S 


180.5; 183 
169,5; 167,5 


223.5; 235 
212.5; 209 


900—1200 
600—800 


Gelbes Fronkenvieh 


(|| BuUe 
\'\ Kuh 


143 
136 


169 
165 


220,5 
204 


750—1650 
500—750 


Allgäuer 

lB.yrijChe und nart- 
tembetgliBliaZHthtoii) 


( 1 Bulle 
Kuh 


137; 138,5 
132,5; 133.5 


167; 164 
159; 160 


214; 210 
202; 195 


600-900 
550—660 


Vogtländer 


/ Bulle 
Kuh 


131,6 
121 


154 
144.5 


201 
177 


650—760 
350—600 


Pinzgauer 


( ' BuUe 
Kuh 


135,5 


176 
ISS 


220 


000 
650 


HinterwÄlder . . . 


(iBuUe 
Kuh 


123,5 
116,5 


147,5 
141.5 


189 
171.5 


500—600 
350—480 




Tic 


fUndBch 


ägo 






Schwarzbunte Out- 
friesen 


Bulle 

Kuh 


146.5 
135.5 


182 
164.5 


223,5 
195,5 


880-950 
600—800 


Jevcrländur .... 


( BuUe 
Kuh 


1*4.5 
135.5 


183 
163,5 


229 
191,5 


930—1000 
450—750 


Ost- u. «estpreußi- 
8:;he Holländer 


( Bulle 
Kuh 


146 
135,5 


175 


226 
201 


800-1000 
500—730 


OidenburgerWeser- 

marach 


1 Bulle 
( Kuh 


141 
134.5 


188 
174.5 


225 

205,5 


800—1000 

550—800 


Rotbunt, niederrh. 


/i Bulle 

II Kuh 


139,5'} 
133,5 


177.5 
163 


229,5 
201 


900—1074 
500—730 


Rotbunt. hoUtein. 
MarechBchkg 


"Bulle 

11 Kuh 


144 
135,5 


190 
167 


227 
202 


850—1122 

545-776 


Angler 


(11 Bulle 
" Kuh 

r 


124 


1.58 
157 


189 
178,5 


675—770 
360—650 



*) L y d t i n. Die körperliche Entwicklung der dcutH^hen Rinder. D. L. 0. 
Berlin 1904. S. 62 u. 63. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 



£b schwankt demnach: 

die Widerristhöhe zwischen 123,5 cm (Bulle) und 116,5 cm (Kuh) — 
Hinterwälder-, imd zwischen 151,5 cm (B.) und 142 cm (K.) — 
Großes Fleckvieh; 

die Rumpflänge zwischen 147,5 cm (B.) und 141,5 cm (K.) — Hinter- 
wälder-, und zwischen 188 cm (B.) und 174,5 (K.) — Weser- 
marschschlag; 

der Brustumfang zwischen 189 cm (B.) und 171,5 cm (K.) — Hinter- 
wälder-, und zwischen 235 cm (B.) und 209 cm (K.) — Großes 
Fleckvieh ; 

das Gewicht zwischen 500—600 kg (B.) und 350-480 kg (K.) — Hinter- 
irälder-, und zwischen 900—1200 kg (B.) und 600—800 kg (K.) 
— Großes Fleckvieh. 

Als normale Höchstgewichte darf man bei Bullen 1200 kg, bei 
Ochsen 1100 kg und bei Kühen 900 kg annehmen. B^ pathologischem 
Riesenwuchs können Gewicht und Höhe erheblich größer sein, wie ein 
Ochse Pinzgauer imd Simmentaler Kreuzung beweist, der im Jahre 
1904 auf der Berliner Mastviehausstellung in einer Schaubude gezeigt 
wurde. Das Tier besaß eine Stockmaßhöhe von 176 cm und soll 
früher bei gutem Nahtzustande ein Gewicht von 1740 kg gehabt 
haben, eine Angabe, die indessen einer einwandfreien Bestätigung 
entbehrte. 

Das Gewicht neugeborener Kälber betrat je nach der Rasse 20 
bis 55 kg, von Kühen der größeren Schläge etwa 40 kg und 6—7 % 
des Lebendgewichts der Mutter, 80 im Rassenstall der Tierärzt- 
Uchen Hochschule in Dresden geborene Kälber der verschiedenen 
deutschen Rassen und Kreuzungen hatten ein Durchschnitt^ewicht 
von 43 kg. 

Bei den Leistungsprüfungen mit 12 verschiedenen Binderschlägen in 
Bonn-Poppelsdorf schwankten die Kälbergewichte im Durchschnitt der 
Schläge von 27,0 kg (Westerwälder) bis 47,2 kg (Schwyzer) oder von 
6,9—8,5 % des Gewichts der Mutter^). 



>) Hansen, Zweiter Bericht vom Dikopehof. (Landw. Jahrbücher Bd. 40, 
ErgÜDEiiQgs-Bd. I.) Beriin 1911. 5.205. 



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S02 



5. AbMhDitt Die Züchtung. 



c) Schafe. 
Durchfichnittagewichte^) älterer Scliafe in guter Kondition. (Die 
Angaben können nur als ganz allgemeine Anhaltspunkte dienen, da 
die Qewichte wesentlich von dem Haltungszuetande abhängen.) 



Bocke 


Hntterachafe 


Mittel- 
gewicht 


Höchst- 
gewicht 
kg 


Mittel- 
gewicht 


Höchst- 
gewicht 


55 


65 


35 


48 


65 


75 


45 


50 


90 


125 


65 


SO 


90 


110 


58 


»0 


75 


100 


50 


70 


SO 


140 


70 


85 


US 
100 
95 
60 
120 


170 
180 
130 
105 
175 


80 
70 
6« 
50 
00 


138 
120 
107 
65 
145 


1 50 
80 


.. 


35 

70 


98 



la. Schafe mit hochfeiner kurxer 
Tuchwolle (Elektoral-Negrettis) . 

Ib. Schafe mit hochfeiaer bis ein- 

BchlieBlich mittelfeiaer Tuchwollc 

2. Schafe mit StoffwoUe (grofie 

Form) 

3a. Schafe mit Kammwolle (ganz: 
oder fast reine RambouiUeta) 

3b. Sohafe mit Kammwolle (kleinere 
Form, das frühere sog. deutsche 
Kammwollachaf, hauptBüchlich 
Negrettiblut enthaltend) . . . 
4. Herino-FleischBchafe (Bchmer- 
Bche Züchtung) 

Englische Fleischschafe: 

6. Oxfordshiredowns 

6. Hampshiredowoa 

7. ShropehiredowHH 

8. Southdowna 

fl. Cotowolds 

Landschafe.- 

10. Heidachnucken 

11. Oatfriesische Milchschafe . . . 



Das Geburtsgewicht der Lämmer beträgt bei nur einem Lamme 3'/, — 5'/« kg 
oder 6 — 7 % vom Gewicht der Mutter. Die Zwillings- oder DrilUngslämmer der 
osttriBBiBchen blilchschafe wiegen pro Stück 3'/«— S'/t kg, und ihr Gesamtgeiricht 
beträgt bis zu 15 % vom Gewicht der Mutter. 



') Nach Angaben aus Zuchtbetrieben, 



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in. IKe Beartoilnng der ZnohttJNe. 



d) Schweine. 
a) Durcfaschnittemaße von Tieien in AuBBtellimgskondition^). 





AlUMBtvIe 

und 
GMcblecht 


Weiße 

Edel- 

Bchweine 


Berk- 
shiree 


Veredelt« 

Land- 
Schweine 


Unveredelte 
Land- 






cm 


cm 


cm 


ern 


WiderriBthShe . ' 


Alte Eber 
Alte Sauen 


86 

m 


77.6 
76,6 


00 
88 


00 
84,5 


Kieuzhohe . . [ 


Alte Eber 
Alte Sauen 


88,6 
86 


80.6 
78,6 


02 
81 


99,6 
91.5 


Bnwtbreite . . 1 


Alte Eber 
Alte Saaen 


47,6 
44 


43,6 
42 


46 
42.6 


41,6 
35,5 




Alt« Eber 
Alt« Sauen 


43 
40,5 


38.6 
39 


41 
40 


34,6 
32,5 


Brurttiefe . . i 


Alt« Eber 
Alte Sauen 


66,6 

6ajr 


60 
61 


66 

57 


61 

49,5 


Rnmpfl«^ . . / 


Alte Eber 
Alte Sauen 


127,6 
119,5 


11»,5 
114 


128 
123,5 


123,8 
113 


Kopflänge . } 


Alt« Eber 


26 


26 


29 


36,5 


Alte Sauen 


26 


24,6 


26,6 


34 



ß) Dtitchschnittsgewichte von Tieren in guter Zuchtkondition*) 

(Allgemeine Anhaltepunkte.) 





' Weiße 
.Edelachweine 


Veredelte 
Landschwetne 


Berkshirea 




iK 


kg 


kg 


Eber, 1 Jahr alt 


1 125 


116—160 


136 


Eber, 2 .Tahre alt 


1, 210 


180—216 


200 


Sauen, 1 Jahr alt, nicht tragend. 


120 


115—130 


110 


Sauen, 1 Jahr alt, tragend . . 


140 


135—150 


125 


Sauen, 2 Jahre alt. nicht tragend 


IM 


175—190 


140 


Sauen, 2 Jahre alt, tragend . . 


180 


185—210 


160 



Das Gebortflgewicht der einzelnen Eerkel beträgt 1 — 1'/, kg. und das Ge- 
vrioht des ganzen Wurfes 6 — 8 % vom Gewicht der Mutter. Das Gewicht der 



*) Ana HoBBch. Die Schweinezaoht. Bd. I. Hannover 1011 nach Uee- 
en von Jnnghanns, Jahrbücher der D. L, G. 

*) Nach Angaben der Hen«n Geheimrat Steiger- Kl. -Bautzen, Dr. K i r- 
i n - Berlin und Gutsbesitzer Herrmann- Zehren bei MeiBen. 



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304 ^- AbBchnitt. Die Züchtang. 

Ferkel schwankte bei zwei im Veisuchsstoll des physiologischen Instituts der 
Tierärztlichen HochschiUe zu Dresden erhaltenen Würfen zwischen 810 und 1230 g 
und 710 und 1500 g. Diu Höchstgewicht der Schweine geht bis 600 kg'). 



e) Ziegen 


(Ältere Tiere)'). 




Basse Geschlecht 


Widerristhöbe 


Gewicht 
kg 


Weiße hornlose Ziegen (Saanen) . | 


Böcke 
Ziegen 


90—100 
74-81 


70-90 
ao— 70 


Bunte hornlose Ziegen . . . . { 


Böcke 
Ziegen 


78— M 
70—80 


60-80 
«—70 



Das Geburtsgewicht der einzelnen Zickel beträgt 3 — 1'/, kg und somit das 
Gewicht des ganzen Wurfes bei Ziegen, die 2 — 3 Junge bringen, 10 — 17 % des 
Muttergewichts, wie Wägm^n iin Rassestall der Tierärztlichen Hochschule zu 
Dresden ergeben haben. 

4. Dm Schlachtgewicht 

Unter Schlachtgewicht versteht man: 

a) beim ßinde, Kalbe und Schafe das Gewicht der 4 Viertel 
nach dem Erkalten. Es kommen demnach vom Lebend- 
gewicht in Abzug: Blut, Haut, Eingeweide (mit Ausnahme 
der Meren, aber einschließlich der äußeren und inneren 
Gescfalechtaorgane und des Euters), Kopf und UnterfüBe; 
der Kopf wird im Kopfgelenk, die Unterfüße werden im 
Vorderfuß Wurzel- und Sprunggelenk entfernt; 

b) beim Schweine das Gewicht des ausgebluteten, ausgeweideten 
Tieres. Kopf, Unterfüße, Nieren, Schmer werden mitgewogen, 
nicht dagegen die Zunge. 

Nach H e n g s t*), der während der Jahre 1893 — 1902 auf dem 
Schlachthof zu Leipzig viele Tausende von Wägungen berechnet hat, 
betrug das Schlachtgewicht durchschnittlich vom Lebendgewicht bei 

Bullen 56,48% 

Ochsen 53,83 „ 

Kühen 49,68 „ 

') H e r t e r und Wilsdorf, Die Bedeutung des Schweines für die Fleisch- 
Versorgung. Arbeiten der D. L. G. Heft 270, BerUn 1914. S. 28. 

*) Äugst, Jahrbücher der D. L. G. und eigne Alessungen und Wägungen. 
*) Briefliche Mitteilungen. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 305. 

Färsen 54,17% 

KSlbem 63,25 „ 

Schafen 54,33 „ 

Schweinen .... 83,77 „ 
Als HöchstBchlachtge wicht darf man bei Bullen, Ochsen und Färsen 
70 % und bei Kälbern 73 % annehmen. 

Die nicht zum Schlachtgewicht gehörigen Teile hatten im Winter 
1910/11 in Dresden einen Wert von^): 

a) bei Ochsen im Gewicht von 800 kg etwa 95 — 115 Mark, davon 
die Haut 50 — 55 Mark, 

b) bei Bullen im Gewicht von 800 kg etwa 83 — 107 Mark, davon 
die Hant 50—65 Mark, 

c) bei Kühen im Gewicht von 600 kg etwa 68 — 83 Mark, davon 
die Haut 27—33 Mark, 

d) bei Kälbern im Gewicht von 70 kg etwa 13 — 15 Mark, davon 
die Haut 6—7 Mark, 

e) bei Schafen im Gewicht von 60 kg etwa 5 — 8 Mark, davon 
die Haut 4 — 6 Mark, 

f) bei Schweinen im Gewicht von 125 kg etwa 6 — 8 Mark, 

Der Verkauf seitens des Mästers erfolgt gewöhnlich nach Lebend- 
gewicht. Hierbei werden die Tiere in der Regel futterleer, d. i. früh 
nüchtern gewogen, wodurch Mastrinder etwa 3 — 5 % von ihrem Ge- 
wicht einbüßen*). Auf dem Transport erleiden sie dann nicht unerheb- 
liche weitere Gewichtsverluste, deren Höhe von der Art und der Dauer 
des Transports, der Jahreszeit, dem Älter der Tiere, dem Mastzustande 
und von individuellen Verhältnissen abhängt. Beim Binde kann man 
den Gewichtsverlust nach einem "248tündigen Transport auf 4 — 5 und 
nach einem 368tündigen auf 5 — 7 % und beim Schweine auf 5 — 6 bzw. 
6 — 8 % des Lebendgewichts bemessen. Kälber erleiden die geringsten 
Verlustprozente ' ). 

5. Die BeurtellunE dei Zuchtwerti. 

Bei Zuchttieren ist in erster Linie auf die Abstammung Wert au 
legen, dann hat bei ihnen als weiteres Erfordernis das Vorhandensein 

^) Mitteilung des Herrn 8chlachthofdirektora Angermann- Drc^sdcn. 

') P u 8 h, Beurteilung des Rindes. Berlin 1910. S. 333. 

') Herter und Wilsdorf, Gewichtsverluste der Mastrinder. Arbeiten 
derD. L. G. Heft 182. S. 40. Berlin 1911, und Die Bedeutung des Schweines für 
die FleischveraoTgung, Heft 270. 1914. S. 4a 

Pusch-H»nsen, Alleemeine Tierzucht, s, Aufl. 20 



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306 S- Abschnitt. Die ZUchtung. 

von Gesundheit und Widerstandsfähigkeit zu gelten, Eigenschaften, die 
im züchterischen Sinne durch den Begriff der Konstitution gedeckt 
werden (S. 129). Ferner müssen Zuchttiere im Rahmen ihres Rassen- 
charakters und ihrem Alter entsprechend körperlich gut entwickelt sein, 
gesunde Geschlechtsorgane besitzen und dürfen, was bei weiblichen 
Individuen besonders in die Wagschale fällt, nicht die Anzeichen der 
Unfruchtbarkeit an sich tragen, die dem scharfen Auge eines erfahrenen 
Züchters nicht entgehen. Die Deckfähigkeit männlicher Tiere muß 
entweder geprüft oder seitens des Verkäufers für eine bestimmte Zeit 
gewährleistet werden. Krankhafte Zustände des Euters, mc^en sie 
nun die Milchmenge oder die Milchbeschaffenheit betreffen, machen 
weibliche Tiere oft für die Dauer zur Zucht wertlos, desgleichen Un- 
tugenden, die das Säugen erschweren. Mütter, die schwächliche Nach- 
kommen bringen oder wenig Milch haben, sind zu beseitigen, und hoch- 
beinige, schmale, blutarme, seh werf uttrige, besonders aber lungen- 
kranke Individuen zu meiden. Krankheiten, Fehler, Gebrechen uTid 
Untugenden, von denen befürchtet werden muß, daß sie sich direkt 
oder in der Anlage vererben, müssen dann zum Ausschluß von Zucht- 
tieren führen, wenn durch deren Übertragung eine Entwertung der 
Nachzucht eintritt. Welche Mängel und Gebrechen als erbliche anzu- 
sehen sind, ist auf S. 269 näher erörtert. 

Zuchttiere müssen einen ausgesprochenen Geschlechtscharakter be- 
sitzen (S. 146 imd Fig. 92 — 99), weil männliche Individuen mit weib- 
lichem Typus oft in bezug auf Vererbungskraft und Widerstandsfähig- 
keit, und weibliche Tiere mit männlichem Typus in Rücksicht auf Milch- 
ergiebigkeit und Fruchtbarkeit zu wünschen übrig lassen. 

Ein weiterer Gradmesser bei der Beurteilung des Zuchtwerts der 
Tiere ist die Beschaffenheit von Haut und Haar. Das Verhalten der 
Haut ist von der Gesundheit und der Ernährung, dann aber auch 
von dem Geschlecht, dem Alter und der Rasse der Tiere abhängig. Bei 
gesunden und gutgenährten Tieren ist die Haut etwas fettig anzu- 
fühlen und weich, elastisch, quellig und leicht faltbar, bei schlecht- 
genährten oder kranken dagegen trocken, hart und derb. Männliche 
Tiere haben eine stärkere Haut als weibliche, und bei jungen Tieren ist 
sie wiederum schwächer als bei alten. Weiterhin ist die Hautdecke der 
kaltblütigen Pferde stärker als diejenige der warmblütigen, was bei 
letzteren an dem Hervortreten der „Adern" ( Unterhaut venen), der Ge- 
sichtsnerven und der klaren Zeichnung der Beugesehnen ersichtlich ist. 

Einer besonderen Prüfung unterUegt die Haut des Rindes, bei dem 
man aus der Beschaffenheit derselben die Nutzungsfähigkeit beurteilt. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 307 

Bei den spätreifen Ärbeitsiassen ist die Haut dick und fest anliegend, 
also schwer faltbar, weil wenig Unterhautbindegewebe vorhanden ist. 
•Solche Tiere sind zur Milchnutzung meist nur wenig geeignet, sie liefern 
aber, wenn sie gut ausgemästet und nicht zu alt sind, ein schmackhaftes 
Fleisch. Die Vertreter der frühreifen Mastiasseu haben eine mittel- 
starke, aber dabei weiche und lockere Haut, und bei den Tieren der 
Milchrassen ist sie zwar meist dünn, glänzend, aber oftmals auch, und 
zwar dann, wenn die Kühe sehr viel Milch geben und die in dem Futter 
gereichten Nährstoffe in erster Linie zu Milchbestandteilen verarbeiten, 
trocken und klebend, so daß man sich in solchen Fällen in der Bewertung 
der Kühe irren, während man anderseits Kühe mit weicher und dabei 
verhältnismäßig dünner Haut für milchei^ebig halten kann, obgleich 
sie diese Eigenschaft nur in geringem Maße besitzen, dagegen aber sehr 
mastfähig sind. 

Wird die Feinheit der Haut übermäßig gesteigert, so entstehen 
überbildete, in ihrer normalen Widerstandskraft geschwächte Tiere, 
deren Verwendung zur Zucht bedenklich werden kann. 

In ähnlicher Weise wie die Haut ist auch das Haar von Rasse, 
Geschlecht, Haltung und Fütterung abhängig, daneben sind aber auch 
noch die klimatischen Verhältnisse von Einfluß. 

Bei den kaltblütigen Pferden ist das Haar dichter und stärker als 
bei den edleren Schlägen {Fig. 69 u, 56), das gleiche ist der Fall bei 
männlichen Tieren gegenüber weibüchen (Fig. 138 u. 139). Kranke, 
schlecht genährte, rauh gehaltene Tiere (Fig. 57) haben ein langes, 
glanzloses, hartes, oft geradezu drahtiges, struppiges Haar. Verbindet 
sich rauhe Haltung mit reichlicher Fütterung, so ist das Haar zwar 
glanzlos und lang, aber weich und oftmals wellig, während Tiere, die 
bei gutem Futter im wannen Stalle stehen und bei rauhem Wetter 
im Freien soi^sam zugedeckt werden, sich durch eine kurze, glänzende 
Behaarung auszeichnen (Fig. 47). Tiere mit langem, glanzlosen und 
dabei trockenem, harten Haar sind auf die Ursache dieser Haar- 
beschaffenheit zu untersuchen, um zu entscheiden, ob kalter Stall und 
knappe Fütterung oder ob Krankheit vorliegt. 

Regelrecht gehaltene Tiere mit kurzem, glänzenden, dichten Haar 
sind in der Regel nervig und gesund, solche mit dichtem, langen, 
weichen Haar bei sonstiger Gesundheit schwerfällig, schlaff in der 
Arbeit, aber mastfähig, während dünn behaarte Tiere — Schweine — 
als empfindlich gelten. Gleichmäßigkeit des Haarbesatzes ist für Zucht- 
tiere erforderlich; man hält die letzteren dann für sicherer in der Ver- 
erbung. 



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308 5- Abschnitt. Die Züchtung. 

Bei den Merinoschafen verlangt man, daß die Wotle gut gekräuselt, 
rein und straf! ist und über den ganzen Körper einen möglichst gleich- 
mäßigen Feinheitsgrad besitzt, web man dann als au^eglichen be- 
zeichnet. 

In welcher Weise sich das Haar den Haltungsverhältnissen anpaßt, 
sieht man an Weidetieren, deren Haar an Länge und durch Einschub 
von Flaumhaar an Dichtigkeit zunimmt, je mehr sich der Herbst nähert 
(Fig. 65 U.220). 

6. Die altsemeliw Beurteilunf des Kttrpertnut. 

a) Die Gestalt. 

Die Gestalt wird bedingt durch die anatomischen, physiologischen 
und morphologischen Verhältnisse des Tierkörpers. Die Grundlage der 
Gestalt bildet das Skelett oder Knochengerüst, das zunächst knorpelig 
angelegt ist, im embryonalen Leben aber allmählich verknöchert, so 
daß der Knorpel nach der Geburt in der Hauptsache auf die Gelenk- 
flächen und die Vetbindungsscheiben zwischen den Wirbeln und den 
einzelnen Knochenatiicken beschränkt ist. Das Mittelstiick der Röhren- 
knochen heißt Diaphyse, jedes der beiden Endstucke Epiphyse. Das 
Gewicht der lufttrockenen Knochen beträgt 7 — 8 % und das Gewicht 
der frischen Knochen nach Feststellungen am Rinde rund 13 % des 
Lebendgewicht«^). Die Knochen bestehen etwa zu zwei Drittel aus 
anorganischen Stoffen — Knocheiisalzen — und zu einem Drittel aus 
organischer Substanz — Knochenkiiorpel. Das Dickenwachstuni erfolgt 
von der Knochenhaut und das Längenwachstum bei den Röhrenknochen 
von den Epiphysenknorpeln aus. Je eher die knorpUgen Verbindungen 
zwischen den Kopfknochen, die Nähte, und die Knorpelscheiben zwischen 
Diaphyse und Epiphyse verknöchern, desto früher ist das Wachstum 
beendet. 

Am Knochen unterscheidet man außer dem Überzug, der Knochen- 
haut oder dem Periost, noch die äußere, kompakte Knochen- oder 
Rindensubstanz, ferner die von dieser umschlossene schwammige 
Knochensubstanz und das Knochenmark, das zum großen Teile aus 
Fett besteht. Die schwammige Knochensubstanz bildet ein Netzwerk 
von zahlreichen Bätkchen, die in ihrer Richtung sinnreich eingerichteten 
mechanischen Gesetzen folgen, indem sie sich da zusammendrängen, 
wo der Knochen den meisten Druck auszuhalten hat. Die Mitte der 
Röhrenknochen besteht deshalb fast nur aus kompakt-er Substanz, 

') Schlachtversuche der D. L. G. ArlH?it<?n. Heft IS. 



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m. Die Beurteilung der Zuchttiere. 809 

welche die Markhöhle iimschlieBt. Hierdurch erhalten auch die ver- 
hältnismäßig dünnen Röhrenknochen, wie die Bekstungs versuche von 
H. Krämer*) und von Hoff mann*) b«m Pferde erwiesen haben, eine 
große Widerstandskraft, die somit aber nicht nur vom Umfang, sondern 
vielmehr von der Wandstärke abhängig ist. Die Entwicklung starker, fester 
Knochen ist eine der ersten Sorgen des Züchters, weil ein guter Knochen- 
bau sowohl die ganze Gestalt günstig beeinflußt, wie auch einen Grad- 
messer für Gesundheit, Arbeitsfähigkeit und Leichtemähtbarkeit abgibt. 

ßie Gestalt wird aber neben dem Knochengerüst noch besonders 
durch die Ausbildung der Muskeln und durch die Bedeckung bedingt, 
die ihrerseits wiederum mit der Ernährung, Haltung und der Tätigkeit 
der inneren Oi^ne im engsten Zusammenhang stehen. 

Da die Schnelligkeit der Bewegung von der Muskellänge, die Hub- 
kraft dagegen von dem Querschnitt der Muskeln abhängig ist und 
Tiere mit langen Knochen auch lange Muskeln tragen, so werden sie 
im allgemeinen schneller sein als kurzbeinige, während Tiere mit kräftigen, 
breiten Muskellagen sich nicht nur als Fleischträger, sondern auch durch 
Kraft auszeichnen. 

b) Der EinflnA der Haltung auf die Ausbildung der Gestalt. 

Die körperliche Ausbildung wird bedingt durch Anlage und 
Haltung. Die erstere beruht auf Vererbung als dem konservativen 
oder stabilen Element, während die Haltung als äußerer, fremder 
Faktor die Entwicklung der durch die Abstammung erworbenen An- 
lagen wesentlich beeinflußt. Die Tiere passen sich mit Hilfe der ihnen 
innewohnenden Variabilität der Haltung an, und bei dieser kommt 
besonders die Ernährung, die Bewegung und der Aufenthalt in Frage. 

Jedes junge Tier vergrößert seinen Körper durch Wachstum, also 
durch Vermehrung aller seiner zelligen Bestandteile. Das Wachstum ist 
innerhalb der einzelnen Tiergattungen abhängig von der Rasse und der 
Individualität einerseits und von der Haltung und der Scholle und deren 
Ausnutzung durch den Züchter anderseits. Der Tierkörper ist also bis 
zu einem gewissen Grade formbar, und diese Formung ist die Kunst, 
die neben der Paarung den Erfolg in der Tierzucht bedingt. Zu den 
Einflüssen, die auf die Formen einwirken, den sog. formenbildenden 
Faktoren, gehört in erster Linie die Ernährung. Junge Tiere sind auf ein 
Futter angewiesen, das besonders reich an Eiweiß, Kalk und Phosphorsäure 

') DeTitMhe landw. Tierzucht 1906. S.20. 

') Berliner tierärztl. Woehennchrift 1901. S. 13. 



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310 



5. Abschnitt. Die Züchtung. 



ist, und ein solches Futtermittel stellt die Milch in voltkoinmenstem 
Maße dar. Lehrreich sind die Beziehungen zwischen dem Eiweiß- und dem 
Aschengehalt der Muttermilch verschiedener Tiergattungen und der 
Wachstumsgeach windigkeit ihrer Säuglinge, wie [olgende Tabelle dartut^). 



Zeit der Verdopp- 


100 GewichUteile Milch enthalten: 


gewichte beim 
















] in Tagen 


Eiweiß 


Asche 


Kalk 


Phosphor- 
säure 


Mensch . . . jl 180 


1.6 


0,2 


0,033 


0,047 


Pferd . 






1 60 


2,0 


0,4 


0,124 


0,131 


Rind . 






47 


3.5 


0,7 


0.160 


0.197 


Ziege . 






1 22 


3,7 


0.8 


e.197 


0,284 


Schaf . 






15 


4,9 


0.8 


0.245 


0,293 


Schwein 






1 14 


5,2 


0,8 


0,249 


0,308 


Kabse . 






»v. 


7,0 


1,0 


— 


— 


Hund . 






9 


7,4 


1,3 


0,455 


0.508 


Kaninchei 






1 6 


10.4 


2,5 


0,891 


0,997 



Danach ist der Bedarf an Eiweiß und Mineralien in der Milch um 
so größer, je schneller der Säugling wächst, und es besteht somit eine 
gewisse Gesetzmäßigkeit zwischen Wachstum und Eiweiß- und Aschen- 
gehalt, die es auch erklärt, weshalb die Muttermilch dem Säugling am 
besten und demnach auch besser als die artfremde Milch andrer Tier- 
gattungen bekommt. 

Der Eiweiß- und Mineralstoffbedarf junger Tiere ist deshalb so 
groß, weil diese gerade im ersten Lebensjahre bzw. in den ersten Lebena- 
monaten am meisten wachsen, und weil sie hierbei die obengenannten 
Stoffe in allen ihren Organen zum Ansatz bringen. 

Nach Feststellungen, die W. Wagner*) an Rindern des Lahn- 



Schlages vornahm, 


entfiel von dem 


Geaamtwachstum auf das 




Widerrist- 
höhe 


Kreuzhöhe 


«-P"^«^k^Se 




% 


=.-'" 


% : % 


l. LebenBjahr . . 


62 


66 


56 


59 


2. .. 


24 


24 


28 


30 


3. ., 


5 


4 


ö 


9 



') Nach T. Bunge, Ober die zunehmende Unfähigkeit der Frauen, ihre 
Kinder zu stillen. München. Ref. in Illnstr. landw. Zeitung 1904, S. 18. 

') Die Entwicklung des Rinderkörpers.. Arbeiten der Deutschen Gesellschaft 
für Züchtungskunde. Heft 8. Hannover 1910. S. 135. 



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111. Die Beurteilung der Zuchttiere. 



311 



Nach Glättli^) betrug die Zunahme der ßumpflänge beim 
iSchwyzer Braunvieh im 1. Jahre 57, im 2. Jahre 27 und im 3, Jahre &%. 

Mo t loch') fand bei englischen Halbblutpferden, die fünfjährig 
im Durchschnitt eine Widerriathöhe von 161 cm und ein Gewicht von 
487 kg aufwiesen, daQ das Gesamtwachetum von der Geburt aa sich 
auf die einzelnen Lebensjahre wie folgt verteilt; 





Widerrist- 
hohe 


Körper- 

läw 


Brust- 
tiefe 


Vorder- 
brurt- 
breit« 


Gewicht 


^ _ _ _ 


. _%_ 


._%_ 


_%_ 


_%_ . 


L_ -.% 


1. Lebensjahr 


62,5 


63,2 


66,7 


67.1 


Sl.l 


2 


23,4 


24,1 


17,8 


28,6 


25.6 


3 


10,9 


8,1 


13,3 


14,3 


14,2 


4 


i.e 


2,3 


2,2 


— 


7.3 


5 


1,6 


2,3 


- 




1,8 



Demgegenüber ermittelte A m m o n*) etwa ein Jahrhundert friiher 
bei' Trakehner Pferden, daß das Gesamtgrößenwachstum (Widerrist- 
Bandmaß) sich wie nachstehend auf die ersten 5 Jahre verteilte: 
1. Lebensjahr .... 60 % 
20 ,. 
12 ,. 



Die Zahlen beweisen eine Zunahme der Frühreife bei Halbblut- 
pferden, und sie würden dch noch mehr auf die erste Lebenszeit ver- 
schieben, wenn ähnliche Messungen von Kaltblütern vorlägen. 

Diesen physiologischen Verhältnissen muß sich die Ernährung an- 
passen und namentlich dafür sorgen, daß kein Stillstand in dem ganzen 
Wachstum der Tiere stattfindet, weil jugendliche Entwicktungsstörungen 
nie vollständig nachgeholt werden können. Lange Zeit hindurch ge- 
reichte Vollmilch begünstigt die Ausbildung kleiner Köpfe, langer breiter 
Rümpfe, eines geraden, wideratandsfähigen Rückens und kräftiger 
trockner Glieder. Ersetzt man die Milch allmählich und in zweck- 
mäßiger Weise durch Kraftfutter, so fördert man die Entwicklung in 

') UnterHuchungcn über den Körperbau des Hausrindes. Landw. Jahrbuch 
der Schweiz. Bd. VIII, S. 144. Ref. von Ellenberger und Schütz, Jahres- 
bericht über die Leistungen auf dem Gebiete der Veterinärmedizin 1S94. S. 205. 

>) Motloch, ZeitBohrift für Geatutkunde 1912. fj. 121. 

') Schwarzneckers Pferdezucht. 5. Aufl. von S. v. Ka t h usi us. 
Berhn 1910, S. 448. 



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312 5- Abschnitt. Die ZUchtnng. 

der begonnenen Weiae, Für die Knochen Kusbildong kommen dann 
namentlich die Hülsenfrüchte, die Köroerarten und Ölkuchen in Frage, 
und zwar nicht nur, weil sie reich sind an Eiweiß, Fett und phosphor- 
BBuren Salzen, sondern auch wegen ihres Gehalts an Lezithin, das auf 
die Ausbildung der Knochenstützaubstanz einen besonderen Einfluß zu 
haben scheint. 

Erfahrungsgemäß sind nun gegen Mangel an Kalk und Fhosphor- 
aäure in erster Linie milchgebende und tragende Tiere und zwar deshalb 
empändUch, weil sie in der Milch und zum Aufbau der Jungen in ihrem 
Leibe viel von diesen Stoffen hergeben müssen, und ferner junge Indi- 
viduen, weil die Vergrößerung ihres wachsenden Körpers ebenfalb be- 
sondere Ansprüche in dieser Richtung stellt. Fehlt es dem Futter an 
knochenbildenden Salzen, so leidet die Aufzucht; die Rinder bleiben 
klein und nehmen bei erheblicher Kalk- oder Phosphorsäurearmut 
geradezu Zwergfomien an, so daß die Kälberaufzucht unmöglich wird, 
während sich bei älteren Tieren, und hier besonders bei Milchkühen, 
Knochenbrüchigkeit einstellt. 

Bei Ferkeln , jungen Hunden , Zickeln und Schaflämmem , viel 
seltener schon bei Kälbern und nur ausnahmsweise bei Fohlen ant- 
wortet der Körper auf diese Art der Ernährung, zu der indessen in 
der Regel noch andre ungünstige Einflüsse hinzutreten, mit rachitischen 
Zuständen, die auf einer unvollständigen Verknöcherung des osteoiden 
und auf einer Wucherung des Knorpelgewebes beruhen und mit Gestalts- 
veränderungen einhergehen, die in erster Linie die Gliedmaßen betreffen. 
Die Enden der Röhrenknochen sind dann aufgetrieben und empfindlich, 
die Knochen selbst infolge der Körperlast und des Musketzuges ver- 
b«^en, so daß krumme, dachsbeinige, säbelbeinige, durchtrittige Stel- 
lungen entstehen, die die Bewegung eraehweren. Oft sind auch die 
Gesichtsknochen aufgetrieben oder auch die Rumpfknochen umfänglich 
verändert. 

Demnach ist besonders beim jungen Tiere und hier wiederum 
namentlich bei denjenigen frühreifer Rassen dem Kalk- und Phosphor- 
säuregehalt des Futters Aufmerksamkeit zu schenken. Fehlt nur Kalk, 
so kann die bilhge Schlemmkreide gute Dienste leisten, mangelt es 
aber, wie das bei starker Rüben- und Kartoffelfütterung und ferner 
auf gewissen, an sich nährstoftarmen und schlecht gedüngten Sand- 
und Gebirgsböden vorkommt, auch an Phosphorsäure, so wird man 
sich mit Vorteil des phosphorsauren Futterkalka bedienen. 

Beide bilden aber nur einen Notbehelf, denn der Schwerpunkt liegt 
besonders bei den Wiederkäuern mit ihrem großen Rauhfutterbedarf in 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 313 

einem von Hause aus kalkreicben Futter, und deshalb wird der mineral- 
BtofF- und stickstoilreiche Boden, wie ihn namentlich einzelne Maisch- 
weiden besitzen, hinsichtlich der Aufzucht junger Tiere immer die erste 
(Stelle einnehnken. Wenn man auch zweifellos durch künstliche Düngung 
im Futterbau sehr viel erreicht, und hierdurch nicht nur Knochen- 
erkrankungen der erwähnten Art vorbeugen, sondern auch eine gewisse 
Knochenstärke erzielen kann, so bleibt die Ausbildung eines starken, 
trocknen, gut modellierten Knochens doch eine SpeziaUtät 
einzelner geologisch und klimatisch bevorzugter und wirtachaftlich und 
züchterisch hochstehender Aufzuchtdistrikte. 

Abgesehen von der Ernährung ist für die Aufzucht noch besonders 
die Bewegung und der Aufenthalt von Bedeutung. Die Bewegung 
junger wachsender Tiere fördert die Entwicklung des Knochenbaus, 
der Muskeln und der inneren Organe. Durch Muskel- und Sehnenzug 
werden die Gelenke breiter, die Muskelansatzpunkte schärfer, die Bänder 
straffer und die Glieder ausdrucksvoller und modellierter. Der Zug an 
den Knochen schwächt die Wirkung der sich in der vorzeitigen Ver- 
knöcherung der Epiphysenknorpel zeigenden übermäßigen Frühreife ab 
und verhindert die Ausbildung zu kurzer Gliedmaßen und damit oft 
unvorteilhafter Figuren. Die Maulwürfe, das sind die kleinen, ab- 
gedrehten Tiere mit den runden Knochen, den wulstigen Gelenken und 
verschwommenen Sehnen, bleiben eher aus. Die Übung der Muskeln 
vermehrt die Muskelmasse und macht die Tiere zu Mastzwecken und 
zur Arbeit geeigneter, das Herz wird kräftiger und leistungsfähiger, wie 
durch Köntgenuntersuchungen bei Rekruten dargetan ist^). Bewegung 
festigt den Rücken, verhindert bzw. erschwert die Ausbildung von 
Schnürbrust, Senkrücken und Kierenschlag und verschafft auch den 
Gliedern eine sichere und raumgewinnende Bewegungsfähigkeit. 

Indessen darf die Bewegung in der Jugend nicht übertrieben 
werden, weil dann ebenfalb Mißgestaltungen entstehen, wie man sie so 
häufig zu sehen Gelegenheit hat, wenn spätreife Pferde, und nament- 
lich solche edleren Blutes, zu zeitig angespannt und angestrengt werden. 

Die beste Bewegung und die zweckmäßigste Ernährung genießen 
die Tiere auf der Weide, doch darf man auch hier, wie später noch des 
näheren ausgeführt werden soll, mit der Abhärtung junger Tiere nicht 
zu weit gehen. Junge Tiere haben nicht nur einen regeren Stoffwechsel 
als ältere, sondern auch im Verhältnis zu ihrer Körperraasse viel Körper- 

') K ii I b s. Ober den Einfluß der Bewegung auf die Entwicklung innerer 
Organe. 8. Flugschrift der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde. 1 Hannover 
1908. 



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314 S- Abschnitt. Die Züchtung. 

Oberfläche. Sie müssen daher vor unnützer \\'äTnieabgabe geschützt 
oder aber so reichlich gefüttert werden, daß sie imstande sind, starke 
Wärmeverluste mühelos durch Wärmebildung auszugleichen. 

Erfahrungsgemäß ertragen sie aber den Aufenthalt in kalten, 
feuchten Stallungen schlecht: besonders der wachsende Knocben der 
Ferkel ist dagegen empfindlich. 

c) Das Verhältnis der einzelnen Mafie za einem bestimmten 
Qrnndmafi. 

Die einzelnen Körpermaße werden erst anschaulich, wenn man sie 
auf ein gemeinschaftliches Gmndmaß berechnet. Als solches kann man 
die Rumpflänge (A. Krämer) oder die Widerristhöhe (L y d t i n) 
verwenden. 

Das Rumpflängenmaß hat den Vorzug, daß man den Meßstock an 
zwei anatomisch leicht zu findenden Stellen des Körpers anlegen kann 
und nur den Rumpf berücksichtigt, während die Gliednmßen dabei 
nicht mitgemessen werden, die bei Tieren mit geringem Wüchse die 
Verhält iiiszahlen für die übrigen Körpermaße oft mit unrecht erhöhen 
und damit zu falschen Beurteilungsergebnissen führen. Anderseits hängt 
aber das Rumpflängenmaß wesentlich von der Stellung des Tieres ab, 
so daß zeitlich getreimte Messungen meist gewisse Unterschiede auf- 
weisen, was bei dem Widerristniaß nicht der Fall ist. Außerdem hat 
man sich schon von der Beurteilung des Pferdes her mehr an das letztere 
gewöhnt, so daß man imstande ist, sich unter dem Widerristmaß etwas 
Bestimmtes vorzustellen. Es soll deshalb auch im nachstehenden als 
Grundmaß benutzt werden. 

Es beträgt in Prozenten der Widerristhöhe'): 
a) die Rumpflänge bei Landbeschälern : 

Hannoveraner .... KK)..5 — niedrigste Verhältniszahl 
Oldenburger .... 10-3,3 — mittlere 
Schwere engl. Kaltblüter 106,0 — höchste ,. 

die Rumpflänge bei Rindern: 

Bullen 121 —Schwankungen zw. 112—131 

Kühe 1-2(1— „ ,. 118—130 

>) Nach Mitteilungen von S. v. N a t h u h i ii « für Pferde, L y d t i n- 
Werner für Rinder. Hoesch für S^hHeine (Die Schweinezucht. Hannover 
1911, S. 33'2 u. 378) und nach eignen Messungen bei Ziegen. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 3)5 

die ßumpflänge bei i^hweinen: 
Ältere Sauen des deutschen Eklelschweina . 145,8 
„ „ veredelten Landschweins . 140,4 
die Rumpflänge bei Ziegen 107; 

b) die Brustbreite bei Landbeschälem : 

Englisches Vollblut . . 26,4 — niedrigste VeThältniazahl 
Oldenburger .... 29,7 — mittlere „ 

Rheinisches Kaltblut . 33.6 — höchste „ 

die Brustbreite bei Rindern: 

Bullen 39 — Schwankungen zwischen 31 — 46 

Kühe 34 — ,. ,. 30—41 

die Brustbreite bei Schweinen: 
Ältere Sauen des deutschen Edelschweins . 53,4 
„ „ „ veredelten Landschweins , 48,1 

die Brustbreite bei Ziegen 25; 

c) die Brusttiefe bei Landbeschälern; 

Englisches Vollblut . . 46,5 — niedrigste Verhältniszahl 
Eingeführte Belgier . . 49,3 — höchste „ 

die Brusttiefe bei Rindern; 

Bullen 56 — Schwankungen zwischen 50 — 59 

Kühe 55 — „ „ 51—57 

die Bnisttiefe bei Schweinen: 
Altere Sauen des deutschen Edelschweins . 66,3 
,, veredelten Landschweins , 64,9 

die Brusttiefe bei Ziegen 42,5; 

d) die Beckenbreite bei Gebrauchspferden^) : 
Die niedrigste Verhältniszahl mit 



Ostpreußen (Kavalleriepferde) 30 
(Artilieriepferde) . 31 
Belgier 34,5 

die Beckenbreite bei Rindern: 



28,65 % w*r bei großen Kaval- 
leriepfetden (171 cm Stockmaß) 
und die höchste mit 38,46 % bei 
kleinen Belgiern (152 cm Stock- 
maß) zu finden. 



Bullen 42 — Schwankungen zwischen 32 — 47 

Kühe 44 — 

') Nach Messungen meitieH Assistenten Herrn l>r. Weißflog. 



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316 ^ Abschnitt. Die Züchtung. 

die Beckenbreite bei Schweinen: 

Ältere Sauen dea deutschen Ekielschweins . 49,5 
„ „ „ veredelten Landschweine . 45,2 

die Beckenbreite bei Ziegen 24; 
der Brustumfang bei Landbeachälem: 

Englisches Vollblut . . 113,7 — niedrigstes Maß 

Belgier 126,9 — höchstes 

der Brustumfang bei Bindern: 

Bullen 165 — Schwankungen zwischen 140 — 178 

Kühe 155 — ,. „ 140—172 

der Brustumfang bei Schweinen^) 180 — (Veredelte Landschweine, 

24 Monate alt); 
der Brustumfang bei Ziegen 119. 
Aus obigen Zahlen ist ersichtlich, daß die Vertreter der ver- 
schiedenen Haustiergattungen sämtUch länger sind als hoch. Die 
Reihenfolge ist: Halbblutpferde, Kaltblüter, Ziegen, Rinder, Schweine. 
Die letzteren sind im Verhältnis am längsten. Die Brustbreite 
beträgt rund V< — Vi ^^^ Widerristhöhe. Es folgen; Ziegen, Vollblut- 
pferde, Kaltblüter, Rinder, Schweine. Die B r u s 1 1 i e f e ist knapp 
Va — Va d.w. Es folgen: Ziegen, Vollblutpferde, Kaltbluter, Rinder, 
Schweine. Die Beckenbreite ist V4^V* ^- ^^- ^^ folgen: Ziegen, 
Pferde, Rinder, Schweine. Der Brustumfang stellt sich auf 1 '/b 
bis l*/i d.W. Es folgen: Vollblutpferde, Ziegen, Kaltblüter, Rinder, 
Schweine, 

7. Die allgemeine Beurteilung der elimlnen Körperteile. 

Der Kopf. 
Der Kopf ist von wesentlichem Einfluß auf die Schönheit der Tiere, 
er charakterisiert femer die Rasse und den Geschlechtstyp und gibt 
Aufschluß über die Konstitution. Der Kopf der männlichen Tiere ist 
kürzer und breiter, derjenige der weiblicheTi Tiere länger und schmäler 
{Fig. 92, 93; 136, 137; 96, 97). Schwere, plumpe Köpfe verraten eine 
grobe, dagegen lange, sehmale, von dünner Haut überzogene Köpfe 
eine überfeine Konstitution (Fig. 79 u. 77). Werden die ersteren vererbt, 
was bei einzelnen Bullen mit einer gewissen Regelmäßigkeit geschieht. 
so kann es namentlich dann zu Schwergeburten kommen, wenn die 
') Nach Dr. W o i ß £ 1 o g. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 317 

weiblichen Tiere schmal- oder apitzbeckig sind, wie das bei Landschlägen 
häufig der Fall ist. 

Kleine, tiefliegende, durch starke Augenbogen verdeckte Augen 
machen den Kopf unschön, große und dabei nicht übermäBig hervor- 
tretende Augen ihn dagegen gefällig und das Aussehen freundhch. 

Dicke, lederartige, grobbehaarte, schwerfällig bewegte Ohren ver- 
raten zwar starke Freßlust, aber auch Trägheit und Phlegma, dunti- 
behaarte und durchscheinende Ohren Überbildung. Das gleiche ist der 
Fall mit den langen, schmalen Nasen des Rindes und den kurzen, in 
der Stirnnasenlinie stark eingebogenen Nasen des Schweins, 

Grobe, dicke, raube, rissige H ö r n e r gelten als häßlich und als 
Zeichen von Schwerfuttrigkeit und von mangelhafter Fleisch- und Milch- 
leistung. 

Der Hals. 

Der Hals ist bei männlichen Tieren kürzer und schwerer ab bei 
weibliehen, desgleichen ist er länger bei den spätreifen und kürzer bei 
den frühreifen Bässen. Lange, gut bemuskelte und aufgerichtete Hälse 
(Fig. 47 u. 72) machen Pferde schön und meist angenehm für den Reiter, 
lange, schmale Hälse sind dagegen bei Rindern, Schafen (Fig. 54) und 
Schweinen unbeliebt, weil sie als Anzeichen schwerer Emährbarkeit und 
mangelhafter Widerstandsfähigkeit gelten. 

Der Widerrist. 
An den Widerrist werden je nach der Tiergattung und der Ge- 
brauchsrichtung verschiedene Anforderungen gestellt. Et soll bei 
Pferden, die in schnellen Gangarten und namentlich zum Reitdienst 
Verwendung finden, lang, hoch und seitlich gut bemuskelt sein (Fig. 70), 
weil eine solche Form eine schns^Ue Aktion begünstigt und dem Sattel 
eine gute Lage bietet. Bei Kaltblütern kommt der Widerrist weniger 
in Betracht, doch liebt man auch hier, befangen im Banne alter An- 
schauungen, solche Pferde nicht, die überbaut, d. i. im Kreuze höher 
als im Widerrist sind (Fig. 29), obgleich das Uberbautsein z. B. beim 
Belgier (Fig. 56) zur Regel gehört und wahrscheinlich gerade diese Bau- 
art dem Schrittpferde die FortschafEung schwerer Lasten erleichtert. 
Im übrigen wächst der Widerrist sehr langsam, so daß junge Tiere, und 
hier besonders junge Rinder der Höhenschläge, meist überbaut sind 
(Fig. 213 u. 214). Fehlt bei ihnen das Überbautsein, ist überhaupt der 
Widerrist schon sehr frühzeitig entwickelt, so ist in der Regel das Wachs- 
tum vollständig abgeschlossen. 



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3]g 5. Abschnitt. Die Züchtung. 

Bei den übrigen landwirtschaftlichen Nutetieren verlangt man einen 
ebenen, breiten, ungespaltenen, vollen Widerrist (Fig. 35 u. 136), um 
so mehr, wenn diese in erster Linie der Fleischnutzung dienen sollen. 
Hohe, spitze und gespaltene Wideniatformen gelten für Rinder, Schweine, 
lik^hafe und selbst für Ziegen als fehlerhaft. 

Der Rücken. 

Der Rücken ist der wichtigste Teil des Bunipfes und ein Grad- 
messer für den Zucht- und Nutzwert der Tiere. Er soll gerade {Fig. 136), 
breit (Fig. 66) und bei Tieren, bei denen die Tragfähigkeit, wie bei Reit- 
pferden, in Frage kommt, kurz sein (Fig. 63), während ein langer, dabei 
breiter, gerader Rücken mit kleiner Hungergrube und langen und weit 
nach hinten reichenden Hinterrippen den Arbeitspferden und selbst den 
Kutschpferden nichts schadet und bei den der Fleischnutzung dienen- 
den Tieren geradezu envünscht ist {Fig. 136), weil die zur Seite der 
Wirbel liegenden Muskeln mit zu den wertvollsten Fleischpartien gehören. 

Im allgemeinen sind aber lange Rücken gern mit flachen Rippen 
und schmalen Lenden verbunden (Fig. 45), und deshalb sind besonders 
männliche Zuchttiere mit langem Rücken daraufhin zu prüfen, ob der 
letztere bei mangelhafter Breite die nötige Festigkeit besitzt. Einmal 
sind in solchem Falle die Vorder- und Hinteiglied maßen weiter von- 
einander gerückt, und anderseits fällt es auch den schwachen, weil 
dünneren Muskeln schwer, bei der Bewegung das Gleichgewicht zu be- 
wahren und die Wirbelsaule in der wagerecbten Stellung zu erhalten, 

Abweichungen von der normalen Rückenform nach oben sind der 
Karpfenrücken (Fig. 50) und nach unten der Senkrücken (Fig. 29 u. 23). 
Eine schwache Form des letzteren nennt man weichen Rücken (Fig. 44) 
und eine schmale Senkung hinter dem Widerrist Einsattlung (Fig. 3Ö 
und 53). 

Der Senkrücken und die ihm verwandten Abweichungen sind ein- 
mal in einer ererbten Anlage begründet, und anderseits wird deren 
Ausbildung auch durch die Haltung begünstigt. Zeitiges Absetzen, 
dünne Tränke, viel gehaltloses Rauhfutter, Durchfälle in der Jugend, 
das Fressen aus hohen Raufen (Fig. 181 — 183), ununterbrochene Stall- 
haltung im ersten Lebensjahr begünstigen seine Entstehung, kraftiges 
Futter und Weidegang verhüten sie oder beseitigen den Baufehler, wenn 
er sich noch im Anfangsstadiunt der Entwicklung befindet. Alte Reit- 
pferde, alte Fohlenstuten und alte Kühe der Gebirgsrassen sind fast 
immer senkrUckig (Fig. 112, 113 u. 114). Junge Tiere mit Senkrücken, 
Einsattlung oder Karpfenrücken sind von der Zucht auszxisch ließen. 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 319 

sofern die Nachzucht nicht ausschließlich zu' Schlachtzwecken Ver- 
trendung findet. Inwieweit man Tiere mit weichem Rücken zur Zucht 
benutzen soll, hängt von der Art seiner Entstehung und von den sonstigen 
Vorzügen des Tieres ab. 

Die Lende. 

Die Lende wird gewöhnlich dem Rücken zugerechnet, dessen hintere, 
kleinere Hälfte sie darstellt. Sie soll bei Pferden kurz, breit und gewölbt 
und bei den übrigen Tieren breit und eben sein, in welch letzterem Falle 
auch eine gewisse Länge nichts schadet. Kurze, breite, gewölbte Lenden 
verleihen dem Pferde einen guten Schluß und machen es dadurch 
namentlich zum Reitdienst tauglich (Fig. 63). 

Tiere mit langen, schmalen Lenden sehen niemals voll und rund, 
sondern meist hohl aus, um so mehr, je weniger weit die Rippen 
nach hinten reichen, und je mehr die Hüften hervorstehen — hüftige 
Pferde. Fehlerhaft sind die Karpfen- (Fig. Ö4) und die eingesunkene 
oder hohle Lende — Nierendruck, Lendendruck (Fig. 114) — , die beide 
sowohl selbständig als auch gemeinsam mit den entsprechenden Rücken- 
formen vorkommen. 

Die Kruppe. 

Die Kruppe soll breit und lang und vom Kreuzbein nach dem 
Schwänze zu ein wenig geneigt sein. Die breite und lange Kruppe ist 
günstig für eine reichliche Fleischentwicklung und für die Entfaltung 
von Schnelligkeit und Muskelkraft. Man schätzt sie daher sowohl bei 
Rindern, Schafen und Schweinen wie bei Jagdpferden — Hunter — 
und schweren Arbeitspferden. Die leicht geneigte Kruppe verleiht der 
Hinterhand eine wirksame Stütze (Fig. 47 u, 63). 

Die Breite der Kruppe hängt von der Rasse und von der Jugend- 
emährung ab. In der Jugend schlecht ernährte Tiere und solche spät- 
reifer und verkümmerter Rassen haben achmale und nach hinten zu 
spitze Becken, bei frühreifen Tieren sind diese dagegen breit und oft 
nahezu quadratisch. Wegen der mit letzterer Form im Zusammenhang 
stehenden Nutzungsvorzüge ist bei den vernachlässigten Landscblägeu 
auf die Verbesserung der Beckenverhältnisse in erster Linie Wert zu 
legen. 

Zweckmäßig sind demnach bei allen Tieren die leichtgeneigten, 
breiten, langen (Fig. 76, 40, 41, 42), und schön bei edlen Pferden die 
runden und die ovalen Kruppen, fehlerhaft dagegen bei allen Tieren 
die kurzen (Fig. 31), schmalen, die nach dem Schwanzanaatz zu an- 
steigenden (Fig. 114), ferner die abschüssigen (Fig. 71, 54, 147), seit- 



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320 ^- Abschnitt. Die Züchtung. 



lieh abgedachten, hüftigen und schiefen Kruppen. Bodenwärta soll 
die Kruppe allmählich mit kräftiger Muskulatur in den Schenkel über- 
gehen, denn tiefe, weit nach unten reichende Keulen sind für jede 
Gebrauchsart erwünscht (Fig. 66 u. 41). 

Stark abgesetzte Hinterschenkelmuskeln sind mindestens unschön, 
und eine lange freie Achillessehne ist für eine kräftige Hinterschenkel- 
aktion nicht vorteilhaft. 

Der Schwanz. 

Der Schwanz trägt in Rücksicht auf Haltung und Behaarung 
wesentlich zur Schönheit des Pferdes bei. Hochangesetzte, fein be- 
liaarte, gut getragene Schwänze machen Pferde vornehm {Fig. 48 u. 151), 
niedrig angesetzte, versteckte oder eingebohrte Schwänze dagegen häß- 
lich oder mindestens unansehnlich (Fig. 71), Die Frisur der Schwänze 
unterliegt der Mode, und diese ist leider, soweit sie das übermäßige 
Kürzen und Kupieren (Fig. 56) betrifft, vielfach mehr als geschmacklos. 

Bei den übrigen Haustiergattungen lassen sich aus der Beschaffen- 
heit des Schwanzes Schlüsse auf Konstitution, Frühreife und Nutzung 
ziehen. Wulstige, dicke und aufgetürmte Schwänze sind ein Zeichen 
von Grobheit, kurze ein solches von Frühreife (Fig. 65), während lange 
Schwänze spätreifen Tieren eigen sind und, wenn sie außerdem dünn 
und fein sind, bei Milchkühen gern gesehen werden {Fig. 37 u. 49). 

Die Brust. 

Die Brust, besser der Brustkorb, umschließt Herz und Lunge und 
ist deshalb in bezug auf seine Größe wichtig. Die Geräumigkeit des 
Brustkorbs hängt von seiner Tiefe, Breite und Länge ab, und zwar kann 
jedes Maß das andre bis zu einem gewissen Grad ersetzen. Die Fest- 
stellung des Brustumfangs, der Breite und Tiefe erfolgt durch das Meß- 
band und das Gabelmaß, die Länge dagegen ist nicht zu messen, sondern 
nur nach der Länge des Brustbeins und des Rückens zu schätzen. 

Daß die Tiefen- und Breitenmaße wegen des Fehlens fester Ansatz- 
punkte und wegen ihrer Beeinflussung durch Muskeln und Fett, also 
durch den Ernährungszustand, nicht immer einwandfrei sind, ist bereits 
auf Seite 296 hervorgehoben worden, weiterhin weiß man auch, daß 
die Vollblutpferde mit ihrem ^verhältnismäßig geringen Brustumfang 
ausgezeichnete Lungen haben und den Schrittpferden mit den weit 
günstigeren Brustmaßen in bezug auf Leistung und Ausdauer wesent- 
lich überlegen sind, und endlich ist auch das gleiche von den^Vogt- 
länder Bindern gegenüber den Shorthoms bekannt, und trotz alledem 



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III. Die Beurteilung der Zuchttiere. 321 

legt man bei der Beurteilung aller Haustiergattungen auf das Vor- 
handenseiu einer tiefen, breiten Brust ein groQes Gewicht, weil bei 
gleicher Haltung innerhalb der einzelnen Rassen — und nur solche 
Tiere sind miteinander zu vergleichen — die Tiere mit der breiten Brust 
denen mit der schmalen in der Begel überlegen sind. Diese Überlegen- 
heit spricht sich namentlich durch leichtere Emährbarkeit und größere 
Frühreife aus, welch letztere geradezu an der gutgewölbten, weit nach 
unten reichenden Rippenwandung zu erkennen ist. 

Daß frühreife Tiere trotz ihrer scheinbar größeren Brustdimensionen 
den spätreifen in bezug auf Ausdauer sehr oft nachstehen, hängt einmal 
mit der verhältnismäßig geringen Länge des Brustkorbs, derzufolge Herz 
und Lunge nicht die Größe haben, als man gewöhnUch annimmt, zu- 
sammen, und anderseits auch mit dem Umstände, daß frühreife Indi- 
viduen sowohl infolge von Vererbung, wie auch infolge von reichlicher 
Jugendemährung bei mangelhafter Muskelübung meist nicht die Drahtig- 
keit erlangen, die vielen spätreifen Bässen und Tieren eigen zu sein 
pflegt. 

Als Vorzug gilt demnach die tiefe, breite Brust (Fig. 63, 39), als 
Fehler die seichte {Fig. 55, 135) {Hochbeinigkeit) und schmale Brust 
{Flachrippigkeit), femer die Habichtsbrust und die hohle oder Ziegen- 
brust. 

Der Bauch. 

Der Bauch soll rund und voll und in der Flanke gut geschlossen 
sein. Bei den edleren Pferden hegt die Nabelgegend gewöhnlich ein 
wenig höher als das hintere Bnistbeinende, weil man bei diesen den 
mehr schlanken Leib bevorzugt. Bei Kaltblütern und bei den früh- 
reifen, gut gehaltenen Tieren der andern Haustiergattungen reicht die 
Nabelgegend bereits etwas tiefer und sinkt dann bei älteren weiblichen 
Zuchttieren, bei mit großen Mengen von Rauhfutter ernährten Nutz- 
tieren und bei schlecht gefütterten, verbutteten Kälbern weiter nach 
unten. 

Fehlerhaft sind der aufgeschürzte Leib (Fig. 64) — schlechte Fresser, 
kranke Tiere — und der Hängebauch, letzterer namentlich bei jungen 
Individuen (Fig. 216). 

Die Gliedmaßen. 

R^elmäßige, gute Glieder sind für Tiere, die arbeiten sollen, und 

deren Nutztmg wie bei Pferden in erster Linie auf ihrer Arbeitsfähigkeit 

beruht, von hohem Werte, aber auch für Tiere, die nur der Fleisch-, 

IGlch- oder Wollerzeugung dienen, dann von Bedeutung, wenn es üch 

Paieh-Banaeii, AUgemeine TleranchL S. Aufl. 21 



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322 !>■ Abschnitt. Die Züchtung. 

um Zuchttiere handelt. In neuerer Zeit hat man auch bei der Zucht 
der Rinder, Schweine und öchafe der Form und Stellung der Glied- 
maßen eine größere Bedeutung geschenkt, doch haben naturgemäß die 
einzelnen Fehler bei diesen Tieren nicht annähernd die Bedeutung wie 
beim Pferde. 

Frühreife Tiere sind kurzbeiniger, steiler in den Gelenken und 
weiter gestellt als spätreife, die im Sprunggelenk oft starke Winklung 
zeigen und namentUch im mageren Zustande mit den Beinen eng an- 
einander und mit den Zehen nach außen stehen. Unschön sind vor- 
ständige und rückständige, fehlerhaft vorbiegige, rückbiegige, französische, 
steile, kuhhesaige und säbelbeinige Stellungen, 

Erwünscht ist für jeden Gebrauch eine lange, schräge und breite 
Schulter, denn sie stützt den Körper besser und begünstigt die Schritt- 
länge und die Fleiachausbeute mehr als die kurze, 8t«ile und schmale 
Schulter (Fig. 70 u. 71). Schlecht bemuskelte Unterschenkel sind un- 
vorteilhaft, schwache, steile Sprunggelenke mit Recht gefurchtet und 
stark gewinkelte ebensowenig gern gesehen wie unklare, verschwommene 
Sehnen und volle, ausdruckslose, rundUche Gelenke. 

Lange, spindelförmige Schienen und solche, die unter dem Vorder- 
fußwurzet- und unter dem Sprunggelenk geschnürt sind, sind knochen- 
Bchwachen und überzüchteten Tieren eigen. Deshalb pflegt man auch 
auf die Messung des Umfangs des VoidermittelfuBes b^ Zuchtpferden ein 
so großes Gewicht zu legen, doch darf man hierbei die Hautstärke nicht 
unberücksichtigt lassen und deshalb nicht rein schematisch vorgehen. 

Steile Fesseln (Fig. 55) sind meist unschön und auch bei Arbeits- 
tieren nicht immer praktisch, weiche, durchtiittige dagegen immer fehler- 
haft (Fig. 150), denn sie sind einmal ein Zeichen von mangelhafter Kon- 
stitution, und anderseits beeinträchtigen sie bei Pferden auch die Be- 
wegung und die Gebrauchsdauer in hohem Maße. 

Hufe und Klauen. 

Auf den regelmäßigen Bau der Hufe ist besonderer Wert zu legen, 
denn dache, steile, enge, schiefe Hufe und namentlich Behhufe machen 
Pferde für gewisse Zwecke oft nahezu oder vollständig unbrauchbar. 

Volle, flache, platte Vorderklauen bedingen bei Rindern leicht 
Sohlenquetschungen und spitzgewinkelte Hinterklauen, die schließlich 
bei unterlassener Pflege eine schnabelschuhartige Verlängerung erfahren, 
führen sehr häuflg zu Verballungen und zur Unbrauchbarkeit mancher 
guter Bullen, denen der Ballendnick die Aufrichtung des Vorderteila 
und somit die Ausübung des Deckakts unmJ^lich macht. 



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IV. Hpmc^nität und Heterogenität. 



IT. Homogenität nad Heterogenltät. 

Man bezieht die Bezeichnungen Homogenität und HeterogenitÄt in 
der Tierzucht sowohl auf die einzeben Zuchttiere als auf Rassen und 
Zuchten, sowie auf Paaningen, 

1. Die HomogenltSt und Heten^nltät der Individuen. 

Homogen nennt man ein Tier, das in bezug auf Haut und Haar 
und in bezug auf das Verhältnis der einzelnen Körperteile zueinander 
und zum Gesamtkörper eine gewisse Ausgeglichenheit besitzt (Fig. 134). 



Fig. IM. EomoseneB Tjei- (Bulle dea grofien FleokvlehecblageB, 13 Hona(a alt). 

Homogene Tiere sind harmonisch, heterogene Tiere dagegen disharmo- 
nisch aufgebaut. 

Der verstorbene Ökonomierat N e u h a u s*) pflegte auf die Gleich- 
mäßigkeit des Haarbesatzes an gewissen Körperstellen ein großes Ge- 
wicht zu legen. So verlangte er ein dichtes, weiches Haar um Maul, 
Augen, After und die Schamteile herum, femer an der Krone und am 
Schwänze, und nannte solche Tiere homogen, während er aus grober, 

•) Nenhaus, Edelzucht auf Leistvmg. Vortrag, gehalten im Klub der 
Landwirte lU Berlin 1S88. 



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5. Abschnitt. Die ZUchtung. 



Fig. IS6. Helerogsnes Tier (Balle dea groSen FleckviehscliUges, IS Uonate 
hochbeinig mit grab«m Typoi. mangelhaflBr Brnattiefe, schwerem Kopfe l 
dabei verhltltnismllSig feinen Qliedem. 



Fig. tau, Bulle de« großen Fleclivieh Schlages, zur Ullch-, Fleisch- and 

ArbeitslaistanK geeignet . 

(Hafphot. F. Alb«rt ScbwarCz-Berlin. Ansetellung d. D. L. G. UaDDheim iwt.) 

spärlicher Behaarung auf Widersprüche in der ganzen Anlage schloß 
und derartige Individuen als unsicher in der Vererbung und mangel- 
haft in der Leistung bezeichnete. 



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IV. Homogenitfit und Heterogenitit. 325 

Zeichen von Heterogenität sind nach Brodermann*) die zu 
große Länge bei mangelhafter Höhe, der lange Hab beim Kaltblüter, 
die verkehrte Stellung des sonst in der Mitte stehenden Stimwirbela, 
Schweinsaugen, schwammige Haut auf der Käse und den Glied- 
maßen usw. 

Heterogen oder disbarmoniscb sind bei den Fleischachlägen besonders 
die langen, dabei aber kurz- und dickbeinigen Tiere mit den geraden 
Qelenkwinkeln an den Gliedmaßen, die in bezug au£ Vererbung höchstens 
insofern eine Sicherheit bieten, als sie ihre Pony- oder Maulwurfsform 



r Milch-, Fleuch- and 

sehr regelmäßig auf die Nachkommen übertragen. Kurze, lederartige, 
breite Obren, vorzeitige Kammentwicklung beim Bullen sind ein Zeichen 
von geringgradigem W a c h s t u m*). 

- Heterogenität liegt femer vor, wenn die Brusttiefe gegenüber der 
Widerristhöhe zu gering ist, wenn sich leichte Glieder mit schwerem 
Home, großem Kopfe oder starkem Schweifansatz vereinigen, oder die 
Schwere des Rumpfes zur Stärke der Beine in einem Mißverhältnis steht, 
wie man das bei Kreuzungstieren oft beobachten kann (Fig. 135). 

') Ziiohtungsgrundsätze. Leipzig 1902. 

*) P u H c h. Zeit- und .Streitfragen auf dem Gebiet der Beurteilung des Biadee. 
Ökonom. Gesellschaft. Dresden 1900. 



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5. Abschnitt. Die Züchtung. 



2. Die Homogenfttt und HeterogenitSt der Ranen und Zuchten. 

Homogen oder ausgeglichen nennt man eine ßaase, wenn die ihr 
angehötenden Tiere einen gleichartigen Typus haben, und die indivi- 



Eig, IIS. Kuh dea rOckenscbackigen HSbenscIilagea. 

duellen Abweichungen, die an sich immer bestehen, verhältnismäßig 
gering sind (S. 69), 

Innerhalb homogener Zuchten oder Herden ist die; Aua- 
gegUchenheit gewöhnlich noch größer und die Ähnlichkeit der Tiere 



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IV. Homogenit&t und Heterogenität. 327 

noch schärfer ausgeBprocben, wie man das besonders in alten kon- 
solidierteß Zuchten mit inzilchterischen Einflüssen und unter Ver- 
wendung einzelner bewährter Blutlinien Endet (Fig. 19 u. 21). 

Den homogenen Bässen und Zuchten stehen die heterogenen, un- 
ausgeglichenen — jüngeren, planlos entstandenen — gegenüber. 

3. Die HMm^ienittt und Hetm^ienitSt der Paarungen. 

Die Homogenität und Heterogenität der Paarungen kann sich auf 
die Übereinstimmung und die VerBchiedenheit in den individuellen oder 
in den Rasseneigenschaften erstrecken. 

Der Hochzüchter versteht unter der ersteren die geschlechtliche 
Vereinigung gleichartiger Tiere innerhalb einer und der- 
selben Kasse, wobei er besonders auch die Blutatröme berück- 
sichtigt. Im andern Falle ist eine heterogene Paarung diejenige, bei 
der sowohl im Typus verschiedene Tiere derselben 
als auch zwei Tiere verschiedener Rassen zur gegen- 
seitigen Begattung benutzt werden. Letzteres ist dann identisch mit 
Kreuzung. 

Beispiele: 

Es hefem: 

a) Homogene Paarung im Sinne des HochzUchters zwei 
in ihrer Erscheinung und in ihren Nutzungseigen- 
schaften annähernd gleichartige Tiere der Simmentaler 
Rasse {Fig. 136 x 137). 

b) Homogene Paarung im gewöhnlichen Sinne zwei 
Tiere der Simmentaler Ra^se — Reinzucht ohne Rücksicht auf 
Gleichartigkeit im Typus (Fig. 138 x 137). 

c) Heterogene Paarung im Sinne des HochzUchters zwei 
in ihrer Erscheinung und in ihren Kutzungseigen- 
schaften verschiedene Tiere der Simmentaler Rasse 
(Fig. 138 X 137). 

d) Heterogene Paarung im gewöhnlichen Sinne zwei 
Tiere verschiedenerRassen — Kreuzung (Fig. 136 X 139 
oder 138 x 139). Demnach kann die homogene Paarung, so- 
weit sie sich auf die Rassenübereinstimmung bezieht, im Sinne des 
HochzUchters sehr wohl eine heterogene sein, weil natür- 
lich auch innerhalb einer und derselben Rasse die Zuchttiere 
an sich sehr ungleich sein können^). 

>) Brödermaas, Züohtuogsgmadsätze. Leipzig 1902. 



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S. AbechnitL Die Zächtnng. 



Werden solche Tiere miteinander gepaart, die in bezug auf ihren 
Rassencharakter nicht zueinander passen, wie z. B. Shorthoms mit 
Schwyzem (Fig. 36 und Fig. 151) oder Simmentaler mit Anglern 
(Fig. 136 und Fig. 37), so nennt man eine derartige Kreuzung 
eine heterogene, 

T. Die Zneht auf Basse und Form und die Zneht auf Lelstni^. 

Seit den letzten beiden Dezennien des verflossenen Jahrhunderts 
b^egnet man in fast allen europäischen Rulturstaaten Bestrebungen, 
die darauf hinzielen, für die einzelnen G^nden die Zucht be- 
stimmter und zwar solcher Rassen zu sichern, die in bezug auf ihre 
Lebensansprücfae den Boden- und in Rücksicht auf die Art ihrer 
Nutzung den Absatzverhältnissen entsprechen. Kenntlich sind die 
Rassen an den Formen und Rindeixassen, außerdem auch noch an 
den Farben und Abzeichen. 

Da gewisse Lmtungen erfabrung^emäß bei gewissen Rasäen die 
Regel bilden — Ausdauer und Gängigkeit bei dem ostpreußischen 
Pferde, Milchergiebigkeit bei dem ostfriesischen Rinde, Mastfähigkeit 
bei den Shorthoms — und die einzelnen Raaeen durch ihre äußeren 
Merkmale, die Rassenzeichen, voneinander zu unterscheiden sind, so 
ist die Beachtung und für den Züchter auch die Erhaltung dieser 
„Fabrikzeichen" von großem Werte. Aus der Rasse kann man auch 
noch allgemeine Schlüase auf Akklimatisationsfähigkeit, Frühreife, Tem- 
perament, Ausdauer und Xerv, auf Konstitution und Preis ziehen, 
wenngleich hier immer individuelle Unterschiede und Eigenheiten zu 
berücksichtigen sein werden. 

Weit die Rasse solche allgemeine Schlüsse gestattet, haben Rassen- 
tiere einen höheren Wert, und weil durch die Raasenzucht ein höherer 
Wert der Produkte erzielt wird, ist sie ein Haupterfordemis, an deren 
Durchführung der Staat sowohl wie einzelne G^enden das größte 
Interesse haben. 

Daß rassenlose Individuen in bezug auf Leistungen jeder Art im 
einzelnen Falle Rassentiere übertreffen können, braucht nicht näher 
erörtert zu werden, denn innerhalb der Rasse spielt das Individuum 
noch eine Hauptrolle. Deshalb gestattet die Rasse, wie oben hervor- 
gehoben wurde, auch nur allgemeine Schlüsse, die im einzelnen 
Falle immer noch einer besonderen Prüfung bedürfen. 

Schon die Geschichte der Tierzucht lehrt, daß diese sich überall 
da, wo Rassenzucht betrieben wird, lohnender gestaltet. Der Absatz 



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V. Die Zucht auf Rasse und Fonn und die Zucht araf Leistung. 329 

stdgt, weil ein Angebot von .gleichartigen Tieren in größerer Zahl vor- 
handen ist, und der bessere Erlös wirkt günstig auf die gesamte Tier- 
haltung ein. Der Wohlstand solcher Gegenden hebt sich und mit ihm 
die Kultur des Bodens und die ganze Wirtschaft des einzelnen. 

Den Rassenzuchten wird in neuerer Zeit mit einer gewissen Schäcfe 
vorgeworfen, daß sie der Form und Farbe — dem Exterieur — zu viel 
Rechnung tragen und die Leistungen vernachlässigen. 

Wie jeder Produktionszweig überhaupt, so wird auch die Zucht 
noch dem Exterieur bestimmt durch die Nachfrage; letztere wird von 
dem wirtochaftUchen Werte der Zuchttiere und auch von der Mode, 
dem Geschmack, beeinflußt. Beherrscht die Mode eine Zuchtiichtung, 
was sich hier sowohl auf Gestalt wie Farbe beziehen kann, so wird der 
önsichtsvolle Züchter dieser Mode so lange Rechnung tragen, ale ihm 
dadurch ein höherer Gewinn erwächst, denn die Zucht für den Markt 
ist ein Geschäft. Die Zucht nach dem Exterieur hat aber natürlich 
auch ihre Grenzen, und diese werden geregelt durch das Maß von 
Leistungsvermögen, das den Tieren sonst innewohnt. Eine Vervoll- 
kommnung der Formen verliert ihre Berechtigung und mit ihr den 
rächeien Boden, wenn sie auf die Leistung ohne förderUchen Einfluß 
bleibt oder gar auf deren Kosten erfolgt. Ausgenommen ist die Sport- 
zncht, die sich aber faat nur auf die Hunde-, Kleintier- und gewisse 
Zwfflge der Geflügelzucht beschiänkt. JedeVern&chläB8igun.g 
derLeistung rächtsich aber in der Zucht der landwirtschaft- 
lichen Natztiere trotz des besten Exterieurs, denn jeder Betrieb, so auch 
die Zucht, verlangt Rente. Bleibt diese aus, ao leidet auch der Absatz; 
. dann tritt für den Produzenten die eigne Leistung der Tiere, deren 
Schönheit für ihn wertlos ist, weil er sie nicht in Geld lunsetzen kann, 
in den Vordergrund, und deshalb erreicht jede einseitige Formelizucht 
mit der Zeit von selbst ihr Ende, ganz abgesehen von dem Mangel an 
Gesundheit, der solchen Treibhauspflanzen oft außerdem noch inne- 
wohnt. 

Neben den Formen ist es besonders die F a r b e, die bei der Rassen- 
zocht noch eine Rolle spielt. Daß man die Farbenzucht nicht ganz 
vemacblässigen kann, wird jeder einsehen, der unsere hochentwickelte 
Rinderzucht kennt, daß man aber in bezug auf Farbetureinheit, Ab- 
zeichen usw. oft viel zu weit geht, ist auch nicht zu leugnen. Kleine, 
schwarze Flecke an den sonst weißen Unterfüßen, Fehlen eines Sterns, 
geringe Schwarzfärbung am Hodensack oder Euter, Dinge also, die mit 
der Leistung nichts zu tun haben und sich auch nicht zu vererben 
brauchen, machen Rinder trotz sonstiger ausgezeichneter Eigenschaften 



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330 S- AtMchnJtt. Die Züchtung. 

oft für den Hochzüchter wertlos, weil sie den Rahmen dessen über- 
schritten haben, was man ab Iform aufgestellt hat. Der Fferdezüchter 
ist hier praktischer; ihm ist die Farbe mehr oder weniger gleichgültig. 
In Hochzuchten kann man sich eine solche Peinlichkeit noch eher ge- 
fallen lassen, vollständig unberechtigt ist diese Abzeichenfurcht aber, 
wenn sie in solchen Landeszuchten gefördert wird, deren Tiere noch 
auf der ersten Stufe kulturellen Fortschritts stehen. 

Wenn nun aber auch zum Teil in der Zucht nach dem Exterieur 
der schönen Form und dem Ebenmaß mancher Tribut gezollt wird, so 
hat das der deutschen Tierzucht bisher noch nichts geschadet. Diese 
hat sich vielmehr großartig entwickelt, und die Rassenzucht hat gerade 
in de.n bevorzugten Zuchtgebieten wesentlich dazu beigetragen, den 
Ertrag aus der Rinderzucht zu heben. 

Daß Rassenzucht auch die Leistung fördert, haben besonders die 
Niederungszuchten gezeigt, denn vom Rhein bis an die Ost^enze des 
Reiches sind sowohl an der Küste entlang wie im Binnenlande Rinder- 
rassen entstanden oder fortgezüchtet worden, die in ihren Leistungen 
sowohl nach der Richtung der Milch- wie Fleischerzeugung sich nicht 
verschlechtert, sondern im Gegenteil erhebhch verbessert haben. 

Die Rassenzucht ist daher kein Feind, sondern ein Verbündeter 
der Leistungszucht, soweit diese ganze Gaue betrifft. Immerhin kann 
man aber nicht behaupten, daß hier schon alles geschehen ist. 

In der Pferdezucht bemüht man sich vielerorts, die jungen Deck- 
hengste einer Leistungsprobe zu unterwerfen, ehe man sie zur Zucht 
einstellt, auch gegenüber den Stuten ist das in einzelnen Gestüten der 
Fall. Streng durchgeführt ist die Methode indessen allein beim eng- 
lischen Vollblut, wo man die Leistungsfähigkeit ganzer Familien genau 
kennt. (Vgl. S. 363 u. 408.) 

Beim englischen Vollblut handelt es sich aber nur um die a b- 
solute Leistungsfähigkeit, da die Menge des verbrauchten 
Futters bei der Hochwertigkeit des Pferdematerials gar nicht in Frage 
kommt. Anders liegt die Sache indessen schon bei den Gebrauchs- 
pferden und bei den übrigen Nutztiergattungen. Hier muß sich der 
Züchter damit beschäftigen, die leistungsfähigsten Tiere herauszufinden. 
Leistungsfähig im wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Sinne sind 
aber von den Rindern nicht immer diejenigen, welche die meiste Milch, 
sondern diejenigen, welche in ihr die größte Fettmenge Uefem und zwar 
bei dem geringsten Aufwand an Futter. "Ea muß also, will man wissen, 
was jede Kuh hier wert ist, ein regelmäßiges Probemelken, desgleichen 
eine Fettbestimmung der Milch und eine individuelle Fütterung, d. h. 



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V. Die Zucht auf Rosse and Form und die Zucht auf Leistung. 33I 

Zumessung der Futterration eingerichtet werden, Maßnahmen, die sich- 
nicht in jeder "Wirtachaft schaffen lassen, immerhin aber in gut geleiteten 
Betrieben so weit beachtet werden können, als sie die Milchmenge, den 
Fettgehalt und die Kraftfutterration betreffen. Durch Gegenüber- 
stellung der Futterkceten und des Milchertrags bekommt der Besitzer 
dann eine klare Übersieht über die Erzeugungskosten eines Liters 
Milch oder eines Kilc^amms Butter, d. h. die relative Leistungs- 
fähigkeit. 

In ähnlicher Weise sollte man auch die Leistungsfähigkeit junger 
wachsender Tiere durch regelmäßige Wägungen feststellen, dann würden 
sicherlich manche mißachtete Landachläge unter Berücksichtigung der 
Beschaffenheit und des Marktwerts der von ihnen verzehrten Futter- 
mengen eine günstigere Beurteilung erfahren, als das vielfach der 
Fall ist. 

Solche Einrichtungen bestehen, soweit sie die Feststellung der 
Milchleistung betreffen, in den weiter unten (8. 411) besprochenen Milch- 
viehkontrollvereinen. Mit Hilfe der Kontrollergebniase lernt der Be- 
sitzer die guten und schlechten Milchtiere kennen, so daß er in der Lage 
ist, durch Ausmerzung der letzteren und durch Aufzucht von Kälbern 
der besseren Kühe den Ertrag aus der Milchviehhaltung zu erhöhen, 
Natürhch darf die Steigerung der Leistting nur bis zu einem gewissen 
Grade und immer nur unter Berücksichtigung der Gesundheit und 
Körperentwicklung erfolgen, denn nur dann wird sie einen nachhaltigen, 
vorteilhaften Einfluß auf die Zucht aueüben. Werden die leistungs- 
fähigsten Tiere zur Nachzucht benutzt, so muß schließlich auch auf 
dem Wege der Vererbung z. B. die Fähigkeit, viel Fett zu erzeugen, 
Stammeseigenscbaft werden. Besonders zu beachten ist hierbei, daß 
auch Bullen, die von derartigen Müttern abstammen, diese Eigenschaft 
übertragen, weshalb solchen „MilchbuUen" zUchterisch eine sorgsame 
Beachtung zu schenken ist, wie das in neuerer Zeit auch mehr und 
mehr geschieht. Feststellung der Leistung und deren 
Verbreitung in der Herde auf dem Wege der Vererbung sind 
also die Grundpfeiler in der Zucht nach Leistung. 

Wie indessen die Fortnenzucht an der oft zu geringen Leistung 
strauchelt, so ergeht es der Leistungszucht in bezug auf Gesundheit. 
Deshalb muß das Maß der Leistungsfähigkeit in Zuchtherden ein ge- 
ringeres bleiben als in Nutzherden, weil die intensive Fütterung, wie 
sie zur höchsten Leistung erforderlich ist, in ersteren aus Gründen 
der normalen Fortpflanzungsfähigkeit und der Gesundheit nicht durch- 
geführt werden kaim. Denn Tiere mit höchster Leistungsfähigkeit, 



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332 5- AbBchnitt. Die Züchtung. 

namentlich in der Richtung der Fleiach- und Milchproduktion, sind 
häufiget beeinträchtigt in ihrer Konstitution und deshalb unter Um- 
ständen sogar wertlos für die Zucht, da sie nur zu oft schwächliche und 
ungesunde, oder im Typus abgeänderte, überbildete Nachkommen liefern. 
Trotzdem wird aber in jedem Bestände das Futterverwertungavermögen 
eine große Rolle spielen, und dieses ist soweit möglich auf dem Wege 
der Vererbung in der Nachzucht zu sichern. 

In solchen Herden, die Zuchtmaterial zum Verkauf erzeugen, muß 
aber die Form immer mit berücksichtigt werden, denn trotz aller 
Leistungsfähigkeit werden unschöne Tiere zu Zuchtzwecken nur zu 
geringen Preisen verkäuflich sein, und deshalb kann der Züchter die 
Regelmäßigkeit des Baus ebensowenig vernachlässigen wie die Eigen- 
schaften einer guten, gesunden Konstitution. Wird ein Schlag den 
Anforderungen in bezug auf Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Eben- 
mäßigkeit der Formen in gleicher Weise gerecht, so hat der Züchter 
in der Regel sein Ziel erreicht und kann dann die Früchte seiner Arbeit 
in klingenden Erfolgen genießen. 



VL Beinzncht and Erenzang;. 
1. Di* ReinzudiL 

Der Begriff Reinzucht ist schwer zu definieren, wofür ausgedehnte 
Verhandlungen innerhalb der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft den 
Beweis erbringen. Trotz vielfacher Bemühungen wollte es nicht ge- 
lingen, den Reinzuchtbegrifi in einer brauchbaren Form festzulegen*). 

Unter Reinzucht versteht man im allgemeinen wissenschaftlichen 
Sinne die Paarung von Tieren ein und derselben und zwar züchterisch 
anerkannten Rasse. Beispiele: 

1. Englische Vollblutstute X englischer Vollbluthengst. 

2. Simmentaler Kuh x Simmentaler Bulle. 

Die Reinzucbt kann, sie braucht aber nicht Verwandt- 
schaftszucht zu sein, denn bei den Beispielen 1 und 2 können verwandte 
oder im Blute einander fremde Tiere miteinander gepaart werden. 

>) Vgl. folgende VerafEentliohongen der D. L. G. : L y d t j n und B r Ö d e r- 
m a n n, Verhandlungen der WintenrerBammlnng 1905. S. 198. Desgl. IBOfl. Jahr- 
buch S. 73. Desgl. 1907. Jahrbuch S. 175. Prinz zu S o h 5 na ic h-C&rola t h, 
Reinblut und Landeapferdezucht. Jahrbuch 1908. S. 3. L y d t i n und Hermes, 
Der Reinzuchtbegriff und seine Auslegung. Arbeiten Heft 157. 1909. Femer 
Hoeao h. Der Streit um die Rcinzuchtfrage. Hannover 1910. 



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VI. ReioEucht und Kreuzung. 



Dort, wo eine Rasse in einzelne Schläge zerfällt, wie die Rinder 
des gioSea Fleckviehschlages in die Originalaitumentalei, das ober- 



Fig. 140. Enh, 'U Bist. (Täter: SimnientaBer,lliitteT:BoliwarEbaDteNisderaiis9kah.) 



bsdische Fleckvieh (MeBkitcheT) und das oberbayrische Älpenfleckvieb 
(Miesbacber), ist es Sache der Übereinkunft, ob man von Reinzucht 
oder Elreuzung sprechen will, wenn man z. B. Meßkircher x Simmen- 



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834 5- Absohnitt. Die ZQehtung. 

taler oder Miesbacher x Meßkircher verwendet. Gewöhnlich bezeichnet 
[Dan eine derartige BlatQuschung aber noch und zwar mit vollem Kechte 
als Reinzucht. 

Der Reinzucht steht die Kreuzung gegenüber, unter der man 
die Paarung von Tieren verschiedener Rassen versteht. 

In bezug auf Reinzucht and Kreuzung ist also die Rasse das be- 
dingende Moment, doch ergeben sich gerade hieraus für die Praxis 
Schwierigkeiten mancherlei Art, weil der Rassenbegrifi im einzelnen 
schwankend ist. Soll man z. B. beim Pferde bei Paarungen von Olden- 
burgern mit Ostfriesen oder von Hannoveranern mit Holsteinem oder 
von Oldenbuigem mit Ostpreußen von Reinzucht sprechen? In den 
beiden ersteren Fällen wird man es tun, im letzteren dagegen nicht. 
Ebensowenig lassen sich genaue BestinmiungeQ darüber geben, wann 
einer planmäßig betriebenen, aus Kreuzung hervorgegangenen jungen 
Rassenzucbt der Charakter einer Reinzucht zuerkannt werden soll. 
Nach den früheren Ausführungen (S. 242) kommt es hierbei auf die 
Faktorenkombinationen im Keimplasma an. Sobald homozygote Indi- 
viduen vorliegen, ist Konstanz erreicht und liegt tatsächlich Reinzucht 
vor. Wie früher betont wurde, kann dies nach sehr kurzer Zeit, d. h. 
nach ein oder zwei Generationen, der Fall sein. Umgekehrt werden 
heterozygote Individuen nach noch so vielen Generationen nicht rein 
züchten. Selbst der gleichartige Typ einer Generation braucht noch 
nicht entscheidend zu sein, weil früher nachgewiesen ist, daß eine andere 
Faktoren kombination im Keimplasma der nächsten Generation viel- 
fache , dem Züchter schmerzliche Überraschungen zu bringen vermag. 
Tatsächlich läßt sich die Frage nur von Fall zu Fall entacheiden. 

2. Die Kreuzung. 

Als Kreuzung gilt die Paarung von Tieren verschiedener Rassen. 
Von reziproker Kreuzung spricht man, wenn die beiden Stamm- 
formen kreuzweise miteinander verbunden werden , also wenn bei- 
spielsweise einmal ein Edelschweineber mit einer Land schweinsau, 
das andere Mal umgekehrt ein Lands;hweineber mit einer Edebchwein- 
sau gepaart wird. 

Die Kreuzung ist zunächst von großem Werte für Gebrauchs- 
zwecke, denn die Produkte zeichnen sich gewöhnlich durch ein vor- 
zügliches körperliches Gedeihen aus, und das Verfahren ist deshalb 
besonders zur Lieferung von zur Fleischproduktion bestimmten Tieren 
zu empfehlen und sowohl bei Rindern wie bei Schafen und Schweinen 



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VI. Reinzucht und Kreuzung. 



üblich. So liefern Kreuzungen zwischen Simmentalem bzw. Freibutger 
Schwarzschecken und schwarzbunten Kiederungsrindern vorzügliche 
Ilasttiere, und Merinos mit schwarzköpßgen englischen Schafen sehr 
gesuchte Masttämmer. Ferner ist die Paarung von weißen Edel- 
schweinen mit groben veredelten Landschweinen zu Maetzwecken für 
den englischen Markt in Dänemark eine sehr ausgedehnte Zuchtmethode 
geworden. Indeassn bietet es der Erfahrung gemäß, soweit nur Ge- 
brauchszwecke in Frage kommen, vielfache Schwierigkeiten, die Halb- 
blutnachkommenschaft unter sich weiter zur Zucht zu benutzen. Rat- 
samer ist es, die Stammformen immer wieder von neuem zu kreuzen, 
wofür die Mendel sehen Vererbungsregeln (S. 222) die wiasenschaft- 
liehe Erklärung bnngen. 

Wilde oder planlose Kreuzungen sind solche, bei denen Tiere der 
verschiedensten Rassen oder Blutmischungen regellos miteinander ge- 
paart werden, so daß dann die Nachzucht jedes Typs entbehrt. Ein 
derartiges Gebaren hat viele Landschläge vernichtet. Umgekehrt führt 
fortgesetztes planmäßiges Kreuzen — Veredlungskreuzung — mit 
den Jahren zur Reinzucht. 

Beispiele : 
Simmentaler Bulle x Landkuh = V»Blut Simmentaler 1 — ^ — = V»S) 

— I. Generation (Fig. 140), 

Simmentaler Bulle X »/»BlutS. = %BlutSimmentaler(— '■- =»/4S^ 

— II. Generation {Fig. 141), 

Simmentaler Bulle x »/.BlutS. -% Blut Simmentaler (-^!^^ = '/g S^ 

— III. Generation, 

Simmentaler Bulle x VgElit S. = »'/« Blut Simmentaler ( ^ ^^'' = '■^s) 

— IV. Generation, 

SimmentalerBuUe x ^ Vi. Blut S. = "/ss Blut Simmentaler ( "*"'" = "/„S^ 

— V. Generation. 

Die VI. Generation würde "'/„, die VII. Generation '"/igg, die 
VIII. Generation **Vffl« Blut ergeben. Die Praxis der Tierzucht sieht 
vielfach schon die IV. und V. Generation als reinblütig an, und wenn 
man von einem Blutsanteil von '/«' Vm '^^^ noch weniger hört, so 
sollte man annehmen, daß dessen Einfluß vom praktischen Standpunkt 
aus nicht groß sein könnte. 



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336 ^ Abacbnitt Die Züchtung. 

Wiederholt ist (S. 242 u. 254) darauf hingewiesen worden, daß diese 
ganze Rechnung nach Bluteanteilen im Lichte der Mendelforschung un- 
berechtigt ist. Sie b^eht den Grundfehler, daß sie das Tier als ein ein- 
heitliches Ganzes ansieht und annimmt, daß die Eigenschaften in ihrer 
Gesamtheit geschlossen vererbt werden. Heute wissen wir, daß in Wirk- 
lichkeit jedes der vielen Merkmale eines Individuums unabhängig von 
den andern vererbt werden kann. Nicht die Zahl der Generationen ist 
dae ausschlaggebende Moment, sondern die Faktorenkombination des 
Keimplasmas. Greifen wir auf das Beispiel der Vererbung eines Tri- 
hybrida auf S. 235 zurück. Wenn der Zufall zwei homozygote Ä Ä BB CC- 
Individuen miteinander zusammengebracht hatte, so werden sie konstant 
vererben, obgleich sie einer unmittelbaren Kreuzung entstammen und 
Halbbluttiere sind. Umgekehrt wird ein Individuum der VI, Generation, 
also ^*/^ Blut, von der Erbformel Ä a B b C c genau so weit von der 
Reinheit entfernt sein, als es das gleiche Tier in der I. oder II, Generation 
gewesen ist'). Selbstverständlich kann ein Tier in einem oder mehreren 
Merkmalen homozygot und gleichzeitig in anderen heterozygot sein. 
In dem Beispiel S. 236 sind die A A B b C c-Individuen hinsicbthch 
der schwarzen Farbe homozygot, in der BeschafEenheit der Haare aber 
heterozygot, während die A A B b C C-Individuen mit Sicherheit die 
schwarze Farbe nnd die Wirrhaarigkeit vererben, aber hinsichUich der 
Länge des Haares weiter spalten müssen. Daß bei der Rechnung nach 
Blutsanteilen nicht mit der dominanten, sondern der intermediären Ver- 
erbung, wie sie bei Tieren vielfach auftritt, gerechnet wird, ändert an 
dieser Tatsache nichts. 

Nun kann dem entgegengehalten werden, daß die Praxis es doch 
in unzähligen Fällen bewiesen habe, daß die Kreuzungstiere in ihrer 
Vererbung um so sicherer werden, je mehr Generationen hindurch die 
Veredtungskreuzung zur Anwendung kommt, je kleiner also der Anteil 
des zu verdrängenden Blutes sich stellt. Auch das stimmt, worauf 
F 1 a t e hinweist^), mit den Mendel sehen Regeln überein. Bezeichnet 
man mit D D das anzustrebende Vollblut und mit R R das zu ver- 

') Hierfür bringt W a 1 1 h e r (Beiträge zur Kenntnia der Vererbung der 
Pferdefarben. Hannover 1912. S. 39) ein int«re8Banl«H Beispiel. Die in Trakehnea 
zur Zucht benutzte Scheckstute „Radieschen" hatte in den ersten drei Qenoiationea 
je einen, in der vierten und fünften Generation je zwei Schecken zu Vorführen. 
Nach der Blutsanteilberechnung führt sie hochateoB '/,, Scheckblut (wahracheinlioh 
noch weniger). Gepaart mit einem Vollbluthengst, in dessen Adern beBtimmt kein 
Boheckblut roUte, brachte sie ein Fohlen, da« mit '/„ Scheckblut, des epirtatisohen 
Charakters des Faktors der Scheckfarbe w^^n, ein Scheck war. 

■) PI ate, Vererbungslehre. Leipcig 1913. S. 486. 



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VI. Reinzucht und Kreuzung. 



drängende gewöhnliche Blut und nimmt man an, daß in jeder Gene- 
ration zwei Junge geworfen würden, bo erhält man folgende Typen: 
P. D D X R R 



^1 


V, Blut 


2DBX DD 


r. 


V4 Blut 


{2DD-|-2DR)xDD 


F» 


7, Blut 
w/„ Blut 


(4DD-|-2DD-|-2DR)XDD 


*■. 


8DD-t-4DD-|-2DD + 2DR 



Tatsächlich bringt es also die Anpaarung mit Vollblut dahin, daß 
in jeder Generation die D D-Typen zunehmen und die D R-Formen 
mehr zurücktreten. In Wirklichkeit handelt es sich ja aber nicht um 
eine einzelne, sondern um viele unabhängig voneinander vererbende 
Eigenschaften. Weiter hat das gewöhnliche Blut nicht lauter rezessive 
und das Vollblut nicht Uuter dominaute Merkmale. Hier greift nun, 
und das ist die aueschla^ebende Tatsache, die Zuchtwahl unter- 
stützend ein. Tiere mit unerwünschten Merkmalen werden von der 
Weiterzucht ausgeschieden und nur solche mit vorteilhaften, d. h. dem 
Vollblut ähnlichen Merkmalen als Zuchttiere benutzt. Im obigen Bei- 
spiele verschwinden auf diese Weise die D R-Individuen zugunsten der 
D D-Typen. Die tatsächlichen Ergebnisse stehen also mit den wissen- 
schaftlichen Vererbungsregeln nicht in Widerspruch, aber die Rechnung 
™it Vs. 'U »•s'"'- Blut ist trotzdem falsch. Die Anpaarung allein führt 
nicht, wie es nach dieser Rechnung den Anschein hat, schematisch zur 
völligen Veredlung, sondern die Zuchtwahl muß in den folgenden 
Generationen die in immer kleinerer Zahl auftretenden Heterozygoten 
ausschheßen. Jeder Züchter weiß, daß in völliger Übereinstimmung 
mit diesen Gesetzmäßigkeiten auch in den späteren Generationen Rück- 
schläge auftreten können und daß er diese ausmerzen muß. 

Während, wie schon oben erwähnt, Kreuzungsprodukte, die aus 
der Blutmischung verschiedener Rassen hervorgehen — sog. erste 
Kreuzungen —, sich in der Regel auch unter bescheidenen Haltungs- 
verhältnissen durch eine günstige Kärpereiitwicklung auszeichnen, 
schreitet diese bei fortgesetzter Veredlung nicht in dem gleichen Maße 
fort, im Gegenteil, die Tiere werden zwar in der Regel gefälliger in 
ihrer äußereu Erscheinung, aber auch feiner, leichter und im Futter 
anspruchsvoller, Beobachtungen, wie man sie beispielsweise bei der 
UmzUchtung der Landschläge mit Simmentaler Bullen leider immer 
wieder da beobachten kann, wo Boden und Haltung den höheren Da- 
seinsanspruchen nicht Rechnung tragen. Die ersten Kreuzungen da- 
gegen scheinen sich geradezu von dem Einfluß der Scholle unabhängig 
Pnscb-Haniea, Allgemeine Tierzaeht. 3. Axfl. 22 



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338 <'>- Abecbnitt. Die Züchtung. 

zu machen*); jedenfalls ist das beseete Wachstum auf eine ErhdhuDg 
dei vitalen £iiei^ie, eine Stärkung des Nervensystems und eine damit 
im Zusammenhang stehende Steigerung der physioli^iischen Tätigkeit 
des Magens zurückzuführen, die beide mit der Zunahme der Veredlung 
ihre Spannkraft allmählich wieder verlieren. 

Sofern man geeignete Ausgangsformen benutzt und die Kreuzungs- 
produkte in den folgenden Generationen zielbewußt weiterziichtet, kann 
man auf diesem Wege neue Formen herausbilden, welche die Vorzüge 
verschiedener Stammtypen in sich vereinigen, ohne deren Kachteile zu 
besitzen (S. 244). Unter Benutzung der Verwandtachaftezacht hat 
man es dann in der Hand, homozygote Individuen zu schafien. Eine 
planmäßige Zuchtwahl muß unterstützend eingreifen. Daß auch bei 
unseren Haustieren auf diesem Wege wertvolle Kulturrassen entstanden 
sind, wurde bereits S. 256 besprochen. Der Orlofitraber, die englischen 
Vollblut-, die Halbblutpferde, femer die Shorthomrinder, die englischen 
Fleischschaf- und Schweinerassen usw. sind Beweise bierfür. 

Auf diesem schwierigen Wege zUchterischer Betätigung wirkliche 
Erfolge zu erzielen, wird aber nur dem einzelnen, besonders befähigten 
und scharf beobachtenden Hochzüchter beschieden sein, und such ihm 
werden Kackenschläge nicht erspart bleiben. Der DurchBchnittszUohter 
lasse die Finger davon. 

Ob Reinzucht und Kreuzung anzuwenden ist, kann nur von Fall 
zu Fall entschieden werden. Beide Methoden sind, am rechten Ort an- 
gewendet, von Wert; an sich ist keine als die schlechtere oder bessere 
zu bezeichnen. In unserer modernen Tierzucht streben wir aber all* 
gemein zur Reinzucht hin, doch kann es notwendig sein, den Umweg 
über die Kreuzung einzuschlagen. 

VII. Blatelnmlscliiiiig und BlutanffMschung. 

1. Die Bluteinmischung. 

Das Fehlen gewisser Eigenschaften in einem sonst ausgeglichenen 
und wertvollen Viehschlage kann Veranlassung geben, Blut einer andern 
hochwertigen Rasse zu benutzen. Es handelt sich auch in diesem Falle 
um Kreuzung. Aber man will den Grundtyp erhalten und nur nach 
einer Richtung eine Veränderung vornehmen. Vom Standpunkt der 
Vererbungslehre kommt die Bluteinmischung darauf hinaus, daß die 



') Anch in d«r Pflanzenzucht ist diese Tatsache bekannt; die Gärtner sprechen 
geradezu von einem „Lusurieren" der Baatarde. 



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VII. Blnteinraischung und BlaUuffrischung. SRO 

ZusammenBetzuQg dei Erbmasse in dem Faktor für ein ganz bestimmtes 
Merkmal verändert weiden, sonst aber bestehen bleiben soll. So kann 
man bei Pferden Nerv und Drahtigkeit, bei Kindern und Schafen Früh- 
reife und Mastfäbigkeit, bei Schweinen die Konstitution verbessern, im 
übrigen aber die Eigenschaften der Zucht erhalten wollen. 

Ein solcher Plan erfordert besonderes Geschick und ist mit Vor- 
sicht durchzuführen, weil viel auf dem Spiele steht. Man läßt einige 
der besten weiblichen Tiere von einem männUchen desjenigen Schlages 



belegen, den man zur Verbesserung für geeignet hält. Von den aus 
dieser Faanmg hervorgehenden Nachkommen wählt man diejenigen aus, 
welche zwar in der gewünschten Richtung beeinflußt sind, also in ihrer 
Erbmasse den angestrebten Faktor zu enthalten scheinen, sonst aber 
dem alten Typ am meisten entsprechen. Sie werden dann mit typischen 
Tieren der bisherigen Zucht gepaart, um den Geaamtcharakter des 
Schlages möglichst zu erhalten. 

NatürUch liegt der Schwerpunkt hier gewöhnlich mehr in der 
männlichen Nachzucht, und wenn aus ihr ein Tier hervorgebt, das 
drahtiger oder mastfähiger ist, als das sonst bei den Individuen des 



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f)40 •''■ Abechnitt. Die Züchtung. 

Schlages der Fall zu sein pflegt, sonst aber alle Vorzüge des letzteren 
aufweist und beide Richtungen vererbt, so kann es der einheimischen 
Zucht große Dienste leisten. 

Solche Versuche hat man in Oldenburg mit der Bedeckung einzelner 
Stuten durch Trakehnet- {Fig. 142) und Cellethengste gemacht. Arabische 
Hengste haben in einzelnen Zuchtgebieten die Nervigkeit von Halb- 
blütern gesteigert. In Unterfranken wollte man in früherer Zeit durch 
Einmischung von Shorthornblut die Frühreife des einheimischen gelben 
Rindes verbessern. In das bayrische .Rotvieh wurde zum gleichen 
Zweck Devonblut eingemischt, und der Westerwälder Bulle Herkules 



(Fig. 143) verdankt wohl einer solchen bei seinen Vorfahren stattgehabten 
Bluteinraischung seine körperlichen Vorzüge, die er dank seiner hervor- 
ragenden Vererbungsfähigkeit über den ganzen Westerwald verbreitet 
hat. Einzelne Zuchten schwarzbunten Niedemngsviehes — aber außer- 
halb der Küstengegenden mit ihren Hochzuchten — haben schwarz- 
weiße Freiburger Schecken zur Steigerung des Gewichtes und zur Kräfti- 
gung der Konstitution eingeführt'). 

Im allgemeinen wird über solche Bluteinmischungen nicht viel 
bekannt; meist ist der Züchter bestrebt, ein solches Vorgehen geheim 
zu halten. 



') Jahrbuch für nisBensohaftliche und praktische Tierzucht, VIIL Jahrg. 
Hannover 1913. S. 66. 



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VII. BluteinmiBcbung and BlutauHrischung. 



2. Die BhitautfrischiuiK. 

Während sich der Züchter bei der BluteinmiBchiing andrer Rassen 
bedient, beruht die Blutauffriachung auf einer Zufuhr von Blut aus 
einet und derselben Rasse, ist also stets Reinzucht und kann sogar In- 
zucht sein. Blutauffrischung wird in solchen Zuchten vorgenommen, 
die eines verhältnismäßig geringen Bestandes wegen nicht in der Lage 
sind, eine nahe Verwandtschaftszucht zu vermeiden, oder die sich unter 
andern klimatischen und Haltungsverhältnissen befinden, als sie die 
verpfianzten Stämme in ihrem Ursprungsgebiet genossen. 

Hält z. B. ein Züchter eine Herde von zwanzig Kühen und einem 
Bullen, so muß er, sofern er nicht fremdes Blut einfuhrt, sehr bald in 
enge Verwandtschaftszucbt geraten, denn schon nach kurzer Zeit muß 
der Bulle entweder seine Töchter oder seine Halbgeschwister decken. 
Es wird zur Vermeidung dessen entweder ein Bulle oder aber auch eine 
tragende Kuh gleicher Rasse gekauft, deren männliches Produkt dann 
die Blutauffrischung bewirkt. 

Die letztere ist ferner notwendig, wenn Zuchtstämme anspruchs- 
voller Kulturrassen in Gegenden mit weniger günstiger Scholle ver- 
bracht werden, und zwar um so eher, je mehr die Verhältnisse in der 
neuen Heimat von denen in der alten abweichen, und je größer die 
Anforderungen an die Milch- oder Fleischleistung sind. Die Tiere 
degenerieren dann, werden schwächer im Rumpfe und leichter in den 
Gliedern, nehmen, auf Mast gestellt, schwerer zu, und die ganze 
Lebensfrische ihrer Nachzucht läßt zu wünschen übrig. Manche Rinder- 
schläge blassen auch in der Farbe ab. Selbst wenn mehrere derartige 
Zuchten in einer Gegend vorhanden sind, und demgemäß Blutaustausch 
vermittelt und Verwandtschaftszucht vermieden werden kann, bleiben 
die oben angeführten Folgezustände meist nicht aus, und es ist besonders 
die Verfeinerung und Überbildung, die sich mit VorHebe einstellt. Blut- 
aufftiscbtuig durch Tiere, die einer züchterisch bewährten und natur- 
gemäß gehaltenen Herde entstammen, bewirkt dann oft Wunder, und 
namenthch wenn sie durch solche Tiere aus dem Mutterlande des Schlages 
erfolgt. Das körperliche Gedeihen wird bald besser, und der frischere 
Wuchs und die intensivere Futterausnutzung machen die Zucht wieder 
lohnender. 

Umgekehrt können sich auch überbildete Zucbtstämme und -tiere 
ohne Blutauffrischung in ihrer Konstitution erholen und für die Zucht 
und die Nutzung wieder wertvoll werden, wenn man sie von Jugend 
auf in natürliche, abhärtende, für die Entwicklung ihrer Lebensenergie 



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342 5' Abschnitt. Die Züchtung. 

und Leistungsfähigkeit günstige HaltungeverliältniBBe versetzt, ein Vor- 
gang, den man mit Regeneration bezeichnen kann. 

Regeneration wird auch nötig, wenn man bodenständige Rinder-, 
Schal- und Schweinehochzuchten in vorsichtiger Inzucht hält und von 
ihnen Höchstleistungen verlangt, wie sie im besonderen Maße in den 
Vorbereitungen zu AuBStellungen zum Ausdruck kommen. Hier empfiehlt 
sich in großen Frivatzuchteti die Haltung mehrerer scharf getrennter 
Blutlinien, von denen man eine oder, wenn es die Verhältnisse gestatten, 
. mehrere einer möglichst naturgemäßen, mit höchster Nutzleistung aller- 
dings nicht vereinbaren Lebensführung unterwirft, deren beste Produkte 
man dann als Regeneratoren verwendet. Hierdurch arbeitet man mit 
ähnlichem, aber mit einem biologisch bzw. physiologisch nicht gleich- 
artigen Blute, durch das man die Lebensenei^e verstärkt, ohne den 
Herdentyp zu beeinträchtigen. 

Die Engländer nennen ein solches Verfahren Interbreeding*}, 
Zwischenzüchtung, und H o e s e h*) spricht hierbei von Fremdzucht, 
eine Bezeichnung, die man nach ihm aber nur vom Standpunkt der 
einzelnen Zucht, nicht aber von demjenigen der „Rassenechtheit" an- 
wenden dürfe. Es handelt sich demnach nur um Fremdblut im bio- 
logischen und nicht im rassetechnischen Sinne, also in scharfer Aus- 
legung um Starkblut und somit bei seiner Benutzung um einen Vor- 
gang, den man am zweckmäßigsten und namentlich im Gegensatz zur 
Degeneration als Regeneration bezeichnen kann. 

Dem Züchter bietet die Bin tauf f rischang weiter ein wertvolles 
Mittel zur Verbesserung seiner Herde. Die Beschaffung zweckent- 
sprechend gewählter guter Vatertiere kann eine nicht hochstehende 
Durchschnittszucht allmählich veredeln. Den Hoctizüchter stellt die 
BlutauffrischuDg oft vor sehr schwierige Aufgaben. Er kann nur Tiere 
gebrauchen, die mindestens der eigenen Herde gleichwertig oder wenn 
mögUch besser sind. Meist wünscht er diese oder jene Schwäche seiner 
eigenen Zucht durch neuerworbene Vatertiere zu verbessern und ist 
dann, da es ganz vollkommene Tiere nicht gibt, gezwungen, einen' anderen 
Mangel in den Kauf zu nehmen. Hier gilt es Vorzüge und Schatten- 
seiten gegeneinander abzuwägen. Das in Frage kommende Zuchttier 
ist einer sehr sorgfältigen Beurteilung zu unterziehen. Seine Abstam- 
mung ist an Hand der Ahnentafel {S. 347) mit den in der eigenen Herde 
vorhandenen Blutströmen zu vergleichen. Vielfach handelt es Jsich 

') De Chapeaurouge, Einiges über Inzucht. Hamburg 1909. S. 74. 
') Die Inzucht und die PSegc der Blutlinien tnt praktischen Zuchtbetriebe. 
Deutsche landw. Tierzucht 1908. S. 241. 



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Vm. Die Insuoht. 343 

darum, Anschluß an die gleichea Vorfahren in früheren Generationen 
zu gewinnen. Blutauffrischung in dem hier besprochenen Sinne kann 
weite Inzucht sein, sie will nur die engere Verwandtschaftspaarung ver- 
meiden. Ist endlich nach reifÜcher Überlegung der Entschluß zum 
Erwerbe eines derartigen Tieres gefaßt, dann wird der Ankaufspreis 
nicht so sehr wesentlich ins Gewicht falten. Wohl aber ist die Ver- 
erbung abzuwarten, weil Überraschungen unangenehmer Art immer, 
noch denkbar sind (S. 242). 

Ähnlich einer Blutauffrischung kann es wirken, wenn Zuchtvieh in 
ganz andere Verhältnisse verpflanzt wird. Tiere, welche lange Zeit genau 
den gleichen klimatischen Boden-, Haltungs- und Emäbrungsverhält- 
nissen ausgesetzt sind, und deren Konstitution vielldcht durch hoch- 
gespannte Anforderungen an die Leistung in Verbindung mit naher 
Verwandtachaftszucht reichlich fein geworden ist, können hinsichthcb 
des Fortbestandes der Zucht bedenklich erscheinen. Bringt man solche 
Individuen in ganz andere äußere Verhältnisse, so erfährt ihre Lebens- 
kraft neue Aiir^;ung und ihre Kachkommeu können dann; ohne Zufuhr 
fremden Blutes, sofern sie in die alte Zuchtheimat zurückgebracht 
werden, mit verwandten Tieren gepaart, sich genau so verhalten, als 
ob eine Blutauffrischung stattgefunden hätte. Man muß hier an eine 
somatische Einwirkung denken, die auch das Keimplasma nicht un- 
beeinflußt läßt. Erfahrungen dieser Art hegen vor mit englischen Voll- 
blutpferden, Shorthom-, Jersey-, Guemseyrindem im Austausch mit 
Amerika und auch Australien, und gelegentlich sind hieraus den Züchtern 
erhebliche Vorteile entstanden. 

TIU. Die Inzneht. 



Unter Inzucht versteht man bei strenger theoretischer Auslegung 
des Begriffs die Zucht innerhalb einer abgeschlossenen Herde ohne 
Zuführung fremden Blutes von außen. Wenn jemand eine große Schaf- 
herde hat und ausschließlich die Produkte dieser Herde weiterzüchtet, 
30 treibt er Inzucht, wie es ja in einzelnen Stammherden üblich ist. Diese 
Art der Inzucht ist in großen Beständen eine Zeitlang ohne Verwandt- 
schaftszucht möglich, und Inzucht braucht deshalb nicht unter «llen 
Umständen, sie wird aber der Regel nach, besonders in kleineren Heiden, 
auch gleichzeitig eine Verwandtschaftszucht sein. 

Bei der Inzucht kann es sich weiterhin um Reinzucht oder 
Kreuzungszucht handeln. So wird Inzucht getrieben, wenn eine Herde 



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34-4 Q' 'Abschnitt Die Zücbtung. 

weiteigezüchtet wird, die duicli Holländer Kühe und einen Holländer 
Bullen oder durch Holländer Kühe und einen Simmentaler Bullen be- 
gründet ist. Ersteres ist Reinzucht, letzteres Kreuzungazucht, 

Diese Definition des BegrüTs Inzucht läßt sieh aber heute nicht 
mehr aufrecht erhalten. Man versteht jetzt unter Inzucht ausschließhch 
Verwandtschaftszucht. Ich werde mich diesem Sprachgebrauch an- 
schließen und Inzucht nur in dem Sinne von Verwandtschafts- 
z u c h t auffassen. Will man für den alten Begriff Inzucht nach einem 
Ersatz suchen, so kann man ihn in der Bezeichnung „geschlossene 
H erden zucht" finden. 



2. Vwwandtschift und Absfammung In begrlfflMiw Bezieliunc. 

Der Grad der Verwandtachaft wird nach folgenden Gesichtspunkten 
bestimmt. Stammt ein Individuum von einem andern ab, so sind beide 
in gerader Linie miteinander verwandt — Mutter-Sohn, Groß- 
mutter-Enkel. — Der Vater ist mit dem Sohne in absteigender, 
der Sohn mit dem Vater in aufsteigender Linie verwandt. Zwei 
Individuen sind in der Seitenlinie miteinander verwandt, wenn 
sie von ein und demselben dritten Individuum abstammen — Ge- 
schwister. Haben sie Vater und Mutter gemeinsam, so heißen sie 
Voll-, haben sie nur Vater oder nur Mutter gemeinsam, Halb- 
geschwister; letzteres ist bei Tieren die Regel. — Der Grad des ver- 
wandtschaftlichen Verhältnisses geht aus dem Schema Fig. 144 hervor: 

Stammutter a und Sohn b 1,^1 i r - ■ 

- , J I. Grad, gerade Lmie. 

a „ Tochter c ) "' 

a „ Enkel d | ,, „ . . t 

^ , ,. J II. Grad, gerade Lmie. 
a „ Enkelin e ) ** 

Sohn b und Tochter c II, Grad, Seitenlinie — Geschwister, 
Stammutter a und Urenkel f oder Urenkelin g III. Grad, gerade Linie. 
Sohn b und Enkelin e III. Grad, Seitenlinie — Onkel, Kichtc, 
Enkel d und Enkelin e IV, Grad, Seitenlinie — Geschwisterkinder, 

Vetter und Base. 
Sohn b und Urenkelin g IV. Grad, Seitenlinie. 
Enkel d und Urenkelin g V. Grad, Seitenlinie. 
Urenkel I und Urenkeün g VI. Grad, Seitenlinie — Ander- 

Geschwisterkind er . 
Die Eltern und Voreltern eines Tieres heißen Ahnen, die Kinder 
und Kindeskinder Nachzucht oder Nachkommen. 



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VIII. Die Iniuoht. 34,5 

Jedes Individuum hat in jeder rückwärtigen Generation oder 
Ahnenreihe eine bestimmte Zahl von Ahnen, so in der 
I. Ahnenreihe 2 Eltern, 
II. „ 4 Großeltern, 

III. „ 8 U^roßeltem, 

IV. „ 16 Ururgroßeltem, 

somit verdoppelt sich also die Zahl der Ahnen in jeder weiteren Ahnen- 
reihe, sofern nicht ein sog, Ahnenverlust dadurch eintritt, daß 
einzelne Individuen in früheren Ahnenreihen mehrfach vorkommen. 
Kinder von Geschwistern haben nur 2 Großeltern, und somit in der 

t. SlixmnaUüf 

% 



3 UrenJttim 

I 

■ 3 FrurcwAeZ o JJrwey^elin 

Fig. IM. Erllnterang des T«rv>ndt8ch&ICagndes. 

n. Ahnenreihe einen Verlust von 2 Ahnen. Kinder von Gescbwister- 
kindem haben zwar 4 Großeltern, aber nicht 8, sondern nur 6 Urgroß- 
eltern und somit in der III. Ahnenreihe einen Verlust von 2 Ahnen. — 
Demnach ist die Zahl der Ahnen wohl theoretisch leicht zu berechnen, 
in Wirklichkeit dürfte ne aber fast ausnahmslos an der mathematischen 
Voraussetzung wesentliche Einbußen zeigen. Die Ahnen sind indessen 
selbst beim Menschen gewöhnlich schon von der III. Generation^) ab 
nicht mehr nachzuweisen, denn die wenigsten wissen, wer ihre Urgroß- 
eltern waren. 

Den Nachweis der Abstammung liefert die Ahnentafel oder 

*) Lorenz, Lehrbuch der gesamten wissenschaftlichen Genealogie. Berlin 
189S. 8.28«. 



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5. Absotuutt. Die ZUcbtung. 



das P e d i g r e e>), letzteres fälschlich Stammbaum genannt und erstere 
wenigstens nicht zweckmäßig als Stammtafel bezeichnet. 

Bei einem Baume kommen aus dem Stamme die Äste, aus den 
Asten die Zweige, aus den Zweigen die Blätter, es ist somit der 
Stammbaum im eigentlichen Sinne keine Ahnen-, sondern eine 
Kachkommentafel, die es dem einzelnen Individuum nur ermöglicht, 
seinen Ursprung auf eine bestimmte Person zurückzuführen, die aber 
mit einem eigentlichen Abstammungsnachweis, den man gewöhnUch 
unter einem Stanunbaum verateht, nichts zu tun hat. 

Unter einer Stammtafel verstehen die Genealogen den Nach- 
weis derjenigen Individuen, die sich im Kreise der Deszendenten eines 
Eiterapaares bewegen — Blutströme, Blutlinien—, und des- 
halb sollte man es, um BegrifTsverwirrungen auszuschließen, in der 
Tierzucht vermeiden, die englische Bezeichnung Fedigree durch das 
Wort Stammtafel zu ersetzen, sondern hierfür nur die Bezeichnungen 
Ahnentafel oder Abstammungsnachweis gebrauchen. 

Ahnentafel — Pedigree — und Nachzuchttafel — Stammtafel — 
müssen in der Darstellung eine deutliche Kennzeichnung der Geschlechts- 
reihen aufweisen, weil sonst jede Übersichtlichkeit verloren geht. 

Man nennt nun ein Tier ingezücbtet — inbted — , wenn 
in seiner väterlichen und mütterlichen Ahnenreihe das gleiche Tier 
einmal oder mehrfach vorkommt, und zwar ist die Inzucht um so weiter, 
je entfernter der gemeinsame Ahne von dem ingezüchteten Tiere auf 
der Ahnentafel steht. Zwei Individuen sind miteinander verwandt, 
wenn sie ihre Abstammung auf einen gemeinsamen Ahnen zurück- 
führen. Bei der V. Generation pflegt man praktisch nicht mehr von 
Verwandtschaft zu sprechen (Urururenkel). 

Der Verwandtschaftsgrad wird nach freien Generationen oder nach 
Removes — Ahnenreihen — bemessen. Unter freien Genera- 
tionen versteht man nach Graf Lehndorf f*), der diesen Aus- 
druck in die hippologische Wissenschaft angeführt hat, die Summe 
von Ahnenreiben, die zwischen den gepaarten 
Eltern des zu beurteilenden Tieres und dem ge- 
meinsamen Ahnenstehen. Remove (von removere = ent- 
fernen) heißt Verwandtschaftsgrad oder Ahnenreih e*). 

*) Dm Wort Pedigree Btomint von dem altfranzösischen pied de gme =• Kraniob- 
fuB ab, womit das Zeichen gemeint ist, das bei der DarsteUang der Ahnentafel ver- 
wendet wurde. 

■) Handbuch für Pferdezüchter 1896. S. 239. 

») De ChapeaBTOuge, Sportwelt 1908. Nr. 174. 



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VIII- Die Inzucht. 



347 



Ahnentafeln und Blutlinien sind Einrichtungen, die im modernen 
Zuchtbetriehe eine große Rolle spielen, sie müssen desh&lb einer ge- 
sonderten Betrachtung unterworfen und an Beispielen erläutert werden. 

a) AhnentafiBlii. 

Die ersten Fedigrees sind von dem Engländer W a 1 s h um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts aufgestellt. An ihrem weiteren Aus- 
bau haben dann der Australier Bruce Lowe, in Deutschland Graf 
Lehndorff und ganz besonders eingehend de Chapeaurouge 
gearbeitet. Des letzteren Vorschläge für die Anordnung der Fedigrees 
sind von der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde übernommen; 
für das Fremdwort Fedigree ist hier die deutsche Bezeichnung Ahnen- 
tafel zur Anwendung gekommen*). 

Derartige Ahnentafeln sollen durch drei Beispiele veranschaulicht 
werden : 

1. Beispiel. 







noverschen 


Hengstes Weiser. 




1 


1 


WeUington 


Weltmann xi 


Chamant xx 
Vergißmeinnicht"" 


- 


Joca 


^ Julius 


.- 


Stnte von Athorny Ueoenl -x 


Ammer 


■ Adeptus XX 


Adonis xx | 


Li»na XX 1 


Stute von 


Nordlicht 




Alhambraatute 


s 

J 


■ AdeptuB H 


AdoniiB XX 


Grifflston xx 1 




i 


Liane 


Tuba XX 


Jeneetina 


Julianus 


^ Julius 1 




H 


Nehrung 


Nero 


Reinecke der Fuchsstute | 



Enge Inzucht. 



•) fiin für UnlerrichtSEwecke bestimmtes „Übungsheft für die Anfertigung 
von Ahnentafeln" kann von der Deutechen Gesellschaft für Züchtnngakunde be- 
zogen werden (25 Pf.). Auch Formulare für Ahnentafeln (100 Exemplare M. I.IO), 
sowie Stempelkästen mit den notwendigen Zeichen und Farbkissen (7 M.) sind von 



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348 S' Abschnitt. Die ZUchtnng. 

Zur Anordnung der Ahnentafeln ist zunächst zu bemerken, daß 
die mittlere starke Linie die Trennung in die oben stehenden väter- 
lichen und die unten stehenden mütterhchen Vorfahren bewirkt. Auch 
bei gesonderter Betrachtung der beiden Hälften stehen die männlichen 
Ahnen stets oben, die weiblichen unten. Etwaige Zahlen hinter den 
Namen (Beispiel 3, S. 351) stellen die Herdbuchnummem dar. In den 
beiden ersten Beispielen sind die Vorfahren für vier Generationen nach- 
gewiesen; man hat diese wohl „halbe" Ahnentafeln genannt. Legt 
man derartige halbe Tafeln von zwei miteinander gepaarten IHeren 
untereinander, so hat man die Ahnentafel für die zu erwartenden Nach- 
kommen und zwar für 5 Generationen. Für gewöhnlich beschränkt 
man sich auf 5 Generationen, doch kann man auch noch weiter zurück- 
gehen, wie dies in Beispiel 3 geschehen ist, oder auch grundsatzHch 
die ersten 7 Generationen berücksichtigen. Eine derartige Ahnentafel 
ist sehr übersichtlich angeordnet. 

In der ersten (I.) Ahnenreihe stehen die Eltern, in der zweiten (II.) 
die Großeltern, in der dritten (HI.) die Urgroßeltern, in der vierten (IV.) 
die Umrgroßeltem, und in der fünften (V.) die Urururgroßeltem. Findet 
sich nun ein und dasselbe Tier an mehr als einer Stelle der Ahnentafel 
verzeichnet (Beispiel 1 Adeptus und Julius), so ist auf diese Tiere 
Inzucht getrieben. 

Der Hengst Welser ist ingezüchtet (englisch inbred) auf Adeptus xx'). 
Dieser steht auf der mütterlichen Seite, die immer zuerst aufgeführt 
wird, in der II., auf der väterlichen Seite in der III. Ahnenreihe. Man 
drückt dies wie folgt aus: Welser ist in der II. — III. Ahnenreihe (Remove) 
auf Adeptus ingezUchtet. Anders ausgedrückt würde es heißen: Welser 
ist hervorgegangen aus einer Paanmg eines Enkels mit der Tochter von 
Adeptus (gepaart sind Neffe und Tante); er ist ein Produkt einer engen 
Inzucht. 

Wir finden im Beispiel 1 noch eine weitere Inzucht auf den Hengst 
Julius. Er tritt in der IV. Ahnenreihe einmal ala Vater der Stute Joca 
und das andere Mal als Vater des Hengstes Julianus auf. Welser ist in 
der IV. — IV. Ahoenreihe (abgekürzt AR) auf Julius ingezüchtet. Wollte 
man nicht nach Ahnenteihen, sondern nach freien Generationen rechnen, 
so ist hierbei nicht von dem Tier selbst, sondern von dessen Eltern aus- 

dort — Berlin -Halensec, Seesener Str. lö — zu beziehen. Eine eingehende und 
kitkre Darstellung der Chapeaurouge sohen Methode Andet eich inSchmehl, 
Inzuchtstodien in einer deutschen RambouiUetachäferei. Arbeiten der Deutschen 
Geaellsohaft für Züchtungakunde. Heft 15. Hannover 1912. 
') XX bedeutet: Englisches Vollblut. 



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VIII. Die Imuoht. 349 

zt^ehen und auch t^e Generation, in welcher der gemeiDSchaftliche 
Ahne steht, nicht mitzurechnen. Bei dem Begrif! der freien Generation 
nimmt man gewiBsermaßen an, daß das Blut des gemeinBamen Ahnen 
zur Entstehung des neuen Individuums in dessen Eltern zusammenflieBt. 
Die mütterüche und väterliche Seite der Ahnentafel wird bei diesem 
Verfahren in eine Zahl zusammengefaßt. Machen wir uns dies zunächst 
einmal am Verhältnis von Welser zu seinem zweifachen Ururgroßvater 
Julius klar. Weiser (oder richtiger seine Eltern Wels-Adlante) ist — 
Jenestina- Adeptus; Ammer-WeUington ; Nehrung- Juhanus-Liane-Adonis; 
Stute von Nordhcht-Adeptus-Joca-Weltmann — 4 freie Generationen 
von Julius entfernt. Dementsprechend ist zwischen ihm und seinem 
Groß- bzw. Urgroßvater Adeptus nur eine — Ammer- Weih ngton — freie 
Generation. Rein schematisch findet man die freien Generationen, wenn 
man von der Summe der Ahnenreihen 4 abzieht, also im Beispiel 1 in der 
Stellung von Weiser zu Julius IV + IV — 8 — i — i, zu Adeptus 
11+111=5 — 4 =1. 

Beim Lesen der Ahnentafeln nennt man zuerst den Vater, dann die 
Mutter. Vielfach ist es gerade bei Pferden üblich — auch in Stutbüchern 
— von den weiter zurückliegenden Generationen nur die mütterliche 
Abstammung zu verfolgen. Man setzt dabei voraus, daß die väterliche 
Abstammung jedem Züchter bekannt ist. Für Weiser würde es dann 
wie folgt heißen : Welser von Wels aus der Adlante, von Adeptus aus der 
Jenestina, von Juhanus aus der Nehrung, von Nero. (In der IV. Ahnen- 
reihe wird vielfach nur noch der Hengst, nicht mehr die Stute genannt.) 
Mitunter werden „von" und „aus der" auch wohl bloß durch einen Binde- 
strich ersetzt, also : Welser — Wels-Adlante — Adeptus- Jenestina — Julia- 
nus-Nehrung — Nero. Ist schon diese Schreibart nur für den Eingeweihten 
verständUch, so wird es erst recht schwer, wenn, wie es in der Pferde- 
zucht oft vorkommt, die Stute keinen Namen erhält, sondern nur als 
„Stute von" (jetzt folgt der Name ihres Vaters) bezeichnet wird, so daß 
hinter dem Strich sofort der Name dieses Hengstes steht. In unserem 
' Fall also: Welser von Wels und Adlante- Adeptus- Julianus- Nero. Die 
Ahnentafel bietet jedenfalls ein sehr viel klareres Bild der Abstammung. 
Um eine stattgehabte Inzucht und außerdem den gemeinsamen 
Ahnen sofort zu erkennen, bezeichnet de Chapeaurouge den 
letzteren an jeder Stelle der Ahnentafel mit einem bestimmten Zeichen. 
Man unterscheidet volle Zeichen ■ ^ 9 | ^B ^ i^ 4t und 
hohle Zeichen Q [>. Das gleiche Zeichen darf in der Ahnentafel 
immer nur ein und demselben Tier gegeben werden, wie es Beispiel 1 
für Adeptus (■) und für Julius (^} andeutet. 



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5. Abschnitt. Die Zücbtting. 



Im Beispiel 2 ist der Hengst Constabler auf Norfolk ingezogen. 

2. Beiapiel. 
AhneDtafel deahattttoverachen Hengstes Constabler. 



6 


1 


Colorado 


OptJmuB 
Ceder 


Odoudo 1 


Optima 1 


Chamant zx 




Calpnmiii 


Stute von 


WeiBenburg 

Stute von 


# Norfolk 1 


Zemebogstute 




Jaspis 


Athlet-Stute | 


1 


Schlucker 


Schlötter 


NabockUflh 






Stute von 


Bravo II 


St. V. • N^folt 1 


Stute von 


Nordlicht 


# Norfolk 


■ 


Stute von Y Confederet 


Stute von 


Stout 


— 



MäBige Inzucht. 

Er steht zu ihm in der IV. — IV. Abneateihe oder weist 4 freie Gene- 
rationen auf. Es handelt sich um eine mäßige Inzucht. Übrigens findet 
sich der Hengst Norfolk auch noch in der V. Ahnenreihe, ist im ganzen 
also dreimal vertreten. Constabler ist demnach in der IV. , V. — IV. Ahnen- 
teihe auf Norfolk ingezogen. 

Komplizierter liegen die Verhältnisse im Beispiel 3, wo mehrfache 
Inzucht vorhanden ist und wo deshalb die Bedeutung der Zeichen be- 
sonders klar zum Bewußtsein kommt. 

Die Kuh Undine 8348 stammt ab von Elso II 34 und Walküre 7819. 
Undine ifrt in der V. — V. Ahnenreihe (6 freie Generationen) auf Mata- 
dor 589 ingezogen. In der V. und VI. Ahnenreihe findet sich Matador 
im ganzen 6mal. Man spricht von einer „Häufung des Matadorbluts". 
Bei der Undine findet sich aber weiter in der V. — VI. Ahnenreihe (7 freie 
Generationen) Inzucht auf Primus 91 und in der VI. — IV. Ahnenreihe 
(6 freie Generationen) auf Bernhard 778. Betrachten wir uns nun den Auf- 
bau der Ahnentafel im einzelnen zunächst hinsichtUch der beiden Eltern- 
tieie der Undine, so weist deren Abstammung durch die Gemeinsamkeit 



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VIII. Die Inzucht. 



3. Beispiel 
Ahnentafel der oatfrieBiBchen Kuh Undine 



jlirinhafd 2072 



Eleonore 6392 



Heinrich 1386 



Lottohen 2416 ^[^ ,„ 



I Matador M» 



Roland 1088 



■1 Hatftdor 589 
■ AhoA 2560 



n) T ■ Matador 589 
* Olga 4817 * WmüB n 



Stnrnt 1213 



Pauline 2843 



© 



Dzian 4237 



Bolle T, Dieken 



Edith» 1817 



Edith 5710 J^* 



Eliriede 7495 



^ Einhorn 



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352 ^- Abschnitt. Die Züchtung. 

des Blutes von Matador, Primus und Bernhard in den hinteren Ahnen- 
reihen eine gewisse Übereinstinunung auf. Else II 34 ist in der 
III. — II. Ahnenreihe (1 freie Gieneration) auf Oskar 1553 und in der 
IV, — III, Ahnenreihe auf Bernhard 778 ingezogen. Matador 589 ist in 
der IV. und V. Ähnenreihe von Elso 2S4 nicht weniger als 4mal vertreten, 
deshalb erhält er auch in den Fällen das Zeichen ■, wo schon sein Enkel 
Oskar 1553 • die Inzucht andeutet. Die Kuh Walküre 7879 geht durch 
ihren Vater Cäsar 1710 in der III. Ahnenreihe 2mal auf Wodan 825 
und in der IV. Ahnenreihe 2mal auf Primus 91 zurUck. Cäsar 1710 ist 
in der II. — II, Ähnenreihe auf Wodan 825 und in der III. — III. Ahnen- 
reihe auf Primus ingezüchtet. Auch die Kuh Edelweiß 6905 ist auf dem 
Wege der Inzucht entstanden. Sie steht in der II. — III. Ahnenreihe 
zu Elmar 1656, in der IV. — III. Ahnenreihe zu Matador 589 und in der 
III.— III. zu Einhorn. Wenn hinter Edith 5710 das Zechen ^ ohne 
Namen steht, so wird damit auf eine andere Stelle der Ahnentafel mit 
demselben Zeichen verwiesen, nämlich auf Bernhard 778, der auch 
Vater der Edith ist. 

Notwendig ist noch eine Erklärung der Hohl zeichen. Sie 
können neben oder auch an Stelle der vollen Zeichen angewandt 
weiden, und sie sollen die Gemeinsamkeit der Abstam- 
mung bestimmter Tiere nach der rein schematiechen Blutsanteil- 
berechnung zum Ausdruck bringen. Im Beispiel 3 gilt dieses zunächst 
für Elso 2011 und Eginhard 2072, welche beide das Zeichen ^ erhalten 
haben. Diese Zahl kommt dadurch zustande, daß man annimmt, der 
Vater beider Bullen, Oskar 1553, habe jedem Sohne Vj wad der gemein- 
same Großvater, Bernhard 778, je Vi> beide zusammen also % Biute- 
anteile mitgegeben. Elso 2011 und Eginhard 2072 enthalten also gleich- 
mäßig "U Oskar-Bemhard-Blut. Genau so hegen die Verhältnisse für 
Sturm 1213 und Agathe 5681, die je % Wodan und Y« Primus, zusammen 
also je % Wodan-PrimuB-Blut aufweisen. Endlich findet sich noch für 
Enzian 4237 und Editha 1817 eine {Jemeinsamkeit der Abstanomung, 
aber die Anteile sind hier verschieden. Die gemeinschaftlichen Ahnen 
sind Elmar, Matador und Einhorn, die für Enzian sämtlich als Groß- 
eltern auftreten, in der II. Ahnenreihe stehen und deshalb je V4> ^^' 
sammen also ^j^ Blutsanteil gehefert haben. Editha ist dagegen eine 
Tochter von Elmar (Yi), eine Enkelin von Einhorn ^^|^) und eine Ur- 
enkelin von Matador (Vb); sie enthält mithin im ganzen '/a Elmar- 
Einhom-Matador-Blut . 

Als ßegel gilt, daß hohle Zeichen erst dann zur Anwendung 
kommen, wenn mindestens '/s Anteile gemeinsamen Blutes vorhanden 



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Vin, Die Inzucht, ' 353 

Bind. Sie stellen eine E^änzung der vollen Zeichen dar, ja, sie können 
sogar unter Weglassung der vollen Zeichen allein zur Anwendung 
kommen, um die Gemeinsamkeit der Abstammung anzudeuten. Nament- 
lich wenn sehr viel volle Zeichen notwendig werden, kann es geraten 
erscheinen, nur dort mit diesen zu arbeiten, wo ein Ahne sehr häufig 
auftritt, wie in Beispiel 3 Matador. Dagegen sind bei Oskar, Bernhard, 
Wodan, Elmar, Einhorn in diesem Falle die vollen Zeichen wegzulassen. 
Daß diese Tiere in der Ahnentafel mehr wie einmal vertreten sein müssen, 
wird durch die hohlen Zeichen zum Ausdruck gebracht, und zwar in 
noch genauerer Weise, weil die Verwandtachaftsverhältnisse besser zum 
Aiisdruck kommen. Letzten Endes kommt diese Bruchrechnung auf 
eine Annendung der G a 1 1 o n sehen Regel (S. 241) hinaus, obgleich 
diese nicht nur vom Standpunkt des Mendelismus aus, sondern auch 
von de Chapeaurouge, der auf einem ganz anderen Boden steht, 
verworfen wird. Letzterer will sie lediglich als Sammelzeichen dafür, 
daß zwei Tiere so und so viel Gemeinsames in der Ahnentafel haben, 
angesehen wissen^). 

Eine Ahnentafel wie die der Undine bezeichnet de Chapeau- 
rouge als konsolidiert. Er versteht darunter eine durch In- 
znchtvorgänge erzielte Befestigung im „Blut", d. h. in der Erbmasse, 
imd damit in Form und Eigenschaften. Notwendig ist hierfür, daß in 
den ersten 3 — i Ahnenreihen ein „Zuchtfaktor", in unserm Beispiel 
Oskar und Bernhard, Wodan und Primus, vorherrschend auftreten. 
Ein gemeinsamer Ahne in der V. Ahnenreihe reicht zur Konsolidation 
nach dieser Auffassung nicht mehr aus und kann höchstens unter- 
stützend auftreten, wenn et, wie im Beispiel 3 Matftdor, häufiger auf- 
tritt. Den Gegensatz zur konsohdierten Ahnentafel stellt das lose 
Pedigree dar, bei dessen Vorhandensein die Vererbung eine weniger 
sichere sein soll. 

Zu erörtern bleibt noch, ob man zweckmäßiger nach Ahnenreihen 
oder nach freien Generationen rechnet. Zwar sprechen hier Übung und 
Gewohnheit mit, aber im allgemeinen dürfte der Rechnung nach Ahnen- 
reihen (Removes) der Vorzug zu geben sein, weil sie die Verhältnisse 
übersichthcher zum Ausdruck bringt. Zunächst lassen sie ohne weiteres 
erkennen, wie stark einerseits die mütterliche und anderseits die väter- 
hche Seite eines Tieres an der Inzucht beteiUgt ist, was bei den in einer 
Zahl zum Ausdruck kommenden freien Generationen nicht zutrifft. Vor 
allen Dingen lassen sich aber die Verwandtschaftsverhältnisse bei einer 

>) de Chapeaurouge, Die Sage von der Gallowaykuh. 20. Flugschrift 
der SeutMbea Gesellschaft für Züchtungskunde, 1912, S. 11. 

PBiab-H*nHen, Allgemeine Tlermcht. 3. Aofl. 23 



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354 



S. Abschnitt. Die Zächtung. 



mehrfftchen Anwendung der Inzucht viel übermchtlicher ausdrücken, 
wenn man nach Ahnenreihen rechnet. Endlich ist letztere Rechnung 
selbst bei engster Inzucht anwendbar, wo freie Generationen nicht vor- 
handen sind, trotzdem die Verhältnisse ungleich sein können, wie folgende 
Beispiele zeigen: 



1. 



Ajax 



Georgine Fritz # Clara David 
2. Ajax 



Benno 



Georgine ^Benno 
3. Ajax 



freie Generation, 

I. — II. Rem. Paarung zwischen 

Sohn Benno und Mutter 

Clara. 

freie Generation, 

II. — I. Rem. Paarung zwischen 

Vater Benno und Tochter 

Clara. 

freie Generation, 

II. — IL Rem, Paarung zwischen 

Halbgeschviistera Chtra und 

Benno. 



# Georgine Anton #Georgine Fritz 

b) Blutlinien. 

Unter einer Blutliuie versteht man in der Tierzucht die von einem 
Stammtier sich ableitende Nachkommenschaft 
nach Generationen geordnet. Je nachdem, ob man sich dabei 
auf männliche oder auf weibliche Tiere beschränkt, spricht man von 
einer männlichen oder weiblichen Blutlinie. Da die 
Nachkommenschaft eines männlichen Tieres sehr viel größer ist als 
diejenige eines weiblichen, so spielen in der Tierzucht die männlichen 
Bluthnien die wichtigste Rolle und mit diesen hat man sich besonders 
eingehend beschäftigt. An dem Beispiel des berühmten hannoverschen 
Hengstes Norfolk*) möge zur Darstellung gebracht sein, wie eine Blut- 
linientafel beschaffen ist (siehe S. 355). 

Diese Hengstlinie weist 5 Söhne, 11 Enkel, 20 Urenkel, 23 Unir- 
enkel und 1 Urururenkel von Norfolk auf. Die 1913 dem LandgestUt 
Gelle angehörenden Hengste sind durch gesperrten Druck kenntlich 

') Ran, Die wichtigsten Blutstrome i 
Berlin 1914. S. 108. 



der hannoverschen Pferdezucht. 



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VIII. Die Inzucht. 



Nadock 



(Nordwei 
\ Norgarth 
(Nadick 



fNnofcet 
\ Nobtemann 



Y. Norfolk Sobra II 
Norgust 



Nordgau 

NoUbel 

Nordgrat 
Nodier 



Nettelbeck 
Nordhäuser — 

Noibeck 
Nordbo 
Nordeafeld 

Nordenberg 

Nordcamp 



Na 


bob II 


No 


rdlandkö 


No 


rdhoff 


No 


rdwig 


No 


venal 


No 


rdlandBO 



Nobrino 
Notandu 



Nogurtba 

Netto 



INords 
Norde 



No 



rney ^ No 



gemacht. Norfolk selbst, ein brauner Hengst mit Stern und Schnippe 
und weißen Hinterfüßen, war aus Mecklenburg eingeführt und wird 
als „aehr groSer, starker Kutschschlag" bezeichnet (Fig. 145). 

Er deckte von 1849 bis 1871 in Hannover 1576 Stuten, die 1059 Fohlen 
brachten. Schon hieraus geht sein ungeheurer Einfluß auf die han- 
noversche Pferdezucht hervor; „jedes hannoversche Pferd führt wieder- 
holt Norfolkblut" (Rau). Wie die obige Tafel aufweist, ist bis 1913 seine 
Tätigkeit dann durch 60 männliche Nachkommen, die sich auf 5 Gene- 
rationen verteilen, fortgesetzt worden. Es leuchtet ein, daß ein derartiges 
Tier von tiefgreifendem Einfluß auf eine ganze Landeszucht werden muß. 



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3. Abschnitt. Die Züchtung. 



In neuerer Zeit sind nun in jedem Zucbtgebiet, wo in der Mehrzahl 
der Fälle auf Anregung der Deutachen Gesellschaft für Ziichtungskunde 
dieBbezUgliche Untersuchungen angestellt worden sind, ähnlich wertvolle 
Vatertiere ermittelt worden. Einzelne Beispiele oii^en genannt sein: 

1. Die Hengste Jupiter und Frince de CondS in der rheiniacheo 
Kaltblutzucht*). 

2. Der Hengst Oppenheim LXII., insbesondere durch seinen Nach- 
kommen Äldrup-Munkedal für das dänische Aibeitepferd*), 



Fig. 11». Heogst Norfolk; IH3 in Mecklenburg geboren, von lUS— IBIl Luid- 

.beachsler In Cell«. 

3. Die Bullen Hamlet und Nelusko und besonders der Ostfrieee 
Primus in der ostpreußischen holländer Rindviehzucht'). 

4. Der Bulle Matador in der ostfriesischen Rinderzucht*). 

5. Der Bulle Junius durch seine Nachkommen Ädlatus und Cal- 



') Frizen, Die wichtigsten Blutlioien des rheinischen Kaltblutes, 1911. 

*) Becker. Die hervorragendsten Stämme des dänischen Pferdes. Wib- 
dorfa Taschenstaminbuch-Bibliothek, Heft 3. 1912. 

') Peters, Über BlutUnicn und Verwandtachaftazuchten, 1909. 

*) G r o e n B w o 1 d. Die iviohtjgsten Blntlinien der ostfriesisohen Rinder, 
1912. 



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Vin. Die Inzucht, 357 

Ifatos bzw. deren Nachzucht, vor allem G!eneral, in der Rinder- 
zucht des Jeverlandea^), 

6. In der Neukirchener Zucht des veredelten Landschweinee der 
Eber Richard*). 

7. Im Zuchtgebiet des hannover-bmunschwei^schen Landschweines 
der Eber Adam'). 

Trotzdem ein Vatertier für eine Landeszucht unleugbar wichtiger 
ist als ein Muttertier, ao beweisen doch die Vererbungaregeln, daß im 
Einzelfalle beide Eltern an der Übertragung der Eigenschaften auf 



Fig. US. OittriesiBcher Bulla Frimua, l'li Jahr alt. Begründer einer der erfolKteichsten 

BlDtllnlen im DBtpreuSiBch«n Herdbuch. 

<Horphat. F. Albert Schwartz-BerÜD, AuastellnDg d. D. L. Q. Königsberg 18»l.) 

das Junge in gleichem Maße beteiUgt sind. Man darf deshalb den Ein- 
fluß der Muttertiere nicht unterschätzen. Hierauf macht R o t h e s 
auf Grund seiner Studien im Jeverlande besonders nachdrücklich auf- 
merksam. Er zeigt, daß unter Umständen eine weibliche Blutlinie eben- 
falls nachhaltigen Einfluß gewinnen kami. Als Beispiel hierfür führt er 
eine Kuh Augusta an, die namentlich durch ihre mit hervorragender 
Vererbungslähigkeit ausgestattete Tochter Pussi einen charakteristischen 
Typ schuf. Aus der Fussifamilie sind durch zielbewußte Paarung nicht 

') R o t h e 3, Vererbungsstudien an den Rindern des Jeverländer Schlages, 1 914. 
') Hoesch, Deutsche landw. Tierzncht 1908. S. 217. 
*) Koehler, Das hannover-braunachweigiBche schwara-weiÖe Landschwein. 
Hildeeheim u. Leipzig 1913. 



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358 5- Abschnitt. Die Züchtung. 

nur wertvolle Kühe, sondern ebenfalls sehr gute BuDen hervorgegangen . 
Die im Jeverlande qualitativ hoch eingeschätzte Nestorlinie ist, wie 
ß o t h e s nachweist, nur durch die typische Vererbungsfähigkeit der 
Nestor II-Töchter erhalten gebUeben. Gerade dieses Beispiel heweist 
schlagend die Bedeutung der weiblichen Tiere, die für die Entwicklung 
einer Landesviehzucht qualitativ den Bullen gleichwertig sind. Auf 
demselben Blatt steht es, wenn de Chapeaurouge es als ein 
Zeichen des Tiefstandes der Zucht bezeichnet, wenn zuviel vom Hengst 
erwartet wfrd^), 

Ahnentafeln und Blutlinien, d. h. Ahnen- und IsTachzuchtforschung, 
sind zwei sehr wichtige Hilfsmittel der Hochziichter unserer Zeit ge- 
worden, und sie beginnen auch in der Landeszucht eine immer größere 
Bolle zu spielen. Jeder Züchter sollte die Ahnentafeln als einen wesent- 
lichen Teil seiner Zuchtbuchführung ansehen. Ihre Aufstellung bringt 
ihn ganz von selbst dazu, sich in den Aufbau seiner Zucht mehr zu ver- 
tiefen und die Vererbungsvorgänge eingehender zu verfolgen, als es 
sonst der Fall ist. Aber anderseits ist nachdrUcldich vor einer rein 
Bchematischen Benutzung der Ahnentafeln zu warnen. Ich erinnere an 
die Ausführungen auf S. 242, die beweisen, daS selbst Tiere gleicher 
Abstammung eine verschieden zusammengesetzte Erbmaaee haben 
können und daß ihre Vererbungsfähigkeit nicht gleich hoch einzu- 
schätzen ist. Auch der Plus- und Minusvarianten ist zu gedenken und 
demgemäß die Individualitat der Zuchttiere scharf im Auge zu bebalten. 
Der Züchter wird von dem Gebrauch der Ahnentafel erst dann wirk- 
lichen Nutzen haben, wenn er die in ihr verzeichneten Tiere in ihrem 
Zuchtwert bzw. in Ihren Zuchtleistungen zu beurteilen in der Lage ist. 
Die Kamen müssen für ihn einen ganz bestimmten Inhalt bedeuten. 
Vor Schematismus kann nicht dringend genug gewarnt werden, und das 
ist ganz besonders nachdrückhch von de Chapeaurouge betont 
worden. Eine gründliche Denkarbeit kann dem Züchter heute weniger 
als je erspart bleiben. 

Die neuere Zuchtforschung zeigt, daß in vielen Fällen eine hervor- 
ragende Zuchtleistung bestimmter Tiere nachweishch erst dann zustande 
gekommen ist, wenn sie mit verwandten Tieren gepaart wurden, d.h. 
wenn sie bei der Paarung in dem Tier des anderen Geschlechts Anschliiß 
an die gleichen oder doch verwandten Blutströme fanden oder, wissen- 
schaftlich ausgedrückt, wenn Erbmassen mit übereinstimmenden Erb- 
einheiten zusammenkamen. Ja, es sind Fälle bekannt, wo Hengste an 

>) de Chapeaurouge, Einiges über Inzucht. Hamburg 1909. S.U. 



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Vin. Die Inaucht. 35i^ 

beetimmten Deckstationen durchaus nicht behiedigten, sich später aber 
auf anderen Stationen als hervorragende Vererber erwiesen, ffach- 
foTBchungen ergaben dann, daß hier der eben erwähnte Anschluß ge- 
funden worden war, während er an der ersten Stelle gefehlt hatte*). 
R o t h e s^) spncht in diesem Falle von einer „relativen Durchschlags- 
kraft" des betreffenden Tieres. Im Gegensatz dazu nennt er es eine 
„absolute Durchschlagskraft", wenn ein männQchee Zuchttier mit bluts- 
fremden weiblichen Tieren gepaart, dennoch eine gute Vererbung zeigt 
und hervorragende Nachkommen Uefert, wie beispielsweise die Nach- 
zucht der Bullen General und Jahn im JeverUnde, Endlich beobachtet 
man unter Umständen, daß ein Vatertier einer bestimmten Blutlinie 
mit gewissen anderen nachweislich nioht verwandten Linien auffallend 
gute Nachzucht liefert. K o t h e s spricht in diesem Falle von „Har- 
monieren zweier BlutUnien" und verweist als Beispiel hierfür auf die 
Nestor-PuBsi-Linie des Jeverländer Kindes. In Ostfneeland hat eine 
Vereinigung von Blut des der Matadoilinie angehörenden Bullen Oskar 
1553 mit demjenigen des Bullen Bernhard 778 besonders gute Nach- 
zucht geliefert*). Der Hengst Norfolk hatte in Hannover so besonders 
große Erfolge aufzuweisen, weil er in dem Blut der zu ihm passenden 
Hengste Zemebog und Jellachich eine so wertvolle Unterstützung fand*). 
Für die Zucht des Jevetlandes hat B o t h e s in umfangreichen 
Untersuchungen das Zusammenfließen der einzelnen BlutfitrÖme, welche 
er durch bestimmte Bezeichnungen hervorhebt, genau verfolgt und 
hierbei nicht nur sein Augenmerk auf die männlichen, sondern auch 
auf die weiblichen Blutlinien gerichtet. Er nennt sein Vorgehen die 
Konfluenzmethode^) und hat hierdurch für eine systematische 
Weiterarbeit in dem Zuchtgebiet zweifellos eine sehr wertvolle Grund- 
lage geschaffen. 

3. Die Eintdluiig dar litzuchL 

Die Inzucht teilt man ein in: 

a) eine mäßige, weite oder entfernte — Weitzucht, 

b) eine enge oder nahe — Engzucht, 

c) eine engste — Inzestzucbt (bei Menschen Blutschande). 

') de Chapeanrouge, Einiges über Inzucht. S. 91. 

*) Rothea a. b. O. S. 18. 

*) G r o e n c w o I d, Abstammung und Verbreitung der oetfriesischen Rinder- 
schlage. 18. Flugichrift der Deutschen Gesellschaft für Ziichtungskunde, 1912. S.O. 

*) de Chapeaurouge, Vererbung and Auswahl, S. 9, und R a u. Die 
wichtigsten Blutströme in der hannoverschen Pferdezucht, 1914. 

') R o t h e s a. a. O. S. IB. 



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360 



5. Abachnitt Die Zücbtimg. 



Diesen drei Methodea steht die Fiemdzucht gegenüber. 

Inzestzucht ist Paarung -zwischen Eltem und Kindern, Großeltern 
und Enkeln und zwischen GeschwiBtem. 

Enge Inzucht iet Paarung zwischen Onkel und Xichte, Taute 
and Neffen und zwischen Geschwisterkindern; was darüber hinausgeht, 
wird dann als mäßige Inzucht bezeichnet. Zu berücksichtigen ist, daß 
es sich bei Tieren in der Begel um Halb- oder Stie^eschwister handelt. 
Es ist demnach in Fig. 144 auf S. 345 : 



a X b = I. — II. Ahnenreihe 

a X d = I.— III. 

b X c = II.— IL 

b X e = III.— II. 

c X d - II.— III. 

d X e = IIL— III. 

d X g = IV.— III. 

f X e = III.— IV. 

f X g = IV.— IV. 

f X i = IV.— V. 

h X g = V.— IV. 

h X i = V.— V. 



Inzestzucht, 



nahe oder enge Ver- 
wandtechaftszucht, 



mäßige oder weite Ver- 
wandtschaf tszucht . 



In Wirklichkeit besteht über die Abgrenzung der Inzuchtgrade 
keinesw^ Übereinstimmung. Mitunter rechnet mau eine Paarung in 
der III. — III. Ahnenreihe schon nicht mehr zur nahen Inzucht, 
de Cbapeaurouge wehrt sich enei^sch gegen eine grundsätzliche 
Festlegung solcher Grenzen, weil er sehr richtig betont, daß je nach der 
Häufigkeit des Auftretens des gemeinsamen Ahnen und nach dessen 
Zuchtwert die Wirksamkeit der Inzucht eine sehr verschiedene sein 
kann. Die obigen Angaben sollen deshalb nur einen ungefähren Anhalt 
geben. 

4. DI« VorzOg« der Innidit 

Die Inzucht verfolgt als planmäßige Zuchtmethode den Zweck, die 
Tiere einer Herde möglichst gleichartig zu gestalten, Formen oder 
Leistungen oder bestimmte Vorzüge möglichst zu steigern oder »eher 
in der Nachzucht festzuhalten, vor allem aber die Vererbung wertvoller 
Zuchttiere möglichst zu fördern und sicherzustellen. Verwandte Tiere 
sind einander bis zu einem gewissen Grade ähnlich, und wenn man sie 
miteinander paart, so wird man die Ähnlichkeit in der Nachzucht noch 
erhöhen. 



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VIII. Die Inzucht, 



361 



Beispiel: Zwei Schafe von guter WoUqualität werden diese Eigen- 
Bchaft nach den Gesetzen der Vererbung in den Lämmern in ge- 
steigertem MaQe zur Geltung bringen, indessen ist die Sicherheit der 
Steigerung größer, wenn die beiden Eltern miteinander verwandt sind, 
und zwar nimmt der Vererbungseffekt mit dem Näherriicken der Ver- 
wandtschaft zu. 

Die Wirknng der Verwandtschaftszucht wird dadurch verständlich, 
daß bei dieser häufiger gleich oder ähnlich geartete Erbeinheiten zu- 
sammentreffen, ab das bei der Paarung nicht verwandter Tiere gesclueht, 
weil die Äbnenzahl der letzteren größer ist. Hierfür läßt sich an der 
Hand der Mendelschen Regeln eine biologische Erklärung bringen. 
Früher (S. 242) wurde gezeigt, daß die Vererbung dann gesichert er- 
scheint, wenn ein homozygotes Eeimplasma vorliegt, während eine 
heterozygote Erbmasse eine konstante Vererbung der betreffenden 
Eigenschaften nicht zuläßt. F r ö 1 i c h') hat nachgewiesen, wie bei 
verschiedenen Inzuchtgraden unter 64 Individuen (S. 235) die Wahr- 
scheinlichkeit für das Auftreten von homozygoten und heterozygoten 
Nachkommen sict gestalten muß. 



Inzuohtg«de r!;'""^^»°i 


Hetercwj^t 


Homozygot 


II.— I. Ahnenreihe 
IL— II. 
IL— lU. „ 

m— m. „ 
in.— IV. 

IV.— IV. 

IV.— V. 
V.— V. 
VL— VI. 








48 

3« 

30 

25 

22,6 

20 

19 

18 

17 


16 
24 
28 
30 
31 
32 
32 
32 
32 



10,6 


U., m.— ni. Ahne 

IL, m— IV 
ni.. in.— iiL 
ni, m.— IV. 

III., IV.— IV. 




he 




3» 

33 

30 

27.5 

25 


24 
26 
28 
29 
30 


7,6 



Diese lehrreiche Zusammenstellung vermittelt den Anschluß der 
modernen experimentellen Vererbungsfoischung auf Grundlage des 
Mendelismos an die in der Tierzucht übliche Ahnen- und Nachzucht- 

') FrÖlioh, Vorträge im UntemchtBkursoB für praktische Landwirte in 
Hannover, 1913. Arbeiten der Landwirtachaftskammer, 1913. S. 78. 



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5. Abschnitt. Die Züchtung. 



forschuag. Letztere kann nui Tatsachen konstatieren; die erstere bietet 
die wiBsenschaftliche Erklärung, und eine witkliehe Förderung der Tier- 
zucht kann nur dann eintreten, wenn diese beiden Richtungen sich nicht 
feindlich gegenüberstehen, sondern demselben Ziele zustreben. 

Je näher die Inzucht, desto mehr homozygote Individuen treten 
auf und desto sicherer muß die Vererbung werden. Die Variationsbreite 
wird eingeschränkt und die Begründung eines festen Typs mehr ge- 
sichert. Daß sich diese sichere Vererbung auf alle Eigenschaften er- 
streckt, also nicht nur auf die Vorzüge, sondern auch auf etwaige Mängel, 
ist selbstverständlich. Hierauf wird noch zurückzukommen sein. 

In der Prajcis der Tierzüchtung wird Inzucht in sehr verschiedenem 
Maße betrieben. Man muß hier unterscheiden zwischen der plan- und 
wahllosen Inzucht der Alltäglichkeit, die sehr viele Tiere liefert, und 
zwischen der „richtigen" Inzucht, die nichts andres bedeutet als „ziel- 
bewußte Auswahl"^). 

Schon die älteren Schriftsteller — Weckherli n*), J u s t i- 
n u s*) u. a. — kannten die Inzucht mit ihren Vor- und Nachteilen 
und empfahlen sie. Herm. v. Nathusius') verhielt sich auf 
Grund seiner großen Erfahrungen und seiner wissenschaftlichen Schulung 
nicht ablehnend, aber im allgemeinen kritisch, und nur Settegast 
war ihr unbedingter Gegner^). 

In der Gegenwart wird der zielbewußten Inzucht in der Pferde- 
zucht ein großer Wert beigelegt, und die Wissenschaft beschäftigt sich 
aufs eingehendste mit dieser Zuchtmethode. 

Den Anfang machte 1881 Graf Lehndorf f*), der die Frage 
in bezug auf die englische Vollblutzucht erörtert. Die Elitefamihen 
des Vollblutes gehen bekanntlich auf die drei orientalischen Hengste 
Byerly Turk, Darley Arabian und Godolphin Arabian zurück, deren 
Blut man zur Steigerung der Rennleistung in den Nachkommen mög- 
lichst zu verschmelzen suchte. So kam es zu vielen, oft recht nahen 
verwandtschaftlichen Paarungen, die mit der Vermehrung der Zahl der 
Tiere und der damit Hand in Hand gehenden größeren Auswahl zwar 

') de C h&pe ft u rouge, Vererbung und Auswahl. 11. Flugschrift der 
Deutschen GescUachaft für Züchtungskunde. Hannover 1910. .S. 20. 

') Tierproduktion I. Stuttgart 1857. S. 85. 

») Grundsätze der Pferdezucht. Wien 1884. S. 72. 

*) Über Inzucht und Paarung in naher Blutsverwandtschaft (1857). (Kleine 
Schriften. Berlin 1890. S. 96.) 

*) Tierzucht. Breslau 1888. S. 409. 

*) Handbuch für Pferdezüchter. Berlin 1881. S. 226. 



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Vin. Die Inzucht. 363 

an Intensität verloren, immerbin aber, allerdings in viel weiteren Graden, 
auch beute noch die Regel bilden, 

Graf Lebndorff hat nun 163 aus Verwandtacbaftazucbt bervor- 
gegangene Hengste nacb Abstammung und Rennleistung verfolgt, sie 
nach ihrem Verwandtschaftsgrade in sechs Gruppen gegliedert und dabei 
gefunden, daß diejenigen Hengste die leistungsfähigsten waren, deren 
Eltern durch 4, 5 oder 6 „freie" Generationen von ihrem gemeinsamen 
Ahnen — Stammvater oder Stammutter — entfernt waren. Paarungen 
dieser Art rechnet er zur mäßigen Verwandtschaf tszucbt , nähere 
dagegen zur Inzucht. Nach ihm sollen nun die aus mäßiger Verwandt- 
schaftszucbt hervorgegangenen Nachkommen den aus Inzucht — hier 
also mit enger Veiwandtscbaftszucht identisch — wie den aus Fremd- 
zucht entsprossenen Hengsten überlegen sein, sofern nicht nur ver- 
wandtes, sondern gleichzeitig auch hochwertiges Blut dabei 
in Fr^e kommt. 

In diesem Zusammenbang ist dann noch darauf hinzuweisen, daß 
im Jahre 1885 schon Hermann Goos alle irgendwie namhaften 
Vollblutpferde nach ihrer Abstammung von weiblichen Ahnen — er 
zählte 59 Stuten — zu Stammtafeln zusammenstellte, wodurch die 
in der Vollblutzucht geübte enge Verwandtschaftszucht besonders 
deutlich in Erscheinung trat. Er fand dabei einige wenige Familien, 
welche sich in ihrer Nachzucht besonders auszeichneten. Hierauf 
war auch J. F. Frentzel aufmerksam geworden; er sprach in 
seinen wertvollen Familientafeln von „GIanz"-Familien des englischen 
Vollbluts»). 

Im Jahre 1895 erschien eine vielbesprochene Arbeit des Australiers 
BruceLow e*). Er fand, daß von den 94 Stuten, die mit den Be- 
gründern der englischen Vollblutzucht, den Hengsten Byerly Turk, Darley 
Arabian und Godolphin Arabian gepaart wurden, und die teils ebenfalls 
Orientalen waren, teils Kreuzungen zwischen diesen und einheimischen 
englischen Stuten entstammten, teils auch unbekannter Herkunft waren, 
43 als Repräsentanten besonderer Familien gelten konnten. Weiter fand 
er, daß Mitglieder einzelner Familien in der Ahnentafel eines guten 
Vollblutpferdes nie fehlen und deshalb besonders wertvoll sein müssen. 
Aber die Wirksamkeit dieser Familien war nicht gleichartig. So unter- 
schied Bruce Lowe nach den Leistungen der Nachkommenschaft 

') J. P. Frentzels Familientafeln des englischen Vollbluts. Heraus- 
gegeben von K v. Bon in. Berlin 1889. S. XV. 

*) Bruce Lowe, Das Züchten von Rennpferden nach dem ZfAlensystem, 
1 W. AIlisoQ, deutuch von y. Kirschy. Berlin 1897. 



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6. Abachnitt. Die Züchtung. 



a) die Rmmingfamilien 1, 2, 3, 4, 5, welche die meisten Sieger in 
den klaamschen Rennen — Derby, Oaks und St. L^er — ge- 
liefert haben; 

b) die Siiefamilien 3, 8, 11, 12, 14, dereil, -Leistungen im Gestüt 
li^en und denen die meisten Hengste entstammen; ihi Blnt 
muß stets beigemischt sein, wenn aus den Runningfamilien gute 
Hengste hervorgehen sollen; 

c) die Outsider, die alle anderen Familien umfassen, sollen weder 
auf der Bahn noch im Gestüt von sich allein aus etwas Hervor- 
ragendes leisten. Für die Zucht sind sie trotzdem wertvoll, 
wenn sie auf Running- und besonders Sirefamilien ingezogen 
werden. Überhaupt sollen in der Zucht nur dann Erfolge zu 
erzielen sein, wenn eine Mischung aller drei Gruppen erfolgt. 

Weiter behauptet BruceLowe, daß man, um gute Hengste zu 
ziehen, an die besten Bluthnien der Mutter anknüpfen müsse, während 
umgekehrt aus den Ahnentafeln hervorragender Stuten sich ergibt, daß 
bei ihren Eltern eine Anknüpfung an die Runningfamilien im Blut des 
Vaters stattgefunden hat. Damit steht BruceLowe auf dem Stand- 
punkt, daß eine Vererbung auf das entg^en gesetzte Geschlecht, also 
von der Mutter auf den Sohn, vom Vater auf die Tochter stattfindet. 
Die erwähnten Anknüpfungen können in enger Verwandtschaftazucht, 
selbst im Inzest stattfinden; ja, die große Schnelhgkeit soll direkt von 
der Inzucht bedingt sein, doch liegen nach Bruce Lowe die Ver- 
hältnisse im einzelnen verschieden. Den Grad der Verwandt»cbafts- 
zucht bemißt BruceLowe nach Ahnenreihen. Er zählt sie getrennt 
auf beiden S^ten der Ahnentafeln, wobei er die Eltern und die Gene- 
ration, die den gemeinsamen Ahnen umschheßt, mitrechnet. Bruce 
Lowe nennt die von ihm aufgestellte Regel das Zahlensystem. 

An dieser Stelle soll auf seine Gedanken nicht weiter eingegangen 
werden. Sie haben lebhafte Anerkennung, z. B. von de Chapeau- 
I o u g e*), und ebenso energischen Widerstand gefunden, z. B. von 
V. Oettingen'). Dieser macht vor allen Dingen den berechtigten 
Einwand, daß der Einfluß der Muttertiere bei der Vererbung für viel 
wichtiger gelialten werde als jener der Hengste, was mit den tatsach- 
lichen Verhältnissen nicht übereinstimmt. 

Nach V, e 1 1 i n g e n') liefert beim Halbblut eine Inzucht mit 

^) de Chapeaurouge, Eioigea über Inzucht. Hamburg 1909. S. 23. 
») V. Oettingen, Die Zacht dea edlen Pferdes. Berlin 1908. S. 182. 

») Ebenda. S. 267. 



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VIII. Die Inzucht. ^§5 

4, 5 und 6 freien Generationen die besten Resultate, de Chapeau- 
r u g e^) dagegen hält eine VerbinduDg beiderseits bis zur III. Ahnen- 
leihe, also schon mit 2 freien Generationen, für unbedenklich, und eine 
solche in der III. und IV. Abnenieihe (3 freie Generationen) fUr aus- 
leichend. Einen ähnlichen Standpunkt vertreten R a u*) und B a c h- 
o { e n*). 

Somit wird also eine Inzucht in der III. — IV. Abnenieihe — 
3 freie Generationen — bzw. eine solche von 4 — 6 freien Generationen 
{IV, — rV, bis V. — V, Ahnenreihe) für ausreichend und zweckmäßig ge- 
halten, für eine engere Inzucht aber von keiner Seite eingetreten. Die 
mittlere Linie zwischen letzterer und der vollständigen Fremdzucbt wäre 
also gegenüber dem edieren, durch Arbeit gestählten und nach seiner 
Ausdauer imd Schnelligkeit bewerteten Pferde als eine Art von Inzucht- 
optimum aufzufassen, dessen Variationsbreite zwischen 3 — 6 freien Gene- 
rationen bzw. zwischen der III. — IV. und der V. — V. Ahnenreihe liegen 
würde. 

In den letzten Jahren ist in den verschiedensten Zucfatgebieten 
der Anfbau der Zuchten an der Hand systematischer Ahnenforschungen 
genau verfolgt worden. Allenthalben hat sich gezeigt, daß entgegen 
der landesüblichen Annahme Inzucht getrieben worden ist; das ist nicht 
nur bei Pferden, sondern auch bei Rindern, Schafen imd Schweinen 
festgestellt. Hannover, Holstein und Oldenburg verdanken ihre aus- 
geglichenen Pferdetypen zum guten Teil einer verständnisvollen In- 
zucht*). Schmidt^) hat nacl^ewiesen, daQ im Hauptgestüt Tra- 
kehnen nur die Blutlinien erfolgreich waren und sich länger zu halten 
vermochten, die in Verwand tschaftspaarung Verwendung fanden. Wie 
Steinhau ß**) mitteilt, ist im Noniusstamm in Mezöhegyee etwa ein 
Jahrhundert hindurch bewußte Inzucht getrieben worden. Bei Be- 
gründung der Zucht waren es Inzestpaarungen, in der II. — I. und 
II. — II. Ahnenreihe und späterhin bis auf den heutigen Tag enge In- 
zuchten in der II. — ^III. bis III. — ^IV. Almenreihe. Dabei ist der Nonius- 
stamm hinsichtlich der Gesundheit, Fruchtbarkeit und Leistungsfähig- 

>) Einiges über Inzucht Hamborg 1909. S. 3. 

*) Die deutschen Pferdezuchten. Stuttgart 1911. S. 22. 

*) SchweizeriBohe Laadespferdezucht im Halbblut. Frauenfeld 1908. S. 23. 

*) R a u, Die Not der deatechen Pferdezucht. Stuttgart 1907. 

') B. Schmidt. VererbungsatudieD im Kgl. Hauptgestüt Trak^meo. 
Arbeiten der Deuteohen Oesellachaft für Züchtungakunde. Heft 16. Hannover 1913. 

*) F. Steinhaus, Der Konius und seine Zucht. 14. Flugeohrift der 
Deutflchen Gesellschaft für Zücbtungekunde, 1911. 



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5. Abschnitt. Die Züchtung. 



keit allen Anforderungen vollauf gerecht geworden. Die dänische Kalt- 
blutzucht hat auf den Hengst Oppenheim mit Erfolg Inzucht getrieben. 

Auch in der Rindviehzucht hat die Inzucht eine erbebliche Rolle 
gespielt. Der Arbeiten von Peters für Ostpreußen, Groenewold 
für Ostfriesland, R o t h e s für Jeverland vnirde bereits S. 356 gedacht. 
Wiladorf^) hat für die Oatfrie^en in ihrer Bedeutung für Brandenburg 
wertvolle Materialien geliefert. Sehr beachtenswert ist dann noch die 
Arbeit von Hess e*), welche die Ergebnisse einet Untersuchung au3 
vier Herden der westpreußischen Herdbuch -Gesellschaft bringt. Hier 
sind zunächst durchaus nicht mit Absicht, später allerdings zielbewußt 
vielfach Inzestpaarungen in der II. — I. Ahnenreihe, im übrigen aber 
sehr zahlreiche Fälle von enger Inzucht konstatiert. Sie haben keine 
Nachteile, sondern erhebliche Vorteile gebracht. Wertvoll ist die Fest- 
stellung H e B s e B, daß zielbewußte Inzucht eine Verbesserung der 
Herden herbeiführte; so durch den Bullen ErstUng eine günstige Rippen- 
wölbung. Auch für die Beeinflussung der Nutzleistungen durch Ver- 
wandtschattszucbt bringt Hesse Belege. 

Für die tatsächlichen Züchtungsmethoden in Schafherden und 
Schweinezuchten ist auf die schon genannten (8. 348 u. 357) Arbeiten 
von Schmehl, Hoesch und Koehler zu verweisen. Auch hier ist 
nachgewiesen, daß man einer zweckentsprechenden Inzucht wesentliche 
Erfolge verdankt. Daß die Engländer bei Begründung ihrer Kultur- 
raasen mit einer engen Inzucht, ja einer weitgehenden Inzestzucht ihr 
Ziel erreicht haben, ist allgemein bekannt'). 

Angesichts eines eo erdrückenden Materials kann die ungemein 
große Bedeutung der Inzucht nicht in Abrede gestellt werden. Sie ist 
im Gegenteil ein überaus wertvolles Züchtungsverfahren, und es ist 
de Chapeaurouge zuzustimmen, wenn et eine richtige Inzucht 
nicht anders angesehen wissen will, als zielbewußte Zuchtwahl. Man 
kann mit ihrer Hilfe eine Zucht in eine bestinunte Richtung drängen, 

') Der 1. Band von Wilsdorfs TaBchenstammbuch -Bibliothek ist für 
1915 von Groenewold und D e i c k e in 4. Auflage herausgegeben. Er beüeht 
sich außer auf OstfrleeUnd und Brandenburg auoh noch auf Sachsen. L ü t h 7 
weist im 4. Heft deraefbcn Bibliothek die nichtigsten Blutlinien der Simmentaler 
Rinder in der Schn'eiz nach. In allen diesen Fällen Bpielt die Inzucht eine Rolle. 

') Hesse, Inzucht und Vererbungsstudien bei Rindern der westpreußisohen 
Herd buch- Gesellschaft. Arbeiten der Deutschen GeseliBchaft für Züchtungskunde, 
Heft 18. 1913. 

*) Vgl. auch Hoffmann, Welche Zuchtgrutidsätze lassen sich aus den 
Einrichtungen zur Förderung der Tierzüchtung in England festst^Hent Arbeiten 
der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde. Heft 4. 1909. 



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VIII. Die Inzucht, 367 

z. B. beetimmte Formen herausbilden oder Mängel beseitigen, die 
Leistungen vervollkommnen und dann durch zweckmäßig geleitete 
Paarungen im Kahmen deT Inzucht bewirken, daß die so gewonnenen 
Ergebnisse konsolidiert werden und als Merkmal des betreffenden 
Stammes in die folgenden Generationen übergehen. 

S. DIs Geiahren der Inzucht 

Wenn als wesentlicher Vorteil der Inzucht hingestellt wunäe, daß 
man mit einer verhältnismäßig großen Sicherheit die elterlichen Eigen- 
echafteu in den Nachkommen wiederfindet, so ist es selbstverständlich, 
daß sich dieses nicht nur auf Vorzüge, sondern in genau 
demselben Verhältnis auch auf Fehler der Tiere bezieht. 
Die Feststellungen von Barten s'), daß Eigentümhchkeiten im Bau, 
die häufig Mängel darstellen, sich zäh an das Auftreten bestimmter „Blut- 
faktoren" im Pedigree heften, besonders wenn diese sich häufen und 
verstärken, wofür eine Reihe interessanter Beweise gebracht wird, sind 
eigenthcb selbstverständlich. Nach allem, was wir über Vererbung 
wissen, können die Dinge gar nicht anders hegen, de Chapeau- 
r o u g e bringt dies sehr treffend zum Ausdruck, wenn er sagt, daß ein 
aus enger Inzucht hervorgegangener Hengst eine gewisse Einseitigkeit 
aufweist und daß, falls diese nicht gleichzeitig Vollkommenheit bedeutet, 
ihm alle Vererbungskraft nichts nützt'). 

Als besonders gefährlich sah man früher allgemein eine angebhch 
mit der Verwandtschaftszucht einhei^ehende Uberbildung an und in 
dieser Beziehung schrieb P u s c h in der vorhergehenden Auflage dieses 
Buches: „In der Gefolgschaft der Verwandtachaftszucht sieht man bei 
Tieren dann oft eine Verfeinerung des Skeletts, Schwächung der Kon- 
stitution — schlechte Bemuskelung, schlaue Sehnen und Bänder — , un- 
genügende Fruchtbarkeit und mangelhafte Lebensenergie der Neu- 
geborenen, Seh werf uttrigkeit und im einzelnen Falle, wie ich es bei 
experimenteller engster Verwandtschaftszucht an Ziegen beobachten 
konnte, auch Störungen im Zentralnervensystem. Als Vorboten pflegen 
edlere, kleinere Figuren mit feiner Haut, spärlicher Behaarung und 
dünnen, durchscheinendeu Ohren aufzutreten." 

Inzwischen haben die Erfahrungen genugsam gelehrt, daß bei ziel- 
bewußter Verwandtschaftszucht diese Erscheinungen durchaus nicht 

') B a r t e n B, VererbuDgestudlen über Exterieurraerkmale im englischen 
VoUblutpferd. 32. Flugschrift der Deutschen Geaellaohaft für Züchtungskunde, 1914. 
*) Einiges über Inzucht, fi. 9. 



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3G8 ^' Abaohoitt. Die Züchtung. 

aufzutreten brauchen; im G^enteil können die Tiere, auch wenn sie 
aus Verwandtscliaftspaarungen hervorgegangen sind, durchaus gesund, 
fruchtbar und leistungsfähig bleiben. 

Man hat in solchen Fallen wohl meist Fehler in der Auf- 
zucht und Haltung der Tiere, die unweigerlich eine S c h w ä- 
chungderKonatitution mit sich bringen mußten, der Inzucht 
in die Schuhe geschoben. Werden Tiere ständig im Stall gehalten, fehlt 
ihnen jede Bewegung in frischer Luft, erhalten sie noch dazu Futter- 
mittel, welche schon an sich eine Schwächung der Konstitution bedeuten, 
Bo müssen Formen entstehen, wie sie durch die Fig. 147, 148 und 150 
angedeutet werden. Aber für den Gegensatz der beiden Braunvieh- 
typen in Fig. 150 und 151 ausschließlich die Inzucht verantwortlich zu 
machen, geht zu weit. 

Ob nicht ebenfalls in jener Zeit, als die Traberkrankheit in den 
Elektoralherden große Verheerungen anrichtete, mangelhafte Haltung 
teilweise die Schuld getragen hat, steht dahin. Schwerwiegender war 
in der Elektoittlzucht eine andere Tatsache, nämlich das ohne jede 
andere Rücksicht geübte Streben nach einer ganz ein- 
seitigen Leistung, dem feinen Wollhaar. Treffend schreibt 
hierzu Strang^): „Man bemühte sich, in der Elehtoralschafzucht 
möglichst feine TuchwoUeu herzustellen; in dem Beetreben, dies Ziel 
zu erreichen, wurde naturgemäß die Haut immer mehr verfeinert und 
mit der Verfeinerung der Haut ging eine Verfeinerung des Kerven- 
syBtems Hand in Hand. Diese Verfeinerung war, solange sie noch in 
einer Veredlung bestand, willkommen. Indem man nun aber weiter 
das edelste desselben Blutes paarte, um die Zucht auf ihrer Höhe zu 
erhalten, trat das Ungewollte ein: die Entwicklung schritt weiter über 
das Optimum hinaus zur Überbildung." 

Auch auf anderen Gebieten bedeuten einseitig hohe Leistungen eine 
Gefahr für den Bestand der Zucht. Das Streben nach höchsten Milch- 
leistimgen, nach einer großen Frühreife und Mastfähigkeit bedingt an 
sich leicht eine Schwächung der Konstitution. Es bedarf einer un- 
unterbrochenen Sorge des Züchters, damit neben der gewünsch- 
ten Leistung eine genügend feste Konstitution 
und Gesundheit erhalten bleibt, bzw. die erstere nicht 
weiter gesteigert wird, als sich mit der letzteren verträgt. Wird diese 
Tatsache nicht genügend beachtet, paart man derartig geschwächte 

') Strang, Geschichte und Kritik der Verwandtschaftszucht, Flugschrift 
der Deutschen GeaeUschaft für Züohtungskunde, 1912. S. 3&. 



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VIII. Die Inancht. 369 

Tiere, nm ihre Leistiuigsfähigkeit noch weiter zu steigern, womöglich 
in enger VerwandtBchaftszucht, dann m U b b e n schwere SchadignngeD 
eintreten. 

Ob die vielfach vertretene Annahme, daß die einzelnen Tiergattungen 
eine verschiedene Widerstandsfähigkeit gegen Schäden der Verwändt- 
echaftBzucht besitzen, zutreffend ist, kann als einwandfrei bewiesen nicht 
angesehen werden. So Bollen die Schweine am empfindlichsten sein, 
dann Schafe und Hunde folgen, während bei Bindern und Pferden die 
Nachteile langsamer und in einem nicht so ausgesprochenen Grade sich 
bemerkbar machen. 

PUr Schweine- haben H o e s c h wie Koehler') vorteil- 
hafte Wirkungen der Inzucht gefunden, und F r ö 1 i c h konnte in der 
Friedrichswerther Herde keine Schädigungen durch Inzucht festBtellen. 
Paarungen von der II. — ^11. bis zur IV. — ^IV. Abmenreihe brachten keine 
Nachteile, wobei allerdings betont werden muß, daß ea sich um ein 
nicht übermäßig umfangreiches Beobachtungsnmterial und keine sehr 
lange Zeit handelt'). 

Die landläufige Annahme, daß Schweine besonders schlecht Inzucht 
vertrügen, dürfte sich zwanglos daher erklären, daß gerade diese Tiere 
in neuerer Zeit oft genug in kalten, dumpfigen Stallungen ihj Leben 
verbringen müssen; jede Bewegung und naturgemäße Haltung fehlt, 
Licht und Luft sind ihnen entzogen, so daß schwere Schädigungen der 
Konstitution unausbleiblich sind. Wenn dann solche degenerierten 
Individuen noch in YerwandtBchaftszucht sich fortpflanzen Bollen, so 
müssen Mißerfolge eintreten. Sie werden aber mit Unrecht dann der 
Inzucht zugeschoben'). 

Auch bei den Ziegen ist es zum sehr großen Teil die schlechte 
Haltung, die in Verbindung mit ungenügender Zuchtwahl — Zufalla- 
paarungen ■ — die Konstitution der Landrassen so geschwächt hat, daß 
man von der Ziege zu sagen pflegt, sie „stürbe, wenn aie wolle". Bei 
älteren Tieren zeigt sich dann ala Ausdruck dieser mangelhaften Kon- 
stitution eine Schwächung des Band- and Sehnenapparates, so daß die 
Euter fast bis auf die Erde reichen — fälschlich als Zeichen der Milch- 
ergiebigkeit angesehen — ■ und die Tiere nicht mehr auf den Klauen, 
sondern auf deii Fesselbeinen laufen (Fig. 147 u. 148). 

Die in unvernünftiger Weise betriebene Inzucht führt diese Schäden 



1) Siehe Fufluote S. 357. 
- *) FählingB LandwirtacUftliche Zeitung 1912, S. S29. 

*) WilBdorf, Die praktische Anwendung der neueren Vererbungslehre. 
22. Flngachrift der Deutachen Gesellschaft für Züchtnngskande, 1912. S. 3S. 
PoBCb-HaiiBeti, AUeemelne Tierzucht. 3. AuR. 24 



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6. Abschnitt. Die Züchtung. 



dann zwar nicht unmittelbar herbei, abei sie verstärkt sie und wird 
dann bei ungenügender Überlegung leicht als Ursache angeeehen. 



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VIII. Die lüBucht. 371 

Bei Pferden bietet, abgesehen von den S. 365 genannten Fällen, 
das österreichische Hofgestüt Kladnib bei Pardubitz in Böhmen ein 
Beispiel einer lange Zeit fortgesetzten Inzucht. Hier wird seit mehr 
als hundert Jahren ein großes Paradepferd auf dem Wege ununter- 
brochener VerwandtschaftBzucht gezogen. Der Zucht dienen je zwei 
Stänune in der Schimmel- und Rappfarbe, imd zwar sind in jeder Farbe 
2 Hengste und 16 — 20 Stuten vorhanden. Diesen Pferden fällt die Auf- 
gabe zu, je zwei Achterzüge von Schimmel- und 'Rapphengsten zu er- 



gänzen, die im Wiener Hofmarstall stehen und bei feierlichen Gelegen- 
heiten in reich vergoldeten Geschirren vor die Hofgalawagen gespannt 
werden. Obwohl nun die Tiere in dauernder und meist auch enger 
VerwandtschaftBzucht gehalten werden müssen, da die Einführungen 
fremden Blutes sowohl den eigenartigen Charakter des auf spanisches 
Blut zurückzuführenden Schlages, als auch seine Größe ungünstig be- 
einflußt haben, und eine Blutauffrischung von bleibendem Werte des- 
halb seit 1853 nicht mehr stattgefunden hat, so sind die Pferde bei allem 
Adel noch mächtig in den Formen und die Hengste von einer Gri^e 
bis zu 190 cm, so daß sie schon durch die Wucht und Eigenart ihrer 



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372 ö. Abschnitt. Die Züchtung. 

ganzen Erscheinung einen imponierenden Eindruck machen (Fig. 149), 
Die Träcbtigkeltsziffer beträgt nach den Aufzeichnungen des GestUts- 
direktors M o 1 1 o c h^) auch noch 67 % gegenüber 68,5 %, die in dem- 
selben Gestüt in der englischen Halbblutzucbt erzielt werden. 

Nach alledem scheint diese eigenartige Kladniber Zucht auch heute 
noch zu gedeihen und ein besonderer Nachteil aus den verwandtschaft- 
lichen Paarungen nicht zu entstehen. Allerdings ist der Gestütsleiter 
unablässig bestrebt, eine Quelle für geeignetes frisches Blut zu finden, 
die hierfür etwa vorliegende Notwendigkeit ist dem Femerstehendeu 
nicht bekannt. Als Ich das Gestüt im Jahre 1909 wiederum besuchte, 
stand dort ein vierjähriger Schimmelhengsb als Hauptbeschäler, der 
25 % englisches Vollblut besaß, aber trotzdem den Typus des Ktadrubers 
ziemlich treu wiedergab, und auf dessen Wirksamkeit der Gestütsleiter 
viel Vertrauen setzte. 

Ob wirklich das dänische Gestüt Frederiksborg und ebenso das 
Hofgestüt Herrenhausen wegen der Folgen einer zu weit getriebenen 
Inzucht zugrunde gegangen sind, wie allgemein angenommen wird, bleibe 
dahingestellt. Es wäre zu wünschen, daß deChapeaurouge auch hier 
einmal mit; seiner gewohnten Gründlichkeit die Verhältnisse beleuchtete. 

Soweit die Kindviehzucht in Frage kommt, konnte man 
früher in den bäuerlichen Betrieben häufiger die Beobachtung machen, 
daß in Beständen von 15 — -20 Stück Großvieh, in denen nach der Ver- 
sicherung der Besitzer seit einem Menscheualter kein fremdes Blut ein- 
geführt worden war, sich weder eine auffallende Degeneration noch eine 
mangelhafte Fruchtbarkeit einstellte. Hier ist der Beweis erbracht, 
daß die der Inzucht zugeschriebenen Schädigungen sehr oft auf einem 
anderen Gebiet zu suchen sind. In den angezogenen Fällen bandelte 
es sich meist um die auf der Scholle entstandenen und weniger empfind- 
lichen Landrassen mit fester Konstitution, und weiterhin um sonst gute 
Wirtschaften, in denen genügend Futter zur Verfügung stand, und in 
denen auf die ganze Haltung Sorgfalt verwendet wurde. Die Tiere 
sahen deshalb auch gewöhnlich gut und meist viel besser aus als die 
Binder bei andern Besitzern des Ortes, die zwar Zuchttiere zukauften, 
aber schlechter fütterten. 

Wie schlechte Haltung und Ernährung in Verbindung mit unver- 
standiger Verwand tachaftszucht eine Degenerierung des Rindes herbei- 
zuführen vermögen, wird durch den Gegensatz zwischen den Fig. löO 
und 151 veranschaulicht. 

>) Geschichte und Zucht der Kladniber Rasse. Wien 1886. S. 67 u. 69. ■ 



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Vlir. Die Inzucht. 373 

Ein Beiapiel für eine lange Zeit hindurch fortgesetzte Verwandt- 
schaftszucht beim Bind liefert der Rosensteinei ßinderstamm. 
Er war in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts 



Normale Eoli der Schweizer Brnunviehrasae. 



enstanden aus einer Mischung von sechs verschiedenen Schlägen: Hol- 
länder, Limpurger, Schwyzer, Alderney, Zebu und Shorthom, und schon 
hierdurch züchterisch interessant. Die Tiere hatten eine weiße Farbe 



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374 5. Abaclmitt. Die Züchtung. 

nnd verrieten in ibrem Äußern, daß sowohl Niederungs- wie Höhenvieli 
an ihrer Entstehung beteiUgt gewesen sein mußte. Die etwa 100 Haupt 
starke Herde wurde Jahrzehnte hindurch in Inzucht weiteigezUchtet. 
Die Tiere heßen weder an Lebendgewicht noch in Milch- und Mast- 
leistung etwas zU wünschen. Frachtbarkeit und Gesundheit waren gut. 
Mit dem Anfang dieses Jahrhunderts stellten sich aber bedenkliche 
Schäden ein. Die Kühe nahmen schwer auf, die Kachzucht wurde feiner 
im Knochenbau, leichter im Gewicht und in bedenklichem Grade zeigte 
sich Tuberkulose. Man versuchte zuerst mit Simmentalem, dann wieder 
mit Holländern neues Blut zuzuführen und den Viehstamm zu retten. 
Der Erfolg befriedigte nicht, und heute ist die Zucht ganz aufgegeben. 
Ob allein die Inzucht hieran die Schuld trägt, erscheint zweifelhaft. 
Soweit mir die Verhältnisse in Rosenstein aus eigenem Augenschein 
bekannt sind, war die Aufzucht und Haltung nicht hart und naturgemäß 
genug, um eine genügend kräftige Konstitution zu erhalten. Es fehlte 
vor allem an au^ebigem Weidegang. Möghcherweise hat aber auch 
die Inzucht den znläsaigen Grad Überschritten. Bedauerlich bleibt, 
daß dieses annähernd hundert Jahre alte Zuchtexperiment nicht dauernd 
unter wissenschaftlicher Kontrolle gehalten worden ist. 

Die allgemein in der Literatur aufgestellte Behauptung, daß Karl 
C o 1 1 i n g bei Begründung der Shorthomrasse zur Ausgleichimg der 
von ihm angewandten weitgehenden allerengsten Inzucht eine Kreuzung 
mit Gallowayblut habe vornehmen müssen, ist von de Chapeau- 
r o u g e in nicht zu widerlegender Weise als vollständig falsch nach- 
gewiesen worden*). 

Trotz dieser gegenüber der früheren Zeit veränderten Stellung sui 
Inzucht bleibt die allgemein anerkannte Tatsache , daß eine sehr 
weit getriebene und Gener at i onen hindurch fort- 
gesetzte Inzucht Schädigungen bedingt, zu Recht 
bestehen. Hierfür hegen verschiedene experimentelle Beweise vor. 

W e i s m a n n^] hat Mäuse durch 29 Generationen in enger In- 
zucht gepaart und danach erhalten: 

Inder ].— 10. Generation durchachnittl. pro Wurf 6,1 Junge (219 Würfe) 
„ „ 11.— 20. „ „ „ „ 5,6 „ ( 62 „ ) 

„ „ 21.— 29. „ „ „ „ 4,2 „ (29 „ ) 

') De Chäpeaurouge, Die Sage von der G&Uowaykuh and deren tat- 
sächliche Stellnng zur Shorthomzucht. 20. Flugachrift der Dentschea Gesellschaft 
füi Züchtnngakunde, 1912. 

'■) Bericht der Naturforschenden Gesellschaft zu Freibnrg i. Br. 1900. Zit. 
von Morgan, Experimentelle Zoologie. Leipzig 1909. S. 228. 



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VIII. Die Inzucht 375 

V. G a i t a hat die Versuche mit diesen Mäusen in Inzestzucfat fort- 
gesetzt, und zwar von der letzten Generation des Weismann sehen 
Mäusestammea an gerechnet mit folgendem Ergebnis: 

I.und 2. Grcaieiation darchschnittUch pro Wurf 3,5 Junge 
3. „ 4. „ „ „ „ 3,6 „ 

5. „ 6. „ „ „ „ 2,9 „ . 

Demnach findet sich eine wesenthche Herabminderung der Jungen- 
zahl. 

Ritzema Bos') 'züchtete Ratten durch 30 Generationen in 
Inzucht und Inzestzucht. 

Die Durchschnittszahl der Jungen pro Wurf ist folgende: 
1887 1888 1889 1890 1891 1892 
7,5 7,14 7,7 6,58 4,58 3,2 

Der Prozentsatz der unfruchtbaren Paarungen ist: 

1887 1888 1889 1890 1891 1892 

2,63| 5,55 17,39 50,0 [41,18 

Die Sterblichkeit der Jungen wuch» 'von 3,9 % im Jahre 1887 auf 

45,5 % im Jahre 1892, und das Gewicht der ausgewachsenen Männchen 

ging in demselben Zeitraum allmählich von 300 g auf 240 g herunter. 

Demnach nahm stetig ab: 

1. die Zahl der Jungen von 7,5 Stück bis 3,2 Stück pro Wurf, 

2. das Gewicht von 300 g auf 240 g. 
Es nahmen stetig zu: 

1, die unfruchtbaren Paarungen von 0% bis 41,18%, 

2. die Sterblichkeit der Jungen von 3,9 % bis 45,5 %. 
Geschwisterpaarungen waren in 36 %, Verbindungen zwischen 

Eltern und Kindern in 21,4% der Fälle unfruchtbar, 

P 1 a t e*) s^, daß er keine Wirbeltierart kenne, bei welcher ohne 
Schaden durch viele Generationen hindurch strenge Inzucht betrieben 
werden kann. Bei seinen Mäusezuchten hat er beobachtet, daQ schon 
nach vier Generationen die Zahl der Jungen und die Lebenskraft zurück- 
gehen, wenn immer nur Geschwister gepaart wurden. Unter Hinweis 
auf die Feststellungen von de Chapeaurouge hält er aber einen 
„geringen Grad" von Verwandtschaftszucht für durchaus stattbaft. 



^) Unterauolinngen über die Folgen der Zucht in engetec VenrandtsohafU 
Biol. Zentnlblatt XIV, 1894. Zit. von Morgan. S. 229. 

■) Plate, Vererbungslehre. Leipzig 1913. S.492. ... 



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376 fi- Abschnitt. Die Züchtung. 

H u t h^) paarte Kaninchen in Inzestzucht und erzielte schon von 
der vierten Generation ab eine Verminderung der Fruchtbarkeit, aber 
keinen Rückgang-in der Gesundheit, der Form und Farbe. Im Gegen- 
teil waren die Tieie der letzten Generation auch nach, der Gewichts- 
tabelle braser als diejenigen der ersten. . , 

V. N a t h u s i u B^) zitiert einen von W r i g h t mitgeteilten Fall, 
wonach Schweine sieben Generationen nacheinander von demselben Eber 
belegt wuiden. In den letzten Zuchten blieben die Sauen güst oder 
hatten nur wenig Ferkel, die außerdem nicht saugten oder schwach 
oder Krüppel waren. Nach Einführung fremden Blutes traten normale 
Verhältnisse ein. Eigentümlicherweise war die beste Sau aus der letzten 
VerwanJtschaftBpaaning hervorgegangen, allerdings hatte die Mutter 
nur dieses eine Ferkel geboren. Als W r i g h t versuchte, dieses wieder 
von seinem eignen Vater belegen zu lassen, wurde es nicht tragend, 
bezog jedoch sofort von einem andern Eber, 

V. NathusiuB fügt Obigem eine eigne Beobachtimg an. Er 
bekam eine tragende Yorkshiresau aus England und züchtete drei 
Generationen von ihr in ausschließlicher Verwandtschaftazticht. Darauf 
erfolgte Verfeineiung der Konstitution und Zunahme der Unfruchtbar- 
k^t bei den Kachkommen. Eine Sau dieser Zucht brachte von einem 
rechten Vetter 6 und 5 nicht kräftige Junge, von einem kleinen schwarzen 
Essexeber aber in zwei Würfen innerhalb eines Jahres 21 und 18 Ferkel, 
obwohl dieser Eber mit Sauen seines Schlages nur 7 — 9 Nachkommen 
lieferte. 

Glaubhaft erscheint es weiter, daß die letzten Beste der von der 
russischen Regierung gehegten Wisente in ihrer Fruchtbarkeit durch 
die notgedrungene, sehr enge Inzucht gelitten haben können und 
ebenso, daß bei den sehr kleinen Herden der englischen Parkrinder 
die Verhältnisse genau so liegen. Ob die Abnahme der Fruchtbarkeit 
bei KoBsanguinität auf erblicher Steigerung oder auf anderen uns 
unbekannten biologiechen Vorgängen beruht, läßt sich zurzeit nicht 
feststellen. 

Direkt gefährlich wird die Inzucht dann, wenn das Keim- 
plasms mit krankheitserregenden Erbeinheiten be- 
haftet ist. Erscheint ein solcher Faktor dominant, so wird der Züchter 
solche Tiere von der Weiterzucht ausschließen und damit Unheil in 



') Zit. von de Chapeavrouge, Einiges über Inzucht. Hambui;g 1909. 
S.75. 

>) H.T.Nathuerus, Kleine Schriften undFragmente. BeriinISSO. S. 112. 



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VIII. Die Inzucht. 377 

den kommenden Generationen verbiiten. Sobald aber ein rezessiver 
Krankbeitsfaktor vorliegt, die Zuchttiere also äußerlich gesund er- 
scheinen, 80 muß die Inzucht natürlich bewirken, daß — DR X D R — 
in der nächsten Generation ein Viertel der Nachkommen von der Krank- 
heit befallen ist. Hierin liegt eine große Gefahr für den Fortbestand 
der Zucht. Besonders beim Menschen sind solche Fälle beobachtet, 
und sie sind der Grund, weshalb viele Ärzte von Verwandtenehen Un- 
bedingt abraten. Allerdings herrscht nach dieser Richtung keineewega 
Überein etimmuDg. 

6. EisiM Vmudi« von P u I c h Ober die Nachteile naher In- und inzest- 
zudit bei Ziegen und Schafen, 

Im Anschluß hieran möchte ich noch, über Inzucht- und Inzeet- 
zuchtverauche berichten, die ich in der Zeit von 1903 bis 1911 an Ziegen 
und in den beiden letzten Jahren an ostfriesischen Milchschafen an- 
gestellt habe, und die in einer besonderen Arbeit veröffentlicht werden 
sollen. Ich habe hierzu 18 Ziegen, 9 Böcke eowie 5 Schafe und 1 Bock 
benutzt, und von den ersteren in 42 Paarungen 77 Zickel und von den 
letzteren bisher in 5 Paarungen 9 Lämmer erbalten. 

Von den Ziegen sind besonders zwei Blutlinien bemerkens- 
wert, weil sie längere Zeit der Zucht dienten und verschiedene Ei^eb- 
nisse zeitigten. Die B^ründerin der einen Linie, Ziege Zuchtbuch Nr. 3, 
war tragend aus der Schweiz bezogen worden und gehörte dem Toggen- 
burger Schlage an. Sie ist im Rassestall der Tierärztlichen Hochschule 
zu Dresden fünfmal in fortgesetzter Blutsteigerung von ihr.em Sohne, 
der damit später gleichzeitig ihr Enkel, Urenkel usw. wurde (Ahnen- 
tafel S. 378), gedeckt, und nur zweimal ist unter sieben Paarungen 
andres, wenn auch immerhin stark verwandtes Blut benutzt worden. 

Bei zwei Sohn-Mutter-Faaningen fielen zwei Zickel, die sich lang- 
sam und schlecht entwickelten und im erwachsenen Zustande eine starke 
chronische Eingenommenheit des Sensoriums zeigten (Fig. 152). Bei 
d«u einen Tiere (Zuchtbuchnummer 13), das mit seinem Vater ein 
lebensschwaches Zickel zur Welt brachte, wurde nach der Tötung 
eine ausgesprochene chronische Himventrikelwassersucht festgestellt 
(Fig. 152). 

Sonst nahm bei der Nachzucht der Ziege Nr. 3 die Zickelzahl mit 
Zunahme der Inzestzucht ab, femer wurden die Zickel leichter im Ge- 
wicht und mangelhafter in ihrer Eörperentwicklung. Zufuhr von Blut 
äner andern, wenn auch noch stark verwandten Linie, steigerte die 



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A. Abschnitt. Die Züchtung. 



Fig. IM. Zi«ge Nr. IS. Oezuehtec im Rssitesull der TierftretI lohen Hoduchale inDreulen 

In luratzucbt (wiederholte PBaning von Mutter nod Sohn, ingezUchtet in I,~II- Ahnenreihe 

unf Ziege Nr. s), is Uanate alt, M cm boch, 11 kg sehvar. 



s 

! 
1 


> 
1 


3 
1 

< 


Anton U 


Anton 1 




■ Nr. 3 


■ Nr. 3 


Nr. 2 






1 
















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VIII. Die Inzucht 



Flg. IBS. Back BiDno III. OezOchtet im Raasestall der TiertritlicheQ Hochachnla in Drssden 

iD iDzestincbt (wledtrliolte PtuiniiiK von Matter and Sobn, O-freie Oeneration, iDgezBclitet In 

I.— II. Ahnenretb« aar Ziege Nr. 4), ■ Jahre ftit, Bl cm hocb, 81 kg echwer, sehr gat entwickelt, 

Behncbtung und Vererbnng gat. 



3 

! 

3 


i 


M 


Anton IV 


Anton ni 


Anton II (füehe S. 378) 


BNr.3 


• Nr. 4 


■ Nr. 3 






• 


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• 


1 
















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5. Abschnitt. Die Züchtung. 



Zickelzahl sofort, doch ging dieae ebenso wie die Körpeientwicklung 
nach Rückkehr zur Inzest;zucht bald wieder zurück. 

In der zweiten Linie war die Wirkung eine andre. Die im Rasae- 
Btall geborene, veredelte erzgebirgische graue Landziege wurde vier- 
mal zur Fremdzucht und je einmal mit ihrem Sohne Bruno I, Zucht- 
buchnumraer 4, und ihrem Sohne Bruno II, der väterlicherseits zugleich 
ihr Enkel war, zur Inzestzucht verwendet (s. Ahnentafel S. 379). Sie 
lieferte in Fremdzucht dreimal je zwei, einmal drei und bei den beiden 
Inzestzuchtpaarungen jedesmal vier Zickel. Von den vier Zickeln des 
letzten Wurfes, die in Farbe und Form wie aus einem Gusse erschienen, 
wurde eins in der Jugend erdrückt, eins entwickelte sich als Bock mangel- 
haft, die beiden übrigen dagegen ausgezeichnet (Fig. 153 und Ahnen- 
tafel S. 379). 

Das Gesamtergebnis der Versuche mit den Ziegen ist folgendes: 

12 Fremdzuchtpaarungen liefert«D 26 Zickel, davon gut 25, schlecht 1 (3,8S %) 
9 Paarungen in enger 

bzw. mäßiger Inzucht „ 18 „ „ „ 15, „ 3 (16,67%) 

21 Inzestzuchtpaorungen „ 33 „ „ „ 15, „ 18 (54,60%) 

Die ungünstigsten Resultate zeigten die 5 Zwillingsgeschwistet- 
paarungen, zu denen 5 Ziegen und 3 Böcke verwendet wurden. Aus 
ihnen' entstanden 6 Zickel, davon 1 gut, 1 epileptisch, 2 totgeboren 
(von 2 Ziegen), 1 rachitisch, 1 mangelhaft entwicklungsfähig. 

Bei sämtlichen In- und Inaestzuchtpaamngen wurde nur eine 
Ziege von ihrem Sohne nicht tragend, brachte aber im nächsten Jahre 
von einem andern Bocke Zickel, wie auch ihr Sohn andre Ziegen be- 
fruchtete. 

Bei den aus Verwandtachaftspaarungen hervorgegangenen Zickeln 
der Ziege Nr. 3 war eine deutliche Neigung zu Osteomalacie zu er- 
kennen, obgleich sämtliche Ziegen frei in drei Boxen gehalten wurden, 
die den Raum eines 4 m hohen, mit Heizung versehenen Stalles von 
40 qm Grundfläche einnahmen, die Zickel ferner mindestens 8 W'ochen 
lang säugten und während des Sommers, um die Wirkung der städti- 
schen Stallhaltung abzuschwächen, im ersten Lebensjahre in einer 500 m 
hoch gelegenen Gebirgswirtschaft untei^ebracht wurden, wo ihnen Weide 
und ebenfalls eine geräumige, luftige Box zur Verfügung standen. Auch 
in Dresden war ihnen in einem großen Laufhof reichlich Gelegenheit 
zur Bewegung geboten. 

Hiernach hat die Inzestzucht bei den Versuchen schlechtere 
Resultate als die Fremd- bzw. enge und mäßige Inzucht geliefert, in- 
dessen haben sich die beiden hauptsächlich benutzten Blutlinien gegen 



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VIII. Die Inmcht. 381 

die Folgen deiselbea verschieden verhalten. Alleidings wurde die 
Inzestzucht mit Ziege Nr. 3 länger betrieben als mit Ziege Nr. 4, die 
an einer septischen fiuterentzündung zugrunde ging. Auch liegt die 
Möglichkeit, daß Ziege Nr. 3 schon in der Schweiz von einem 
blutsverwandten Bocke gedeckt worden war, vor, wenn auch der 
Umstand, daß sie nach ihrem Import ein weißes und ein schoko- 
ladenfarbenes Zickel brachte, nicht besonders dafür spricht. Dem- 
gegenüber handelte es weh aber bei der Ziege Nr. 4 bei den ersten vier 
Paarungen um nachgewiesene Fremd- und nur bei den beiden letzten 
um Inzestzucht. 

Bei den Schafen lieferten die vier ersten Inzestzuchtpaarungen 
sieben in Form und Entwicklimg gute, die Fremdzucht dagegen zwei 
schwache Lämmer, die sich auch deshalb nicht genügend entwickeln 
konnten , weil die Mutter infolge einer chronischen Eutererkrankung 
wenig Milch lieferte. Dieses Mutterschaf wird durch ein andres Kon- 
trolltier ersetzt, auch sind die Schafe wieder auf eine gute Weide 
geschickt worden. 



Zusammenfassung. 

Die Inzucht bedingt durch Schaffung eines homozygoten Keim- 
plasmas Sicherheit der Vererbung und Erhöhung der Ausgeglichenhüt 
einer Zucht. Überlegte imd mäßige Inzucht hat sich in Hochzuchten 
als notwendig und nützhch erwiesen, auch die Leistungsfähigkeit wird 
günstig beeinflußt. 

Voraussetzung für die Durchführung der Inzucht ist eine feste 
Konstitution und vollkommene Gesundheit der Tiere. Eine natur- 
gemäße, nicht zu weichliche Aufzucht und gesunde Haltung muß 
vorhanden sein. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, so treten 
infolge der Inzucht Schädigungen der Nachkommen auf: Ver- 
feinerung des Knochengerüstes, Schwerfnttrigkeit, ungenügende Lebens- 
energie der Neugeborenen, mangelhafte Fruchtbarkeit. Vorhandene 
Krankheitsanlagen machen die Inzucht besonders gefährlich. Die 
Sicherheit der Vererbung erstreckt sich nicht nur auf die Vorzüge, 
sondern in genau demselben Grade auf Fehler und Mängel. Die 
Inzucht setzt deshalb eine dauernde scharfe Beobachtung der Herde 
voraus. 

Enge und engste Inzucht kann nur dort empfohlen werden, wo 
besondere Erwägungen ihre Vornahme rechtfertigen und der Züchter 
sich der Tragweite seiner Handlungen voll bewußt ist. Dauernd ist zu 



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382 S. AbMtmitt. Die Zächtung. 

einer solchen Zuohtmethode überhaupt nicht zu laten. Mäßige und 
w^teie Inzucht hat dagegen auch in der Iiandestierzucht vielfach An- 
wendung gefunden und Nutzen gebracht. Je gleichgültiger die Züchter 
und je ungünstiger die Haltongsverhältnisse und, desto weniger werden 
die Vorteile und desto mehr die Gefahren der Inzucht in Erscheinung 
treten. Man darf auch hier nicht schematisieren. Eine Zuchtmethode, 
die in dem einen Fall mit Kutzen angewendet wurde, kann unter anderen 
Verhältnissen schwere Schädigungen bedingen. 



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Sechster Abschnitt. 

Die Zuchtmaßnahmen des Staates und der land- 
wirtschaftlichen Vertretungskörperschaften. 



Alle Zuchtmaßnatunen liaben den Zweck, die Zucht der landwirt- 
BcliaftlicheD Haustiere zu fördern uad dadurch den Nationalwohlstand 
der einzelnen Länder zu heben. Solche MaBnahmen finden eich deshalb 
in der einen oder andern Form in allen Kulturstaaten der Welt und gehen 
in der Hauptsache von den Landesregierungen aus, indem sie die landes- 
poUzeiliche Überwachung der öfientUch deckenden Zuchttiere regeln, für 
deren Beschaffung durch Unterhaltung von Gestüten seilen oder endhch 
den landwirtschaftlichen Körperschaften die Mittel an die Hand geben, 
die gesamte Haustierzucht zu heben und zu beleben. 

Indirekte MaBnahmen zur Förderang der inländischen Zucht liegen 
in dem Verbot der Einfuhr ausländischer Tiere oder in der Festlegung 
hoher Einfuhrzölle, sowie in der Bekämpfung der Tierseuchen. 



I. Die BtoatUche Überwachang der Sffentlieh deckenden 
Zachttiere — Körnng. 

Die wichtigste landespolizeiliche Maßregel zur Hebung der Zucht 
der einzelnen Haustiergattungen ist die Körung der männlichen 
Zuchttiere. Sie ist entweder durch Landesgesetz für ganze Länder oder 
für einzelne Bezirke angesprochen, oder es ist den Verwaltungsbehörden 
die Möghchkeit an die Hand gegeben; durch Beschluß der zuständigen 
Ausschüsse die Körung in einzelnen Ke^erun^bezirken oder Kreisen zur 
Einführung zu bringen. Diese amthchen Körungen sind nicht mit den- 
jenigen zu verwechseln, die innerhalb der Züchtervereinigungen statt- 
finden und ledighch Vereinsmaßregeln darstellen (S. 394). 

Die Ausführung der Körung geschieht durch Sachverständige, die, 
gewöhnlich drei an der Zahl, am besten aus den Kreisen der Züchter 



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384 8- AbBcbnitt Die ZuchtmaSnabmen des Staates usw. 

stammeQ, zum Teil aber auch tedmische oder Verwaltungsbeamte sind. 
Die Zuteilung und Wahl der Mitglieder dieser Körkommissionen erfolgt 
auf Grund von Gesetzen oder Landesveroidnungea durch die zuständigen 
Behörden und die wahlberechtigten VerwaltungsaueschüSBe — Kieis- 
ausschuQ, Bezirksausschuß, Distriktsrat uaw, — , vielfach auf Vorschlag 
der landwirtac haftlichen Korporationen. 

Die Kommissionen, denen wenigstens bei Pferden in der Regel ein 
beamteter Tierarzt als Mitglied oder Sachverständiger angehört, haben ihr 
Augenmerk darauf zu richten, daß das männhche Zuchttier körpeiUch 
genügend entwickelt, frei von schwerwiegenden Fehlem und endlich im- 
stande ist, die Zucht zu fördern. Unerläßlich, obgleich nicht überall vor- 
geschrieben, ist femer, daß die männlichen Zuchttiere der im Körbezirk 
herrachenden oder anzubahnenden Zuchtrichtung angehören. Es werden 
also meist nicht nur individuelle, sondern auch KasseneigenBchaften in 
Rücksicht auf die örtliche Zuchtrichtung verlangt. 

Diie amtbchen Körungen erstrecken sich gewöhnlich nur auf solche 
Individuen, die weibliche Tiere andrer Besitzer decken, also dem öffent- 
lichen Gebrauch dienen, wobei es gleichgültig ist, ob die Belegung gegen 
oder ohne Entgelt stattfindet. Zuchttiere, die auBSchließhch dem eignen 
Gebrauch dienen, unterUegen der behördlichen Beaufsichtigung in der 
Regel nichti In neuerer Zeit beginnt man aber auch schon damit, die 
Körung auf alle Bullen auszudehnen, die überhaupt weibliche Rinder 
belegen — Anhalt, Bayern, Vorarlberg. Natürhch kann sich die staat- 
liche Beaufsichtigung bei ausschließlicher Verwendung zum eignen Ge- 
brauch nur auf die individuelle Tauglichkeit, nicht aber gleich- 
zeitig auch auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten 
Rasse erstrecken, weil man dem Besitzer das Recht nicht nehmen 
darf, Tiere derjenigen Rasse zu züchten, die er für seine wirtschaftlichen 
Verhältnisse fUr geeignet hält. 

Als Ausweis über die erfolgte Ankörung erhalten die Besitzer der 
männlichen Tiere eine amthche Bescheinigung, den Körschein. Mancher- 
orts werden die Namen der Besitzer und die Wertzahlen der gekörten 
Tiere von der zuständigen Verwaltungsbehörde öffentlich bekannt ge- 
macht, was durchaus zweckmäßig erscheint. 

Körordnungen finden in erster Linie auf Hengste und Bullen, seltener 
auf Eber, Ziegen- oder Schafböcke Anwendung. Körungen von Ebem 
und Ziegenböcken sind aber neuerdings häufig in einzelnen Kreisen ein- 
geführt und ausnahmsweise kommen sie auch für Schafböcke vor. Kör- 
ordnungen für Hengste und Bullen sind in vielen Staaten seit Jahrzehnten 
in Anwendung. Sie haben sich sowohl in Deutschland wie in verBchiedenen 



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II. Die BeBcbaffnng guter Zuchttiere durch Unterhaltung von Gestüten. 3g5 

auBerdeutschen LäDdem immer mehr eingebürgert, so daß sie in Deutsch- 
land nur noch in wenigen Landesteilen fehlen. In Preußen wurden 
1913/14 1898 Hengste (davon 629 Warmblut), 56374 Bullen, 8463 Eber, 
440 Schaf- und 8343 Ziegenböcke angekört^). 

In einzelnen hervorragenden Zuchtgebieten, in denen wie in Olden- 
burg, Ostfriesland u, a. eine rege Ausfuhr von Zuchttieren herrscht, ist 
man durch Prämien, die für ältere Hengste und Bullen, und durch so- 
genannte Angeldpräniien, die für junge männliche Individuen beider Tier- 
gattungen bei der Körung vergeben werden, bestrebt, das beste Zucht- 
material dem Lande zu erhalten. Die Präniienempfänger müssen uoh 
bei Strafe der Rückzahlung der erhaltenen hohen Prämien zuzüglich einer 
bestimmten Buße verpflichten, die prämiierten Zuchttiere eine bestimmte 
Zeit im Zuchtgebiet zur Zucht zu verwenden. Hierdurch wird deren Ver- 
kauf in andre Gegenden, wenn auch nicht gänzlich verhindert, bo doch 
wesentlich erschwert, denn der Käufer muß das Zuchttier mindestens 
um den Betrag höher bezahlen, den Prämie — für Hengste bis zu 1800 Mark 
— und Buße — zum Teil die gleiche Summe — betragen. In der Rhein- 
provinz werden neuerdings für Kaltbluthengste solche Erhaltungs- 
prämien bis zur Höhe von -5000 Mark vergeben. 

Im übrigen ist auch dort, wo der Export keine Rolle spielt, die Prä- 
miierung der besten staatlich gekörten und Öflentlich deckenden männ- 
lichen Zuchttiere eine Maßregel, welche die weitgehendste Berücksich- 
tigung verdient. 



n. Die Beschaffang guter Zuchttiere durch Unterhsltnng 
TOD Gestfiten. 

Die staatlichen Gestüte zerfallen in: 

1. Haupt-, Stamm- oder Zuchtgestüte: 

2. Landgestüte. 

Die Haupt- oder Stammgestüte sind große landwirt- 
schaftliche Betriebe, die den einzelnen Staaten gehören und den Zweck 
haben, Hengste zu züchten, die von der Landgestütsverwaltung während 
der Deckzeit im Lande aufgestellt werden, um die Stuten der ländlichen 
Besitzer zu decken. Die Hauptgestüte treiben somit eigne Zucht und 
besitzen zu diesem Zweck einen gewissen Bestand an Beschälern — in 

*) KtAtistiache NachiveisuDgen aus d. Geb. d. landw. Verwaltung in Preußen. 
Jahrgang 1913. Berlin 1915. Hier finden »ich auch die »eiteren atatistisciien An- 
gaben über Preußen. 

Pmch-Hfliiseii. AlleemeiDo Tiprautiit, 3. Aufl. 25 



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386 B- Abschnitt. IKe Zochtmafinabmen des Staat«« usw. 

Deutschland Hauptbeschäler und in Österreich-Ungarn Pepi- 
nierehengste genannt — und Mutterstuteii, deren Gesamtzahl in Deutsch- 
land zurzeit rund 70 Hengste und lUX) Stuten beträgt. Die Mutterstuten 
werden mit Ausnahme einiger VoUblutstuten in den Haupt- bzw. Staram- 
gestüten gezüchtet und das gleiche ist gewöhnlich mit den Haupt- 
beschälem der Fall, von denen indessen auch ein Teil aus der Privat- 
zucht des In- und Auslandes, und zwar oft zu recht hohen Preisen ange- 
kauft wird. So Kostete der englische Vollbluthengst Ard Patrick, der 
in Graditz steht, 420 000 Mark, Bonns Vista und Slieve Gallion in 
Kisbör 400 000 und 416 000 Kronen. 

Landgestüte und keine eigentlichen Gestüte, sondern Be- 
Bchälerdepots — in Österreich-Ungarn richtiger Staatshengstendepots 
genannt ^. in denen die dem Staate gehörigen Deckhengste — Land- 
beschäler — stehen, die dann zur Deckzeit — Januar bis Juli — 
auf die Bogeuannten Beschälstationen im Lande verteilt werden. Ein 
Teil der Landbeschäler, von denen im Jahre 1911 in Deutschland 4579 
Stück (3598 Warmblut und 1094 Kaltblut) vorhanden wareni), ist in 
den Hauptgestüten gezüchtet, ein andrer, und zwar der bei weitem griiüere, 
von Züchtern des In- und Auslandes gekauft, was bei Kaltbluthengsteii 
stets der Fall ist. — Österreich besaß im Jahre 1910 "2479 Staatshengste, 
darunter 1026 Kaltblüter, und Frankreich 3447, darunter 684 Kaltblüter. 

Die Hengste der Hauptgestüte decken in erster Linie Stuten des be- 
treffenden Gestüts, die Landbeachäler dagegen imr Stuten der Züchter, 
und zwar gegen ein mäßiges Deckgeld von etwa 6^ — 15, ausuahmsweise 
bis 50 Mark. Werden die Hauptbeschäler des englischen Vollblutschlages 
für Privatstuten verwendet, was bisweilen im größeren Maßstäbe vor- 
kommt, so werden Deckgelder bis zu vtOO Mark (Graditz) oder bis zu 
2000 Kronen (Kißb6r) berechnet*). 

Die Hengste beider Gruppen sind und bleiben bis zu ihtet Aus- 
musterung Eigentum des Staates. Dieser verfolgt mit obigen Einrich- 
tungen den Zweck, ein brauchbares Militärpferd und ein den wirtschaft- 
lichen Verhältnisseti des Landes entsprechendes Gebrauchspferd zu er- 
zeugen. Die Einrichtung von Haupt- oder Stanamiiestüten ist verhältnis- 
mäßig alt, namentlich in Deutschland. So gründete Sachsen schon I5T3 
ein größeres Gestüt in Merseburg, Preußen 1732 ein solches in Trakehnen, 

') K n i B p e I, Die Verbreitung der Pferdeschlägr iu Deutschland. Arbeiten 
d. D. L. G. Heft 274. Berlin 1915. 

') Ed. Blanc bezahlte Flying Fox sogar mit 37 000 Guineen, das sind rund 
756 000 Mark. Der Hengst deckte anfänglich für 10 000 und spater für 13 000 Frcs. 
(Zettschr. für Gestütskunde 1911. S. 138.) 



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II. I^e Beschaffung guter Zuchttiere durch Dnterhaltung von tiestUt«n. 3g7 

allerdings zunächst mit der Bestimmung, Pferde filt die Hofhaltungen 
zu züchten, während die Landgestüte etwa bis in die zweite Hälfte des 
18. Jahrhunderts zurückreichen. 

Dort, wo die Zahl der Beckhengste dem Bedürfnis im Lande nicht 
genügt, oder wo Gestüte nicht bestehen, kauft der Staat nütunter ge- 
eignete Hengste an und überläßt sie dann unter bestimmten Bedingimgen 
zu einem geringeren Preise Privaten oder Vereinen, so beispielsweise in 
Baden, wo 1912 122 subventionierte Hengste vorhanden waren^). 

Die öaterreichische Gestüts Verwaltung vermietet auch wertvolle 
warmblütige Hengste an hervorragende Privatzüchter, denen der hohe 
Anschafiungspreis und die wegen des erforderlichen Blutweckseis nicl^ 
genügend lange Benutzungszeit die eigne Erwerbung eines solchen Vatet- 
tieres verbietet. 

Die Produktion von Bullen, Ebern und Ziegenböcken erfolgt nicht 
oder doch nur ganz ausnahmsweise in staathchen Anstalten; sie wird man 
Privatunternehmern überlassen und in einzelnen Fällen durch staatliche 
Mittel unterstützen. 

StAnunzuchten im staatlichen Besitz gibt es in einzelnen Krön- 
ländem Österreichs und auch in Ungarn. Es sind hier die landwirt- 
schaftlichen Lehranstalten, die Versuchsgüter und die großen landwirt- 
schaftlichen Betriebe der StaatsgestUte , die Rinder und Schweine 
bestimmter Rassen züchten und das entbehrliche Zuchtmaterial zu 
niedrigen Preisen an Gemeinden und Private abgeben. 

In Deutschland hat die Gutswirtschaft der landwirtschaftlichen 
Akademie Hohenheim bei >Stuttgart schon seit mehr als einem halbeü 
Jahrhundert mit ihrer Simmentaier Stammherde die württembergische 
Landesrinderzucht gefördert, und in neuerer Zeit hat das Großherzog- 
tum Baden drei Stammzuchten für Rinder eingerichtet, um passendes 
Zuchtmaterial für das Land zu erzeugen. Diese Anstalten sind jedoch 
neuerdings in Aufzuchtstationen — zwei für Simmentaier und je eine für 
Vorder- und Hinterwälder — umgewandelt*). 

Bullendepots der Art, daß die Tiere von Staats wegen auf das Land 
geschickt und dort wie die Landbeschäler in eigner Verwaltung verpflegt 
werden, gibt es nicht, dagegen besteht in manchen Ländem die für die 
Tierzucht ungemein segensreiche und nachahmungswerte Einrichtung, 
daß den Gemeinden gesetzlich die Verpflichtung obliegt, für die erforder- 
liche Anzahl geeigneter Bullen zu sorgen. Vorbildlich ist hier Baden, wo 

') Geschäftabericht des GroBh. Bad. Ministeriums des Innern für die Jahr; 
1906— 19I-2. Karlsruhe 1914. S. 159. 
«) Daselbst S. 171. 



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388 6. Absobnitt. Die Zuohtmaßnahmen des Stut«« uaw. 

die Gemeindestierhaltung lange eingeführt und gegenwärtig 
nach dem Gesetz von 1896 ger^elt ist. 1912 befanden sich 97,6% der 
Zuchtbullen im Besitz der Gemeinden und 54,6% der Gemeinden hatten 
die Versorgung der Bullen in eigener Verwaltung. In den betr. Gehöften 
Bind häufig auch die subventionierten Hengste (S. 387), sowie die Ziegen- 
böcke und Zuchteber untergebracht. 1912 standen im Eigentum der 
Gemeinden 61% der Ziegenböcke und 16% derEber^), zu deren Haltung 
die Gemeinden ebenfalls verpflichtet sind. 

Die Bullenhaltung ist nach badiachem Muster ebenfalls in Bayern, 
Württemberg, Hessen usw. den Gemeinden übertragen, eine Einrichtung, 
die ganz besonders dem Kleinbesitz zugute kommt. 

Meistens haben aber die Tierbesitzer selbst für die erforderliche An- 
zahl deckfähiger Bullen zu Boi^n. Doch kann die Gemeinde, und zwar 
auf Koeten der Tierbesitzer , zum Eintreten verpflichtet sein, wenn 
diese ihren Pflichten nicht genügen. Eine derartige Regelung ist für 
einzelne preußische Provinzen gesetzlich vorgeschrieben. 



m. Die Terwendong tob Stutsmitteln zar Hebang 
der Tierzncfat. 

Die Bewilligung von Staatsmitteln zur Hebung der einzelnen Zweige 
der landwirtschafthchen Tierzucht findet sich wohl in allen Kulturstaaten. 
Diese Beträge werden den Interessenten in der Hauptsache durch 
die landwirtschaftlichen Vertretungskörperschaften — Landwirtachafts- 
kammem, General-, Zentral-, Haupt-, Kreisvercine, landwirtschaftliche 
Sektionen, ökonomische Gresellschaften usw. — zugänglich gemacht, wo- 
bei noch anzuführen ist, daß z. B. die preußischen Landwirtschafta- 
kammem das Recht der Selbstbeeteuerung der Landwirte ihres Bezirks 
haben und daher in der Lage sind, die staatlichen Zuwendungen durch- 
eigne Mittel zu erhöhen. Die Verwendung dieser Mittel erfolgt zu folgen- 
den Zwecken: 

1. M« UntarinHunf ¥M TienuditaadtvenUndlcm. 

Die Stellung der technischen Beamten für die Hebung der landwirt- 
schaftlichen Haustierzucht — Landesinspektor für Tierzucht, Tierzucht- 
direktor, Verbandsinspektor, Zucbtinspektor, Tierzuchtinspektor, Tier- 
zuchtinstruktor, Tierzucht Wanderlehrer, Tierzuchtkonsulent usw. — ist 

») A.a.O. S. 178. 189 u. 190. 



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III. Die Venrendung von Sta&tamitteln eor Hebung der Tieizucbt. 389 

verhältnismäßig neu. In Deutschland waren e» zunächst die süddeutschen 
Staaten, die dauiit vorgingen, und in der zweiten Hälfte des abgelaufenen 
Jahrhundert« Tierärzte, and zwar zum Teil im Nebenamt — L y d t i n 
in Karlsruhe, M a y in Weihenstepfaan und F e s e r in München — mit 
solchen Stellungen betrauten. Später sind die Verhältnisse hier weitet 
ausgebaut und auch in Sachsen ähnlich gestaltet worden. In Bayern 
und Baden sind die Tierzachtbeamten, wenigstens nach einet beetimmteii 
Dienstzeit, Staatsdiener und ihrer Berufsbildung nach ausschließlich 
Tierärzte. 

In Koiddeutschland hat man etwa seit den neonziget Jahren des 
votigen Jahrhunderts eine große Zahl solcher Tierzuchtsachverständigen 
angestellt. Sie und in der Regel Beaoate der Landwirtschaftskammern 
oder der ZUchtervereinigungen. Entsprechend der Tatsache, daß die 
Tierzucht ein Teil des landwirtschaftlichen Betriebe« ist, und daß für 
ihr Gedeihen wirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend sein müssen 
(S. 2 u. 54), sind in Norddeutschland die Tterzuchtinspektoten aus- 
schUeßlich Landwirte. Sie werden auf Grund einer praktischen land- 
wirtschaftlichen Auebildung und eines mit einem landwirtschaftUchen 
Examen und der TierzuchtinspektotprUfung abgeschlossenen landwirt- 
schaftlichen Studiums (Universität oder Landwirtschaftlichen Hoch- 
schule) angestellt. 

Das Wirkuugsgebiet der Tierzuchtbeamten — Tierzuchtinepektoren 
— kann einen gewissen Verwaltungsbezirk oder auch ein bestimmtes ein- 
heitliches Zuchtgebiet umfassen. Ihre Aufgabe erstreckt ach auf alle 
zur Förderung det Tierzucht getrofienen Maßnahmen, und weist deshalb 
durch örtliche Verhältnisse bedingte Unteischiede auf. Es handelt sich 
am die Geschäftsführung von Züchtervereinigungen, die Fuhrung von 
Stut- und Herdbüchern, die Körung von Zuchttieren, die Beschaffung 
von Vatertieren, die Einrichtung von Leistungsprüfungen, die Vor- 
bereitung und Durchführung von Tierschauen, die Regelung des Ab- 
satzes, die Einrichtung von Jungviehweiden usw. usw. Vor allen Dingen 
hat der Tierzuchtinspektor auch den Züchtern seines Bezirks in allen 
Fragen über Züchtung, Haltung und Ernährung der Tiere mit Rat und 
Tat zur Seite zu stehen. Sofern et nicht nur guter Tierzuchttechniker 
ist, sondern auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge seines Arbeits- 
feldes offenen Auges, übersieht, wird er bald das Vertrauen der Landwirte 
gewimien und viel Segen stiften können. Der erfreuliche hohe Stand 
der Tierzucht ist zum guten Teil der erfolgreichen Tätigkeit dieser Be- 
amten zu verdanken und besonders dort nachzuweisen, wo es sich um 
klöne Betriebe handelt. 



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6. Abschnitt. Die ZuchtmaSnohmen des StAates usw. 



2. ZUditervtralnlgungan und Hsnlbuchwesen. 

a) Al^emeinea. 

Die ZUchtervereinigungen können ihre Ziele verBohieden weit 
stecken. Mituntei — Ortsvereine — besteht ihre Aufgabe fast nur 
in der Haltung von Vatertieren, so daß sie eigentlich als Hengst-, 
Bullen-, Bock' oder Eberhaltungsstationen bzv. Genossenschaften 
(S. 401) zu bezeichnen sind. Häufig sind sie die Vorläufer der eigent- 
lichen ZUchtervereinigungen und können notwendig sein, um diesen die 
Wege zu ebnen. 

Die Züchtervereinigungen im engeren Sinne, die hier ausschließUch 
besprochen werden sollen, haben viel umfassendere Aufgaben. Ihr Ver- 
breitungsgebiet kann sehr verschieden groß sein und ist vielfach schon 
aus dem Namen zu erseiLen. Die kleinere Vereinigung erstreckt sich ge- 
wöhnlich über einen politischen Bezirk — Kreis, Amtsbezirk, Oberamt, 
Bezirksamt usw. — oder über eine Oegend mit gemeinsamen zilchterischen 
Interessen und heißt dann Pferdezuchtverein , Zuchtgenossenschaft 
für (z. B, kaltblutige) Pferde, Eindviehzuehtverein, Viehzuchtverein, 
Herdbuchverein , Stammviehzuchtverein , Züchtervereinigung für die 
Zucht des x-Rindes, Zuchtgenossenschaft, Schweinezucht^enosBenschaft, 
Schweinezuchtverein, Ziegenzuchtverein, Ziegenzuchtgenossenschaft. Die 
einzelnen Vereine oder Zuchtgenoesenschaften einer Provinz oder eines 
Landes schließen sich vielfach zu Zuchtverbänden für Pferde, Binder usw. 
Zusammen. 

Andere Stut- und Herdbuchgesellschaften erstrecken sich über ganze 
Provinzen, ohne aus kleineren Vereinigungen zu bestehen. Die ZüclAer 
Bind hier direkt ohne verbindendes Zwischenglied der großen provinziellen 
Organisation angeschlossen. 

Die zuletzt erwähnten Bezeichnungen lassen schon darauf schließen, 
daß eine der wesentlichsten Aufgaben der Züchtervereinigungen m der 
Führung von Stammbüchern (für Pferde Stutbücher, für 
die anderen Tiergattungen Herdbücher) besteht. In England 
sind Züchtervereinigungen viel älter als in Deutschland. Ihr Arbeits- 
feld ist hier aber ein viel beschränkteres als bei uns und besteht vielfach 
fast nur in der Herausgabe eines Herdbuches. 1808 erschien als ältestes 
Stammbuch der Welt das General Stud Book für englische Vollblut- 
pferde und 1822 folgte ihm der erste Band von C o a t e s' Shorthom- 
herdbuch. 

Diesem Beispiel haben sich zahlreiche andere Züchtergesellsc haften 



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III. Die Verwendung von Staatsmittelii zur Hebung der Tierzucht. 39 t 

EuglftndB und nach diesem Muster auch der Veremigten Sttiaten 
Nordamerikas angeschlossen. Es etscheinen dort alljährUch zahlreiche 
gedrackte Stut- bzw. Herdbuchbände>). In Deutschland erschien als 
erstes gedrucktes Stammbuch 1842 das Norddeutsche Gestiltbuch (nur 
ein Band), dann von 1864 — 72 sieben Bände des Stanunbuches deutscher 
Zuchtherden von Janke, Körte und v. S c h m i d t,-und 1865 wurde 
von H. Settegast und A. Krocker der erste Band des Deutschen 
Herdbuches herausgegeben. Dieses letztere sollte alte Individuen und 
Zuchten edler Tiere DeutBchUnds aufnehmen, bescl^ftigte sich aber von 
Anfang an vorwiegend mit den Shorthoms ; es ist dann uut seinem 6. Bande 
1889 von der inzwischen gegründeten Gesellschaft deutscher Shorthom- 
züchter übernommen und weitergeführt worden*). In neuerer Zeit ver- 
öffentlichen in Deutechland sehr viele Züchterveieinigungen ihre Stut- 
bzw. Herdbücher- 

Während in England' und Amerika die Abstammung von (meist 
mehreren Generationen) eingetragenen Eltemtieren genügt, um ein Tier 
zur Aufnahme in ein Herdbuch zu befähigen, werden in Deutschland 
grundsätzhch sowohl männhche als auch weibliche Tiere nur nach 
vorausgegangener Körung eingetragen.. Die An- 
gaben der Herdbücher sind mehr oder weniger eingehend. Sie müssen 
folgende Angaben enthalten*): 1. Bezeichnung (Nummer eventuell Name 
des Tieres), 2. Besitzer und Züchter, 3, Geburtstag und Körungstermin,- 
4. Abstammung — die eigenthche Aufgabe — mindestens von Vater 
und Mutter; vielfach sind noch weiter zurückhegende Ahnen mit 
angegeben. Außerdem finden sich mitunter noch folgende Angaben: 
Bezeichnung des Tieres nach Farbe und Abzeichen (besonders not- 
wendig für Pferde), Beschreibung der Körperformen bzw. Funk- 
tierungs- oder Messungsergebnisse, die Nachzucht, Ausstellungsprämien 
usw. Mit allen Mitteln müßte dahin gestrebt werden, daß die Herd- 
bücher allenthalben, wo dies möglich ist, einwandfrei ermittelte 
Leistungen, wie beim Milchvieh die Kontrollvereinsergebnisse, 
enthalten. Daß genaue Nachweisungen über die Nachzucht und deren 
Verwendung sowie über den Abgang des Tieres im handschrifthch ge- 
führten Urnmtenal vorhanden sein müssen, ist selbstverständlich. In 

') Ramm und B u c r, Nacbrichten aus den hervorragendsten Pferdezucht- 
gebjeten des In- und Aualondea, Leipzig IMI. — Hansen und Hermes, Die 
Rindviehzuclit im In- und Auslände. I^ipzig 1905. 2 Bände. 

>) Hansen und Hermes a. a. O. I, S. 32. 

') W i I s d o r f. Die Herdbuchführung im Dienste der LMidestierzucht. 
29. Ftugsohrift der Deutschen Gesellschaft füi Züchtungskunde, 1914. 



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392 ^- Abschnitt. Die ZnchtmoBnalimeii dea Staates nsw. 

den gedruckten Herdbüchern verbietet BicL letzteres vielfach schon 
der Kosten wegen. 

In Deutschland haben die Züchtervereinigungen eine besonders nach- 
haltige Anlegung durch die Deutsche Landwirtschatts-GresellBchatt und 
deren große mustergültigen Wanderausetellungen (seit 1887) erfahren. 
In erster Linie erklärt sich dies daher, daß von vornherein auf diesen 
Schauen neben den Besitzern nur ZUchtervereiuigungen als AusstelleT 
von Tieren zugelaasen waren, nicht also allgemeine landwirtschaftliche 
Körperschaften. 1889 wurde verlangt, daß Verbände von Zuchtgenossen- 
echaften sich nur dann um Preise bewerben könnten, wenn alle einzelnen 
Teile des Verbandes von der Deutschen Landwirtschafts-Geeellschatt als 
dauernde Genossenschaften anerkannt waren. 1892 wurden bestimmte 
Vorschriften für diese Anerkennung erlassen, von 1898 ab auch eine ein- 
heitliche Kontrolle der Herdbuchführung voi^nommen und 1902 die 
im Jahre 1892 gegebenen Vorschriften über Zuchtbuchführung, Kenn- 
zeichnung der angekörten Tiere und ihrer N^achzucht im jugendlichen 
Alter vervollständigt. Seit dem Jahre 1910 wird die Anerkennung von 
Züchtervereinigungen von einer vorausgegangenen Revision und Durch- 
sicht der Zuchtbücher abhängig gemacht. Dabei soll durch den prak- 
tischen Zuchtbetrieb nachgewiesen werden, daß die Zuchtbucbführung 
seit mindestens einem Jahre nach den Vorschriften der D. L. G. er- 
folgt ist. 

Die Anerkennung der Züchtervereinigungen durch 
die D.L. G.^) ist der Hauptsache nach an folgende Bedingungen geknüpft: 
Angabe des Zwecks der Vereinigung sowie von Zuchtrichtung und Zucht- 
ziel in den Satzungen, Vornahme von regelmäßigen Körungen und 
Revisionen der Zuchttiere, Durchführung einer geordneten Zuchtbuch- 
führung seitens der Vereinigung selbst und ebenso seitens der ange- 
schlossenen Mitglieder, Kennzeic^ung der gekörten Tiere, Befolgung 
der Satzungen seitens der Mitglieder und Ahndung von Vergehen gegen 
diese Bestimmungen. Die D. L. G. behält sich in allen Fällen vor, 
ihrerseits die Verwaltung der Züchtervereinigungen zu kontrollieren. Es 
werden anerkannt Züchtervereinigungen für Pferde, Rinder, Schweine 
und Ziegen und nach etwas anders lautenden Bestimmungen auch für 
Schafe , sowie im Besitz von Einzelzüchtem befindliche Schaf- und 
Schwein estammzuchten. Nach Mitteilung der D. L. G. waren am 
"1, Januar 1914 in Deutschland an Zücht«rvereimgungen vorhanden: 

') Knispel, Anleitung (Nr. 17) für Züchtervereinigungen »ur ordnungs- 
mäßigen Führung der Zuchtregister. Berlin D. L. G. 1914. S. 89. 



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lli. Die Verwendung von Stoatsmitteln zur Hebung der Tienucht. 393 

266 für Pferde, davon 102 für Warm-, 164 für Kaltblut, 
1722 für Rinder, davon 1224 für Höhen-, 498 für Niederangavieh, 
10 für Schafe, 
188 für Schweine, davon 38 für weiße Edel-, 147 für veredelte Land-, 
1 für unveredelte Land-, 2 für andere Schweine. 
1556 für Kegen, davon 1102 für weiße, 454 für bunte Ziegen. 
3742 Züchtervereinigungen im ganzen. 

Die Zahlen haben ein sehr verschiedenes Gewicht. Die Ziegen- 
üüchtervereinigungen umfassen meist sehr kleine Bezirke und das gleiche 
dürfte für die Züchtervereinigungen für Höhenvieh im Vergleich zu jenen 
für Niederungsvieh gelten. Aber die Zahlen beweisen, daß sich die 
Züchtervereinigungen in Deutschland in einer erfreulichen Blüte befinden. 
Sie sind zweifellos als das wesentlichste Mittel zur Förderung der Tier- 
zucht anzusehen. Dabei gebt ihre Tätigkeit heute weit übet ihre eigent- 
liche and ursprünghche Aufgabe hinaus. Fast alle in diesem Abschnitt 
besprochenen Maßnahmen werden seitens der Züchtervereinigungen 
durchgeführt, wobei im einzelnen je nach Lage der örtlichen Verhält- 
nisse sehr verschiedenen Bedürfnissen Rechnung zu tragen ist. 

b) Zweck und Organisation der ZflchterrereinigimgeD. 

Züchtervereinigungen haben den Zweck, vorhandene Reinzuchten 
zu erhalten oder neue zu begründen. Ihr Nutzen beruht auf der Besse- 
rung des Zuchtmaterials nach Körperform und L^stung und auf der 
böher^i Verwertung der Nachzucht auf Grund von Abstammungsnach- 
w^sen. An derartigen Einrichtungen sind daher in erster Linie die- 
jenigen Landesteile beteiligt, die Zuchtvieh für den Verkauf erzeugen, 
und diese haben auch mit der Begründung der Züchtervereinigungen den 
Anfang gemacht. Ihnen und dann spater zum Teil auch solche Gegenden 
gefolgt, die Nutzvieh züchten. 

Die Organisation der Züchtervereinigungen wird durch Satzungen*) 
geregelt. Sie erstrecken sich nach der Anleitung der Deutschen Land- 
wirtschaftegesellschaft, die auf diesem Gebiet dank der bei ihr aus ganz 
Deutschland zusammenfließenden Erfahrung die unbestrittene Führung 
übernommen hat, auf folgende Funkte: 

1. Name, Sitz und Verbreitungsgebiet. 2. Zweck der Vereinigui^. 3. Zucht- 
richtung und Zuchtziel. 4. Mittel zur Erreichung des Zveckes. 5. Hitgliedschaft. 
6. Rechte der Mit^eder. 7. Pflichten der Mitglieder. 8, Vertretung und Geschäfts- 

') Hustcrsatzungen finden sich in „Anleitung 17" der D. L. G. (FuQ- 
note H. 392). S. 58. 



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394 B' Abschnitt. Die ZuchtmaSnahmen des Staates usw. 

fühnuig. B- Körordnung. 10. Keviaion. 11. Zuchlbuchführung. 12. Kentuetch- 
nui^. 13. Rechnung« u-csen. 14. Änderung der .Satzungen und Auflösung. 

Besondere Beachtung verdienen die Punkte über Zuchtziel, Körung, 
Zuchtbuch führung und Kennzeichnung. 

c) Das Zuchtziel. 

Das Zuchtziel regelt die Zuchtrichtung und bt in seiner Verwirk- 
lichung abhängig von der Leistungsfähigkeit der Scholle, der Regsam- 
keit der Züchter, den Äbaatzverhältiiissen und namentlich auch gegen- 
über dem Kleingrundbesitz von den staatliehen Unterstützungen. Weiter- 
hin ist aber auch die physiologische Leistungsfähigkeit der Tiere zu be- 
achten. 

Gewöhnlich haben die Züchtervereinigungen in ihren Satzungen eiu 
sehr hohes Ziel. Bisweilen ist es so hoch, daß ea überhaupt unerreichbar 
ist. weil die aufgestellten Forderungen den Naturgesetzen, die das tierische 
Leben regeln, widersprechen. Jedem Tiere hat die Natur in seiner Lei- 
stungsfähigkeit gewisse Grenzen gesetzt, die der Züchter nicht über- 
schreiten kann, und jede bis zur physiologischen Grenze einseitig ge- 
steigerte Leistung muß demnach eine ychniälening der übrigen Leistungs- 
richtungen zur Folge haben. Daher ist ein hervorragend mastfähiges 
Rind auch nie eine erstklaasige Milchkuh und ein ausdauerndes Arbeits- 
tier. Wenn es dann in den Satzungen z. B. heißt: Es wird beabsichtigt, 
ein Rind zu züchten von ausgezeichneter Milchleistung, hervorragender 
Maatfähigkeit und bester Arbeitstüchtigkeit, so ist das physiologisch eine 
Unmöghchkeit. 

d) Die Efinmg innerhalb der Züchtervereinigongen. 

Die Körung innerhalb der Züchtervereinigungen hat sich auf männ- 
liche und weiblicheTiere zu erstrecken. Sie stellt nur eine 
Vereinsmaßregel dar und ist mit der öffentlichen Körung, die nur die 
männlichen Zuchttiere betrifft und vielfach andre Zwecke verfolgen muß, 
nicht gleichbedeutend (S. 383). Die Züchtervereinigung kann und muß 
ihre Anforderungen höher schrauben, als es die öffentliche Körung ver- 
mag. Die Körkoramission der Züchter\"ereinigung hat deshalb diejenigen 
Öffentlich angekörten Tiere besonders zu bezeichnen, deren Nachkommen 
als eintragungsberechtigt angesehen werden. Genau so ist mit den im 
Bezirk aufgestellten Landbeschälem zu verfahren. 

Die Herdbuchköning erfolgt gewöhnlich durch drei von der Mit- 
gliederversammlung gewählte Personen, die gelegentlich der erst«ren 



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III. Die VenFendung von Staatemitteln zur Hebung der Tieniucht. 39^ 

gleichzeitig eine Durchsicht der Stallbucher und der früher aufgenommenen 
Tiere vorzunehmen und die Kennzeichnung auszuführen haben. Der Ein- 
heithchkeit der Zucht wird es aehr förderlich sein, wenn, wie im Jever- 
lande und in der Wesermarsch in Oldenburg, die staatliche Körung äep 
Herdbuchgesellschaften übertragen ist und zugleich von deren Kör- 
koramissionen vorgenommen wird^). 

Die der Kommission als Richtschnur dienende Körordnung hat 
besonders die Rassen eigenschaften, das Alter, die Abstammung, die 
individuelle Entwicklung, den Bau des Körpers und die Nutzungseigen- 
schaften zu beachten. Zweckmäßig ist es, die Tiere auch zu punktieren. 

e) Die Zuchtbuchführung (Herdbuch-, StutbuchfUhmug). 

Die Deutsche Landwirtschaf tsgesellschaft^) empfiehlt hierbei auf 
Grund eingehender Beratungen in ihren Ausschüssen die Beachtung 
folgender Einzelheiten: 

1. Das Mit^iederverzeichnis. 

2. Das Zuclitbuch für männliche Tiere. 

3. Das Zuchtbucli für weibliche Tiere. 

4. Das Deck- oder Sprui^^register. 

5. Die Deck- oder Sprungbescheinigung (Deck- oder Sprungkarte), 
Ö. Das Stallbuch. 

7. Die Geburteanaeige. 

S. Die VerandeniDgsanzeige. 

9. Die Beatandanach Weisung. 

10. Das Probcmelkregister (b«i Rindern und Ziegen). 

11. Das Genie hteregister. 

12. Das Register für die Nachzucht. 

13. Die Aufnahmebeaehcinigung (Körschein bzw. Abstammungsnachweis). 

14. Die KörMste (zum Gelirauch für die Körkommission). 

I. Das Mitgliederverzeichnis 
enthält die Namen der Mitglieder und die Zuchtbuchnummem der den einzelnen 
Mitgliedern angekörten Tiere. 

2. u. 3. D a » Z u c h t b u c h (8. Anlage I u, 2). 
Es wird vom Ge«chättsführer geführt und muß so eingerichtet sein, daB 
für jedes Tier folgende Eintragungen vorgenommen werden können: 

') Hansen und Hermes, Die Rindvichzucht im In- und Auslände. 
Leipiig 1905. Bd. I. S. 307. 

') K n i s p e I, Anleitung für Zuchtervereinigungen zur ordnungsmäBigeD 
JTnhning der Zuchtrogister. Anleitung 17. Berlin 1914. S. 35. Vgl. auch W i I fi- 
el o rf. Die Herdbuchführung im Dienste der Landestietzucht. 29. Flugschrift der 
Deutschen Gesellschaft für Zuchtungskünde, 1914. 



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396 ^ Abschnitt. Die Zuchtmaßnahmen de« Staates usw. 

1. Zochtbuchnummer des Tieres. 2. Name desselben und Kenozeichnung. 
3. Qeburtstag. 4. Abstammung väterlicherseits'). S. Abstammung mütterlicfaer- 
seite'). 6. Weitere Abstammung. 7. Farbe und Abzeichen. 8. T^ der Anköruog. 
0. ZÜQht«r des Tieres. 10. Besitzer des Tieres. II. Verbleib. 12. Leistungen (Htich). 
13. Främiierungen. 14. Nachzucht und Verbleib deraelben. 15. Bemerkungen. 
16. Messungen*), Wt^ngen, Punktiahten. 

Das Zuchtbuch ist als das Hauptbuch der ganzen Zuchtbuchführung anzu- 
sehen; alle anderen Bücher sind Hilfsregist^r dafür. Die Angaben des Zuchtbuches 
sind es. die mehr oder weniger eingehend im Stut- bzw. Herdbuch (iS. 390) ver- 
öffentlicht werden. 

4. Das Deck- oder S p ru ng r egi s t er (s. Anlage 3) 
ist von demjenigen Mitgliede, welches angekörte männliche Tiere besitzt (Hengst-, 
BuUMihalter), bzw. von dem Stationshalter zu führen. Es muß Spalt«n enthal- 

1. Laufende Nummer. 2. D»tum des Sprunges. 3. Namen des Besitzers des 
weiblichen Tieres. 4. Namen und Zuchtbuchnummer den weiblichen Tieres. 
5. Namen und Zuchtbuch nummer des männlichen Tieres. 

5. Die Deck- oder 8 p ru ng besc hei n i g u ng e n (s. Anlage 4] 
werden von dem Besitzer des männlichen Tieres bzw. dem Stationshalter aus- 
gefertigt und dem Besitzer des gedeckten Tieres zugestellt. Die DeckkaH«Q 
müssen den Namen des Eigentümers. Nomen und Zuchtbuchnummer des weib- 
lichen Tieres, Namen und Nummer des männlichen Tieres, Datum des Sprunges 
und Datum etwaiger Nachsprünge enthalten. 

6. Das Stall buch (s. Anlage 5). 
Von jedem Mitgliede ist ein Stallbuch zu fuhren, welches im allgemeinen in 
derselben Weise eingerichtet ist wie das Zuchtbuch, sich aber nur auf je eine Herde 

(Stell) erstreckt. 

7. Die Geburtsanzeige (s. Anlage 0) 
hat zu enthalten; Nummer und Namen von Mutter und Vater, sowie Geburtstag. 
Geschlecht und Verbleib des Fohlens, Kalbes usw. 

8. Die Veränderungsanzeige (s. Anlage 7) 
muß die Tiere, welche ausscheiden, mit Zuchtbucbnummern angeben, auch ist die 
Ursache des Abgangs auf der Abmeldung zu verzeichnen. 

') Um dos Verständnis für den Wert der Abstammung und die Art ihrer 
Darstellung in die Kreise der Züchter* zu tragen, wäre es empfehlenswert, daa 
Zuchtbuchblatt anstatt der Ziffern 4, 5, 6 mit" einer Ahnentafel (S. 347) zu vm- 
sehen, eine Einrichtung, die sich auch in dem Wi Isdo rf sehen Rinderzucht- 
buoh findet. (A. Mieck, Verlagshandlung, Prenzlau.) 

*) Meist wird man wohl von den Messungen und Wögnngen absehen. 



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in. Die Verwendang von 8tafttsmittetD zur Hebung der Tierzucht. 397 

Eine derartige Zuchtbuchfiihrung macht viel Arbeit, so daß ein 
besonderer Herdbuchführer mit deren Erledigung betraut sein muH. 
Besteht die Vereinigung aus größeren Besitzern, so werden ihm die 
einzelnen Mitteilungen über die stattgefundenen Veränderungen tn einer 
einigermaßen befriedigenden Weise zugehen, herrscht aber der mittlere 
und kleinere Grundbesitz vor, wie das in Mittel- und Siiddeutschland 
der Fall ist, bo wird er zufrieden sein müssen, wenn die Züchter das Stall- 
buch und die Halter der männlichen Sprungtiere die Decklisten führet^ 
Alles übrige wird der Herdbuchfübrer selbst besorgen oder sich geeigneter 
Mittelspersonen bedienen müssen, die besonders such die Kennzeichnung 
der jungen Tiere vornehmen. 

Hierfür konunen in Orten, in denen mehrere Herdbuchmitglieder 
wohnen, Vertrauensmänner, Kontrolkssistenten (S. 412), Fleischbeschauer 
in Frage, oder man verwendet als „Zuchtwarte" sonstige geeignete junge 
Leute — Sohne von Landwirten, ehemalige Schüler von Landwirtschafts- 
schulen — , die mit Hilfe des Rades regelmäßig den ihnen zugewiesenen 
Bezirk befahren und die Eintragungen und Kennzeichnungen vornehmen. 

Zuchtbücher bezeichnet man als geschlossen, wenn sich die 
Eintragungen nur noch auf Tiere erstrecken, deren Eltern in dem be- 
treffenden Zuchtbuch stehen. 

f) Di« Eennzeicbirang')- 

Die Kennzeichnung der Herdbuchtiere ist erforderlich, um deren 
Identität festzulegen. Ohne Kennzeichnung haben die Zuchtbuchaua- 
züge meist keinen Wert, weil es besonders bei einfarbigen Tieren unmi^- 
hcb ist, sie dnreh die Beschreibung auch nur annähernd genau zu fixieren 
und weil letztere erfahrungsgemäß auch bei Tieren mit Bcheckzeichnung 
and mit Abzeichen viel zu oberflächlich erfolgt. ZuchtbuchauszUge — 
Ahnentafeln (Pedigrees), Abstammungsbescheinigungen, Fohlenscheine 
bzw. Herdbuchscheine, Zuchtmatrikel usw. (b. Anlagen 8 u. 9) — er- 
höhen aber den Wert der betreffenden Tiere und werden besonders für 
Pferde und Rinder verlangt. 

Mit diesen Abstammungsbescheinigungen sind die sogenannten 
Gtesundheits- oder Ursprungsscheine nicht zu verwechseln, die nur an- 

') Benno Martin y, Kennzeichnung von Zuchttieren. Arbeiten der 
D. L. G. . Heft 46. BerUn 1899. P u s c h. Die Beurteilung des Rindes. Berlin 
1910. S. 42. Ziese, Die Kennzeichnung von Zuchttieren. Prüfungsbericht, 
Hitt«il. der D. L. G. Stück 47. 1901. Vogel, Mitteilungen der D. L. G. Stück 44. 



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398 ' ^ Abschnitt. Die ZuchtiUaQnahmen des Staates uaw. 

gebe», aus welchem Orte das betreffende Tier zum Verkauf gelangt, und 
daß in diesem Orte Seuchen nicht herrschen. Solche Urspningsschcine 
sind demnach nur amtliche Belege im veterinärpolizeilichen und nicht 
im züchterischen Sinne. 

Daß der sonst susfUhrlichate Herdbuchschein nicht den geringsten 
Wert hat, wenn die Beechieibung z. B. eines Kalbes Simmentaler Rasse 
ohne Kennzeichnung auf ihm nur lautet: 

Name des Kalbes: Napoleon, 
Farbe „ „ : Gelbscheck, 
Besondere Merkmale: Weißer Kopf, 
liegt auf der Hand, denn diese Beschreibung paßt fa^t ausnahmslos auf 
alle Tiere dieser Basse. 

Die Kennzeichnung muß das Vereinszeichen und die Zuchtbuch- 
nummer tragen, auch muß das erstere zum kSchutze gegen Nachahmung 
nach dem Gesetz vom 12. Mai 1894 patentamtlich eingetragen sein, weil 
sonst ein jeder berechtigt ist, das betreffende Zeichen zu führen. 

Eine allen Anforderungen genügende Kennzeichnung müßte nicht 
verloren gehen und nicht ausgelöecbt werden können, bequem zu hand- 
haben, ungefährlich in ihrer Anwendung sein, die Tiere nicht verunstalten 
und endlich nicht zu hohe Kosten verursachen. Ein derartig vollkom- 
menes Verfahren ist noch nicht bekannt. Die Kennzeichnung geschieht 
durch Brandzeichen {Haut, Hom, Huf), Kerben, Tätowieren und durch 
Ohrmarken. 

Der Hautbrand ist allgemein bei Pferden in Gebrauch; er «-ird 
an verschiedenen Körperatellen angebracht, ist aber nur „Fabrikmarke", 
keine Kennzeichnung, die die Identität des Tieres verbürgt. Solche 
Brände sind gebräuchlich in Gestüten^) (Fig. 154), Stutbuch- 
gesellschaften (Fig. 155) und neuerdings in Form des Kon- 
trollbrandes (Fig. 156) auch als Nachweis der Abstammung aus 
einem bestimmten Zuchtgebiet. 

Der Kontrollbrand*) soll den deutschen Pferdezüchtern zu ihrem 
Recht verhelfen und verhindern, daß deutsche Pferde alB ausländische 
auf den Markt kommen. Er ist auf Vosschlag des Reichsverbandes für 
deutsches Halbblut in verschiedenen Zuchtgebieten eingeführt. Um die 
Pferde als der deutschen Zucht entstammend zu kennzeichnen, 

') B r ä u e r. Die Oeatiitc des In- und AuelandeH. Dresden 1901. 

') Schade, Die Gestüt-, iStutbuch-, Proviniialkontroll- und Prämiiemugs- 

brände. Drexden 1910. S. 10; ferner Deut'tche landwirtschaftlioho Tierzucht 1913, 
S. 513. 



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III. Die Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierzucht. 399 

ist ala Kontrollmarke gemeinsam die Reichskrone mit flatternden Bändern, 
darunter steht dann das gesetzUchen Schutz genießende Zeichen der. 
Zuchtbezirke. — Bei Rindern ist ein Hautbrand (Fig. 37) im langen 
Winterhaar nicht sichtbar. 

Der H o r n b r a n d ist bei gehörnten Tieren weit verbreitet und 
erfüllt gut eingebrannt seinen Zweck, wenn das Tier nicht das Hörn 



t 



Pie. 1 




K M 



Fig. lAS. Bnndzeicbcii VOD Stutliuch-Elesellscbittteii. 





OstiireaB. Slutbnch Oldenli. Stut- QestUtbncb der Rbeiniacbes Prerd«- 

(linher Scbeiikelj. liucb Holsieiner Uarscbea i't&inaibacb 

(linker Scbenkcl). (linker Schenkel). (linke Hiliseile). 

Fig. IM. Kost vollbvitiKl Zeichen (Ur ileutacheü Halbblut. 



<& ''^ A /% 

IJ H M V 

Litauen Hannover UeckleBbarg Westfaleu 

diuk» Schenkel). (Bttcken links). (linker Schenkel). (Buchen links). 

abstößt. — Huf- oder Klauenbrände sind wertlos, weil sie durch 
Nachwachsen des Hufhorns allmählich verschwinden. 

Die Ohrkerbung wird mit besonderen Zangen (Fig. 157) nach 
einem besonderen Schlüssel (Fig. ITiS) ausgeführt. Sie ist dauerhaft und 
schon aus einiger Entfernung, z. B. auf der Weide, zu lesen, hat dafür den 
Nachteil, daß eine gewisse Verunstaltung der Ohren eintritt. Man wendet 



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400 ^- Abeohnitt. Die ZuchtmaBnahmen des Staates usw. 

sie an bei Schafen, Schweinen und als Jungvieh nummer anch bei Kälbern, 

denen im ausgewachsenen Zustande dann die eigentliche Zuchtbuch- 

numraer ins Hörn gebrannt wird. 

Bei der Tätowierung {Fig. 159) werden durch in Zahlenfonn 

angeordnete Nadeln Wunden ins Ohr gedrückt und durch Einreiben einer 
geeigneten Farbe eine für Lebenszeit unver- 
wischbare Kennzeichnung bewirkt. Sie ist bei 
Schafen und Rindvieh auf der inneren und bei 
(weißen) Schweinen auf der äußeren Seite de« 
Obres gebräuchlich. 

Die Ohrmarken (Fig. 160) haben sich 
neuerdings vielfach eingebürgert. Weder die 
einfachen Band- noch die Knopfmarken haben 
sich bewährt; sie gehen namentlich auf Weiden, 
die mit Draht eingefriedigt sind, leicht verloren. 
Besser sind die vemietbaren bandförmigen Auto- 
krotaliamarken (Fig. 161a und b); eine beson- 
dere Zange (Fig. 162) gestattet es, Lochung und 
Markierung gleichzeitig vorzunehmen. Ganz ähn- 

Fig. !57 Kerl- und Loch- üch angewendet wird die Citofixmarke mit dazu- 
gehonger Zange von U. i n k (Herberholz-Barmen), 

die ebenfalls haltbar ist und deren Zange sich billiger stellt. Man 

verwendet Ohrmarken für Binder, Schafe, Ziegen und Schweine. 

F u ß r i n g e von Metall oder Zelluloid in verschiedenen Farben 

sind allgemein zur Kennzeichnung des Geflügels in Gebrauch. 



Flg. I5H. Sclilassel zur OhrkerboDg (nach Pabit). 

3. Die UntertHHzungui bei Anschaffung mlnnllcher Zuchttiere. 

Die Erwerbung von geeigneten, namentlich männlichen Zuchttieren 
bildet einen sehr wichtigen Zweig der geschäftlichen Tätigkeit der land- 



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III. Die Verwendung von Staatamitteln zur Hebung der Tierzucht. 401 

wirtBchaftiichen Vertretungen, und besonders da, wo man nicht mit ein- 
heimischen Schlägen zu rechnen hat, sondern wo man erst Landesznchten 
mit Hilfe von auswärtigem Zuchtmaterial schaffen muß. 

In Frage kommen hier die Unterstützungen zum ersten Ankauf von 
Hengsten, Bullen, Ebern und Böcken. In Preußen sind hierfür seit 
langer Zeit sog. Bullen-, Eber- und Bockstationen errichtet, 
denen durch Vermittlung der Landwirtschaftskammern zinsfreie Staats- 
darlehen zur Verfügung gestellt werden 
Träger solcher Stationen sind Genossen- 
schaften, Gemeinden, Vereine, die be- 



Fig. l<iD. Harke Im Ohre ber^stfgt. 

W;|FiB 159^ Tstowierzunge stimmte Verpflichtungen übernehmen und 

für dreistellige Zahlen mit qaei- . 

gesteiitsr jahrgangaiahi sich der Aufsicht der Landwirt Schaft s- 

kammer ihres Bezirka unterstellen müssen. 

Die Höhe des Darlehens schwankt etwa zwischen dem halben und 

vollen Anschaffungspreis. Seitens des preußischen Staates waren bis 

1914 zur Verfügung gestellt für 3879 Bulle nstationen 1 417 513 Mark, 

für 1793 Eberstationen 170 303 Mark, für 88 Schafbockstationen 

4613 Mark, für 639 Ziegenbockstationen 29 806 Mark. 

Die Gründung von Genossenschaften ist für diese Zuchttierstationen 

nicht unbedingt notwendig. Sie wird aber vielfach vorgenommen und 

kann namentlich dort erwünscht sein, wo es sich, wie bei der Beschaffung 

Pusch-HaDsen, Allgemeine Tierzucht. S. Aufl. 26 



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402 ^- Abechaitt. Die Zucht maOnahmen des Staates usw. 

von Hengsten, um erhebliche Summen handelt. Selbstredend können 
solche Stationen auch innerhalb der Züchtervereinigungen errichtet 
werden. Der Verein ostfriesischer Stammviehzüchter stellt wertvolle 
Bullen, um sie dem Bezirk zu erhalten, als sog. Vereinsstiere auf. 
Unterstützungen aus ötTentlicheD Mitteln können weiter gewährt 
werden zur Främiierung einer längeren Zucht Verwendung von Vatertieren, 
— Erhaltungsprämien — , zur Versicherung von Stationastiereti, 




Fig. lela. Aulobtotaliainarlie, offen. 




FiB. IBS. 
Zange fUr die Autokrotaliaiurke. 

zur Prämiierung der besten Zuchtstiere anläßlich der Körungen, zur 
Bückerstattung der Transportkosten bei Bezug von Zuchttieren aus den 
Froduktionsländem , für deren kostenlose Besorgung durch die Tier- 
zuchtbeamten, zur Deckung des Ausfalls bei Versteigerung importierter 
Tiere u. a. m. 

Bei direkter Lieferung von Zuchttieren durch Händler an die Ge- 
nossenschaften oder die Bullenhalter usw. kommen nicht selten Über- 
vorteilungen vor, auch gelangen die für den jeweiligen Zuchtzweck 
geeigneten Tiere nicht immer in die richtigen Hände. Daher ist es zweck- 
mäßig, wenn die Tierzuchtbeamten den Einkauf im großen selbst be- 



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m. Die Verwendung von Staatamitteln zur Hebung der Tierzucht. 403 

sorgeo oder durch zuverlässige Händler unter ihrer Aufsicht besorgen 
lassen oder uch direkt an die produzierenden Züchtervereinigungen 
wenden. 

Da die Gefahr der Seucheneinschleppung nieoials zu unterschätzen 
ist, und sich auch der Einfluß des Transports und der noch nicht ab- 
gelaufenen Akklimatisation noch längere Zeit bei den Tieren geltend 
macht, so ist es von großem Vorteil, wenn man die Möglichkeit hat, 
diese erst in einem Depot aufzustellen und sie von hier aus je nach Be- 
darf an die Züchter zu verabfolgen. Im Königreich Sachsen sind auf 
diese Weise im Laufe der letzten 15 Jahre rund 1800 importierte Fleck- 
vieh- und Oldenbui^er Bullen in die Hände der Züchter gelangt und für 
die Landestierzucht von wesentlichem Nutzen geworden. Ähnliche Ein- 
richtungen bestehen in Brandenburg und Posen'). 

Den gleichen Zweck verfolgen, soweit es die Besorgung inländischen 
Materials anlangt, die Stammzuchtstationen. Sie sind der- 
artig eingerichtet, daß Private in ihrem Betriebe Zuchttiere bestimmter 
Rassen unter Aufsicht der staatlichen Behörden oder landwirtschaft- 
lichen Korporationen hatten und die Nachzucht ausschließlich für die 
Zwecke der Landestierzucht zur Verfügung stellen. Die Stationshalter 
finden dabei ihre Rechnung in der besseren Verwertung der jungen Tiere; 
außerdem werden ihnen in der Regel auch noch Beihilfen zur ersten An- 
schaffung der Stammzuchttiere und jährliche Zuschüsse zu deren Unter- 
haltung gewährt. 

Namentlich die Schweinezucht ist in verschiedenen deutschen Landes- 
teilen durch sog. Stammzuchtstationen gefördert worden. Besonders 
ausgiebig ist das auch in Dänemark geschehen , wo man eine solche 
Einrichtung als Zuchtzentrum bezeichnet. Von den reichlich 
100 in Dänemark vorhandenen Schwein estammzuchten soll etwa Vs York- 
shire-Eber, die andern */g Zuchtsauen des veredelten Landschweines Uefem, 
Aus der Kreuzung dieser beiden Typen entsteht dann in der dänischen 
Landesschweinezucht das für den Fleiachexport nach England gehaltene 
Gebrauchsschwein. — Die sog. Zuchtzentren für Rinder werden im 
Abschnitt über Leiatungsprüfungen besprochen. 

4. Die Fdrdening der Aulzuchi 

Als Förderungsmittel für die Aufzucht kommen Zuchtviehhöfe, 
Fohlen- und Jungviehweiden und ferner Jungvieh- und Stallprämi- 
ierungen in Betracht. 

>) Hansen und Hermes, Die Rindvichzucht im In- und AusUnde, 1905. 
Bd. I. S. 89 u. 107. 



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404 S- Abschnitt. Die Zuchtm&ßnahmeo des Staates uaw< 

Die Zuchtviehhöfe, wie sie in Bayern, Baden, Rheinprovinz, 
Heseen-Nassau und HesBen bestehen, sind der Regel nach Aufzucht- 
stationen für Bullen. Man kauft einige Monate alte Bullenkälber, die 
ihrer Abstammung und ihrem Äußern nach einen höheren Zuchtwert 
versprechen, und sucht sie durch möglichst sorgsame Aufzucht zu guten 
Zuchttieren zu entwickeln. Unternehmer dieser Zuchtviehhöfe sind 
Staatsverwaltur^en.LandwirtschaftskaiimiemoderZuchtverbände.welche 
mit einem geei^eten Landwirt einen Vertrag abschlieSen. Der In- 
haber eines Zuchtviehhofes findet durch pro Kopf und Tag bezahlte 
Futtergelder und durch Prämien äeine Entschädigung. Zweifellos kann 
man durch Zuchtviehhöfe in Gegenden mit kleinem Besitz, wo die Auf- 
zucht noch im argen liegt, wesentlich zur Förderung der Rindviehzucht 
beitragen, allein sie sind nicht bilUg. Sobald daher der Stand der Zucht 
dieses ratsam erscheinen läßt, wird man durch Gewährung von Aufzucht- 
prämien nicht nur das allgemeine Interesse in stärkerem Maße wecken, 
sondern auch bilhger zum Ziele kommen können. 

Da es dem einzelnen und namentlich dem kleineren Besitzer oft 
nicht möglich ist, seinen jungen Tieren die Wohltaten der Weide zu ver- 
schaffen, so tun das vielfach die Zuchtervereinigungen oder mehrere Land- 
wirte gemeinsam durch Anlage von Genossenschaftsweiden. 
Es werden zu diesem Zwecke geeignete Ländereien, Alpen usw. gepachtet 
oder erworben, mit den nötigen Baulichkeiten und Einfriedigur^en ver- 
sehen, und die Tiere der Züchter dann von der Gesellschaft zu eiäem 
bestimmten Pensionspreise für den Sommer in Unterhalt genommen. 
Bisweilen entspricht die gezahlte Entschädigung nicht dem erforderlichen 
Aufwände, so daß die Weiden alljährlich einen Zuschuß verlangen, zu 
welchem noch die Kosten für eventuelle Bauten und Einrichtungen treten. 
Diese Aufwendungen von Mitteln, die dann gewöhnlich direkt oder in- 
direkt aus der Staatskasse fließen, haben sich bisher als sehr zweck- 
mäßig erwiesen, denn Bewegung^), frische Luft, Aufnahme von leicht- 
verdaulicher Nahrung im Verein mit der erforderUchenfalls zu gewähren- 
den Zulage von Kraftfutter beeinflussen Gesundheit, Wachstum, Muskel- 
und Knochenbildurg sowie Gangwerk in gunstigstem Maße. 

Wenn auch junge Weidetiere im Herbste wegen ihrer Schlankheit 
und ihres rauhen Haarkleides oft und namentlich auf den Laien, dem 
meist nur üppige, runde Formen gefallen, einen nicht vorteilhaften Ein- 
druck machen, so sind sie den bei Stallhaltung aufgezogenen Tieren 

') Daß mao durch ganz Bystematische Bewegung sogar maogelhaflp Korper- 
formea zu bessern verm^, ist von A. Fettcra (Das Trainieren der jungen Zucht- 
tiere. Wien 1911) nachgewiesen. 



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III, Die Verwendung Von SUatemittela «uc Hebung der Tierauoht. 405 

doch auch im Winterfuttet in ihter gesamten Entwicklung überl^eE 
(Fig. 220 und S. 503). Das System der genossenschaftlichen Jung- 
viehweiden ist besonders in Bayern, Baden, Königreich und Provinz 
Sachsen, Hessen, Hessen-Nassau usw. vertreten. 

Wo der Bezug einer Weide nicht möglich ist, ist wenigstens die Anlage 
von Tummelplätzen zu erstreben Und durch Prämiierung geeigneter 
Einrichtungen für Bewegung und Abhärtung der Aufzucht zu sorgen, 

Die Jungviehprämiierungen finden gewöhnlich auf den 
Zuchtviehnürkten oder den Tierschauen statt. Eine genaue Übersicht 
über die Jungviehaufzucht gewinnt man aber am besten durch die 
sog, S t a 1 1 s c h a u e n., die in einigen preußischen Provinzen, wie 
auch schon seit mehr als ^wei Jahrzehnten im Königreich Sachsen, 
abgehalten werden. Hierbei sieht man die ganze innere Wirtschaft und 
den gesamten Viehbestand in mehr oder weniger unvorbereiteter, in der 
Hauptsache also allt^licher Yerfassnng, kann dann im Kleinbetriebe 
besonders die Hausfrau auf die wahrgenommenen Mängel aufmerksam 
machen und gute Leistungen belohnen, wozu sich die Gewährung der 
Prämien in Form von Hausbaltungsgegenständen empfiehlt, weil diese 
bleibende Erinnerungen abgeben, 

S. Die Fftntoning d« AbiatzM. 

Die einzelnen Zuchtdistrikte brauchen Absatz für ihre Produkte, 
und diesem müssen möglichst die Wege geebnet werden. Vorbedingung 
für den Absatz von Zuchttieren ist die Ausgeglichenheit der Zucht und 
ein genügendes Angebot, damit die Kauflustigen, namentlich wenn sie 
aus größeren Entfernungen kommen, eine gewisse Gewähr haben, ihre 
Bedürfnisse befriedigen zu können. Diesen Anforderungen entsprechen 
Zu chtviehauktionen und Zu chtviehmärkte am meisten, 
sei es nun, daQ sie mit oder ohne Prämiierungen stattfinden. 
Letztere bieten insofern einen Vorteil, als sie die Besitzer abhalten, die 
besseren Tiere vorher zu verkaufen, und sie auch anderseits veranlassen, 
Tiere aufzutreiben, die sonst vielfach zu Hause bleiben würden. Die 
Prämiierung begünstigt also den Auftrieb in qualitativer und quanti- 
tativer Beziehung und trägt auch in der Regel zur Hebung der Preise bei. 
Solche Märkte verlangen aber auch gewisse Vorbedingungen, die sich auf 
Stallungen und auf Unterkunft für die Käufer und Verkäufer, auf be- 
queme Verbindungen und auf die Bereitstellung von Mitteln für die Prä- 
miierung erstrecken. Mancherorts werden mit den Märkten auch Ver- 
losungen von Zuchttieren verbunden. 



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406 ^ Abaohnitt. Die ZnohtmaQnahmen des Staates usw. 

In Radolfzell in Oberbaden hat der Zuchtverband für oberbadisches 
Fleckvieh mit Hilfe von städtischen und staatlichen Mitteln für den 
jährlich nur einmal stattfindenden Zentialzuchtviehmarkt 
eine Halle erbaut, die beinahe 100 000 Mark kostet und fast 1000 Rindern 
Kaum bietet. Eine ähnliche Halle für 400 Stück GroSvieh hat die Vieh- 
zuchtgenossenachaft Miesbach in Oberbajem in dem gleichnamigen Orte 
errichtet, und in neuerer Zat sind in Hildesheim, Stendal und Königs- 
berg i. Fr. Ausatellungs- bzw. Auktionshallen fUr landwirtschaftliche 
Zwecke errichtet worden. 

Dem Absatz von Zuchthengsten dienen vielfach die für ein größeres 
Zuchtgebiet an einer Stelle abgehaltenen Sammelkörungen, die gleich- 
zeitig Hengstmärkte darstellen, so z. B. in Oldenburg, Ostfries- 
land und Holstein. In Ostpreußen wurden in den letzten Jahren in Inster- 
burg und Königsberg Hengstmärkte abgehalten. Hier kaufte zunächst 
die preußische Gestütsverwattung ihren Bedarf an Landbeschalem, doch 
war auch Privaten Gel^nheit zum Ankauf von Zuchtmaterial geboten. 

Die Remontemärkte werden von der Militärverwaltung be- 
nutzt, um ihren Bedarf von jährlich etwa 16 000 Remonten für die deutsche 
Armee zu erwerben. Die Pferde werden dreijährig von den Züchtern ver- 
kauft und dann ein Jahr den Remontedepots überwiesen. Preußen 
besitzt 18, die übrigen Bundesstaaten 9 solcher Depots. Die Pferde werden 
hier durch zweckmäßige Ernährung und Haltung, vor allen Dingen auch 
systematische Bewegung für ihre spätere Verwendung vorbereitet. 

Besondere Foblenmärkte sind auch in andern Gegenden er- 
richtet, ebenso Bullenmärkte, und in Bezirken mit starker Auf- 
zucht von Arbeitsochsen Ochsen markte. Auch in diesen Fällen 
hat sich eine gleichzeitige Prämiiemng als nützlich erwiesen. 

Ein weiteres Mittel zur Hebung des Absatzes sind die genossen- 
schaftlichen Verkaufs- und Dressurstallungen (Tatter- 
sall) für die Produkte der heimischen Pferdezucht. Solche bestehen in 
Insterburg, Bentschen, Elmshorn (Reit- und Fahrschule), ferner als han- 
noverscher Stall zu Westercelle bei Celle und im kleineren Maßstäbe auch 
in Moritzburg im Königreich Sachsen. 

Endlich hat man Schlachtvieh-Verwertungastellen 
eingerichtet, um den Absatz von Schlachtvieh zu erleichtem, wie ea mit 
gutem Eriolge durch die Landwirtschaftskammer für Schleswig-Holstein 
in Hamburg geschehen ist. Eine erhebliche Zahl von Viehverwer- 
tungs-GenoBsen schatten will in neuester Zeit den gleichen 
Zweck erreichen. Man will auf diese Weise im Verkehr zwischen Produ- 
zenten und Konsumenten unnötige Zwischenglieder ausschalten, d. h. den 



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III. Die Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierzucht. 407 

Zwischenhandel mit seinen erheblichen Spesen beschranken. Dieser 
Aufgabe sollten ebenfalls die Viehzentrale und der Magerviehhof in 
Friedrichsfelde bei Berlin dienen. 

Um gute Kälber, besonders aus Abmelk wirtschaften, der Zucht zu 
erhalten bzw. sie vor dem Schlachten zu retten, hat die Landwirtschafts- 
kammer für die Provinz Brandenburg seit 1905 in Keustadt a. d. Dosse, 
von 1911 an in Wittenbei^e eine Färsenkälberzentrale ein- 
gerichtet, die bis 1914 3377 Kälber in Zuchtwirtschafteo unterbrachte, 

6. Dia LeittuncsprfflfuilcM. 

An verschiedenen Stellen wurde betont, daß die landwirtschaftliche 
Tierzucht sich dem Gesamtorganismus des landwirtschaftlichen Betriebes 
unterzuordnen hat und daß einzig und allein wirtschaftliche 
Rücksichten für sie maßgebend sind. Die Form ist nur 
Mittel zum Zweck; itas Streben nach schönen Formen hat nur insoweit 
eine Berechtigung, als dadurch Widerstandsfähigkeit, Kon- 
stitution und Gesundheit so gefördert werden, daß 
sie unsereHaustiere zu möglichst hohenLeistungen befähigen. 
Der Begriff Leistung ist dabei im weitesten Sinne gefaßt. Unsere Tiere 
sollen uns einmal wertvolle gesunde Nachzucht liefern und dann ihr Futter 
durch Erzeugung von Arbeit, Milch, Fleisch, Fett, Wolle, Eier usw. mög- 
lichst hoch verwerten. Nun wissen wir, daß jede Leistung dem Tier- 
körper durch Anpassung ein ganz bestimmtes Gepräge gibt und daß der 
Züchter aus der Form Schlüsse auf die zu erwartende Leistungsfähigkeit 
zu ziehen vermag. Allgemein bekannt ist aber auch, daß diese Schluß- 
folgerungen nicht immer zutreffend sind, sondern daß selbst erfahrene 
Praktiker sich nicht selten irren, indem sie im gegebenen Fall die Leistung 
sowohl unter- als auch überschätzen können. Genaue Feststellui^en 
sind nur in Leistungsprüfungen möglich, und diese sind im 
Interesse einer rentablen Tierzucht um so mehr erwünscht, als die Lei- 
stungsfähigkeit genau wie jede andre Eigenschaft des Tieres vererbt wird. 
Leistungsprüfungen sind bei allen Gattungen unsrer Haustiere in Ge- 
brauch, wenn sie auch verschieden ausgebildet sind. Entscheidend ist 
dabei, ob es schwer oder leicht möglich ist, die Leistungen zahlenmäßig 
zu erfassen, vor allem auch, ob die Leistung sich in öfterer Wiederholung 
oder fast ununterbrochen auf einen langen Zeitraum während des 
Lebens des Tieres (Arbeit, Milch) erstreckt, oder ob es sich um ein- 
malige, nach der Tötung des Tieres feststellbare Lebtungen (FIdsch) 
handelt. 



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408 *■ AbBchnitt. Die ZuchtmaQnahmen des Staate« usw. 

A. Leistangsprafungen bei Pferden. — Rennen. 

Pferderennen waren schon im Altertum beliebt (S. 38) und sind seit 
dem 12.J namentlicli aber seit Mitte des 16. Jahrhunderta in England stark 
verbreitet. Sie haben vom Standpunkt der Tierzucht den Zweck, die 
Leistungsfähigkeit eines Pferdes in der Entwicklung großer Schnelligkeit 
festzustellen. In erster Linie ausgebildet sind sie beim englischen Voll- 
blutpferd, und da dieses für die Zucht eines leistungsfähigen Halbblut- 
pferdes nicht entbehrt werden kann, so hat die ganze Warmblutzucht an 
den Bennen ein unmittelbares Interesse. Weil in der Vollblutzucht nur 
Pferde von auf der Rennbahn geprüfter Leistungsfähigkeit eine Rolle 
spielen und weil diese Leistungsfähigkeit in jeder Generation von neuem 
erprobt wird, so ist die Vollblutzucht nicht nur die älteste, sondern auch 
die vollkommenste bisher bekannte Zucht auf Leistung. Durch außer- 
ordentlich hohe Preise und noch mehr durch die mit den Rennen ver- 
bundenen Wetten, bei denen namentlich in England alljährlich viele Mil- 
lionen umgesetzt werden, finden sie in weiten Kreisen Beachtung und 
Interesse, das indirekt der Pferdezucht zugute kocomt. Der Rennsport 
ist in England und Frankreich weiter entwickelt als in Deutschland, wo 
die Vollblutzucht weniger großen Umfang besitzt. 

Man unterscheidet Flach- und Hindernisrennen (Steeple 
chase); eine Abart der letzteren sind die H ü rd en rennen, sie alle werden 
in Galopp oder Karriere geritten — außerdem Trabrennen. Mit 
Derby (nach dem englischen Grafen Derby, der dieses Renneu 1780 
in Epsom in der Nähe von London ins Leben rief) ■werden heute meist 
die bedeutendsten Flachrennen bezeichnet. Kurze Rennen gehen über 
1000—1500, mittlere bis zu 4000 und lange über 4000 m. Die Rennen 
werden von „Herren" oder berufsmäßigen Rennraitem (Jockeys) geritten. 
Die Vorbereitung der Pferde — Training — be^nnt schon im Fohlenalter 
durch planmäßige Bewegung, Reiten unter leichtem Gewicht (Stall- 
jungen), bei reichlichem Futter und ganz individueller sorgfältiger Pflege. 
Zweijährig kommt der Vollblüter schon auf die Bahn. 

Die besten Rennpfeide gehen im Flachrennen den Kilometer in etwa 
65,5 Sekunden, der beste Traber brauchte bisher 73,6 Sekunden. Rekord der 
Stute Lou Dillon 1 : 587^ d. i. 1609 m in 1 Minute 58Vi Sekunden (Fig. 34). 
Auch verschiedene Halbblutzuchtgebiete haben Lei- 
stungsprüfungen in Gestalt von Wettreiten, namenthch Trabreiten sowie 
Wettfahren eingeführt.. Teilweise pflegt man diese Prüfungen auch 
auf das Exterieur der Pferde auszudehnen und sie mit einer Dreastir- 
prUfung zu verbinden. 



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in. Mb Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierencht. 409 

Beachtenswert sind die etwa seit 1910 mehr und mehr in Auf- 
nahme gekommenen sog. Reitturniere — Concouts hippiques, — 
Nach Zürn') setzt eich ihr Programm zusammen aus: „Material- und 
.Eignungsprüfungen, Dressurprüfungen, Springprüfungen, endUch Lei- 
Btungsprüfungen, die eine Kombination der letzterwähnten beiden Prü- 
fungsarten darstellen, zu denen dann ein längerer Ritt, in der Regel über 
ca. 40 — 60 km und durch ein besonders ausgesuchtes, tunUchete Maimig- 
falti^eit in Hindernissen vmd Bodenart bietendes Gelände, femer eine 
meist mehrfache Beurteilung der Kondition der am Wettbewerb betei- 
ligten Pferde hinzutreten." 

Die Fahrtumiere sind noch wenig entwickelt. Diesen Bestrebungen 
hegt vor allem der Gedanke zugrunde, der hoch entn'ickelten deutschen 
Halbblutzucht mit ihrem vortrefflichen, leistungsfähigen und schönen 
Pf eidematerial völlig unberechtigter Ausländerei gegenüber die gebührende 
Anerkennung zu veischaflen. 

Für Arbeitspferde sind Leistungsprüfungen noch in den 
allerersten Anfängen; es müßte sich dabei um Prüfung auf Gang, Lenk- 
samkeit und Zugfähjgkeit handeln. Gelegentliche Bestrebungen in Ver- 
bindung mit den Ausstellungen der D, L. G. sind wieder angegeben. 
Die Entwicklung der neuerdings vom westfälischen Pferdestammbuch*) 
in Warendorf auch für Kaltblutpferde vorgenommenen Leistungsprü- 
fungen bleibt abzuwarten. 

B. LeistuagBprOfungen bei Bindern. 

Diese können sich erstrecken auf alle drei Nutzungarichtungen des 
Rindes: Milch, Fleisch und Arbeit. Am leichtesten durchführbar und 
weitaus am wichtigsten sind MilchleistungsprUfungen. 

a) Hilchleistungsprüfungeii. 

Einfache Probemelkungen, die sich bloß auf die Feststel- 
lung der Milch menge beschränken, sind seit langer Zeit durchgeführt 
worden. Die Milchmenge wird entweder gemessen oder besser gewogen 
— M a h 1 e r sehe Wage. — Ein wesenthcher Fortschritt war es, als die 
Massenfettbestimmungsmethoden, vor allem die Gerbersche, es (1892) 
gestatteten , neben der Milchmenge auch den Fettgehalt der 

') Zürn. Die Reitturniere. 28. Flugschrift der Deutschen Gesellschaft für 
Züchtungskunde. 1914. S. 4. 

■) Das westfälische Pferd. MonatsbeiUge zur Landw. Zeitung für Westfalen 
und Lippe, 1913. Nr. 6 a. 9. 



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410 B- Abschnitt. Die Zucht maßnahmen des iStastes usw. 

Milch ZU beBtimmen. Dadurch ist die absolute Leistung einer 
Milchkuh festgestellt. Vollständig wird die Prüfung aber eist, wenn 
außerdem noch untersucht wird, ein wie hoher Futteraufwand 
erfordeiUch ist, d. h. auch die relative Leistung ermittelt wird. 
Obgleich diese Feststellungen weder Übermaß^ schwierig noch zeit- 
raubend sind, so hat die Erfahrung doch gezeigt, daß sie erst allgemein 
Eingang gefunden haben, als in den Kon troll vereinen besondere Organi- 
sationen zur Verfügung standen. Die Feststellungen der letzteren Art 
sind den privaten insofern überlegen, als sie für die Zwecke der Herdbuch- 
führung usw. eine öffentliche Glaubwürdigkeit beanspruchen können. 

Den Anfang machten die von Fleischmann eingeleiteten und 
von H i 1 1 c h e r fortgesetzten genauen Milchuntersuchungen aus der 
Herde in Kleinhof-Tapiau in Ostpreußen'), die in ihrer unübertroffenen 
GründUchkeit und wissenschaftlichen Sorgfalt unsere Kenntnisse über die 
Milchsekretion des Rindes vertieft und vielfache Anregung gegeben haben. 

Soweit die Förderung der Zucht in einem großen Gebiet in Frage 
kommt, sind die ersten systematischen Probemelkungen in Deutschland 
von der Allgäuer Herdbuchgesellschaft im Jahre 1894 
im ba3rrischen Allgäu*) eingeleitet. 

Beachtenswert ist dann das auf Veranlassung des preußischen Land- 
wirtschaftsministeriums 1896/97 veranstaltete Probemelken für 
Niederungsvie h'). Das einzige Ergebnis war, daß Milchleistungen 
konstatiert wurden — eine ostfriesische Kuh gab 8973 kg Milch mit 
299,2 kg Fett — wie man sie bisher für unmöglich gehalten liatte*). 

') FlciBcbmann, Untersuchung der Milch von 16 Kühen asvr., 1891, 
und Hittcher, Gesamtbericht über die Untersuchung der Hilch von 63 Kühen. 
Berlin 1899. 

■) Teichert und ED, Probemelkungen von Allgäuer Kühen. Leipzig 190S. 

■) Probemelken 1896/97. Berlin 1897. 

') Inzwischen sind erheblich höhere Leistungen bekannt geworden. In Ost- 
friealftnd lieferte die Kuh Thcda 9442 vom 13. März 1907 bis 28. Februar 1908 
10 6M kg Milch mit 3.56 % = 380,3 kg Fett. Da sie 14 Tage später «ieder kalbt*. 
handelt es sich um eine normal lange Laktatlonezeit (Molkereizeitung. Berlin 
1911, Nr. 5). Noch höhere Zißem teilt Matenacrs (III. landw. Zeitg. 1908. 
Nr. 18) mit. Die Holstein-Friesen-Kuh Colantha brachte unter Kontrolle der land- 
wirtschaftlichen Schule in Wisconsin vom 22. Dezember 1906 bis 22. Deaeraber 
1907, also in einem Jahre, 12 427 kg Milch mit 3,04 % ^ 452,3 kg Fett. Selbst- 
verBtändlicb kann man im normalen Zuchtbetnebe auch nicht annähernd mit der- 
artigen Leistungen rechnen, weil sie durch Sch«a~hung dir Konstitution eine Ge- 
fährdung der Zucht bedeuten. Sofern Leistungsprufungen zu eintm Jagen 
nach Rekordziffern ausarten HoUtcn. wurden sie der Zucht nicht nützen, 
sondern sehr schaden. 



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IIL Die Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tienacht. 411 

In weiterer Folge wurde vom preußischen Landwirtschaftamini- 
sterium angeordnet, daß eine Reihe von Viehschlägen unter genauer Kon- 
trolle der Fütterung an der Kgl. LandwirtschaftUchen Akademie Bonn- 
Poppelsdorf auf ihre Leistungen geprüft werden sollten. Die Prüfung ist 
im Jahre 1897 von Kamm eingeleitet und in den Jahren 1901 — 1910 
von Hansen fortgesetzt und von letzterem auch über die Ei^ebnisse 
berichtet worden*). 

Leistungsprüfnngen auf Ausstellungen, die in England und 
Amerika^) eine groQe KoUe spielen, haben sich in Deutschland nie ein- 
bürgern können und haben heute für uns kein Interesse. 

a) Konttollvereine. 

Der erste Milchviehkontrollverein wuide 1895 für Vejen und Um- 
gegend im südlichen Jütland gegründet. 1902 bestanden in Dänemark 
schon über 300, 1910 520 Vereine. In Schweden entstand 1898 der erste 
Kontroll verein und 1910 waren 700 Vereine vorhanden. Andere Länder, 
vor allem Norwegen, Finnland, Holtand, nicht zuletzt auch Deutschland 
schlössen sich an, so daß im Jahre 191 1 in Europa mehr als 2500 und in 
Amerika etwa SOO Kontrollvereine bestanden*}. In Deutschland wiude 
in Schleswig-Holstein (Insel Alsen) der erste Verein 1897 gegründet, dann 
folgte der Niederrhein und bald auch andere deutsche Zuchtgebiete. Ende 
1912 ermittelte eine Erhebung der D. L. G. in ganz Deutsehland 557 Kon- 
troltvereine. Es standen damals unter Kontrolle 255 945 Kühe in 8993 
Betrieben, von welchen 61,5% dem Klein- und Mittelbesitz und 38,5 dem 
Großbesitz angehörten. 

Erklärlicherweise waren es die Zuchtgebiete mit Niederungsvieh, wo 
die Kontrollvereine zunächst Eingang fanden. In Süddeutschland (mit 
Ausnahme deä AUgäu) sind Leistungsprüfungen erst später durchgeführt 
worden; der hier vorherrschende Kleinbetrieb bietet besondere Schwierig- 
keiten und zwingt meist dazu, wenigstens vorläufig, von einer genauen 
Feststellung des Futteraufwandes abzusehen. Auch die eine wertvolle 
Leistung des Höhenviehs darstellende Arbeitsleistung verlangt ein anderes 
Vorgehen, als in den üblichen Kontrollvereinen. 

Die Kontrollvereine ermitteln von jeder einzelnen Kuh Milch- 
menge, Fettgehalt und Fettmenge und außerdem den 

') Hansen, Zweiter Bericht vom Slkopshof (Londnirtsch. Jahrbücher 
Bd. 40, Eig.-Bd. I). Berlin 1911. S. 281. 

') Hansen und Hermes, Die Rindviehzucht im In- und Auslände. 
Leipzig 1905. I. S. 30; II. S. 309. 

ä) G t ä t e r, Mitteilungen der D. L, G. 1913, S. 171. 



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412 ^- Abschnitt. Die ZachtmafinE^meD des Staates usw. 

Futteiaufwand. Sie stellen demnach sowohl die absolute als 
auch die relative Leistung der Kühe fest. Die Kontrolle wird gewöhn- 
lich monatlich zweimal ausgeübt. Man erzielt dadurch eine für praktische 
Verhältnisse genügende Genauigkeit, während längere Zwischenräume, 
die aus praktischen Gründen mitunter nicht zu vermeiden sind, größere 
Fehlet entstehen lassen. 

Bei mittlerer Betriebsgröße umfaßt ein Kontroilverein 12 — 14 Land- 
wirte, im Großbetrieb weniger, im Kleinbetrieb bei geschlossener Wohn- 
weise mitunter mehr. Die Mitglieder müssen sich gewöhnlich auf fünf 
Jahre verpflichten. Der Verein wird von einem Vorstand geleitet und 
für die Erledigung seiner Geschäfte stellt er einen eigenen Beamten — 
Kontrollassistenten — an. 

Die Kontrollassistenten sind junge Landwirte, am besten Absolventen 
landwirtschaftlicher Winterschulen. Sie werden in besonderen, meist von 
den Landwirt^haftskanimem veranstalteten Kursen von 4 — 6wöchent- 
licher Dauer für ihren Beruf vorgebildet. Der Assistent besucht mit den 
in einer „Kontrollkiste" verpackten Apparaten^) abwechselnd die Be- 
triebe der Mitglieder. Er ermittelt — meist mit Hilfe einer Laufgewichts- 
hebelwage — bei jeder Melkung die Milchmenge der einzelnen Kühe, ent- 
nimmt eine Probe, die für die einzelnen Gemelke zu einer Durchschnitte 
probe vereinigt wird und stellt, gewöhnlich mit dem Gerberschen Apparat, 
den Gehalt an Butterfett fest. Unter Anwendung besonderer Hills- 
tabellen wird aus Milchmenge und Fettgebalt die Fett-, mitunter auch 
die Buttennenge berechnet. Diese Angaben werden in Formulare ein- 
getragen, und das gleiche geschieht mit dem verabreichten Futter, sowie 
mit den sonst wissenswerten Angaben über Kalben, Rindern, etwaige 
Krankheiten usw. Bei Aufstellung der Futtetmischungen hat der Assi- 
stent auf Wunsch dem Besitzer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. An 
einem Tage kann ein Assistent mit der Kontrolle von 40 — 50, eventuell 
60 Kühen fertig werden; für größere Bestände ist mehr Zeit erforderÜch, 
und von kleinen, dicht nebeneinander gelegenen Wirtschaften lassen sich 
eventuell 2 — 3 an einem Tage erledigen. 

Der Grundsatz, daß die den Tieren verabreichte Futtemienge ent- 
sprechend der Milchergiebigkeit abgestuft werden muß und daß es grund- 
falsch ist, alle Kühe eines Stalles gleich zu füttern, wird in den Kontroll- 
vereinen ganz allgemein durchgeführt. Die Fütterung wird also der 
Leistung angepaßt. Am besten wäre es, einer jeden Kuh ein derMilch- 

')Marquart, Lehrbuch des Milch viphkontrollwcBenH. BerUn 1911, 
S. 224—244. 



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HL Die Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierzuclit. 4IJ} 

menge entsprechendes Futter genau zuzuwiegen. Diese individuelle 
Fütterung verlangt eine erhebliche Sorgfalt und ist praktisch nicht 
allenthalben anwendbar, auch dann nicht, wenn man nach den Vor- 
schlägen von G e i S 1 e r*) ohne Umstellung der Kühe mit einem be- 
stimmten Meßgefäß die der Milchleistung entsprechende Futtermenge 
jeder Kuh in die Krippe gibt. Bewährt hat sich die aog. Gruppen- 
fütterung, bei welcher man die Kühe mit übereinstimmenden Milch- 
erträgen zusanomenstellt und dann die Futtergaben an Heu, Rüben, 
Kraftfutter, mitunter auch nur letzteres, nach der Leistung abstuft. Man 
muß mindestens drei, besser noch fünf bis sechs Gruppen bilden. Fünf 
Gruppen Ueßen sich beispielsweise wie folgt abstufen : I : mehr als 22 kg 
Milch, II: 16—22, III: 10—16, IV: 3—10 und V: 0—3 kg Milch pro 
Tag und Kopf. Je mehr Gruppen man bildet, desto mehr nähert 
man sich der individuellen Fütterung. Daß der denkende Züchter 
hierbei nicht rein schematisch verfahren, sondern die Individualität ins 
Auge fassen wird, ist selbstverständlich. So können z, B. junge, noch 
in der Entwicklung begriffene Tiere mit Recht in eine höhere Futter- 
klasse versetzt werden als ihrer jeweiligen Milchleistung entspricht. An 
anderer Stelle habe ich gezeigt, wie wesentlich die Futterauanutzung mit 
einer guten Gruppenfütterung steigt*), und L i n c k h*) bringt zahlen- 
mäßige Nachweise über die Rentabilität einer abgestuften, gegenüber 
einer gleichmäßigen Fütterung. 

Die Grundlage für die Berechnung des Futteraufwandes ist ver- 
schieden. Man rechnet entweder nach Geldwert, Futtereinheiten oder 
Stärkewerten. Die Geldrechnung*) war ursprünglich in Däne- 
mark verbreitet, ist dort aber sehr bald verlassen worden. Sie findet 
sich heute noch in verschiedenen deutschen Zuchtviehgebieten. Man 
bringt die relative Leistung in der Weise zum Ausdruck, daß man die 
Futterkosten für 1 kg Milchfett oder 1 kg Butter angibt. Da« erscheint 
verlockend, weil jeder mit Mark und Pfennigen zu rechnen gewohnt ist; 
tateäcbhch ist die Geldrechnung aber nicht empfehlenswert. 
Sollen die Ergebnisse einzelner Jahre miteinander verglichen werden, 
so ist es notwendig, Durchschnittspreise anzugeben; diese haben dann 

') G e i ß 1 e r, Individuelle Kraftfutterverteilung an die Milchkühe ohne 
Gmppenbildung. 2. Aufl. Berlin 1910. 

') Hansen, Die Kontroll vereine der Rheinprovinz im Jahre 1908. Ver- 
offentl. d. Landw.-Kammer Bonn 1910. S. 82. 

*) Linckh, Bedeutung undEinriobtung der Milcbviehkontrollvcreine. tStutt- 
gart 1912. S. 87. 

*) Hanaen. Die Kontrollvereine der Rheinprovinz 1904. Bonn 1906. S. 54. 



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414 6- Abwhnitt. INe Znchtmaßnohmen des Staates usw. 

mit den wirklichen Preisen oft sehr wenig gemein. Noch willkürlicher 
wird die Annahme von bestimmten Preisen für die selbsterzeugten Futter- 
mittel. Hinzu kommt, daß Nährwert und Preis in den verschiedenen 
Futtermitteln durchaus nicht in demselben Verhältnis zueinander stehen. 
Die von den Kontrollvereinen ermittelten Futterkosten haben deshalb 
mit den tatsächlichen oft sehr wenig Ähnlichkeit, wohl aber erwecken 
sie bei den Mitgliedern irrige Voraussetzungen. Man denkt zu leicht an 
Rentabilitätsberechnungen und vergißt, daß es ganz ungemein schwer, 
um nicht zu sagen unmöglich ist, für einen einzelnen Wirtschaftszweig 
die Rentabilität festzustellen. Die KontrollvereinseigebniBee sollen nur 
einen Vergleich der einzelnen Kühe untereinander ermöglichen, und hier- 
für gibt es bessere Wege ale die Vortäuschung von Gelderträgen, die in 
Wirklichkeit nicht existieren, zumal alle anderen Unkosten der Vieh- 
haltung doch auch zu berücksichtigen sind. 

In Dänemark wird der Futteraufwand gemessen in Futterein- 
heiten, an Hand sog. Ersatzzahlen, die auf Grund langiähriger Ver- 
suche von Fjord und F r i i s ermittelt sind. Man rechnete als Ein- 
heit I Pfund gemischten Kraftfutters bestehend aus Getreidescbrot, Öl- 
kuchen und Kleien und untersuchte, eine wie große Menge der anderen 
Futtermittel die gleiche Futterwirkung auszuüben vermochte. Die alten 
dänischen Futterein hei teu erinnerten stark an den längst zu Grabe ge- 
tragenen Heuwert und ließen sich mit den wissenschaftlichen Ergeb- 
nissen der Tieremährungalehre schwer in Einklang bringen. Sie sind 
nach Fr ed eri k 8 e □') in Dänemark wiederholt anders abgestuft 
worden. Sehr viel besser begründet sind die in mühevollen Versuchen 
von N. H a n 8 s o n-) ermittelten Futtereinheiten, wie «e in Schweden 
benutzt werden. Danach sind für eine Futtereinheit erforderlich in Kilo- 
gramm: Mais und Palmkuchen je 1,0, Weizenkleie und Hafer je 1,1, 
Lein-, Raps-, Monnenblumenkuchen je 0,9, Erdnuß- und Baumwollsaat- 
kuchen je 0,8, Kleeheu 2,5, Haferstroh 4,0, Roggenstroh 5,0, Futter- 
rüben 10,0, Tuniips 12,5. Hansson weist nach, daß seine Futter- 
einheiten mit den Stärkewerten recht gut übereinstimmen und daß eine 
Futtereinheit 0,605 kg Stärkewert entspricht. Zweifellos sind die Futter- 
einheiten einfach zu handhaben, und sie haben außer in den skandi- 
navischen Staaten auch in einer Reihe deutscher Zuchtgebiete Eingang 

>) Deutsche landw. Tierzucht 1910, S. 269. 

') Fuhh'ngs Land«'. Zeitung 1908, S. 430. Neuerdings hat Hansson (die- 
selbe Zeitung 1914. >S. 41) den beachtenswerten Vorschlag gemacht, das in den 
Stärkewerten mit 0,94 bewertete Eiweiß bei der Milch vi ehfütteruug mit 1,43 tam 
Ansatz zu bringen. 



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III. Die Verwendung von SUatemitteln zur Hebung der Tieraucht. 4|5 

gefunden. Man gibt dabei in den Abschlüssen an, wieviel Milch bzw. 
Fett durch 100 Futtereinheiten des verzehrten Futters produziert 
worden ist. 

Im Jahre 1906 hatte ich vorgeschlagen^), die K eil n ersehen 
S t ä r k e w e r t e für die Futterbewertung in den Kontrollvereinen zu- 
grunde zu legen. Die Stärkewerte sind auf wissenschaftlich einwand- 
freier Grundlage ermittelt und geben den physiologisch ausnutzbaren 
Teil der Futtermittel an. Allerdings kann man bei ihnen ebensowenig 
wie bei den Futtereinheiten die spezifischen Wirkungen der Futtermittel 
auf die Milchergiebigkeit erfassen. Aber sie sind doch sonst eine ein- 
wandfreie Grundlage, um die Futterausnutzungsfähigkeit der einzelnen 
Kühe bzw. ihre relative Leistungsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen. 
Dieser Vorschlag hat zuerst in Ostpreußen und später auch in anderen 
Zuchtgebieten Eingang in die Praxis der Kontrollvereine gefunden*). 
Man gibt an, wieviel Milch bzw. Fett oder Butter aus 100 kg Stärke- 
wert des verzehrten Futters von jeder Kuh produziert worden ist. 

Im Interesse einer Nutzbarmachung der Kontroll Vereinsergebnisse 
für die Zucfatpraxie, namentlich auch fUr Ausstellungs- und Främiierungs- 
zwecke, wäre dringend zu wünschen, daß man sich in Deutschland auf 
ein bestimmtes Verfahren einigen könnte. 

Schwierigkeiten bietet dann noch die Bewertung der FutteraufnaKme 
auf der Weide, wo die Tiere nach Belieben fressen können. Man geht 
auch hier verschieden vor, ist allenthalben aber auf Schätzungen an- 
gewiesen, wodurch zweifellos erhebliche Ungenauigkeiten entstehen. Wo 
die Geldrechnung eingeführt ist, nimmt man für jede Kuh ein bestimmtes, 
gleichmäßig bemessenes Weidegeld an. Da die Milchergiebigkeit hier- 
bei überhaupt nicht beachtet wird, so kommt eine Kuh, die während 
des Weidegangs am Anfang der Laktation steht, ungerechtfertigt gut 
w^, weil sie im Winter nur wenig Kraftfutter verzehrt. Umgekehrt 
wird eine Kuh, die im Herbst kalbt, deshalb im Winter viel Kraftfutter 
braucht, dadurch mit höheren Kraftfuttergaben belastet; anderseits ist 
sie nicht in der Lage, die Weide so gut auszunutzen. Trotzdem wird 
ihr aber das gleiche Weidegeld angerechnet. Wo Futtereinheiten im 
Gebrauch sind, rechnet man teilweise den Weidetag zu einer bestimmten 
Zahl von Futtereinheiten. Falls dies ohne Berücksichtigung der Milch- 
produktion der Kuh geschieht, sind die eben angedeuteten Fehlerquellen 
in genau demselben Maße vorhanden. Diese letzteren sucht man atelien- 

') Hansen, Deutaiho landw. Tierzucht 1906, S. 61. 
•) M a r q u a r t ». ». O. N. 251. 



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416 "■ Abschnitt. Die Zuchtraaßnahmcn des Staates usw. 

weise dadurch zu vermeiden, daß man je nach der Milckmenge den 
Weidetag verschieden bewertet. Im Inaterburger Verband (OstpreuJien)') 
rechnet man pro Kopf neben 3 kg Stärkewert auf 500 kg Lebendgewicht 
als Erhaltungsfutter für jedes Kilogramm Milch 0,2 kg Stärkewert und 
stuft dadurch den Futterverbrauch auch auf der Weide nach der Leistung 
ab. Dabei wird vorau^esetzt, daB die Kuh ein der produzierten Milch- 
menge entsprechendes Futter verzehrt und daß das Weidefutter von 
allen Kühen gleichmäßig ausgenutzt mrd; zwei Annahmen, die keines- 
wegs ohne weiteres als richtig vorausgesetzt werden köimen^). Bis zu 
einem gewissen Grade trägt die in der Ostpreußischen Holländer-Herd- 
buchgesellschaft eingeführte Weidebewertung diesen Tatsachen Rech- 
nung. Nach Peters*) hat man gefunden, daß die Futterausnutzung 
eine um so bessere wird, je milchergiebiger die Kühe sind. Man hat 
deshalb Leistungagruppen gebildet und rechnet nun von dem Futter- 
verbrauch in den Wintermonaten aus in den einzelnen Leistungegruppeii 
auch für die Weidemonate den Verbrauch an Stärkewert, Wenn ein 
derartiges Vorgehen auch Vorzüge besitzt, so bleibt die W'eidebewertung 
trotz alledem doch eine unsichere Sache. Der von Pott*) gemachte 
Vorschlag, auch auf der Weide eine individuelle Fütterung durch ver- 
schieden reichhch bemessene Tüderschläge einzuführen, ist praktisch 
und urchführbar. 

Für die Buchführung der Kontrollvereine sind allenthalben 
bestimmte Formulare eingeführt. Es ist dringend wünschenswert, nicht 
mehr Schreibarbeit zu verlangen, als im Interesse der Sache notwendig 
ist. Je übersichtlicher die Buchführung angeordnet ist, desto mehr 
entspricht sie ihrem Zweck. Giegenwärtig finden sich selbst in den 
deutschen Kontrollvereincn noch erhebliche Unterschiede. Auch auf 
diesem Gebiet läge eine gewisse Einheitlichkeit im Interesse einer weiter- 
gehenden Verwertung der Ergebnisse. Als Beispiel möge hier die von 
Marquart für den Kontrollverband Insterburg in Ostpreußen 
entworfene Buchführung folgen'). In Gebrauch sind hier folgende 
Formulare : 

>) Marquart a.a.O. S, 253. 

') Hansen, Die Kontroll vereine der Eheinprovinz im Jahre 190*'. S.W. 

') DeuUshe landw. Tierzucht 1613, S. 249. Nebenbei sei bemerkt, daB in 
der OstpreuBischen Holländer- Uerdbnchgescllschaft neben der Milchproduktioa 
auch die Zunahme an Körpergewicht mitkontrollicrt ■wird, während mian sich 
sonst allgemein auf die Milchleistung beschränkt. 

•) Pott und S c h r e w e, Kontrollvereine für Milchleistung. Arbeiten der 
D. L. G. Heft 90, 19«, S. 28. 

') Marquart a. a. O. S. 257. 



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III. I>ie Verwendung von StaatBiiiitteln zur Hebung der Tierzucht. 417 

1. Notizbuch (Kladde) für die Aufzeichnung von Milch- und 
Futtermengen im Stall. 

2. Prüfung s- oder S t a 1 1 i b t e (Anlage 10) ; sie enthält den 
Ertrag und Futteraufwand sämtlicher Kühe für Kontrolltag und 
Kontrollperiode. 

3. Hauptbuch (Anlage 11); es weist auf einer Doppelseite für 
jede Kuh deren Ertrag an Milch und Fett, sowie den Futterauf- 
wand nach und wird bei jeder Kontrolle aufgerechnet, so daß 
man jederzeit ersehen kann, wieviel Milch und Fett die Kuh seit 
Beginn des Jahres geliefert und wieviel Futter sie verzehrt hat. 

4. Jahresabschluß (Anlage 12); er enthält die Abschlüsse 
der Kühe des betreffenden Bestandes, die untereinander über- 
aichtlich aufgeführt sind, und gestattet es, den Durchschnitt der 
Herde zu ermitteln. Er wird am Schluß des Jahres nach den 
Angaben des Hauptbuches aufgestellt. 

Die große Bedeutung der Kontrollvereine rechtfertigt es, daß allent- 
halben hierfür staatliche Unterstützungen gewährt werden; in Preußen 
stellte sich 1Ö13/14 deren Summe auf 96 636 Mark. Die Kosten der 
Kontrollvereine sind in den einzelnen Bezirken verschieden. Sie werden 
natürlich um so kleiner, je mehr in größeren Beständen die Arbeitskraft 
des Assistenten ausgenutzt werden kann. Im allgemeinen dürften sich 
die Kosten mit 2 — 3, höchstens 4 Mark pro Kuh bestreiten lassen. 
Gegenüber den großen Vorteilen der Kontrollvereine für die Renta- 
bilität der Rindviehzucht spielt dieser Betrag gar keine Rolle, 

Unter dem Einfluß der Kontrollvereine steigen sowohl d i e 
absoluten wie die relativen Leistungen der Milchkühe 
erheblich. Dies ergibt sich am besten, wenn man den Abschluß des 
ersten Jahres dem eines späteren gegenüberstellt. Als Beispiel hierfür 
möge die Herde 79 des Kontrollvereine Kallningken in Ostpreußen an- 
geführt werden^). 



1 Milch- 


Fett- 


Fett- 


Verbrauch an 


100 kg Starkewert 


Kühe menge 


gehalt 


menge 


Stärkewert 




»^8 


°o 


^^_ 


kg 


kg ! kg 


3. Jahr {lßl-2/13) ;! 37 | 4178 


3,J5 131,48 


1884 


■2-22 1 6.98 


1. Jahr (1907/08) j 4) , 2670 


3.2 1| 85,60 


I.i37 


■ 173 [ 5.Ö7 


Im 5. Jahr + oder — -f- 1308 


■{- 0,06 


+ 43.88 


+ 337 


+ 49 + 1,41 



') B. .Schmid t, Jahreaberioht des Verbandes der Milch viehkontrol Ivel 
für die Provinz Ostpreußen. Inslerburg 1913. .S. 124. 

PuHub-Hsnaeii, AllEemelne Tierzuclit, 3. AaH. 27 



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418 



6. Abachnitt. Die Zuchtmnßnahmen des Staates 



Hier handelt ea sich um einen Bestand, der hei Beginn der Kontroll- 
tätigkeit geringe Erträge zu verzeichnen hatte und der nach 5 Jahren 
den Durchschnitt nicht unerheblich überragt. Aber auch dort, wo schon 
recht anaehnUche- Leistungen zu verzeichnen sind, lassen sich die Er- 
träge durch ein systematisches Vorgehen noch erheblich steigern, was 
an dem Beispiel des Kontroll Vereins Bislich am Niederrhein dai^elegt 
sein mag'^). 



Kühe 


Milch- 
menge 


Fetf- 
gehalt 


Fett- 
menge 


^ : Futter- 
E^*^*«! kosten 


die Fiilter- 
k Osten 


flr 
1 kR 




kg 


% 


kg 


M. 1 M. 


iL 


M. 


8. Jahr (1910) 224 


6189 


3,40 


176.22 


528,66 


3ia,08 


209.58 


1.31 


1. Jfthr (1903) 210 


3982 


3.32 


132.37 


397,12 


277.06 


120.06 


2.('9 


Im 8. Jahr + oder — 


+ 1207 


+ 0,08 


+ 43.85 


+ 131.54'+ 42.02 

1 


+ 89.52 


— 0.28 



Diesen Beispielen heßen sich aus der Praxis der Kontrollvereine 
unzähhge andere anfügen ; selbst in großen Bezirken ergibt sich dasselbe 
Bild, Man hat überall gefunden, daß die Leistungen der Kühe eine er- 
hebliche Steigerung aufweisen und daß der Futteraufwand auch nicht 
annähernd in demselben Verhältnis gestiegen ist, ja, nicht selten sind die 
höheren absoluten Erträge mit dem gleichen oder gar einem geringeren 
Futterauiwand erzielt worden. Daraus ergibt sich eine gewaltige 
Steigerung der relativen Leistungen, oder andei-s ausgedrückt: eine 
bessere Rentabilität der Rindviehzucht. 

Diese Erhöhung der Leistungsfähigkeit zu Beginn der Arbeit ist in 
erster Linie einer zielbewußten Beeinflussung der Fütterung zu ver- 
danken. Züchterisch kann man erat nach längerer Zeit auf eine Herde 
einwirken. Hieraus erklärt ea sich auch ohne weiteres, daß nach wenigen 
Jahren der Fortschritt viel langsamer wird. Man hat dann das Errungene 
zu halten und durch geeignete züchterische Maßnahmen schrittweise 
weiterzugehen. Die sprunghaften anfänglichen Steigerungen erklären 
aich daher, daß der Landwirt die Leistungsfähigkeit seiner Herde kennen 
lernt, die schlechten Futterver werter ausmerzt oder, falls dies nicht 
sofort möglich ist, doch knapper füttert, während umgekehrt die guten 
Kühe ein ihren höheren Leistungen entsprechendes reichlicheres Futter 

') Die Kontrollvereuic der Rheinprovinz in den Jahren 1904—1010; 1904 bis 
1908 von J, Haasen, 1909—1910 von Dettinger. Veröffentlichungen der 
Landnirtsstiaftakammer Bonn. 



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HI. INe Verweildung von ^toatfiiuiltelii zur Hebung der Tierzucht. 419 

erhalten. Die Fütterung wird also der individuellen Leistungsfähigkeit 
angepaßt, was wirtschaftlich absolut notwendig erscheint. Fortschritte 
sind in der Regel anch in der Auswahl der Futtermittel erzielt. Die 
eiweißreiclien (Ölkuchen) finden auf Kosten der eiweißärmeren Futter- 
mittel (Kleien usw.) mehr und mehr Eingang. 

Die Unterschiede in der Leistungsfähigkeit der Kühe sind den 
Züchtern vorher nicht genügend zum Bewußtsein gekommen. Nament- 
lich in Bezirken mit kombinierter Zuchtrichtung, wo die Milchergiebig- 
keit nicht im Vordergrund des Interesses gestanden hat, sind sie un- 
geheuer groß. Beispielsweise berichtet Linckh') über die Erträge 
der besten und schlechtesten Kühe aus Einzelbeständen von zwei 
Thüringer Kontrollvereinen. 



Koiiiroll- 


8chleehleste Kuh 
Milch Fett 

93- 25 


Beatr Kuh 
Milch Fett 
kg kg 


'■ Beste Kuh, wenn 
' schlechteste = 100 




1 Sliloh Fett 


Jena 


5.541 ' 238 


501 952 



In Jena handelt es sich um Sinmientaler, in Dermbach um Niede- 
ningsvieh. Wenn auch in Gegenden mit höherstehenden Zuchten des 
Niedemugsviehs das Bild wesentlich günstiger ist. so sind, wie ich an den 
Ergebnissen der rheinischen Kontrollvereine nachgewiesen habe, die 
Unterschiede immer noch groß genug. Ais Beispiel führe ich das Jahr 
1908 an»). 





Schlechteste Kuh | Beate Kuh 


Beste Kuh. wenn 


KontroU- 


1' Milch 


Fett 


Futter- i 


i Fnttet- 
Fett ^Vga 


schlechteste = 100 
Milch ^ Fett Ä 




kg 


k« 


..^- 1 >«_ 


kg M. 


Bislioh .... 


3054 


111,8 


3,00 l 7793 


270.1 1.59 


255 


242 53 


Griethftuscn . 


2221 


71,9 1 4,58 62G9 


215,9 1,53 


282 


300 


33 


HftITen-Mehr . 


2104 


70.0 


4.64 . 6841 


238.9 1,04 


325 


341 


22 



*. O. Bonn 1910. 3.72. 



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420 ^' Abschnitt. Die ZuchtmaBiuihmen des Staates ubw. 

Deutlicher kann die Variabilität nicht zum Ausdruck kommen; 
schon die Ausmerzung der schlechten Kühe muß die Rentabilität der 
Kind Viehhaltung erheblich steigern. 

In der Regel ist, soweit die absolute Leistung in Frage kommt, der 
Hauptsache nach nur die Milchmenge, wenig oder gar nicht der Fett- 
gehalt gestiegen. Wie wichtig gerade dieser Umstand ist, ergibt eich aus 
Untersuchungen von H a n s s o n*), der nachweist, daß die Kühe in 
fettreicher Milch weniger fettfreie Trockensubstanz produzieren als in 
fettarmer. Bei einem Fettgehalt von 3 % entfallen auf eine Produktion 
von 100 kg Butterfett 291, bei einem Fettgehalt von 5% nur 187 kg 
fettfreie Trockensubstanz. Es erklärt sich dies daher, daß bei der Zu- 
nahme des prozentischen Fettgehalts der Milch die Trockensubstanz bei 
nicht erheblich verändertem Eiweißgehalt einseitig reicher an Fett und 
daher ärmer an Milchzucker wird. Um 1 kg Butterfett zu erzeugen, 
sind bei einer Milch mit 3 % Fett 22,2 Futtereinheiten (— 13,4 kg Stärke- 
wert), bei einer Milch mit 5 % Fett aber nur 15,8 Futtereinheiten 
(^9,6 kg Stärkewert) erforderlich. Eine Erhöhung des Fettgehalts 
von 3 auf 4 % drückt den Futterverbrauch pro Kilogramm Butterfett 
um 4 — 4,5 Futtereinheiten ( = 2,i — 2,7 kg Stärkewert) herab. Man 
erzeugt dabei zwar weniger fettfreie Trockensubstanz, aber deren Wert 
ist erheblich kleiner als der einer gleichen Menge Fett. Selbstverständ- 
lich verursacht die Erzeugung von 100 kg Milch bei einem höheren 
Fettgehalt mehr Futteraufwand als bei einem niedrigen prozentischen 
Fettgehalt. Die höheren Futterkoeten schlagen aber erheblich weniger 
zu Buch als die größere Fettmenge. Nur in jenen Fällen, wo die Milch 
nicht nach Fettgehalt, d. h. nach ihrem Wert, sondern nach der Zahl 
der Kilogramme oder Liter bezahlt wird, ist die Erzeugung einer fett- 
armen Milch zweckmäßig, während bei Buttergewinnung bzw. Bezahlung 
nach Fettgehalt die Erzeugung einer möglichst fettreichen Milch emp- 
fehlenswert, erscheint. 

In einigen schwedischen Eüteherden ist es gelungen, in einem 
siebenjährigen Zeitraum den Durchschnittafettgehalt bei Ayrshires um 
0,21—0,36 % und bei Fjällvieh sogar um 0.37—0,48 % zu erhöhen. 
V. Lochow (Petkus) konnte in seiner Niederungs Viehherde von 1898 
bis 1911 im Durchschnitt die Milchmenge von 3543 auf 4623 kg steigern 
und dabei den abnorm hohen Fettgehalt von 3,89 % mit einem Eutt«r- 
ertrag von 201 kg erreichen*). In diesem Falle ist allerdings neben einer 

') Fühliiigs Landw. Zdtung ]913. S. 697. 

') W i 1 s d o r f. Die praktiselie Ainvendiing der iieHcreii Vererbungslehre. 
22. Flugschrifl der Deutsclien Gosellscliaft für Ziiclitungskunde, 1912, S. 34. 



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III. Die Verwendung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierauoht. 421 

zweckentsprechenden Zuchtwahl die spezifische Wirkung starkei Palm- 
kuchengaben') ausgenutzt worden. 

Die Bedeutung der systematischen Zucht auf Leistung liegt darin, 
daß die Fähigkeit zur Milchsekretion wie jede andere Eigenschaft auf die 
Xachkommen übergeht, wobei besonders nachdrUckUch betODt werden 
muß, daß die Milchergiebigkeit nicht nur vom Mutter-, sondern auch 
vom Vatertier vererbt wird. In letzterem ist sie als eine Eigentümlich- 
keit seiner weiblichen Vorfahren latent (S. 243) vorhanden und tritt in 
seinen weiblichen Nachkommen wieder in Erscheinung. 

Für Deutschland hat zuerst S c h r e w e*) hierüber aus seiner ost- 
preußischen Holländerherde Mitteilungen gemacht. In Dänemark ist 
der Bulle Taurus als hervorragender Milchvererber bekannt'). Aus der 
Lenzener Wische berichtet W i 1 s d o r f, daß neben dem Bullen Ideal 
einige andere ostfriesische Stiere ihrer Nachzucht eine erhebliche Milch- 
ei^ebigkeit, vor allen Dingen einen höheren Fettgehalt mit^egebrai 
hatten*). Den gleichen Einfluß von vier schwedischen Äjrrshirebullea 
schildert H a n s s o n^), und Arenander teilt einen umgekehrten 
Fall mit°), wo ein abnorm niedriger Fettgehalt einer Fjällkuh durch 
mehrere Generationen über einen Enkel auf dessen weibliche Nachzucht 
übertragen wurde. Die sehr verschiedene Milchvererbung der Bullen 
des schwedischen schwarzbunten Tiefland rindes hat L e u f v ^ n er- 
mittelt'), indem er die Leistungen von Töchtern bestimmter Bullen 
denjenigen ihrer Mütter gegenüberstellte. Im Interesse der Renta- 
bilität der Rindviehzucht ist es daher dringend geboten, bei der Aus- 
wahl der Bullen darauf zu achten, daß sie nicht nur neben einer 
festen Konstitution einen guten Körperbau aufweisen, sondern daß 
ihre Abstammung auch hinsichthch der Milchergiebigkeit der weib- 
lichen Vorfahren gut genannt werden kann. Die zuerst von den 
Züchtern des schwedischen schwarzbunten Niederungsviehs im Bezirk 
Malmö geübte Gepflogenheit, in den Auktionskatalogen neben der Ab- 
stammung die Leistung der weiblichen Vorfahren der Bullen mitzuteilen, 
ist ein erheblicher Fortschritt, 

') J. Hansen, Die Wirkung dt'r Palnikuchen auf die Milchergiebigkeit des 
Rtndea, L&ndw. Jahrbücber Bd. 47, 1914. 8. 1. 

') DeuUche landn. Presse 1905. Nr. 40/41. 

') B ü h r i g, Einfluß der Kontroll vereine usw. Berlin 1908. tS. 11. 

•) W i I s d o r f a. a. O. y, 21. 

') Fühlingü Landw. Zeitung 1913. .S. 761. 

*) Jahrbuch für wissenschaftliche und praktische Tierzucht. 3. Jahrgang, 
190B, S. 87. 

') Vgl. Rio ha rdsen. Die schwedische Rinderenoht. Berlin 1910. S. H8. 



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422 ^- Abschnitt. Die Zuchtin Aßnahnien des Staates usw. 

Daß Kühe ihre Milchergiebigkrät auf die weibliche Nachzucht über- 
tragen, ist in der Praxis immer als Belbstveratändlich angesehen worden 
und im großen Durchschnitt auch richtig. Trotz alledem darf man seine 
Anforderungen nicht zu hoch schrauben. Es ist zu erinnern an die Aus- 
führungen auf S. 215, nach welchen auch hier eine Variation um eine 
mittlere Höbe auftritt. Wir finden Plus- und Minusvarianten, deren 
genotypischer Aufbau imd damit Yererbungsfähigkeit gleich sein kann. 
Nicht jede Kuh mit hoher Milchergiebigkeit ist imstande, diese auf die 
Nachzucht zu übertragen, und seibat Vollgeachwister können (S. 242) 
einer verschiedenen Kombination ihrer Erbeinheiten wegen ungleich in 
der Vererbung im allgemeinen, also auch der Milch ergiebigkeit sein. 
Hierfür liefert H a n s a o n schlagende Beispiele aus dem Ayrahire- 
beatand in Älberga in Schweden*). Es konnten 34 Vollschwestem in 
2 — 3 Fällen in ihrer Milchergiebigkeit verglichen werden. In 11 Fällen 
unterschieden sie sich im Fettgehalt der Milch nur bis 0,1 %, waren 
also gleich. Der Unterschied betrug aber in 6 Fällen 0,3 — 0,4, in 3 Fällen 
0,4 — 0,5, und in 2 Fällen sogar 0,5 — 0,6 %, war also sehr erhebhch. 
H a n s 8 n zeigt weiter, wie in der Herde das Quetelet sehe Gesetz 
(S. 213} seine Gültigkeit hat und wie die meisten Kübe und Bullen 
zwar sich annähernd mit dem Mittel decken, wie aber einzelne Individuen 
stark nach der Minus- oder Plusfteite abweichen. Vererbt kann nach 
den früheren Ausführungen (S. 217) nur werden, was in den Erbeinheiten 
des Keimplasmas begründet ist, und eine sehr milchergiebige Kuh, die 
zufälUg als Plusvariant eines niedrigstehenden Genotypua in einer Herde 
sich findet, wird ihrem Züchter in der Vererbung bittere Enttäuschungen 
bereiten. (Vgl. auch S. 240.) 

Für diese Tatsache hat Peters*) aus der 28jährigen Leistungs- 
kontrolle einer ostpreußischen Holländerherde interessantes Material bei- 
gebracht. Er schlagt zunächst in beachtenswerter Weise vor, die ein- 
zelnen Kühe lind ebenso die Nachzucht einzelner Bullen nicht nach 
ihren absoluten Erträgen, sondern nach ihrer Stellung zum jeweiligen 
Durchschnitt der Herde zu beurteilen, weil so Einflüsse, die mit der 
Vererbung nichts zu tun haben, vor allen Dingen die Fütterung, aus- 
geschaltet werden. Dann zeigt er, daß man nicht nur die Leistungs- 
fähigkeit des Individuums, sondern diejenige ganzer Familien zu 
ermitteln hat. In Schweden sind derartige Familienstanimbücher häufig 
zu finden. 



') Fühlings Land«-. Zeitung 1013. S. 766. 
*) Deutaohe landw. Tierzucht 1913. S. 121. 



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IIL Die VcrweDdung von Stantemitteln zur Hebung der Tierzucht. 423 

Es gibt sowohl Familien von hoher als solche von geringer Milch- 
ergiebigkeit und andere, deren Vererbung K^ellosigkeit aufweist. Im 
allgemeinen werden die Glieder leistungsfähiger Familien eine hohe 
Produktion aufweisen und jene schlechter Famiheu wenig Milch geben. 
Aber Ausnahmen sowohl nach der Plus- als nach der Minusseite finden 
sich allenthalben vor. Man darf also von der Zucht auf Leistung nicht 
mehr erwarten, als sie nach den Vererbungsgesetzen bieten kann. Je 
mehr Generationen der Ahnen in ihrer Leistungsfähigkeit bekannt sind, 
desto sicherer kann man die Vererbung übersehen. Im Anfange der 
Zucht auf Leistung, wo Famihenzusammenhänge noch nicht bekannt 
sein können, wird das Ergebnis der aüchterischen Betätigung deshalb 
unsicherer sein a!a später. 

Hieraus ergibt sich ohne weiteres die Folgerung, daS die Lei- 
stungen in die Herdbücher eingetragen werden müssen. 
Den Anfang nach dieser Richtung haben die Holstein-Friesen- Züchter 
in Nordamerika gemacht, indem sie schon 1887 für Herdbuchtiere mit 
bestimmten Leistungen ein besonderes Ehteregister einrichteten^), was 
neuerdings in Brandenbui^ und in Ostfriesland Nachahmung gefunden 
hat. Das Verdienst, zuerst einen Schritt weitergegangen und die Ein- 
tragung von Milcherträgen ins Herdbuch obligatorisch gemacht und 
femer die Eintragung an den Nachweis bestimmter Leistungen geknüpft 
zu haben, gebührt der Landwirtschaftsgesellschaft für den Bezirk Matmö, 
deren Generalsekretär L e u f v e n die Zucht auf Leistung ganz ziel- 
bewußt und konsequent durchgeführt hat. Vom schwarzbunten schwe- 
dischen Niederungsvieh wird neben sechs Generationen reinblütiger 
Vorfahren für die Eintragung eine Leistung von 110 kg Butterfett 
gefordert^). 

In Dänemark beschränkt sich die Stammbuchführung auf Stiere, 
für welche ebenso wie in Schweden Leistungsnachweise der mütterlichen 
Vorfahren mit eingetragen werden'}. In Deutschland hat der Erste 
Zuchtverband der Rheinprovinz im zweiten Band seines Stammbuches 
1907 zuerst Leistungen eingetragen, aber sie sind noch nicht für alle 
eingetragenen Tiere bekannt. Grundsätzhch gefordert werden Leistungen 
— 100 kg Butterfett und 5,5 kg Fett aus 100 kg Starkewert des ver- 
zehrten Futters — für die Eintragung in das Herdbuch des Verbandes 
der Milchviehkontrollvereine für die Provinz Ostpreußen in Insterbuig, 

*) Hansen und Hermes, Die Rindviehzucht im In- und Auslande, 1905. 
U. S.331. 

*) R i c h a r d s e n a. a. O. 8. 102. 

»} Hansen und Hermes A.a.O. II. S. 57C. 



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424 ^ Abschnitt. Die Zuchtniaßnahmen des Staates nsw. 

dessen erster Band 1912 erschien. Sollen die überaus erfreulichen Be- 
Btrebungen der Leistungskoattolle tataächlict auf breiter Grundlage der 
Zucht dienstbar gemacht werden, so ist auf diesem Wege fortzufahren^). 

ß) Die Elitezuchten. 

In Dänemark und nach dessen Vorbild in Schweden ist man in der 
Ausnutzung der Ergebnisse der Leistungsprüfungen noch einen Schritt 
weitei^egangen, indem man besondere Wettbewerbe zwischen ganzen 
Viehbeständen ausschrieb und die Sieger als Zuchtzentrum — 
wofür ich den Ausdruck „Elitezucht" anwenden möchte — er- 
klärte'). Man war der Meinung, daß solche Ehtezuchten durch ihren 
hohen Zuchtwert veredelnd auf die Landesviehzucht einwirken könnten. 
Zu einem solchen Wettbewerb zugelassen werden nur die besten Be- 
stände des Landes, welche in einer Vorprüfung durch das aus drei Per- 
sonen bestehende Richterkollegium sich als würdig erwiesen haben. 
Der Wettbewerb selbst dauert zwei Jahre und die Prüfung erstreckt 
sich auf Feststellung der Milch- und Fettleistung nach Art der Kontroll- 
vereine, die Fütterung, die Familienstammbuchfühmng wie die ganze 
Zuchtbuchführung; berücksichtigt wird auch das Exterieur, indem 
Messungen und Beschreibungen der Tiere voigenommen werden. Man 
will demnach den Zucht wert, die Formen und die Leistungs- 
fähigkeit in gleichem Maße erfassen. In Schweden weiden diese 
Wettbewerbe vom Staate übernommen. Anfänglich traf dies auch in 
Dänemark zu, doch hat man sie neuerdings dort den landwirtschaft- 
lichen Vereinen überlassen und sich staatlicherseita auf die Gewährung 
von Zuschüssen beschränkt. 

Nicht selten hat man — früher mehr als heute — den Bestrebungen 
auf Förderung der Leistungsprüfung beim Milchvieh entgegengehalten, 
daß damit eine bedenkliche Gefährdung der Konstitution verbunden ist 
und daß Kontrollvereine und ähnliche Einrichtungen deshalb eine Ge- 
fahr für die Zucht bedeuten. Zutreffend ist das, wenn ohne jede andere 
EUcksicht ganz einseitig auf hohe Leistungen gezüchtet wird und wenn 
Gesundheit und Konstitution der Tiere nicht beachtet werden. Wie jede 

') Auch in Brandenburg sind Kontroll vereine zu Herd buchkontroU vereinen 
entwickelt worden; s. W i Isdo rf. Die Herdbuchfiihrung im Dienste der Laiidea- 
tieraucht. 29. Flugschrift der Deutschen Gesellsohfttt für Züchtungskunde, 1014. 

•) B u e r. Die dänischen KontroU vereine und Zuchtzentren. Berlin IWä. 
S. 48; Hansen und Hermes a. a. O. I. S. am u. 629; 'Richardsen 
a. a. 0. S. 132. 



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III. Die Verwendung von Staatamittclu inr Hebung der Tierzucht. 425 

an sich gute Sache, aoferti sie falsch angewendet wird, Nachteile bringea 
kann, so auch die Konttollvereine. Wenn man aber bedenkt, daß alle 
anderen Maßnahmen zur Förderung der Bindviehzncht nur auf die Form 
Rücksicht nehmen und die Leistungen mindestens stark vernachlässigen, 
so muß eine verständige Leistungszucht — und nur diese wird angestrebt 
— von sehr großem wirtschaftlichem Vorteil sein. Wer 
diese Behauptung nicht anerkennen will, verschließt sich vor klar zutage 
liegenden Tatsachen. 

b> Die Sehlachtkonkiurenxen. 

In Verbindung mit den Mastviehschauen, die in England und 
Frankreich alteingebürgerte Einrichtungen darstellen, in Berlin seit 
1875 regelmäßig abgehalten werden'), und auch in Hambui^, Cöln, 
Königsberg i. Pr. usw. stattgefunden haben, hat man Schlacht- 
konkurrenzen*) abgehalten. Sie sind, wenn auch als sehr unvoll- 
konomen ausgebildete Leistungaprüfungen zu betrachten. Man will 
durch sie sowohl Landwirte wie Fleischer und auch das konsumierende 
Publikum über die Einwirkung bestimmter Fütterungsmethoden, das 
Verhältnis vom Schlacht- zum Lebendgewicht, die Qualität des 
Fleisches usw. belehren. Teilweise handelt es sich um Probefütteningen 
im Kahmen der großen Praxis, teilweise um direkte Versuche. 

Die Tiere werden am ersten Tage der Ausstellung lebend gerichtet, 
dann geschlachtet, im ausgeschlachteten Zustande wieder ausgestellt 
und von besonderen Richtern auf das Schlachtei^ebnis, gewöhnlich an 
Hand eines besonderen Punktierscheraas, geprüft. Zur Belehrung der 
Besucher wird das Richterurteil an den Ständen ausgehängt. 

Im Jahre 1896 veranstaltete die D. L. G.') einen großen Mast- 
versuch mit Mastochsen verschiedener Schläge. Man fand dabei, 
daß die Schlachtergiebigkeit nicht als Rassen eigentümlichkeit angesehen 
werden kann, sondern daß sie in höherem Maße als eine individuelle 
Eigenschaft zu betrachten ist. 

c) Zugprüfungen. 

Die Arbeitstüchtigkeit des Eindes, und zwar von Ochsen, Bullen 
und Kühen, ist wiederholt in Verbindung mit den Ausstellungen der 
D. L. G. geprüft worden. Bei der Prüfung auf Gängigkeit und 
Lenksam keit hatten die aus zwei Tieren bestehenden Gespanne 

e 3 a. ». O. I. a 26; IL Ä. 89 u. 183. 

. r f, .Arbeiten der P. L. G. Heft 206. 1912. 

;r, .Arbeiten der D. L. G. Heft 18. 1807. 



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426 ^- Abschnitt. Die Zucht maOna Innen des Staates usw. 

einen mit einer Normallast beladenen Wagen 4 km weit zu bewegen. 
Mitunter wurden auch Wettpflügen veranstaltet; hierbei hatte jedes 
Gespann ein gleich großes 8tück Land umzupflügen. 

Bei der Prüfung auf achwerenZug wurden — eventuell mehrere 
aneinand ergekoppelte — Wagen so lange in bestimmten Abstufungen 
belastet, bis die Gespanne an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit an- 
gekommen waren. 

Die Prüfungen haben nicht, wie es erw-artet wurde, einen Anhalt 
über die Arbeitstüchtigkeit verschiedener Rinderschläge gebracht, weil es 
nicht möglich war. alle Bedingungen des Wettbewerbes absolut gleichmäßig 
2ai gestalten. Man fand, daß individuelle Momente, vor allem die Be- 
handlung der Tiere durch den Gespann führer, die Art des Einfahrens usw. 
von ausschlaggebender Bedeutung und wichtiger waren als die Schlag- 
zugehörigkeit. Bemerkenswert war dann weiter, daß Ochsen auf harter 
Straße Lasten von einem enormen Gewicht fortzubewegen vermochten. 
Hierauf kommt es aber in der Praxis nicht an. sondern mehr darauf. 
daß die Tiere unter Umständen eine große Kraft aufwenden müssen, um 
steckengebliebene Fuhrwerke herauszuziehen, schlechte Wegeat recken 
au überwinden u. dgl. Im ganzen entsprachen die Ergebnisse dieser 
Prüfungen nicht der Erwartimg; sie sind deshalb aufgegeben worden. 

C. LeistuDgsprQfungen bei Schafen, Scbweioen, Ziegen 
und GeflttgeL 

Die S, 42tJ besprochenen S c h 1 a c h t k o n k ii r r e n z e n er- 
strecken sich nicht nur auf Rinder, sondern nach den gleichen Gesichts- 
punkten auch auf Schafe und Schwein e^). 

Bei Wollschafen sind anläßlich der Ausstellungen der D. L. G. 
Probeschuren vorgenommen. Die im Wettbewerb stehenden 
Schafe wurden auf dem Aiisstelhingsplatz geschoren, das Schurgewicht 
festgestellt und die Wolle dann der Wollkonditionieranstalt der Laud- 
wirtschafthchen Hochschule Berlin übergeben. Hier wurden die Vließe 
nach Feinheit sortiert und dann nach ihrem Wert, insbesondere auch 
auf Rendement, beurteilt. Über die Ergebnisse der bisher abgehaltenen 
Probeschuren hat C. Lehmann berichtet"). 

Bei Ziegen sind stellenweise ebenfalls Milchleistungsprüfungen 
abgehalten worden. In Nassau sind diese seit 1910 in Gang') und in 

>) Vgl. H e r t o r und W i i s d o r f. Arbeiten der D. L. G. Heft 270, 1914, 
') C, Lehmann. Arbeiten der D. L. (1. Hett 73. 95. 113 u. 135. 
*) Bericht der Landwirt sc huftskaiii wer für den Begieranga bezirk Wiesbaden 
für 1910. S.25I. 



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III. Die Vern-eiiduug von Staatsmitteln zur Hebung der Tierzucht. 427 

Württemberg sind sie im Jahre 1912/13 abgehalten worden^), Handeln 
kann es sich dabei nach Lage der Dinge immer nur um die Festetellung 
der absoluten Leistung. In Württemberg brachten 65 Kontrollziegen 
mit einem mittleren Lebendgewicht von 46 kg in 294 Milchtagen im 
Durchschnitt 656 kg Milch mit 3,6 % Fett und einem Fettertrage von 
24 kg. Auf 100 kg Lebendgewicht entfielen 1429 kg Milch und 52 kg 
Fett, Es schwankten die Erträge pro Kopf an Milch von 324 bis 1054 kg, 
an Fett von 11 bis 36 kg, der Fettgehalt von 2,6 bis 4,7 %. 

In der Hühnerzucht sind seit längerer Zeit Bestrebimgen in 
Gang, um mit Hilfe von Fallennestern die Eierproduktion der einzelnen 
Hühner festzustellen und die ermittelte Leistungsfähigkeit der Zucht- 
wahl dienstbar zu machen. In Nassau hat man neben den üblichen 
Geflügelzuchtstationen neuerdings besondere Leistungszuchtstationen 
eingerichtet*). Sofern über zwei Jahre alte Legehühner nicht mindestens 
120 bis 130 {Mastbühnet 100) Eier im Jahre produziert haben, sind sie 
von der Zucht auszuschheBen. Die Landwirtschaftskammer will ihre 
anderen Stationen mit geprüftem Geflügel besetzen und hierfür die 
Zuchttiere mit höheren Preisen bezahlen. 

Leistungsprüfungen sind in Gestalt sog. W e 1 1 1 e g e n an ver- 
schiedenen Stellen mit rassereinen Zuchtstämnien abgehalten worden^). 

7. Die Tierausstellunsen. 

a) AUgemeineB. 
Die Tieransstelhmgeii haben den Zweck, die Zucht der einzelnen 
Tiergattungen durch Prämiiemng guter Leistungen zu fordern und 
dem Besucher einen "Überblick über die Entwicklung und den Stand 
der Tierzucht selbst zu geben. Tierschauen wirken daher durch Be- 
lohnungen und Belehrungen und sind entweder selbständige Unter- 
nehmungen, auf denen nur Tiere ausgestellt werden, oder mit der 
Ausstellung von landnirtschafthchen Erzeugnissen, Maschinen u. a. m. 
verbunden. Auf den Schauen können mehrere Tiergattungen auf- 
getrieben sein, oder es kann sich um Sonderausstellungen — Pferde-, 
Fohlen-, Einder-, Schweine- oder Ziegenschaiien — handeln. 



') Ströbele, Milchleistungsprüfuiigen in Ziegcnzuchtvcreincn. Stutt- 
gart 1913. 

') Bericht der Landwirtsc haftskaninier für den Regierungsbezirk Wiesbaden 
für 1013. S. 60. 

') Mitteilungen der D. L. G. 1912, S. tilf); 1913. S. 342 u. 438; 1914, S. 39, 
86, 127 u. 456. 



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428 ^ Abschnitt. l>ie Zucht maBnahmen des Staates usw. 

Der Größe und der Teilnahme an der Beschickung nach unter- 
scheidet man: 

Internationaie Tierachauen — z. B. bei Weltaus- 

steUunpen, 
Landes- und Provinzialtierschauen; — die Be- 
schickun|z ist nur aus einem bestimmten Lande oder einer 
Provinz zulässig. 
Bezirkstierschauen: — es sind die Ortschaften eines 

einzelnen Verwaltungsbezirks oder Zuchtdiatrikta beteiligt. 
Lokaltierecbauen (Ortaschauen) : — die Tiere entstammen 
nur einer oder doch nur wenijren benachbarten Gemeinden, 
Die Ausstellungen der Deutschen Landwirtschaft B- 
g e s e 1 1 8 c h a f t (D. L, G.) umfassen das ganze deutsche Reichs- 
gebiet. 

b) Die Darchführang der Schauen. 

Es ist zweckmäßig, ^ven^ in den einzelnen Landesteilen die Be- 
zirke für die Bezirks- und Lokalschauen vorher begrenzt, allgemeine 
Vorschriften über die Beteiligung der einzelnen Rassen erlassen und 
Grundzüge für die Prämiierung aufgestellt werden. Dadurch werden 
die Züchter veranlaßt, sich der Zucht bestimmter, für die betreffende 
Gegend geeigneter Rassen zuzuwenden, ohne die ein Erfolg aller Be- 
strebungen so gut wie ausgeschlossen ist. 

Die Unternehmer der Tierschauen sind staatliche Behörden (Baden), 
landwirtschaftliche Körperschaften — Landwirtschaftskammem. Kreis- 
oder Bezirks vereine — oder, was seltener ist, Komitees oder Stadtver- 
tretungen. Zweckmäßig ist es, wenn als Träger der Schauen die Korpo- 
rationen auftreten, denen die Lokalvereine, Zuchtgenosscnsc haften usw, 
unterstehen und aus deren Gebiet die Beschickung hauptsächlich erfolgt. 
Den Lokalvereinen erwächst durch die Ausführung der Hchauen ein nicht 
ungefährliches Risiko, bei einer größeren Körperschaft deckt dagegen 
der "Überschuß der einen den Ausfall der andern Veranstaltung. 

Jeder Schau muß eine Anmeldung der auszustellenden Tiere vor- 
hergeben, damit der Platz danach eingerichtet und der Voranschlag 
für die Präniiiemng festgestellt werden kann. Hierbei ist es empfehlens- 
wert, wenn eine geeignete Kommission oder der zuständige Tierzucht- 
beamte vorher die ausstellungs fähigen Tiere auswählt. Besonders rat- 
sam ist das in Bezirken mit vorherrschendem Kleingnind besitz. Hier 
wirken die Vorbeaichtigmigen aufklärend, belehrend und vertrauen- 
erweckend; der eine wird aus seiner Gleichgültigkeit aufgerüttelt, bei 



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III. Die Verweodung von Staatsmitteln zur Hebung der Tierzucht. 429 

dem andern werden Besorgnisse wegen seiner geringen Konkurrenz- 
fähigkeit zerstreut, und ein dritter läßt sich überzeugen, daß eine Aus- 
stellung seiner Tiere doch nicht die Gefahren für deren Gesundheit in 
sich schheßt, die er sich vorgestellt bat. Bo weckt man altgemeines 
Interesse und erzielt neben zahlreicher Beschickung auch einen guten 
Äusstellungsbesuch. In vorgeschrittenen Bezirken ist solche Vorwahl 
nur nötig, wenn es sich um die mit erheblichen Kosten verbundene 
Beschickung großer und entlegener Schauen (D. L. G.) handelt. 

Der Ausstetlungsplatz muß bequem zu erreichen, genügend groß 
und leicht abschließbar sein. Unebene nasse Plätze eignen sich nicht, 
dagegen sind frischgemähte Grasgärten und freie, ebene, in oder am 
Orte gelegene Flächen gewöhnlich brauchbar, um so mehr, ab auch in 
ihrer Nähe meist Gelegenheit zur Wasserentnahme vorhanden ist. Bei 
eintägigen Schauen ist, abgesehen von einfachen Zelten für die Preis- 
richter, eine Aufführung von Bauten nicht erforderlich, mehrtägige 
Schauen dagegen machen Schutzbauten für die Tiere nötig, deshalb 
verteuern sie auch die ganzen Veranstaltungen nicht unwesentlich. 

c) Die Tiere auf dem Aasstelltmgsplatze. 

Vor dem Betreten des Platzes werden die Tiere tierärzthch auf 
das Vorhandensein ansteckender Krankheiten untersucht Diejenigen 
Orte, aus denen die Tiere stammen und durch die sie getrieben werden, 
müssen frei von leicht übertragbaren Seuchen sein. ■ 

Am Eingang zum Platze erhalten die Ausstellungstiere ihre 
Xummem; die Aufstellung erfolgt je nach der Größe und der Art 
der Beschickung nach Rassen, Geschlechtern, Klassen usw., damit 
möglichst gleichartige Tiere miteinander beurteilt werden. Die Zu- 
weisung der Plätze besorgen Ordner, Ausschüsse usw., das Futter 
bringen auf kleineren Schauen die Aussteller mit, auf größeren wird 
es von Händlern oder Produzenten, meist aber ziemlich teuer, geliefert. 

d) Die Fratuiiening. 
Die Prämüerung ist mit der wichtigste Faktor bei den Tieraus- 
stellungen; sie setzt genügende ilitte! und deren richtige Verwendung 
voraus. Bei den regelmäßig wiederkehrenden Schauen sind die Prämien 
für die einzelnen Klassen von Tieren in der Regel ihrer Höhe nach ein 
für allemal festgesetzt, sonst werden sie nach Jlaßgabe der verfügbaren 
Geldmittel bestimmt. Diese stammen meist ganz oder wenigstens zum 
Teil aus der Staatskasse und gelangen durch die landwirtschaftlichen 



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430 6- Abschnitt. Die ZuchtmaQnohmen des Staates usw. 

Korporationen auf Grund des Prämiieningsergebnisses zur Veraus- 
gabung. Gewöhnltcti steuern dann die letzteren noch Beträge aus 
ihrem eignen Vermögen oder aus laufenden Einnahmen bei, femer 
stiften meist verschiedene Verwaltungen — Stadt-, Bezirks-, Vereins- 
vertretungen usw. — Zuwendungen in Form von Ehrenpreisen, und 
endUch kann auch ein Teil der Eintrittsgelder zu diesem Zwecke Ver- 
wendung önden. Es empfiehlt sich, die Preise nicht zu niedrig zu be- 
messen, sondern lieber, wenn es nicht anders geht, ihre Zahl zu be- 
schränken. 

e) Die Preiarichter. 

Die Richter müssen die zu beurteilenden Tiere ihrem EasBeii- 
charakter, ihrer Form und Leistung nach genau kennen, einen klaren 
Blick, strenge Unparteilichkeit und Arbeitsfreudigkeit besitzen. Je 
mehr sie über die heimatlichen Verhältnisse der zu prämiierenden Tiere 
unterrichtet sind, desto zuverlässiger wird ihr Urteil sein. 

Der Eichter muß sich stets auf Angriffe gefaßt machen, und auch 
schon deshalb seine Handlungsweise so einrichten, daß er sie jederzeit 
aachlich rechtfertigen kann. Jedes vorschnelle, sowie auch jedes harte, 
absprechende Urteil ist zu vernieideu, denn der Richter darf nie ver- 
gessen, daß in jeder Ausstellung gewöhnlich viel Fleiß und Geldaufwand 
steckt, und deshalb soll die Abweisung, die an sich schon nicht angenehm 
empfunden wird, nicht auch noch durch die Schroffheit ihrer Form 
verletzen. 

Die Zahl der Mitglieder der Eichtergruppen ist in den einzelnen 
Landern verschieden bemessen. In England ist das Einricht«rsysteni, 
bei der D. L. G. das Dreirichtersystem in Anwendung, während in den 
Prämiierungs Vorschriften einzelner Staaten fünf Eichter vorgesehen sind. 
„Viel Köpfe, viel Sinne" können hier zum Vorteil und zum Kachteil 
für das Ergebnis werden; ein dreighedriges Kollegium muß man im 
allgemeinen für nötig und auch für genügend erachten. 

f) Die Art des Richtens. 
Den Richtern ist ein Ordner beizugeben, der die Vorführung der 
Tiere leitet. Der Platz, auf dem gerichtet wird, ist durch Stangen oder 
Leinen abzugrenzen, damit das PubÜkum weder die Eichter in ihren 
Bewegungen hindert, noch jedes Wort, das gesprochen wird, auffängt. 
Der Zutritt zu den Ringen ist nur dem vorführenden Personal zu ge- 
währen, und jedes Tier einzeln auf ebenem Platze zu mustern; das 
Eichten im Stande ist bei den großen Haustieren immer und bei den 



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III. Die Vemendung von Staatsmittplii zur Hebung der Tierzucht. 431 

kleinen möglichst zu vermeiden. Läßt es die Zahl der zu richtenden 
Tiere zu, so sind diese so lange im Binf;e zu behalten, bis die Klasse 
endgültig beurteilt ist. Das sofortige Wegschicken einzelner Tiere ist 
bei solchen Schauen, für die bereits eine Vorwahl stattgefunden hat, 
zu unterlassen, wenngleich hierdurch die Dauer des ganzen Geschäfts 
nicht abgekürzt wird. Dort, wo eine Schau im kleineren Kreise ab- 
gehalten wird und belehrend wirken soll, ist es zweckmäßig, die Be- 
sitzer in den Ring mit eintreten zu lassen und sie über einzelne Mängel 
aufzuklären. 

Den Richtern ist ein Katalog an die Hand zu geben, der Nummer, 
Farbe, Alter und Abstammung angibt. Kann man nach Lage der Ver- 
bältuisse von der Nennung des Eigentümers absehen, so ist das vor- 
zuziehen, weil es beim Publikum den Eindruck der Unparteilichkeit 
erhöht. Gerichtet werden die Tiere in Klassen; diese bestehen aus 
Eiiizeltieren, aus Familien oder aus Sammlungen. 

Für das Richterurteil muß maßgebend sein, daß die Tiere mög- 
lichst dem vorgesteckten Zuchtziel entsprechen. Bei dem einzelnen 
Tiere entscheidet in erster Linie dessen Qualität, bei den Sammlungen 
und Familien diese neben der Ausgeglichen he it der Tiere untereinander. 

Die Urteilsbildung erfolgt entweder nach freiem Ermessen oder auf 
Grund eines bestimmten Prämüerungasystems, auch * kann ein vor- 
heriges Wägen und Hessen der Tiere stattfinden. 

Dort, wo besondere Prämiieruiigssysteme bestehen, erfolgt das 
Richten meist unter Anwendung des Punktier Verfahrens. Das Richten 
nach Punkten stammt aus England; es hat sich nur langsam in Deutsch- 
land Eingang verschafft, wird jetzt aber fast überall angewendet. Die 
einzelnen Wertniale werden durch Zahlen ausgedrückt, und zwar be- 
zeichnen die hohen Zahlen die bessere Qualität; es ist demnach bei einer 
zehnteiligen Skala 10 vorzüglich, schlecht. Als Hauptwertmale 
kommen in Frage: der Zuchtwert, der Körperbau, der Nutzwert und 
der Gesa mt ei nd ruck. 

Vom idealen Standpunkt aus betrachtet wäre es zweckmäßig, für 
die einzelnen Kassen und Geschlechter verschiedene Wertskalen aufzu- 
stellen, wie es in der Schweiz und auch anderwärts zum Teil der Fall 
ist. Dem treten aber doch gewisse Bedenken insofern entgegen, als die 
Ausfühning schwieriger wird und dadurch besonders für bäuerliche 
Züchter und Preisrichter an Übersichtlichkeit verliert. In Rücksicht 
auf letztere ist es auch empfehlenswert, die \\'ertzahlen sowohl im ein- 
zelnen, wie in der Endsumme nicht zu hoch zu bemessen und die crstcrcn 
möglichst in gleicher Höhe zu nehmen. 



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4^2 



6. Abschnitt. Die Zucht maBnahmen des Staates tisw. 



Der Zweck des Buches verbietet es, der zahlreichen, im Gebrauch 
befindlichen Punktiersyateme Erwähnung zu tun*), und es boII hier nur 
dasjenige der D. L. G. angeführt werden, das seit dem Jahre 1904 auf 
deren Ausstellungen Anwendung findet. 

Punkt ierschema für die Beurteilung der Rinder auf den Ausstellungen 
der D. L. G. 

I. Zuchtucrt. Höchstzahl der Punkte 

1. ISchlag, Farbe, Abstnmmunganachweis ... 10 | 

2. Wiichsigkeit 10 ' 30 Punkte. 

3. GeHundheit, Widerstandskraft 10 ) 

II. Körperbau. 

1. Kopf und Hal.s S 

■2. Rumpf 10 ,^ _ . 

™ .-..- j „ ,. - 2.5 Punkte. 

3, Gliedmaßen, Gang 5 

4. Haut und Haar 5 

III. Nutzwert. 

1. Zeichen der Milchleistung 1 

2. „ „ FieischleJBtung [ 30 Punkte. 

3. ,. „ Arbeitsleistung j 

IV. Gesamt eindruck 15 Punkte. 

Endzahl 100 Punkte. 

In der Abteilung III „Nutzwert"' sind die nachstehenden Wertzahlen für 

die vereehiedencn Xutzungseigenac haften der untereinander in Wettbewerb stehen- 
den Schläge innerhalb der Gesamtzahl 30 wie folgt festgesetzt: 

I Höchstzahl der Punkte für 



Milch- 
leistung 



Fleisch- Arbeits- 
leistung ' leistuug 



A. HöhenschUgc. 
Aa. GroÜes Fleckvieh uuw.: 

a) Badische Zuchten 

b) Bayrische Zuchten 

c) Württembergische Zuchten . . . 

d) Hessische Zuchten 

e) Mittel- und norddeutsche Zuchten 
A b. Gelbe einfarbige Höhenachiago . . . 
A c. Graubraunes Gebirgsvieh 

') L y <1 1 i n, .-^y«! 
Heft 87. 1904. H a n 
lande, hcifoig 100^. 



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m. Die Vefwendnng von Staatsmitteln cur 



der Tienuobt. 433 



Höchstzahl der Punkte für 



<| Hikh- 
[ leistong 



A d. Eintarbigea rotes und rotbraune« Vieb 

A e. Rot- und Braunblaasen 

A f. Pinzgauer 

A g. Kleines rücken blässlgea Höhenvieh . - . 
Ah. Ansbash-TrieedorferondHittelgroBesFleck- 



B. Tieflands 



hlä 



Fleisch- 
leistung 



Arbeits- 
Isistung 



B a. Schwarzbunt« Tieflandschläge (Ostfrieaen. 
Jeverländer, Ost- und Westpreußen usw.) 

B b. Weserznatsohschlag 

B c. Rotbunte Tieflandachläge Rheinlands usw. 

Bd. Rotbunte hotitejnische Schläge mit Aus- 
nahme der Breitenbuiger 

Breitenborger 

B e. Rotes scblesnigacbes Ifllchvieh .... 

B f. Rote Ostfrieaen 

B g. Rotbunte OsUriesen 

B h. Alle andern Niederungsschläge 



Die Vorzüge eines Punktierverfahrens sind folgende: 

1. Es hält den Richter an, planmäßig vorzugehen und verhindert 
eine Übereilung. 

2. Es entlastet das Gedächtnis und verhütet eine vorzeitige geistige 
Abspannung. 

3. Es ermöglicht eine spätere Rechtfertigung und Begründung des 
Urteils. 

i. Es macht auf dei^ Ausateller den Eindruck der Gründlichkeit 
und Unparteilichkeit. Der erstere wird auch in seinen Vorbereitungen 
sicherer, wenn er weiß, worauf bei der Främiierung der einzelnen Schläge 
besonders geachtet wird. 

5. Es erhöht in den Kreisen der kleineren Züchter das Verständnis 
für eine sachgemäße Tierbeurteilung und wirkt hier in hervorragendem 
Maße belehrend und erziehlich. 

Was die Nachteile anlangt, so kann das Punktierverfahren in der 
Hand ungeübter oder unwissender Richter natürlich zu falschen 
Pngch-HaiiBen, Allgemeine Tieranobt. I. Aafl. 28 



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434 & Abschnitt. Die Zitohtmaflnatamen des Staates asv. 

SctlüBBen fühlen, sicherlich aber nicht mehr, Bondem eher weniger, 
als wenn solche Männer nur nach freiet Urteilsbildimg arbeiten. Be- 
sonders ist die Möghchkeit hervoiznheben, daß die kleinen, abgedrehten, 
für die Zucht oft wertlosen, sowie die öeischigen und gut genährten 
Tiere besser wegkommen. Das wird aber unter Umständen auch ohne 
Punktieren stattfinden, und außerdem werden unrichtige Schlüsse ver- 
mieden, wenn man die gemusterten Tiere in der durch die Durchschnitts- 
zahlen festgestellten Reihe aufstellt und miteinander vergleicht und 
sich vor der endgültigen Preisverteilung die Füglichkeit der Umstellung 
ofien hält. Diese wird bei einigermaßen sicheren Richtern nur aus- 
nahmsweise oder nur in geringem Maße erforderlich sein. _ 

Der Hauptnachteil aller deutschen Punktiersysteme besteht in einer 
ungerechtfertigt starken Bevorzugung der Form und in einer 
bedenklichen Vernachlässigung der Leistungen. Das 
entgegengesetzte Extrem findet sich in Schweden, wo nur Tiere mit 
nachgewiesenen Leistungen auf den Schauen zugelassen werden und die 
Beurteilung nach folgendem einfachen Punktierachema') vor sich geht: 

Abstammung . 3 Punkte 

Leistungen . . 3 

Körperbau . . 3 ,. 

Zusammen . 9 Punkte 

Dabei kommen die Leistungen voll zu ihrem Recht und ganz be- 
sonders geschieht das in den Klassen der sog. Butterkühe. Ist auch 
ein derartig starkes Vorrücken des Leistungsergebnisses fUr deutsche 
Verhältnisse als zu weitgehend zu erachten, so ist doch eine stärkere 
Berücksichtigung der Leistungen dringend wünschenswert. 

Die sonst mustergültigen Wanderausstellungen der D. L. G, schließen 
jede Berücksichtigung der Leistungen aus, eine Einrichtung, die der 
Fortentwicklung einer rentablen Viehzucht auf die Dauer Schaden 
bringen muß. Mindestens wären doch außerhalb des heute üblichen 
Wettbewerbes besondere Leistungsklassen einzurichten. 
Bei Lokal- und Bezirksschauen kommt auch in Deutschland eine Be- 
wertung der Leistung vor, so z. B. am Niederrhein, im Jeverland und 
Ostfriesland^), wo an Bullen für hohe Milchleistung der weibUchen Vor- 
fahren Leistungsprämien verliehen werden. Auch im All^u kommt 

1) RicliardBei). Die schuedisclie Rinderzucht 1910, S. 124 und Peut sehe 
landw. Tierzucht 1912, S. 331; ferner Hansen und Hermes a. ». 0. I. 
S. 536, 603 u- 634. 

>) Groenewold, Deutsche land«-. Tieraucht 1914, S. 248. 



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IV. Staatliche Mftflnahnwn zum Schnta« der Tierbeatände gegen Sencheo. 435 

bei Vei^ebung der Prämien neben dem Exterieur die I^eistung in Be- 
tnicht. 

In den skandinavischen Ländern, vor allen Dingen in Schweden, 
spielt bei den Prämiierungen für den kleinen Grundbeeitz neben un- 
erheblichen Geldpreisen fast nur die Verteilung von Freideckscheinen — 
Flach sches System — eine Rolle, und man hat hiennit eine nach- 
haltige Förderung der Zucht erreicht. 

Im Interesse einer gesunden Weiterentwicklung würde es liegen, 
wenn auf unseren Ausstellungen mehr Gewicht auf die Beurteilung 
von Sammlungen, besonders in unmittelbarer Generationsfolge, gelegt 
würde, als das heute der Fall ist. Vorbildlich könnte hier sein, daß in 
Schweden ältere Bullen überhaupt nur mit Nachzucht konkurneren 
dürfen. Wie früher betont, läßt sich die Vererbungsfahigkeit eines Tieres 
nur aus seinen Nachkommen beurteilen. 



IT. Staatliche lUfinahmen zum Schutze der Tierbestände gegen 
Senehen und znr Schadloslialtnng der Besitzer bei TiehTerlusten. 

Da die Tierbeatände einen großen Kapitalwert darstellen und die 
Erhaltung dieses Wertes von größter volkswirtschaftlicher Bedeutung ist, 
so bestehen in den meisten Kulturstaaten Gesetze und Verordnungen 
zur Verhütung der Einschleppung von Seuchen aus dem Auslande, zu 
deren Unterdrückung im Inlande und zur Entschädigung der Besitzer 
bei Viehverlusten. 

1. Die Veritütung der EInidileppung von Tiarseuchen aus dem Auslande. 

Der beste Schutz gegen eine Tierveraeuchung aus dem Auslände 
liegt im gänzlichen Einfuhrverbot — Grenzsperre — und in einer scharfen 
Kontrolle des Schmuggels. Die unerlaubte Einfuhr erstreckt sich ent- 
weder auf solche Tiere, deren Einfuhr gänzlich verboten ist, oder auf 
solche, welche die Grenze nur nach vorheriger Unterauchung und Ver- 
zollung überschreiten dürfen. Im letzteren Falle sind die Beweggründe 
in der Regel Gewinnsucht, im ersteren aber unter Umständen auch der 
Wunsch, ein hochwertiges Zuchttier zu erhalten, dessen Erwerbung 
sonst nicht möglich ist. 

Neben der absoluten gibt es eine relative Grenzsperre, wie sie 
Deutschland z. B. gegen Dänemark in bezug auf Weiderinder imd gegen 
Österreich-Ungarn und Rußland in bezug auf Schweine anwendet. Da- 
nach ist die Zahl der jährhch einzuführenden Tiere beschränkt und, 



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436 ^ AbBohnitt. Die Znchtm&Boahmen des Staate« usw. 

wenn dies» Zahl erreicht ist, wird die Grenze gäoziich geschloesen. Die 
Einfuhr dämscher Binder nach Deutschland wird außerdem noch von 
dem Bestehen einer kliniflchen Untersuchung abhängig gemacht, der 
die Tiere in der Quarantäneanstalt unterworfen werdeiL . 

Weiterhin wird dei Grenzschutz noch ausgeübt durch die tierätzt- 
hche Unterauchiing, durch eine zeitweise Beschränkung in der freien 
Verwendung und durch die Verzollung der Tiere. Je schärfer die tier- 
ärztliche Untersuchung, um so größer die Vorsicht der Importeure. 
Da aber die Tierseuchen ausnahmslos ein Inkubationsstadium haben, 
bei ihnen also eine gewisse Zeit vergeht, ehe der in den Körper auf- 
genommene AnsteckungsstofE eine offensichtliche Krankheit verursacht, 
8o können die Tiere trotz sorgfältiger Untersuchung dennoch erkranken. 
Diesem Umstände tragen die sog. Quarantäneanstalten Rechnung; die 
Tiere werden hier nach Überschreiten der Grenze einer Beobachtungs- 
frist unterworfen, während der sie ihren ein für allemal bestimmten 
Aufenthaltsort nicht verlassen dürfen. 

Ähnlich, wenn auch viel milder und deshalb auch viel weniger zu- 
^^erlä8aig, wirkt die Bestimmung, daß die eingeführten Tiere während 
einer bestimmten Zeit im Besitz des Einführenden verbleiben müssen, 
hier einer nochmaligen Untersuchung unterzogen werden und ihren 
Standort nicht wechseln dürfen, was von der PoHzeibehörde überwacht 
wird. Bricht bei solchen Tieren eine Seuche aus, so werden die Folgen 
nicht so einschneidend, weil die Zahl der angesteckten Individuen ge- 
ringer ist, als wenn die ersteren dem freien Verkehr übergeben und 
beliebig oft verkauft werden. 

Der Zoll ist insofern ein gewisser Schutz, als er die Einfuhr 
um ao mehr beschränkt, je höher er ist, was besonders bei Schlacht- 
und bei weniger wertvollen Nutz- und Zuchttieren in die Wag- 
schale fällt. 

Gegenüber Schlachtvieh ist die Einfuhrerlaubnis fast überall und 
zwar mit Recht an die Bedingung geknüpft, daß das ausländische 
Vieh mit der Eisenbahn direkt den Schlachthöfen zugeführt werden 
muß. Untersuchung der Transporte an der Grenze, ihre Versen- 
dung in plombierten Wagen, Benutzung besonderer Rampen und 
Ställe auf den Schlachthöfen im Verein mit einer bestimmten 
kurzen Abschlachtungsfrist schwächen die Gefahr einer Seuchen- 
verschleppung zwar wesentlich ab, heben sie aber doch nicht voll- 
ständig auf, da die Möglichkeit der Übertragung der Ansteckungs- 
stoße durch Zwischenträger — Händler, Fleischer, Viehwärter — be- 
stehen bleibt. 



3,NzednyG00gIe 



IV. staatliche MaßnohmeD zum Sohntze der TierfaestAnde gegen Seuoheo. 437 

2. Die UnterdrOckunK der Umsuchen (m Inlamlt. 

Die Beluimpfimg der TierBeuchen ist geregelt durch das Gesetz 
vom 7. April 1869 betr. Maßregeln gegen die Rinderpest, das im Jahre 
1872 für das Deutsche Reich in Kraft getreten ist und durch das Vieh- 
seucttengesetz vom 26. Juni 1909'). welches am 1. Mai 1912 in Wirksam- 
keit trat. 

Der Grundstein für die Unteidriickung der Tierseuchen im Inlande 
ist ein geordnetes Veterinärwesen und die gesetzUch oder verordnungs- 
gemäß vorgeschriebene Anze^epflicht des Aasbrucha der ersteren. Ihr 
folgen die Ermittlung und Feststellung der Seuchen durch den be- 
amteten Tierarzt und die Anordnung von Schutzmaßregeln gegen deren 
Weiterverschleppung. 

Solche SchutzmaBregeln sind: Absonderung und polizeiliche Über- 
wachung der erkrankten Tiere, Sperre des Stalles, des Gehöfte oder 
des Ortes, die Tötung oder Impfung der erkrankten oder verdächtigen 
Tiere, die unschädliche Beseitigung der Kadaver und die Desinfektion 
des Standes und der mit den Tieren oder ihren Ausscheidungen in Be- 
rührung gekommenen Gegenstände. 

Vorbeugend wirken die veterinärpolizeiliche Beaufsichtigung der 
Viehmärkte, die Kontrolle des Handelsviehs durch die beamteten Tier- 
ärzte und die Schutzimpfungen. Den letzt-eren wird im Verein mit der 
■Serumtherapie für die Zukunft noch eine sehr wichtige Rolle bei der 
Bekämpfung der Tierseuchen beschieden sein. 

3. Die SdiMlIoelMttnnK der Tierbetmer bei Verfintan durch TleneuclMn. 

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Viehseuchen werden wesent- 
lich unterstützt durch die Gewährung von Entschädi- 
gung e n'). Nach dem Viehseuchengesetz von 1909 müssen, soweit 
nicht Ausnahmen vorgesehen sind, Entschädigungen geleistet werden: 

1. für Tiere, die auf polizeiliche Anordnung getötet werden; solche 
Tötung kann erfolgen bei Rotz, Lungenseuche, Tollwut, Maul- 
und Klauenseuche und Tuberkulose des Rindviehs; 

2. für Tiere, die nach erfolgter Anzeige an Rotz und Lungenseuche 
gefallen sind; 

3. für Rinder und Pferde, die an Milzbrand oder Rauschbrand ge- 
fallen oder geschlachtet sind; 

') Burckhardt, Veröflentl. des K^. PreuQ. LaHdeHokoiiomiekoll^iiir». 
Heft 8. 1»!2. 

*) Daiwibst S. fi3. 



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488 & Abachnitt, Die Znclitmaßnahiuea des Staates usw. 

4. für an Tollwut gefalleDe oder geschlachtete Rinder, Pferde, Esel 

und MaultieTe. 
Die Entschädigungen werden aus öSentlichen Mitteln oder mit 
Hilfe von Beiträgen der Tierbesitzer gedeckt. Entschädigt wird: 

a) der volle Wert, sofern getötete Tiere sich gesund erweiBen, wenn 
Tiere infolge der Impfung gefallen sind und wenn maul- und 
klauenseucheicranke Tiere getötet werden; 

b) drei Viertel des Wertes bei Rotz; 

c) vier Fünftel des Wertes bei Milzbrand, Tollwut, Lungenseuche 
und Tuberkulose; bei letztgenannter Krankheit wird der gemeine 
Wert unter Berücksichtigung der Krankheit zugrunde gelegt. 

Neben dieser gesetzlichen Regelung haben die Frovinzialverbände 
das Recht, weitere Entschädigungen zu gewähren; es ist hiervon viel- 
fach Gebrauch gemacht. Von größerem Interesse sind folgende Ent- 
schädigungen : 

a) für Schafe, die an Milzbrand gefallen oder geschlachtet sind — 
Brandenburg, Pommern, Posen, Schleswig-Holstein; 

b) für mehr als 3 Monate alte, an Maul- und Klauenseuche gefallene 
Rinder — Ostpreußen, Westpreußen, Brandenburg, Posen, 
Schlesien, Schleswig-Holstein — aber nicht in voller Höhe, in 
Ostpreußen z. B. drei Fünftel des Wertes; 

c) für Schäden, die dadurch entstanden, daß Pferde und Rinder 
irrtümlich als Milzbrandkadaver behandelt wurden; 

d) für Pferde und Esel, die an Influenza eingegangen sind — Posen, 
Schleswig-Holstein — drei Viertel des gemeinen Wertes; 

e) für an Rotz und Lungenseuche gefallene Tiere. 

Schheßlich sind noch für schwere wirtschaftUche Störungen infolge 
Durchführung von Bekämpfungsmaßnahmen Entschädigungen seitens 
der Verbände zulässig. 

4. EnbchSdigui^iwi der Tiertwtitzar bei sonttfcsn VBriuttMi mit HIHe 
von VlehvenlchsruiiKsn. 

Das Viebversicheruugswesen ruht in der Hauptsache in den Händen 
von Privatgesellschaften, auf die in Deutschland die Reichsregienmg 
nur insofern einen Einfluß ausübt, als die von ihr gescbaflene technische 
Behörde — das Reichsversicherungsamt — den Geschäftsbetrieb der 
Gesellschaften überwacht. 

Diesen großen Gesellschaften stehen die kleinen, auf Gegenseitig- 
keit gegründeten ViehversicherungBvereine g^enüber, die sich nur auf 



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IV. staatliche MaBnahmen zum ScbntM der TierbMt&nde g^en Seuchen. 439 

eiaeii oder mehrere benachbarte Orte erstrecken und meist sehr segens- 
reich wirken, da die Verwaltung seht billig ist, insbesondere auch, weil 
die Hitglieder das Fleisch der not^eschlochteten Tiere gewöhnlich an- 
teilig kaufen und somit den Gresamtverlust Tenuindem. 

Bleiben die Schadenfälle vereinzelt, so bestehen diese Vereine in 
der Regel vorzüglich, häuien cde sich aber, so kann unter Umständen 
ein gewisser Notstand eintreten. Man hat deshalb diesen Ortevieh- 
versicherungs vereinen durch Grimdung von Verbanden — in Baden und 
Bayern staatlicherseita durch Bildung von Viehversicherungsanstalten — 
ein festeres Rückgrat gegeben. 

Der Verband bzw. die Versicherungsanstalt nimmt den Ortsvereinen 
einen Teil der Entschädigungslasten ab und ladet sie auf die Schultern 
der sämthchen Versicherten, bildet also eine Rückversichenmgsanstalt^). 

Weiterhin gibt es in einzelnen Züchtervereinigungen Veraicheningen 
auf Gegenseitigkeit, und in andern Fällen haben landwirtachaftliche Ver- 
tretungskörperschaften die männlichen Zuchttiere ihrer Hengst-, Bullen- 
haltungs- usw. Genossenschaften oder auch die tragenden Stuten in von 
ihnen selbst verwalteten und vielfach mit staatlichen Zuschüssen arbeiten- 
den Kassen versichert. Diese Versicherungen sind meist insofern obU- 
gatorisch, als eine Beihilfe zum Ankauf von männlichen Zuchttieren 
nur unter der Bedingung gewährt wird, daß die Genossenschaft diese 
dauernd versichert. 

In Sachsen z. B. beträgt die Prämie für die Genossenschaftsbullen 
2 %, und zwar erfolgt die Entschädigung voll und ohne jeden Abzug, 
außerdem werden auch noch die Kosten für die tierärztliche Behand- 
lung und für die Verwertung der Tiere (Schlachten, Zerlegen, Ver- 
pfunden) auf die Versicherungskasse übernommen. 

Andre Versicherungen erstrecken sich nur auf Verluste, die sich 
bei der Fleischbeschau — ßchlachtviehversicherung — ergeben, und sie 
sind entweder freiwillige oder aber, wie im Königreich Sachsen, für 
Rinder und Schweine durch die Gesetzgebung für jedes Schlachttier 
vorgeschrieben. 

Jedes Rind und Schwein muß hier vor dem Schlachten versichert 
werden, und zwar ist der Unternehmer der Staat, der nicht nur die 
Verwaltungskosten bestreitet, sondern auch noch 25 % zu den Ent- 



•) In B»den zahlen die Ortavereine die Hälfte der Entächädigungeeumme, 
die andre Hälfte übernimmt der Verband, der die hierfür erforderlichen Mittel 
durch eine abermalige Umlage deckt. Übersteigt dieae aber den Betrag von 
20 Pfennigen pro 100 Mark Versicherungswert, so tritt der Staat für den über- 
BchieBenden Teil ein; außerdem bestreitet er auch die Verwaltiingskosten. 



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440 ^- Abschnitt Sie ZaohtmaBnahmen dea Staates uBw. 

echädigniigeii zahlt. Die übrigen 75 % werden in Form von Veraiche- 
niogsbeiträgen pro Stück und Schlachtung dergestalt verteilt, daß die 
-'vorjährige Entechädigungssumme für gewerbliche Schlachtungen der 
Berechnung zugrunde gelegt wird; männliche Rinder (Ballen und Ochsen), 
weibliche Binder und Schweine werden getrennt bewertet*). Für nicht 
gewerbliche Schlachtungen aind die gleichen Beiträge zu zahlen wie für 
gewerbliche; da die ersteren auch die Notschlachtungen einschließen, 
wird die sich ergebende Dlßerenz zwiachen Au^abe und Einnahme bei 
den nicht gewerbhchen Schlachtungen auf die Zahl der im Lande vor- 
handenen, über 3 Monate alten Binder verteilt. 

Die Entschädigung betragt 80 % des Unterachieds zwischen dem 
Marktwert dea Fleisches und dem sich herausstellenden Minderwert. 
Entscheidend ist die Wage; die durchschnittlichen Marktpreise für die 
verschiedenen Tiergattungen und Klassen werden in regelmäßigen 
Zwischenräumen festgestellt. 

Schlachtviehversicherungen sind das notwendige Ergänzungsmittel 
einer gesetzlich geregelten Fleischbeschau, weil sie die Verluste und die 
Härten mildem, die für den Tierbesitzer aus der W^nahme seiner zum 
menschlichen Genuß ungeeigneten Schlachttiere erwachsen. 

') Die Prämien betnigen für das Jahr 1914 für Bullen und Ochsen 4 Mark, 
für weibliche Rinder S Mark und für Schweine 1,20 Mark;' außerdem entfällt 
noch auf jedes Rind im Lande der Betrag von 1,75 Mark. 



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Siebenter Abschnitt. 

Die Haltung der Zuchttiere. 



Auch die beste Zucht zeitigt keinen Erfolg, wenn mit ihr nicht eine 
sachgemäße Haltung verbunden iat. Deshalb soll diese, soweit sie sich 
aui die Aufetallung, Fütterung und Pflege der Tiere selbst und ihrer 
Nachzucht bezieht, kurz beleuchtet werden. 



I. Der Stall In Bficksieht aaf Ban and Einrichtung. 
1. AllgHndn« QwlchbiHinkte. 

Ställe sollen trocken und wann und so eingerichtet sein, daß sie 
den Tieren diejenige Menge von Licht und Luft bieten, die zur Er- 
haltung der Gesundheit und Leistungsfähigk^t erforderlich ist. Teure 
Bauten beeinträchtigen die RentabiUtät der Viehhaltung. 

Neue Ställe müssen ebenso wie neue Wohnungen erst austrocknen, 
ehe sie bezogen werden. Unausgetrocknete Ställe sind nach vieler Rich- 
tung hin schädlich, denn ihr Mauerwerk ist unwegsam für Luft, daher 
feucht, und die Stalluft außerdem in der Regel schlecht. Sorgt man 
aber für gute Lüftung, so ist der Stall meist zu kalt. Hierunter leiden 
besonders junge Tiere, weshalb man oft die Erfahrung macht, daß in 
neuen Ställen, die allen hy^enischen Anforderungen zu entsprechen 
scheinen, die Aufzucht der Kälber und namentlich der Ferkel nicht 
mehr gelingen will. 

In Groß- und Mittelbetrieben sind die Stallungen für die einzelnen 
Tiergattungen meist vollständig getrennt, indem jeder derselben ent- 
weder ein besonderes Gebäude oder doch eine voUständig abgeschlossene 
Abteilung in einem gemeinsamen Gebäude eingeräumt ist. In Klein- 
betrieben stehen dagegen Pferde, Rinder und Schweine oft in einem 
gemeinsamen Stalle. 

Die einfachste Anlage findet man im niedersächsischen oder west- 
fälischen und in dem mit diesem nahe verwandten friesischen Gehöft, 



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442 7- Abschnitt Die Haitung der Zuchttiere. 

das nur aus einem großeu, scheunenartigen Gebäude besteht, unter 
dessen Dache sich alle Wohn- und Wirtschaftsräume befinden. In ähn- 
licher Weise beherbei^ das Schwarzwälder- wie auch gewöhnlich das 
Schweizerhaus alles unter einem gemeinsamen Dache. 

Ställe sollen möglichst gegen Zugluft geschützt und mit ihrer Haupt- 
richtung so gelegen sein, daß sie von den Sonnenstrahlen erhellt und 
erwärmt werden, ohne im Sommer allzusehr der Hitze ausgesetzt zu 
sein. Man 1^ deshalb, wenn möglich, die Hauptrichtung mit den Türen 
und Fenstern nach Osten und dort, wo die örtUchteit schutzlos starken 
Ostwinden ausgesetzt ist und Zucht betrieben werden soll, nach Süden 
oder Westen. Empfängt der Stall noch von einer andern Richtung her 
Licht und Luft, so kann die Hauptfront auch nach Korden sehen. In 
diesem Falle ist die Fliegenplage jedenfalls am geringsten. 

Wenn möglich, vermeide man die Erbauung auf ansteigendem 
Gelände, damit Regen- und AbfluBwasser die Stallwand und den 
Boden nicht durchfeuchten. Entwässerung der Umgebung und Ein- 
lagen von undurchlässigen Schichten in das Mauerwerk werden den 
Übelstand mildem, falls ein ebener Baugrund nicht geschaffen werden 
kann. 

Im wirtschaftlichen Interesse ist darauf zu achten, daß die Zu- 
gänge zu den Ställen von der Wohnung des Betriebsleiters zu übersehen 
sind. Die Ställe dürfen von Böden, Scheunen, Bübenkeller, Brennerei 
und Molkerei nicht zu weit entfernt liegen, weil mit der Leichtigkeit der 
Futterzuschaffung auch die Regelmäßigkeit in der Äbwartung der Tiere 
wächst. Neben jedem Stalle muß sich eine Futterkammer, am Rinder- 
stall femer ein Aufbewahrungsraum für Rauhfutter und bei StaUfütte- 
Tung auch für Grünfutter befinden. Erwünscht ist in jedem größeren 
Betriebe ein Aushilfsstall (Krankenstall) und dort, wo ein häufigerer 
Zukauf von Vieh stattfindet, auch ein Rontumazstall, der getrennt vom 
Hauptgut liegt, so daß jeder Verkehr zwischen ihm und letzterem ver- 
mieden werden kann. 

2. Das Baumaterial. 

Die Materialien, aus denen man Stallbauten aufführt, sind sehr 
verschieden. Man verwendet in erster Linie gebrannte Ziegelsteine, 
femer Holz — Hocbgebii^e — sowie Bruch- und Feldsteine, während 
die früher gebräuchlichen Lehmwände, die Wände aus Luft- und Kalk- 
sandziegeln, sowie der Fachwerkbau, weil sie wegen der größeren Feuer- 
gefahrhchkeit einmal eine höhere Veisicherungsprämie erfordern, zum 
Teil aber auch gänzlich verboten sind, die frühere Bedeutung nicht 



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I. Der Stall ic RUoksicht auf Bau und Einrichtung. 4J3 

mehi besitzen. la den Moorgegenden waren früher auch Ställe aus 
Holz und Torf zu finden. 

Weiches Material gewählt wei-den muß, hängt von den örtlichen 
VethältnisBen ab. Nur dort, wo das Holz billig iBt, oder andres Material 
wegen der Gleländeschwierigkeiten nicht zugebracht oder w^en schlechten 
Baugrundes nicht benutzt werden kann, kommt ersteres neben dem 
billigen Fachwerkbau noch als ausschließliches Material zur Verwendung. 
Auch Bruch- und Feldsteinbauten sind verhältnismäßig selten, während 
massive Ziegelbauten die Regel bilden. 

3. wand«. Dscka und FuBbodm. 

Wände, Decke und Fußboden ntüssen haltbar und warm, und der 
letztere außerdem bis auf wenige Ausnahmen (S, 445) undurchlässig sein. 

a) Die AaJBenmaTiem. 

Lehm- und Fachwerkwände sind zwar warm, aber wenig dauerhaft, 
und Bruchsteinwände kalt. Ziegeist ein wände sind haltbar und in der 
Regel warm, weil die in den Steinen vorhandene Luft als schlechter 
Wärmeleiter und somit ausgleichend zwischen Außen- und Stalluft 
wirkt. 

Bruchsteine sind dagegen für Luft undurchlässig und deshalb gute 
Wärmeleiter. Ist die Außentemperatur niedrig, so ist auch die dem 
Stalle zugekehrte Seite der Stallwand kalt, und deshalb schlägt sich 
hier die Stallfeuchtigkeit als Wasser nieder, so daß die Wand ebenso 
„schwitzt" wie die Fensteracheibe. Nasse Wände begünstigen femer 
die Ansiedlung von Spalt- und Schimmelpilzen. Will man die Bnich- 
eteinwand trocken machen, so muß man sie im Imiem mit Zi^eln ver- 
blenden, wobei zwischen diesen und der ersteren ebe Luftschicht be- 
lassen wird, die nach der Art der Doppelfenster die Temperaturunter- 
schiede ausgleicht. Hohlzi^et sind hierzu besonders geeignet, außer- 
dem müssen die Hohlräume mit der Außenluft in Verbindung stehen 
und dürfen nicht gänzlich abgeschlossen sein. Feuchte Wände sind 
ebenfalls undurchlässig und daher in ihrer Wirkung ähnlich wie die 
Bruchsteinwände. 

Das Aufsteigen des Bodenwassers in dem Mauerwerk sucht man 
durch eine über dem .Stallfußboden in der Wand angebrachte undurch- 
dringliche Isolierschicht (Asphalt oder Dachpappe) zu verhindern. Außer- 
dem kann man die mit dem Erdboden in Beriihrung kommenden Außen- 
seiten der Wand und die der Feuchtigkeit besonders ausgesetzte Wetter- 



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444 7. Abschnitt. Die Haltung der Zuchttiere. 

Seite des Gebäudes durch einen dicken Teeranstrich vor Durchfeuchtung 
schlitzen. 

In Rücksicht auf die Permeabihtät der Wand ist auch der innere 
Wandputz zu beachten. Obgleich vom Standpunkt der Reinlichkeit 
dauerhaftes und abwaschbares Material, wie Zement, Ölfarbe, Kacheln, 
Fliesen oder Klinker, empfehlenswert erscheinen könnte, so sind der- 
artige Ställe kalt und für die Tiere unbehaglich, außerdem teuer. Zucht- 
Bchweine und namentlich Ferkel dürfen nicht direkt an mit Zement 
verputzten Wänden liegen. Gewöhnlich findet sich einfacher Kalkputz; 
das Weißen ist alljährlich zu erneuern, wodurch nicht nur manche An- 
steckungsstoffe unschädlich gemacht werden, sondern auch der Stall 
heHer und freundlicher und die Fli^enplage minder lästig wird. 

b) Die Stalldecken. 

^talldecken sollen nicht nur feuerfest, sondern auch warm und 
dunstsichei sein; warm, damit der Wasserdampf, der bei der Atmung 
der Tiere und bei der Verdunstung ihrer AuBscheidungen entsteht, sich 
nicht an der kalten Fläche niederechlägt, abtropft, die Tiere benäßt 
und die Decke zerstört, imd dunstsicher, damit das auf dem Boden 
lagernde Bauhfutter nicht anzieht, Feuchtigkeit und Geruch annimmt, 
schimmelt und verdirbt. 

Der Konstruktion nach unterscheidet man Holzdecken und uiassive 
Decken. Von den Holzdecken ist die einfachste und namentUch früher 
gebräuchlichste der gestreckte Windelboden. Er wird dadurch her- 
gestellt, daß die Balken mit einem Schwarteneinachub versehen oder 
mit Latten benagelt werden, über denen man eine Strohlehmschicht 
anbringt. Diese Decken sind warm, aber nicht voltständig dunsteicher. 
Letzteres hat zwar den Vorzug der natürlichen Ventilation, aber den 
Nachteil, daß die Futtervorräte anziehen, was dadurch vermieden wird, 
daß man den Strohlehmschlag auf dem Futterboden mit Asphaltpappe 
überklebt. Die Decke kann ebensogut von unten, also vom Stalle aus, 
durch eine Pappauflage dunstsicher gemacht werden. Man benagelt 
zu diesem Zwecke die Balken mit Schalbrettern, die man mit Falzpappe 
bedeckt. Hierdurch erhält man, vom Stalle aus gesehen, eine glatte 
Fläche, welche sich beputzen laßt und dann den Eindruck einer glatten, 
massiven Decke macht (Fig. 187). 

Dauerhafter als Holzdecken sind die massiven Decken, die als flache 
Decken und als sog. Kappengewülbe vorkommen. Ihr Vorzug liegt in 
der Feuer- und Dunstsicherheit, ihr Nachteil dagegen in ihrem hohen 



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1 BiickBioht auf Bau und Einrichtung. 445 



Heratellungapreise und in dem Umstände, daß sie infolge Niedeischlagetis 
von Waseerdampf tropfen, dem aber durch eine genügende Ventilation 
und dutcli AnfUllung des darUbergelegenen Bodens mit Rauhfutter ab- 
geholfen werden kann. 

Massive Decken verwendet man für Rinder- und größere Pferde- 
ställe und Holzdecken für Schaf-, Schweine- und kleinere Pferdeställe, 
weil Schafe und Pferde weniger Waeserdampf erzengen, und sich über 
Schweineetällen selten Futterböden befinden. Sieht man von den 
Kosten ab, so sind aber auch für Schweineställe zweckmäßig tuigetegte 
massive Decken vorzuziehen. 

Falls der Boden als Rauhfutterraum oder Speicher entbehrt werden 
kann, baut man wohl auch Ställe ohne Decke; sie sind luftig und dabei 
billig, so daß sie sich besonders für Fohlen und Jungrinder e^en. 

c) Der Fußboden. 

Zur Herstellung des Stallfußbodens, der möglichst 20 — 30 cm über 
dem Gelände liegen soll, und von dem man Wärme und UndurchlSssig- 
keit in erster Linie fordern muß, verwendet man das verschiedenartigste 
Material, insonderheit Lehm und Sand, Holz, Feldsteine, Bruchsteine, 
Beton, Asphalt und die auf verschiedene Art geformten und gebrannten 
Steine. 

Ungepflasterte Ställe finden ausnahmslos für Schafe Verwendung, 
weil diese nur wenig flüssige Exkremente absetzen, und weil der Dünger 
in SchafstäUen lange Zeit liegen bleibt und die Flüssigkeit aufsaugt. 
Auch füi Pferde sind solche Lehmschlagfußböden, die mit einer dicken 
Sandschicht beetreut werden, unter Umständen empfehlenswert, jedoch 
nui dort, wo man an Streumaterial nicht zu sparen braucht, und wo 
mau die oberflächlichen Schichten, die reichlich mit Jauche durchsetzt 
sind, zu Düngungszwecken verwerten und leicht durch frischen Sand 
ersetzen kann. In Frage kommen hier, abgesehen von den Mutter- 
stutenstallungen in den Gestüten, in denen die Stuten und Fohlen frei 
gehen und nicht ausrutschen sollen, wohl nur kleinere Ställe. Eine 
derart^ Unterl^e ist weich, bei guter Streu auch reinlich, dabei warm 
and billig und bietet nicht nur stark angestrengten Arbeitspferden ein 
gutes Ruhelager, sondern erleichtert auch alten Tieren das Aufstehen^). 
NachteiUg erscheinen das Einsickern der mit Fäulnismaasen durch- 
aetzten Flüssigkeit in den Boden und die Schwankungen der Grund- 
Inft, die besonders in Seuchenfällen in Frage kommen. 

'} Eine auHführlichc Beechreiliung solcher Lagrnitiitten is. Illustr. landu'. 
Zeitung 1888. S. 170. 



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446 ^■ Abschnitt. Uie Haltung der Zuchttiere. 

In Binder- und Schweineställen ist aber ein derartiger Fußboden 
«u verwerfen, denn er macht den Stall meist zu einem Sumpfloch. Lehm- 
schlag findet man aber auch in RinderatäUen in ausgedehnter Benutzung 
in den Marschen mit holländischer Stalleinrichtung {Fig. 163 c). Hier 
liegen die Verhältnisse aber insofern anders, als die Kühe Harn und 
Kot in die Düngerrinnen — Grupen {Fig. 163 d) — entleeren und den 
Stand, der in seinem hinteren Drittel auch oft aus Ziegelsteinen her- 
gestellt ist, nur als Lagerstätte benutzen; bei seiner Kürze von nur 



Fig. Id3. Die eine HkUte eines alten Stulles aas der Weaermarai;!! wäbredd der Weidezeit. 
B Olele, t Falterrinni?, e Standplatz der Tiere, d DanKerriiinB (Qnipe), ( DDngergKiig. Ober 
der Diele und den Riuderstanden befindi>t sieb der .^arbewabrungsniatn fOr das EUulifatter. 

180 und weniger Zentimeteni kann er nicht verunreinigt werden. Die 
früher meist durchlässigen Fußböden der Tiefställe werden jetzt mehr 
und mehr durch undurchlässige ersetzt. 

Der Holzfußboden wird dort gefunden, wo das Holz billig ist, wo 
es an Einstreu mangelt, oder wo es auf den Herstellungapreis — Klotz- 
pflaster — nicht ankommt. Man verwendet Bretter, Bohlen oder Blöcke, 
Allgemein ist Holzfußboden in den Sommerställen der Alpen und in 
vielen Gebirgsgegenden in Ajiwendung, wo die Unterlage aus Brettern, 
seltener aus Bohlen besteht. Auf diesen liegen die Tiere dann meist 
ohne Einstreu, da Stroh überhaupt nicht oder nur in geringer Menge 
geerntet wird, und Sägemehl und Waldstreu nicht zu haben sind. Ein 
solches Lager ist zwar glatt und nicht besonders reinlich, aber immer- 



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I. Der Stall io Rückstcbt auf Bau und Einrichtung. 447 

hin sauberer, weicher und wärmer, als wenn die Tiere auf Lehm oder 
auf Feldsteinpflaster liegen. Die Peinlichkeit »"ird dadurch unteistiitzt, 
daß die Stände etwas erhöht und kurz sind, und Ham und Eot bei weib- 
lichen Tieren nicht auf das Lager, sondern hinter dasselbe in eine breite 
Rinne gelangen. 

Bohlen Bind als Fußbodenbelag für Pferdeställe nicht empfehleus< 
wert, weil sie wenig haltbar sind und weil sich zwischen ihnen Jauche, 
der beste Nährboden für Infektionskeime, ansammelt. Die Luft ist 
unrein und bewirkt durch ihren Anmioniakgehalt Katarrhe der Atmungs- 
organe. Klotzpflaster ist zwar weich und wami, aber teuer und nicht 
besonders haltbar und findet daher nur für Luxusställe Verwendung. 
Mitunter findet man Bohlenbelag oder Klotzpfiaster auf dem der Krippe 
zugekehrten Drittel des Standes, auf dem übrigen Teil aber Klinker usw. 
Die Pferde stehen dann vom weich und das Holzpflaster bleibt länger 
brauchbar, um so mehr, als es unter der Einwirkung der Harnausscheidung 
nicht leidet. 

Das Pflaster aus runden, unbearbeiteten, einfach in Sand gebetteten 
Feldsteinen hat zwar den Vorzug der Billigkeit, sonst haften ihm aber 
sehr viele Mängel an; es iat durchlässig, femer hart, kalt und uneben, 
trotzdem aber in Pferdeställen auf dem Lande sehr verbreitet. Bruch- 
steine kommen in Form von Platten in Rinderställen zur Anwendung; 
die Fugen werden durch Zementmörtel gedichtet. Sie sind glatt und 
nicht warm, aber dauerhaft und undurchlässig. Ähnlich verhält es 
sich mit den bearbeiteten Kopfsteinen. 

Besser als die Xatursteinpflasterungen sind die Betonfußböden. 
Beton, eine Mischung von Steinschlag, Sand und Zement, wird 
neuerdings gern in Rinder-, Schweine- und Ziegenställen verwendet, 
während er für Pferdeställe nicht dauerhaft genug ist. Ein solcher 
Fußboden ist undurchlässig, sowie weicher und wärmer als Stein- 
pflaster. Die Glätte kann durch Beimengung von Kohlenasche oder 
durch Furchen gemildert werden, doch haben die letzteren den Nach- 
teil, daß die Jauche nicht genügend abfließt. Besser als die Fur- 
chen ist ein dünner, 2 cm starker Überzug von Zementestrich, be- 
stehend aus Zement und Sand, den man nicht glättet; er heißt 
deshalb rauher Zement und hat den Vorteil, daß Rinder und 
Schweine nicht rutschen, und daß die Jauche bei genügendem Gefälle 
gut abfließt. 

Fußböden aus künstlichen Steinen finden sich besonders in den 
Pferdestallimgen der größeren Städte. Sie sind, sofern scharf gebrannte 
Klinker und geriefte Pflasterplatten verwendet werden, sehr haltbar. 



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448 7- Abfichnitt. Die Haltung der Zuchttiere. 

Für läDdliche Stallungen sind sie zu teuer; außetdem kommt hinzu, 
daS Binder trotz der Riefen rutschen und sich leicht Lahmheiten, beeon- 
dere Kmegelenksentzündungen, zuziehen. 

Für Schweinestallungen empfiehlt sich zwar stets ein vollständig 
undurchlässiger, aber auch ein möglichst wanner Fußboden, weil die 
hochgezüchteten, frühreifen Basaen ein kaltes Lager nicht vertr^en. 
Sehr empfehlenswert sind Fußböden mit Isolierschichten. aus 
Kohlenschlacken, die auf einem undurchlässigen Betoiibett 
ruhen und mit Klinkerpfiaster bedeckt sind. Mitunter bringt maii auf 
d«m Fußboden in der dem Troge entgegengesetzten Hälfte der Bucht 
eine Erhöhung — Podium — an, auf dem die Tiere liegen, während sie 
ihre Exkremente dann auf dem unbestreuten Teile in der Nähe des 
Troges absetzen. Das Podium kann durch Bohlen oder aber auch durch 
Hohlsteine in Handhöhe hergestellt sein. Damit die Streu nicht vom 
Lager fortgestoßen wird, ist die Erhöhung nach dem Trogteil zu durch 
eine 4 — 5 cm hohe Holzleiste oder durch eine Bordkante, die aber des 
Jauchenabflusses wegen mehrfach durchlöchert sein muß, abzugrenzen. 
Das einfachste Podium erzielt man durch eine wegnehmbare Pritsche 
aus Bohlen. Zwischen ilir tmd dem imdurchlässigen Fußboden ist eine 
Luftschicht von mehreren Zentimetern, die isolierend und erwärmend 
wirkt. Die Jauche fließt durch die Fugen hindurch und gelangt auf den 
mit starkem Giefälle versehenen Fußboden, von dem sie schnell abläuft, 
während das Lager selbst trocken bleibt. 

4. DI« RaumYertolhins im Stalle und die nreckmlB^ Auhteüuni; der Tiere. 

a) Die BanmTerteilnng. 

Die Höhe des Stalles muß sich nach der Anzahl der Tiere und nach 
der Behandlung des Dungers im Stalle richten. Für GroßviehstäUe 
dürfte, abgesehen von ganz kleinen Betrieben, eine Höhe von 2,6 m als 
Mindestmaß anzusehen sein. Oroßviehställe bis zu 10 Haupt Tioen 
erhalten zweckmäßigerweise eine Höhe von etwa 3 m, bei 10 — 30 Haupt 
eine solche von 3,5 — i und über 30 Haupt eine solche von 4 — 4,5 .m. 
Auffallend niedrig sind gewöhnlich die Binderställe im Gebirge und 
besonders die Sonmierställe auf den Alpen. 

Schweineställe müssen niedriger sein und sollen auch für große 
Bestände nicht über 3 m Höhe haben, wenn die ganze Anlage an sich 
nicht besonders warm und trocken ist. 

Da man früher bei Stallanlagen auch mit den Fenstern sehr spar- 
sam umgegangen ist, und Ventilationsvorrichtungen oft gänzlich fehlen. 



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I. Der Stall in Bncksicht auf Bau und EJarichtnng. 44g 

so Bind sehr viele BauemBtäUe nicht nur übermäßig warm, sondern 
auch finster und von übelriechenden Ausdünstungen erfüllt. 

Die Stände für die einzelnen Tiergattungen benötigen folgende 
Raumverhältnisse. 

Pferde. 

Bei Lattierbäumen eine Länge von 3 m (exkl. Krippe), eine Breite 
von 1,5 m (bei großen Pferden 1,7 m), 

im Kastenstande eine Länge von 3 m (exkl. Krippe), eine Breite von 
1,8—2 m, 

in Boxen für tragende Stuten und für Stuten mit Fohlen eine 
Länge von 4 m (exkl. Krippe), eine Breite von 3,3 m, 

für lose gehende Jährlinge bei einer größeren Anzahl pro Stück 
4 — .5 qm Onindääche. 

Pferde brauchen eine um so größere Standbreite, je angestrengter 
sie arbeiten müssen und je stärker, namentlich je größer sie sind. Eine 
Standbreite von 1,3 m, wie sie bisweilen als mittleres Maß für Arbeits- 
pferde angegeben wird, genügt nur dort, wo man leichte Pferde in Ge- 
spannen ohne Standbäume aufstellt. — Die Stallgasse soll bei einreihiger 
Aufstellung 1,5 — 2 und bei zweireihiger 2,25—3 m betragen. 

Bei